Beim Hinzutritt des Bayern wurde der Schwede, der sich in übertriebenen

Komplimenten erging, noch lärmender. Nun mußten Stühle und Bänke

herangeschleppt werden; Grubbe und Oxenstirn sollten mit ihnen festieren

hier im Zeughaus, wo alles sich so freue. Kuttner mußte vorbringen, daß er

um besonderes Gehör mit seinem französischen Freund bäte. Das fand Gustaf

kostbar und auch sehr schön. So würden sie denn zu dritt hier sitzen,

miteinander schwatzen; er, der Kuttner, von dem er schon gehört habe, sei

ja ein prächtiger junger Herr; wie spaßhaft: man könnte glauben, der Herr

sei ein Edelfräulein, so schön und vornehm sei er; darum sollte er auch

doppelt festlich aufgenommen werden von ihm und seinem Hofquartier, nach

echt schwedischer Art. Nun fing Kuttner, der blaß und traurig war, da der

fremde König nicht auf sein Geleis biegen wollte, mitten im prahlenden

Gewäsch und Gekicher sein leises Vorbringen an; Gustaf veränderte sein

Gehaben nicht, sie sollten nur abblasen, dieses hier, dieses

außerordentlichen Weins zu verschmähen; aber Kuttner solle sich nicht

stören lassen, er sei ein prächtiger junger Herr, er höre ihm mit

wirklichem Behagen zu. Und so mußte Kuttner, vorsichtig von Charnacé, der

neben ihm saß, sekundiert erzählen, was sein Herr ihm aufgetragen hatte:

von dem bayrischen Wunsch, den gewaltigen Siegeslauf des Schweden nicht

aufzuhalten und in Neutralität zu treten. Gustaf schrie, sich von der Pauke

erhebend und seinen Becher absetzend, das sei ja ein Glückstag, ein

unerhörter Glückstag; was sei ihm denn lieber als mit anderen Menschen in

Frieden zu leben. Er streckte, gewaltig im Lederwams mit der Riesenschärpe

stehend, zu beiden Seiten seine Arme in die Höhe: so möchten zerschmettert

werden, die Feindschaft und Tod durch ihr gehässiges tyrannisches Gebaren

in die Welt trügen; er freue sich über alles Maß, daß alles so käme, wie er

sich gedacht habe. Er umarmte den errötenden Kuttner; Charnacé lächelte

melancholisch. So umarme er mit ihm den bayrischen Kurfürsten. Und darauf

rülpste er stark. Sie sollten bald Bescheid erhalten. Er verabschiedete

sich herzlich und immer wieder menschenfresserisch lachend und schmetternd

von ihnen, die er seinem Kanzler empfahl.

An der Würzburger Domkirche vor den Gittern unterhielten die schwedischen

Soldaten vier offene Spieltische; Säcke mit Talern und Dukaten standen

neben ihnen; auf dem großen Platz brüllte zusammengetriebenes Vieh; für

einen Reichstaler wurde die Kuh losgeschlagen, ein Schaf für einige Batzen.

Wie in dem allgemeinen Lärm der Regimentsmusiken Spieler Tiere die

Gesandten nach einigen Tagen über den Domplatz ritten, kam der königliche

Kurier hinter ihnen her mit einem Brief. In ihrem Quartier lasen sie dann

den schrecklichen schwedischen Bescheid. Neutralität des Bayern nähme der

König herzlich gern an, jedoch müsse die Liga ihre herzliche Gesinnung

ihrerseits auch beweisen, so, indem sie ihre Truppen auf zehntausend Mann

vermindere, natürlich auch alles zurückgebe, was sie Evangelischen genommen

habe, den König in allem Besitz lasse, den er okkupiere und okkupieren

werde. Dafür werde der König Bayern nicht überziehen; er gewähre einen

vierzehntägigen Stillstand zur Überlegung.

Nur dies war Kuttner sicher, daß er sogleich aus Würzburg aufbrechen

wollte; wohin, wußte er nicht. Er klagte: »Ich kann nicht zu meinem Herrn

mit diesem Bescheid.« Ihm stand vor Augen der ernste Abschied von

Maximilian. »Kommt!« lockte Charnacé; den reizte die Begegnung mit dem

Bayern, der sich so lange gegen das Bündnis mit Frankreich gesträubt hatte,

»Ihr müßt hin.« »Helft mir, Marquis, ach unterstützt mich vor ihm.« »Habt

Ihr Furcht vor Eurem Herrn? Ihr habt Eure Sache so gut gemacht.«

Maximilian nahm den Franzosen nicht an; vor Kuttner hingesunken stöhnte er:

»Es ist eine Rettung; vierzehn Tage Zeit; ich kann es noch abwenden. Oder

es ist eine Folter: ich muß es vierzehn Tage hinziehen und es muß doch

geschehen, ich muß mein Land und mich vernichten lassen, wenn ich in Ehren

bestehen soll. Verratet mich bei meinem Vater nicht, Kuttner; bleibt bei

mir die Wochen. Es könnte doch sein, daß sich alles ändert. Glaubst du

nicht, daß sich noch alles wenden kann. Es kann doch nicht wirklich sein,

was mir jetzt passiert.«

Kuttner weinte, wie er allein war.

* * * * *

Unter der Annäherung der fremden Eroberer entstanden Revolten bei den

bayrischen Landfahnen; viele flüchteten, suchten ihre Habe zu verstecken,

sich und die Angehörigen in Sicherheit zu bringen. In dem straff regierten

Lande ereignete es sich zum erstenmal, daß die Landstände gegen die neu

auferlegten Kriegssteuern protestierten, auf der einberufenen Versammlung

in München fehlten viele: Aufrührer gingen durchs Land. Vor Preising

stellte sich ein kurzer Kerl hin, das Gesicht wie ein Waldmensch umwachsen,

die Leute liefen ihm zu, predigte vom Schindeldach eines Häusleins:

Da käme der Schwede und juch, sie hätten den Krieg im Land. Würde ihnen das

behagen! Der Krieg ist Sache der großen Herren. Bevor man ihnen nicht die

Köpfe abschnitte, verharrten sie dabei, den Krieg auf die kleinen Leute zu

jagen. »Der Kurfürst in München hat es in der Hand Frieden zu machen; es

wird ihm nicht passen; er hat Pferde und ist bald davon. Legt die Fürsten

lahm, alle zu Hauf. Es geht um eure Haut, ihr habt nichts weiter zu

verlieren. Wollt ihr Lumpen und Hundsfötter werden, bis der gnädige Herr

euch beim Schopf hat? Bis er euch gepreßt hat mit Weibeln, Profossen,

Korporalen und seiner ganzen Teufelsgarde, daß ihr ihm dient im Krieg als

seine Söldner und totgeschlagen und geschunden werdet, während der Schwede

euer Vieh frißt, eure Scheunen ansteckt, euer Weibsvolk verschändet, die

Kinder ins Feuer wirft. Des Kurfürsten Korporale werden mit euch ihr Spiel

treiben, seht euch vor. Träges faules Volk ihr. Was ist denn ein Fürst, ein

Herr, ein Kurfürst und großgewaltiger Kaiser. Macht einen krummen Buckel

vor ihm und er ist euer Kaiser. Zeigt ihm den Steiß alle zusammen und ihr

werdet sehen, wie lange er noch Kaiser ist. Er ist ja nur mächtig, weil ihr

Furcht habt und Angsthasen seid. Er hat keine Macht. Aber seht eure

Hosenböden an, da findet ihr sie. Betrug und Einbildung ist die Regiererei,

auf dem niedrigsten und höchsten Thron. Ihr seid schuld daran, ihr alle,

daß es uns so geht, man müßte euch mit Knüppeln totschlagen, daß ihr so

dasteht und die Mäuler aufreißt. Der Krieg täte euch gut, damit ihr seht

und fühlt und schmeckt, was ihr für gottvergessene Schurken und Hundsfötter

seid. Was ihr versündigt habt durch Dummheit und Narrheit, wird kein

Heiland gutmachen; er könnte zu euch kommen und ihr würdet ihn noch nicht

ansehen, wenn er euch helfen will. Durch eure Dummheit und Furcht regieren

die Fürsten, in eurem Kopf steht ihr Thron, für ihre Schandtaten und ihren

Übermut bürgt ihr. Eure Jämmerlichkeit ist so groß, daß ich ein Maul wie

der babylonische Turm haben müßte, um sie zu beschreiben. Es ist ja an der

ganzen gefürchteten Macht der Fürsten und Tyrannen nicht viel mehr als an

einem Traumschrecken, einem eingebildeten Alb. Feige Schufte haben die

Fürsten groß werden lassen. O ihr jammerbaren Schufte und Klötze. Die

Fürsten sind eine Schande, sie sind eure Schande. Sind die leibhaftigen

Teufel und ihr seid des Teufels Mutter und Großmutter. Bald wird der

Schwede da sein und ihr werdet sehen, wie sich der Teufel seine Gehilfen

ausgesucht hat zum Dank, daß ihr ihn so dick gemästet habt. Lauft nach

München. Da sitzt einer auf dem Thron, den ihr ihm gebaut habt, damit er in

Ruhe Riemen aus eurer Haut schneiden kann. Sagt, es wird Krieg, Herr

Kurfürst! Kommt der Schwede herein oder kommt er nicht herein. Helft uns.

