Sie warf sich in einen Stuhl: »Ich lebe nicht mehr, wenn dies geschieht.«

Diese hatte er einmal geliebt.

* * * * *

Ein unscheinbares Brieflein wurde bei dem Meßgang dem Kaiser übergeben, in

dem Wallenstein auf die Truppenmassen aufmerksam machte, die dem Kaiser

zwischen Memmingen und Regensburg zur augenblicklichen Verfügung ständen.

Und plötzlich sah Ferdinand, daß die Entscheidung ganz bei ihm lag. Er

konnte träge noch einen Tag nach dem andern hinziehen, die Wirklichkeit war

nicht wegzuschlafen. Kein Kollegium eines Hohen Rates bedrängte ihn. Sie

hatten sich in den Hintergrund gezogen, wagten sich nicht an den Wurf; der

tapfere gute Eggenberg lag krank irgendwo in Istrien.

Er fühlte, in der Nacht sich aufrichtend, daß er satt war, daß er Sieger

war, Kaiser durch Wallenstein, und daß er sich wenden könne, nach welcher

Seite auch immer, es war die rechte Seite. Es stand in seiner Gewalt, zu

wählen, es konnte auf keine Weise fehlgehen. Und darauf legte er sich

zurück und schlief wieder ein.

Finstere Gestalten umgaben ihn bei Tag. Die Mantuanerin sah er nicht; er

freute sich, sie wollte ihr Spielzeug.

Der Mainzer und Maximilian saßen stumm und äußerlich voll Ehrfurcht an

seiner Tafel. Mit großem Auge betrachtete sie der Herrscher, vertiefte sich

in ihre Gedanken.

Brulart saß da, er dachte an nichts, als die Spanier aus Italien zu

vertreiben.

Der Herzog von Doria, Gesandter Philipps saß da; dachte an nichts, als die

Welschen aus Italien zu jagen.

Über Memmingen, glanzvoll von Wallenstein empfangen, langte als päpstlicher

Legat der Kardinal Rocci an.

Da hielt es Ferdinand in einem tief aufsiedenden Gefühl der Verachtung für

angezeigt, die Verbrennung zweier Juden, die verurteilt waren, zu befehlen

und sich an ihrem Anblick zu weiden.

* * * * *

Ein Jude, ein getaufter, war mit drei anderen beim Diebstahl erwischt,

darauf von ihnen beschuldigt worden, nur zum Schein übergetreten zu sein,

mehrmals die Hostie geschändet zu haben, indem er sie in einen stinkenden

Ort versenkte. Das Geweihte, der Leib Christi, wurde von dem Büttel, in ein

Sacktuch gewickelt, aus einem Unratkübel seines Wohnhauses gefischt, der

Malefiziant wurde zum Tode verurteilt. Als der Jude aus dem Stock eines

Tages mit den drei anderen, die der Strang erwartete, abgeholt werden

sollte, stellte sich dann heraus, daß nicht er, sondern sein Weib sich hier

befand und sich zur Strafe erbot. Aus Kreuzverhör Folter ergab sich der

Aufenthalt des Verurteilten; er wurde aus seinem Verstecke in der Stadt, in

Böttchertracht, herangeschleppt.

Der Scharfrichter schleifte auf einer Stierhaut hinter zwei Mähren einen

schwächlichen Mann auf den Rathausplatz, Wams und Hose in Lumpen, die Hände

über den Kopf zusammengebunden, samt dem Ochsenschwanz am Zaumzeug der

Mähren mit Riemen befestigt; er wälzte sich auf Gesicht Rücken unter den

Stößen der Steine. Sechs Henkersknechte, scharlachrot wie ihr Herr, ritten

vorauf, bliesen Schalmeien, schlugen das Kalbsfell. Abgeschnallt, auf die

Beine gestellt von den Schergen, den abgefallenen Hutkegel aufgestülpt,

wurde der fahle, ins Licht zwinkernde Wicht vor die Schrannenstiege

gestoßen.

Auf dem Esel rückwärts reitend, hinter ihm, herabsinkend, wer prangte so

herrlich! Die Frau in den gebändigten Reizen des Südens, die Farben der

Wangen bronzebraun, die eisenschwarzen Haare in Strähnen über kleinen

Ohrmuscheln, folgte mit schmachtenden Blicken dem wankenden Schächer; neben

dem Grautier an seinem Hals schauerte ihr zierlicher Leib, die Zähne

schlugen schnarrend im Mund zusammen.

Mit rotem Tuch waren die Schrannen ausgeschlagen, das Stadtgericht saß oben

mit bloßem Schwert; der Schächer kniete zwischen den Spießen der Schergen

an der Stiege. Eine monotone Stimme machte sich laut durch die Unruhe des

Marktes, ließ sich verschlingen von dem Lärm der Zuströmenden, der

holzschleppenden Schinderknechte, dem Scharren Wiehern Hufschlagen der

kaiserlichen Pferde neben der Stiege. Das Verbrechen verlesen, das Urteil

verlesen, ein schwarzer Stab über den Juden gebrochen, geworfen. Der

Unterrichter bestieg sein Pferd.

Sie hielt sich am Nacken des Eselchens, wandte sich still rückwärts mit

hochgezogenen Augenbrauen, schmerzvertieften Linien um den gepreßten Mund,

gegen die Menschenmenge, die tausendäugig um sie wimmelte, Mönche Priester

Jesuiten Soldaten Kinder Studenten Edelfrauen Handwerker Bettler Franzosen;

ließ ihre Arme fallen, blickte auf ihre gelben Schuhe. Sie trug, wie ihr

gestattet war, ein schwarzes, loses, hoch geschnürtes Seidenkleid, mit

Perlen bezogen, die Ärmel bis zum Ellenbogen pludernd. Ein durchsichtiges

schwarzes Seidentuch war rückwärts über den Scheitel gesunken, unter dem

Kinn geknotet. Und über den glühenden erstarrenden Augen die Stirnspange

mit grünen, blauen Steinen. Trug es, man wußte nicht warum; es war, weil

sie so ihrem Mann am lieblichsten erschien. Einen Gürtel aus den gleichen

grünen, blauen Steinen hatte sie an, daran hingen Kettchen mit

Kinderzähnen. Alles bewegte sie an sich, wies es ihm, ließ es lebendig

sein.

Er stieg auf die weite Holzbühne; man band ihn an einen Pfahl; an einen

Pfahl am andern Ende der Bühne band man sie.

Der Scharfrichter riß ihm Wams und Hemd herunter, die Hose band er mit

einem Strick fest. Drei Knechte schleppten den rauchenden Kohlentiegel

herauf; der Scharfrichter griff an den Enden die glühweiße Zange. Ihre

beiden geöffneten Kiefern ließ er an den Oberarm des wimmernden Gesellen

hauchen, biß zu; steil aufsteigend scharf der Geruch, schwarzrot das Loch

im Fleisch. Biß, ließ nicht los. Den Mund riß der Gefolterte auf, weiter,

stürzte gegen den Arm hin, bog den Kopf zurück, grölte, während seine

gebundenen Füße rückwärts am Stamm hochzuklettern versuchten. Die Zange

ließ los, der Henker griff eine neue, wischte sich die Nase; ließ

spielerisch den Gluthauch des Eisens über den ganzen Arm laufen, bis er

einschlug. Schweißverklebten Haars der Schächer in seinen Stricken, die

Spinne biß, sog, sog, sog, sog -- es lief aus dem Kopf, aus den Augen her,

aus dem Mund, hin zu ihr, hin zu ihr. Weg aus den Knien, weg aus den Ohren,

die Wolken, der blaugraue Himmel. Murren des Marktes. Klebrig löste sich

die Zange ab, brauste in den Tiegel.

