Also gebt mir euer Heer. --

Wieder wartete der Sachse, ob er mehr hörte. Zog sachte, ängstlich plärrend

auf Torgau. Gustaf Adolf hatte sich mit kleiner Kavalkade da eingefunden,

er empfing schmunzelnd in seinem Quartier den alten betrübten Herrn. Der

jammerte, dies sei der Dank dafür, daß er sich neutral habe halten wollen.

-- »Habt Ihr das wollen?« drohte mit einer sehr lauten Stimme der

riesenhafte Schwede. »Nicht doch, nicht doch. Nur sozusagen, vor dem

Kaiser. Wißt doch, was ich meine.« Ratlos winselte der betrübte Mann.

Gütig gab ihm der Schwede zu verstehen, es sei das beste, gerade Wege zu

gehen; man könne nicht dem Kaiser dienen und der evangelischen Kirche

Beschützer sein wollen. -- »Er hat mich nie angegriffen.« Grob der Schwede:

»Also rund: was hat der Herr vor?« Nach langem Drücken brachte der Sachse

seinen Kummer heraus: ob Gustaf schon vernommen habe, daß der Kaiser ihm

Meißen, Naumburg, Merseburg abnehmen wolle auf Grund des

Restitutionsedikts. -- Kalt bejahte der Schwede. Die Finte stammte von

seinen Unterhändlern. -- Traurig legte Johann Georg seinen Kopf auf den

Tisch, weinte. Er saß rechts und links in der Klemme.

Man brachte Bier, um ihn zu besänftigen. Er schwur Stein und Bein, daß er

treu zum Kaiser gestanden habe und dies nicht verdient habe. Vom Schweden

und seinen zudringenden Begleitern wurde ihm auseinandergesetzt, daß Tilly

nichts weiter vorhabe im Augenblick, als ihm die Stifter wegzunehmen. Lange

zögerte Johann Georg. Man gab ihm viel zu trinken, um ihm den Entschluß zu

erleichtern. Plötzlich stand er auf: Zum Schaden den Spott wolle er nicht

tragen; er wolle später nicht mit Schimpf in der Geschichte seines Hauses

genannt werden; man solle ihm noch einmal sagen, was der Kaiser von seinem

Besitz fordere. Wortlos schüttelte darauf lange Minuten der Sachse den

dicken Kopf unter der Pelzkappe, während er starr vor sich glotzte: »Es

soll ihm nicht gelingen!« Den begleitenden Herren seines Hofes rief er zu,

ob sie gehört hätten; ihr Vaterland sei in Gefahr; die evangelische Sache

werde bedroht. Lebzelter brachte ihn zu Bett.

Am nächsten Morgen schloß er, den die Unruhe um seine Treue zum Kaiser und

um seine Stifter die Nacht schlecht hatte schlafen lassen, mit dem Schweden

einen Vertrag. Mit resignierten Blicken erklärte er seinen Räten: es sei

dahin gekommen, daß er sein Haus gegen den Römischen Kaiser verteidigen

müsse. Sie bestätigten es; Gustaf Adolf hatte ihnen goldene Ketten und Geld

geschenkt.

»Wie ein Mann wollen wir zusammenstehen«, sagte Johann Georg zum Schweden,

als sie sich die Hände reichten. Rührungstränen vergoß der weiche Sachse,

segnete beim Abschied den Schweden.

Der stand mit Oxenstirn, einem kümmerlichen Menschengestell, das ein

Schädelmonstrum auf dem Hals vorsichtig balancierte, und dem hinkenden

Grubbe, seinem Sekretär, hinter der abfahrenden sächsischen Karosse.

Schaute die beiden abwechselnd an, perplex. »Ist es wahr oder ist es nicht

wahr? Der Kursachse hat sich mir verschworen? Ist es wahr?« Und dann ins

Haus steigend: »Ich hätte eher geglaubt, der Bayer verbündet sich mit mir

als der Sachse. Was hat er denn für einen Vorteil davon?« »Aber Meißen,

Naumburg, Merseburg!« »Mein Gott, Allmächtiger. Er fragt nicht einmal nach

beim Kaiser, er glaubt es mir!« Grubbe grinste: »Eure Majestät wirken sehr

überzeugend.« »Oxenstirn, was sagt Ihr dazu. Er glaubt das mit Meißen. Ist

die Welt verrückt?« »Wir können ruhig sagen, Eure Majestät ist von Gott

gesegnet. Ihr könnt füglich noch ganz andere Sachen sagen, man wird sie

glauben.« »Da fährt er hin. Erlaubt, Herren, ich muß mich erst beruhigen.«

Grubbe kraute sich am Kinnbart: »Wenn man es recht ansieht: was bleibt dem

Sachsen weiter übrig als Euch zu glauben. Wir hätten ihm die Insel Bornholm

anbieten können; er hätte es glauben müssen.« Der Schwede staunte noch: »Um

dreier Stifter willen fällt ein deutscher Kurfürst von seinem Kaiser ab und

verrät ihn. Was für ein Reich.« »Längst reif, von schwedischen Händen auf

seine Baufälligkeit geprüft zu werden.« »Oxenstirn, der Sachse macht mir

Mut. Es ist eine Freude, im Reich zu sein. Melde nach Haus: unsere Sachsen

stehen gut, -- besser als ich ahnen konnte.« Sie stiegen in ihre Wagen,

lachten Tränen zu dritt als Oxenstirn meinte: »Es läßt sich schön arbeiten

in dem Wald, wo die Bäume laufen und betteln: Holz uns doch ab.«

Es waren heiße Sommertage. Dem Brabanter entgegen wälzte sich mit

vollkommener Ruhe Gustaf Adolf. Über Frankfurt nahm er seinen Weg, in der

Stadt verschüttete er an einem Tage sieben kaiserliche Regimenter zu Fuß,

eins zu Pferde. In seine Hände fielen einundzwanzig Kanonen,

sechsundzwanzig Fahnen, neunhundert Zentner Pulver, zwölfhundert Zentner

Blei, siebenhundert Zentner Lunte, tausend eiserne Kugeln. Siebzehnhundert

Leichen waren zu begraben.

Er war schon kein schwedischer König mehr. Seine Stimme ertönte metallisch

von dem Religionskrieg, den er führte. Man möge zu ihm kommen wie der

Sachse Brandenburger und Pommer gekommen wäre. Die Stunde der Abrechnung

mit dem katholischen Übermut war gekommen. Herrisch trieb seine Stimme,

trieb zu Wut und Angst. Den Nahesitzenden, Geistlichen und Weltlichen jagte

er Schauer von Zorn über. Sie wurden, erst fade lächelnd, dann verstört

schwankend aus ihren Höhlen gescheucht, legten die Hände suchend an ihre

Degen, mühten sich den Rumpf gerade zu halten und ihm entgegenzugehen.

Gerächt würden werden die Menschen -- dröhnte es von drüben --, die

armseligen, die in Magdeburg dem Feuertod durch Tilly übergeben seien. Die

Pfälzer, deren Land verwüstet sei. Die beklagenswertesten aller Geborenen,

die Böhmen, die gefoltert und gepeinigt würden, ihre Habseligkeiten

verloren, ihre liebe Heimat verlassen mußten, Böhmen. Man werde als

evangelischer Christ dies Land nicht vergessen, solange es einen reinen

Glauben gebe, werde des Scheusals nicht vergessen, das sich der Kaiser aus

diesem Land gezogen habe, damit er das Reich zu einem Höllenpfuhl mache,

des Friedländers, der bis nach Dänemark seine Untaten trieb.

Mehr und mehr kamen aus den Höhlen, schwankten in sein Lager.

Wie er sich auf Wittenberg schob, hatte sein Heer dreißigtausend Mann zu

Fuß und fünftausend Reiter. Und zahllose davon waren Deutsche. Liefen mit

dem Schweden, weil er viele Städte erobert hatte, mit gutem französischen

Geld zahlte.

Er war so dick und schwer in seiner Rüstung, daß es im ganzen Heere nicht

fünf Pferde gab, die ihn tragen konnten. Streng und bigott war er.

Bigotterie gehörte zu seiner Geradheit, Entschlossenheit, Wucht. Er dachte

nicht nach, glaubte an Luther und das Evangelium so stier wie an die

Festigkeit seines Streithammers. Kannte keine Furcht vor irgend einer

Überlegenheit.

Aber auch der gespenstige kleine Brabanter, der die Saale überschritt gegen

ihn her, kannte sie nicht. Er hatte einen tiefen Ekel vor dem Mann, der die

Religion ohne Unterlaß im Munde führte und ohne Unterlaß den frommen

katholischen Glauben schmähte, er, der Kriegsmann, den es anwiderte, daß

der andere kein ehrlicher Krieger war. Er sehnte sich, ihn zu beseitigen,

drängte heftig vor. Nie hatte er, in keiner früheren Schlacht, solch

heftiges Verlangen gehabt, seinen Gegner zu schlagen. Wie er einfältig nach

Wien berichtete: dies sei kein rechter Feind. Genoß die Freude, seinem

Herzensdrang ungesäumt nachzugeben.

Die Höhen nördlich Breitenfeld bezog er unter Trommelschlag und klingendem

Spiel mit seinen Massen. Sechzehn Regimenter zu Fuß, sechzehn zu Pferd zog

er hinauf. Der Schwede und Sachse kamen an.

Sie konnten nicht rasch genug ihr Blut mischen.