Er wird euch totschlagen lassen für sich. Tut euch zusammen zu einem

Gewalthaufen. Nehmt eure Messer. Und wenn er nicht sagt, was euch gefällt,

so könnt ihr eine Freude haben: die Fürsten haben einen Hals zwischen dem

Kopf und den Schultern; macht euch einen Spaß. So ein Mann spritzt nicht

mehr Blut wie ein Kalb.«

* * * * *

Über den Thüringer Wald herüber auf Königshofen, Würzburg. Westwärts

mainabwärts durch den winterlichen fränkischen Kreis. »Die Goten kommen,

die Vandalen kommen!«

In Würzburg inthronisierte sich der Schwede als Herzog von Franken; die

Stiftsangehörigen, geladen auf den Markt von Statthalter Kanzler und Räten,

schwuren betäubt mit handgebender Treue einen Eid zu Gott und auf das

aufgeschlagene Evangelium, niemanden anders als die Königliche Majestät von

Schweden, deren Nachkommen und Regierung als alleinige Landes- und

Erbherrschaft anzuerkennen. In dem Tosen des Marktes feierte ein

schwedischer General, von einer Freitreppe radebrechend, die Würzburger,

die die Köpfe senkten, als seine neuen Landsleute und gute Schweden.

Ausschwärmend nahm der Schwede von dem Land Besitz. Abteien und Klöster

Frankens fielen seinen Generalsoffizieren zu. Es gab nur herrenloses Land,

Menschen und Gut. Dem ehemals schwedischen General Herzog Georg von

Lüneburg wurde die Stadt Minden, das mainzische Eichsfeld zuteil. Die freie

Reichsritterschaft schickte huldigend ihren Direktor, den großmäuligen Adam

von Rotenhan, samt zwei Grafen von Erbach; sie erhielten hingeworfen die

Benediktinerabtei Amorbach. »Der evangelische Glaube siegt!« brüllten die

beladenen Finnen, die Schweden auf ihren keuchenden Beutepferden; es durfte

niemand ihnen etwas verwehren, sich und seine Habe verschließen. Sie übten

Gerechtigkeit mit Feuer Schwert und Torturen, in schmachvoller Knechtschaft

hatte das Reich bis da gelegen, den Papisten durfte es nicht gut ergehen,

den Lutherischen nicht besser: so stachelten sich die Fremden.

Immer mehr Deutsche schlichen um den leckeren Tisch. Dem Grafen

Löwenstein-Wertheim stopfte man den Rachen. Der Rat der Reichsstadt

Schweinfurt verbeugte sich vor den Knechten Offizieren Generalen und der

königlichen Würde selber; vierzehn würzburgische Dörfer, dazu Güter des

Hauses Echter und Klöster waren für die Stadt zu haben. Nürnberg lag im

Rücken, man ließ es nicht vorbei, es sollte sich entschließen; die Korona

der städtischen Hochgelehrten und Genannten beriet sich, der schreckliche

Herzog von Franken fragte sie dringend durch seinen Unterhändler nach ihrer

Gesinnung; sie unterwarfen sich, versprachen zu liefern, was er wollte. Der

ganze Kreis, mit Peitschenhieben und Sporenstößen angefahren, gelobte

zweiundsiebenzig Römermonate für das gemeine evangelische Wesen zu

bewilligen. Zu Regensburg hatten die drei geistlichen Kurfürsten das große

Heilige Reich mitordnen helfen, sie hatten das gewaltige Tier Wallenstein

von seiner Armee gejagt, die Armada zerblasen. Ihre Macht waren jetzt

Buchstaben, geschrieben auf brennbarem Papier; Reichsgrundgesetze,

kaiserliche Wahlkapitulation: der König der Schweden Goten und Vandalen

wollte nicht lesen. Er fragte nach der Zahl ihrer Knechte. Dann fragte er,

ob sie seine Freunde wären, und sie sollten ihm für diesen Fall monatlich

vierzigtausend Reichstaler zahlen, Proviant liefern, ihre Festungen

überlassen. Sonst werde er ihre Städte verwüsten, und wenn sie

rebellierten, das Kind im Mutterleibe nicht schonen. Die geistlichen Herren

spien.

Er zog mit zwölftausend Mann auf Frankfurt am Main, zum Bockenheimer Tor

hinaus auf Höchst. Kastell, Bingen und Mäuseturm in seiner Gewalt. Eisiger

Winter. Er bedurfte schon keiner Truppen mehr zum Sieg. Acht schwedische

Reiter überfielen die Stadt Eberbach am Neckar, nahmen sie ein; Beute

machten sie, die Behörden ließen sie einsperren. Mit sechstausend Mann zu

Fuß, dreitausend Reitern, dabei vielen Engländern richtete sich das Heer

auf Mainz. Das steckte nach zwei Tagen die weißen Fahnen heraus; von

Wittenhorst saß drin, mit Sack und Pack, Ober- und Seitengewehr, zwei

Feldstücken zog er aus nach Luxemburg.

Dann saß die schwedische Majestät, die aus Upsala über die Ostsee mit

Schiffen gefahren war, Pommern und Brandenburg unterworfen, bei Breitenfeld

Tilly den kaiserlichen Feldherrn beiseite geschleudert hatte, in der Sankt

Martinsburg und überwinterte. In Ruhe, barbarischer Lust breiteten die

Schweden sich in der Stadt aus. Furchtbare Summen wurden der Geistlichkeit

und Bürgerschaft auferlegt. Die Brandschatzung konnte nicht gezahlt werden,

da liefen die Fremden in die Kirchen Klöster Kollegien, versteigerten zum

Fenster hinaus die Ausstattung an Bürger aus Frankfurt und Hanau. Die

Schatzung der Bürger wurde auf sie häuserweise verteilt, die Häuser der

Schuldner niedergerissen straßenweise, das Holzwerk verkauft. Rasch ging

man ans Schanzen, riß Klöster und Kapellen nieder, die Kirchen verwandelten

sich in Ruinen für Festungswerke. Beim Abbruch sang man den Katholischen

zum Hohn: »Ein feste Burg ist unser Gott«, die Sankt Albanskirche streckte

man hin als Schanze Gustafsburg an der Einmündung des Mains; so half sie,

sagte der schwedische General, Gott loben.

Der Schwedenkönig ruhte monatelang in Mainz. Er lag in dem grellen Licht

des Schreckens. Die Deutschen liefen um ihn. Von drüben, von Schweden hörte

er nicht viel. Einsilbig waren die Nachrichten, klagend über den schweren

Druck, der auf dem Lande liege, grollend über das verzehrende deutsche

Wesen: daniederliegt der Handel, kein Silber im Land, die Kupfermünzung

betrügerisch; unerhörte Teuerung, verödet ganze Bezirke, Kirchspiele ohne

einen kräftigen Arm. Der König fragte vorsichtig an um sechs Regimenter zu

Fuß, der Reichsrat bewilligte knapp drei. Es kam in der Antwort heraus: so

wild eroberisch sei der deutsche Krieg nicht gedacht gewesen. Seinen Ärger

blies Gustaf von sich; so war die Sache nicht gedacht, aber er hatte

Deutschland, sie würden sich ändern. Er wollte die evangelische Vormacht in

Europa an sich nehmen und sich dem Kaiser, dem Haupt der Papisten, starr

gegenübersetzen als Haupt des evangelischen Wesens.

Und in der Tat: wenn er schon gläubig gewesen war, nach seinen Siegen ließ

er Taten sprechen. Gnadenlos fielen in diesem Winter alle fremden

Gotteshäuser und Kapellen; er sagte: es solle, soweit er gebieten könne,

kein Spott mit dem Namen Gottes getrieben werden. So gewalttätig fest er

war, hier fürchtete er, etwas zu versehen. Oxenstirn selbst wunderte sich,

wie wahnsinnig die Augen des Königs flackerten, wenn Flüche um ihn laut

wurden, wie er mit eigener Hand gottlästernde Knechte den Profossen übergab

und sich nicht eher beruhigte, bis er sie am Galgen sah. In der Martinsburg

sprach er zu Weihnachten die Herren aus Nürnberg an, wies ihnen eine

Schrift, das Buch eines Archidiakonus zu Rochlitz, von dreifachem

schwedischen Lorbeerkranz und der triumphierenden Siegeskrone; darin nannte

man ihn Josua, Gideon, Matathias; man berief sich auf die Apokalypse,

sprach davon, er solle nach Rom gehen und die Stadt zerstören. Um die

nürnbergischen Herren wogte der Schrecken, sie hörten demütig zu. Der

schmerbäuchige Riese stand vor ihnen mit einem mächtigen schmucklosen Hut,

unwiderstehlich sicher wie Lämmern blickte er ihnen ins Gesicht: was Bayern

und die katholischen Erblande früher vermocht hätten! Wenn sich alles

zusammentäte: Pommern, Mecklenburg, Ober- und Niedersachsen, die Pfalz,

Franken, Schwaben, Reichs- und Hansastädte. Sie waren froh, entlassen zu

werden.

Und wie vor den ausruhenden Löwen immer neue Gesandte der deutschen

verängstigten Stände zogen, bündnisbeladen, kontributionspflichtig

abrückten, der Herzog von Celle, Bischof von Minden, Graf von der Wetterau

und vom Westerwald, Räte der Stadt Braunschweig, Ulm, Lübeck, Lüneburg,

Bremen, der vertriebene Herzog von Mecklenburg, da nahm auch der schöne

feine Friedrich von der Pfalz Abschied von den Hochmögenden im Haag. Der

Stein sollte wieder auf einen Wagen gehoben werden. Die ganze Versammlung

stand auf von den Bänken, als er an der Tür erschien, den buntfedrigen Hut

zog, sein schlaffes leicht gedunsenes sehr ernstes Gesicht bot und den

linken Arm schwenkend über sie mit strengen blauen Augen blickte, die wie

Glocken läuteten. Nun gehe er glücklichen Zeiten entgegen, nickte schwer

der greise Vorsitzende, der, den Hut auf dem Kopfe, sitzen blieb; sie

freuten sich, seine Wirte, ihren Gast und Freund so nahe an der Erfüllung

seiner Wünsche zu sehen; wer ausharre werde gekrönt. Friedrich bewegte

stumm die Lippen. Er war mit den Gedanken nicht anwesend, nickte nur;

hörte, daß man ihm eine Ehrengabe von fünfzehntausend Talern zudachte.