Die Hälse unten reckten sich, die Nasen schnüffelten aufmerksam. Dritte

Zange. Mit einem Griff gehoben, geschwungen, angesetzt. Wuchtig

geschmettert gegen den anderen Arm, gepreßt in das aufzischende, schmierig

sich blähende Fleisch. Und wie mit einem Satz die Zange ansprang, sprang

der Malefiziant ihr entgegen, wühlte, krampfte, zuckte um sie herum, mit

blassen Blicken, weißen, speicheltriefenden Lippen, verzehrend, in einem

Strudel dünn, blind, taub, überschäumend herumgewirbelt. Bis ein kleiner

schwarzer Punkt größer am Himmel wurde, Kreise sich bildeten, größere

hereinschwangen, weißer wurden.

Die letzte Zange: ein inniges, Zahn in Zahn vergrabendes, tobsüchtiges

Wiedersehen, Zotteln, Schleudern rechts, links, atemloses Schaudern und

Verkeuchen, Backenaufblasen, helles Pfeifen aus den tiefsten Luftröhren.

Der Kopf baumelnd vor der Brust. Der Scharfrichter triumphierend beiseite.

Ein Knecht bespritzte den Stöhnenden aus einem Bottich. Der Kopf hob sich

unsicher, sank auf eine Schulter, hob sich unter neuen Wassersalven.

Aus seinem Ledergurt zog der Scharfrichter ein kurzes Messer, wetzte es an

der Schuhsohle. Gleichgültig schwankte, wie eine welke Blüte, der Kopf des

Schächers, da schnitt ihm blitzschnell der Henker zwei lange, breite Bänder

aus der Brusthaut, ritsch, ritsch, riß sie heraus, ein queres Band über den

Leib, hinten zwei lange, breite Bänder aus dem Rücken. Schwang sie,

blutfließende weiße Riemen, in der Linken hoch vor dem kaum atmenden Volk,

gab sie dem Gehilfen, der das Bündel dreimal grinsend schwenkte, bevor er

es in den Bottich klatschte.

Sie kreischte angstvoll.

Das Volk mäuschenstill. Er ließ den Mann stehen, nahte ihr.

Mit weiten Pupillen, irren Augen, die neugierig erschienen, begleitete sie

ihn; dann glitten ihre Augen zu dem blutenden traumverlorenen Schächer; sie

schrie, den Kopf an den Pfahl legend, von neuem. Der Scharfrichter wusch

sich, breit gebückt über dem Bottich, die Hände vor ihr. Plötzlich, weit

ausholend, knallte er seinen nassen Handrücken um ihr Gesicht. Sie behielt

den Mund offen, ein feiner Blutstreifen rieselte über das Kinn; von unten

schmetterte er ihr die Zähne zusammen. Sie blickte ihn wirr an, begann mit

den Knien heftig zu zittern, am Platz zu treten.

Er beäugte einen Moment ihre Stirnspange, hob sie vorsichtig ab; das

seidene Kopftuch blieb daran hängen. Lippenspitzend, nachdem er die Spange

dem Knecht in die Hand gedrückt hatte, öffnete er den feinen Gürtel, zog

ihn ab, wog ihn in der Hand.

An der Tuchlaube standen fünfzig schwarzgewandige Zöglinge des

Jesuitenkonvents hinter ihrem Profoß; Rosenkränze spielten in den Händen;

mit wissenschaftlicher Kälte folgten Scholaren und Patres dem Gebaren des

Scharfrichters, prüfend, nachdenkend, erwägend.

Ein Pater kniete neben einem Scholar, der in den Schlamm gefallen war; sie

blickten sich schweigend an; der blasse junge Theolog senkte beschämt sein

Gesicht. Nach einer Pause sagte der andere: »Du mußt an Gott, Jesus und

Maria denken. Du hast an die Menschen gedacht, nicht wahr?« »Ja,« flüsterte

der, »mir wurde schlecht, ich habe an die Menschen gedacht.« »Der Heiland

war Gott, und jene haben ihn an das Kreuz genagelt in ihrer Bosheit. Seinen

heiligen Leib, seine wonnige Mutter, den Quell unseres Lebens, haben sie

beschimpft; dafür haben sie zahlen müssen und werden noch mehr zahlen. Was

ist ein Leib, was sind tausend Menschenleiber! Wie können die Juden danken,

daß man sie nicht samt und sonders erwürgt. Wer weiß, ob wir gut daran tun,

daß wir sie dulden; wie wir uns versündigen am Heiland.«

Bürger, Zünftler, Gewerker, in Scharen um den Brunnen nahe dem Heringshaus,

viele auf den Knien. Aus ihren Haufen fuhren die Drohungen gegen die beiden

Judenmenschen über den Markt, immer von den Rufen und Spießen der Schergen

niedergehalten. Weiber rotteten sich beim finsteren Linnengäßchen vor dem

Haus zum »Silbernen Häslein«, mit Abscheu, mit Widerwillen die Verbrecher

betrachtend, ihre Kinder zwischen sich versteckend, bei jedem Zangenbiß und

Schnitt heulten sie auf, die Tränen liefen ihnen über die Backen, manche

erbrachen, manche blieben bei einem stummen Zittern, konnten sich nicht von

der Stelle bewegen.

Nonnen, braune Minoriten, weißkuttige Dominikaner über das Pflaster

geworfen, stundenlang unbeweglich, die Lippen auf den kleinen Kruzifixen,

durchschauert von dem unausdenkbaren Verbrechen am Leib Jesu; Gnade,

Verzeihung erbettelnd, ringende Zerknirschung ohne Ende.

Der Hof auf fliegenumwehten Rossen, edle Herren unter der Balustrade der

Stadtschrannen, ernste, müde, feierliche, seidebehängte Männer,

verächtliche Blicke auf die Delinquenten, manche freudig die Masse

musternd, sich anhebend unter bewundernden Mienen.

Ferdinand auf dem Balkon des Stadtrichters; erhöhter Sitz; der Beichtvater

im schwarzen Jesuitenkleid neben ihm, kalt saßen sie, halb abgewandt von

der Bühne. Zerstreut hörte der Kaiser auf die Belehrung des alten Mannes.

Wie kam es: Dighby fiel ihm ein, die Saujagd bei Begelhof, der Graf Paar.

Wo war Dighby? Übermüdet gähnte der Kaiser, verkniff den Mund unter dem

faden Geschmack aus dem Magen.

Ein lateinisches Lied hoben die Scholaren zu singen an.

Der Scharfrichter tastete den biegsamen Leib des Weibes ab, zog sich

zusammen, flüsterte etwas; er beugte sein Ohr gegen ihren Mund; sie flehte

wie ein Kind: »Ist jetzt gut? Ist jetzt gut?«

Inzwischen war der blutrieselnde, gebrannte Schächer aus seiner Ohnmacht

erwacht; den Kopf mit Gewalt hochstemmend, krähte er, wühlte mit den

Gliedern in den Stricken. Wildes Gelächter erhob sich bei den Zünftlern,

pflanzte sich zum Hof fort; exaltiert schüttelten sich die Weiber, schrieen

sich mit übertriebener Freude zu, küßten ihre Kinder, rafften die Röcke.

Gekräh erscholl aus dem Hahnengäßlein, am Brunnen. Leicht wogte der Markt.

Die Schergen gaben nach, man wallte hinunter, herüber zwischen Arkebusen

und Stangen. Die süße Angst der Weiber hatte zugenommen, sie konnten sie

mit allem Lärm nicht bewältigen, drängten zu den Männern. In grausiger

Ruhe, wie Grabsteine, lagen Mönche und Nonnen am Boden.

Im weiten Halbkreis schichteten Henker und Gehilfen unter dem Pfahl des

Mannes Holz; seine Stricke waren ihm gelöst worden, Säckchen von Salz und

Pfeffer wurden von weitem gegen seine Wunden gestäubt; er ging an einer

Eisenkette um den Pfahl, drehte die Kette kürzer und kürzer, rollte sie

wieder ab; rieb seine Wunden an dem Pfahl, bedeckte seine Arme, spie,

bespeichelte seine Brust. Die Frau zog ihre Kette lang, sie rannte zu ihm,

bis die Kette sie hielt, blieb armstreckend stehen, klirrte mit den

Kinderzähnchen, rief zärtlich, unverständlich, kam unvermerkt,

vorschreitend, abirrend, in einem zärtlichen Schritt, sich selbst mit ihrem

Gurren und Zwitschern begleitend. Die Arme wiegte sie, das Atlaskleid

schleifte sie keusch, die Augen, zwischen Husten und ersticktem Luftringen,

erstarrt auf ihn dort, jenseits, in den Flammen, die Backen

tränenüberströmt, auf Sekunden lächelnd hinschmelzend, wieder versteinert.

