Wie sich Ferdinand wieder zwischen den Teppichen zurecht geschoben hatte,
rieselte seine tonlose langsame Stimme: »Worauf sollen wir hinaus?«
»Es scheint, als ob Ihr etwas Irriges gemeint habt bis jetzt. Ihr glaubtet
--«
»Ja, war ich kein Christ?«
Vor diesem weißen Blick, dieser langsamen erschütternden Stimme fand der
Pater lange keine Antwort. Dann legte er viele Wärme und Herzlichkeit in
seine Sprache und mußte sich sehr bezwingen, um sich nicht völlig
bewältigen zu lassen: »Ihr wart die langen Jahre mein Beistand, Majestät;
Ihr wart ein guter katholischer Christ. Als ich die kirchlichen Wünsche
Eurer entschlafenen Gemahlin, der seligen Maria Anna, durchführte, bin ich
Euch gefolgt in Eurer Gottesfurcht.«
»Seht Ihr Maria Anna an. Würde ich mit ihr so lange glückliche Jahre haben
leben können ohne den rechten Glauben.«
»Ihr wart fromm.«
»Was ist?«
»Ich mache dem Menschen Ferdinand von Habsburg keine Vorwürfe. Der römische
Kaiser, der deutsche König Ferdinand der Andere glaubte sich rühmen zu
können, ein Nebenbuhler des Papstes zu sein. Inzwischen glaubt es niemand,
sieht es niemand. Die katholischen Kurfürsten selber stehen gegen ihn.«
Er legte all das fragend hin; ein Wind hätte gegen ihn blasen können und er
wäre verstummt. Aber Ferdinand drängte zart immer weiter.
Nachdem der Kaiser sich fest mit dem Rücken gegen die Banklehne gedrückt
hatte, schlug er mit mildem Ausdruck die Arme über der Brust zusammen,
blickte mit zusammengezogenen Mienen auf die Gegenwand: »Indem mir dies Amt
überkommen ist, habe ich es übernommen, die Geschäfte des Heiligen Reiches
gewissenhaft zu versehen. Das ist meine Bibel, die mir an die Hand ging.
Neben mir stand die Wahlkapitulation, das Reichsgrundgesetz, die Goldene
Bulle. Man hat mich hergesetzt und mir vertraut. Das Weitere kommt von mir,
die Macht und Verantwortung.«
Rotes Abendlicht zuckte sich ausbreitend über das sich rasch verdunkelnde
Zimmer; der große Luxemburger stand vor der Truhe, den Kopf tief vor der
Brust, die Hände gefaltet. So sei es und nicht wie vorhin die Rede war. Wo
sei jetzt von Christentum die Rede. Dann als Ferdinand den bestimmten
sicheren Ausdruck des schwingenden Gesichts nicht aufgab: der Kaiser möge
überlegen, wie es mit ihm stünde. Als er den Kaiser verließ, saß der noch
unentwegt mit der gleichen Miene vor der rotbestrahlten Wand, über der wild
die grellen Flammenräder rasten.
Und mit derselben bestimmten klaren Miene empfing ihn gleich nach der Messe
am nächsten Vormittag der Kaiser. Ferdinand, von gesünderer Farbe als
sonst, bedauerte, gestern abgebrochen zu haben, er könne den Pater noch
nicht dispensieren von diesem Thema. Darauf schüttelte er ihm die Hand,
hieß ihn freundlich sich setzen. Es sei gewiß, daß er es sich überlegen
müsse, wie es mit seinen Sachen stände. Gewiß müsse sich dies aber auch der
Pater überlegen. Damit blickte er frei forschend den Luxemburger an: »Ich
bleibe dabei, Ehrwürden, lieber Vater, mir sind nur Bulle, Reichsgesetz,
Wahlkapitulation gegeben. Ihr meint, ich verfehle den christlichen Weg als
Kaiser. Geht mir zur Hand.«
In großer Freude verneigte sich der Luxemburger, seine Stimme tief
ehrerbietig. Diese Aufforderung und Bitte hat er erwartet; er weiß, daß der
Kaiser nicht allein dies leisten kann; der Kaiser mußte es erst erkennen.
Langsam erwog der Kaiser: »Ich habe es in der letzten Nacht selbst wieder
angestaunt, Pater. Ich will es Euch nicht verheimlichen. Daß Kaiser und
Kirche so aneinander vorbeiregieren. Der Kaiser hat seinen Palast, seine
Burg, dazu Edle, Berater, Offiziere, Heere; der Papst hat die
Geistlichkeit, den Vatikan, die Peterskirche, tausend Kapellen, Klöster und
Kirchen. Der Papst gibt seine Gesetze, ich, meine Landesfürsten ebenso. Wir
regieren dieselben Völker. Und -- wir haben keine Berührung miteinander.
Nun erst, in solchem einzelnen Augenblick kommen wir zusammen. Um uns zu
tadeln. Es ist kein gesundes Verhältnis.« Und dann legte Ferdinand,
heimlich und inständig zu ihm redend, die Umstände dar, die zu diesem
Kollegialtag führten, die gefährliche Situation, die heraufbeschworen sei.
»Und ich habe die Entscheidung. Lehne ich sie ab: wißt Ihr, was geschieht?
Wie wenn ein Pfeil abgedrückt wird, schießt von Südwesten mein
Feldhauptmann herauf, schlägt die Kurfürsten nieder, das Reich hat ein
neues Gesicht. Ich will Euch gestehen, ich bange nicht, ich bin in
keinerlei Sorgen. Wer Sorgen haben muß, sind die Kurfürsten des Reichs, die
ich niederdrücken kann, wenn ich will. Ich kann sie hinlegen lassen, als
wenn sie an Armen und Beinen gefesselt sind. Ich habe die Macht dazu.«
»Wie beschließt Ihr?«
»Nichts, noch nichts. Ich lasse die Herren warten. Ich kann mich ohne Zwang
nach beiden Seiten entscheiden. Ich will ihnen kein Unrecht antun. Ich will
mich ganz auf mich besinnen. Den Augenblick abwarten.«
»Wie große Macht hat Euch der Herr des Himmels verliehen. Wenn sich ein
gemeiner Mann, ein Edler auf sich besinnen will, kann er in einen Winkel
oder in die Kirche gehen; das Gespräch mit sich und Gott ist alles, was er
vollbringt. Ihr habt so viel Freiheit, daß Eure Selbstbesinnung über
Millionen Seelen verfügt.«
»Ich würde dies nicht wagen, wäre ich nicht Christ.«
»Majestät, mein Beichtkind, ich bin bei Euch in diesem Augenblick. Ich bin
glücklich, daß Ihr mich ruft. Habt Ihr Furcht oder Beklemmung, den Herzog
zu entlassen?«
»Nein. Ich bin ihm dankbar. Aber ich verfüge über ihn.«
»Ist es Euch schlimm, die Kurfürsten zu unterdrücken?«
»Ihnen soll kein Unrecht geschehen. Sie werden mich durch ihr Gebaren nicht
zum Unrecht verleiten. Wenn es muß, werden sie beseitigt werden.«
»Sie sind fromme Männer, darunter Bischöfe der Kirche.«
»Mein Feldhauptmann hat mich wieder in den Besitz meiner Erbkönigreiche und
Länder gebracht. Er hat das Heilige Römische Reich vergrößert und mächtig
gemacht wie keiner dieser Kurfürsten.«
»So laßt ihn hermarschieren, die Kurfürsten verjagen oder in Eisen legen.«
»Wenn es gut ist, daß dies geschieht, soll es den Kurfürsten bereitet
werden.«
Der Pater schüttelte langsam und lange den Kopf, studierte seine
Handteller, rieb sich die Schläfe; plötzlich legte er die Hände zusammen.
Jetzt, fühlte der Pater, war er im Begriff, den Kaiser zu schänden. Jetzt
konnte er die Zertrümmerung vornehmen. Ferdinand setzte sich nicht zur
Wehr. Das reine Gesicht konnte er verwüsten.
Und plötzlich war es ihm in die Seele gelegt, das Geschick zu versuchen. Er
hatte gebetet, ihn vor Sünde zu bewahren. Aber er ging schon führungslos
den Weg. Und während er zitterte, kam aus ihm heraus: »Ich finde keinen
Gesichtspunkt.« Und fühlte dabei, seinen Kopf duckend, die Stirn von einem
nassen Schauer überzogen, daß er in einer Krise stand und daß ihm weiter
nichts mehr übrigblieb. Er flehte und sündigte in einem Atem. Lächelnd
weitete sich das Gesicht des Kaisers, er breitete gegen ihn die Arme aus:
»Nun, lieber Vater Lamormain, so werde ich wohl keine große Schuld begehen
können.«
»Sprecht Ihr selbst,« drängte angstgetrieben der andere, »haltet Euch nicht
zurück. Kommt heraus.«
In Ferdinand wallte es, seine mageren Wangen zitterten, sein Blick wurde
stier: »Ihr wollt mich versuchen. Ich habe nichts mit Wallenstein und
nichts mit den Kurfürsten. Es soll sich keiner von beiden anmaßen, daß ihm
Unrecht von mir geschehen soll. So ruhig wie einer einen Würfelbecher
umstülpt und die Kugeln zählt, wird mein Entschluß folgen. Wißt Ihr --« er
flüsterte geheimnisvoll, »warum ich dies kann? Weil ich die Macht habe. Ich
kann den Augenblick abwarten. Sie wird mir nicht genommen werden.«
Wie durch ein Bad von Pein wurde der Leib des Paters gezogen, er konnte
sich nicht rühren, in ihm schrie es, die Bannung möchte weichen.
»Seht Pater, so unumschränkt verfüge ich in dieser Sache, daß ich mich
versucht fühle, die Entscheidung von einer Kinderei abhängen zu lassen: ich
rufe meinen Kammerdiener und tritt er mit dem linken Fuß über die Schwelle,
hat Wallenstein gesiegt, mit dem rechten die Kurfürsten.« Da preßte
Lamormain hervor, dunkel hörte er sich seufzen: »Lästerung.«
Langsam wankte Ferdinand auf ihn, griff seine linke Hand, die er sich an
die Brust zog und drückte: »Ihr seid mein Freund. Ihr werdet nicht
verraten, was ich unternehmen will. Es wird bald ruchbar sein, ich möchte
es einige Zeit bei mir behalten. Wißt Ihr, warum? Um mich daran zu weiden.
Denn sobald ich es herausgesetzt habe, wird man es umgehen und erklären und
wird seine Torheiten und Roheiten über meinen Entschluß häufen. Ich will
ihn einige Tage bei mir behalten. Ihr werdet zugeben, daß ich Grund dazu
habe. Ihr sollt Euch mit mir freuen daran, mein lieber Freund.«
Der Kaiser schien zu delirieren. Seine Brust wogte auf und ab. Er schien
sich mit den Händen des Paters beruhigen zu wollen. Seine Augen konnten
sich an keinem Punkt befestigen. Sein Mund schnappte wortlos, die Lippen
von Wasser überflossen; dabei knickten seine Knie häufig ein. In ihm
strömte es dumpf: ich folge, ich folge, ich halte mich nicht zurück.
Der Jesuit stöhnend, in großer Furcht: »Welche Lösung Ihr auch findet, ich
flehe Euch an, daß Ihr in diesem Augenblick nichts beschließet. Ich rufe
Euch an, Majestät.«
Schreiend, lachend, die Last aus sich wälzend, der Kaiser: »Mir sollt Ihr
es nicht verwehren, in diesem Augenblick zu sprechen. Wann soll ich zu
einem Entschluß kommen, wenn nicht jetzt. Wie soll das aussehen, was ich
meinen Entschluß nennen soll, als was ich jetzt in mir habe.«
»Ich will es nicht hören, laßt davon ab.«
»Doch müßt Ihr hören, Pater, doch. Ihr sollt mir sagen, was Ihr denkt. Ihr
seid der einzige, der daran teilhaben soll, und könnt Euch mir nicht
verschließen.«
Der riesige Mann rang mit dem Kaiser, suchte ihn an die Bank zu führen. Der
wollte mit den fliegenden Augen vergeblich ihm ins Gesicht sehen: »Wie seid
Ihr, Pater.«
»Setzt Euch. Besinnt Euch. Wollt Ihr Wein?«
»Hört einmal. Laßt meinen Wams. Liebster Pater.«
»Ich will Euch nicht hören, Majestät.«
Ferdinand auf die Bank gedrückt, blickte sprachlos an dem schwarzen Rock,
dem strengen Kinn hoch; erzitterte stark. In seinem Gesicht stand ein
verzerrtes, unklares, fragendes Lächeln, er hauchte: »Was ist das? Was hab'
ich verbrochen?«
»Der Satan bewältigt Euch.«
»Ich weiß alles, was kommen wird.«
»Seid still. Herr, führe uns nicht in Versuchung.«
»Pater, leibhaftig steht vor mir, was kommen wird, wie Ihr.«
»Herr, führe uns nicht in Versuchung. Schließt die Augen, seht nicht um
Euch. Betet mit mir.«
Als er gemurmelt hatte, haftete der starre helle Blick Ferdinands an der
Stirn des Jesuiten: »Es ist noch alles wie vorher. Ich kann mich kaum
bezähmen, zu Euch zu sprechen.«
Lamormain, in der furchtbaren Angst über die Dinge, die er heraufbeschwören
mußte, hielt sich kniend für sich, preßte den Rosenkranz an seine Lippen.
Die Strafe raste über ihn. Von rückwärts berührte ihn der sehr stille
Ferdinand: »Ich weiß: Eure Aufgabe ist schwer. Eure Qual ist groß. Ich will
Euch gehorchen. Was habe ich zu tun?«
Da brachte der Pater in der Bitterkeit der Verzweiflung hervor, fast
brüllend stieß er es aus sich heraus: »Ihr müßt den Herzog verabschieden,
nicht behalten.«
Über die Schulter des Knienden beugte sich der Kaiser von rückwärts, ganz
naiv und erstaunt, streichelte seinen Arm.
Ja, dies hätte er beschlossen: ob wohl der Papst etwas anderes beschlossen
habe?
Und als sich Lamormain entsetzt herumwarf, murmelte Ferdinand, die Arme
verschränkend, so hätte der Pater selbst gesagt, was ihm, dem Kaiser, nicht
gestattet war.
»Ihr werdet Euch des Herzogs begeben? Der Krieg um Mantua soll aufhören?«
»Seht Ihr, wie Ihr alles wißt. Und jetzt sagt Ihr selbst alles.« »Mein
Heiland, Ihr! Ihr! -- Wie wird Euch der Heilige Vater loben, wie werden
Euch die Fürsten loben.«
»Seht Ihr«, lächelte Ferdinand völlig ruhig und freudig stolz wie ein
beschenktes kleines Mädchen. »Und warum durfte ich es nicht sagen?«
Um Mittag kam der Luxemburger, noch immer fassungslos und verstört sich
zerknirschend, in das bischöfliche Musikzimmer. Dem Kaiser sagte er, er
käme sich zu weiden an seinem Beschlusse.
»Leise, leise«, warnte der andere.
Ferdinand bog sich über den Fensterrahmen; es zirpte von unten herauf,
Fasanen stürmten über den Sand. Ja, man könne froh sein; das sei nun eine
Säule in ihm und die sei nicht umzustürzen. »Ich freue mich, Pater, daß Ihr
mich hören wollt. Es ist geschehen in meiner grenzenlosen Liebe zu beiden,
zum Herzog und zu den Fürsten. Jedem habe ich ein Liebes angetan. Jeden an
seinen Platz geführt.«
Der Jesuit saß ratlos ungläubig vor den mysteriös gesprochenen Worten. »Ihr
wolltet ein Unglück vermeiden«, fragte er gequält. Er hatte kaum ein Ohr
für das, was er hörte. Er war in seiner Verwirrtheit hierher getrieben
worden, um sich zu beruhigen. Was soll mit mir geschehen, fragte er sich.