Von morgens neun bis mittags vier wurden achttausend zu Leichnamen aus

Tillys Soldaten, fünftausend aus den schwedischen und sächsischen gemacht.

Unter den schweren Kürissern zerriß sich vor Kriegswut Gustaf Adolf, sein

ungeheurer Gaul mochte ihn tragen wohin er wollte. Ihm war die Welt

versunken. »Gott mit uns«, schrie er automatisch, sein Schwert raste, hatte

teil an seiner Bestimmung. Das Leben der Leichen stieg stürmisch in ihn

über, machte sein Gehirn trübe und trunken, dehnte ihn zum Klagen und

Platzen. Er prustete im Schlachten, wieherte wie ein Hengst. Sein Schwert

kämmte, er kämmte die Kaiserlichen, war ein Barbier. »Gott mit uns«,

brüllte er. Die Leben blühten ihm erstickend zu, er konnte sich ihrer nicht

erwehren, es war zuviel. Kanonenkugeln sausten über ihm; eine fegte ihm den

weißen Hut mit der dicken grauen Feder ab; er atmete tief den Luftzug, der

mit ihr kam; wenn bald wieder einer käme.

Sie schlachteten sich mit großer List ab, suchten sich den Wind abzufangen,

um den andern vom Staub blenden zu lassen. Als ein einziger mächtiger Klotz

auf spanische Art gefügt, stand Tillys Heer da, das Treffen zehn Glieder

tief, gespalten in sehr große tiefe Vierecke. Der Feind kam an, Livländer

Kurländer Finnen Schweden Sachsen, den Wind im Gesicht, den breiten

Loberbach überschreitend, sein Gestrüpp durchbrechend, bewegliche Brigaden,

auf den Flügeln Reiter mit Musketieren wechselnd. Seine Kavallerie sprengte

drei Reihen hoch, schoß, wie sie das Weiße im Auge sah, zwei Salven, zog

den Degen.

Tillysche Regimenter gaben eine Salve ab. Die Sachsen warfen das

Hasenpanier auf, Fahnen und Geschütze lassend. Tobend sprangen die

Kaiserlichen in die Lücke, drehten die sächsischen Kanonen um auf die

schwedischen Regimenter. Die klammerten sich an den aufgerissenen Boden,

massierten sich dichter von Minute zu Minute.

Und wie ein Trompeter nach langem Ziehen aus tiefster Brust einen endlosen

schmetternden Schrei von sich gibt, der sich wie eine Schwalbe in den

Wolken verliert, so stießen die Schweden aus vierundfünfzig Geschützen eine

Feuerwoge über die Deutschen, eine viertel Stunde, eine halbe Stunde, eine

Stunde, zwei Stunden, die Luft anfüllend mit Fünfpfündern Zehnpfündern,

anwachsend und nicht nachgebend mit halben Kartaunen, stampfend stampfend

mit ganzen Kartaunen. Wie eine Mauer, im Fundament erschüttert, brach lange

an sich haltend schwer das deutsche Heer über das Schlachtfeld hin. Stürzte

die Reiterei, wurde begraben das Geschütz, das Fußvolk.

Auf die rieselnde staubende menschenstreuende Flucht nahm Regiment Kronberg

den verlorenen Brabanter mit. Das Morden in ihrem Rücken ging weiter. Sie

hörten den frenetischen König im Dunkel Viktoria auf dem Felde schießen. Er

schrie schweißtriefend, halb besinnungslos lachend, nach allen Seiten

winkend: »Gott ist lutherisch geworden, Gott ist lutherisch geworden.« Tote

wurden in der hereinfallenden Nacht weit und breit gesät, die Schweden

blieben an der Arbeit.

Tilly floh, floh, tat nichts als fliehen.

Hinterher marschierten die Regimenter Starrschädel schwarzgelb, Löser

rotweiß, Klitzing blauweiß, Arnim rotschwarz, Schwalbach rotgelb,

Ställhanske, Wunsch, Tott, Westgotland, Smaland, Ostgotland.

* * * * *

Als von den Wiesen und vom See her weiße Nebelschwaden unter den Brücken

gegen die Stadt zu schwammen, die östlichen Straßenzüge Mantuas

durchwanderten, stieg fröstelnd der Kaiser, weißgekleidet aus dem Wagen, um

an die Häuser zu treten. An der Karmeliterkirche, bei der Brücke Sankt

Giorgio, wo sie als Mädchen die erste Kommunion empfangen hatte, wollte ihn

die Kaiserin in ihrem Wagen erwarten. Die voranreitenden Hatschiere suchten

unter den Ruinen; an einer abschüssigen Gasse sah man unten einen Wagenzug,

Reiter voraus, sechsspännige kaiserliche Wagen, Türen geschlossen. Die

Hatschiere Ferdinands gaben den kaiserlichen Trompetenruf; die Türen

blieben geschlossen. Langsam wanderte Ferdinand die verödete morastige

Gasse herunter; wie er den ersten Wagenschlag öffnete, schluchzte es drin.

Er hatte es erwartet, setzte sich neben Eleonore.

Die Tiere zogen an; sanft sagte er, die Schulter der Schwarzverschleierten

umfassend: »Bei den Karmeliterinnen habe ich dich gesucht. Aber du konntest

wohl das Kloster nicht finden.« »Hast du es gefunden?« kam nach langem

leisen Weinen unter dem Schleier hervor. »Die Stadt sieht schlimm aus,

Eleonore. Was ist dies für ein Glück Krieg führen. Dein Vetter hätte es

besser gehabt, wenn er zugegriffen hätte bei meinem Friedensantrag. Nun

liegt alles verderbt da; er muß die Franzosen bitten, seine Schulden zu

bezahlen.« »Mir ist an meinem Vetter nichts gelegen. Du hast Frieden mit

ihm gemacht; warum ist Mantua nicht geschont worden.« »Er kam meinen

Generalen zu spät, Eleonore, mit seiner Nachgiebigkeit.« »Und ich? Und ich?

Warum hast du mir das angetan?« »Weine nicht. Ich will dir alles wieder

aufbauen.« »Ich will es nicht. Es ist geschehen. Du hast es getan. Es nützt

nichts mehr. Es ist geschehen.« Er blieb still: »Wie sollte es anders

kommen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.« »Du hattest es in der Hand,

doch und dennoch. Du hast in Regensburg deinen Feldherrn entlassen, es lag

bei dir.« »Ihm ist kein Unrecht geschehen; Nevers hat kindisch gehandelt,

er wollte mit mir spielen, ich war es meinem Amt schuldig, Eleonore, nicht

nachzugeben.« »Deinem Amt? Nein dir, dir. Und mir? Mir bist du nichts

schuldig. Mir wird meine Heimat zerschlagen, wie man eine Ketzerstadt

zerschlägt, wie man Magdeburg zerschlagen hat.« »Auch in Magdeburg haben

Frauen und Kinder geweint. Ich hab' es vorher gewußt.« Sie hatte ihren

Schleier zurückgeworfen, ein weißglühendes Gesicht bot sie ihm, der Wagen

hatte angezogen, sie fuhren langsam über Schutt. Dicht saß sie an ihm,

beide Hände an ihren Schläfen, flüsternd: »Versteh mich doch recht,

Ferdinand. Wenn in Magdeburg die Frauen weinen und du dennoch befohlen

hast, die Stadt zu verwüsten, -- ich fasse es nicht. Und wenn die Frauen

weinen, meinetwegen, sag', es sind beliebige Frauen. Aber ich, Mantua, sieh

doch, Mantua, wohin du mit mir reist.« »Ich muß trauern, mein Kind, gewiß,

mit dir. Um diese schöne Stadt und für dich.« Sie stierte ihm lange ohne

Verständnis in die ruhigen wehmütigen Augen; sagte dann zögernd: »Weißt du,

Ferdinand, böse sein von Natur ist ein Unglück, der Mensch ist wohl dann

wehrlos gegen seine Mitgift. Aber wie du, böse sein wollen, wissen daß man

böse ist, das ist mehr als schlecht und sündhaft.« »Wie ist es dann?«

»Grausig, du fragst noch? Das willst du auch wissen? Ekelhaft. Ich hab's

gesagt.«

Ihre Augen brannten gegen ihn, sie riß den Schleier wieder herunter. Sie

fuhren schweigend in einem Nebelmeer. Er fing an: »So ist mein Amt, so bin

ich durch mein Amt geworden. Es gab einmal eine Zeit, wo ich dich in jedem

Punkt verstanden hätte, als ich diesen Wallenstein nach Ungarn hinter den

Mansfeld geschickt hatte und mir Schandtaten gemeldet wurden. Damals wollte

ich ihn wegschicken. Er bot es selbst an, meine Zweifel erschienen ihm

komisch. Alle Räte widersprachen mir, die frommen Patres. Ich habe mich

gewöhnt daran. Jetzt kenne ich nichts anderes.«

Beim Kloster der Ursulinerinnen vor der Stadt hielten sie im Nebel. Nach

einer Weile stiegen sie aus. Durch ein Seitentor traten sie in die Kapelle.

Der langgedehnte dunkle Raum, schwankendes Licht von brennenden Kerzen am

Altar vor aufblinkenden bunten Bildern. Seitlich von oben tönte eine

männliche tiefe Stimme. Die Nonnen kniend, kopfgebeugt, Reihe hinter Reihe.