Die Menschen, die andrängten, schob man zurück; ein Qualm erhob sich aus

dem Holzhaufen. Als sich nach Minuten der Rauch verzog, stand der Schächer

fest am Pfahl, das blaurot gedunsene Gesicht mit den gepreßten Augenlidern

nach dem Platz, sperrangelweit den Rachen, gebläht und schwingend die

Nüstern, als wenn er niesen wollte, die Knie übereinander, den Bauch hohl

eingezogen. Plötzlich blies er die Luft von sich, zog die Arme voneinander,

atmete, schnappte gierig. Langsam begann um ihn die Luft einen Wellenschlag

anzunehmen, er wurde sichtbar in kleinen zitternden Bewegungen, wirbelte

flüchtig nach oben, schief und verzogen wurden die Erscheinungen hinter

ihr. Er tanzte, sprang rückwärts, seitlich. Die Arme hatte er frei, er trug

sie wie Fühler vor sich, raffte sie wieder an sich. Kleine Quellchen

sprudelten aus seinen Wunden, spritzten aus der Brust im Strahl ins Feuer.

Wer es unten sah, schrie: »Schelm! Schelm! Er will löschen«. Da langte ein

kaum sichtbarer, blau in weiß vorschwebender Flammenarm von hinten nach

ihm. Er wirbelte herum, torkelte zur Erde, kletterte in die Höhe, seine

Lumpen flammten, er nahm den Kampf auf; war fast nackt. Die letzten Lumpen

wollte er sich vom Bauch, von den Lenden reißen, sie saßen fest, schwarz

verbacken, verklebt mit der Haut; er schauerte mit den Ellenbogen dagegen.

Auf seinem Kopf standen keine Haare mehr, runde Kohleballen, die abrollten,

die er sich über das Gesicht schmierte, über die großen platzenden Blasen.

Er blies über die Handteller, die Brust, die Asche stäubte, die

Lumpenfetzen bröckelten. Auf die Zehen stellte er sich, den Körper

hochgezogen; schluckte die Luft mit vollen Blasebalgbacken, in

leidenschaftlichen Zügen von oben ab. Schwarzrot, durchlöchert, aufgebläht

raste er suchend um den Pfahl, hingeschleudert von der Kette tauchte er zum

Boden, schnappte die Luft über den heißen Brettern. Die brodelnde blaßblaue

Luft ging dicht an ihn.

Sie sah es, bedeckte mit den Händen das Gesicht. Plötzlich schrie er auf;

eine glühende Zange lag da, die dem Scharfrichter aus dem Tiegel gefallen

war. Der, hinblickend, brüllte: »Die Zange her! Wirf die Zange herunter,

Hund«, tobte gegen die Knechte, warf einen Kloben Holz, brüllte: »Zange!«

Der Schächer wich zur Seite. Eimer auf Eimer goß der Scharfrichter vor sich

in die Flammen, drang vorwärts, schlug mit einem Haken nach der Zange. Irr

sah der oben den schwarzen Haken sich nähern, griff danach, stürzte

gestoßen um, kroch zurück. Wallend der dünne Feuerschleier zwischen ihm und

den Menschen. Und wenn der Schleier fiel, frohlockte das Volk, daß es ihn

sah, das wilde, tanzende Geschöpf, das hüpfende, das schwarz und rot, immer

ähnlicher dem Satan wurde. Er atmete, rannte dicht vor, soweit die Kette

ließ, haarlos, stumm, nackt. Die Flammen wälzten sich in Ballen hinter ihm,

jäh hob sich vor ihm der rotweiße, glühe Vorhang.

Da durchdringender Schrei, drei, vier, fünf, Knäuel von Schreien, wieder!

Schreie auf Schreie! Jache Stille. Schwarzer dünner Qualm. Wütendes

Bersten, Prasseln.

Jetzt griffen ihn die Flammen umsonst an; wie aus Holz lag eine

menschenähnliche Gestalt, den Kopf auf den Balken gedrückt, inmitten der

Glut; kleine Feuerchen spielten um seinen Schädel, strichen an seinen Leib.

Rasch lief eine braunschwarze Haut über ihn, als überzöge sie ihn mit einem

Lederkleid. Dampf aus der Nackengegend. Er ließ sich ruhig umfassen von der

Hitze. Kippte um; die Beine angezogen, schaukelte er auf dem Rücken; die

Beine zogen sich fester an den Leib, in dem Knarren und Wühlen des Feuers,

während in der Nähe ein leises Puffen, wie Erbsenspringen, zu hören war,

feines Knallen, und neben ihm sich Bächlein Rinnsale bildeten.

Er kräuselte sich schwarz, wurde kleiner.

Sie blickte nicht mehr nach rechts.

Jetzt war ihr Geliebter geschwunden.

Sah eine kleine Minute in Gedanken vor sich. Das Haar auf ihrem Kopf

loderte auf. Sie kreischte, duckte sich. Lief an den Pfahl, wich nicht, als

wäre sie angeschmiedet. Als die Kleider um sie aufflammten, kauerte sie

hin, beugte sich über ihre Knie, ein verzagtes Hündchen. Einen Augenblick

erkannte man zwischen dem wütenden Ineinander der Flammen ihr dunkelrotes,

aufgehobenes Gesicht, den Markt mit erstorbenen Blicken anstierend. Der

lodernde Pfahl stürzte über sie, die Bühne krachte mit den beiden Toten

ein.

Der Kaiser war schon früher mit dem Hofe aufgebrochen.

* * * * *

Der Pater Mutius Vitelleschi mußte die kochende Kampagna durchfahren. Urban

nahm seine Entschuldigung, daß er hinfällig sei, nicht an. In Kastelfranko

sagte ihm in einem Soldatenzelt der schwarzbärtige Mann: »Dieser Säufer,

der Kollalto, macht unerhörte Fortschritte auf Mantua; gegen die Sintflut

von Menschen, die der Kaiser über die Alpen warf, ist man machtlos.« Er

fing an, scheußliche Schimpfworte auf Ferdinand zu werfen, den er nur den

Idioten nannte, und auf Wallenstein, auf dessen Kopf er Millionen setzte;

Priester müßten ihn vergiften oder niederstoßen, wo sie ihn träfen. Der

weißgesichtige General machte fragend auf die Ergebenheit des Kaisers, die

Freigebigkeit Wallensteins aufmerksam. Der Papst raufte sich mit wilden

Blicken den Bart: ergeben sei der Kaiser den Jesuiten, freigebig gegen die

Jesuiten; ob man die heilige alte Kirche mit der jungen Jesugesellschaft

verwechsle; gegen ihn sei weder Kaiser noch Feldherr freigebig; ihn bettle

man an, suche seine deutschen Einnahmen zu kürzen; nun breche man noch in

Italien ein, damit die Spanier den Fuß auf ihn setzen könnten.

Mit sehr großer Strenge setzte er dem schweigenden General die Sachlage

auseinander: in diesen endlos wütenden Kriegen der europäischen Menschheit

sei die Heilige Kirche die einzige Gewalt, die das Spiel der Menschheit im

Auge behalte. Der europäische Erdteil biete den Anblick eines Höllenpfuhls.