Er verzerrte sein Gesicht: »Ich freu mich ja mit Euch.« Er suchte ein
freundliches Wort vom Kaiser zu erbetteln, und daß Ferdinand ihn anblickte,
ihn erkannte, ihm half.
Der Kaiser blieb still. Er hatte einen milden nachdenklichen Ausdruck,
hielt den Kopf leicht auf die rechte Schulter geneigt: »Sie dachten mich
mit Anwürfen zu reizen, die Kaiserin grollt mit mir, weint irgendwo. Der
Herzog war auf dem Sprung, es fehlte nur mein Signal. Wozu dies alles.
Kommt jedes zu seiner rechten Stunde.« Und dann wandten sich seine sehr
ruhigen, ganz hellen Augen dem sitzenden Pater zu; er lächelte ihn an:
»Seid froh, daß Ihr nicht die Verantwortung habt. Ihr hättet Euch nicht
regen können vor der Gewalt, die man Euch antäte.« Er faßte den Pater bei
den Händen, zog ihn hoch, legte, neben ihn tretend, seinen rechten Arm
unter den linken Lamormains: »Aufgeregt seid Ihr, Lamormain! Ihr blickt
noch ganz wirr. Laßt es fallen. Nur sinken lassen. Es geht schon. Kommt.«
Sie gingen zusammen in den Garten. Wie ein krankes Kind ließ sich Lamormain
führen. Er fror, war demütig und fühlte, daß ihm verziehen werde.
Sie gingen zusammen zwischen den Beeten. Der Fürst blinzelte die Reseden
und Hühner an. Er freute sich seiner Blindheit.
* * * * *
Als der Kaiser vier Tage hatte verstreichen lassen, während derer er mit
sich und seinem Entschluß umging, ließ er noch einmal das Theater der
Beschuldigungen, Bedingungen, des Grolls, der Wildheit an sich passieren.
Es geschah, um sich noch einmal zu kontrollieren. Als er merkte, daß keine
Feindseligkeit in ihm entstand, schien es ihm gut, seine Räte zu sich zu
bescheiden. Obwohl die Einladungen in größtem Geheim erfolgten, verbreitete
sich ein Wispern in der Stadt. Die Spannung im Quartier der Kurfürsten und
Fremden war auf das höchste gestiegen; vor dem Hause des Grafen Tilly
hielten zehn Berittene Tag und Nacht, gesattelt, mit Mundvorrat; er selbst
verließ sein Haus nicht. Man hatte es verstanden, nahe der Stadt, am
Donauufer, leichte Kanonen mit Artilleristen zu verstecken; es war
vorauszusehen, daß, ehe die geringste feindliche Belästigung erfolgte, die
Stadt in ligistische Hände fiel. Die Franzosen gingen hin und her, gaben
ihre Ratschläge. Man schwirrte um den Pater Joseph, um die Jesuiten, den
Kardinal Rocci. Der Beichtvater war unsichtbar.
In der Konferenz in der bischöflichen Ritterstube, die in Gegenwart
Lamormains und des jungen Königs von Böhmen stattfand -- er saß
weißgekleidet, schmächtig, mit sehr mürrischem, hochmütigem Ausdruck neben
seinem aufgeräumten Vater -- wurde der unveränderte gefährliche Stand der
Dinge vom Grafen Strahlendorf resümiert. Dann äußerte sich der Kaiser; es
sei ihm nicht fremd, daß die Fürsten geneigt wären, es auf das Äußerste
ankommen zu lassen; man werde ihm auch einen Entschluß, nachzugeben, als
Schwäche ausdeuten. Das sei ja schlimm. Aber ihm sei das Wichtigste, daß
mit Glimpf bei der zur Beruhigung des Reiches notwendigen Abdankung des
Herzogs von Friedland vorgegangen werde. Mit aller Deutlichkeit solle ihm
zu erkennen gegeben werden, daß er nicht, wie es Blinden scheine, als ein
Opfer der Kurfürsten falle, sondern daß die Reichsinteressen von ihm dies
Opfer verlangen; er täte mit seinem Rücktritt dem Reich einen Dienst, wie
wenn er eine Schlacht gewönne. Unendlich sei das Reich ihm dankbar.
Der König beschränkte sich auf ein paar Redensarten; er fand sich sichtlich
mit dem kaiserlichen Entscheid nicht zurecht, obwohl er Wallensteins
Abdankung verlangt hatte. Über der ganzen Versammlung der Geheimen Räte lag
Verblüffung; der Entschluß war da, den man selbst nicht hatte fassen
können, der so oder so hatte fallen müssen.
Einsam saß Lamormain. Man blickte von ihm weg. Dieser hatte gesiegt. Die
Jesuiten herrschten.
Strahlendorf fragte, was man tun wolle, wenn der Herzog den Oberbefehl
nicht niederlege. Darauf schwiegen die anderen; der Kaiser hielt die Frage
für gegenstandslos.
Der kleine Abt von Kremsmünster fuhr in raschestem Tempo mit Trautmannsdorf
in dessen Quartier. »Wir sind geschlagen, Graf. So hat Eggenberg auch von
Istrien her gesiegt. Eggenberg hat seinen Willen. Was wird Slavata sagen.
Wollen wir unsere Ämter niederlegen.« Kremsmünster von Minute zu Minute
entsetzter; die ungeheuren Schulden des Hofes bei Wallenstein, es sei
unausdenkbar, der Beschluß müsse rückgängig gemacht werden. Der verwachsene
Graf kam nicht aus dem Staunen heraus, er gab zu, daß er den Kaiser
bewundere. »Dies ist ein anderer Mann als der in München. Er fürchtet uns
auch nicht.« Der Abt schrie, Wallenstein dürfe nicht nachgeben. »Herr,«
wiegte der Graf den Kopf, »der Kaiser weiß, was er tut. Der Herzog gibt
nach.« »Er tut es nicht. Ihr werdet sehen.« Und plötzlich in Kremsmünsters
Kammer war Trautmannsdorf ganz erschrocken: »Nun hat Eggenberg recht
behalten; der Kaiser will sich nicht mehr auf den Herzog stützen. Was hat
er aber vor?« Der kleine Abt todblaß und wild: »Wir haben diesen Kongreß
auf dem Gewissen. Er war verkehrt. Wir sind ärmer als vor dem Münchener
Vertrag.« Bis Trautmannsdorf nach langem Hocken hinter einer Harfe von sich
gab: »Jetzt wird es wieder Zeit, sich zu regen. Wahrhaftig, ich komme mir
übertölpelt vor. Wir waren im Taumel, als wir zu dem Kongreß rieten. Der
Kaiser muß bezahlen, was wir verschuldet haben. Verdammte Logik. Wir haben
nicht darum den Kaiser von dem Bayern befreit. Wir werden den Herzog von
Friedland versöhnlich halten müssen. Jetzt laß ich mich nicht binden. Wir
wollen ihn nicht loslassen.«
Lamormain machte sich um dieselbe Zeit schwermütig auf nach der Karthaus zu
Lessius. Stumm saß er eine Weile dem gegenüber; der fürchtete einen bösen
Ausgang, fragte nicht, blieb sehr kalt. Sein Mißtrauen verließ ihn nicht
ganz, als der Pater das Ergebnis der Unterredungen berichtet hatte. Er
fragte, ob den Pater ein persönlicher Kummer bedrücke und ob er ihm etwas
zu sagen hätte. Lamormain, unfähig, vor dieser gelassenen Stimme zu
sprechen, brachte heraus, das Unternehmen hätte ihn sehr angestrengt. Der
Gesandte lächelte mitleidig, fast geringschätzig: die Sache hätte sichtlich
in Gottes Hand gelegen. Von einer Nachbarzelle wurde geklopft; Lessius
stand auf; eine französische Konversation mit entzückten Ausrufen begann
drin. Hemmungslos laut stöhnte Lamormain, gräßlich riß es an seiner Kehle,
als er Lessius nebenan einem welschen Emissär den Ausgang der
Streitigkeiten berichten hörte.
Am Nachmittag strömten in sein Quartier gegenüber dem Bischofspalast die
Besucher; Kardinal Rocci umarmte ihn mit hahnenmäßigem Geschrei, zuletzt
bewegte sich der kleine Pater Joseph herum. In Widerwillen schleuderte
gegen ihn Lamormain heraus: er hätte seine Hände nicht dabei gehabt, der
Beschluß sei fertig bei Ferdinand gewesen. Worauf sich Joseph mit
Freudenschreien zurückzog, in seiner Kurzsichtigkeit gegen die Tür stoßend:
das sei ja herrlich, der Kaiser sei also von sich aus den Franzosen
geneigt.
Lamormain beichtete bei den Jesuiten; er war verbrannt. Er nahm sogleich
Abschied vom Kaiser, um seinem Drang zu folgen, den kranken Fürsten
Eggenberg in Göppingen aufzusuchen, dessen Seele er mit dem Bericht von dem
Entscheid Ferdinands erquickte.
Nach Göppingen war Eggenberg gefahren, die Todesstille in Istrien war ihm
unerträglich; in der letzten Woche hatte er sich unter der Qual der
Ungeduld, Sorge, ja Reue zwingen müssen, nicht nach Regensburg zu reisen.
Lamormain traf den grämlichen alten Mann in Reisevorbereitungen. Und so
tief erquickte der Pater ihn, daß er weinte. Er pries das Geschick des
Hauses Habsburg; der gute Genius sei nicht entschwunden und habe den Kaiser
berührt. Erst als er gebetet hatte, wollte er Lamormain weiter anhören,
sprudelte aber selber glückselig, welche Gefahr vom Erzhause abgewendet
sei. Immer wieder warf er sich auf die Knie, betete, jubelte, umarmte den
stillen Pater: »Ich hab's gewagt. Gott war mit mir.« Nun werde bald der
allgemeine edle Friede kommen, nach dem sich Kaiserhaus und Fürsten und
nicht zuletzt das arme ausgesogene Land sehnten.
Erst an den nächsten Tagen merkte der Fürst Eggenberg, daß der alte
Jesuitenpater zerstreuter und unruhiger als sonst war, von ihm Tröstliches
einsog. Und als er tagelang neben ihm spaziert war zu dem Quell und durch
die Felder, erfaßte der Fürst, daß der stammelnde Lamormain um sich selbst
in Angst war. Stöhnend, fast wie ein Tier, brachte im Walde Lamormain eines
Abends hervor, daß er das gütige nachgiebige und machtbewußte Gesicht des
Kaisers nicht vergessen könne; er hätte ihn verführen wollen. Der Kaiser
hätte ihn beschämt, verächtlich beiseite gelassen. Er schäme sich. Wie ein
Begnadeter hätte er ihn, den Sünder, angeblickt.
* * * * *
Über die hügeligen bewaldeten Straßen die Donau entlang brausten die
Kroatenschwärme des Isolani. Von Regensburg her kam das Rufen,
Fahnenschwenken, rastlose Trommeln; erst einzelne Patrouillenreiter, dann,
mitgerissen, Wachen, halbe Fähnlein. Überall schrien sie sich zu, winkten
mit den Händen. Aufbruch! Bagage warfen sie auf den Boden; Heuschober
angezündet als Signale für die zerstörten Fouragemacher. Hinter ihnen der
Schwall des Staubs und die Öde. Wie ein Igel wulstete sich der Schwarm ein,
stülpte sich südwärts um. In stummem Bangen ließen sie die leeren Dörfer
zurück, halb erloschene Lagerfeuer, brüllendes, angebundenes, weidendes
Vieh. An Kaufwagen, Händlern, Reisenden, die nach Regensburg wollten,
flogen sie vorbei; Wiehern, Peitschenknallen, Klappern der Waffen im Nu
verschollen. Hinüber ins Augsburgische. In einer Herberge in den Waldrand
gedrückt, dicht vor den Augsburger Toren, Oberst Max Wallenstein. Um den
Wald ballte es sich tobend zusammen, Isolani drang mit triefendem
verwüstetem Gesicht zu ihm hinein, der Oberst lag, ohne Stiefel, betrunken
in seiner Kammer, lallte, geiferte, plötzlich ernüchtert den Kroaten an,
schlug sich vor Stirn und Brust. Aufgesprungen, die Schreibtafel des
Isolani nahm er an sich, band sie sich um den Hals. Zum Kroaten und seinem
Leutnant: sie wollten zusammen reiten. Käme er nicht durch, sollten sie die
Tafel zum Herzog tragen, ihn liegenlassen wo er liege und wenn's in einem
Wassertümpel wäre. Gestiefelt, Hut und Wehrgehenk, aufgesessen.
Max wippend auf dem Pferde rechts, links, in die Höhe wie ein Korkstück auf
brodelndem Wasser; bald nur in einem Schimmer von Bewußtsein; stumpf
lernten seine Lippen: »Es ist vorbei, wir sind hin.« Pferdewechsel. Die
Nacht durchrast. »Es ist vorbei, wir sind hin.« Vormittags durch die weiten
lärmenden Truppenansammlungen in Memmingen hinein. Gezogen vor den Herzog:
»Es ist vorbei, es ist hin.«
Während Max schlafend fiel, als er die Tafel abgegeben hatte, ächzte
Isolani, ob sie absatteln sollten. Dann erst sah der Herzog den
schnarchenden Obersten unten an, schrie: »Raus!« Der ließ sich forttragen.
Sieben Tage lang ließ Wallenstein alle Arbeit liegen. Gelähmt vor Wut an
Armen und Beinen. Er hätte alles erwarten müssen, denn Zenno hatte diesen
Ausgang berechnet, aber er hatte es nicht geglaubt. Und als Zenno zu ihm
kam, um wieder eine Berechnung vorzutragen, schoß der Herzog eine Pistole
hinter ihm ab. Jetzt trampelte er nicht auf seinen Hut, sondern zerriß ihn.
Er war völlig blind. Die Truppen auf Regensburg werfen, den Kollegialtag
gefangen nehmen, den Kaiser aufheben. Er traf mit Neumann und Max einige
lahme Vorbereitungen. Bis er selbst alles hinwarf, die Herren davonjagte.
Er war dem unheimlichen, zu plötzlichen Gedanken nicht gewachsen.
Sie hatten ihn. Zum zweiten, dritten Male. Nachdem er ihnen das Reich
wiederhergestellt hatte. Zum Zerknirschen des eigenen Gebeins und
Eingeweides.
Er hatte nie etwas Persönliches für den Kaiser empfunden. Der war der
erwählte Regierer des Heiligen Römischen Reiches, dem er diente. Das riß
jetzt an ihm; der Damm geborsten; der Kaiser war etwas, das ihn angriff. Er
konnte sich dazu nicht finden. Er mußte, er mußte den Kaiser und das ganze
Pack schlagen, wenn er leben wollte.
Und wie er reglos in seiner Kammer saß und sich zusammenhielt, heulte es in
ihm, daß sie ihm noch Hunderttausende, Millionen schuldeten. Und es labte,
labte ihn. Noch Millionen. Sie waren ihn nicht los. Sie konnten sich ihm
nicht entziehen.
Oder sie -- konnten -- auch das wagen. Er fletschte die Zähne. Es wäre das
richtigste. Er würde es tun in ihrer Lage. Dem Feind den Knebel in den Mund
stecken. Ihn noch bezahlen lassen. Werden sie es?
Werden sie es?