Niederländische Reiter nahmen ihn, die englische jubeljauchzende Elisabeth

und den Hof in ihre Mitte; bis in das wintervergrabene Hessen gaben sie das

Geleit. Das war Hessen, das war Frankfurt, das war Mainz. Die Karossen

fuhren hinter den Trompetern in die Stadt. Vor der fahnenschwingenden

teppichbehängten Martinsburg, zwischen den Ruinen der Häuser, wimmelnden

Schweden und Finnen auf einem gepanzerten Pferd der ungeheure Gelächter

abprotzende Gustaf Adolf. Schnee fiel über ihre Schultern. Am Arm der

schwedischen königlichen Würde kletterte die aufblühende üppige Engländerin

in den weiten Speisesaal, auf dessen Kredenzen der Raub deutscher

Landschaften prunkte. Hinterher schleifte verschwiegen und wehrlosen Blicks

der schlanke Winterkönig, die gehobenen Finger einer mageren langen Frau

berührend, hektische Wangen, purpurnes schweres Brokat, die von Minute zu

Minute vor Hysterie schrie, das Weib des Fremden.

Ein leichter Schwindel befiel den Pfälzer bei Tisch, als der Fremde ihn

»Majestät« nannte. Woran wurde er erinnert; man reichte Waschbecken und

Handtuch, der Fremde wollte sich erst nach ihm waschen, der König aus

Schweden: warum tat er das? Man wollte ihn mit Kunst lebendig machen.

Maskenball. Pechfackeln auf vier Ecksäulen in allen Sälen; Halbdunkel in

der Flucht der geöffneten Säle. Geigenmusik von bischöflichen Kapellen,

Trompetenbläser, Hatschiere. Der König tanzte im russischen Kleid plumpe

Nationaltänze; sein Kaftan aus Goldstoff, sein Kopf unter der weißen

eiförmigen Mütze versank im hohen Zobelkragen, die Füße traten und

stampften in stumpfen roten Schuhen, vorn mit Perlen besetzt; die Arme warf

er nach rechts und links, sie steckten in röhrenförmigen weiten Ärmeln. Die

pfälzische Dame sprang als türkischer Krieger daneben, wies ihre dicken

Beine in schwarzsamtenen Strümpfen, geschlitzten Schuhen; bis auf die Knie

fiel ihr weitfaltiger violettgeblümter Rock; der grüne Turban schlang sich

um die Ohren; man sah die blonden Haare nicht, nur das sprühende glührote

volle Gesicht. Unkostümiert mattäugig der Pfälzer, trinkend in einem

dunklen Erker, allein einen Tisch rundum umfassend. Der kleine spitze

Rusdorf trat grüßend an. »Rusdorf! Was willst du, Rusdorf? Tanz mit,

Rusdorf!« »Ich bin nicht geladen, Kurfürstliche Gnaden.« »Ksss--s, tanz!

Der König ist auch nicht geladen, er tanzt auch.« »Der König? Der König ist

Wirt.« »Laß mich in Ruhe. Er ist nicht geladen.« Rusdorf hielt seinen Herrn

für betrunken, suchte ihm über den Tisch ins Gesicht zu sehen. »Ihr hetzt

mich, Ihr hetzt mich, Ihr laßt mir keine Ruhe.« »Der Herr Kurfürst ist so

allein, ich rufe die durchlauchtige Frau.« »Ich sag's dir laut: ich lebe

und sterbe als der ich bin. Das hättest du hier mir nicht zeigen sollen,

dazu hättest du mich nicht holen sollen, daran hab' ich kein Teil.« Leise

Rusdorf: »Dann blieb Euch nichts als Euch dem Kaiser zu unterwerfen.«

»Hätt' es sollen. Ihr habt es mir nicht geraten.« »Der König!« flüsterte

Rusdorf; die Schwedenmajestäten näherten sich. Friedrich trank, trank,

stöhnte; seine Augen begannen zu glitzern.

* * * * *

Nicht einmal, als die erschütternden Nachrichten aus dem Westen kamen

konnten sich die Wiener Räte zu der Wiederberufung des Friedländers

verstehen. Man nahm zu der Schreckensnachricht von Mainz die Botschaft hin,

daß sich der Trierer Philipp Sötern unter den Schutz des Franzosenkönigs

gestellt, die Festungen Koblenz und Ehrenbreitenstein aus Entsetzen vor dem

Schweden den Franzosen übergeben hatte. Eine tief beschämende Kunde lief

ein aus Köln; dorthin hatten sich die Fürstbischöfe von Mainz Würzburg

Osnabrück Worms geflüchtet; sie versicherten durch den Mund des Kölner

Ferdinand, in kaiserlicher Devotion zu verharren. Aber der Kaiser sei weit,

ihre Lande, die Kirche, ihr eigenes Leben in furchtbarster Gefahr; sie

hätten, ohne die kaiserliche Zustimmung abwarten zu können, sich

entschlossen, den Allerchristlichsten König Ludwig um Hilfe anzugehen. Ihre

Vertreter seien nach Paris unterwegs.

»Was kann uns noch geschehen?« fragte Trautmannsdorf, »wir sind in

Deutschland ein wurmstichiger Apfel; Habsburg ist faul, der Schwede ist der

Wurm und der Franzose ist der Wurm. Hilft nur schneiden.« »Was bleibt von

dem Apfel übrig.« »Es wird uns bald nichts übrigbleiben, mein lieber Freund

Eggenberg, als der Schwedentrunk oder ein schmerzloser Schwertschlag durchs

Genick von unserem alten Gönner Wallenstein.« »Ich weiß, daß Ihr den

Friedländer wollt und der Kaiser ist nicht abgeneigt. Und wie lange dauert

es, bittet der bayrische Maximilian ihn wieder zu bestallen. Wir werden ihn

holen müssen. Es ist kein Gut daran, Trautmannsdorf.« »Nun dacht' ich, mein

liebwerter Freund sei von seiner Abneigung durch das Breitenfelder Treffen

befreit.« »Der Friedländer ist stark wie der Teufel; ich hab' es von

Anbeginn gewußt. Wir hätten gewiß den Schweden nicht gehabt, wir hätten

aber ein anderes Unheil gehabt. Wer weiß, ob der Kaiser noch in Wien säße,

ob Ihr und ich uns über Reichsangelegenheiten unterhalten könnten.« Der

Graf lachte: »Wär' es ein Schade? Ihr meint, der Friedländer säße dann

hier. Ihr wißt, ich konnte mich auch nicht dafür begeistern. Aber ich

meine: ist es angenehm, den Schwedentrunk hier zu schlucken? Angenehmer als

sich vom Friedland den Kopf schmerzlos abschlagen zu lassen?«

Es blieb Rettung bei Spanien und dem Papst zu suchen. Spanien war zu jeder

Leistung bereit. Zum Papst Urban reiste aus Preßburg Pazmany, der

Erzbischof von Gran, die Leuchte des Glaubens. Liebevoll hatte Ferdinand

seinen alten Ratgeber Eggenberg empfangen, hatte angehört, was er

unternehmen wollte, den Brief gelesen, den er für den Heiligen Vater

entworfen hatte. »Wir werden verlassen von denen, deren Sache mit der

unsrigen gleich sein sollte. Und nicht bloß das: der König, der den Namen

der >Allerchristlichste< führt, gibt dem Schweden Geld und andere Mittel,

uns zu bekriegen. Es betrifft nicht nur uns, sondern den Bestand der Kirche

und damit Eurer Heiligkeit. Zu Eurer Heiligkeit strecken die Angehörigen

der Kirche in Deutschland um Hilfe flehend die Hände empor. Wir bitten, daß

Euer Heiligkeit den Allerchristlichsten König abmahne von dem schwedischen

Bündnis, das er geschlossen hat wider den Regensburger Vertrag, und ihn

auffordere gegen den Zerstörer der Kirche an unsere Seite zu treten.«

»Wie könnt Ihr schöne Briefe schreiben, Eggenberg. Schön stilisieren!

Schlau setzen. Welcher Advokat ist an Euch verlorengegangen.« »Unsere Not

ist groß, gnädigster Herr, sie ist ungeheuerlich, kaum aussprechbar. Das

Reich war noch nie in solcher Gefahr.« »Und ist es nicht recht beschämend

für uns, dem Heiligen Vater solchen Brief zu schreiben.« »Nur eins bitte

ich Eure Kaiserliche Majestät, mir diesmal willfahren zu wollen.« »Warum so

ernst, Eggenberg; will Euch ja gern willfahren.« Und als Eggenberg ihm nur

stumm die Feder hinhielt: »Sieh da, wie Ihr zittert!« Steif hielt Eggenberg

die Feder, wortlos schrieb Ferdinand nach einer Weile.

