Der Kaiser: »Ah der Schwede. Ihr werdet ihm, ich sagte es schon, den
Wallenstein entgegensetzen müssen. Ich -- möchte diesen Wallenstein gern
wieder sehen. Seht, wie gut, daß ich den Wallenstein nicht von mir reißen
ließ. Das hab' ich gut gemacht, nicht wahr?«
Er dachte vor ihnen angestrengt nach: »Also, bringt ihn vor mich. Ich
möchte ihn sehen.«
Als sich der Fürst und der höchst betretene Graf voneinander trennten,
waren sie übereingekommen, sich umarmend, sich drückend und einander alles
abbittend, angesichts der erschreckenden unfaßbaren Apathie des Kaisers
sich nicht voneinander zu trennen und alle Entschlüsse gemeinsam zu fassen;
für den Augenblick den, das Generalat Wallensteins zu erneuern, als
Gegengewicht aber sich des Bayern und Spaniens zu versichern.
* * * * *
Die Ankündigung des Besuches Eggenbergs wirkte auf den Herzog, der in
ruhelosem Konspirieren begriffen war, so erschreckend, daß er im Zimmer des
Rittmeisters Neumann einen Nervenanfall erlitt. Er schluchzte eine halbe
Stunde, auf dem Stuhl am geöffneten Fenster sitzend, nach dem öden Garten
zu sitzend, hatte eine wachsfarbene schmale Nase, griff oft nach seiner
Brust, war nach seinen leeren Blicken nicht ganz bei Besinnung. Nachher
schmähte er noch schluchzend auf den Rittmeister, auf seine Ärzte. In
seiner Schlafkammer saß er weitäugig, verstört, schlaffrückig neben
Elisabeth, flüsterte: »Ich bin nicht mehr der alte, Elisabeth. Irgendwie
bin ich wurmstichig. Irgendwie haben sie mich wurmstichig gemacht.« Und
wütend aufstehend, brüllte er, fäusteschüttelnd, tierisch herumtrampelnd:
»Sie haben mich wurmstichig gemacht. Sie haben mir die Federn ausgerissen.
Das haben sie erreicht. Sie sollen es bezahlen. Wenn es im Himmel einen
Gott gibt, wenn Maria die Mutter Gottes ist, wenn mich die Heiligen
beschützen, bei meiner Seligkeit und Ehre, ich will ein Erztropf und
Schindhund sein, wenn sie es mir nicht bezahlen mit allem, was sie haben.
Daß sie die Hand Gottes rühre.« Vor dem Bildnis des Christophorus, der die
Fluten überschreitet, stehend, schäumte er gierig unter Anschwellen der
Venen an dem dürren glühen Hals, mit beiden Unterarmen gegen die Tapete
trommelnd: »Galgenschelme, Galgenschelme.« Kreischte heiser. Elisabeth ließ
ihn, weinend das Kinn auf die Brust legend, stehen.
Am späten Abend saß er nach Verabschiedung der Herren in seiner kleinen
Gaststube mit ihr allein vor der unabgedeckten Tafel, lächelte plötzlich,
sich zusammenziehend, grimmig haßvoll, mit glückstrunken funkelnden Augen:
»Gott hat sie mir in die Hand gegeben. Ich werde sie wie einen Floh
zwischen den Nägeln zerknacken.«
Sie drückte sich an ihn; sie konnte sich nicht erwehren, sie liebte ihn in
seinem Unglück von Tag zu Tag mehr, schämte sich unklar ihrer Liebe.
Der Herzog ging an seinem spanischen Rohr dem Fürsten Eggenberg auf der
gefrorenen Znaimer Landstraße einige hundert Schritt entgegen. Sie sprachen
über ihr gemeinsames Podagra. Drin wurde der Herzog der Freude des Kaisers
über seine alte unveränderte Anhänglichkeit versichert, Wallenstein bot,
ohne sich zu binden, die Aufstellung einer Armee von vierzigtausend Mann
an, die er allmählich auf hunderttausend bringen wolle. Aber er lehnte jede
Abmachung über seinen Eintritt in das Generalat ab, klagte über seine
Hinfälligkeit.
Und Eggenberg, der gefaßt die Verhandlung führte, mußte zugeben, wie er den
langen gelben Mann hohläugig vor sich im überweiten Lederkoller fuchteln
und stöhnen sah, daß es gut sei, mit solchem Mann nicht gar zu lange
Verträge zu machen. Und in Eggenbergs Seele kam ein leichtes unsicheres
Staunen und wehe Müdigkeit, wie sonderbar unerwartet sich die Dinge
gestalteten. »Wir müssen alle sterben«, seufzte Eggenberg, über sich
sinkend. Der Herzog zog, den Kopf zurückbiegend, spöttisch die Mundwinkel
herunter, ließ von oben einen lauernden freudigen Blick über den andern
spielen.
