Dann legte er es vor Eleonore: »Sie sollen die Länder haben.«

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrünstigen Augen an: »Wie ich dich

beneide, Ferdinand, daß dir diese Wahl gegeben ist.« Er lachte sie finster

an. »Ich danke dir herzlich.« Die Frau drängte sich unheimlich in seine

Seele, in seine Entschlüsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen

Balken brennende Leben neben sich fühlte, hatte das wilde Begehren, ihr

etwas anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Böses

zu tun, war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefühl der Rache

hinterlassen. Tosend gab er nach. Zwischen den Zähnen knirschte er; während

ihm der Schweiß auf die Stirn trat und die Augen in graue Höhlen

zurückfielen und er ihre linke dünne Hand rieb: »Ich will dem Heiland

zuliebe nichts versäumen; was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten.« Sie

krallte sich an ihm fest und stöhnte. »Ja,« seufzte er, hingeworfen mit ihr

betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht ließ er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie:

»Bin ich wieder so weit, daß ich nicht weiß, wen ich rufen soll? Meine

Narren, den blöden Grafen Paar? Blick mich nicht an.«

»Was ist?« weinte sie über seinem Bett.

»Daß du zu früh triumphierst. Es ist die Spekulation, daß ich es nicht

wage, den Friedländer zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.«

»So tu es doch.« Sie war hilflos.

»Er soll kommen, sag' ich Euch. Die Augen werden Euch übergehen. Er soll

Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.«

»Was hab' ich dir getan?«

Widerwillig legte er sich zurück: »Nichts, nichts, beim Heiland, nichts.

Ich bin verloren, verkauft. Weiter nichts.«

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. »Wohin willst du?« fragte er

höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet

neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran.

Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries

den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den

kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem

sie rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus

der Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich

Ferdinand an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er:

»Ich danke.« Hing an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel

zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er

sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig

angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß

ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis

zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so

unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um

Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte

verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen,

daß den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber

trotzdem hätte er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen

zu lassen. Ihm sei gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben.

Die Kirche müsse belohnt werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die

armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien,

wiederzugewinnen, müsse er sich bemühen als gottergebener Mensch,

geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, müsse er gestehen, wie er

geschwankt habe, sündig und zage. Er wolle von der Sünde befreit werden.

Der Pater lächelte: »Glücklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine

Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.«

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von

Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten

Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung

seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als

Selbstverständlichkeit, daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen

wurde, und schließlich als eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst

jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des

dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte

dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko

Barberini, der Papst fühle sich durchaus nicht bemüßigt, eine

Dankprozession angesichts der Verkündung der Restitution zu veranstalten,

auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten

Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus

Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu

erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen.

Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau

sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest

äußerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten

Fuß zu stellen, sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten

müssen, auf Bayern sich stützen können. »Zu welchem Zwecke« -- Meggau

blickte vor sich -- »haben wir den Herzog von Friedland gerufen?«

Eggenberg: »Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist

nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.«

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den

mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den

Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die

friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer

Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf

erregte Blicke, ging auf und ab: »Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er

dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt

irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?« Er stand klein, mit

gequältem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße

für Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts

vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und

von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der

Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit

kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens

seien, die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die

herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes:

Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil

ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren

Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der

Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert

der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte

sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde,

Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas

anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn.

Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein

machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch

seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein

dachte. Er fühlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden,

weil er ihn abgewiesen, gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst

schwelte in ihm das angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er

ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen.

Zum Lachen schön war die Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man

sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner

Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur

um über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den

Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war

zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr

Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es

sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er

stand über Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden

Malen aus südlichen und nördlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In

Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein über die vielen Kreise; untätig

lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevölkerung, das Vermögen der

Städter auf.

* * * * *

»Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel«, waren die Schimpfworte, die in

Güstrow und Wismar von der friedländischen Tafel an die Wiener Adresse

gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt

auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark

anfaßte. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von

einer Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts

anhaben, er hielt den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten

sich sogar jetzt herauf, sie errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes

Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis zur Verächtlichkeit. Sie zogen und

zerrten an ihm. Man mußte auf der Hut sein vor dem Volk; und er grimmte,

daß er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht wollte.