Und lautlos, als er unterschrieben hatte, stand Ferdinand, wie von einer

Eingebung berührt, von seinem Stuhle auf; das rieselnde Gewimmel der

geschnitzten Männer und Frauen an den Lehnen sank hinter ihm herunter, sein

Gesicht gesenkt, von einem Lächeln der Spannung verzogen, seine Stimme hoch

leise fragend: »Es ist gut, daß ich dies unterschrieb. Der Weg ist gut,

Eggenberg. Ich billige ihn. Ich bin dabei. Ihr wollt den Heiligen Vater

befragen. Es soll mir eine Freude sein ihn zu hören. Ich möchte eine Stimme

von ihm hören.« Und dann als Eggenberg dankbar antwortete: »Eggenberg, dies

hat dir die Jungfrau eingegeben. Woher hast du das? Du willst den Heiligen

Vater befragen. Siehe da, wir werden den Heiligen Vater sprechen hören. Wir

werden ihn hören.« »Er wird uns nicht im Stich lassen.«

Ferdinand hob den linken Arm, streckte den Zeigefinger in die Höhe: »Die

Frage wird an ihn herantreten. Er wird ihr nicht aus dem Weg gehen können;

sein Geist wird antworten müssen. Ein Versuch. Eine Versuchung.« Mit den

Händen rückwärts den Stuhl abtastend ließ er sich nieder; er lachte wieder

gutmütig und zerstreut, den Kopf auf den Tisch über dem Schriftstück

aufstützend: »Ich weiß, wie er antworten wird, Urban der Achte in Rom.«

Der große Pazmany hatte sich auf den Weg gemacht, den Heiligen Vater zum

Schutz des alleinseligmachenden Glaubens im Römischen Reiche zu bewegen.

Einen Monat reiste er aus Ungarn, während der schreckliche Schwede seine

Verwüstungen weiter trug. Ehre erweisend kamen ihm römische Edle und

Kardinäle vor Rom entgegen. Den Kardinalshut verlieh ihm der Papst, ehe er

sprechen durfte. Dann suchte ihn der Papst zurückzuschrecken, indem er ihn

warnte, sich zum Gesandten herzugeben, ein Kardinal, der im Rang eines

Königs stände. Die Nachgiebigkeit Pazmanys ebnete alles; der Papst konnte

nicht ausweichen.

Wohin der Heilige Vater es kommen lassen wolle in seiner Furcht vor

Habsburg; ob die vielen Millionen frommer rechtgläubiger deutscher Seelen

es bezahlen sollten mit ihrer Seligkeit, wenn der Ketzer über sie käme. Da

verbat sich der Italiener, nervös die Zähne fletschend, die vulgäre

Rhetorik. Pazmany gab nicht nach, obwohl ihn schauerte; er dachte an das,

was ihm Lamormain vom Kaiser gesagt hatte; mühte sich für den Kaiser. Der

Papst, starkknochig herumwandernd um den stehenden Ungarn, grollte

heftiger, je mehr er fühlte, daß der Fremde ihn bloßlegen wollte; er schrie

drohte höhnte wurde giftig. Bei der zweiten Begegnung kam es wie erwartet

zu keiner Unterhaltung; Urban, seinen Schnauz- und Backenbart reibend, gab

schmatzend und wohlgelaunt von sich, was er den Bescheid nannte; ein

Zettelchen, auf dem er die Punkte notiert hatte. Den Franzosenkönig

abziehen vom schwedischen Bündnis? Er hätte König Ludwig immer für einen

frommen Katholiken gehalten, versehe sich von ihm nur Gutes für den

Glauben, werde ihn ermahnen. Ein Bündnis mit Spanien und Habsburg? Nein; er

kämpfe so wenig gegen Habsburg wie gegen Frankreich. Geldunterstützung? Er

hätte kein Geld. »Genug; weiter kein Wort. Ihr seid als Kardinal hierher

gekommen, ich habe genug von Euch als Gesandten gehört; entwürdigt Euch

nicht, raubt Euch nicht selbst kostbare Zeit.« Sitzungen, Feiern, Messen.

Und dann in seinem Rücken der ausbrechende Jubel des Adels auf dem Kapitol:

»Der Kaiserliche zieht ab! Gottes Rache! Gottes Rache! Gottes

Barmherzigkeit hat sie ihr Ziel nicht erreichen lassen. Jetzt werden sie

Rom nicht plündern.«

In Scham fuhr der große Lehrer Pazmany ab; der päpstliche Pomp begleitete

ihn eine Strecke. Scham und Erschütterung; es war erwiesen, daß die Kirche

nicht einte. Die Fahrt ging ihm zu schnell, er wollte zwei Monate drei

Monate reisen. Und nach drei Monaten war nichts gebessert; er wollte

schneller hin, alles ablegen, sich in die Bücher verstecken. Die Schmach

vor den Ketzern.

Wie ein feuersprühender Drache stand der unscheinbare kleine so freundliche

Eggenberg vor ihm: »Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich weiß, Ihr

habt getan, was ein Mensch tun kann. Dieser da in Rom hat nicht getan wie

ein Mensch. Das ist der Ruin. Das ist der Verrat am päpstlichen Stuhle. Wir

in Not, unser Land mit Millionen Katholiken, und an Politik gedacht! Wir am

treusten ihm anhängig, am reichsten der Kirche spendend, und er kann uns

nicht unterstützen, hat keine Waffen und kein Geld.« Trauervoll besänftigte

ihn Pazmany; Eggenberg wurde bitterer, stand vernichtet. »Dies heißt, der

Papst legt uns Wallenstein auf. Befiehlt uns, selber Hand an uns zu legen.

Ein niederer, o so niederer falscher Zug. Das hat ihm Richelieu

zugeflüstert; es ist so unmenschlich schlau, ich weiß nichts dagegen. Sie

haben wohl schon alles beredet mit dem Friedländer, es läßt sich mit ihm

leicht regieren. Sie werden sich täuschen. Wie er über das Reich und über

Habsburg fallen wird, so über den Papst und Frankreich. Sie werden bereuen,

was sie uns angetan haben. Daß sich die Waffe nicht gegen sie wende, daß

sich das Verbrechen gegen sie selber richte.« Stundenlang sprach Pazmany

auf seinen verstörten kleinen Freund ein, dann Abschied mit verwirrten

Worten, Hals über Kopf aus Wien; nach Ungarn.

Eggenberg zog sich mit Riemen am nächsten Tag vor Ferdinand, jeden Schritt

bezahlte er mit einem Entschluß. Wie Ferdinand ihn kommen sah, richtete er

sich mit demselben sonderbar gespannten Ausdruck aus dem Stuhl auf ihn,

hauchend: »Seht, seht, da kommt Ihr.« »Nun, was werdet Ihr mir berichten.«

Eggenberg berichtete, Pazmany sei erzürnt zurückgekehrt aus Rom, wo er den

Papst gesprochen habe. Der Kaiser immer stehend: »Seht, er hat den Papst

gesprochen. Und der Papst, ja, was hat er gesagt?« »Er hat nichts

Schriftliches mitgegeben. Hat auf einem Zettelchen sich drei Punkte notiert

und das hat er dem Kardinal vorgelesen.« »So ist es. Dies hat er

vorgelesen.« »Es soll nicht möglich sein mehr Geld zu steuern an uns wie

jetzt; es ginge nicht an, den französischen König scharf zu verwarnen oder

an unsere Seite zu verweisen, und uns anschließen könnte sich der Papst gar

nicht.« »Es ist nicht möglich Geld zu steuern und sich mit mir zu

verbünden.« »Er kann den König Ludwig nicht scharf verwarnen.« »Seht Ihr!

Seht Ihr!«

Fassungslos heulte der alte Eggenberg an seinem Kaiser, die Tränen liefen

ihm in die breitgezogenen Mundwinkel; er weinte, ohne das Gesicht

abzuwenden, wiegte in Schauder und Schmerz den Kopf hin und her.

Gleichgültig spielte Ferdinand mit seiner Schärpe, schlenkerte das Goldene

Vließ. Als wenn es nichts wäre, meinte er, Eggenberg möchte doch nicht

weinen. »Weinen. Wer wird weinen. Was im Leben alles geschieht. Sind wir

denn verlassen? Was einem begegnet.«

Und er gähnte, während sein Blick plötzlich, schielend abwich. Aufstehend

und blaß tiefsinnig an seinen Gamaschen heruntersehend rekelte er sich:

»Das war also diese Geschichte. Vom Papst. Man muß nicht alles tragisch

nehmen.« Legte heruntersteigend, munter schwatzend seinen Arm von rückwärts

um Eggenbergs Leib, zog ihn: »Ich weiß etwas. Wißt Ihr, wie spät es jetzt

ist? Bald vier. Es ist Schneewetter, daher diese Trübe. Kommt mit, mein

Freund, Schlittenfahren.« Und er pfiff und sang: »Wer läßt sich Lasten auf

die Schultern legen, die er nicht mag.« »Ich bin noch glücklich,« lächelte

abwesend verlegen, plötzlich dunkel bestürzt der Rat, »daß Majestät es

leicht nehmen.« »Ach, wenn Ihr wüßtet, was einem für Dinge über den Weg

laufen.«

Ferdinand gähnte laut an der Tür, rollte seinen Rumpf plötzlich welk

zusammen. Er seufzte, aus sich klagevoll und irre heraus, sagte sanft etwas

zu sich selbst.

Verabschiedete sich schwärmerisch zärtlich, heiter gespannt, stolzierend

wie ein Schauspieler von seinem Besucher, dem er die Hände drückte und vor

die Brust klopfte.