Man wollte am Hof wissen, welche Forderungen der Herzog gestellt habe. Der
alte Fürst gab schwermütig von sich, sie sollten sich erst den Herzog
ansehen, er werde bald kommen.
Und nach Wien eingeladen kam der Herzog. Nicht wie beim Antritt des ersten
Generalats, mit zwanzig Karossen; versilberte Partisanen der Vorreiter,
Zaumzeug und Schabracken, wie der Kaiser sie führte, Lakaien und Pagen in
feinsten französischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus,
eine halbe hinterher.
Sondern geräuschlos mit zwanzig Mann Bedeckung und drei Leibwagen. Er
führte auf der eisigen Stiege seines Znaimer Häuschens noch ein murmelndes
Gespräch mit dem heißblütigen jungen Sesima Raschin und seinem Trzka.
Keinen Augenblick sollten sie sich durch die Änderung in seiner Stellung
zum Kaiser in ihren Aufgaben stören lassen; jede erreichbare Bindung an den
Schweden und den Sachsen für ihn erstreben. Es solle alles so weitergeführt
werden, als geschehe nichts. Gab keine schriftlichen Vollmachten von sich;
er mache sich nicht, räusperte er sich aus dem Fenster des Wagens heraus,
bevor er die Decke vorzog, zum Sklaven des Kursachsen oder Gustafs. Sie
begriffen, der Herzog, der langsam auf der Landstraße fuhr, hatte etwas
Besonderes mit dem Kaiser vor.
In dem schneidend klaren Januarlicht stellte sich der Böhme, am Stock
herangeschleift, hoch und mager vor dem Kaiser auf, der ihm selbst einen
Sessel heranrückte.
Beide fanden in der gräßlichen Deutlichkeit des Tages, daß der Tod den
andern an Auge, Nase, Mund, ja an den Händen gezeichnet habe. Beide wußten
es nur von dem andern.
Ferdinand las in seiner Verwirrung dem Herzog einen Brief der Mantuanerin
vor, den er eben erhalten hatte aus Schönbrunn, worin sie ihre baldige
Rückkehr nach Wien anzeigte. Währenddessen und nach den ersten heiseren
Worten des Herzogs veränderte sich dessen Bild vor ihm und in ihm tauchte
wieder auf der unersättliche regsame Lindwurm, der kriechende
langschweifige tausendfüßige Leib. Den hatte er einmal gefürchtet. Nun war
es klar. Es sollte wieder etwas wie Krieg geben; er mußte sich einen
Augenblick wirklich besinnen, gegen wen; dachte im ersten Moment an den
Bayern. Also jetzt ist der Schwede an der Reihe. Dieser Herzog hat es auf
den abgesehen. Er wird ihn wahrscheinlich besiegen. Vielleicht wird ihn
auch gelegentlich der Schwede besiegen; diese Dinge sind unübersehbar. Eine
sonderbare Sache.
Der Herzog sprach von den schon getroffenen Maßnahmen zur Aufstellung eines
Heeres, und daß in der Tat der Schwede und Kursachse alle Vorteile haben.
Heiser schrie er; wie seine böhmischen Augen dabei feucht schillerten.
Man braucht solche Menschen hier. Sache des Kaisers ist es sie zu belohnen.
Sie hungern zu lassen und zu füttern, je nach den Umständen, um sie desto
willfähriger zu haben. Das ist das Geschäft des Kaisers. Die Aufgabe der
Krone. Es ist in allen Ländern so. Man verliert die Krone ohne dies Spiel.
Man sollte vielleicht diese Menschen auf den Thron lassen, das wäre wohl
das Richtigste, das Glatteste.
Als sie ihr Gegenüber beendet hatten, ließ der Kaiser, ohne den Platz zu
wechseln, stumm den Fürsten Eggenberg kommen, fragte ihn, was er nun zu tun
hätte. Plötzlich war es dem Kaiser geworden, als ob er die Balance verlor,
schwindlig wurde und in einer kichernden bewußtlosen Freude nicht wußte,
was heute war, was morgen sein wird, in welchen Zimmern er ging, in wessen
Zimmern er ging. Ja, das große Geheimnis, das ihn tief beglückte, wollte er
dem Fürsten Eggenberg nicht verraten, vielleicht aber der Mantuanerin, die
bald kommen mußte: daß er manchmal nicht wußte, in wessen Kleidern er hier
herumging, er auf zwei hebenden fühlenden Beinen, mit einem beweglichen
Kopf; daß ihn die Unterschriften tief fesselten, die seine eigenen Hände
zogen; manu proprio hieß es, mit eigener Hand. Sieh da, sieh da, der
Ferdinand.
Und Eggenberg wurde von ihm umarmt, Ferdinand scherzte mit ihm, daß er sich
von Trautmannsdorf nicht habe in den Tod jagen lassen. Nun werde er wohl
auch wissen, was mit dem Herzog zu geschehen habe, wie man ihn belohnen und
abfinden müsse; nun sei doch der Geheime Rat ganz beruhigt. Friedland sei
bei ihnen, der Schwede werde bald nicht mehr auf der Landkarte zu finden
sein.