Und während sie nacheinander im Hauptquartier eintrafen, die Trzkys,
Bassewi, Michna, De Witte, seine sanfte Frau, wurde ihm zugetragen, daß die
heftigen Kämpfe in Regensburg, von denen man ihn ausgeschlossen hatte, noch
anhielten; die Fürsten betrieben seine Beseitigung aus Mecklenburg,
verlangten Schadenersatz, Rechnunglegung. Die Stadt Memmingen war still,
aber brüllend wie eine Kirchenglocke Wallenstein. Sein Zustand
lebensgefährlich, die Aderlässe gegen die schrecklichen Kongestionen
blieben fruchtlos, man konnte nur auf halbe Stunden an sein Bett, neben dem
die Frau Isabella demütig saß und nicht zu weinen wagte. Der Kaiser mußte
angegriffen werden; er war dem ungeheuerlichen Gedanken nicht gewachsen.
Der lange magere Herzog war ein sterbendes Untier zwischen seinen Laken und
Kompressen, den Tod wünschte er sich herbei, zerreißen wollte er den
Bayern, den Kaiser, die Jesuiten, die Franzosen. An seinen dünnen
Unterschenkeln brachen Gichtgeschwüre auf, das erleichterte ihn; seine
Augen verschwollen rot und liefen; sie standen wie Beulen zwischen den
fleischlosen Wangen, neben der hohen Nase. »Sie haben mich am Spieß, sie
werden mich wie einen Juden brennen«, wälzte er sich.
Als der Bescheid eintraf, er werde mit Glimpf entlassen, eine Deputation
des Wiener Hofes werde zu ihm gesandt werden, riß er sich, halbtot wie er
war, auf, schleppte sich ins Freie vor sein Haus, wurde sogleich ohnmächtig
die Stufen wieder zurückgetragen. Am nächsten Tag erhob er sich wieder,
erst auf Stöcken wandernd, dann zwischen den Schultern zweier Trabanten
hängend: »Der geile Mansfelder ist auch nicht im Bett gestorben. Und ich
sterbe noch nicht.«
Vom Regensburger Hofe kamen Trautmannsdorf und Questenberg; sie hatten
diese Mission übernommen, um ihn milde zu stimmen; sie brachten Ferdinands
gnädiges Schreiben. Sie unterhielten sich freundlich; zwei Kutschzüge mit
sechs Pferden schenkte er dem Grafen; Questenberg ein neapolitanisches
Tummelpferd. Friedland sah und sollte sehen, es gab Männer seines Anhangs
am Hofe. Sie waren Besiegte; der Kummer stand auf ihrem Gesicht.
Damit stieg der Herzog aus dem furchtbaren Angriff, den man gegen ihn
unternommen hatte, und schüttelte sich. Sie waren zu dumm. Hatten ihn leben
lassen, nicht einmal die Federn hatten sie ihm gerupft.
Er ging noch viele Wochen nicht aus Memmingen. Er ließ aus dem Reich
beitreiben, was ihm noch zustand. Allerorts wurden jetzt noch schwere
Kontributionen erpreßt. Täglich hatte er mit Michna und De Witte
Verhandlungen, ihre Aufstellungen waren genau, Wallenstein stachelte sie
an; sie sollten nichts verlieren. Er lud sie ein, bei ihm zu bleiben, sie
sollten ihn nicht verlassen, ohne völlig befriedigt zu sein. Die drängten,
er ließ sie nicht. Michna und De Witte kamen auf die Vermutung, der Herzog
werde doch nicht klein beigeben und irgend etwas Unversehenes versuchen;
Bassewi äußerte skeptisch, der Friedländer sei krank, noch ein zwei Monat,
so werde er froh sein, sein Getreide eingefahren zu haben. Als Graf Trzka
sich freute, daß Friedland zögerte mit dem Abschied, es sei ein heilsamer
Schreck für den Kaiser, dachte Friedland einen finsteren Augenblick nach:
»Für den Bayern ein heilsamer Schreck; der hat noch nicht gewagt, seine
Truppen nach Hause zu schicken. Die Landfahnen kommen nicht zur Ernte; ein
mageres Jahr für Bayern.« Aber er ließ keine hetzenden Reden aufkommen,
hatte keinen Sinn für Kindereien. Es sei bald Zeit. Er wolle nach Prag. Das
Heer solle der Bayer übernehmen oder der alte Tilly. Wallenstein stand
straff, blickte böse und drohend: er hinterlasse ein vortreffliches Heer;
man werde einen spaßhaften Krieg jetzt führen; vielleicht brächten die
Jesuiten den Frieden vom Himmel.
Der Herbst war schon da, als er dem Hofe schrieb, daß er nunmehr die
Geschäfte dem Grafen Tilly übergebe, selbst nach Prag übersiedle.
Durch ein klagendes Heer fuhr er von Memmingen aus. Straßen hinter Straßen
standen die ruhmreichen Regimenter mit Fahnen und Regimentsspiel Spalier.
Der Herzog saß düster in seinem roten Mantel; er hob von Zeit zu Zeit vor
den Obersten, die heranritten, den Hut, winkte den und jenen heran, gab ihm
die Hand. Er fuhr lange und fuhr in kaltem Behagen: diese Regimenter hatte
er zusammengeführt, sie würden auseinanderfallen, wenn sie in fremde Hand
kämen. Der Weg ging über Ulm, zu Lande weiter; es ging nicht nach Gitschin.
Der Herzog drängte auf Prag. Und alle, die mit ihm ritten und fuhren, waren
von großer Freude erfüllt: der Herzog lebte, wollte noch leben. Man fuhr
keinen Toten des Wegs.
Über Nürnberg zogen sie, vierhundert Mann der Leibgarde, zahllose Wagen und
Pferde. Und so groß war die Bestürzung in der Stadt bei dem Gerücht, daß er
verabschiedet sei und sich nähere, daß der Große Rat der Stadt
zusammenlief, in Eile Geschenke beschloß, die auf dem Ansbacher Weg
entgegengeschickt wurden, eine Maßnahme, die man später nicht verstehen
konnte. Als Friedland über das Bayreuther Gebiet kam, war die Nachricht von
den Regensburger Vorkommnissen schon allgemein; tiefe Beklemmung und
Bangigkeit hatte sich weithin verbreitet.
Nur wenige tausend Menschen sahen den prächtigen stillen Zug sich
schwerfällig über die Äcker, zwischen den Wäldern winden. Aber das ganze
Heilige Reich hing mit geistigen Augen an seinen Bewegungen. Man sah, wie
eine grauenvolle Unverständlichkeit im Reich es dahin gebracht hatte, daß
dieser Drache, dieser Herzog zu Friedland, der Wallenstein, sich offen vor
aller Blicke in seine Höhle zurückzog, sich versteckte und als
entsetzliches Geschick für die ruhigen Landschaften auf seinen Augenblick
wartete. Aus kleinsten Flecken wurden die schutzflehenden Deputationen
hervorgequetscht; sie berieselten seinen Weg; er grollte nur über die
Kanaille, die ihm den Weg versperrte. Seine Garde hatte nicht nötig auf
Requisition auszugehen. Mann und Pferd wurden unter einer Flut von
Beteuerungen und Heimlichkeit das Zehnfache von Fourage gebracht. Bei den
Begleittrupps, den Kriegsoffizieren, stellte sich eine Neigung heraus,
selber das Glück zu versuchen, sahen die Furcht und Untertänigkeit rechts
und links, wurden mit Gewalt gebändigt. Sie fanden Wallensteins Rückzug
ebenso sonderbar steif wie einflußreiche andere Männer.
Aber alles veränderte sich, als man sich Eger näherte und die böhmischen
Grenzen überschritt. Hier war das dunkle zerrissene Land, aus dem er
gekommen war. Er kam zurück. Mit Weltruhm, dem größten Reichtum Europas,
von Memmingen. Ohne Amt. Im Berge Blanik schlafen die Wenzelsritter bei
Wlasin. Es heißt, daß es dort eines Tages trommeln wird, ein Getöse erhebt
sich, die Baumwipfel werden dürr, aus den Quellen werden Flüsse, Blut
fließt in Strömen von Strähow bis zur Prager Brücke; Wenzel tötet alle
seine Feinde. Das Land sog ihn ein. In zahllosen Krümmungen floß die
bräunliche Eger, über Moorwiesen kamen sie, hinter ihnen strahlten tagsüber
die Schneegipfel des Riesengebirges. Das hüglige Land ließ sie von einem
Rücken auf einen andern gleiten. Aus dem Egerland und Ascher Gebiet, von
Grünberg, dem Kennerbühl fuhren und ritten die Bauern über seine Straße,
begierig ihn zu sehen, wie er aussehe, wie er blicke, der den Dänenkönig
zerschlagen hatte und den der mißgünstige Habsburger nach Hause schickte.
Ei, mit Kaisern und Königen Kirschen essen! Zwitscherten und geiferten
untereinander: »Er hat den Kaiser schön geschoren. Seht die silbernen
Partisanen, die Tummelpferde. Hat's dem Kaiser nicht hinterlassen, war
nicht dumm.« Sie waren nicht feindselig, wie sie auf den Wiesen und Hügeln
standen, zogen klirrend die Kappen, fuhren Heu und Stroh an.
Hinein fuhr er, aufwühlend wie mit einem Schiffskiel in die fassungslosen,
ihrer Sinne nicht mächtigen, die in den Konventikeln, den ansässigen Adel,
Utraquisten, zwangsweise Konvertierten. Die Rache, die wonnige, die
ungeahnte Fürsorge des Geschicks. Abgeschüttelt der Verräter von seinem
Herrn, heimatlos, sippenlos. Sollten sie ihn fasten lassen; sollen wir ihn
kommen lassen. Die grunzende Inbrunst der Zusammenkunften, Jubel, der
wohlig quietschte, wirbelte: Wallenstein gezwungen, ihre Partei zu halten
oder als Privatmann zu verrecken!
Mütterchen Prag am Hradschin sah schweigend, nicht fragend den
menschenumschwärmten Zug nahen.
Die Moldau floß unter der grauen Brücke. In seinem orientalisch reichen
Palast stieg Friedland ab. Er wohnte abgeschlossen für sich. Nach Sachsen,
Brandenburg flogen die leisen Botschaften. Als italienische Maler
anfragten, wann sie die Bilder in den Sälen vollenden sollten, kam aus dem
Palast der Bescheid, überall hin kolportiert: »Die Herren sollen warten,
bis ich davon bin. Glauben die Herren, der Palast werde mein Sarg sein?«
Hinbrütende Demut vor dem verlorenen, wiedergekehrten Sohn, Hin- und
Herschlüpfen der Juden, Berater. Wie Paukenschläge einige schwelgerische
Feste, dann kühle Empfänge der Sippenverwandten, Worte, als hätte sich
nichts ereignet, ein Brief von Eggenberg, einer vom Kaiser, Ärzte.
Wer war das, der in dem neuen Palast hauste?
* * * * *
In der Stille des Sonnabends wurde der Kardinal Rocci vor das bayrische
Quartier getragen; der Kurfürst war von einer Jagd noch nicht zurück. In
der Vorkammer schwatzte der kleine Kardinal mit jedem Ankömmling von dem
großen neuen Sieg, den die heilige Kirche errungen hätte; der Priester
vergab sich etwas, indem er Bediensteten und Kämmerern auf die Schultern
klopfte; wenn er allein saß, lachte er laut: »Sie ziehen ab, der
Wallenstein und der Spanier. Ist bald die ganze Lombardei leer und
gesäubert.«
Als der kreischende Purpurträger Maximilian mit der Neuigkeit entgegenlief,
war dem Bayern einen Augenblick, als zischte vor ihm ein Blitz nieder. Er
saß mit Rocci nieder, fahlblaß von der Jagd und der Erregung, mit dicken
Schweißtropfen um den gespitzten Mund; lächelte gedankenlos zustimmend zu
dem Geschwätz des Italieners.
Als der ihn verließ, blieb er, die geöffneten Hände auf den Knien, mit
gerunzelter Stirn, Bitterkeit in der Kehle, sitzen. Richel trat ein,
freudig bewegt. Kalt tönte die weiche klare Stimme Maximilians: »Habt Ihr
etwas anderes erwartet?« »Ich freue mich, daß die Römische Majestät
nachgegeben hat.« »Er hat immer nachgegeben, Richel, wo man etwas von ihm
wollte. Es war kein Entschluß von ihm. Mein Schwager kennt keine
Entschlüsse. Er schickt den Friedländer weg, weil man ihn drängt und wird
ihn wieder holen, wenn man ihn drängt.« »Der Herzog hat ja nicht gewollt zu
uns stehen.« Der Kurfürst aufrecht, fest: »Der Vorfall ist lehrreich. Ich
werde den Vorfall verstehen. Diesmal besser und erbarmungsloser als voriges
Mal. Er hat die Situation verstanden. Wir werden sie ihn weiter fühlen
lassen. Wir haben unser Äußerstes anwenden müssen, um dies herbeizuführen.
Ich versteh' jetzt weiter keinen Spaß mit ihm.« Er schlenderte an Richel
vorbei, setzte sich wieder, den Zeigefinger steif ausstreckend: »Die
freundschaftliche Maskerei werde ich in Zukunft nicht dulden. Mir, uns
allen ist der Kaiser diese Rechenschaft schuldig. Er hat geglaubt zu
versuchen, die Tyrannei uns aufzulegen. Es ist jetzt nicht damit genug,
wenn er erklärt, er stehe davon ab. Weil es ihm nämlich nicht geglückt ist.
Ich verlange Sühne.« Der Kurfürst sprach den Rat mit feurigen seltsamen
Augen an: »Verträge brechen und dann ein Dank schön verlangen, wenn man
bereit ist sie wieder zu halten.«
Maximilian ging mit raschen Schritten an die Tür, an der er rüttelte; er
prüfte, ob die Fenster geschlossen waren; er schrie leise: »Wir nehmen dies
nicht an. So füttert man hungriges Vieh. Wer sind wir. Ich bin deutscher
Kurfürst, dem übel mitgespielt wurde von ihm.«
»Und was gedenkt Kurfürstliche Durchlaucht vom Kaiser zu verlangen?«
»Ich lege eins zum andern. Der Berg reicht bald an den Himmel.« Vor der
schmerzlichen Erregung seines Herrn sah Richel, seinen Degen schaukelnd,
auf den Teppich; ruhig sagte er nach einer Weile, als sich der Kurfürst im
Sessel reckte: »Vielleicht wird es nötig sein, nunmehr zu
Präventivmaßregeln zu schreiten und sich vor Schwierigkeiten in Zukunft zu
schützen.«
»Ihr erklärt den Wiener Herren, ich könnte mich mit dem Entscheid nicht
zufrieden geben. Ihr habt keine Spur von Freude zu zeigen und verbreitet es
auch den Kämmerern und anderen. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir
verlangen den Schutz des Reiches und der Kurfürstenlibertät vor
Übergriffen, wie sie vorgefallen sind. Die Armee ist jetzt ohne Haupt. Wir
verlangen nunmehr Übergang des Generalats an uns.« Richel blickte groß;
scharf fuhr Maximilian fort: »Was denkt Ihr? Sie werden dazu nicht lachen.
Ich glaube das. Ich habe auch nicht gelacht, als der Friedländer General
wurde. Das Lachen wird ihnen vergehen. Es wird keine Ruhe im Reich sein,
bis die Kurfürsten die Armee führen. Ich werde mich mit den geistlichen
Herren noch verständigen. Es wird keine Ruhe, bis der Kaiser auf seine
Erbländer zurückgedrängt ist.«
»Die Armee im Reich wird vom Kaiser und dem Kurfürstenkolleg dirigiert.«
»Sie wird von mir geführt. Ich bestehe darauf. Die Protestanten haben sich
selbst ausgeschlossen.«
»Es wird schwer halten, hier den Gewaltstandpunkt zu verheimlichen.«
»Man hat ihn mir gegenüber nicht verheimlicht.«
Bei der Zusammenkunft der katholischen Fürsten im Mainzer Quartier war der
Bayer isoliert. Die Herren waren siegestoll, von Jubel beherrscht. Sie
hatten sich nicht nehmen lassen, vor Beginn ihrer eigenen Besprechungen
durch eine Hinterpforte den Marquis de Brulart und den Pater Joseph zu sich
einzulassen und deren Glückwünsche entgegenzunehmen. Die Franzosen taten
sehr beschämt, als der Trierer, dem sie eine Pension zahlten, und der sehr
geldbedürftige Ferdinand von Köln ihnen allen Verdienst zuschoben an dem
fast unglaublichen Ausgang. Der Kaiser, radebrechten französisch die beiden
rheinischen Herren, wisse, welche starke katholische Macht hinter der Liga
stünde. Der Trierer insbesondere tat, als wäre König Ludwig sein spezieller
Bundesgenosse.