Friedländische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit

Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter

Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschüchtert, Köln war

ganz ohne Schutz, Sachsen fühlte den friedländischen Stachel in der

Lausitz. Seinen Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog über den

Wisch, das Edikt; man solle den Maulwürfen und Schnapphähnen am Hofe den

billigen Triumph gönnen. »Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der

Memmen und Schelmen, die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen

nichts fruchten.« Und zu einer fast komödienhaft schwachen Aktion stattete

er die gewünschte Aktion gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen

sollte; er gedachte an dem Feuer nur sein eigenes Süppchen zu kochen. Er

fragte noch einmal Arnim, ob er die protestantisch stolze Gemeinde für die

Katholiken erobern wolle; und in der Tat stellte er dann Regimenter in das

Expeditionskorps ein, die zum großen Teil lutheranische Offiziere führten.

»Sie fuchteln«, höhnte der Herzog, »mit ihrem Edikt in der Luft herum,

haben einen hölzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe. Wir werden damit

spaßhafte Kriege führen.« Er verlangte von der Stadt die Einlagerung einer

Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach

Verübung vielerlei Unbill, Scharmützeln zwischen Kroaten, Fischern und

Roßknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen Stadtschweinen,

Drohung mit Blockade, verhängte er eine Kontribution von zweihunderttausend

Talern, von denen ihm hundertfünfzigtausend sofort hinterlegt wurden; für

den Rest bürgte die Hansa. Die überraschten Syndici wurden bei einer

Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie sollten sich

nicht fürchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des

Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgültig

vorbei.

Dann zog er sich nach Mecklenburg zurück; das Geld war sein.

Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nördlichen Seekante; er mußte

sich des baltischen Meeres bemächtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg,

forderte es.

Die ungeheuren Güter, die Tag um Tag der graue Wasserrücken trug. Von

Livland Hanf bundweise, Flachs in Fässern, Getreide. Aus Riga Wachs in

Schiffspfunden für den Klerus, Wachs von der Wolga, Düna, über Smolensk und

Polozk. Aus den Steinbrüchen der finnländischen Küste Leichensteine. Aus

Rußland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfraß Wiesel Hermelin Iltis

Biber. Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brüggesche,

wittstocksche, ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar

leeren Wasser, das niemandes Land war, fuhren stündlich die kostbarsten

Waren der Welt, der Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach

Abo Wiborg Narwa; Travesalz, Salz aus Lüneburg, Oldesloe, grobes,

ungesottenes Bayernsalz, schottisches, französisches Salz; Fleisch Speck

Malz Tabak Messer Kartenspiele Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen

Munition Pulver Blei eiserne Kugeln Schwefel Salpeter Harnische Panzer

Röhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte. Ähnlich Sklavenschiffen mit

orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von jung und alt, in Tonnen

eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden fernen, glutvollen

Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden Korsiker, Malvasier,

betäubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der Pikardie, von Ungarn,

von der Mosel, vom würzreichen Rhein. Aus den Kolonien vorüber in

Holzlatten geschlagen, gebändigt, Anis, kandierter Ingwer, Kaffee, Kubatee,

Kakao, Muskatblume, Paradieskörner, Manna, zwanzig dreißig Zuckersorten,

Datteln. Duftende ölige Hölzer für die Apotheken: Terpentin Kampescheholz

Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen, Glas aus

Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln, Klinken.

Zum Herzog kamen der vielvermögende Herr von Michna und de Witte aus Prag,

über die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschluß

Spaniens zu den Meeresplänen nötig wurden. Wie Fische schwammen sie auf den

Köder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch

Sachsen und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch

eine Rotte von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie überall kaiserliche

Besatzungen in den Städten, die Einquartierungen. Den Zügen bettelnder

Bauern, verbrannten Dörfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht.

Michna kniff die Augen, Verzückung über Brust und Magen; was war Wuchern

Münzbetrug Kippen Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzählte von der

Dankbarkeit, die der Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fühlte und die er

ihm in Güstrow äußern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit

der Prager Judenschaft.