Und dies, weil die Herrschaft Roms längst übergegangen sei an beliebige

Menschen mit irgendwelchen Machtmitteln und Geburtsdaten wie Philipp,

Ferdinand dem andern, Wallenstein; von den Ketzern zu schweigen. »Sofern es

eine Würde der Menschheit gibt, muß sie aus dem Kothaufen aufgehoben

werden, in den sie tobsüchtige Weltlichkeit, verruchte Gewalttätigkeit und

Ketzerei gestoßen haben. Es kann uns in diesen Tagen begegnen, daß wir, die

Christi Stellvertreter auf Erden sind, unsere letzten ärmlichen Kräfte

verlieren; wir können nicht die Menschheit regieren, nicht erheben, zur

Besinnung rufen, sondern müssen spurlos verschwinden und dem Wunder Gottes

ihre Rettung überlassen. Wir, das heilige süße Wort Christi verwaltend,

machen Platz Schakalen, Untieren; man wird die Schönheit, Reinheit, den

Glanz eines Menschengesichts nur noch aus frommen Bildern kennen. Nach

solchen tausendjährigen Triumphen der Kirche verzagen, wie ich.«

Vitelleschi erbat die Erlaubnis, zu sprechen: er bittet um Verzeihung, daß

er geglaubt hat, wegen seiner Hinfälligkeit mit der Reise zögern zu dürfen;

er hat den Umfang des Unglücks nicht vorausgesehen. Nördlich der Alpen ist

ein Land, das die Kirche schon oft in die tiefste Betrübnis versetzt hat,

es ist schwer, das rohe Volk dort zu einer Haltung zu bewegen, die sich

ertragen läßt. Dort ist auch derjenige Luther geboren, von dem seine

eigenen Zeitgenossen sagten, er ist kein Mensch, sondern der Teufel selbst

unter menschlicher Gestalt.

Laut rief der Papst aus: »Wir unterwerfen uns nicht kampflos. Wir haben

rechtzeitig erkannt, daß die Vorbedingung der Wirksamkeit des göttlichen

Wortes unsere Unabhängigkeit von den tierischen Mächten ist. Wir haben ein

Land, in dem wir residieren, mit dem wir den blinden Naturmächten zeigen,

welche Gewalt den göttlichen Ideen innewohnt. Jeder Pfennig, der uns

zugeht, wird zu nichts benutzt werden, als unser Land eisern zu machen, zu

einem unerschütterlichen Wall. Wir sind keine Phantasten. Wir sind keine

Dichter. Wir sind für die Erde eingesetzt auf unserm Stuhl, man wird uns

nicht in die Luft blasen. Wollt Ihr mich verstehen?« Darauf verwies Urban,

die Meldung eines Artilleristen auf später verschiebend, den

Jesuitengeneral bei dem geschworenen Gehorsam auf die verfügbaren

Machtquellen Deutschlands, auf die Lehrer Professen und Scholaren aller

Grade, die das Volk meistern und im Notfall es widersetzig machen sollten,

vorerst auf die Beichtväter der Fürsten.

Pater Lessius, gerade anwesend in Rom, erhielt von Vitelleschi Instruktion

und Auftrag, sich nach Deutschland zu begeben. Er besaß die Kühnheit, die

Route über Memmingen zu nehmen und nach Durchbrechung des tobenden

militärischen Gürtels um die Stadt in die totenstille Ortschaft

einzudringen, die auf jedem gangbaren Weg fußhoch mit Stroh belegt war. Der

Herzog nahm ihn an, inmitten eines riesigen Zulaufs von Kriegsoffizieren

Kurieren. Es war dem Jesuiten wunderbar, vom General dieselben

Gedankengänge zu hören, die er gegen ihn in Regensburg ausspielen sollte:

der Krieg der Christen gegeneinander müsse aufhören, man müsse sich auf

Konstantinopel werfen. Der General schien ihm ein listiger, gefährlicher

Gegner zu sein; er behandelte seinen Gast mit ausgesuchter

Liebenswürdigkeit; undurchdringlich wünschte er ihm gute Verrichtung in

Regensburg, wohin er leider selbst aus Zeitmangel nicht reisen könne.

Lamormain wurde in einer Halle des Karthäuserklosters vor der Stadt von

Lessius belehrt. Ein fürstlicher Beichtvater nimmt sich ohne weiteres,

indem er sich des geistigen Wohls seines Beichtkindes annimmt, des

kirchlichen Wohls an. Über das kirchliche Wohl befindet der Papst. In

politische Dinge hat sich der Beichtvater nicht zu mischen. Hat aber das

fürstliche Beichtkind Interessen, die das päpstliche berühren, so ist das

Beichtkind auf den maßgebenden päpstlichen Weg zu führen. Dies erhellt ohne

weiteres.

Schwer schlug auf den Luxemburger die Kunde ein, daß der Papst sich auf

einen Kampf auf Tod und Leben mit dem Kaiser gefaßt mache, daß die heilige

Kirche bedroht sei von dem übermächtigen Wallenstein, der die Spanier

unterstütze. Wieder nahe eine Entscheidungsstunde der Kirche. Der

Luxemburger fing leise an von der Grundlosigkeit der päpstlichen Sorge zu

sprechen; Lessius blieb taub. Sie kamen auf das Thema: wie weit muß der

Papst im Besitz weltlicher Macht sein und hat er sich an anderer weltlicher

Macht zu messen. Die Antwort lautete: der Papst ist von Haus aus Führer der

Menschheit, daher höchster Erdenkönig, der Städte und Staaten zerstören

kann. Die Schwertgewalt hat sich ihm zu unterwerfen oder zu dienen.

Lamormain fragte gebeugt, wie lange Lessius in Regensburg verweilen wolle.

Bis Lamormain den befohlenen Auftrag ausgeführt hätte.

* * * * *

Am begrasten Ufer der breiten, schnellfließenden Donau ritten die

Majestäten auf hochbeinigen Tummelpferden, langsam, ohne Gespräch. Das Ufer

wurde steiniger, schmaler. Sanfte Berge erhoben sich rechts und links. Bald

war der Weg durch kleine Steinblöcke verlegt. Felsige Wände fielen in den

Fluß ab. Man bog oberhalb des Ufers auf Hügel und Waldwege ein.

Die Mantuanerin, in weiß und grünem Jagdkleid wie die Herren auf dem

Schimmel hängend, streckte die Linke mit der goldenen Peitsche aus: »Wie

schön ist das Land.« »Es ist schön. Wir wollen öfter hierher.« »Ich möchte

nach Hause.« »Wohin, Eleonore?« »Nach Wien.« »Ich möchte mit dir.« »So

komm. Tu mir ein Liebes an. Das Land ist so schön. Komm nach Laxenburg.

Nach Wolkersdorf.« »Ich will nicht lange mehr bleiben, Eleonore. Die Tagung

wird nicht mehr lange dauern. Mich hält hier nichts mehr.« »In Wien haben

die Kapuziner unsere Gruft gegraben. Ich möchte einmal sehen, wo ich

begraben werde.« »Wie sprichst du.« »Regensburg verpestet mir das Blut,

Ferdinand. Die Leute sehen mich an, als wenn sie etwas von mir wüßten.« Und

obwohl er verstand, was sie sagte, bewegte sich in ihm nichts. Von Zeit zu

Zeit drehte sie ihm ihr strenges zuckendes Gesicht zu; die weiße Hutkrempe

warf sie sich mit einem Ruck an die Stirn; sie konnte vor Grauen vor ihm

vergehen. Er hatte einen vertieften Ausdruck. Wie fremd sah er auf sie. Der

Mann ist gestorben, fühlte sie. Er schlug sein Tier.

Hinterher ritt der spanische Sondergesandte, der Herzog von Doria, und Graf

Trautmannsdorf. Der Herzog lachte viel, daß es zwischen den Bäumen scholl.

Schön sei das Wetter und die Wege breit, bequeme Wälder zum Rasten,

schattig. Welch prächtiges Terrain für Soldaten; hier könne sich Kavallerie

nach Lust ergehen. »Welche Kavallerie meint Euer Liebden?« »Es wird nicht

mehr lange dauern, daß wir hier spazieren reiten. Wallenstein ist schon

gespannt wie eine Arkebuse. Das alte Holz birst, wenn es zu lange

malträtiert wird.« »Glaubt Ihr. Ich habe schon die Hoffnung aufgegeben, den

Herzog zu Friedland kriegerisch in meiner Nähe zu sehen.« »Geduld, Ihr

Leckermäulchen. Die Katze wird kommen, wenn die Milch schön kühl geworden.