»Ihr fühlt, es graut euch, ihr seid ausgestoßen, weil ihr Weiber seid. Ja,

ihr ängstigt euch, der Fluch liege auf euch. Der Teufel treibt sein Spiel

mit euch; gegen wen Satanas am grimmigsten seine Zähne fletscht, dem hält

er ein Weib vor; so wäre es das beste, man rotte das ganze weibliche

Geschlecht auf einmal aus.

O, verzagt nicht, christliche Schwestern, o gedenket, daß ihr Menschen

seid. Gedenket dessen, der für uns alle am Kreuze hing.

Seine Mutter war Maria. Ja, Jesus hatte eine Mutter. Stündlich seht ihr

Christum, den Herrn, am Kreuze hängen, seht seinen klagenden Mund, seine

brechenden Augen, ihr weint über die Löcher, die in seine heiligen Glieder

gerissen sind, ihr seht den strömenden Blutquell aus seiner Seite, mit dem

er die Welt begleiten kann.

Ihr seht Jesum hängen.

Maria habt ihr nicht gesehen.

Es ist nicht ihr Bild, das glückselige Lächeln der Mutter, die

Hingestrecktheit vor dem Kreuze, der Graus, die Erstarrung unter dem, was

ihrem Sohn geschah.

Die goldenen Haare, die wonnigen Lippen, die Brust, mit der sie ihn einmal

stillte, die Arme, mit denen sie ihn einlullte, der Schoß, in dem sie ihn

trug, die Füße, auf denen sie mit ihm herumwandelte. Maria habt ihr nie

gesehen.

Sie hing nicht am Kreuze wie ihr Sohn. Ehe ihr Sohn geboren war, war sie

fast vernichtet worden, hatte sie schon alles durcherlebt. Allen Schmerz,

den ihr Sohn grausend und zu unserm Heil durchfühlen mußte, hatte sie

vorgefühlt. Denn in ihres Leibes Fleisch fraß die Liebe Gottes, die

zehrende, zerreißende, schmelzende. Gottes Liebe zu Maria ist nicht wie das

Blatt einer Rose, das über ein Gesicht fällt und streifend einen Duft

hinterläßt, unter dem sich die Augen glückselig betäubt schließen. Es ist

kein Flötenhauch, Sommerfaden vor dem Wind. Wen Gott berührt, der weiß nur,

was Sterben heißt. Bitter, so bitter voller tötender Stacheln ist seine

Wonne. Wen Gott berührt, der weiß nicht, daß dies die Berührung Gottes ist.

Er kennt keine Beruhigung. Wer so empfangen wird, dem kann nur Tod und

Ewigkeit mitgegeben sein auf seinen Weg und kann nicht lange auf dieser

Erde verweilen. Als Gott Maria berührte, wurde für Jesu das Kreuz

aufgerichtet. Er ist der Sohn seiner Mutter; das Entsetzen der Menschheit

aus der Berührung mit Gott trug er mit sich in sein Leben und in unser

Dasein. Siedendes Berühren von Feuer und Wasser; sein Leben nichts als ein

Rauch, eine schmerzensreiche Flucht aufwärts.

Maria!

Maria! Mutter Christi!

Laßt sie uns lobpreisen. Von allen Frauen sie die erwählte, von allen

Menschen die erwählte, unsere Fürsprecherin beim ewigen Thron, unsere

Besinnung, unsere Befreiung, Befriedigung, Beseelung. Himmlisch war sie, zu

unserem Glück, daß sie Gottes Blick auf sich zog, sie das Wunder der Welt.

Der Wein ihres Bräutigams, seine seufzerquellende Traube. Maria! Du

Schönste, du Süßeste, du Herrlichste, Gottes erschlossener Garten. Der

Wohllaut der Erde.

Aus ihrem Körper quillt alle Stärke, ihre Adern dehnen sich aus und senken

sich in unser Herz, in das Herz der Erde, wie Wurzeln. Das Lebende, Sonne

und Gestirne zieht sie an sich. Ihr Herz drängt sich hoch, uns zu tragen,

alle, Schwestern euch, Brüder uns. Ihr Leib wälzt und wühlt sich. Ihre Füße

zittern und schlagen wie ein Frost unter ihren Kleidern. Sie blutet, sie

gebiert unser Glück.

Laßt uns weinen, liebe Schwestern, weinen und beten zu Maria. Laßt uns auf

sie hoffen und uns freuen.«

Durch das Bistum Brixen, über Lienz, Judenburg kehrte der Kaiser langsam

nach Wien zurück. In der Hofburg begannen die Empfänge; Adlige und Stände

wollten den zurückgekehrten Kaiser begrüßen.

Man machte einen ungeheuren Saal für sie auf. Wer auf die glatte

weitquadrierte Fläche hinblickte von der Tür, wurde hilflos, Schwindel

erfaßte ihn. Die Decke war ein Urwald von Quadraten, Rechtecken, Achtecken,

Balken um Balken, schwarze, überwuchert von Bildern, die über ihren Rahmen

hinausgriffen, über die halbe Decke fluteten, plötzlich abrissen. Und dicht

unter der Decke, an den Pfeilern, der von zwanzig Fenstern aufgerissenen

Längswandungen spießten Hirschgeweihe hervor, Pfeiler um Pfeiler gekrönt

von ungeheuren Hirschköpfen, wild herausblickend aus gemaltem Rankenwerk

von Blättern, Blumen, Ästen, oft noch Tierbeine auf die Wand aufgesetzt.

Riesige Tafelbilder von den Wänden herunter, die Stirn nach vorn senkend,

knapp über dem Boden aufgestellt. Aus dem niedrigen Prunktor der

Schmalwand, das von steinerngrauen lanzentragenden Römern bewacht wurde,

über dem sich bis zum Plafond ein wimmelndes Schlachtengemälde auswirkte in

greller Buntheit, aus dieser dunklen engen Spannung quoll der farbige

Hofstaat.

Auf der purpurbezogenen Thronbank unter dem goldenen glatten Holzbaldachin

saßen hutbedeckt nebeneinander Kaiser und Kaiserin. Helles weißes

Morgenlicht aus den zwanzig Bogenfenstern. Da kamen über den Parkettboden

die Männer und Weiber angeschritten, die schloßentstiegene fröhliche

Erdenherrlichkeit. Sie schritten wie bei einer Hochzeit zum Fackeltanz, die

schmuckreichen Paare, wehende Bärte, schaukelnde Röcke. Ein Balken über dem

Tore, durch den Aufbau eines silbernen Ritters Georg, von Löwen besprungen,

geteilt; abwechselnd klangen Stimmen von einer Seite, bliesen aus langen

goldenen Posaunen von der anderen Seite rotgekleidete Männer herunter. Die

weitröckigen seidenbeschuhten Damen, Kornähren im Haar der blonden

lachenden Gestalten. Stolze nackenbiegende Köpfe, zähneentblößend, Hälse

von Ketten umspielt, gedeckt die Schultern von Hermelin, die

fleischstrotzenden Arme nackt, offen im breiten Ausschnitt die geschwellten

Brüste wiegend. Die Knie langsam fügsam wechselnd unter den fließenden

Atlasvorhängen, Schleppen hinter sich lassend, wie Hündinnen ihren Geruch.

Die weißen Arme, peitschen- und zügelgewöhnt, schleppten rafften die Masse

der Kleiderpracht. Auf dem Postament der starken Schenkel trugen sich

biegsam mit der Posaunenmusik die feinhäutigen gepflegten duftgebadeten

Leiber, in denen sich bewegte wie in einem Zauberkessel das verwöhnte

begierige Herz, die tiefatmenden Lungen, der weinsüchtige Magen, der lange

weiße Darm gesättigt und gestopft mit Pasteten, Pfirsichen, gebratenen

Kramtsvögeln, die heißen kostbaren Verstecke und Wege der Zeugung. Die

Augen, die offen sind für prunkende Bilder Maskeraden Schlittenfahrten,

pürschende Hunde, Tänze in gedrängten Sälen, die Münder, die befehlen beten

küssen, Lieder singen, Ohren, die offen sind für glückliche Worte. In

Atlaskleidern, gebändigt von weißen sinkenden Armen. Das kniewiegende

stolze Chaos heranschreitend, das der Sonne, der Luft, den Blumen,

Gewittern trotzt.

Gebückt auf der Purpurbank sitzend, den graubärtigen Mund leicht geöffnet,

empfing der Kaiser ihren Anblick, warf ihnen Hände entgegen. Sein Kopf

versank zwischen den hochgedrängten Schultern, der hohe weiße

Hermelinkragen schob sich über den Nacken und hinter die Ohren herauf.

Seine Beine breit nebeneinander gestellt schoben seinen Körper hoch. Er

wand die manschettengeschmückten Arme aus dem schweren Thronmantel. Sie

rauschten sicher an ihm vorbei, ihre starken lächelnden Leiber beugten sie

vor ihm, er schwang stumm, wie er ihnen entgegenstrahlte als einer

glücklichen Selbstverständlichkeit, beide Arme seitlich zu der herrischen

trauervollen Frau neben ihm, als wenn er sagte: Nicht mir. Sie lächelte,

und als wenn sie sich an der schmetternden stoßenden Musik und der

herangeführten Menschenpracht wärmten, verdunkelten sich ihre Augen und

schwammen in Feuchtigkeit.