Der Fürst kniff schwermütig die Augen zu; ob man den Herzog werde abfinden
können, wisse keiner, er schwiege sich aus. Man wisse nicht, womit nach der
Aufstellung der Armeen der Herzog kommen werde; nicht viel geben, nicht
viel geben sei der gemeinsame Wunsch aller Herren. Auf seiner Schreibtafel
stand, als er sich verabschiedete, die Bestätigung des Herzogs als
Reichsfürsten zu Mecklenburg, ein Geschenk des Kaisers von
vierhunderttausend Reichstalern, soviel der Friedländer noch für gekaufte
Güter der böhmischen Kammer schuldete; man gedachte ihm schließlich
pfandweise für die Auslagen das schlesische Herzogtum Großglogau zu
überlassen.
Als am folgenden Nachmittag die Mantuanerin den Kaiser nicht aufgesucht
hatte, obwohl ihre Ankunft am letzten Abend gemeldet war, ließ sich der
Kaiser zu ihr hinüberfahren. Sie war nicht in ihren Zimmern, nicht auf den
Höfen, nicht in den Gärten. Mit ihrem Fräulein Kollonits war sie vor
kurzem, hieß es bei der Wache, zu Fuß, tief verschleiert zur Burg
hinausgegangen. Daß ihn solche Sehnsucht nach ihr erfaßte. In einer
herzlichen Trauer lag er allein eine halbe Stunde in seiner Kammer, ließ
sich dann umziehen mit brauner Kniehose, glatter Jacke, weiter loser Hose,
wie ein gewöhnlicher Mann, ein Handwerker, ein Bieranstecher; farbige
Strümpfe und fliegende Bänder trug er, eine braune niedrige Kappe stülpte
er sich gedankenlos auf; der Leibkammerdiener folgte ihm nach wenigen
Minuten, hinterher in zwanzig Schritt Entfernung wie eine Magistratsperson
wandernd mit kleinem Degen, in einem hohen braunen Filzhut; der einfache
Anzug gelb, die mageren Waden in roten Strümpfen.
Der Handwerker, eine Weide in der Hand, irrte erst vor der Burg hin und
her, schritt am Zeughaus vorbei, an der niederösterreichischen Kanzlei,
kehrte wieder um. Es war ein regnerisches Wetter, der Kot lag hoch, es war
neblig, bald mußte es dunkel werden.
Wie Ferdinand das schwerfällige Gebäude der Minoriten passierte, sah er
jemand laufen. Und eine unerklärliche Bewegung zwang ihn zu folgen. Sie bog
in Gäßchen auf Gäßchen ein, blieb in Torwegen stehen, nestelte an sich.
Durch den Kohlenmarkt zum Graben. Zurück; man ging, durch Sänften und
Karren getrennt, über eine lange schmale Holzbrücke. Eine Scheu bedrückte
ihn, sie könnte eine Dirne sein; er zögerte. Die Kirchtürme von Sankt
Niklas. Da ging sie in das kleine Schwesternhäuschen neben der Kirche. Die
Türe fiel zu. Er stand draußen. »Wie sonderbar, daß ich hier stehe. Und daß
ich nicht weggehe.« Er hob den Klöppel der Glocke, fragte, wer eben
gekommen sei; ein Mädchen hatte geöffnet; man schrie entfernt: »Man hat
geschickt.«
Über den dunklen Gang lief etwas an, sah ihm ins Gesicht, stand zitternd
da. »Was ich will? Eleonore, ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich weiß
nur, ich möchte mit dir gehen.«
»Siehst du. Jetzt holst du mich. Jetzt bereust du deinen Starrsinn.« Er
hing an ihrem Arm, sie wickelte den Schleier um den Hals. »Ich weiß nicht,
wovon du sprichst. Eleonore. Wir wollen davon nicht reden. Es ist weiter
nichts, als daß ich gern mit dir gehe.«
Über die Brücke. »Versprich mir. Ich will nichts von Mantua reden und
nichts von dir. Versprich mir, du wirst den Teufel von Herzog nicht wieder
holen.« »Sprich weiter.« »Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn zwingen,
Ferdinand. Du mußt ihn wie einen Knecht, einen schlechten Demütigen, in der
Hand haben, dem man nicht traut.« »Sprich nur weiter.« »Machst du dich
lustig über mich?« »Nein, ich gehe gern mit dir.«
Stumm kamen sie vor die Burg. Im Regen gingen sie durch eine Seitentür, die
ihnen der Diener aufschloß. »Komm zu mir, Eleonore.« »Weiter nichts?« Sie
weinte.
Er leise: »Eleonore. Ich weiß selbst nicht, was ist. An mich kommt nichts
heran. Alles beglückt mich. Deine Stimme beglückt mich, dein Weinen
beglückt mich, dein Klagen beglückt mich. Als wenn ich um mich eine Schale
zugemacht hätte.«