Dann wird ein Schlürfen anfangen, daß man es bis nach München und Paris

hört.« »Der Kaiser besinnt sich sehr lange. Der Friedländer wartet und

wartet.« Der Herzog von Doria, dickwamstig, wie er auf dem Hengst saß,

brüllte vor Lachen so, daß man sich vorn umsah und sie seitwärts reiten

mußten: »Leckermäulchen. Leckermäulchen. Wartet nur mit. Seid nur so

gnädig. Bringt Euch nicht um vor Gier. Kuriosa von Regensburg. Wallenstein

ist auf dem Sprung nach Norden, Süden, Westen; springt er auf Italien,

Elsaß oder Regensburg? Mantua steht vor dem Fall, Casale auch. Die

Kurfürsten werden dann die Schwänze einziehen. Es wird ihnen übel ergehen.

Sie werden anbeten in Regensburg.« »Wir werden's sehen.« »Wir werden's,

Leckermäulchen.«

Als auch die Kaiserin Eleonore durch ihre italienischen Begleiterinnen

erfuhr, daß die Einnahme Mantuas bevorstände, tat sie im Karthäuserkloster

einen Fußfall vor Pater Joseph und flehte ihn um Hilfe und Schutz an. Sie

war unordentlich gekleidet; nur ihre Kämmerin ging hinter ihr und stand

abgewandt an der Tür. Der leise Franzose tat die Läden zur Hälfte vor die

Fenster, damit die Kaiserin sich nicht plötzlich im Hellen ihres Zustands

schämte. Sie schluchzte den Boden um seine Füße naß, stammelte, winselte:

»Mantua hin, Mantua hin«, und weiter brachte sie nichts hervor. Und er

dachte, während er sitzend ihr zuredete, nach, was sie mit diesem Mantua

hätte; es könne doch nicht Mantua sein. Wie er vom Kaiser sprach, rauschte

sie mänadenhaft auf, feindselig schlug sie die Fäuste gegeneinander, ohne

mehr zu rasseln als: »Er, er, er«, stürzte vor seinem Blick wieder wie

abgebrochen hin.

Er riet ihr, ihren Scheitel berührend, eine Weile Regensburg zu verlassen.

Nach einer Weile war sie ruhiger, drehte sich noch kniend nach der Dienerin

um, wies sie kurz hinaus. Sie trocknete sich das Gesicht ab, ging zu seiner

Verwunderung zum Fenster, bat, die Läden zu öffnen. Da atmete sie ihre

Brust ruhig. Sie war ganz die Kaiserin Eleonore, schien keine Scham über

ihren Zustand zu haben, erwog sanft und ehrerbietig mit ihm die Lage. Der

Welsche genoß verschwiegen und entzückt ihre hüllenlose Gelassenheit; sie

bewegte sich keusch vor ihm, als wäre er das Wasser, in dem sie badete. Sie

sollte Regensburg und den Kaiser verlassen, bis er von seinem sündhaften

Vorhaben abgegangen wäre. Ohne Trauer, sicher, mit gesenkten Augen,

verabschiedete sie sich von dem Priester, der das Zeichen über sie machte.

Vier Tage darauf wurde Ferdinand, als er nach ihr schickte, zugetragen, daß

sie und ihre Kämmerin nicht zu finden seien. Er las in ihrem leeren

Empfangssaal, in dem die Luft vom Qualm der ganz abgebrannten hohen Kerzen

erfüllt war, -- über einem Stollenschränkchen im Winkel sorglich

hingebreitet die Schärpe mit seinem Namenszug, die er ihr vor der Hochzeit

geschenkt hatte --, daß sie den schweren Ereignissen des Augenblicks und

der Zukunft an einem stillen Platz auswiche. Sie werde versuchen für den

Frieden auch seiner Seele zu beten.

Er dachte vor der Schärpe an ihre Begegnung in der Hofkirche zu Innsbruck.

Vor dem Altar sahen sie sich, von Priestern einander zugeführt. Er, nach

den würgenden Griffen des bayrischen Maximilian, gramzerrissen,

hilfesuchend, unter den ungeheuren Prunkmänteln, den Agraffen Spitzen

Bordüren, das verquollene ältliche Wesen, versteckt in der Schale,

mißtrauisch und leidend. In hochrotem Kostüm sie; die Perlenkrone auf dem

braunen spröden Haar hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines Gesicht mit den

drolligen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund. Wie sich sein

Herz vor ihr in Haß leise zusammenzog. Vor Eleonore. Unter der Monstranz

saß Maria und die Engel sangen. Jetzt lief das Kind vor ihm weg, hatte sein

Spielzeug nicht bekommen. Durch irgendein Städtchen, ein Kloster lief sie

klagend, gedachte ihm wehe zu tun. Ihm wehe zu tun.

Die Stirn gerunzelt, stand er vor dem Stollenschränkchen. Neulich war der

Jude und sein Weib verbrannt worden. Wie ein Funken vom Dach lief die

Erinnerung durch ihn und erlosch. Je mehr er die Schärpe ansah, war er

lieblich von ihr befangen. Seine Finger nahmen sie zart an den Enden hoch.

»Was ist es für eine schöne Purpurfarbe,« dachte es in ihm. Es gibt Dinge

in der Welt von großer Schönheit und Dinge von minderer Schönheit: das

erfüllte ihn. Die Schärpe legte er sich sanft, fast kokett um die Hüfte

über seinen Silbergurt. Die Damen blickte der Herr unter dem weißen

Reiherhut schelmisch an; ob es nicht ein prächtiges Stück sei, diese

Schleife. Ein guter Einfall der Kaiserin, sie einmal herauszuhängen. Hängte

sich das Band an den Gurt, lud, den Mantel zusammenziehend, sanft die Damen

zu einem außerordentlichen Karussell ein.

* * * * *

Dumpfes Wiegen der Parteien. Dumpfes Warten und Verharren der geistlichen

Kurfürsten. Die kaiserlichen Räte, auf Regensburg mit Widerwillen gezogen,

immer stärker der Verwirrung und dem Schrecken der Situation erliegend. Sie

fühlten schon, daß sie sich zwischen zwei Feuer begaben, als sie das Schiff

in Wien bestiegen. Sie fühlten, daß es biegen oder brechen hieß; sie

sollten es entscheiden, wichen leidend, ratlos, zerrissen zurück. Ihr

Entsetzen über die Krankheit Eggenbergs; es war wie eine Rache des alten

Fürsten; er hatte ihnen den Teller mit der Giftsuppe zugeschoben, die sie

sich bereitet hatten. Man schickte Briefe, Kuriere nach Eggenberg, er hatte

in Wien vor der gräßlich sich erhebenden Machtprobe gewarnt, er war ihr

Haupt, dem Kaiser lieb; jetzt schoben sich zweideutige Welsche und

Jesuväter an seinen Platz. Eggenberg war nirgends zu finden; er reiste,

hieß es. Sie mußten in allen Ratsstuben herumhorchen, bezahlten Spione in

den fürstlichen Kanzleien. Vergessen der glanzvolle Plan der Königswahl.

Die Stunde mußte kommen, wo man -- unausdenkbar -- kapitulierte vor den

Kurfürsten, oder -- niemand faßte sich das Herz -- die Kroaten herrief,

damit sie das Kollegium aufhoben, die Kurfürsten gefangennahmen. Sie

barmten und fluchten. Der Bayer hielt die Kurfürsten eisern gefesselt; sie

mußten bleiben. Er ließ sie täglich durch den Brabanter Grafen besuchen,

kontrollieren; die geistlichen Herren bemerkten, ohne es gegeneinander

auszusprechen, daß sie die Wahl hatten, Gefangene des Kaisers oder des

Wittelsbachers zu sein. Sie besprachen sich, um sich aus ihrer Lage zu

befreien, mit dem päpstlichen Legaten Rocci, der ihnen die sicherste

Gewißheit geben wollte, daß in Kürze, in nächster Kürze alles zum Guten

gewendet werde. Einzeln und gemeinsam fragten sie beklommen den Franzosen

nach seiner Auffassung. Er versicherte sie der innigsten Teilnahme des

französischen Königs, der sich überall der Unterdrückten annahm, wie es

Christenpflicht sei; sie flehten ihn in aller Heimlichkeit an: ob sie sich

auf seine Hilfe verlassen könnten.