Maximilian, das Gebaren seiner Freunde ignorierend, lenkte in Gegenwart der
stolzen Welschen die Unterhaltung auf das kaiserliche Heer. Die Franzosen
hörten mit Staunen den bayrischen Plan; sie fühlten den Stoß, hielten es
für gut, zu verschwinden. Die Fürsten zappelten gespießt an Maximilians
Vorschlag, das Generalat in Zukunft ihm, dem Ligaobersten, zu übertragen.
Sie bissen und drehten sich. Grämlich sahen sie, daß sie zustimmen würden.
Und ehe sie's dachten, hatten sie zugestimmt. Sie wollten den Antrag
unterschreiben. Verfechten mochte ihn der Kurbayer selbst.
Und dann ließen sie ihren Grimm los und ließen ihn poltern vor Maximilian,
vor dem sie ihre Ohnmacht verstecken wollten. Sie wollten Rache und
Schadloshaltung. Der glotzäugige schwerleibige Philipp Christoph von Trier,
breitbeinig auf zwei Sesseln ausgestreckt, ließ aus der Kehle quellen, die
Lider wenig hebend, zweihunderttausend Taler versudele der Böhme an Küche
und Keller und sei dabei dürr wie ein Faden; Halberstadt habe ihm ein
wöchentliches Tafelgeld geben müssen von siebentausend Gulden. Er keuchte:
»der Tropf!« Das harte graugesichtige Männlein unter dem violetten
Käppchen, der Reichserzkanzler, kläffte mit seinem breiten gnadenlos dünnen
Mund, es hätten sogar in vielen Landesteilen die Leute sich selber
auffressen müssen. Auch er hätte mit Mühe gegen solche Fälle einschreiten
müssen und geradezu mit Gewalt das für seine Tafel, den Unterhalt der Küche
Nötige, und für die Abgabe an Rom beitreiben müssen. Vorgebückt der
verlebte Ferdinand von Köln rieb sich unruhig die dünne rote Nase; sein
Bruder schwieg so lange; dann konnte er sich nicht zähmen, lispelte,
gestikulierte: mit Glimpf zu entlassen den Herzog, das sei ein Betrug an
allen Landesfürsten. Und darauf murrten knurrten sie zu dritt, bäumten
sich, und ihr Groll war nur gerichtet auf den neben ihnen sitzenden feisten
kurzleibigen Bayern.
Der gab von sich, daß man sich hier nicht einmischen wolle. Man möge es auf
sich beruhen lassen. Denn daß Wallenstein mit Ehren entlassen würde,
versöhnte ihn leise mit dem kaiserlichen Entschluß; er begriff, daß
Ferdinand diesen Mann nicht so wegschicken wollte. Wenigstens fürstlich
hatte Ferdinand gehandelt, den er als Kaiser hinnehmen mußte.
* * * * *
Im bischöflichen Garten unter den kaiserlichen Gemächern lief der Abt mit
dem verwachsenen Grafen. Sie rupften im heftigen Gespräch eine kleine Buche
rundherum kahl. Der Abt knallte wieder Blätter vor dem Mund auf. Der Graf
Trautmannsdorf schwang die Arme, schlug die Hände vors Gesicht: also es
finge alles wieder von vorne an; alles sei umsonst gewesen. »Es ist so, es
ist so«, der Abt drückte fast besinnungslos Trautmannsdorfs Arm. »Wozu sind
wir da?« sie stöhnten, stampften den Boden.
Der Kaiser sah sie von oben. Er schickte seinen Leibkämmerer herunter, sie
möchten ihn erwarten. Dann kam er barhäuptig, der Diener trug Reiherhut
Handschuh und Wehrgehenk hinter ihm. Er freute sich, frisch blickend; die
Herren, sie möchten es sich recht bequem machen in Regensburg, man sei zwar
über den höchsten Berg hinweg, aber es gebe noch allerlei Schwierigkeiten;
das würde viel Zeit beanspruchen. Als er die zerknüllten Blätter in den
Händen des Abtes sah, meinte er, mit ihnen vorwärts schlendernd, er wisse
schon, daß es sowohl vor dem Schiff als auch hinter dem Schiff Wellen gebe.
Er plauderte noch allerhand, bis der hagere Graf Strahlendorf, der
hinzugetreten war, von einem Besuch Richels begann. Die Herren drängten vor
den Kaiser, um sein Gesicht zu sehen. Er riß die kleinen Augen auf,
befragte lebhaft den frommen Grafen nach der Sache, dann auch die beiden
anderen Herren. Dann schüttelte er mit freudig überraschtem Ausdruck in das
Gras blickend den Kopf: »Was! Was! Wünscht er das? Wünscht mein Schwager
das? Will er eine so enge Verbindung zwischen mir und ihm? Mein Schwager
hätte alles Mißtrauen gegen mich aufgegeben?« Auf die starre verlegene
Zustimmung Strahlendorfs, -- die beiden andern senkten die Köpfe, --
drängte Ferdinand mit größter Heftigkeit gegen den langen Grafen, ihn am
Wams berührend: »Was, das hat Euch der Richel aufgebunden! Er geht hin und
her, mißversteht hier und dort.« Jetzt stammelte mit rauher Stimme
Strahlendorf, nein, Richel hätte von Dienst- und Amtswegen ein quasi
Verlangen, um nicht zu sagen Anspruch Bayerns auf die Generalatstelle
angemeldet. »Ein Verlangen. Ein Anspruch. Wißt Ihr, daß dies beinah
undenkbar ist! Bayern wird sich damit ruinieren. Es soll versuchen in dies
Wespennest zu stechen, Obersten mit großen Gehältern, verwöhnte Soldaten
und Reiter, diese Überzahl an Menschen ernähren, kleiden, bezahlen, und --
dabei keinem Unrecht tun. Nein, sagt meinem Schwager, es sei sehr lieb von
ihm, aber ich könne es nicht von ihm verlangen. Es ist auch nicht richtig,
sagt doch!« Strahlendorf Trautmannsdorf gingen fast träumend neben und
hinter dem Herrn. Wie aus einer andern Welt kam es Trautmannsdorf selbst
vor, als er sich genötigt fühlte zu sagen, daß Habsburg diesen Vorschlag
ablehnen müsse, da es sonst machtlos werde. Mitleidig lächelnd zog ihn
Ferdinand, ihn um die Hüfte fassend, an sich: »Ist mein treuer
Trautmannsdorf, der Edelstein in meiner Krone, noch so rückständig. Sind
die Zeiten vom Haß zwischen Wittelsbach und Habsburg noch immer da.
Wittelsbach hat gesehn, wie gewaltig, unnahbar gewaltig ein Kaiser sein
kann. Seht doch um Euch, Herr Graf; nicht so historisch gedacht. Habsburg
braucht sich vor keinem Haß mehr zu fürchten. Schon lange nicht mehr.« »Ich
sehe es nicht«, murmelte Trautmannsdorf. »Aber ich,« lachte die Majestät,
»bald werde ich Euch auf den Thron erheben und mich zum Berater anbieten.«
Er ließ den Grafen los; in einem Rosenrondell stand er tiefsinnig, die Arme
verschränkt, da vor den Herren; ein junger Fuchs sprang spielend neben
einer Buche an seiner Kette herum. »Der Papst macht Schwierigkeiten mich zu
krönen. Inzwischen hat mein lieber treuer General Wallenstein, der Herzog
zu Friedland, mich zum Kaiser gekrönt. Das kann mir keiner strittig machen.
Was grabt Ihr die alten Märchen aus.« »Nein,« brach er ab, »vorläufig
glaub' ich nicht ganz an den Ernst meines Schwagers, das Kommando meiner
Armee zu übernehmen. Was sagt Ihr, Ehrwürden von Kremsmünster, zu meinen
Rosen. Wenn sie Euch gefallen, will ich es dem Gärtner bestellen lassen.
Euer Lob ist ihm eine Erhebung in den Adelsstand.«
Den sich bäumenden Widerstand der Herren drückten ganz nieder der Fürst
Eggenberg und der Beichtvater, die aus Göppingen hereinkamen; beide noch
erschüttert von dem Ereignis, das sich vollzogen hatte, und in Erwartung
der bayrischen Übergriffe. Als Kremsmünster die Frage der Zuziehung des
Erzherzogs Leopold aufwarf, war schon klar, daß man einer andern Situation
als früher gegenüberstand. Der Beichtvater, bleich und schwer sich
erhebend, erklärte seine Hände von allem, was geschehen sei, abzuziehen; er
sagte offen, er vermöge gegen den Kaiser nichts anzustiften und zu
unternehmen. Eggenberg las ihm vom Gesicht, daß er von dem jüngsten
Erlebnis noch geblendet war. Lamormains Gesicht gab deutlich das Gefühl
wieder, das sie alle unsicher hatten, daß mit dem Kaiser eine neue
rätselhafte Gewalt unter ihnen aufgestanden war. Man wußte nicht, ob man
sich dieser Gewalt anvertrauen konnte. Dann vor der feierlich traurigen
Figur des Beichtvaters wurde man ruhiger. Der Kaiser, der neue Kaiser
wirkte.
Langsam stellten sie ihre Gedanken auf ihn ein; langsam erinnerte sich
Trautmannsdorf des Satzes Ferdinands, es seien neue Zeiten da. Und als
Trautmannsdorf, der kühnste, am meisten elastische von ihnen zögernd
fragte: »Und wenn es wirklich so wäre, wenn er die Dinge richtig sähe und
einen Weg aus der deutschen Zwietracht wüßte?«, da bezwangen sie sich alle.
Sie fühlten sich bewegt, der Gedanke vom Staatsstreich beschämte sie. Sie
hatten sich feurig und erschüttert zusammengesetzt; nachdenklich trennten
sie sich.
»Was sind das für Zeiten,« flüsterte erstaunt der verwachsene Graf zum Abt,
als sie an dem stumm daliegenden Bischofspalast vorübergingen, der
Beichtvater sich zum Kaiser begab, »ich hielt mich noch für jung und bin
schon verbraucht, verstehe kaum etwas.« »Ach,« seufzte Kremsmünster, »es
ist eine Zeit der Experimente. Hätten wir nur den Herzog noch.« »Denkt
Euch, ach denkt Euch, der Kaiser will Frieden im Reiche machen, er steckt
das Schlachtschwert ein, er will so, so Wittelsbach entwaffnen. Der
Gedanke, der Gedanke!« »Gebe Gott und alle Heiligen, daß uns nichts
widerfährt.« »Denkt Euch, es sah aus, wie ein drohender Kampf zwischen
Kaiser und Fürsten, Bayern und Friedland bis aufs Messer, und jetzt, -- hat
der Kaiser den Sieg an sich genommen, ohne auch nur den Degen berührt zu
haben. Er hat den Wittelsbach nicht einmal an sich herankommen lassen und
schon war er besiegt. Ohne Friedland! Denkt Ehrwürden.« »Phantasien, lieber
Graf. Der Kaiser denkt es und Ihr denkt es.« »Wer kennt die Wege des
Schicksals. Warum sollte nicht einmal eine neue Methode versucht werden.
Unsere heilige Kirche, Ihr seid mir nicht böse, ist stark im Hintergrunde;
Urban soll auch viel Artillerie im Kopf haben. Da besinnt sich der Kaiser
auf sein Herz.« »Hättet Ihr doch Recht.« »Nein, nicht bloß auf sein Herz,
auf unser Herz. Es könnte so sein, es könnte doch wenigstens in der
Phantasie so sein. Und mit einem winzig kleinen, ameisenkleinen
Phantasieaufwand hat der Kaiser unsere gewaltigen Schwierigkeiten behoben.
Bah, stehen die Kanonen da, bah, wissen die Generäle nicht, was mit ihnen
ist.« »Phantasie, Phantasie.« »Das eine Heilige Römische Reich.« »Ach, es
ist ja zum Lachen, Graf Trautmannsdorf. Ich möchte in Friedland und den
Bayern gucken.«
So stolz und entschlossen war Maximilian, daß er nach wenigen Tagen sich
selbst im Bischofspalast eine Audienz erbat und den Kaiser um Erledigung
der schwebenden Heeresfrage anging. Ferdinand hatte noch einmal mit seinen
Herren beraten; es waren sonderbarerweise alle Einwände verstummt, gegen
die Bestellung des ligistischen Generals Tilly zum kaiserlichen Feldherrn
wußte in halber Beschämung niemand etwas zu sagen; ja man hatte sich
gewundert unter den Suggestivreden Trautmannsdorfs, wie glatt diese
einfache Lösung war und wie fruchtbar sie sein konnte.
Ferdinand ging sanft dem Bayern, der trübe blickte, an die Tür entgegen:
»Wie, lieber Schwager, Ihr solltet Euch wirklich zu diesem Opfer
entschließen? Ihr wollt Frieden im Reich stiften? Wißt Ihr, es ist ein
Einfall von Euch, der so den Kern meiner Erwägungen und innerlichen
Beschlüsse trifft, daß ich noch jetzt erschrocken bin. Ja, wie kann diese
Tagung besser geschlossen oder gekrönt werden, als indem Ihr oder Euer
General meine Armee in die Hand nehmt. Jeder Streit entfällt. Eure
militärische Tüchtigkeit ist ohne Zweifel. Und, nein --« Er strich des
Bayern Ärmel und lachte ihn herzlich an. Maximilian, finsterer im Anhören
geworden, fragte ihn nach dem Lachen. Ferdinand schritt mit ihm in den
Saal; nun werde einmal der Bayer alle Sünden auszubaden haben, und in ein
zwei Jahren werde es einen Tag zu Regensburg mit vertauschten Rollen geben.
Der Bayer, unsicher die anwesenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf
fixierend, drängte fort, um sich durch seine Unterhändler der Wirklichkeit
der kaiserlichen Erklärungen zu versichern. Er fühlte sich seiner Sinne
nicht mächtig, hielt sich mit Zwang von neuem zurück, um wieder zu hören,
mit welcher befremdenden Leichtigkeit der Kaiser sprach. Und die seriösen
Räte waren zugegen! Zu Boden geschmettert war er; das Geplauder des Kaisers
regnete auf ihn.
Dann saß er in der Karosse, nahe in ein nervöses Schluchzen auszubrechen.
Unklar kam er sich besiegt vor. Wie ein Mann, der einen Anlauf nimmt, um
eine schwere Last fortzustoßen, blind losgerannt ist und die leere Luft
zerrissen hat. Unfaßbar das Benehmen des Kaisers; was war das, was war das.