Wallenstein stand ihnen im Jagdschloß zu Güstrow, zwischen den riesigen

Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenüber, hager, hoch. Den

vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren über das Stifteredikt

beruhigte er; auf die Wismarer Werft geführt, besahen die ausländischen

Herren das graue rollende Meer, ließen sich bewimpelte Ausleger und

Kaperschiffe zeigen, riefen den lübischen Bürgermeister Heinrich Brokes,

ein verschimmeltes schlitzäugiges Männlein herüber, das ihnen gelassen jede

Auskunft erteilte --, auch nebenbei, daß die Schonenfahrerkompagnie eine

Defensionskasse der Stadt Lübeck eingerichtet habe gegen jegliche

Überwältigung durch welchen Feind auch immer, durch Besteuerung aller

Güter, die auf der Achse ein- oder ausgeführt wurden; kein Laken käme

unbesteuert heraus.

Der graue träge Wasserrücken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit

wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier

rann es wie in einem Engpaß vorüber, versucherisch; sie hingen am Fels

darüber. Die Ausdehnung der Länder war verschwunden; Livland die Wolga

Smolensk Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stießen aneinander. Und so

nah, so schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.

Das lag vor den Füßen der drei Böhmen, die unter breiten federlosen

Filzhüten, in langen weißen Mänteln am Strand neben dem gestikulierenden

mißtrauischen Lübecker über den Sand schurrten. De Witte und Michna

stampften erregt und fast betäubt von dieser Unterredung in das

friedländische Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz

die Backen, fächelte sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schluß war, daß

man sich der Hansa zu versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie

schweigend hinter ihren Weingläsern phantasierten.

Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der auf

eigene Faust spanisch-deutsche Meerpläne trieb, die Lübecker Kaufherren und

Krämer mißtrauisch machte, tauchten in Lübeck die beiden Prager Herren,

Friedlands Vertrauensmänner, auf, der kühle Kaufmann und der

menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fühlung mit den einflußreichen

Familien, den von Höveln, Bröntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft

von den höflichen Herren auf die Wälle geführt, die eben erst ein Italiener

vom Holstentor bis zum Burgtor gezogen hatte. Mächtig war alles bestückt.

Bei Travemünde stand ein steinernes Blockhaus für die Hafeneinfahrt;

überall warnende Bastionen. Versteckte Gräben.

Auf die kaiserlichen Anträge an die Hansa, eine Flotte zu bilden und dem

Admiral zu unterstellen zur Verteidigung gegen die dänische und schwedische

Gefahr, wurde ein Lübecker Tag einberufen, beschickt von Hamburg, Köln,

Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg, Rostock, Wismar, Stralsund.

Hitzig rangen Wallensteins beste Sendboten mit den Weinherren, den Ältesten

der Kompagnien, Frachtherren, Kaufleuten, Brüderschaften der Fahrwasser.

Kein Lärm war in der dunklen Hörkammer im Niedersten Rathaus, aber ein

unsichtbares, unnachgiebiges Schieben und Drängen, Überreden, Beschwören.

So wichtig schien dem Friedländer diese Sache, daß er alle paar Tage Boten

mit persönlichen Winken an die Deputierten herüberschickte. Der überreizte

großspurige Schwarzenberg aber mit den spanischen Plänen und dem

mörderischen Ungeschick, dazu das Edikt hatten die Luft in allen Trink- und

Ratsstuben verdorben. Es wurde deutlich, daß die Lübecker und eben jener

kleine Brokes sich schon längst mit den Generalstaaten verbunden hatten, in

Furcht vor dem seegewaltigen Spanien; man glaubte in Lübeck nicht mehr an

einen Krieg des Kaisers gegen das schon niedergeworfene Dänemark; man

fürchtete die friedländische Faust und fürchtete die Jesuiten.

Die ehrenfesten hochgelehrten hoch- und wohlweisen Räte der freien

Reichsstadt verneigten zuletzt sich vor den betroffenen Vertretern Wiens

und des Admirals, ihrer großgünstigen Herrn, bestimmt erklärend: man könne

sich nicht in einen Krieg einlassen mit den Potentaten, die Gewalt über die

Meere und Pässe besäßen, welche ihre Schiffe täglich befahren müßten. Dem

gräflichen Reichsboten verehrte der stolze Tag viertausend Taler und

beglich seine Kosten, ehe er, von Wallenstein mit Groll beworfen, zum

kaiserlichen Hoflager aufbrach.