Immer erneut die festen Münder zum Essen Trinken Beten Singen,

knierauschende Atlaskleider, von weißen bloßen Armen gebändigt, ohne Scham

auf den wandernden Postamenten das begierige Herz, der weinsüchtige Magen.

Die goldenen Posaunen bliesen, das Tageslicht verfinsterte sich unter

Wolken, es wurde in dem ungeheuer durchschrittenen Saal keinen Augenblick

bemerkt.

Die Kaiserin, von blauem Samt lose umflossen, an ihrem goldenen Brustkreuz

spielend, saß auf einem überdeckten Balkon die Füße auf eine niedrige Bank

ausgestreckt. Die stumpfgesichtige Gräfin Kollonitsch, vollbusig milde,

lehnte sich über das marmorne Balkongitter, einen Arm um das Bein einer

Amourette, blickte freudig und erschöpft in das grüne Blättergewühl des

Parkes trällernd: »Wem siehst du nach?« fragte die Kaiserin. »Ich? Wem sah

ich nach? Ich sah in die Bäume.« »Wer läuft da? Ich höre doch jemand

laufen.« »Im Park, Lore?« »Ja, wo denn. Wer läuft da?« Die Gräfin noch in

Atlas, dunkle Nelken in dem hochfrisierten Haar, gegen den Stuhl der

Kaiserin, die sich auf dem linken Ellenbogen hochstemmte, sah zu ihr

fragend herunter.

Wie die sich ganz aufgerichtet hatte, gespannt nach dem Park hinhorchend,

klang von unten ein unsicheres Scharren, absatzweise, als riebe jemand an

einem Baume, als fiele ein Ast, glitte einer vorsichtig über Sand. Im Nu

war die Kaiserin auf den Füßen. Blick, Mienen, Hände rasten: »Hörst du

nicht, wer ist da. Da unten geht einer.« Die junge Kollonitsch wich

ängstlich gegen die Balkontür, die Kaiserin scharf herunteräugend, wo nur

grüner Park und Kieswege waren, sprang zurück, suchte an der Gräfin: »Was

hast du da. Hast du keinen Stein oder ein Messer.« Sie lief in das Zimmer,

die Gräfin wollte zur Tür, die Wache rufen, die Kaiserin hielt sie mit

wildem Ausdruck fest: »Ganz still.« Riß eine Pike, ein kleines Handbeil von

der Wand; die Pike ließ sie neben sich fallen, mit dem Beil stürzte sie an

das Balkongitter, nach kurzem Suchen schleuderte sie die angehobene

aufblitzende Waffe zwischen die Bäume. Horchte herunter; als alles still

blieb, lief sie an der sprachlos stehenden Gräfin vorbei wieder in das

Zimmer, zerrte die Pike hinter sich, keuchte, suchte den riesigen Schaft

auf das Gitter zu ziehen.

Und als er da oben lag, keuchte sie sich hochrot: »Komm hilf.« Die kam

langsam an, faßte, immer die Kaiserin anblickend, den Schaft mit an. Einen

Moment streifte die Kaiserin ihr bewegungsloses fragendes Gesicht mit einem

Blick, blieb dann an ihrem Gesicht hängen, Hand an Hand mit ihr den Schaft

haltend. Sie sahen sich an.

Die Kollonitsch fragte bittend, leise: »Was machen wir?« Die andere schob

noch an dem Schaft, suchte unten zwischen den Blättern, heftete sich ruhig

an die ratlosen Mienen der Gräfin, ließ mürrisch, verlegen, noch fliegend

von der Stange: »Sieh, wer da unten ist.« Die Gräfin stand steif: »Es kann

doch niemand in deinem Park sein.« Lange sah die Kaiserin, leicht am ganzen

Körper zitternd, vom Balkon herunter; dann sich zurückwendend: »Denk, wenn

das ein Mensch gewesen wäre, wäre er tot.« Die Kollonitsch schleifte die

Stange ins Zimmer; wie sie bei der anderen stand, sich die Handteller rieb,

hauchte sie: »Es ist ja keiner unten gewesen.« »Laß mich, laß mich«, wehrte

die Kaiserin ab, die sich heftiger zitternd und sehr blaß, seufzend auf

ihren Sessel fallen ließ, um ihre Fußbank bat. Sie wiederholte mit grellen

Blicken gegen den Balkon: »Denk, ich hätte ihn umgebracht, wenn es ein

Mensch gewesen wäre.«

Nach kurzem Besinnen setzte sich die schwarze Kollonitsch, die Schleppe

heraufwerfend, neben sie: »Aber ich habe ganz vergessen, dich nach dem

Empfang zu fragen. Es waren so viele, weil wir dich trösten wollten. Und

nun sag', hat es dich erfreut.« »Ihr seid freundlich und lieb. -- Was war

das eben nur? Verstehst du es. Ich hab' mich erschreckt, nicht wahr?« »Ich

hab' mich selbst erschreckt, Leonore. Es war nichts. Also: es hat dich

erfreut.« »Eins aber sag' ich dir, Angelika,« damit beugte sich die

Kaiserin vor, drehte den Kopf, runzelte drohend die Stirn, »ich habe nichts

dazu getan, wenn es einen getroffen hätte. Ich habe mich erschreckt, und --

wie sonderbar, ich bin eine Frau und kam auf den Einfall, ihn

totzuschlagen.« Sie zitterte wieder heftiger, ihr Kleid raschelte.

»Es war herrlich, wie der Chor sang.« Die Kaiserin schüttelte den Kopf,

träumte mit wandernden Augen: »Ja, Angelika.« Später: »Ich bin besessen,

Angelika, ich fürchte mich. Sag es nicht weiter. Wenn es der Bamberger

Bischof erfährt, der Philipp Adolf, macht er einen Hexenbrand aus mir.

Lache nicht. Wie ist es möglich?«

Sie nahm, als die Kollonitsch gegangen war, gedankenlos den kleinen Spiegel

vom Tisch. In einem sechseckigen Elfenbeinrahmen stand er; ihn umgaben

Menschen, Männer und Frauen, nacktleibig sich um seine geschliffene Randung

hebend, schwimmend gegen die Höhe, auf der der Weltenrichter Christus

thronte mit dem Schwerte, angebetet kniefällig von zwei Gestalten. Ohne

sich zu sehen, hielt sie ihn vor ihr Gesicht; dann erblickte sie sich,

bedeckte den Spiegel mit der Hand: »Wie kann ich ihn verwünschen, wenn ich

selber so bin. Ich bin vom Teufel besessen. Ich bin's. Er ist in mich

gefahren und hat mich.«

* * * * *

Aus Halberstadt am vierten Tag nach der Schlacht machte sich der blasse

deutsche Leutnant Regenspurger mit einem Brief des verwundeten frommen

Generals auf. Wurde in Wien sogleich vor den Fürsten Eggenberg geführt. Die

Girlanden wanden sich am Plafond des langen rechteckigen Raumes in dem

Kerzenlicht; dem jungen Reiter, der zu erzählen anfing, träufelten die

Tränen aus den Augen. Der alte Fürst behielt ihn bei sich. In vollster

Bestürzung bat er seine Freunde Trautmannsdorf und den Abt Anton zu sich.

Sie fanden ihn, als sie nach Stunden eintrafen, noch auf demselben Stuhl

sitzen, auf dem er den Leutnant angehört hatte, grau im Gesicht, vergrämt

das Kinn aufstützend. Er sei, gab er kopfschüttelnd von sich, keines

Gedankens mächtig, sie möchten selber lesen, was des Feldmarschalls Tilly

Liebden geschrieben habe von der Schlacht mit dem König aus Schweden.

Und während sie lasen, jammerte er, er könne nicht denken, er werde gehen,

er müsse sich zurückziehen vom Hofe. Im seidenen blauen Schlafrock

schlürfte er über den Teppich; sie sprachen unter sich; er saß da, spielte

mit seinen kalten blauen Händen, hörte nicht zu und plötzlich blickte er

sie kläglich nacheinander an, horchte, was sie redeten, als wenn er sein

Urteil erwarte.

Der bucklige Graf sezierte mitleidlos, die Augen klein kneifend: jetzt

könne jedenfalls das Reich auseinanderfallen, auch mit den Kurfürsten; man

hätte sich ja vorher gefürchtet, ohne sie zu bestehen. Der Fürst wandte

sich fast verzweifelnd an den Abt, der ihn traurig ansah: aber er hätte ja

gerade die Kurfürsten gewählt, weil sie ihm sicher schienen für das Reich,

sicherer als der Friedländer. Trautmannsdorf schob frostig die Arme

aneinander, beschnüffelte den Brief: man habe sich eben getäuscht,

getäuscht, getäuscht. »Was nun?« flehte der Fürst. Abt Anton strich ihm die

Hände, Trautmannsdorf blieb dabei, die Hauptsache sei, zunächst zu sehen,

daß man sich getäuscht habe. Eggenberg winselte: »Was wollt Ihr von mir.