* * * * *

Auf dem baumbestandenen Hradschin über der breitfließenden Moldau kauerte

der Böhme. Michna, der fette kurzatmige Riese, wie er ihn so sitzen sah,

wollte sich vor ihm retten; die friedländische Herrlichkeit war erloschen,

er wollte sich losreißen und fuhr nach Wien. Mit Wonne empfingen ihn die

Herren; Abt Anton schnurrte wie eine Katze um ihn; der würde sie vom

Friedländer loskaufen. Wie sich Michna zurechtmachte, einen Teil seiner

Güter zu verkaufen, um sich am Kaiserhofe mit Darlehen festzusetzen, traf

ihn Wallensteins Schlag. Er hatte den Böhmen für tot und abgetan gehalten,

sein Platz schien ihm frei zu sein; da sauste die Hand des andern gegen

ihn. Die Güter waren verkauft, der größte Teil seines Vermögens; ehe aber

die neuen Besitzer zahlten und das Land übernahmen, rückten Gewalt

brauchend Wallensteiner, Musketiere und Kürisser, die in Prag auf Kosten

des Herzogs hausten, über den Boden, besetzten ihn, ließen, einen

unerhörten Rechtsbruch begehend, nicht davon, obwohl aus der Kanzlei des

böhmischen Gouverneurs Schreiben über Schreiben bei ihnen und dem Herzog

einliefen.

Michna, am Wiener Hofe tobend, glaubte leichtes Spiel gegen den abgedankten

General zu haben. Aber die Kriegsräte wollten unerwarteterweise mit

Maßnahmen nicht heran. Michna forderte Truppen, die Schweden zogen alle auf

sich. Die Räte legten sich darauf, den Herzog zu bitten, die Söldner

zurückzuziehen. Vom Hradschin herunter kam erst kein Bescheid und dann:

Wallenstein vermöge nichts über ausschreitende Kompagnien. Man mußte biegen

oder brechen; die Räte baten den Serben, die betrübliche Sache nicht weiter

zu verfolgen, er kenne die Notlage des Reiches, den Zerfall des Heeres;

schließlich: sie könnten nichts gegen den Herzog von Friedland unternehmen,

man könne es nicht wagen; ob sich denn versöhnlich nichts in der Sache

machen ließe. So sah sich Michna, im Begriff, ins Nest des Friedländers zu

fliegen, genötigt, mit ihm zu verhandeln.

Mußte zurück von Wien, mußte nach Prag, mußte, als Briefe und Kuriere nicht

angenommen wurden, auf den Hradschin und wurde auch nicht angenommen. Jeder

Tag verminderte seinen Reichtum, die Soldaten verpraßten seine Habe,

verschleuderten seine Geräte, trieben die Verwalter heraus. Eine halbe

Woche lang lief Michna im Hut durch die Gassen, stand besinnungslos in

seiner Stube, wartete an der Tür. Als er auf dem Hradschin empfangen wurde,

zählte Wallenstein, der leise sprach, die Silben, gab ihm einen Teil der

Güter wieder heraus, aber nur einen Teil. Auf einem Zettel hatte der Herzog

vor sich ein Verzeichnis der freigegebenen Güter; Michna, seufzend und ohne

Gedanken, tastete nach der Feder, um das Verzeichnis durch seine

Unterschrift anzuerkennen. Er blieb in Prag.

Der Vorfall lockte den gewaltigen de Witte in die Stube des

niedergeschlagenen Mannes. Mit stummer Neugier und Kopfschütteln hörte er

die Einzelheiten; man müsse vorsichtig sein, warnte er, aus dem Ereignis

ginge hervor, daß der Herzog das Spiel nicht verloren gebe und daß man sich

in Wien vor ihm fürchte. Auf der Hut müsse man sein, es werde von allen

Seiten gesagt, der Herzog plane etwas. Michna möge sich aufrichten; es sei

im Reich noch immer der Friedländer, durch den man zu Besitz komme; er

lächelte: »Der Schlüssel zu allen Schränken.« Mit breitem grämlichen Mund

Michna: »Ich mag nicht mehr.«

Der Herzog wartete auf dem Hradschin. Spielerische höfliche huldvolle

Briefe des Habsburgers kamen an; die Kuriere wurden verschwenderisch

belohnt, die Briefe mit immer größerem Behagen gelesen. Auf dem Schloß

stellte sich häufiger der Schwager aus dem Hause der Trzka von Lipa ein,

der Graf Adam Erdmann, ein fröhlicher blondbärtiger Mensch, der einen

kollernden Baß sprach, im Tanz seine süße Maximiliane herumführte, mit

ihrer Schwester, der Frau des Herzogs, ein sanftes Getue Kosen und Lärmen

trieb. Der Herzog sah es gern, er liebte seinen Schwager. Die böhmischen

Vettern, die den Herzog aufhetzen wollten, die Rebellion in Böhmen zu

organisieren, half der Trzka lustig verjagen. Nicht aus dem Hause nach

Dimerkur, seinem Sitz, wollte ihn der leidende Friedländer lassen; auch die

Herzogin bat ihn zu bleiben.

In eine sonderbare Verfassung war Wallenstein geraten. Er alterte

furchtbar. Sein hartes Gesicht war mit Runzeln übersät. Die Haare über den

Ohren wurden weiß, standen in Büscheln ab, die Augenhöhlen waren zu weit

für die kleinen Augäpfel, ganz im Grunde lagen sie da hinter ihren Häuten,

im Begriff, völlig in den Kopf zu schlüpfen. Die Breitenfelder Affäre war

in dem kritischen Augenblick über ihn gestürzt, als er mit de Witte plante,

nach Hamburg zu gehen, seine gesamten böhmischen Liegenschaften zu

verkaufen, von dieser Ecke des Reiches zusammen mit den Hansastädten,

vielleicht dem sehr still gewordenen Dänen Christian etwas zu unternehmen.

Der Kurier, der die Breitenfelder Nachricht brachte, sah -- er glaubte wie

alle, dem Herzog etwas Freudiges zu melden -- bestürzt den verabschiedeten

Generalissimus, der im herbstlichen Gartenhaus neben Trzka auf einer Bank

saß und mit Muscheln vor sich warf, tief erblassen, die dünnen Lippen sich

öffnen. Die scharfen Äuglein irrten zitternd von Lidwinkel zu Lidwinkel,

wichen schielend auseinander; sachte rutschte der lange Oberkörper die

Lehne herunter über die Bank, hing mit baumelnden Armen zum Parkett

herunter.

Nach einer Stunde stand Friedland, torkelte am Arm des Trzka vor den

Bogenfenstern seines Pfeilersaales auf und ab, schob den Kiefer vor, kaute

gräßlich: »Er ist mir zuvorgekommen, der dicke Schwede. Ich habe es mir

gedacht. Hat den Tilly zerschlagen. Er kommt über den Kaiser. Sie sind

wehrlos. Für den Schweden hab' ich gearbeitet, für das Großmaul aus

Upsala.« Er spie, fuchtelte höhnend, mordsüchtig mit der Faust: »Aber der

Tilly. Der gute Alte. Gute Alte. Der Spaniole. Gedachte mich zu beerben.

Beim heiligen Blut Jesu, ich hätte ihn gern verenden sehen. Der Schwede

wird glauben, er könne kommen, das Reich liege da, es warte nur auf ihn. Wo

steht der Schwede. Du mußt hin zu ihm, zu Arnim. Ich bin noch nicht tot.«

Krächzend, laut brüllend, jammernd: »Zottel nicht herum. Setz' mich ab. Wo

der Schwede steht. Mich schlägt er selber tot. Wie lange sind wir noch in

Böhmen. Wir sind ja wehrlos. An jedem Tag rückt das Vieh vorwärts; und ich

kann mich nicht regen.« Wimmernd von Wut betäubt ließ er sich auf seiner

Fensterbank gegen die Rückenlehne schieben: »Mit mir ist es aus für alle

Welt. Der lutherische Lump, nun hat er sich den Augenblick ausgesucht,

schluckt den Braten. Du wirst sehen, er schluckt ihn. Mich mit.« Er suchte

mit seiner schüttelnden schlagenden Hand in den Taschen seines grünseidenen

Schlafrocks, ein Papier knisterte: »Der Ferdinand. Mich hat er

beschwichtigen wollen, damit ich ihm nichts tue. Nun kommt der andere. Dem

schreibt er keine Briefe. Ich -- ich -- ich kann nicht denken.« Er wollte

verzerrt lachen, wieder wurden seine Lippen weiß. Trzka hielt ihn fest,

schrie nach Wein. Sie trugen ihn auf seine Schlafkammer.

Nach Zuziehung des Rittmeisters Neumann besprachen sie sich in die Nacht

hinein. Da kam heraus, daß der Friedländer durch verschwiegene Leute längst

mit dem Schweden angebunden hatte; der Herzog hatte um eine Zahl Regimenter

nach Böhmen gebeten, wollte mit dem Schweden gemeinsam über den Kaiser

fallen; der Schwede hatte heimtückisch die Sache hingezogen; wie sich gar

Johann Georg mit seinen sächsischen Regimentern anschloß, schwieg sich der

Satan ganz aus. Der Herzog ballte die Fäuste auf der Decke: »Er hat mich

betölpeln wollen und hat's getan. Glaubt jetzt sein Spiel gewonnen. Der

Tilly hat mit der Schlacht seinen Ruhm und Ehre verloren. Ich nicht minder,

wenn ich mich nicht rühre.«

Frühmorgens war der verschüchterte Kurier in Trzkas Kammer geschlichen, bat

um Urlaub; seine Schlafkammer lag über der des Herzogs, er hatte die ganze

Nacht gehört, wie der Friedländer ihn schmähte, ihm die Pestilenz

anwünschte. Das Gebrüll war erst vor einer Stunde verstummt.