Brulart hatte inzwischen noch einen andern Gast: den Pfälzer Vertreter

Rusdorf, der mit einer kleinen Begleitung eingetroffen war. Rusdorf sah

sich neugierig in dieser Umgebung um, bemerkte zu seiner Verwunderung, daß

die gehaßten Bayern ihm freundliche Worte gaben. Er attachierte sich an die

welsche Opposition. Marquis de Brulart und Pater Joseph berichteten ihm mit

Vergnügen von der Unordnung im deutschen Lager; Rusdorf tuschelte entzückt

geheime Neuigkeiten von dem Schweden: »Drängt sie nicht, Exzellenz. Laßt

sie zanken: warum wollt Ihr Wallenstein verjagen? Laßt Wallenstein und

Tilly sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Inzwischen trifft der Schwede

ein.« Entzückt schrieb Rusdorf nach dem Haag von der kostbaren deutschen

Situation; die Geier schlügen sich um die Beute, man wolle dem andern an

den Leib. Er säße mit den Franzosen behaglich dazwischen; sie keiften

rechts, wimmerten links, hetzten weidlich, daß der Satan dabei grunze.

Die Ankunft des jesuitischen Abgesandten fiel in der Stadt nicht auf.

Schwallartig füllten sich zu bestimmten Stunden Gassen und Plätze, zu

Andachten Märkten Gerichten Komödien. In den Hallengängen der einstöckigen

Häuschen lungerten Händler vor ihren Auslagen, hielten Passanten fest.

Fürkäufer, die vor den Toren den Bauern die Ware abgekauft hatten, wurden

vom Büttel getrieben. Unter den zu- und ablaufenden Fremden vor den

Gasthäusern walteten die städtischen Gewaltboten mit Visitationen

Inquisitionen. Die Leibwachen der hohen Fürsten patrouillierten mit

Hellebarden nahe ihren Herbergen, verjagten Krüppel und Bettler. Morgenlich

fuhren sehr langsam in Prachtkutschen sechs- und zehnspännig die Herren in

die Kirchen. Die Spieße der Berittenen vorauf und hinterdrein; der Kaiser

in die Pfarrkirche zu unserer lieben Frau, auf deren reichen Altar ein

Beutestück prangte: das goldene Marienbild, auf der Brust ein Herz aus

Rubin geschnitten; die Hoheiten und Durchlauchten und ihr Gefolge bei den

Augustinern, Barfüßern, im Spital. Neben den Kutschen zu Fuß die

Geistlichen, durch den tiefen Kot, zwischen den gackernden Hühnern,

manchmal getriebenem Vieh ausweichend. Bischöfe, Domherren, Kapläne,

Vikare, die schwarzseidenen Hüte quastenschwenkend rechts und links,

violette Hüte. Priester schwatzend in schwarzen Sutanen, weißen Chorhemden,

auf dem gesenkten Kopf das schwarze Solidarkäppchen. Schwärme von eiligen

Chorknaben in weißen Umhängen, klappend mit ihren Rosenkränzen.

Gelegentlich durch das Geschrei der Zuckerküchler Kesselflicker Kaminfeger

in offener Sänfte ein schwarzäugiger Kardinal; den breitrandigen flachen

Hut mit mächtigem Quastenbehang trugen Diener voraus; er selbst blickte mit

runzligem Gesicht um sich in purpurner Sutane.

Sie beschlichen ihn im Bischofshof, die Jesuiten, Dominikaner, Franzosen,

Spanier.

Durch einen gewaltigen Schwung, den der Kaiser sich gab, bekam das Leben an

seinem Hofe einen prächtigen geräuschvollen Zug. Als wollte er zeigen, wer

er war, schüttelte er den Druck, der auf ihm und seiner Umgebung lag, ab,

begann in Regensburg zu residieren, als hätte er vor, hier jahrelang zu

hausen. Zu den ungeheuren Massen von Bedienten mußten noch Baumeister

Tapezierer Maurer Schreiner und andere Gewerke aus Niederösterreich

herüberkommen, eine Zahl Nachbarhäuser, die der Magistrat dem Hof vermietet

hatte, für seine Zwecke herrichten als Gemäldegalerie, Kunstkammer,

astrologisches Kabinett. Er ließ sich seine Vogelsammlung anfahren. Man

baute die Fundamente für ein großes Aquarium, eine Schauspielbühne.

Alchimisten aus Wien wurden eingeladen; der alte polnische Taschenspieler

und Alchimist Sendiwoy von Skorski, ein Günstling Kaiser Rudolfs, schweifte

an. Die Lust am Bankettieren wurde rege. Und nun erst kamen die Prunktafeln

zu Ehren, die die Stadt im Bischofspalast in der Abtei der Karthaus Prüll

aufgestellt hatte. Die schmetternden Musikkapellen ritten hinaus an die

Spitze des Hofes.

Die Kurfürsten wurden nacheinander eingeladen; sie erschienen

herausfordernd, in ärmlichem Aufzug, Ferdinand pokulierte mit ihnen vor dem

ganzen Hofe. Er ignorierte ihre steifen widerspenstigen Manieren.

Und nach langen Bemühungen, zahllosen Sonderkurieren glückte es ihm, den

Herzog von Friedland herüber nach Regensburg, in seine neue Residenz zu

ziehen. Die Stadt schwang vor Erregung unter der Ankunft des Feldherrn.

Zweihundert bis auf die Zähne bewaffnete Leibwächter eskortierten ihn. Der

Weg wimmelte von leichten Kroaten; eine leere kaiserliche Prunkkarosse

empfing ihn am Tor. Erstorben die Stadt, die geistlichen Herrn in ihren

Quartieren; die Welschen lachten höhnisch. Wie Eroberer zogen die

Friedländischen ein, einen halben Tag dauerte der Besuch. Ferdinand zeigte

dem Herzog seine Anlagen, schmauste mit ihm. Zur Linken des Generals saß

der glückberstende fette Herzog von Doria.

Die Jesuiten beschlichen den Kaiser im Bischofspalast. Zu ihrer

Verwunderung wurden sie vom Kaiser mit großem Verlangen angenommen; sie

glaubten, er sei weich geworden durch die Flucht der Mantuanerin; er ließ

sich stundenlang von ihnen erzählen, was sie wollten, ruhte unter ihren

Gesprächen aus. Sie stellten fest, daß er nicht gequält wurde durch das,

was sie vorbrachten. Er schien sich unter ihren Sätzen gesättigt und

dankbar zu strecken; stärker und gelassener erhob er sich von diesen

Gesprächen.

Dann setzte sich langsam, fast hoffnungslos der große Lamormain in

Bewegung. Es konnte nicht sein, daß er den Gehorsam verweigerte; die Welt

konnte untergehen, das Befohlene war zu vollziehen. Er kannte, wie er

seinen viereckigen Hut haltend, stockgestützt vor Ferdinand stand, nicht

den Kaiser Ferdinand, den Papst, den Pater Lamormain; die vier Gelübde

hatte er abgelegt, seine Mission erfüllte er, der eisern konstruierte

Apparat. Bitter hatte er sich bei seinen abirrenden Spaziergängen dem

Dunstkreis der klingelnden jubelnden Stadt wieder genähert; die Sommerzelte

der Dienerschaften passierte er, kleine Truppenbiwaks, Massen von Herden,

Heuwagen. Bitter näherte er sich dem weithin abgesperrten Bischofspalast.

Er atmete beim Anruf der ersten Wachen auf; als wenn eine Kapsel in ihm

aufsprang und sich wieder schloß, war ihm; noch starrer zog er sich hoch,

streckte sich in seinem gewaltigen Leib.

Er prüfte im Beichtstuhl den Kaiser, sein Hochmut war sicher, läßliche

Sünden traten hervor; er bestrafte ihn mit nächtlichen Bußen. Ferdinand,

noch schwach von seiner Krankheit, bat um Nachlaß; der Pater schlug es ab.