Der träge freche Stolz dieses Mannes, diese hochmütige trächtige Liebe. Das
Sicherste war in Maximilian gelockert; wie eine Handvoll Bohnen, zwischen
Granit geworfen, quellend die Quadern hebt. Maximilian blies die Luft von
sich. In dem Logement mit Richel und dem Fürsten von Hohenzollern speisend,
betäubte er sich durch klangreiches Reden. Triumphgeschrei rechts und
links. Boten von Brulart herüber, Boten an die geistlichen Kurfürsten. Die
fuhren am nächsten Morgen vor. Übernächtig genoß Maximilian ihre Angst, die
sich nicht äußern durfte, ihr verlogenes Schmeicheln und Jubeln. Maximilian
fühlte, er war aus seiner Bahn geworfen; es war ein Zustand, wie in den
heißen Tagen, als er mit Wallenstein sich verbinden wollte. Wallenstein,
dieser klägliche überschätzte Mensch, dieser Lump und Knecht, der sich von
seinem Herrn wegschicken ließ, und der auch ging, ohne zu murren,
wahrscheinlich froh über die Tonne Gold, die er davonschleppen durfte. Heiß
rollte der Triumph durch den Kurfürsten. Er hatte das fürstliche Spiel
gewonnen. Die Franzosen wurden angemeldet. Maximilian fertigte sie
hochmütig ab, und plötzlich haßte er sie, weil sie ihn an seine Angst
erinnerten. Abstoßen! Ob sie ihn wohl knebeln zwirbeln und pressen wollten.
So früh und rasch erscheinen, um wie Juden Schulden einzutreiben. Schulden,
Schulden! Bei der erstaunlichen Szene war Fürst von Hohenzollern zugegen,
der nicht daran zweifelte, daß der Kurfürst in einem Schwermutsanfall
sprach und die beleidigten Herren zum formlosen Weggehen bewegte. Ihn aber,
den Hohenzollern, überfuhr der noch unausgeleerte Kurfürst mit wilden und
höhnischen lustgeschwollenen Rufen: ja, es sei nicht nötig, diese Herren
sanft fortzukomplimentieren. Man sollte sie aufheben auf deutschem Gebiet
oder sie in die Donau stürzen, weil er sie durchschaue, die neidischen, die
streitsüchtigen. Sie sollten ihre Finger vom Reich lassen.
Bacchantische und kulinarische Exzesse überschwemmten wieder den Hof. Die
Majestät gab sich nach langer Enthaltsamkeit den Ausschweifungen hin. Es
wurde erzählt, der Morgen beginne mit Bordeaux, der Abend sinke mit
Likören; was in der Mitte flösse, sei auch kein Wasser. Gepränge an den
Tafeln mit den geistlichen Herren. Mit der wieder eingetroffenen
Mantuanerin. Mit Welschen Spaniern Italienern. Schiene es doch, als sei
ganz Regensburg aus dem Häuschen und der Kaiser feire die Leiche Friedlands
weg. Es wurde erzählt, Ferdinand wolle Frieden um jeden Preis; die
Mantuanerin bedränge ihn; was Lamormain leiste, würde bald offenbar werden.
Und da griff Maximilian zu. Er war auf bekannter Fährte: Ferdinand, der
freche Säufer und Fresser! Das war ja das dicke Wildschwein, auf dessen
Jagd er sein ganzes Leben über war. Und sein inniges atemloses Gelächter.
Der Kaiser hatte die Kurfürsten an sich gerissen, als wenn er nach ihnen
verdurste. Zusammengerufen und einzeln konnte er von ihnen nicht genug
haben. Und von den Welschen, den Spaniern, Italienern. Und sie kamen. Der
Riß in Regensburg war beseitigt. Nach Maximilian rief er am heftigsten, und
freudig, heftig gereizt, innerlich brüllend vor Gelächter, machte sich
Maximilian auf die Füße. Er sah darüber hinweg, daß dieser Glanz erpreßter
Reichtum deutscher Kreise war; es machte ihm heißes, unter Spott wucherndes
Vergnügen, daß der Kaiser ihnen allen diesen Glanz hinhielt, als wüßten sie
nichts, ahnungslos leichtherzig wie einer. Ferdinand, der Kaiser blieb,
weil ihm keiner ernsthaft böse wurde. Und der seinen Feldherrn geopfert
hatte, wahrhaftig, aus keinem andern Grunde, als um Frieden zu haben, mit
ihnen allen, und -- wieder ruhig zu pokulieren.
Und dieser selbe Gedanke stieg in einem andern stillen Teilnehmer der Feste
auf, Lamormain, wie Maximilian auf Suche nach der Gebärde Ferdinands, den
Kaiser betastend; den Kaiser anbetend, sich vor ihm kasteiend. Er wurde von
dem allgemeinen Erstaunen über den verwandelten Herrscher mitgerissen.
Dieses Zwitschern Fragen Horchen am Hofe. Herübergeholt die Meisterküche
aus Wien, mit dem Stab der Pastetenbäcker, Zuckerküchler, Erbauer der
Riesentorten; auftauchte die Schar der Truchsesse Vorschneider Mundschenke
Kredenzer. Mit dem schwarzen Stab spazierte zur Musik herein der
Oberstabmeister vor den dunstumhüllten Speiseträgern. Auf den Tafeln vor
den zerreißenden Menschenzähnen das getötete Getier des Waldes, das
singende fliegende tänzelnde, Auerhahn Schwan Pfau weißer Reiher Kranich
roter Fasan. Zuckerbrot Marzipan Sülzen. Inmitten der überflutenden
Leckereien auf der Tafel die weiße Pyramide, um die die vier Elemente
saßen; Fortuna goldgelockt, purpurgekleidet auf einer Kugel, die unter
ihren spitzen Zehen rollte. Gemisch der Nationen an den Tafeln, erfreute
Münder, erbitterte Stirnen; der Deutsche vertreibt den Schmerz, der
Italiener verschließt den Schmerz, der Spanier beklagt den Schmerz, der
Franzose besingt den Schmerz. Musik: wer weiß was Schmerz oder Freude ist.
Feuerwerk Ballett Stechen Jagden Frühstück.
Entsetzt der schwarze hinkende Lamormain hinter dem aufgeblähten
glückvollen Kaiser: »Den Herzog hat er verstoßen, als war es nichts. Er hat
ihm seine Königreiche gerettet. Jetzt weiß er nichts mehr davon. Er hat es
vergessen. Er hat den Friedländer schon vergessen.« Ein gräßliches Gefühl
durch den Pater. Wie ein Kind sah Fürst Eggenberg den Habsburger sich
zwischen den schlemmenden Herren und Fürsten bewegen; er zuckte die
Achseln: »Wohl uns, wir sind über den Berg.« Unvermerktes Abreisen der Räte
Trautmannsdorf und Kremsmünster aus Regensburg vor dem erschreckenden
Anblick ihres Herrn.
Auf Wagen Pferden neben dem Kaiser die Mantuanerin. Die Sicheln der
schwarzen hochgeschwungenen Augenbrauen, die brennenden Blicke, die
straffen glatten Wangen. Um sie reitend auf weißen Gäulen anmutige
Franzosen, die rechte Hand in die Hüfte gestützt, mächtige Goldschärpen.
Beim ersten festlichen Empfang der Fürsten im Bischofspalast schritt sie
neben dem Kapuziner Joseph durch die Säle spitzfüßig auf weißen Schuhchen,
den gelben Rock mit beiden Händen vorn gerafft, daß das purpurne Unterkleid
schimmerte; bis über die Knöchel entblößte sie ihre Füße, die weißen
Strümpfe. Goldgelbes Kostüm bis zu den Achseln ausgeschnitten, Perlen um
den Hals in fünffacher Reihe; feine gelenkige ebenmäßige Büste, die Arme in
weißen weiten Atlas geschlagen. Das Haar schwankte in Locken seitlich über
den Hals, aus dem Nackenknoten stieg schwer eine tellergroße Sonnenblume.
Der siegreiche strenge Mund. Der Herr gab ihr nach, daß für Italien die
Friedensverhandlungen begannen. Sie hatte nicht genug daran, Kasale stand
vor dem Fall. Sofort mußte der Waffenstillstand beschlossen werden. Mit
Flüchen auf die Welt gehorchte der alte Spanier Spinola, nach drei Tagen
war er wahnsinnig, bald tot. Die Kaiserin erschauerte vor Wonne. Ihrem
Oberstkämmerer sagte sie, dem Pater Joseph schrieb sie: »Meldet Kollalto,
er belagere Mantua und mit Mantua meine Seele. Ich werde ihm goldene
Ketten, Land und alle Auszeichnungen verschaffen, wenn er mir und meiner
Stadt wieder Freiheit verschafft. Er möchte nach Wien kommen, er soll es
sich nicht überlegen, wir erwarten ihn.«
Nur noch gelegentlich wurden in der Sommerhitze Verhandlungen gepflogen,
die Kurfürsten baten um Aufhebung des Kollegialtages. Man schaffte die
Ernte in die Scheuern. Tilly, der eisgraue kleine fromme Mann aus Brabant,
war Feldherr der beiden Heere. Das kaiserliche Heer vermindert wie das
ligistische. Friede im Reich und bald Friede an allen Grenzen.
Vor den Quartieren der Kurfürsten standen die breiten Reisewagen. Die Räder
hoch, tief hängende Kästen, mit Kronen an den Schlägen und über den Decken.
Der Lärm der Bankette in der Stadt ging weiter. Hinein stieg seufzend der
schwere Trierer, sah sich müde um, schlief ein. Hinein behaglich grunzend
der pergamentene Erzkanzler; der Wagen rollte. Widerstrebend der lüsterne
Kölner, den das Klirren und Juchzen der Stadt hielt. Mit starken Sprüngen
Maximilian, Richel neben sich, der Wagen geschlossen, die Vorhänge zu; mit
Frankreich al pari, die kaiserliche Macht in seiner Hand.
Die Franzosen hielt es lange in Regensburg, sie konnten sich vor dem
unglaublichen Anblick dieses deutschen Untiers nicht losreißen. Die
hoheitsvolle Maske des Kaisers, des Schlemmers, neigte sich täglich über
sie; sie schworen ihm, keinen Feind des Reiches zu unterstützen.
Seine Augen waren wie die eines Schielenden; man wußte nicht, ob man ihn
ansah.
Fünftes Buch
Schweden
Über die Wogen der graugrünen Ostsee kam die starke Flotte der Schweden
windgetrieben her, Koggen Gallionen Korvetten. Bei Kalmar unter Öland, bei
Westerik, Norreköping, Nöderköping hatten sie die gezimmerten Brüste und
Bäuche auf das kühle Wasser gelegt, schwammen daher. Die bunten langen
Wimpel sirrten an den Seilen und Gestängen. Voran das Admiralsschiff Merkur
mit zweiunddreißig Kanonen, dann Westerwik mit sechsundzwanzig, Pelikan und
Apollo mit zwanzig, Andromeda mit achtzehn; dreizehn auf Regenbogen, zwölf
auf Storch und Delphin, zehn auf Papagei, acht auf dem Schwarzen Hund. Der
Wind arbeitete an der Takelung, die Segel drückte er ein, die breiträumigen
Schiffe bogen aus, stießen vor, glitten wie Wasser über Wasser. Dann griff
der wehende Drang oben an, sie beugten sich vor, schnitten, rissen
schräg-wirre sprühende Schaumbahnen in die glatte fließende Fläche,
stellten sich tänzelnd wieder auf. Die tausende Mann, die tausende Pferde
auf den Planken. Das Meer lag versunken unter ihnen. Die Schiffe rannten
herüber aus Elfsnabben, dem weiten Sammelplatz, nach einem anderen Land. Da
stand die flache deutsche Küste. Wie Urtiere rollten torkelten watschelten
die brusthebenden geschwollenen Segler, tauchten, hoben sich rahenschlagend
aus dem herabrieselnden Wasser. Als die flachen Boote, die Kutter Briggen
Schoner vom Ufer anschwirrten, erschien der weiße Strand. Triumphierend
leuchteten die nassen bemalten Gallionen und Koggen. Auf den stillen
verlassenen Strand stiegen Menschen nach Menschen, fremdländische Rufe.
Drohend schlugen von den Schiffskastellen Kanonensalven über das Land.
Die Männer aus Swealand und Götland, von Söderhamm Örebro Falun Eskilstima,
Fischer Meerfahrer Bergmänner Ackerer Schmiede, die starkbeinigen kleinen
Menschen aus dem seenreichen Finnland, die noch mit den Bären und Füchsen
zu kämpfen hatten, in Waffen geübt, schwärmten in Eisen und Stahl, Pferde
Wagen und Kanonen führend über die wehrlose Insel. Hinter ihnen kleine
schwarzhaarige scheue Männer, behende Lappen, mit Pferden Pfeil und Bogen.
Sie führten Faschinen Körbe, schleppten Brot und Bier.
Sie liefen Schloß Wolgast an; überschwemmten es im Nu. Die Oder floß breit
und ruhig in die Ostsee; an ihr lag die Stadt des Pommernherzogs Boguslav
Stettin. Er hatte jahrelang die Aussaugung und Bedrückung der
friedländischen Truppen geduldet, war an die Kurfürsten gegangen, an den
Kaiser in Regensburg. Weißhaarig mit einer kleinen Leibwache stand er auf
dem Bollwerk, zitterte trotz der Wärme in seinem silbergestickten Röckchen.
Im blauen Wams mit plumpem Wehrgehenk verhandelte ein schwedischer Kapitän
mit ihm in der Sonne drei Stunden. Währenddessen fuhren langsam die
achtundzwanzig Kriegsschiffe näher, Merkur mit zweiunddreißig Kanonen,
Westerwik mit sechsundzwanzig, Apollo, Pelikan mit zwanzig, Andromeda mit
achtzehn, Regenbogen mit dreizehn, Storch Delphin mit zwölf, Papagei mit
zehn, Schwarzer Hund mit acht. Hinter und zwischen ihnen schwankten die
riesigen Transportschiffe. Da zog sich der Herzog, den Hut lüpfend, einige
Minuten in ein Zelt zurück, das man hinter ihm aufgestellt hatte und sprach
mit seinem Oberst Danitz, der Pommerns Neutralität mit den Waffen der
Bürger zu verteidigen schwur. Boguslav schüttelte ihm, Tränen in den Augen,
die Hand; es sei zuviel, erst die Kaiserlichen, dann die Schweden. Ging,
nachdem er sich geschneuzt hatte, gebrochen zu dem stolz wartenden
Parlamentär hinaus. Nach ihrer Unterhaltung zogen sich die Kriegsschiffe
zurück, ließen den Transportern Platz; hunderte auf hunderte Schweden
bestiegen das Bollwerk; der Herzog stand noch starr vor seinem Zelt, wurde
nicht beachtet. Viertausend Mann nahm Stettin auf; die Bürgerfahnen
zerstreuten sich ängstlich.
Nach fünf Tagen saß der Herzog im Stettiner Schloß mit dem beleibten
blonden Gustaf Adolf an einem Tisch; der erklärte ihm, während er schlaff
zuhörte, sie hätten gemeinsame Interessen, die sie auch schriftlich
formulieren müßten; der römische Kaiser sei ihrer beider Feind. »Es ist
mein Kaiser,« sagte Boguslav, »dem ich Treue als Reichsfürst schuldig bin.«
So einigten sie sich nach Gustafs mitleidigem Lächeln; demütig unterschrieb
der Herzog, daß er sich mit dem Schweden zu gemeinsamer Verteidigung gegen
die Landesverderber verbünde; »unbeschadet Kaiserlicher Majestät«, das
setzte der Herzog selber zärtlich hin. Die pommerschen Stände fanden sich
im Schloß ein; ihre große Not erörterte der König beredt vor ihnen; er
suchte ihren Zorn auf den Kaiser zu entfachen. Nach einer Konferenz mit
ihrem Herzog fanden sie sich bereit, dem schwedischen Ansinnen entsprechend
zweihunderttausend Taler zu zahlen und eine dreiprozentige Hafenzollabgabe
zu gewähren.