Ihr wißt, wie ich mich dem Erzhause und Kaiserhause gewidmet habe, wie ich

es gemeint habe mit dem Kaiser von seiner Jugend auf. Ich habe mich

getäuscht, Ihr hättet es verhindern können. Rettung, seid gnädig,

Trautmannsdorf.« Anton stellte sich hinter den Fürsten, sanft sprechend

neben seinem Ohr: »Ihr tut ihm ja Unrecht, Fürst. Er will Euch nicht

quälen, er will nur Klarheit. Ihr kennt ihn doch.« Trautmannsdorf:

»Schlüsse zu ziehen aus der Situation ist ganz überflüssig. Man braucht nur

die Ausgangsdaten nebeneinander zu stellen, so ergeben sich die Schlüsse

von selbst.« Angstvoll hing Eggenberg an seinem ruhigen Gesicht, drängend:

»Wie also?« Der Graf trommelte nervös, er wolle seine Weisheiten schon dem

Fürsten nicht aufdrängen, geschweige denn die Trivialitäten. »Was denn, was

denn?« bettelte der Fürst. Auf den vorwurfsvollen Blick Antons wurde der

Graf herzlicher, sprach leise, las mit ihnen den Brief noch einmal durch

und erklärte: einrenken sei die richtige Behandlung. Wenn man ein Glied,

mit dem man bisher gut gegangen sei, ausgerenkt habe, in der Hoffnung noch

besser zu gehen, nun, so renke man es wieder ein, wenn man den Schaden

bemerke. Der Fürst war aber viel zu verwirrt. Er verfiel in ein

verzweifeltes Selbstanklagen, man mußte ihn beruhigen, dann beteuerte er

wieder seine Unschuld.

Tags drauf empfing ihn der Kaiser; der Leutnant Regenspurger war zur

Audienz geladen, erstattete zaghaft seinen Bericht. Milde erkundigte sich

Ferdinand nach seinen Eltern und wo er in der Schlacht gefochten habe,

sprach seine Freude aus daß er entronnen sei. Er ließ seinen

Obersthofmeister rufen: man möchte den Leutnant bei Hof gut unterhalten,

ihm hundert Taler zum Dank für seine Meldung verabfolgen, und der Leutnant

möchte sich vor seiner Abreise noch melden.

Dann, allein mit dem Fürsten, der noch kaum gesprochen hatte, betrachtete

der Kaiser lange seinen unglücklichen alten Freund. Was in ihn gefahren

sei, wie er aussehe, ob er sich wieder krank fühle; er hätte sich dann

hinlegen mögen; warum habe er sich in diesem Zustand bemüht. Eggenberg nach

langem Schlucken gab nach, stürzte dem Kaiser, der vor seiner

Schreibkommode stand, zu Füßen, weinte schluckte und schnarchte hilflos.

Verwundert trat Ferdinand zurück: was er denn wollte. Dann stammelte

Eggenberg, der jede Haltung verloren hatte, um Verzeihung. Ja, wofür, ob er

die Schlacht bei Breitenfeld gegen den schrecklichen Ketzer verloren hätte;

ob sich sein lieber alter Eggenberg einbilde, der liebe Gott zu sein, der

alles füge; und schließlich, »wir müssen uns fügen und nachdenken, wie

alles zusammenhängt.« Der kleine Fürst stand mit blutrotem Gesicht auf;

Ferdinand lächelte, wie er an seinen Spitzenmanschetten zupfte,

nähertretend: aber krank sehe Eggenberg aus und er sei doch damals beim

Regensburger Tag nicht folgsam genug in Istrien geblieben. Eggenberg

hauchte aufblickend: er hätte nicht ruhen können aus Sorge um das

kaiserliche Haus.

Der Kaiser, dem Geläut von Sankt Stefan lauschend, setzte sich auf seinen

breiten Stuhl, einen Abtstuhl, dunkles Buchsholz, über Armlehnen,

Rückenlehnen, braune stille Figuren, die sich gegen Hand und Nacken des

Sitzenden bewegten, faltenwerfende Männer, betende Frauen, singende

haarflechtende Mädchen. Frauen mit Säuglingen an der Brust, segnende

stabgestützte Bischöfe. Er hätte es sich gedacht, gab er von sich, sie

drängten ihn, drängten ihn, wollten die Gewalt in ihren Händen haben und

nachher könnten sie sie nicht meistern. Nun stünden sie da wie arme Sünder

und es sei ihnen kläglich ums Herz.

Ferdinand hatte die Knie übereinandergelegt, seine Hand befühlte einen

Säugling, der am Bein der Mutter herunterrutschte. Am meisten jammere ihn

sein Vetter Maximilian, der stolze Mann; ein unerbittlicher Feind stünde

nicht weit vor seinen Grenzen. Daß man sich nicht niederdrücken lasse von

dem Zufall, daß man dem Bayern gleich ausreichende Hilfe gewähre. »Wir sind

ungerüstet, Kaiserliche Majestät; wir wissen jetzt nicht, wie uns unserer

Haut wehren.«

»Schreibt ihm, er solle unbesorgt sein. Wenn er sich fürchtet um seinen

Vater, solle er ihn herschicken zu mir. Sie sollen bei mir als Gäste

wohnen.«

»Majestät, wir wissen nicht, wie wir uns unserer eigenen Haut wehren. Der

König aus Schweden rückt mit einer so furchtbaren Macht heran; die

Kurfürstliche Gnaden von Sachsen hat sich ihm angeschlossen. Tillys und

unsere eigenen Truppen sind auf der Flucht.«

»Bewahre Gott, lieber Eggenberg, Ihr wäret jetzt auf meinem Platz. So wäre

das Erzhaus verloren. Seid doch wieder munter; listenreicher Odysseus. Wie

seid Ihr gedrückt, Eggenberg. Warum?«

Der bewegte seine zittrigen Arme nach vorne, ließ sie fallen; freundlich

winkte der Kaiser ab, sich die Augen bedeckend: »Laßt, lieber Freund. Was

ist die Lage leicht für uns. Friedland ist als Freund von uns geschieden.

Die Fürsten werden ihren Widerspruch gegen ihn aufgeben. Wir können uns

alle auf ihn verlassen, er war schon schwereren Lagen als jetzt gewachsen.«

Und so, leicht und beruhigend sprach der Kaiser, der sich wohlig schwer

zurücklegte, daß Eggenberg den Eindruck hatte, die Sache ginge ihm nicht

nah, ginge ihn nichts an. Mit weißlichhellen Augen blickte Ferdinand leicht

zerstreut auf den kleinen Geheimrat, in den Raum hinein, seitlich auf die

bernsteinbesetzten Fächer seines Schreibkabinetts.

Ferdinand brachte seine irrenden Blicke einen Augenblick zur Ruhe, heftete

sie weich auf das ängstliche fragende Geschöpf, das ihn liebte: »Eggenberg,

treuer Eggenberg, was seid Ihr verstört. Hat Euch der Regenspurger solche

Furcht gemacht. Geht hin zum Friedländer. Er ist unser Schwert. Nehmt es

nur wieder.« Vergnügt fuhr er fort: »Ich weiß zwar nicht, ob er jetzt

zarter zugreift als die vergangenen Jahre. Auch wird er sich einen guten

Lohn im Reich holen. Dafür ist er unser alter werter Friedländer. Holt ihn

nur. Er soll wieder kommen. Er wird sich freuen, daß es ohne ihn nicht

gegangen ist.«

Und als der alte Mann sich verneigte, verabschiedete er ihn zwischen Summen

und Pfeifen, sich tiefer zwischen die faltenwerfenden Männer, die betenden

Frauen, singenden Mädchen drängend.

Ohne Mantel Hut Wehrgehenk kam abends Ferdinand der Mantuanerin an der Tür

seiner Antikamera entgegen; man schloß die Türen. Eleonore raffte ihr

goldfarbenes Kleid vorn, drückte ihn, auf ihn rauschend, auf die

Fensterbank, drückte auf seine Schultern mit den Füßen, das Gesicht an

seine stopplige Wange reibend: »Tu mir das nicht an. Nimm ihn nicht. Ich

will es nicht haben.« Dann: »Willst du mich ermorden, nimm ihn. Was hast du

es auf mich abgesehen?« Dann: »Ich laß es nicht zu. Niemals, niemals. Und

wenn ich dich wieder und ganz verlassen sollte.« Das Gesicht von ihm

entfernend, ihn anstierend: »Mann, du, wer bist du, daß du das alles

anhörst. Daß du hier so sitzt. Vor mir. Nein, ich laß es nicht zu. Ich

siedle mich auf den Trümmern von Mantua an. Bei den Ursulinerinnen, und

zeige der Welt: so geht es einem Weib, einer Ehefrau, der angetrauten Frau

des deutschen Kaisers.« Er ließ sie gewähren, zog sie an der Hüfte neben

sich, an ihrer langen Perlenkette spielten seine Finger, leise begütigte

er: »Du warst schon in Regensburg so wild. Ich muß überall herumgehen und

trösten. Ich hatte noch nie soviel gutzumachen und zu besänftigen wie

jetzt. Eben erst unseren guten Eggenberg.« Und er ging zum Nachtmahl. Sie

begleitete ihn nicht.

Hinterher schmauste und pokulierte er im langen spanischen Saal, wo die

ganze Wand quadratisch gefeldert war und aus jedem Holzquadrat ein

Fürstenbildnis des Pietro Rosa aus Brescia herblickte. Sechzig Fürsten

blickten in der Runde, wie Ferdinand, zwischen seinen lustigen Kämmerern,

Offizieren, Gästen Bären Tannenzapfen, Windmühlen Lastwagen Schiffe als

Trinkgeschirre vor sich anfahren ließ und sie im Kreise fuhren; wie man

Hund und Katze zusammen ans Bein eines fetten Schweins band, das der Kaiser

mit seinem goldenen Degen durch den Raum jagte. Ein Affe, brauner

kurzschwänziger, saß in der Mitte der Tafel, trank in Kannen, stieß sie im

Sprung um. Der Kaiser war alle Abende von gleichmäßiger unbeweglicher

Heiterkeit.