Hinter dem Kurier war schon der Reisewagen Trzkas angefahren. An den Toren

trennten sie sich; der Graf galoppierte mit seinen vier Pferden auf Tod und

Leben nach Norden. Im Wagen neben ihm saß ein armseliger glutäugiger

Schächer in einen Winkel gedrückt, eine federlose Pelzkappe auf dem

struppigen Tschechenhaar, Jarosla Raschin, Exulant, einer der Geheimboten

Wallensteins an den Schweden, der unter Lebensgefahr aus Sachsen verkleidet

zum Herzog drang. Hinter Teplitz nahmen sie Pferde, ritten über das Gebirge

durch die nebligen Tage. Allein schlug sich Raschin weiter, rief den Arnim,

jetzt sächsischen Feldmarschall, nach Chemnitz.

Ob, fragte Graf Trzka, Arnim den Herzog zu Friedland hasse oder bereit

wäre, mit ihm über Dinge des Gemeinwohls zu verhandeln. Dann: ob der

Feldmarschall bereit wäre, augenblicklich und gänzlich ohne Zögern zum

Besuch des Herzogs zu Friedland auf Schloß Raudnitz, zwischen Pardubitz und

Prag, aufzubrechen. Die leidenschaftliche Dringlichkeit der beiden Männer

bestimmte den Arnim, Wagen und Pferde mit ihnen gemeinsam zu bestellen. So

überfallen war er von der Plötzlichkeit ihres Verlangens, daß er erst

hinter Chemnitz den Befehl an seinen Leutnant abgab und in einem unsicheren

Vorgefühl schriftlich anordnete mit jeder erdenklichen Deutlichkeit, nichts

und gar nichts von den Anordnungen des schwedischen Hauptquartiers

durchzuführen, das ihm nicht zu Gesicht gekommen wäre. Dann saß der

Uckermärker unter den Massen der Schafpelze zwischen den beiden, ließ sich

gebirgwärts rasen, dachte mit zunehmender Bedrücktheit an seine Lage. In

ihm schwang frisch angestoßen ein heftiges Gefühl der Anhänglichkeit an den

einsamen Herzog. Sein Herzog rief ihn, sie hatten sich seit den glückshohen

Augenblicken nicht gesehen, wo Friedland ihn nach Polen schickte. Der große

Friedland brauchte ihn; beschämt und fast gequält machte er den Weg über

das Gebirge. Wallenstein war noch nicht auf Raudnitz, als sie ankamen. Der

Marschall nahm einen Gaul; mit Raschin traf er den Herzog in der langsamen

Sänfte auf der Landstraße. Ein wehes Stechen in der Kehle und hinter dem

Brustbein fühlte der Marschall beim Anblick seines alten Herrn; der winkte

aus der Sänfte, lachte ihn verrunzelt an, den Kopf hervorstreckend,

wünschte ihm gurgelnd Glück zu den neuen Ereignissen: »Ich wollte doch teil

daran haben, darum ließ ich Euch bitten.« Und er kollerte in seiner alten

verschmitzten Weise.

In seiner schon geheizten teppichbeladenen Schlafkammer stieg Wallenstein

am spanischen Rohr rastlos herum. Vor Arnim stand ein Tischchen mit Wein.

Der lange Herzog: »Es weiß niemand, daß ich von Prag abgereist bin. Mein

Arzt sitzt in meiner Stube. Sie glauben, ich bin krank, ich liege im Bett.

Ich habe lange genug im Bett gelegen. Findet Ihr nicht auch, Arnim? Ist

eine herrliche Zeit jetzt. Ein prächtiger Mann, Euer Schwede. Bringt Wind

in die Welt.« Flüsternd: »Und er hat ihn am Schopf. Der Tilly ist gelaufen.

Ihr seid tapfere Kerle. Hat mich gefreut. Ihr wollt mich gar rächen an

ihnen. Muß mich bedanken.« Arnim, um seine Erregung zu verbergen,

berichtete Lobendes von Gustaf Adolf. Ein stechender Blick Wallensteins.

Als er schweigend rasch das Zimmer durchstiegen war: »Er hat Euch auch im

Sack, Arnim? -- Wir wollen Ruhe schaffen in Deutschland. Macht der Metzelei

ein Ende. Der Augenblick ist günstig, ich wollte Euch das sagen. Ihr dürft

nichts versäumen. Und Ihr dürft Euch nicht vom Schweden mißbrauchen lassen.

Mich freut, daß Ihr beim Kursachsen in Gunst steht. Denkt daran, daß Ihr

auch mir ein Teilchen davon verdankt. Es heißt jetzt kurz und gründlich

handeln. Nach rechts und links entschlossen sein. Das wollt' ich Euch

sagen.« Nachdem er Arnim über seine Pläne ausgeforscht hatte, brachte er

hervor: der Kaiser und die Liga seien in größter Schnelle vor ein Ultimatum

zu stellen; Friede oder völlige Niederlage mit gnadenlosen Bedingungen. Er

verlangte zum Erschrecken Arnims von ihm den Einmarsch in Böhmen. Gab sehr

genaue Zahlen über die Truppen des sehr wenig aufmerksamen Marradas, der

jetzt in Böhmen kommandierte; der sächsische Einmarsch werde das Signal des

böhmischen Aufstandes sein, der Kaiser umklammert. Er stand vor Arnim, der

sich auch erhoben hatte. Redete stoßweise dicht am Gesicht des andern, die

Augen niedergeschlagen, mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Tisch

klopfend. Nur beim Abschied blickte er lange scharf seinen ehemaligen

Untergebenen an. Der hatte leidend zugehört; unverhüllter schmerzvoller

Rachedurst schien sich vor ihm zu entblößen. Die Angaben Wallensteins über

Böhmen, er kannte die Zahlen ungefähr, waren wahr; der Herzog setzte bei

dem geforderten Einmarsch seine eigenen riesigen Güter aufs Spiel. In einer

Mischung von Besorgnis Erregung Freude Verwirrung reiste er ab mit Raschin,

der ihn leidenschaftlich auszuforschen suchte: »Ist es soweit?« Es war die

Frage, die täglich von den böhmischen Vertriebenen im Hauptquartier

gestellt wurde.

Friedland und Trzka rasselten trompetenblasend in den Hof des verschneiten

Palastes auf dem Hradschin. Seine liebe anlaufende Herzensfreundin begrüßte

mit Küssen der glückliche leicht gedämpfte Trzka. Den Herzog selber faßte

die weiche Elisabeth bei den Händen, führte ihn umfassend und vorsichtig in

den Flur. Wie sie alle schauerten unter seiner wilden kalten Stimme. Sie

hatten sie viele Monate nicht gehört. Mit wem gingen sie da, wer führte die

weiche Herzogin an den Händen. Wer hinkte da und erzählte lachend von der

erfreulichen Begegnung mit seinem alten Arnim. Die Herzogin ließ die Hände

los, aber nur für einen Augenblick, dann zog sich ihr Herz in einer

beseligenden Erinnerung zusammen: wie sie, das höfische Fräulein, vor

langen Jahren zum erstenmal unter dieser Stimme gebebt hatte und dann

diesem als Unmenschen verschrienen Böhmen verfallen war, der durch sie, wie

man warnte, nur Hofbeziehungen suchte. Zaghaft nahm sie die Hände wieder,

die sie küßte. Sie hörte wonnevoll und demütig die schnarrende metallische

Stimme an. Und schon an der Tür zu seinem Empfangszimmer drehte sich der

Herzog, seinen Pelz abwerfend, zu Trzka und seinen Begleitern um, beugte

sich schief herunter, listig ihnen zuflüsternd: das Schäkern hätte nun bald

ein Ende in diesem schönen Schloß; sie müßten mit allen sieben Sachen

wandern, eher heute als morgen; trara, bläst der Postillon, und wer sagt,

wohin es geht. Und zu der rasch erblaßten Elisabeth: aber sie führe diesmal

mit, er stürbe ihr auch nicht so leicht weg, wie sie fürchte; sie müßten ja

fliehen, ob sie's nicht wüßten; vor wem doch?

Zu aller Schrecken befahl er in der Tat noch am Abend, und der ernste

straffe Rittmeister Neumann verbreitete sehr geheim den Befehl, zu packen,

was man Wertes und Wichtiges besäße. Die weitere Dienerschaft wurde nicht

benachrichtigt. Von Tag zu Tag fuhren nun unauffällig ein zwei Wagen stark

bedeckt aus dem Palasthofe. Nach Mähren, hieß es. Nach einigen Wochen war

eines späten dunklen Winterabends der Herzog mit seinem Anhang abgereist.

Dies war, während der Schwede in Kurmainz thronte, zwei Tage vor dem

Einfall Arnims mit den sächsischen Truppen in Böhmen.

Denn unter dem maßlosen Wehegeschrei der Landbevölkerung trieben schon die

Sachsen Arnims heran. Marradas stand als Oberkommandierender in Prag;

Wallenstein hatte ihm noch, als die Gefahr sichtbar geworden war,

achselzuckend geraten, Widerstand zu leisten. Aber bei dem rasenden Tempo

des Anmarsches war kein Widerstand möglich. Plötzlich, als wenn sie einen

Traum erlebten, sahen die Böhmen die Kaiserlichen aus der Hauptstadt

flüchten; tags drauf scholl der Gesang der Sachsen auf dem Altstädter Ring,

vor der Theinkirche.

Auf den Zinnen des Altstädter Brückentors ragten an Stangen und Spießen

verdorrte Menschenköpfe, denen die Rümpfe abgeschlagen waren. Sie hießen,

als sie noch lebten, Kaplir, Budovak, Dovorecky, Bila, Otto von Loos,

Valentin Kochan, Tobias Steffek, Michalovik, Kober, Heimschild, Jessenius.

An diesem Freudentag der Sachsen war den Finken kein Spaß bereitet; ihre

Nester in den Mündern und auf den Köpfen der Rebellen wurden zerstört.