Als nach einigen Tagen Ferdinand, weißer als sonst, aber aufrecht lächelnd

gemahnt hatte, er hätte auf diesem Kongreß große Aufgaben zu lösen, er

fürchte, ihnen nicht gewachsen zu sein, beschied ihn der Pater, ob er

meine, die Aufgaben gegen den Himmel ließen einen Aufschub zu und die

Pflichten gegen den Kongreß seien belangvoller als die gegen Gott. Auch er

sah zu seiner Verwunderung, daß der Kaiser, obwohl ihm die Ausführung der

Bußen schwer fiel, sich in sie demütig, zustimmend einfand, ja sich ihrer

bemächtigte und durch sie in nichts erniedrigt werden konnte. Lamormain, an

dem Kaiser tastend, fand einen anderen Menschen vor, als den, den er nach

dem Münchener Unglück unterworfen hatte. Sein Erstaunen über diesen

Menschen war so groß, daß er eine Unruhe in sich fühlte, öfter den Wunsch

hatte, mit dem scharfen Lessius über die schreckliche Sachlage zu sprechen,

wenn er sich nicht geschämt hätte und ihm nicht klar geworden wäre, daß er

nur zu gehorchen hatte.

In der Kirche der Jesuiten wie im Kloster sah man niemand um diese Zeit so

lange sitzen und beten, als den grauen riesigen Pater Lamormain. Wie ein

Kind, das nach langer Abwesenheit, reif und klug und überraschend schon

zurückkehrt, oder wie ein Kirschbaum, der nach einem Mairegen plötzlich

sich in einen weißen lieblichen Blütenträger verwandelt, so war dieser

Habsburger geworden und gegen diese Zartheit sollten Waffen erhoben werden.

Der Pater war glücklich, sich mit dem Gehorsam abzublenden. Zu Lessius ging

er hinaus: er werde wohl, wenn ihm mit Gottes Hilfe dieses Werk gelungen

sei, bitten, ihm sein Amt beim Kaiser abzunehmen. Der schwarze Lessius

unbewegt: dies zu prüfen sei Sache des Generals Vitelleschi.

Durch den geschwätzigen Kardinal Rocci erfuhren der Kurfürst Maximilian und

Pater Joseph, daß die Jesuiten sich ihnen angeschlossen hätten; sie

jauchzten, die mächtigen Jesuiten werden Ferdinand völlig brechen. Brulart

meldete nach Paris, der deutsche Kaiser sei wie ein Wild jetzt von den

Hunden gestellt; sie hätten auch ihr Teil an dem Jagdverlauf, wie erst

mündlich berichtet werden könne. Und Spione trugen die gefährliche

Nachricht nach Memmingen.

Aber Pater Lamormain ging mit Ferdinand um, wie der Arzt mit einem Kind,

dem man keine Schmerzen bereiten will bei der notwendigen Operation, mit

Sanftheit und über alles hinwegtäuschend. Er ging mit dem Kaiser in einer

Weise liebreich um, daß der Kaiser in seinen eigenen Willen aufnahm, was

der Pater ihm zutrug, und meinte von sich aus alles zu finden und von sich

aus den Weg zu gehen, den man ihn zwang. Lamormain leise begehrend, aber

nicht fähig, von sich abzuwälzen, was ihm aufgetragen war, wünschte innig,

sein Beichtkind an sich ziehend, den Triumph seiner Gegner nichtig zu

machen und hier nichts zu ändern. Ein Brieflein des Vitelleschi war ihm

gebracht worden, darin hieß es: »Der Papst Urban ist uns nicht gnädig, denk

daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ.« Wie Irrlichter kreuzten seinen

täglichen Weg zum Kaiser die buntgemäntelten französischen Kavaliere, die

bösen verschwiegenen Herren; er erschrak vor ihnen.

Er widmete sich inniger dem Kaiser. Morgens und abends aber las ihm ein

junger Scholar den Brief vor: »Der Papst Urban ist uns nicht gnädig; denk

daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ.«

Mariä Himmelfahrt; mit Körben voll Obst und Kräutern gingen hinter Fähnchen

und bunten Figuren die weißen Kinderscharen in die Kirchen; viele trugen

Birnen- und Apfelzweige, auf denen Holzvögel saßen. Kavaliere ritten

barhäuptig neben den Sänften ihrer Damen. Studenten fuhren neugierig auf

Troßwagen durch Gassen, über Märkte vorüber an den breitbeinigen

Trabantenwachen der Römischen Majestät und geistlichen Kurfürsten. Pfeifer

und Flötenspieler zwischen ihnen, bald nach rechts, bald nach links

herunterblasend. Franzosen traten mit Fächern aus ihren Quartieren, wichen

zurück, wie die Studenten höhnend und drohend ihre schweren Säbel

schwangen.

Weit war aller Verkehr von dem Bischofspalast abgedrängt, seit dem Kaiser

von seinen Beratern eine Entscheidung nahegelegt war. Er verließ meist die

saalartigen Wohn- und Empfangsräume. In einem schmalen Musikzimmer nach dem

Garten zu fand man ihn bei Tag. Der Fußboden einfach gedielt, der Raum wild

ornamental verschnörkelt. Flammenräder in gelb und rot an die Wand gemalt,

eins neben dem andern. Flammenräder, deren Achsen Strahlen warfen. Die

Strahlen fuhren aus immer neuen grellbunten Rädern über die Wände; inmitten

der Längswand gebannt in Ruhe ein Viereck in Gold von byzantinischer

Strenge; große gotische Buchstaben mahnten rot an die Stille des

himmlischen Reiches. Darüber ein schwarzes Kreuz, zu seinen Füßen die

Ebenholzfiguren Marias und Johannes. Ein einziges riesiges Fenster in die

Gegenwand gebrochen, breit das dicke Mauerwerk durchdringend. Im Raume

unter dem Kruzifix eine breite gepolsterte Sitzbank, mit Decken belagert,

eine geschnitzte Truhe neben der Tür. Gedämpft klangen die Stimmen in dem

gewölbten steinversenkten Zimmer.

Mit Herzlichkeit sah sich Lamormain an dem heißen Tage empfangen, Ferdinand

zog ihn ernst an sich. »Es ist nicht möglich«, sagte er, »in Dingen solcher

Wichtigkeit nur mit weltlicher Vernunft auszukommen. Wo so Ungeheures und

Ernstes auf dem Spiel steht, muß ich den Heiland und die Jungfrau bitten,

daß sie mir Hilfe bei den Entschlüssen leihen.« Sie plauderten von

Ferdinands Erziehung in Ingolstadt und von seinen Lehrern, Gregor von

Valencia, dem berühmten Mann, dem Historiker Gretser.

Ferdinand öffnete träumend den Mund zum Oval; er hätte es leicht gehabt,

auf den rechten Weg zu gelangen, seiner Mutter hätte der Glaube am Herzen

gelegen; es sei ihm in Erinnerung, daß sie oft erzählte, wie Khevenhüller,

der Gesandte in Madrid, ihr einprägte, es hinge ewiges wie zeitliches Wohl

der Kinder davon ab, wem ihre Erziehung anvertraut werde; Leute müßten es

sein, die innerlich wie äußerlich untadelige Katholiken seien. »Ich habe es

darin gut getroffen; wie haben mich Gregor und Gretser geführt; dann Pater

Bekanus, mein würdiger entschlafener Beichtvater, Dominikus a Santa Maria,

der nun auch in Gott ruht. Nun habe ich Euch, Pater Lamormain. Ich sehe auf

Schritt und Tritt, daß Gott mich segnet.«

Lamormain, sein krankes Bein ausgestreckt, saß gebeugt und verwirrt auf der

Truhe. Das Trillern der Studenten, Rufen der Hatschiere klang herein. Er

hätte, brachte er leise hervor, das Amt eines Beichtvaters des Kaisers

zögernd angenommen; hätte in Ruhe im Cimetarium des heiligen Klixtus

Ausgrabungen gemacht von heiligen Leibern, die den Jesuitenkollegien Schutz

und Segen geworden seien; am Schluß der Romreise, wo er den achten Urban

gesprochen hatte, den er schon als Kardinal Barberini kannte, hatte er

seine acht Exerzitien gemacht, um sich den Studien und der Lehre der Syntax

und Rhetorik zu widmen: da bestimmte ihn der Pater Vitelleschi zum

Beichtvater; eine große Auszeichnung und ein schweres Amt, einen Fürsten

geistlich zu führen, eine Aufgabe, die man kaum bewältigen kann. Es gab

einen frommen Pater Klaudius, der fünfte General der Gesellschaft Jesu, der

schrieb aus dem Drang seines Herzens und seiner Besorgnis einen

Beichtspiegel für die Geistlichen der Fürsten; und überließ letzten Endes

doch alles sich selbst. Denn wo soll man im Leben eines Herrschers zwischen

Politik und geistlichem Gebiet scheiden.