* * * * *

An Maximilians Hofe hielt man ein kleines mißwachsenes menschliches

Geschöpf als Narren, ein Wesen von einer unglaublichen Gefräßigkeit. Meist

lungerte er um die Küchen Keller Tafeln Bankette, -- wie er sagte, den Mist

prüfen, auf dem sein Spargel wuchs. Er verabscheute ehrlich die Fresser und

Saufer, sie hatten mit ihm nichts zu tun. Bäuche von Schweinen,

Kälberknorpel, der schön gedämpfte und gepfefferte Rindermagen bedeutete

ihm mehr als Leibesfüllung. Wie ein Pferd beim Klingen der Musik ins

Tänzeln gerät, so bewegte sich sein schlaffaltiges blaurotes altes Gesicht,

sein Herz belebte sich, seine Hände griffen zum Gabelrapier, wenn die

würzigen Gerüche in sein Näslein zogen.

Er ging den Speisen wie ein Kämpfer entgegen. Mit seiner Beute hockte er

sich beiseite hin, hielt sie wie einen noch nicht bezwungenen Widersacher

unter sich. Er liebte es, daß man ihn allein ließ, ihm nicht zusah. Knurrte

wie ein Hund beim Essen. Lang ließ er die dicke wulstige Zunge über die

Zähne hängen, die Hände hoben die Speise, der Mund schnappte ihr entgegen.

Wenn die Vertilgung der Speisen vor sich ging, die Soßen wie Blut aus den

Mundwinkeln rannen, fing das Schnalzen Schmatzen Knacken Knuspern Reißen

Schlürfen Knirschen an. Hier wurde nicht gefressen und geschlungen, sondern

völlig vernichtet und restlos einverleibt. Und dies war der Vorgang, der

ihn berauschte. Er konnte es nicht unterlassen, wüste Bemerkungen dabei

auszustoßen, obwohl er bisweilen halbtot dafür geschlagen wurde; er

lästerte von dem neuen besseren Meßopfer, das er vollzog, jetzt werde er

Kalb mit dem Kalb, Schwein mit dem Schwein, Fisch, Kapaun. Er vollziehe das

Meßopfer nicht zum Himmel herauf, sondern nach unten herunter.

Rachedürstige Äußerungen stieß er aus, ihnen die frommen Gedanken zu

besudeln, widerstandlos von der Inbrunst des Wütens und Wühlens

geschleudert. Und so empfing er bisweilen, wenn er böse gelaunt war,

irgendwelchen Edlen vor der Kirche oder der Neuen Kapelle, würdevoll

gespreizt einen Rinderknochen mit einem Fähnlein auf seinem Spieß vor ihnen

tragend, wie ein Chorknabe Räucherbecken oder Kruzifix, keifend, näselnd:

»Auf zum Gebet vor dem Rehbraten. Auf zum Speikübel und Nachttopf. Auf,

meine lieben Herren, lasset nicht nach, nicht nach im Eifer. Gehet in

euch!«

An diesen Tagen waren die Herren und Damen an der Tafel sehr empfindlich

gegen Lärm, man mochte ihn nicht hören. Der Zwerg wurde unter dem Tisch aus

seinem Winkel hervorgezogen; wie schlaftrunken hing er, kauend speichelnd

stöhnend knurrend, in den Händen der Pagen, die ihn schüttelten. Er schlug

um sich, wußte, daß er nicht wie ein Hund knacken und knirschen sollte.

Gestäupt und wieder eingelassen schleppte sich das gebückte klingelnde

Mißgeschöpf an den Tafeln entlang in seine Ecke, bald schweigend in Wut,

bald die Tische mit einem Wust von Giftigkeiten überquasend, ruckweise

anhaltend, unter seinem Asthma keuchend, beschämend mit Zoten und Unflat

die jungen Hansen und Pagen, die wartenden Kämmerer.

»Er tut es gern, das Knirschen, er tut es gern,« schrie triumphierend der

jesuitische Beichtvater, nach hinten blickend auf ihn, wie er

vorbeigetrieben wurde. Mit Abscheu sah der Zwerg, wie die Herren vor den

vollen Schüsseln speisten, sanft gedankenlos die erlesenen Gerichte in die

Münder steckten, sich leise unterhielten, der Musik lauschten. Der Verrat

an den Speisen; die Lumpen vor diesem Braten. Er taumelte vor die Tür. Der

seidenbehängte Oberstkämmerer wandte sich angewidert über seinen Teller.

In den Grottenhof der Residenz wurde am Nachmittag der Zwerg geführt. Da

ging eben hinaus der alte langbärtige Angermeyer, Elfenbeinschreiner,

traurigen Gesichts; einen ganzen Tisch mit Elfenbeinmustern trugen ihm zwei

Gehilfen nach. Zwischen ausgebreiteten Kartons und Wandteppichen stand

inmitten des blumigen Hofes der üppige schwarzlockige Hans von der Biest,

Maler; Maximilian hörte ihm nicht zu. Neben dem Kurfürsten, der im knappen

spanischen Kostüm am Springbrunnbecken saß, stützte sich der junge Kuttner,

der Rat, auf den silbernen Kavalierdegen, sein Gesicht zuckte. »Ich will

mich ekeln«, spielte Maximilian mit dem Messer; der Maler zog sich auf

Kuttners Handbewegungen unter stolzen Verbeugungen zurück.

»Kuttner, der Arzt hat mir befohlen, ich soll mich ekeln. Das helfe mir am

raschsten.« »Ich weiß, Kurfürstliche Gnaden. Das ist der Narr.« »Fang an«,

stieß Maximilian hervor. »Was soll ich?« schrie der angetriebene Narr

bleich. »Fang an, Bärenhäuter.« »Was soll ich anfangen?« »Willst du

anfangen, Schelm!« »Was schimpft Ihr mich Schelm, Schuft, Bärenhäuter.

Reißt doch Euer Maul selbst auf und sagt was Ihr wollt.« Müd drehte

Maximilian den Kopf zur Seite leise: »Sprecht Ihr mit ihm, Kuttner. Macht

es kurz.« Kuttner, der feine junge Mensch, stolz, französisch, elegant,

ging, den Degen in der Hand, auf den Narren mit den weiten Nasenlöchern

los, wispernd: »Mach' deine Späße, Hund; du weißt, wozu du da bist.« »Der

Hund, wozu der da ist? Zum Fressen, du geleckter Welsche.« »Du, du bist

Narr, weißt nicht, was du zu tun hast.« Kuttner schwenkte zornig die

Klinge; er kam aus Paris, lebte wenig am Hof, wußte nicht, was die Künste

des Geschöpfes waren. Der Kurfürst blickte beiden stier und erbittert zu;

so apathisch war er, daß er nicht imstande war zu sprechen: »Fang an,

fängst du an!«

Von der Terrasse stieg ein zahmer Storch mit seinen hohen roten Stelzen

feierlich näher, von Zeit zu Zeit wuchtig in den sumpfigen Boden hackend;

er ging dem Wasserlauf nach, der zu dem Springbrunnen führte. Kuttner

begann in seiner Ohnmacht den Zwerg mit der flachen Klinge zu prügeln.

Maximilian, die Fäuste ballend, verfolgte die Szene. Der Zwerg sprang

erbost unter dem Hageln der Hiebe herum. »Friß. Er soll fressen«, schrie

Maximilian. Der Zwerg machte sich heulend los: »Was soll ich fressen? Was

soll ich fressen? Bringt mich nicht um.« Unter den steifen Blicken

Maximilians, den in den Sand spritzenden Schlägen Kuttners stürzte er sich

kreischend, verzweifelt die Arme aufwerfend, in den Saal vor dem Becken.

Und da kam mit gravitätischem Schritt der langbeinige Schnabelträger her.

Wie der Zwerg das Geräusch hörte, zuckte er zusammen. In Todesangst kroch

er hoch und nun warf er sich auf den Storch. Er war nicht höher als die

Beine des Vogels waren. Mit den Armen packte er nach der Brust des Tiers,

das krächzend flügelschlagend zurückwich, sich schüttelte, sogleich gegen

das kleine Wesen losging. Es hieb wie ein Drescher mit dem Schnabel auf den

Zwerg herunter, der ungeschützt einen Hieb dicht unter dem Hals empfing.

Seine Kappe zerriß, er knickte auf die Knie; schien aber sonst nichts zu

bemerken. Nur auf die federbesetzte Brust des großen Vogels starrte er,

schon hing er mit beiden umschlingenden Armen an seinem Hals, der sich

wand, drehte, sich zu entziehen versuchte. Seine Beine zappelten unten, das

starke Tier stand krächzend krächzend einen Augenblick, bis es vornüber

sank. Der Narr wälzte sich mit dem Storch im Sand. Sein Gesicht war nicht

zu sehen, es war in die Brust des schreienden fast menschlich kreischenden

Tieres vergraben. Er spie Federn, kaute und biß an der zähen Haut, dem

krampfhaft zuckenden Fleisch; sein eigenes Blut lief unter ihn; das

Tierblut leckte und schlürfte er. Und nun, noch eben in der Angst der

Degenhiebe, vergaß er, wer hinter ihm stand, wer auf dem Stuhl sitzend

vornübergebeugt mit langgezogenem Gesicht ihm zusah; er fing an seine

Kiefern zu bewegen und erst mit Widerwillen, dann mit wilder Besessenheit

zu fressen, zu vernichten, das zuckende schreiende Tier zu vernichten. Der

Storch auf der Seite liegend suchte wie ein gefallenes Pferd den Hals

reckend mit den Beinen ausschlagend hochzukommen. Das schwere Gewicht des

malmenden Zwerges zerrte ihn herunter. Wie der Vogel einen hellen

durchdringenden Trompetenschrei ausstieß, verlangte der Kurfürst, daß

Kuttner, der seitwärts schielend dastand, mit seinem Degen spielte, den

Zwerg abrisse. Kuttner bückte sich herangehend, packte den Zwerg am Rücken.