Prächtige Särge wurden gefertigt. Hinein wurden gelegt die Köpfe samt den

Stangen, auf denen sie gesteckt waren und die ihnen in der langen Zeit zum

zweiten Leib geworden waren. Aus der blendenden Helle gingen die müden

Gesichter in die stillen Kammern unter der Erde.

Plötzlich war die Schlacht am Weißen Berge -- nicht geschlagen.

Plötzlich war das Land -- frei.

Der Gouverneur flüchtig.

Friedland, der Hauptverbrecher, flüchtig.

Die Bürger liefen aus den Häusern, besahen sich den Ring, liefen auf die

Brücke. Sie stand, wie sie stand, die Köpfe waren weg. Sollte man sich

freuen. Und vor der königlichen Burg stand eine unwahrscheinliche Gestalt,

von der man sich erzählte, an die man nicht mehr glaubte: der weißbärtige

Graf Thurn. Stand da, im Getümmel johlender frenetischer Böhmen auf dem

wasserflutenden Hradschinplatz unter den verhängten Fenstern der Burg, die

Libussa und Wladislaus gebaut hatten; die Schutztürme Daliborka und

Mihulka. Matthias, der Kaiser, Rudolf, der Kaiser wohnten nicht mehr hier;

wohnte der blinde Hund Ferdinand, der Idiot, noch in Wien? In den

kaiserlichen Zimmern hauste der Böhme Thurn und der schützende sächsische

Feldmarschall Arnim von Boitzenburg. In dem erstickenden Jubel dieser

Wintertage wurden die Türen der Geheimkonventikel gesprengt, die Träger der

alten gefeierten Namen rannten auf die Gassen und Plätze; ungeheure Umzüge

spontan wachsend in allen Stadtteilen. Sie stiegen in glorreichen Gedanken

vor die Stadtkanzlei, wehten unter Gebrüll und Gesang die alten Fahnen, vor

sich die Fenster der Landtagsstube, aus denen von den Männern der Befreiung

die Verräter Martinitz Slawata Fabricius in die Wallgrube geworfen waren.

Im Wladislaussaal, im alten Huldigungssaal der Burg, standen sie vor Thurn

und faßten es nicht. Einmal stürzte ein tumultuarischer Zug in den

Veitsdom, marschierte hüte- und waffenschwenkend in die reiche

Wenzelkapelle; ein Priester aus ihrem Haufen griff nach dem Bronzering an

der Kapellentür. Sich biegend vor Hingerissenheit jubelte er weitäugig; an

diesem Ring hatte sich ihr Wenzel sterbend und unverzagt in Altbunzlau

gehalten. Schon wollten die lüsternen und rachedurstigen Massen in der

Stadt und auf den Ländereien plündern. Da besetzte Arnim eine Anzahl der

verlassenen Häuser und Schlösser; die friedländischen zuerst; seine Söldner

patrouillierten mit Pike und Muskete die Straßen ab. Erschießungen von

Plünderern fanden statt.

Ein Schreck fuhr in die Menge. Graf Thurn suchte besänftigend einzugreifen.

Die Adligen, ihr wirres Gefolge bezichtigte ihn des Verrats, weil er nicht

den Sturm auf die Häuser der Kaiserlichen befahl. Man hatte recht, Rache zu

üben. Er wies auf die Sachsen hin, die es nicht dulden wollten. Nicht die

Böhmen hatten das Land erobert. Sie verlangten sofortige Berufung und

Bewaffnung der Emigranten und Verjagten aus Sachsen, Herstellung ihrer

Habe. Entschädigung. »Gerechtigkeit, Rache!« tobte es vor der Burg. Thurn

warf vor Wut und in Zerrissenheit seinen Hut aus dem Fenster, verfluchte

die Stunde, die ihn nach Prag zu ihnen geführt hatte. Man ließ ihn nicht

weitersprechen, Steine und Waffen krachten durch die Luft. Draußen führten

der prahlende Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der

Prager Schlacht befreit hatte, und Saul von Hodojewski. Sie waren als

Jünglinge aus ihrer Heimat geflohen, keine Freude hatten sie gehabt in

Sachsen, die ihnen nicht durch Sehnsucht nach dem Mütterchen an der Moldau

getrübt war; sie klirrten als ungezügelte entschlossene Männer gepanzert

vor den Haufen einher, die sich so wenig wie sie einschüchtern lassen

wollten. Die Waffen wurden ihnen abgenommen, sie selbst in der Burg in

Eisen geworfen.

In den Häusern schwoll die Enttäuschung, rachsüchtig schlugen die

Konventikel die Türen hinter sich zu. Es mußte zu einem Ausbruch kommen.

Die Sachsen waren froh, als das randalierende Volk die ersten Angriffe auf

die Judenstadt machte.

* * * * *

In Znaim nahm der Herzog Privatlogis; die Bewohner von fünf Häusern mietete

er aus. Doktor Ströpenius sah mit Verwunderung, wie die Gichtknoten an

Wallensteins Händen, den Ohrläppchen Zehen aufbrachen, der Herzog hellere

Farben bekam, rastlos durch die Zimmer ging, in denen Raum neben Raum rasch

für besondere Zwecke eingerichtet waren, wie der Herzog nur abends keifte,

auf den Kammerdiener losschlug, in der alten gehässigen Weise ihn selbst

mit dem Tod bedrohte, weil er ihn verderben ließe. Briefe und Kuriere

liefen wieder täglich aus.

Der Herzog bat vertraulich die Obersten der in der Nähe stehenden

Regimenter zu sich, dann weiter entfernte. Er stellte fest, wie es sich mit

der Auffüllung ihrer Truppen verhielt, mit Armierung Verproviantierung

Kriegslust; wies sie an, Mut auf Werbung und Ausbildung zu legen, seiner

Kasse gemäß nichts zu versäumen. Das Reich liege in Nöten; wenn der Kaiser

sie nicht rufen würde oder nicht für sie aufkommen könne, er würde nicht

verschlossenen Mundes zusehen, wie der Schwede sein Höllenspiel auf

deutschen Gassen zu Ende führen würde. Möchten sich im schlimmsten Fall um

ihn, den Reichsfürsten und Herzog zu Mecklenburg, stellen.

Aus den Äußerungen der Herren, die einzeln, dann in kleinen Rotten sich in

den dürftigen Znaimer Häusern versammelten, klang, gelockt von diesem

Anruf, hervor, wie sie die Niederlage unter dem Schweden empfanden und den

Kaiser anklagten, das Heer in die Jauche gedrückt zu haben.

»Es ist kein Gut am Grafen Tilly,« schrien sie an der klirrenden Weintafel,

an der sie mit dem langen Herzog saßen, »er hat den evangelischen Obristen

die Patente abgenommen. Die Ligisten sind Mucker. Wir sind keine

kaiserliche Armee mehr. Wer regiert? Seine Knausrigkeit die Durchlaucht von

Bayern.« »Wir beten zu Jesus und Maria. Aber unsere protestantischen

Kameraden sind tapfer und brav. Man hätte sie nicht davonjagen müssen, als

wären sie Heiden.« »Man hat getan, als führten wir einen Krieg für die

Mönche. Wir sind Soldaten. Wer uns Ehre gibt und wacker zahlt, ist unser

Mann. Tilly ist geschlagen, wir sitzen im Mauseloch und knabbern an

Strohhalmen. Das walt' die Sucht.« »Haben bei der Durchlaucht zu Friedland

getreulich gestanden; hat uns die Schnödigkeit seines Loses genugsam

gejammert. Sitzen als seine Gäste, um ihm nicht bloß zu versaufen, was er

uns vorsetzt; wollen auch bekennen, daß wir seiner mit Verlangen denken.«

»Haben ihn nicht davongehen heißen, die Durchlaucht zu Friedland. Haben

Tränen nach ihm vergossen, als wäre uns Mutter und Vater an einem Tage

gestorben und wir selbst an den Bettelsack geraten. Da wir ihm einmal mit

Handschlag und Mund die Treue gelobt als Feldhauptmann des Römischen

Kaisers, wollen wir ihn, wenn uns keiner mag, in seinem Gram nicht

verlassen. Sei er unser gewiß.« »Sei er auch unser gewiß.«

Im Geschrei und erhitzten Stampfen und Tischschlagen -- der lange Friedland

im braunen Lederkoller ließ still hockend und Blicke werfend die Reden um

sich gehen, als säße er wie ein Rabe auf dem Ast, der Wind schaukelt ihn

spielerisch und bläst ihm unter die Federn -- stieg ein

schärpenschleppender breiter hoher Mann mit glattgeschorenem kleinen Kopf

auf seinen Schemel, hatte ein glühendes geschwollenes Gesicht, hielt seinen

Becher im Stehen noch dicht vor seinen bärtigen Mund, schwieg, als ihn

schon alle anriefen. Dann keifte, krähte er unter Gesten der linken Hand:

»Der Schwedenkönig steht im Reich. Bis Mainz steht er jetzt. Der Sachse

steht in Böhmen. Mit wieviel Mann? Mit sechstausend. Wo sind unsere Armeen?

Sie sind weggelaufen. Wo steht Konti, Savelli? Weggelaufen. Marradas?

Weggelaufen. Wir sind Hunde. Wir sind zum Krepieren reif. Ich lasse die

Herren wissen, wir sind für den Schinder reif. Das bitte ich nicht zu

vergessen, wenn man von uns spricht.« Stieg vom Stuhl, kaute mit leerem

Mund, trank stierend an seinem Becher.