Wie die Schweden aus der traurigen Stadt, in der sie eine Besetzung
zurückließen, hinausritten und marschierten, stießen sie in ein leeres
Land. Die wenigen Bauern liefen erstaunt um die fremden starken Scharen,
die Lappen mit den Bogen, hörten durch Dolmetscher, daß diese Männer alle
über die Ostsee gekommen seien, um sie zu beschützen in ihrem Glauben und
gegen die Bedrückungen der Kaiserlichen. Sie verbreiteten das Gerücht von
der anschwemmenden Menschenwelle weiter, retteten ihre Pferde und Vorräte
an feste verborgene Orte. Durch Vorpommern verbreiteten sich die Fremden,
zehntausend Infanteristen, zweitausendfünfhundert Reiter, in völliger
Einsamkeit, bei Damgarten wippten sie über die Mecklenburger Grenze. Wie
rann es durch die erwartungsvolle Seele des Königs und seiner Umgebung, daß
dies das Land des gigantischen böhmischen Mannes war, das wehrlos vor ihnen
lag.
Das Wort ließ der König wieder schwellend aus seinem Munde los, Trommler
trugen es über die Dörfer: er sei der schwedische König, ein Bekenner der
lutherischen Lehre, der mit seinen Männern zu Schiff herübergekommen sei,
weil er von der Not seiner Glaubensverwandten gehört hätte. Er hätte es
kühnlich gewagt herüberzukommen und die Löwenhöhle zu betreten, wenn auch
ihn das Untier anspringen sollte. Sie aber seien zu seiner Verwunderung vom
alleinseligmachenden Glauben abgefallen und in des bösen Wallensteins
Dienste getreten. Sie sollten achtgeben. Wenn sie seinem Rufe nicht
nachkämen, Hab und Gut mehr achteten, als ihre Seligkeit, so wolle er sie
als Meineidige, Treulose, Abtrünnige, ja ärgere Feinde und Verächter Gottes
als die Kaiserlichen mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen.
Vor dem harten Geschrei der Eindringlinge grinsten die Leute. Das
Stillschweigen und Lächeln verbreitete sich wie ein Luftraum um das
marschierende Heer, bis sie auf Savelli stießen, den kaiserlichen
Feldmarschall, vor dessen stumm wartenden Massen sie grollend und fauchend
zurückwichen, zurück durch den Paß von Ribnitz nach dem ausgemergelten
Pommerland. Die prunkvollen Orlogs, die breiten Transporter schaukelten auf
der Oder bis nach Dievenow; die Wochen aber schlichen hin. Untätig
lungerten die Fremden auf dem pommerschen Boden, ihr feister König stieg
mit seinem Sekretär, dem hinkenden Lars Grubbe, durch die Lager, sprach
ihnen, äußerlich sorglos, zu, lachte gezwungen, wenn sie ihm nachriefen
»Dickkopf, Schmerbauch«, gab, sich gemein machend, ihnen ihren Ton wieder.
Sie duzten ihn: »Monsieur König, wenn du so streng bist, schaff uns auch
Schuhe.« Er zog sich auf der Lagergasse seine hohen Stiefel aus, ging
barfüßig weiter; sie schwenkten auf Stangen die Stiefel und warfen sie
hinter ihn: »Zahl uns Sold!« Es hieß kurzen Prozeß machen; man konnte nicht
in Pommern verkommen. Aus Preußen kamen schwedische Reiter herüber, man
wartete auf sie in den eisigen Winter hinein.
Dann zogen sich die Schweden aus Stettin und Pommern, von den Schiffen aus
den Inseln, zusammen wie ein Geschwür, das aufgehen will, belauerten vor
Damo ein paar Wochen die Kaiserlichen, die drüben in Greifenhagen in Massen
verdarben unter Schaumburg, dem Nachfolger des toten Torquato Konti, der
das Land verelendet hatte. Am Weihnachtmorgen um fünf Uhr begann drin das
Läuten, die Kanonenschläge aus Eisen Kartätschen und Granaten legten sich
über das gräberübersäte Vorgelände, die armseligen Häuschen draußen, in die
verzweifelte Söldner aus der Stadt geflüchtet waren, schoben sich blitzend
über Mauern und Kirchen, sprangen mit Geröll und Gekrach auf die
verriegelten Tore. Die gingen auf nach Süden, und ehe eine Bresche
geschlagen war, ergossen sich die armseligen Söldner über die Brücke, ihr
Leben rettend durch die Flucht, wateten durch die mörderische Kälte des
Stromes, trollten klagend durch den Schnee, viele ohne sich umzublicken,
bis die Kanonen hinter ihnen verhallten, auf Frankfurt zu.
Zersprengt die ruhmreichen Regimenter Sparr Wallenstein Götz Altsachsen. In
der Mauer ein Loch so groß, daß zwanzig Wagen einfahren konnten. Hindurch
warfen sich im Schwung die Schweden, sprengte die schnaubende Kavallerie,
weg über die Toten im Mist, über die Häuser hin, über die Bewohner, an
deren Leib und Gut sie sich sättigten, bis die Trompeten bliesen. Geschrei
Geächz Gejubel zum Himmel auf am Tage der Geburt des heiligen Christkindes.
Das Tosen der Fremden hielt tagelang an, ganz Pommern hatten die Deutschen
geräumt. Wie ein Tänzer, der auf der Zehenspitze steht und sich wie zum
Hinstürzen schräg nach vorn fallen läßt, um im wilden Wirrwarr
davonzurasen, so blieben die Männer von Götaland eine Woche in Garz und
Greifenhagen; dann riß es sie über den pommerschen Boden, die flache breite
Tenne.
Und in einem Sturz herunter nach Brandenburg. Der apathische Kurfürst Georg
Wilhelm flehte, an seinem Land sei nichts mehr als Sand und Kiefern. Gustav
richtete Kanonen auf Berlin. Den schwächlichen Schloßherrn ließ er zu sich
in einer Kutsche ins Lager holen, dankte ihm für die endlich gefundene
Entschlossenheit, und er werde ihm Gelegenheit geben, sich an dem Kampf für
die evangelische Sache zu beteiligen, mit dreißigtausend Talern monatlicher
Abgabe.
Der König erhob sein Herz. Sein Hauptquartier schlug er in Bärwalde auf.
Sein Gesicht bekam Farbe. Er suchte Parteigänger.
Im Schlosse zu Upsala hatte er zwei Jahre zuvor zu acht Männern gesprochen:
»Der Stein ist auf uns gelegt, daß wir den Kaiser entweder in Kalmar
erwarten oder in Stralsund begegnen. Nun muß mein letztes und höchstes Ziel
sein ein neues Haupt der evangelischen Christenheit, das vorletzte eine
neue Verfassung unter den evangelischen Ständen, das Mittel dazu der Krieg.
Zugrunde gerichtet muß der Katholik werden, sonst kann der Evangelische
nicht bestehen; ein Vergleich oder Mittelding besteht nicht.« Er hatte
Männer und Kapital aus seinem Reich genommen, daß die Menschen in Ost- und
Westgothaland und Swealand sich von Baumrinde und Eicheln nährten; den
Alleinverkauf von Getreide, ein Kupfer- und Salzmonopol hatte er an sich
genommen, den Münzstand verwildert. Sein hahnenlautes Gekräh in Bärwalde:
»Der König von Schweden ist hier«, lockte einen schuldenverkommenen
verluderten deutschen Fürsten an, einen Landgrafen von Hessen-Kassel. Der
verschwur sich, breitbeinig und feige vor dem lauernden König sich bückend,
ihm seien seine Prozesse verdorben und verloren durch die Parteilichkeit
des Kammergerichts gegangen; kein Recht hätte mehr der Evangelische im
Reich. Der König, die Verlogenheit des bramarbasierenden Schlemmers vor
sich erkennend, versprach mit tränenden Augen, empört zitternder Stimme,
sich des Hilfeflehenden anzunehmen zur Ehre Gottes und zur Verteidigung
unschuldig bedrängter Christen. Sie gingen nicht auseinander, ohne daß der
Landgraf einen Geldvorschuß vom Schweden annahm unter ehrfürchtigem
Speicheln vor dem ritterlichen Amt des Eindringlings, dem er versprach, das
Hessenvolk gegen den Kaiser rebellisch zu machen. Wogegen ihm der
leutselige Fremde das Fürstbistum Paderborn, Höxter, das Eichsfeld,
Hersfeld, in baldige Aussicht stellte. Trunken zog der Hesse ab.
Eine geängstigte Sondergesandtschaft der alten Stadt Magdeburg lief ihm auf
dem Wege unversehens zwischen die Beine; er führte sie im Triumph selbst in
das Haus des schmerbäuchigen frommen Schweden, von dessen Lippen noch
einmal Lobsprüche ableckend, ehe er sich in sein Land verkroch.
Den Magdeburgern hatte der Hesse das Herz schon mutiger gemacht mit seinem
verführenden Jubelpreisen des Messias aus dem Norden; lecker rückten sie an
vor ihm, der noch seinen Zorn ausschrie über das Unrecht, das der Hesse
erfahren hatte. Sie standen zu fünf nebeneinander. Und nun erst, wo sie die
sanfte unverständlich sprudelnde Sprache der Türhüter, des einführenden
Kämmerers hörten, fuhr ihnen ein kaltes peinliches Gefühl über die Haut.
Sie verloren ihre Angriffskraft und brachten es auf das Zureden des listig
sie anblickenden mächtigen Mannes auf dem Sessel nur zu matt gezimmerten
Wendungen. Nur einem unter ihnen, einem jungen Habenichts, gelang es, über
sein Unbehagen hinwegzukommen; er floß über von Scheltreden auf die
Ligisten, den weiland Friedländer und sein Pack, stimmte ein, als jener
liebreich nach dem Römischen Kaiser fragte, daß der nichts sei als ein
gierig weites Maul, und das sündhafte Restitutionsedikt das
Tranchierbesteck, mit dem er sich den Braten zurecht machen wolle.
Die Worte fand der rot werdende Gustaf verständig, schrie wieder des
Hessischen Unrecht aus, und nach zehn Minuten standen da im hitzigen sich
steigernden Wechselgespräch die fünf Männer mit geschwollenen Köpfen,
schmähend auf den Römischen Kaiser, den blinden Hund, schändlichen
volksverräterischen Papisten, gestikulierend, triefend vor Genugtuung, sich
gegenseitig anrufend ermahnend, und ihnen korrespondierte das aufgewühlte
schwerblütige Geschöpf aus Schweden, der überseeische König, der gierig den
Kaiser schwur anzupacken gerade wie ein Hund den andern, bei der Schnauze,
der Flanke, ihm die Seite aufzureißen, den Kiefer zu brechen für alle
Schmach, die er der evangelischen Brüderschaft angetan habe. Ihre brühende
Hingerissenheit verdampfte und sie spuckten noch; der König freute sich
satt. Er dankte ihnen. Sie würden voneinander nicht lassen. Er schickte
ihnen einen gewandten jungen Menschen mit, der ein unwiderstehliches
Mundwerk hatte, Stallmann, der die alte Stadt Magdeburg in den Rausch der
nahenden Befreiung setzen sollte. Die fünf zogen mit ihm, wie königlich
belohnt, ab.
Gustaf Adolf saß noch am Abend, wie sie ihn verließen, mit dem hinkenden
blassen Grubbe und einem kahlen Riesenschädel, Oxenstirn, dem Kanzler,
zusammen, prustete, schäumte. Sein Werk gedieh. Die Magdeburger wollte er
nicht lassen. Lachte, grölte: trefflich hätte der Kaiser sie malträtiert,
das Diversionswerk Magdeburg sollte geschmiedet, die halbe kaiserliche
Armee daran gebunden werden, inzwischen werde er sich auf Frankfurt werfen.
Auch Oxenstirn hegte volles Vertrauen auf die evangelische Festigkeit der
Magdeburger, seufzte hoffnungsfreudig über Stallmann.
Noch in diesen Tagen beschlich den König in Bärwalde der Mann, den er lange
erwartet hatte, der glotzäugige rotbäckige aus Bayern flüchtige Charnacé.
Der Franzose fuhr ihm mit einem Jubelschrei an die Brust; nun sei endlich
die Stunde da, wo er auf dem Boden des verruchten heimtückischen
gewalttätigen Deutschland neben einem anderen Fremden stehe. Ja, sie
stünden hier im Deutschen Reiche; der Kaiserliche sei von seinem Boden
geflohen und er sei glücklich und freue sich, freue sich. Und er wiegte
sich in den Hüften, öffnete liebevoll demütig die Hände vor dem König. »Ich
bin,« tat Gustaf grimmig, »nicht wie eine Maus an diese Scheuer gekrochen,
um drin fremdes Korn zu beknabbern, sondern Ordnung zu schaffen und
zerrissenen Glaubensverwandten zu helfen.« »Unermeßlich ist die Grausamkeit
Habsburgs, Mörder und Totschläger sind seine verhungerten Soldaten. Wir
wollen helfen, das Reich von dieser Plage zu befreien. Rechnet auf uns.«
»Ihr seid katholisch. Hä! Ich mag die Katholischen nicht.« »Wir lieben
Euch, Majestät von Schweden. Ich kann nur jubeln vor Euch, seht mich an.
Was kommt es jetzt darauf an, ob katholisch oder evangelisch. Ihr steht in
Pommern; wir betrampeln deutschen Boden, ohne daß es uns einer verwahren
kann. Wir schlucken ihre Luft. Wenn Ihr Trompeterkorps Trommler habt, laßt
sie schmettern und schlagen, schwedische Weisen; ich will Franzosen
heranholen, daß sie blasen, man soll hören: Fremde sind im Heiligen
Römischen Reich; der Habsburger sitzt in Wien: er soll kommen, uns
verjagen.« Gustaf staunte: »Habt Ihr einen abgründigen Haß, Herr.«
Dann begann das Feilschen; Soldaten hatte der Franzose nicht, aber Geld. Er
leitete die Unterhandlungen ein mit dem grinsenden Hinweis auf seine
Schlauheit; es sei ja im Regensburger Vertrag geschrieben, Frankreich dürfe
keinen Feind des Kaisers unterstützen. Und er täte es doch. »Aber«, dabei
lachte er wie ein Narr, »heimlich!« Wenn er sagte »hunderttausend
Reichstaler«, schrie der König »nicht genug«. Sagte er
»zweihunderttausend«, »nicht genug«. Gustaf Adolf neben dem Riesenschädel
Oxenstirns trieb den Franzosen höher und höher, schwur, er verkaufe seine
Seligkeit nicht so billig, wenn er einen Papisten an sich hänge, müsse mehr
haben dafür. Auf vierhunderttausend Reichstaler kam der Franzose. Da hatte
der Schwede genug. Soviel sollte ihm der Franzose, lachte er mit Wonne,
jährlich beisteuern, damit er den Götzendienern den Garaus machen könne und
zuletzt vielleicht ihm selber, dem zarten Franzosen. Er wolle
dreißigtausend Mann zu Fuß bereit halten, dazu sechstausend Reiter. In
lärmender Freude, Hohn im Herzen schied man voneinander.
Und wie der Hesse die Magdeburger geführt hatte, lockte der Welsche die
Holländer hinter sich. Fast versprach sich Charnacé, als er mit der
holländischen Deputation tuschelte: »er ist ein Tölpel,« wollte er sagen,
»man muß ihn vorsichtig nehmen, er ist verbissen in seinen evangelischen
Aberwitz, man darf ihn nicht stören.« Dann fiel ihm ein, daß er
Protestanten vor sich hatte, und schaukelte sich vergnügt neben ihnen: auf
ganze vierhunderttausend Reichstaler hätte ihn stolz der Schmerbauch
getrieben; fünfhunderttausend, nein, eine Million hätte er bieten können.
Seien sie gewarnt. Sie dankten mürrisch, mißtrauisch ließen sie ihn nicht
zu den Verhandlungen zu; die Hochmögenden im Haag zahlten dem Schweden
soviel sie vermochten, weil es ihr Glaubensverwandter war.