Der verbissen ließ das Tier nicht los. Als Kuttner ruckartig an dem

Geschöpf zog, ließ der Zwerg die Arme vom Hals des Tieres los, aber in

gräßlicher Weise hing er mit dem Gesicht wie verwachsen im roten klebrigen

Sudel an der Brust des Vogels; rechts und links lief und spritzte hellrotes

Blut den Boden. Mit einem Fluch klemmte der Kavalier seinen Degen zwischen

die Beine, laut hörbar wurde das brünstige Mahlen, Knurren, Schlürfen,

Schlucken des Zwerges, der mit den Armen wieder versuchte, nach dem Hals

des Vogels zu hangeln; der Storch hielt den Hals senkrecht über ihn,

entsetzliche Hiebe mit dem Schnabel fuhren blitzschnell auf die Waden und

Rücken des Mörders, dazwischen die schrecklichen hohen Schreie. Kuttner

griff zu, die Beine des Menschen packte er, ein Zug, er schwang den Zwerg

um sich, ließ ihn ins Beet absausen. Der Vogel schwankte mitgerissen,

krächzte, stand im Augenblick auf den Beinen, von oben troff das Blut,

flügelschlagend macht er kehrt, taumelte davon. Aus dem Blut kam der

grauenvoll beschmierte Zwergenkopf hervor; Wutgeheul, Tränen. Der Kurfürst

ging rasch an ihm vorbei; er nahm Kuttners Degen, stieg ausspeiend auf das

Beet zurück, spießte senkrecht von oben stechend den anstrebenden Zwerg mit

dem rechten Oberschenkel am Boden an.

In der Kunstkammer vor einer kostbaren Truhe, Stuckrelief mit

keulenschwingenden Kentauren, die vergeblich andrangen gegen die sanfte

Menschengruppe der Gerechtigkeit Weisheit Stärke Mäßigkeit, standen sich

Maximilian und Kuttner im Halbdunkel eines Pfeilers gegenüber. Maximilian

hieß ihn sich seinen Degen holen; der Zwerg zeterte noch. Als Kuttner mit

der blutigen Klinge wiederkehrte, saß der Kurfürst nahe einem Fenster. Sie

hörten dem sich entfernenden Gejammer zu. In der Stille schüttelte sich der

auf der Truhe, Maximilian: »So sollte mein Arzt schreien.« Stieß ein

hitziges Lachen aus, seine Augen blitzten erregt. »Wißt Ihr, Kuttner, was

heute für ein Tag ist?« »Michaelstag, Durchlaucht.« »Sankt Michael. Das ist

der Schirmherr der Deutschen. Wir haben eben gut gekämpft; er wird uns

loben.« Maximilian lachte sanfter und erschöpft. Kuttner bog seinen

frauenhaften weichen Leib vor, hob die langfingrigen Hände vor die

spitzenbesetzte Brust: »Der Narr war ein Vieh, Euer Durchlaucht. Wo gibt es

so etwas in der Welt.« »Wir haben beide tapfer gefochten. Sankt Michael hat

im Lande Moab dem Satan die Leiche Moses abgerungen. So habt Ihr gerungen.

Ich bin matt, Kuttner, und fühle mich besser.« Der lächelte verbindlich,

schwieg. »Ihr seid mir der liebste Mensch am Hofe, Kuttner; Euch vertraue

ich wie fast keinem.« Plötzlich hob, nach einigem Suchen, Maximilian

leidenschaftlich die Arme, hauchte aufflammend: »Kuttner, was soll

geschehen!« Er zog den anderen an der Hand zu sich herunter: »Ich bin

verloren. Ich --« Er stammelte. »Vor dem wüstesten Menschen der Erde liege

ich, vor diesem Goten. Er wird sich eine Freude daraus machen, mich zu

beschimpfen. Heiland, mein Heiland, wohin sind wir geraten.« Der Fürst

schien vor einem Tränenausbruch, jammernd und zähnekrachend sah er zu

Kuttner auf. Verlegen wich der mit den Augen aus; es gäbe himmlischen

Schutz für Deutschland. »Sagt mir das noch einmal, Kuttner. Ihr seid soviel

jünger als ich. Wenn es keinen himmlischen Schutz für uns gibt: ich sehe

keine Rettung. Ich hab' mich übernommen. Es war zuviel für mich. Setzt Euch

neben mich. Habt keine Scheu. Laßt mich an Euch anlehnen. Ich habe keine

Frau, keinen Freund. Mein Vater ist krank. Ich will mich aussprechen, Ihr

werdet mich nicht verraten. Regensburg ist mir nicht geschenkt worden. Ich

bin wie ein Lump, der alles verwettet hat. Ich kann nur greinen.« Nun

weinte er wirklich, Kuttners Schulter umfassend.

Der hatte seine Scheu rasch überwunden; er kannte die Krankhaftigkeit des

Kurfürsten, gab nach: »Was soll dies für ein Michaelstag in Deutschland

sein, wo Eure Durchlaucht zerknirscht ist. Wir geben nicht nach, der Satan

wird unserer nicht Herr werden und wenn er sich mit den ledernen Kanonen

der Finnen und allen schwedischen Neuigkeiten bewaffnet.« »Mir wär' wohl,

Kuttner, ich hätte diesen Tag nicht erlebt. Wie hab' ich mich hoch über

meinen Vater gefühlt, der mir das Land hat abgeben müssen, weil es fast

ruiniert war. Aber ich! Aber ich! Seht hin, nein, seht nicht hin. Sehe

keiner hin. Es ist ein Grauen. Wir haben den Krieg über die Pfalz und

Böhmen getragen; es hat uns nichts ausgemacht die brennenden Dörfer, die

Leichen auf den Straßen haben uns eine Freude gemacht, wir sind als Sieger

durchgezogen. Was haben wir gesehen. Wir waren Sieger. Kuttner, jetzt soll

Bayern, mein Land, für das wir gesorgt und gegeizt haben, alles dulden. Ich

hab' mich lästern lassen als Geizkragen und schlechten Filz; seht hin, wie

alles gediehen ist, wie alles prangt und wohl ist. Für dies Land hab' ich

alles eingesetzt, mich selbst mit, mein Haus, die Ehre meines Namens, den

Ruhm der vergangenen Geschlechter. Wißt Ihr, was nun kommen wird, wer das

ist. Ein dicker roher plumper Mann, der die lutherischen Schimpfworte vom

Morgen bis Abend wie einen Wohlgeschmack im Mund führt. In unseren reinen

reichen Kirchen wird er sich wälzen wie ein Schwein. Meine gehegten

geliebten Städte, o Ihr kennt sie ja, er wird drin herumschnüffeln, Feuer

wird er auf sie werfen, arm wird er sie erpressen. Ich werde nicht da sein,

ich werde irgendwo mit dem Hof sitzen. O ich will nicht. Ihr Menschen, was

ist über mich verhängt. Wie hab' ich das versündigt.« Den jungen Gesandten

hatte er losgelassen, sein Kopf hing seitlich über der Brust, er

schluchzte, stammelte.

Kuttner kniete vor ihm, streichelte sein Knie: »Sprecht nicht so laut,

gnädiger Herr; man könnte Euch hören. Seht doch mich an, hebt Euren Kopf,

wo ich bin. Ich bin Euer Gesandter in Paris. Erinnert Euch des Königs

Ludwig. Laßt Eure Seele nicht so im Sumpf. König Ludwig will Euch wohl, er

braucht Euch. Graf Tilly ist bei Leipzig nicht vernichtet. Der Schwede wird

aufgehalten werden.« »Das glaubst du, Kuttner? Freu' dich. Ich bin schon

halb auf der Flucht. Ich jammere schon und beklage meine armen Münchener,

die frommen Klöster, die ganze Herrlichkeit. Es gibt keine Rettung.« »Man

rechnet in Paris auf Eure Durchlaucht. Man hofft, Ihr werdet den Augenblick

verstehen.« »Was ist, Kuttner.« »Ihr seid kein Freund Habsburgs, glaubt man

zu wissen, und sicher kein Freund Spaniens, weil es Euch die Pfalz

mißgönnt. Man meint in Paris, Ihr werdet nach dem Leipziger Schlage

begreifen, worum es sich dreht. Ihr werdet irgendwie mit dem Schweden

paktieren. Frankreich hat es schon getan.« Der Kurfürst wischte sich das

Gesicht; abgewandt bat er: »Setz' dich neben mich, Kuttner. Knie nicht da.