Zuerst bezogen die Obersten der in Mähren gelegenen Regimenter vom Herzog

zu Friedland Geld, Darlehen, Winke für die Werbung, den Proviant. Dann zog

er rasch, sich ihrer bedienend, die entfernten Regimenter in seinen

Bereich. In seinen Zimmern zu Znaim arbeiteten die aufgetriebenen Beamten

seiner früheren Verwaltung. Er erklärte mit dem Kaiser in dauernder

Korrespondenz zu stehen; sei ermächtigt, mit Umgehung der Wiener Herren den

Obersten mit Rat und Tat beizustehen, wie er als Privatperson von

Sachkenntnis und Vermögen fähig wäre. Was niemanden quälte.

Die Gräfin Trzka, spät abends mit dem Grafen und der Schwester antanzend,

erhielt einen raschen Schlag auf die Hand, als sie den Herzog vom

krachenden Schreibkabinett wegziehen wollte. Seufzend zog er sich am Arm

des Rittmeisters Neumann hoch: »Trzka, du stehst nicht auf, wenn du Würfel

spielst und im Begriff bist zu verlieren. Du wirst es nicht tun, wenn du

anfängst zu gewinnen.«

Er gluckste zwischen den beiden Frauen hinaus, den Kopf zwischen den

Schultern einziehend: »Weißt du, weißt du, herzliebes Weib, wer ich bin?«

»Aber ich weiß, mein herzlieber Gemahl, wer du bist.« »Willst du mir

Botschaft geben?« »Mein herzlieber Gemahl.« »Ich bin ein Mensch, der einen

Kopf auf dem Rumpf trägt und auf den zwei Beinen steht, die ihm seine

Mutter in der Geburt mitgegeben hat. Hä. Sie werden es merken. Die

jesuitischen Stinkböcke, die verzagten schulfuchsigen Herzen. Und der dicke

Schelm. Äußert Euch unbeschwert, sagt unverhohlen, daß Ihr mir kein

Vertrauen schenkt, Ihr.« Er fuchtelte gegen Abwesende: »Jetzt springt

links, jetzt dreht Euch. Es heißt bezahlen. Müßt heran, ob Ihr wollt oder

nicht. Bezahlen heißt es. Siehst du, herzliebe Elisabeth. Hä. Sie werden

bezahlen. Sachte, sachte will ich ihnen das Pfötchen bieten und an das

Hälschen gehen.«

Seine Tafeleien und Verhandlungen mit den Obersten ließ er in die Welt

schreien. An den Wiener Hofkriegsrat schickte er, Briefe des Kaisers lässig

beantwortend, einen Kurier mit der Frage, ob die Kammer wüßte, daß sein

Mecklenburger Herzogtum, dazu sein böhmischer Besitz, Friedland Sagan

Großglogau, alles hin und verloren seien, und was man ihm, dem

Reichsfürsten, an die Hand gebe, sich vor unverschuldeter Armut zu

schützen. Dann drohte zwei Wochen darauf ein zweiter Kurier: man schweige

sich aus, der Erwählte Kaiser des Heiligen Reiches ließe ihn im Stich; er

sitze in Znaim auf der Flucht, nur mit dem Notdürftigsten versehen. Sei das

Reich zerbrochen? Müsse er sich selbst schützen? Man möge es sagen. Er

warte, träfe Anstalten, sich seiner Haut zu wehren, wie es ihm geblieben

sei.

Graf Trzka bekam den Auftrag: ihm gäbe er, sagte Friedland, mit auf die

Reise seine beiden blauen Augen und die treue Miene. Damit solle er sich

vor den Schweden oder Oxenstirn stellen, sie fangen und sagen, er, der

Friedländer, sei im Begriff, ein meuterndes kaiserliches Heer an sich zu

ziehen und damit nach Belieben zu verfahren. Ob ihm das Königreich Böhmen

garantiert werde? Ferner wieviel schwedische und sächsische Truppen rasch

zu ihm stoßen könnten im Augenblick des Losbruchs. Den Bescheid möchte er

sich schriftlich von Oxenstirn oder dem Schweden selbst geben lassen.

Möchte sich beeilen.

Trzka war einen Augenblick erschreckt und unsicher. Friedland schrie:

»Lacht nicht. Behaltet Euer Gesicht im Zaum.« Stieß ihn drohend mit den

hageren Armen zur Tür hinaus.

* * * * *

Unter dem niederdrückenden Bescheid des Kardinals Pazmany, den Nachrichten,

die die Gefahr einer Umklammerung greifbar nahelegten, getrieben von

stöhnenden Briefen des Kurfürsten Maximilian, trat Fürst Eggenberg mit dem

Hohen Rat in der Burg zusammen.

Maximilians Lage war ihnen allen klar. Er hatte in der furchtbaren Not nach

der alten Verbindung mit den Franzosen gegriffen, diesmal aber nicht, um

Habsburg Paroli zu bieten, ja er hatte sich durchzuschlagen versucht, indem

er den Schweden selbst erweichte: nicht anders konnte ja sein neulicher

Waffenstillstand gedeutet werden. Und dann sah der Bayer ein, daß er kein

Erbarmen von dem Vandalen aus Skandinavien zu vergewärtigen hätte, daß es

doch nur ein kleiner Aufschub war. In einer Verzweiflungstollheit war

Tilly, ehe noch der Stillstand ganz beendet war, losgebrochen und hatte in

dem Entscheidungskampf dieses neuen Jahres als erster auf den

menschenmordenden Schweden losgeschlagen, auf den Mann, der ohne Erbarmen

trompetete: er werde keinen Pakt zwischen Evangelischen und Katholiken

zulassen, es müsse einer von beiden in das grüne Gras beißen.

Der kleine Fürst Eggenberg, gebückt und übermüdet hinter seinem Schemel

stehend, verkündete mit schmerzlichem Kopfnicken den anderen Herren, daß

jetzt, zum ersten Male vielleicht, kein Zweifel an der Gutwilligkeit des

Bayern möglich sei, und der Bayer selbst ließe die qualvollsten Briefe, die

heftigsten Bitten durch seinen Gesandten an den kaiserlichen Hof ergehen:

zu helfen, nicht zuzusehen, wie man, Kaiser und Liga, vor das äußerste, die

glatte Kapitulation gestellt würde. Es sei das Schreckliche, kaum

Wiedererzählbare Wirklichkeit geworden, daß der Mann, der jetzt auf dem

Thron des Stellvertreters Christi säße, den Fischerring trüge, daß eben der

Mann, Barberini, sich in einer Kälte, die an Hohn grenze, apathisch für das

Interesse des katholischen Glaubens gezeigt habe. Er habe es in seiner

Gewalt gehabt, was katholisch in der Welt sei, zu einigen gegen den

unheimlichen alles verheerenden Ansturm des Ketzerkönigs aus dem Norden.

Man habe ihm den vertrauenswürdigsten Menschen zur Unterhandlung geschickt,

den Erzbischof von Gran, den Primas von Ungarn; beschämt, zerschmettert sei

der von Wien nach dem Bericht abgereist, habe nichts seinem Bericht

zugesetzt, als: er wünsche sich in Zukunft nur seinen Arbeiten zu widmen.

Und nun ist es zu allem Unglück auch noch geschehen, daß die letzte Säule

des Hauses Habsburg, der gewesene Feldhauptmann zu Friedland, zu wanken

beginne. Unter dem überraschenden Einmarsch der Sachsen habe er fliehen

müssen; wieviel an seinen Gütern, die seinen Reichtum ausmachen, noch

unversehrt ist, könne er nicht feststellen. Der Herzog sitze mit seiner

Familie und Anhang in Znaim. Das Wetter zieht auch über ihn herauf. »Woran

sollen wir uns halten?«

Aus der gespannten beieinander sitzenden Gesellschaft fand Questenberg, der

kurzbeinige schnäuzbärtige, ein Wort; das Unglück habe dann wenigstens das

mit sich gebracht, daß bis da zweideutige Freunde sichere Freunde geworden

seien, ob sie wollten oder nicht; man könne sich auf den Bayern und den

Friedländer verlassen; ja der Friedländer müsse sich glücklich preisen,

wenn Habsburg mit ihm zur Erlangung seines Besitzes gemeinsame Sache machen

wolle.

Stillschweigen.

Um die Unterhaltung weiterzuführen, beugte sich der verwachsene Graf gegen

Questenberg hin; freilich habe dieser Friedländer, wie auch seine Briefe

zeigten, nun auch nichts und warum solle also dann Habsburg mit ihm

gemeinsame Sache machen. Und indem er forschend den welk in seinem

Armsessel ruhenden Fürsten Eggenberg anblickte: man habe vielleicht

Interesse daran, dem Herzog nicht zu helfen; Friedland spräche auch jetzt

sonderbar drohend. Er sondierte: bekanntlich ist es gut und zweckmäßig,

Schlangen, die man fürchtet, die Giftzähne auszubrechen, um des Heilands

willen ihm keine neuen einsetzen.

Eggenberg hielt die Augen des anderen fest; leise, pointiert tropfend; das

sei der entscheidende Punkt: wie denke man sich ohne Wallenstein die

Situation? Die Faust setzte Questenberg auf den Tisch: »Wir brauchen

Wallenstein zum zweiten Male und dauernd, bis Ruhe ist.«

Am Tisch im weißen Mühlsteinkragen der schlanke Fechter, der Spanier

Ognate; er hob den Zeigefinger: »Wir bieten eine Million Gulden, wenn

Wallenstein das Heer organisiert.«

»Seht Ihr«, breitete Eggenberg gegen Trautmannsdorf den Arm aus.

»Nichts sehe ich, als daß wir vermutlich auch noch das Fell des Löwen

verteilen, bevor wir ihn haben; zunächst steht es ja nicht fest, daß der

Herzog zurück will.«

Wallenstein. 2 (of 2) · 第 18 / 44 题