* * * * *
Die Schweden hatten bei Greifenhagen am Sieg gelutscht, Stiefeln Brot Bier
Geld strömte ihnen zu, man hatte nicht Lust zu verweilen, schob sich über
Neu-Brandenburg, Klempenau, Treptow auf Demmin an der Mecklenburger Grenze,
zwischen Morasten gelegen. Der römische Herzog Savelli, der den päpstlichen
Dienst quittiert hatte, schlemmte hier. Den Bauern pflegte er die Pferde
vom Pflug zu nehmen, um die Haut an den Schinder zu verkaufen. Nach drei
Tagen Kapitulation. Der Schwede sagte lustig im Zelte dem Italiener, er
bedaure, daß er zu Rom seinen herrlichen Posten verlassen habe. Dann,
nachdem er trompetenblasende Abordnungen mehrerer Regimenter versammelt
hatte, ließ er den eleganten Herzog mit goldenen Ketten, langem Zobelpelz,
prächtigem ins Gesicht gezogenen Federhut vor einen Pflug spannen; ein
aufgegriffener Bauer mußte ihn anzäumen. Die Soldaten trommelten, Hunde
sprangen über den keuchenden Herzog, eine Pferdehaut mit Hufen und Schwanz
wurde von rückwärts über seinen Prunk gebunden, er stürzte zusammen. Der
König stand auf, die Knechte schwangen die Peitschen: »Mag sich das Fell
seiner erbarmen. Pflüge! Pflüge!«
Auf das Gerücht von dem landfreundlichen Vorgehen des überseeischen
Söldnerführers sammelten sich an der Brandenburger Grenze, aus der Gegend
von Schwedt und dem Finowkanal, Bauern, zogen in dichten Rotten und Fahnen
dem König nach, den sie bei Anklam im Schneesturm mit seinem jubilierenden
Heere stellten. Er wollte wieder südwärts, auf Kurbrandenburg. Die zehn
alten Männer, die mit drei buntbemalten Fahnen demütig vor ihm standen,
blickte von seinem ungeheuren Streitroß Gustaf freudig an, gedachte eine
evangelische Gesandtschaft zu begrüßen. Er war so ungeduldig, zu hören was
sie hatten, daß er ihnen nicht nachgab, sie im Quartier anzuhören, sondern
sofort auf durchwehter kahler Landstraße zwischen dem Rollen des Trains und
dem Flöten und Klappern der Soldaten. Sie mußten mehrfach die Plätze
wechseln, weil der König sie nicht verstand, Dolmetscher dazwischen liefen,
der Schnee ihnen in den Mund stäubte. Wenn der fremde König denn sich so
der Bauern annähme, wie er vor Demmin an dem Landesverderber Savelli
gezeigt hätte, so möchte er an sie denken. Und dann zählten sie ihre Leiden
auf; das Pferd des Königs bäumte sich, Gustaf tauschte zornige Blicke mit
seinen Begleitoffizieren. Mit einem Fluch warf er seinen Reitstock auf den
Boden. Er zwang sich zur Ruhe, bückte sich herunter, als man ihn wieder
aufhob, schrie dicht bei ihnen, ob sie evangelischen Glauben wirklich
hätten, wie sie vorgäben, ob sie ihn nicht belögen, nicht wüßten, daß der
Heiland für sie am Kreuz gestorben sei, aber nicht, damit sie das heilige
Bekenntnis wie ein faules Stück Fleisch wegwürfen. Sie beteuerten, sie
seien fromme lutherische Christen, aber sie verkämen, verhungerten mit Weib
Kind und Vieh, wenn noch ein Heer in ihr Land fiele; baten mit aufgehobenen
Händen ihn um ihres gemeinsamen Glaubens willen um Verschonung mit dem
kriegerischen Einfall. Er wütend und speiend, sie umkreisend. Sie
verstanden nicht, was er sagte, im Toben stotterte er mit gedunsenem
Gesicht schwedisch; er hätte sein Volk geplündert, um den
alleinseligmachenden Glauben zu bewahren, für sie an erster Stelle, und sie
bettelten bei ihm. Sein Pferd sprang um sich; er ließ sie nicht von der
Stelle. »Herr, wir sind fromme evangelische Christen, der Krieg verdirbt
uns.« Da nahmen sich die Offiziere der Wut ihres Herrn an, der sich von
ihnen nicht losreißen konnte; sie ritten auf die Bauern los, schlugen mit
flachen Klingen auf ihre Köpfe. Gustaf selbst, sich befreiend, riß sein
Pferd herum; und sein schweres kettenschaukelndes Tier zu langsamem Schritt
gebändigt, stampfte zwei Bauern an; andere warfen sich in den Schnee. Er
ritt davon, die Herren hinterdrein. Kreischend beluden sich die Bauern mit
den getretenen Männern, die Fahnen zerschlugen sie: »Das ist kein
Evangelischer, das ist kein Evangelischer.« Kreischend marschierten sie Tag
und Nacht durch die Dörfer. Jubilierend das schwedische Heer hinterher.
Der kleine eisgraue Brabanter war von Regensburg wie ein Glücksbetäubter
aufgebrochen. Er hatte vor der Kriegsbühne gestanden, an dem Spiel
neiddurchwühlt gemäkelt; durch einen Vorgang wie im Traum war er von seinem
Platz bewegt, er, der Tilly, mitten ins Spiel gestellt. Der klagende
strenge uralte Marbliß von Tilly regierte die ungeheure Szene von dem
weithin sichtbaren Platze, gegen den sich eben Kurfürsten und Stände
erhoben hatte. Er wollte nicht mehr Tilly sein, der dem quälenden
bayrischen Maximilian unterstellt war; verwischt, versenkt der fabelhafte
Feldzug in Ungarn, die Jagd hinter Mansfeld, gnadenlose Vertilgung der
Rebellen, Verschlingen der Dänen. Die Taten Wallensteins liefen wie Doggen,
die man tritt, neben ihm; eines Tages werden sie verrecken. Heimlich
schwellte es ihn, als er nach Norden zum Heere fuhr, das ihm von
Wallenstein überkommen war; die prächtigen sechzehnspännigen Karossen
Wallensteins trabten durch sein Gedächtnis, rotjuchtenüberzogene Troßwagen
in langer Reihe, silberne Partisanen der Leibgarde. Es labte ihn; dabei
stieg hinterrücks ein unheimliches Gefühl der Ohnmacht über ihn, er suchte
ihm bang auszuweichen.
Und wie er nach Norden vorstieß, wehten wilde Gerüchte um ihn; es wurde
deutlicher: das schwedische Heer hatte sich spielend der Außenforts des
Reichs bemächtigt, auseinandergestoben die Regimenter des Savelli. Das
konnte wahr sein. Tilly rang mit sich. Seine Nächte waren durchtobt vom
keuschen sorgenvollen Widerstreben gegen seinen Ehrgeiz, die Sehnsucht. Es
hieß Farbe bekennen. Er war tief verstrickt in diesen Kampf. Die Gerüchte
wehten an ihm vorbei. Er wollte ein frommer Christ bleiben, nicht
rebellieren, wie es auch kam.
Und zittrig schwur der alte Wicht eine Stunde, sich im Zaum zu haben,
schüttelte in der nächsten Stunde den Friedländer am Kragen, schwitzte vor
Freude, war matt und arm.
Draußen unter den Schneestürmen begann es von Tag zu Tag lebendiger zu
werden. Der Lärm war kriegerisch, Reiter, Wagen, schreiende Marketender;
einmal kämpfte die Begleitung des Brabanter mit bewaffneten Wegelagerern.
Da mußten die Vorhänge des Wagens geöffnet werden. Auf der Chaussee, auf
den Feldern: es hatte sich etwas begeben!
Da lag nicht nur Schnee! Zertrümmerte Fähnlein schamlos unter ihren Führern
vorbei! Bauernhöfe, vor denen Kanonen standen, riesige Rohre auf Wagen, um
die sich keiner kümmerte. Diese Welt; es hatte sich etwas begeben. Der
Schwede hat sich der Außenforts des Reichs bemächtigt, er steht bei
Frankfurt.
Wo stehen die Wallensteiner? Wo ist Savelli?
Überall Verhungerte, aufgelöste Verbrecherbanden. Sie wollen ins Reich;
hier ist alles kahl gefressen; der Schwede ist hinter ihnen. Den Herzog
Savelli hat der Schwede bei lebendigem Leib geschunden, aus Rücken und
Brust Riemen geschnitten. Bei Stettin steht kein Wallensteiner mehr, in
Mecklenburg haust der Schwede, aus Brandenburg läuft alles davon.
Die Vorhänge blieben offen. Wimmelnde Felder. Rotten von versprengten
Wallonen, Musketiere, die ihre Gewehre verkaufen. Sie gehorchen nicht;
Weiber -- wessen Frauen und Töchter --, Kühe, Ziegen treiben sie, die
verruchten Wallensteiner. Schwappen, wie er sie angreifen will, ins Reich
zurück, an ihm vorbei. Wie Sand durch Fugen, sind nicht zu stopfen. Als
hätte der teuflische Friedländer, bevor er das Haus verließ, alle Balken
eingesägt, Fundamente mit Pulver gelockert, Wände durchstoßen. Der
Brabanter, mit Abscheu Entsetzen gefüllt, wurde von seiner Karosse in diese
brandenburgischen Gegenden gerissen, vor das widrige Zerstörungswerk des
bösen ungeheuerlichen Menschen. Die Schweden auf Usedom; Stettin
eingenommen, Schaumburgs Truppen in Görz, Greifenhagen verjagt; Demmin,
Bärwalde. Nichts von Savelli, Torquato Konti, Schaumburg, die er anspannen
wollte vor seinen Wagen.
Die Karosse, vom Strom der Flüchtenden zur Seite getrieben bei Brandenburg,
hielt. Er sah: das war das Ende, stand im Schnee, war allein, der
Feldhauptmann des Kaisers und der Liga. Vor dem sich Europa beugen sollte.
Zerrissen lag er einige Tage im Brandenburger Schloß. In schwerer
Erschütterung trug er sich herum; inwendig ausgekühlt unter der
Niedertracht des Böhmen. Er suchte sich zurück. Kaum ein einziges Regiment
fand er kriegsbrauchbar; die Verwüstung der alten Armee, seiner Armee, war
bis ins einzelne gegangen. Noch sangen sie rechts und links Lieder vom
Friedländer.
Er begann sein altes kleines Handwerk. Um Truppen zu haben, schleppte er
seine eigenen herauf; drei Regimenter aus Oldenburg und Ostfriesland,
sechshundert Reiter. Stumpf erwartete er sie. Und wie sie anrückten, war
keine Nahrung für sie, kein Futter für die Pferde da. Kaum seiner Sinne
mächtig, schrieb er; seine sehr matten Hände schrieben dem Bayern, dem
bayrischen Maximilian Briefe wie früher; die Bundeskasse mußte um Hilfe
angegangen werden; abgezählte zweihunderttausend Gulden schickte man
herauf. Die Maschinerie arbeitete wieder, die Truppen waren da, da lagerten
sie, sie wollten Futter Heu Brot. Aus Mecklenburg war nichts zu holen:
Wallenstein, kam es zurück, hatte in sein Herzogtum Beamte seiner
böhmischen Verwaltung geschickt, die an sich nahmen, was nicht niet- und
nagelfest war; es konnte ihn keiner mehr beerben.
Vom Zorn angestachelt fand der Brabanter seine alte Zähigkeit und Klarheit
wieder; er wollte hier im Eis nicht zum Gespött verkommen. Mit Sack und
Pack rückte er gegen den König vor, reizte ihn zum Kampf. Der König wich
aus, wich nach Pommern zu. Tilly gab nicht nach. Es mußte gefochten,
geschlagen werden.
* * * * *
In der alten festen Stadt Magdeburg verpesteten Stallmann und der neu
entsandte Falkenberg, Gustafs Hofmarschall, die Luft mit Lästerungen des
Kaisers, Triumphliedern auf den Erretter Gustaf Adolf, solange, bis alles,
was evangelisch und eigensinnig in der Stadt war, zu den Schweden schwor
und ihnen glaubte: der König kommt bald.
Der Raufbold Graf Pappenheim, dessen Gesicht eine einzige Narbe war, der in
der Schlacht am Weißen Berg für tot unter Leichenhaufen gelegen hatte,
umzingelte die Stadt, knirschte sie in seine Arme hinein. Sie weigerte
sich, kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Der Graf vermochte allein nichts
gegen die Stadt; er rief nach seinem Herrn. Der Brabanter ließ den
Schweden. Er schwenkte. Langsam trollte er auf Magdeburg. Man sollte nicht
über ihn spotten. Warnte voraus die Stadt im guten: »Man hat fremde
undeutsche Potentaten ins Reich gelockt. Sie treten auf unter einem
glänzenden Vorwande, als wenn sie Glaubensgenossen Beistand leisten, die
deutsche Freiheit und Libertät verteidigen wollten. Und was dergleichen
Redensarten sind. Sie suchen nichts als eigene Herrschaft; werfen Fürsten,
Herren und Städten das Joch der Knechtschaft über den Hals.« Drin änderte
sich nichts. Rückte mit vielem Geschütz und großer Macht vor die Stadt;
nach sieben Tagen waren alle Schanzen vor der Stadt im Sturm erobert,
oberhalb Magdeburg eine Brücke geschlagen. Ein kaisertreuer Alter Rat
drängte zu kapitulieren, in der Stadt hielten sich Innungen und Gilden bei
den Hälsen; eisern arbeiteten Stallmann und Falkenberg gegen den sinkenden
Mut; auf die Kirchtürme lockten sie zweifelnde Räte, zeigten in der Ferne
Feuer und Rauchwolken, die vom Schwedenlager aufsteigen sollten, lasen in
den Stuben erlogene Briefe des Königs vor, mieteten zum Schein schon
herrliches Quartier für ihn. Denn ihre Order lautete: die Stadt muß den
kaiserlichen Feldherrn fesseln, bis der König mit Brandenburg fertig
geworden ist und genugsam Truppen hat; jeder Tag ist gewonnen.
Stallmann, ein listiger langleibiger Mensch, machte sich rechtzeitig an die
verwilderte Gilde der Schiffer und Fischer heran, die rebellisch in der
Stadt herumlungerte, von ihm Lohn empfing. Er stachelte sie damit: die
Reichen seien wankelmütig, wollten nur ihr verruchtes Regiment vom Kaiser
stärken lassen, fürchteten die Gerechtigkeit des Schweden. Da fand man
täglich Drohbriefe an gewissen Häusern, Überfälle, Totschläge fanden statt.
Stallmann hatte die Stadt in der Hand; Falkenberg redete pathetisch im Rat:
»Haltet aus! Habt Geduld!«
Prangend die alte feierliche Stadt am mächtigen Elbstrom, von einem starken
begrasten Wall hinter dem Graben umgeben. Vom Sudenburger Tor quer durch
die Stadt der köstlich gezierte Breite Weg, an den hohen Türmen des
Kröckentors endend; zu beiden Seiten Gewimmel von Gassen und Märkten
entlassend. Nahe dem Sudenburger Tor und der düsteren Pforte der riesige
Neue Markt, an dem sich die Gewalt der Domkirche erhob, die königlich
hinüberblickte zu den Spitzen der andern Kirche Sankt Sebastian, Peter
Paul, Sankt Katharina, Sankt Jakob, Sankt Peter, Sankt Johannes, Sankt
Ulrich, Sankt Nikolai.