Ferdinand, halb liegend, den Kopf über den verschränkten Armen, hörte

aufmerksam zu. Er redete, sich oft mit Lächeln unterbrechend und eine

Antwort des Paters abwartend. Vielleicht sei es nicht unzweckmäßig, was

jener Beichtspiegel den geistlichen Beratern empfehle; er bedaure, daß ihm

dies gewiß sehr interessante Buch nicht zugänglich sei; aber es gäbe

sicherlich genug Fürsten, die grausig eigensinnig seien; sie erinnerten ihn

an Narren, die ein Bein mit einer Menschenhose bekleideten, das andere mit

Vogelfedern und Krallen. Er sei nicht mehr jung genug zu solchen Scherzen

oder sogenannten strengen Trennungen; ja, es freue ihn, daß Lamormain

erkenne, wie schwierig, wie unmöglich die Trennung von Politik und

geistlichem Gebiet sei. »Denn seht, Pater Lamormain, wozu haben wir die

langen Jahre in Ingolstadt verbracht und warum hat man uns so unsäglich

behütet vor der Ansteckung der Ketzerei: nur damit wir fleißig und

sorgfältig zur Messe gehen, zur Vesper, beichten? Es hätte dazu der großen

Mühe nicht bedurft. Ich bin kein Kaiser von der Art der grimmigen Sachsen,

Ihr entsinnt Euch, die gegen die Päpste Sturm liefen. Was will man

eigentlich. Die Masse des Lebens, auch des politischen, mit dem Geiste der

christlichen Kirche durchdringen; eine größere Aufgabe kann ich mir nicht

denken.«

»Eure Majestät haben mir meine Aufgabe nie schwer gemacht.«

Ernst flüsterte der Kaiser, einen Finger hebend, gegen Lamormain, ganz

hochgestützt: »Pater, ja ich muß Euch verraten, was ich schon bisweilen

geträumt habe, in jüngster Zeit. Daß wir Nebenbuhler sind, der Papst und

ich. Aber anders, als man es sonst meint. Ich meine im Geistlichen. Ich bin

nicht sein Vogt, sein Schwert. Ich will die Kirche nicht neben mir haben,

darum habe ich die Jesuiten zu mir gerufen, so viele sollen kommen, als

erzogen werden, sie sind besser als Soldaten für mich. Das Heilige Reich

muß selbst eine große Kirche sein.«

»Der Heilige Vater würde sich sehr freuen, eine so fromme Gesinnung von

Euch zu hören. Er weiß, welche Hilfe die Vorsehung ihm in Euch gegeben

hat.«

»Und Ihr, Pater, was denkt Ihr über die schwebenden Dinge? Ihr haltet so

zurück. Mißtraut Ihr mir -- noch immer.« Ferdinand lächelte ihn an.

Lamormain senkte den Kopf. Ferdinand leise, fast zärtlich: »Ich bin Euch ja

zu so vielem Dank verpflichtet.«

»Es ist die Furcht oder die Beklemmung, sich auf einem Wege zu sehen, von

dem man nicht weiß, ob man ihn mit Recht betritt.«

Erregt drehte Ferdinand gegen ihn, die Arme hebend: »Ich kenne solche Wege

nicht, die ich gehe und die Ihr nicht gehen dürft. Ich habe es Euch gesagt.

Ich will sie nicht kennen.«

»Warum wollt Ihr mich hören?«

»Seht, Pater Lamormain, ich will mir nicht Unrecht tun. Ich brauche Euch

nicht, weil ich unsicher bin oder weil ich mich fürchte. Aber ich -- habe

Euch hier, Eure Stimme ist mir wie eines Vaters. Wollt Euch nicht

zurückhalten, versagt Euch mir nicht. Es ist mir eine Wohltat, Eure Seele

diese Dinge berühren zu sehen.«

»Ich weiß, daß es mein Amt ist, Eure Seele zu führen. Wenn ich lange

schwieg, -- so geschah es, um Euch nicht zu betrüben.«

Der Kaiser bat, er möchte weiter sprechen. Der Pater, sich

zusammenkrampfend, nahm einen Anlauf. Er öffnete den Mund und ließ es

schnurren. Wie die Worte klangen. Er hörte sich wie ein Fremder zu. Er

schämte sich und blickte nicht auf. Was war ihm aufgelegt. Es sei nicht

viel zu sprechen. Diese grauenvolle Verwüstung in Deutschland, diese

Schrecken, die sich über die Alpen wälzen, Zwist im Reich, der Kaiser

einsam: man müsse betrübt sein, wenn man an christlichen Frieden denke.

»So ratet, Pater. Ich habe nicht gelacht über diese Zeit.«

»Frieden. Frieden. Der Heiland, als er noch auf Erden wandelte, hat gesagt:

gebet Gott, was Gottes ist. Man redet zu viel: gebt dem Kaiser, was des

Kaisers ist. Davon sind die Gassen und Plätze voll. Wer den Lärm in der

Welt hört, denkt wohl an das Wort: des reifen Getreides ist viel, der

Arbeiter aber sind wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter auf

sein Erntefeld schicke.«

Die Fältchen an Ferdinands Augenwinkel zitterten, er drückte die Handteller

zusammen, in der Ecke der Bank sitzend: »Ratet, Pater.«

»Du wahnsinniger Mensch,« schrie der Pater sich innerlich an, »du schlimmer

Mensch. Du kannst dich nicht so schänden. Bruder Lamormain, der Heilige

Vater denkt schlecht von uns.«

»Gebt mir Antwort, Majestät, wie Ihr selber hierüber denkt.«

Da wurde Ferdinand, nachdem er dem Pater einige Zeit in die blitzenden

Räder gestarrt hatte, unruhig, stand auf: »Ich hab' es Euch gesagt, man

soll mich nicht für einen Gewaltherrn und römischen Cäsar verschrein.«

»Wenn Ihr kein Gewaltherr sein wollt, so ist es Euch bitter ergangen, daß

alle Welt Euch verkennt und Euch für nichts als dies, für nichts als dies

ansieht. Und wenn Ihr das weltliche Papsttum gründen wollt, so wird es wohl

auch Euch bedünken, daß im Augenblick die Welt sehr anders blickt: aus

Augen voll Grauen. Wie wollt Ihr dies vereinen: so mächtig dazustehen, daß

man Euch wahrhaft Kaiser nennen muß, und so wenig das zu können, was Ihr

wollt. Seht, nicht einmal so viel, wie die Herrscher vor Euch, die viel

schwächer waren.«

Dies mußte Lamormain alles sagen und hinlegen.

»Pater, der Heiland hat dies gesagt, was Ihr nanntet. Er hat aber auch

gesagt, was Ihr selbst uns gepredigt habt, daß er nicht nur gekommen sei,

Frieden auf Erden zu bringen, sondern Vater, Sohn, Mutter, Tochter und

Schwieger gegeneinander zu erregen.«

»Wohl, so spricht Lukas: Zwietracht. Um das himmlische Feuer auf die Erde

zu werfen.«

Ferdinand legte sich halb auf der Bank zurück; er sagte nichts. Nach einer

langen Pause Lamormain: »Eure Majestät schweigt.«

Wallenstein. 2 (of 2) · 第 15 / 44 题