Erzähle.« »Ich hab' Euch nur zu melden: der Pater Joseph sagte mir, als die

Nachricht von Breitenfeld einlief: ich sollte verhindern, daß mein

kurfürstlicher Herr sich von diesem Unglück getroffen fühlt. Das

kaiserliche Heer sei geschlagen. Es sei eine Warnung über den Regensburger

Weg hinauszugehen -- nach Wien; ein Wink für Eure Kurfürstliche

Durchlaucht, nicht mit der falschen Partei zu halten.« »Ich bin nicht

geschlagen, ich bin nicht geschlagen.« »Vielmehr meinte der so gelehrte und

weltkundige Pater: Ihr hättet sozusagen einen Vorteil errungen. Ihr hättet

es in der Hand, den Kaiser wissen zu lassen, wie es steht und wie Ihr es

auffaßt. Schließlich habt Ihr nicht Pommern und Niedersachsen zu

verteidigen. Die Liga ist nicht gegründet, um Pommern zu befreien.« Mit

gezwungenem Lächeln betrachtete Maximilian ihn von der Seite: »Du, lieber

Kuttner, meinst, ich bin nicht besiegt. Es wird alles wieder gut.«

»Kurfürstliche Gnaden, Eure Stunde kommt. Ich spreche, was mir der Kardinal

und der Pater oft eindringlich nahegelegt haben: Ihr solltet Mut haben. Der

Kaiser ist gerichtet. Alle deutschen Stände wenden sich nach den

friedländischen Untaten, die er begünstigt hat, von ihm ab. Greift zu.

Jetzt seid Ihr in Notwehr. Es geht um Euer Land und Euer edles Haus.« »Was

hat Richelieu gesagt?« »Stellt Euch dem Schweden nicht in den Weg. Haltet

es wie der allerchristlichste König: begünstigt ihn und sucht Euren

Vorteil. Frankreich rät Euch das. Es rät Euch das, weil Ihr sein

Bundesgenosse, sein natürlicher Bundesgenosse im Kampf gegen Habsburg seid.

Frankreich hat einen Vorteil von Euch; es wird Euch nicht Schlechtes

raten.«

Maximilian, den Arm auf der Schulter des schlanken Jünglings, blieb still,

sein Gesicht wurde länger, seine Nase rümpfte sich, leise: »Glaubst du, daß

er den Storch umgebracht hat?« Leicht verwirrt Kuttner: »Sehr tief war die

Wunde nicht.« »Ein ekler Mensch. Laß dich doch ansehen. Das ist also ein

Mensch, der mich nicht aufgibt. Ich muß mich wohl an dich halten. Und wie

hat Richelieu gemeint, Kuttner, besänftige ich den Schweden am besten?«

»Besänftigen, Durchlaucht -- ich rede mit aller Offenheit, die Ihr erlaubt

--, es ist ja nicht nötig. Wer, glaubt Ihr, sei der Schwede. Ich habe mir

viel von ihm erzählen lassen. Er rechnet wie Ihr und ich. Er hat seinen Haß

wie ein dummer Lutheraner, aber das verwirrt seine Rechnung nicht. Zuerst

Eure Liga aus dem Spiel: seid gewiß, Ihr braucht ihn nicht mehr mit Worten

zu besänftigen.« »Daß ich so wie von einem Fall gelähmt bin. Mir liegt --

ich habe ein dumpfes Gefühl -- eine ziehende Angst in den Knochen. Bin ich

nicht in einem wilden gräßlichen Traum, der mich nicht losläßt.« »Also

hätte Eure Durchlaucht nur darüber anzuordnen: wie sich Graf Tilly

verhalten soll. Befehlt ihm, Waffenruhe anzubieten.« »Ich wäre nicht

besiegt, ich wäre nicht geschlagen, meint Richelieu.« »Ein Entschluß hilft

Eurer Durchlaucht.« »Es ist nicht denkbar. Mein Arm, meine Knochen.« »Die

Lage hat sich zu Euren Gunsten gewandt; Ihr könnt eine entscheidende Rolle

spielen.« »Nun will ich aufstehen. Du hilfst mir, Kuttner, und begleitest

mich auf meine Kammer. Ich freue mich. Es geht mir besser.« Maximilian

schwankte am Arm des schlanken sanften Kuttner durch die lange Kunstkammer.

Sie gingen über den Hof. Dem Fürsten schauerte es in der Herbstluft. Er sah

lächelnd seinen Begleiter an. Der Oberstkämmerer erwartete ihn auf der

großen Freitreppe. Der Kurfürst hatte das Gefühl, bald froh zu schlafen wie

lange nicht. Nur als er in der finsteren Nacht erwachte, fühlte er auf dem

Rücken liegend die fremdartige Geschlagenheit, Zerbrochenheit, Zermalmung

in seinen Gliedern. Er flüchtete, mit ihr ringend, in den Schlaf.

Der französische Gesandte Charnacé, der rothäutige Soldat, und Kuttner, am

nächsten Tage vom Kurfürsten und seinen Geheimen Räten gemeinsam empfangen,

reisten zu Gustaf Adolf ab. Sie brauchten nicht weit zu reisen. Jenseits

des Thüringer Waldes stand er in Erfurt, nachdem er Leipzig Halle und

Erfurt überzogen hatte. Vierzehntausend Schweden bevölkerten die Stadt. Der

König wohnte im Gasthof zur Hohen Lilie. Er nahm die Gesandten auf einem

Umritt mit; auf dem Petersberg, wo das Jesuitenkloster stand, fingen sie

ihre Gespräche an. Der dicke König war von deutschen Fürsten umringt, er

war lärmend freundlich zu ihnen, sie kamen zu keinem Ende. Er lud sie bei

seinem Aufbruch, als sie mißmutig ihre Lage bedachten, ein, ihm noch einige

Tage zu folgen.

Über Gotha und Schmalkalden in einem Haufen, über Arnstadt und Schleusingen

im andern schob sich das Schwedenheer durch den Thüringer Wald. Während

dieses Marsches ließ der König und keiner seiner Umgebung sich sprechen;

die Gesandten wurden herrlich verpflegt; mit Jammern und Schmerz sah der

weiche Kuttner, mit welcher Schnelligkeit man südlich kam, Charnacé

erklärte fluchend, er werde nach zwei drei Tagen das Lager verlassen. Ihm

graute auch; er sagte: zwei drei Tage, konnte sich aber von dem betäubenden

Vormarsch nicht trennen; er mußte sehen, wohin das ging, ob es gar gegen

Westen auf den Rhein zu ging. Vor ihnen ergab sich die Würzburgische

Festung Königshofen auf das Anblasen der Trompeter. Mit stiller Trommel

wich die kleine kaiserliche Besatzung aus Schweinfurt. Der panische

Schrecken lief dem Schwedenheer voraus. Würzburg näherte man sich, der

reichen Stadt des Fürstbischofs Franz von Hatzfeld. Die Stadt kapitulierte

auf den Trompetenruf. Am linken Mainufer auf steilabfallendem Felsen das

feste Schloß Marienberg: der Kommandant übergab es nicht. In der Nacht

wurde es gestürmt innerhalb einer einzigen Stunde, keiner von der Besatzung

entkam.

Man besichtigte die Beute: Reliquien, silberne vergoldete Brustbilder

Ornate Kelche Kirchenschätze. Alles ritt in die Stadt ein; aus der

fürstlichen Silberkammer wählte Gustaf, den Franzosen mit seiner plumpen

Hand einzelnes weisend, für sich Edelsteine Perlen Gold und Silbergerät

aus; die Hauptmasse stellte er seinen Offizieren zur Verfügung. Da war noch

die berühmte fürstbischöfliche Bibliothek, für die der hochgelehrte Echter

von Machspalbrunn jahrzehntelang gesammelt hatte; an ihr ritt man vorbei;

der König gab Befehl, sie und die Bibliotheken der Universität und des

Jesuitenkollegs in Ruhe einzupacken für den Transport nach Upsala.

Endlich ließ im Zeughaus der Schwede sich zu einer Unterhaltung mit den

beiden fremden Herren herbei; Charnacé sprach erst für sich mit dem König.

Der setzte sich auf den Rand einer Pauke, schlug vergnügt mit dem

Seitengewehr auf das brummende Fell, umarmte Charnacé, brüllend: »Zu

saufen, Marquis, zu saufen, zu saufen. Was hat uns unsere Freundschaft

soweit geholfen. Laßt sie uns begießen.« Man trug auf das Rufen des Königs

Wein in Kannen und Becher her; flau trank Charnacé; er hoffe noch größeren

Gewinn des Feldzugs und worauf der König hinauswolle. Das wollten sie alle,

schluckte Gustaf, von ihm wissen; wisse es selbst nicht so genau; die

Fortuna des Kriegs sei die Meisterin. Er tat dann, als verstünde er den

Welschen nicht, wie weit er gegen den Rhein wolle; zeigte ein übermütig

joviales Verhalten; nur nebenbei konnte der andere anbringen, daß sein

König auf Metz gezogen sei, das ja seit Jahrzehnten unter französischem

Schutz stünde, und daß er die Bevölkerung dort, die ihn gerufen habe,

beruhigen wolle. Schmetternd lachte der Schwede und freute sich; ja er

wüßte, daß sie ihn fürchten, sei wohl der Gottseibeiuns für sie, fräße und

verschlucke sie, es sei ein Spaß. Er war nicht zu fassen.

Wallenstein. 2 (of 2) · 第 17 / 44 题