Und als Stallmann und Falkenberg sahen, daß ihr König nicht herankam, weil
er gebunden war in Brandenburg, faßten sie, abgesperrt von ihm, aber seinen
Gram mitfühlend, den Entschluß, ihm zu helfen wie sie konnten. Magdeburg
war nichts, die deutschen Bürger jämmerlich verzagtes Lumpenpack. Sie
sollten nicht die Freude haben, sich und die schwedische Sache an den
kampflüsternen Tilly zu verkaufen, so daß alles umsonst wäre, alle Hoffnung
ihres Königs, ihrer Männer, umsonst wäre Schweden geplündert worden,
umsonst Borke von Bauern verschlungen von guten Schweden. Solche
Erbärmlichkeit sollte dem kläglichen Gesindel, das sich Sonntags
evangelisch gebärdete, nicht gestattet werden.
Am Elbstrom, dicht vor dem Kirchhof von Sankt Johannes, lag das
Fischerbollwerk und Fischerufer mit den Häuschen der Gilde. Den
gefährlichsten unbotmäßigen Gesellen von ihnen, den kahlköpfigen heiseren
Hartmann Wilke, kaufte Stallmann. Sie wurden Brüder; seine eigene
Magdeburger Liebste, ein ehrsames Fräulein, zwang Stallmann, sich dem rohen
Wilke in die Arme zu werfen. Wilke hatte bald seinen Spaß daran, daß die
Stadt sich nicht würde halten können; hereinkommen sollten nur die
Kaiserlichen, verwüsten sollten sie, was die reichen Stände
zusammengeschart hatten: er würde sie nicht daran hindern; aber er und
seine Gildeverwandten, dazu die wilden Brüder aus der Diebshenkergasse,
würden helfen. Unmittelbar am Bollwerk beim Breittor waren die Pulvermassen
im Pulverhof aufbewahrt; es vergingen nicht acht Tage, Tage der zunehmenden
Verwilderung unter den Städtern, daß zahllose Tonnen Pulver verschwanden
aus den Magazinen, die Vorräte verteilt an die entschlossensten
gehässigsten Gesellen.
Ein blauer süßer Maientag kam heran. Der Himmel prangte in Sanftheit, alles
war zum Leben hingebreitet. Da trug sich vom Neuen Werk her bei Sankt Jakob
das knurrende Untier aus der unkenntlichen Finsternis der
blütendurchhauchten trunkenen Nacht an den Wall heran, zerbrach mit den
Klauen Pfoten Bollwerk und Rondells, klatschte mit Ruck und Schwung seinen
bunten prallen Leib mitten auf die morgenlich leeren Straßen, in denen hie
und da einer gähnend die Fensterladen aufstieß, ein Mädchen im Vorgarten
seine Blumen begoß. Mitten auf die Straßen.
Minutenlang lag es wie verzaubert still, öffnete dann das Maul zu dem
herzlähmenden vereisenden Gebrüll. So daß die Menschen ihre Stunde wußten.
Nach wenig Zeit sollten sie alle bis auf einen kleinen Rest, Männer Frauen
Kinder Kaisertreue Wankelmütige Herzhafte Alter und Neuer Rat als sonderbar
stille Kadaver auf der Erde, in den Stuben Kellern liegen mit trüben
fragenden lächelnden bittenden verzweifelten Grimassen, in tollen
ungekannten Stellungen, nachdem ihnen ihre Seelen entrissen waren, wie man
einem Hahn den Kopf abreißt. In die Elbe gestürzt auf Karren Betten Wagen,
was nicht auf Böden und zwischen Hafentrümmern faulte.
Als der riesige Kürassier Pappenheim, Todesverächter seitdem er Mensch war,
mit den Regimentern Gronsfeld, Wenglas, Savelli das Neue Werk auf Leitern
erstiegen hatte, durch das Stücktor in die große Lakenmachergasse gestürzt
war, blies der Küster auf Sankt Jakob Sturm, hängte eine schwarze Fahne
heraus. Mit Springstöcken liefen schon kaiserliche Pikeniere, rote
Feldbinden, die Lakenmachergasse herunter, über den Weinberg, durch die
Gärten. Ihr Geheul, blutdürstige Gesichter: »All gewonnen, all gewonnen!«
Die Türen sprangen auf; die ersten Menschen niedergestoßen. Der Strom der
Kaiserlichen wurde von rückwärts gespeist; in kochender Lavaflut überwallte
er die Straßen. Vom Alten Markt zogen ihm fünfhundert kaisertreue Bürger,
die rote Feldbinde schwingend, Weiber und Kinder in der Mitte, entgegen.
Waren im Augenblick von Kroaten und Wallonen bäuchlings rücklings seitlings
hingestreckt und zertreten.
Sie ritten schon, schwangen von oben die Klingen. Am Neuen Markt fluchte
Falkenberg unter dem Sturm von Sankt Jakob auf die schreienden Räte und
Innungsmeister, die über ihrem Gezänk die Gräben hätten vertrocknen lassen.
Sein Knecht schnallte ihm, während er ungeduldig stand und sich bewegte,
Halsbrünne und Beinschienen um; den eisernen Topfhelm riß ihm Falkenberg
aus der Hand, er entglitt ihm, klirrte auf die Steine. Der Schwede
wechselte, die Faust gegen sie aufhebend, zehn leise Worte seitlich mit dem
langen springfertigen waffenlosen Stallmann. Wie Falkenberg mit hundert
Reitern gegen die Kaiserlichen vorstieß, hallte schwedisches Feldgeschrei
unverhüllt und stolz im Breiten Weg. Viermal rannte er an, tausend
Kaiserliche wurden erschlagen, nahe dem Stücktor krachte er stöhnend unter
Musketenschüssen vom Pferde; das Tier bockte, schleifte ihn im Steigbügel
im Kreis herum. Sein Herz im Sterben erzitterte vor Freude, weil er sah,
wie an der Mauer die bettelnden Bürger gespießt wurden und ein dünner Qualm
von allen Seiten wehte.
Denn zwischen schweren Reitern Pikenieren Musketenträgern flitzte vom
Fischerufer und Fährgarten massenhaft lumpiges unheimliches Pack, kleine
Säcke und Taschen auf Schultern Armen, erbrachen Häuser, ehe die Sieger
eindrangen, stießen mit Dolchmessern beiseite, was sich in den Weg stellte,
schütteten in die leeren Dachböden, in die Keller Pulver. Feuer, kleine
Explosionen in allen Stadtteilen.
Flammen, Flammen, Flammen, Flammen, Flammen.
Stallmann schlug sich keuchend mit Wilke durch Bürger und Soldaten, Pulver
werfend, die Kirchen sollten nicht vergessen werden. Raublüsterne
Dragonerfähnlein rauschten prasselten durch die Straßen: »All gewonnen, all
gewonnen!« Die splitternden aufgeschmetterten Türen.
Rauch, beizender brodelnder unendlicher Rauch. Unter dem blauen Himmel,
gegen den Himmel auf eine trübe weit auseinanderquellende Last, von Feuer
durchzuckt. Der Qualm zischte schwarz auseinander, fiel in die Stadt
zurück.
Vor der Domkirche lagen hundert Zentner Pulver; Wilke spannte die
Zündschnur: ein Rittmeister stieß ihm den Säbel von hinten durch den Hals,
daß das Blut neben der Kehle aus ihm stürzte und er nach kurzem Zucken auf
den Mund fiel. Stallmann, gebückt mit der brennenden Lunte, wurde von
Pferdehufen getroffen; wurde umgeworfen, von Kroaten gefaßt wurde er mit
Stricken gefesselt, um vor den Profoß geschafft zu werden. In ein Haus am
Neuen Werk geworfen sägte er den Strick an den Händen mit einem
Glasscherben an, den er zwischen den Zähnen packte; ein glimmender Balken
sengte den Rest durch, bis ins Fleisch brennend.
Am Abend plauderte Gustaf Adolf vor seinem Zelt mit Lars Grubbe. Mit
wachsendem Staunen den feierlich übergluteten Himmel betrachtend. In der
Nacht drang Stallmann zu ihm. Der König bei der Kienfackel aufstehend küßte
ihn stumm, als er verwirrt geredet gejammert und geflucht hatte. Und wie
sie vor dem Zelt standen, die Röte immer ungeheurer stieg, weinte Gustaf
Adolf; in Wut schwur er: »Ich hoffe den Geier noch beim Aas zu ertappen und
ihn zu packen, wenn ich gleich meinen letzten Soldaten dransetzen sollte.«
Pater Wiltheim ging mit Ordensbrüdern nach zwei Tagen durch das glimmende
Sudenburger Tor in den Mauritiusdom. Wimmernde splitternackte Kinder,
halbtote Frauen hingen auf den hohen geschnitzten Stühlen vor dem Chor, am
Altar, im Schiff. Er wies sie, ein Dankgebet im Ornat sprechend, auf die
Heiligenbilder, die allerseligste Jungfrau, den heiligen Mauritius, mahnte
sie an ihren Abfall. Alle sprachen ihm den englischen Gruß nach. Soldaten,
goldene Ketten um den Hals, Becher Schinken Kleider in Säcken, halbnackte
Weiber treibend, grölten zum offenen Tor herein: »Vor Jahren hat die alte
Magd dem Kaiser einen Tanz versagt, jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht,
geschieht dem alten Mädchen recht.«
* * * * *
Plötzlich saßen die evangelischen Kurfürsten und Stände in Leipzig und
jubelten über ihre Stunde. Das Reich war bedroht vom Schweden, von einem
fremden Einbrecher, der Kaiser in Gefahr, sie wollten ihre Rache nehmen.
Mit ihren Hoftheologen zogen sie an, ihre eigenen Streitigkeiten begrabend.
Der sächsische Prediger Hoe von Hoennegg eröffnete den Konvent mit den
schallenden Worten des Psalmisten Assaph wider die Feinde Israels: »Gott
mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.« Man blies die
Backen auf; mit dem Schweden sollte der Kaiser gezüchtigt werden für seinen
Übermut, das Restitutionsedikt, die Pression der friedländischen
Soldateska. Man hatte keinen, keinen Grund, sich dem Schweden
entgegenzustellen. Das war ein Krieg zwischen dem Kaiser und Gustaf Adolf;
die Stunde der Rache war da.
Von Leipzig gingen entschlossene Briefe nach Wien: sie wollten von den
großen unerhörten und ganz unerträglichen Drangsalen des Krieges befreit
sein, wollten in Zukunft Kontribution Einquartierung Durchzüge nicht
dulden. Man kicherte in Leipzig: wie soll der Kaiser Krieg führen, wenn man
ihm Quartier und Kontribution abschlägt? Gegen die katholischen Kurfürsten
hoben sie die Hände auf, warnten mit Kriegsvolk sie zu beschweren, unter
welchem Vorwand auch immer. Man umarmte sich in Leipzig: dies hieße reinen
Wein einschenken. Der Brandenburger und Sachse waren da mit vielen Ständen,
man trank in allen Quartieren so viel, daß der schwedische Gesandte aus dem
Lachen nicht herauskam. Die Deutschen aber saßen auf ihren Bänken und
ließen sich bewundern wegen ihrer stolzen Briefe an den Kaiser.
Wiederholten unter schwedischem Applaus nach Wien: was die Liga könne,
könnten sie auch; wollten keinen, keinen in ihr Land lassen, würden sich
ihrer Haut wehren.
Und damit gaben sie sich mutig eine Kriegsverfassung. Kursachsen begann ein
Heer auf die Beine zu stellen. Viele Lobsprüche ernteten sie von Gustaf
Adolf. Am Tage Palmarum redete noch einmal Herr Hoe von Hoennegg, mit
Geschmetter preisend die tapferen Entschlüsse des Konvents, zeigend auf das
gräßliche Geschick Magdeburgs, der stolzen evangelischen Hochburg, die der
Papist eingeäschert habe in unbezähmbarer Wut. Umsonst aber werde er die
Krallen auf die sächsische und brandenburgische Brust legen. Der
hochbetrübten Kirche würden glückliche Stunden nahen. Dem allgemeinen
lieben Vaterlande deutscher Nation sei der ewige Friede in Aussicht.
* * * * *
Zwei Sätze machte der Feldherr des Kaisers: einen nach Thüringen, den
zweiten auf Sachsen.
Den ersten von Magdeburg auf Thüringen. Stadt und Land war kahlgefressen,
brandverwüstet. Tilly suchte Entschädigung, weidete sein Heer in Thüringen.
Jetzt erhob er schwere Kontribution, sah die Freude seiner Soldaten, wies
die klagenden Bürger ab. Er kaiserlicher Feldherr. War schon verwittert,
daß ihn der Fluchname Brandstifter nicht berührte; ja wehrte das Wort nicht
ab; es labte ihn heimlich, weil niemand zu merken schien, welch Unglück ihn
in Magdeburg betroffen hatte durch schwedische Infamie. Nicht einmal der
Triumph der Eroberung Magdeburgs war ihm zugefallen. Kirrte in Thüringen
den Landgrafen von Hessen, der einen großartig burlesken Widerstand gegen
ihn inszenierte. Geschwollen rollten die vierundzwanzigtausend Mann auf
Sachsen, hielten an der Grenze.
Tilly sah die Entscheidung kommen. Das eitle trotzige Benehmen des dicken
sächsischen Bierkönigs reizte ihn. Wenn der Sachse so bliebe, er würde ihn
binden. Von Süden strömten ihm neue guterhaltene Truppenmassen zu. Mit
vierzigtausend Mann fing er über die Grenze eine Unterhaltung mit dem
Sachsen an; hatte Vollmacht den Kurfürsten zur Vernunft zu bringen. Er
fragte, wie es wäre mit den Reden, die am Tage Palmarum in Leipzig gehalten
wären, wer die Stoppeln und der Wirbel wären. Der Kurfürst stammelte, man
möchte gut zu ihm reden, sei des Heiligen Römischen Reiches Kurfürst.
Wer, fragte Tilly, kaiserlicher Feldherr, zurück, die Stoppeln und der
Wirbel wären: wenn drüben des Reiches Kurfürst rede, ob hier nicht des
Römischen Reiches Feldherr Wörtlein zu sagen habe.
Zu sagen, zu sagen! Er sei ein sanfter Landesvater, wolle sein Volk und
Land vor den Pressuren und Qualen des Krieges bewahren; man verdenke es ihm
nicht.
Sein Land ist Reichsland, wir müssen hinein. -- Er möchte es nicht darauf
ankommen lassen; man habe ein Heer, er wisse es vielleicht schon,
aufgestellt, um sich zu schützen.
Her mit den Soldaten; es sind kaiserliche; der Kurfürst hat kein Recht auf
Truppen.
Da zog sich Johann Georg Socken über die Füße, tapste nach Torgau. Klagte
und plärrte unterwegs viel; sei der treueste Reichsfürst, ihm tue man dies
an; was ihn die Händel des Kaisers mit dem Schweden scherten, wolle sie
gewiß nicht stören. Und dieser Gedanke rührte ihn so, daß er noch einmal
zurücklief an die Grenze Tilly gegenüber, ihm dies zu verkünden. Als wäre
es eine Erleuchtung bedeutete er den Feldherrn; ihre ganze Unterhaltung sei
verkehrt gewesen, vorbeigeschossen; denn worum drehe es sich? Doch nicht um
den Kaiser und ihn, den untertänigen Sachsen. Sondern um den Kaiser und den
Schweden. Den Schweden. Hallo, große mächtige Reichshändel zwischen der
Römischen Majestät und der königlichen Würde aus Schweden.
Und? -- Und? Vermöchte er, der beliebige Fürst, sich anzumaßen, sich in die
Händel solcher Potentaten einzumischen und ihnen in den Weg zu treten.
Gewiß nicht, grunzte es von drüben. -- Warum also wolle man es ihm
verargen, wenn er seiner Wege gehen wolle.
Was, was wolle er mit seinem Heere. -- Man lasse das doch mit seinem
armseligen, unglückseligen Heerchen, es wäre ihm lieber, er hätte es nicht.