Sie waren alle drei, die Böhmen, schon nicht mehr geldgierig. Sie waren an

ihrem Reichtum hochgewachsen und hatten ihn gemeistert. Friedland kannte

von je nur das Spiel, dessen Drang wuchs mit der Größe der Einsätze; er

kannte nur umsetzen, umwälzen, kannte keinen Besitz. Er war nur die Gewalt,

die das Feste flüssig macht. Er schauderte und zerbiß sich, wie sich ihm

etwas Festes entgegenstellte.

* * * * *

In den ausgesogenen sumpfigen Meeresgebieten, dem dürftigen Kurbrandenburg,

ließen sich die großen Truppenkörper nicht lange massieren. Zwar war genau

bestimmt, wieviel Bauer Bürger täglich zu entrichten hatte, es war Vorsorge

getroffen, daß ihnen nur soviel genommen wurde, daß sie dabei bestehen

konnten; aber trotz grausam strenger Feldpolizei und Feldgerichts häuften

sich die Beuteritte der Soldaten, kecke Erpressungen der Offiziere,

Unterschleif des Proviantkommandos. Der Widerwillen der Kontribuenten

wuchs; es half nicht viel, daß man halbe Dörfer einäscherte und Dutzende

der böswilligen Ackerer an ihren eigenen Obstbäumen aufknüpfte; die

Landschaften waren dürftig, ihre Pflege gering. Schon entliefen zahlreiche

Söldner, führten als Vaganten weiter südlich Krieg auf eigene Faust. Man

hatte in Wien und Prag an gewissen Stellen mit heimlicher Genugtuung von

der stolzen Feindseligkeit der Hansa vernommen; man hatte ein zwiespältiges

Gefühl.

Verbiestert, reglos lag der große Herzog von Friedland, der überreiche

Böhme, ausgestreckt am Meer. Er kaute an dem Bissen, den ihm die Hansa zu

essen gegeben hatte; langsam dämmerte ihm, was ihm geschehen war. Das Meer,

das Verhängnis. Nicht die Reichtümer; es war der Weg: das Land war nicht zu

halten ohne das graue, weißzottelige, schäumende Untier. Es rannte gegen

seine Feste an, brachte sie zum Schaukeln. Rasch hatte er Mecklenburg an

sich gerissen, konnte nicht hin und her. Wie zum Hohn verbrannten dänische

Orlogs ihm fünf Schiffe im Greifswalder Hafen.

Plötzlich lief das Stichwort: Ungarn! Ungarn! aus dem Hinterlande über die

Erblande. Täglich sah man klarer, was man zuerst nicht erkannt hatte -- die

Bayern sahen es, die Böswilligen in Wien, Strahlendorf und sein Anhang, das

entzückte Paris, der mächtige Papst Urban --, daß sich Wallenstein seine

Grube gewühlt hatte am Meer und daß es nicht ein endloser Siegeszug gewesen

war von Schlesien bis nach Jütland; die Spitze war schon der Sturz. Die

Hansa das Verhängnis. Er spannte sie nicht ein; nun konnte er am Meere

liegen bleiben und sein Heer verfaulen lassen oder vom Meer sich

zurückziehen, und der Däne stand wieder da! Christian, der Besiegte, der

wieder ein neues Heer sammelte. Es war, wie man hörte, vom Grafen

Pappenheim ein Kriegsplan ausgearbeitet worden auf Ersuchen des

kaiserlichen Hofkriegsrats; darin wurde die Verteidigung der

zweihundertfünfzig Meilen langen deutschen Küste als unmöglich bezeichnet;

man könne es machen, wie man wolle -- ziehe man die Truppen zusammen, lege

man sie dünn auseinander -- war das Land geöffnet für einen dänischen oder

schwedischen Einfall.

Die Jesuiten hatte Friedlands Widerstand in der Stifterfrage gereizt. Sie

hielten sich genötigt, ihn zu stacheln -- nicht zu stark, aber deutlich.

Fanatische Mönche, jetzt von den Jesuiten nicht gehindert, hielten in Wien

Predigten: es zeige sich wieder, wohin der Unglaube führe -- frech ein Heer

zu mischen aus Altgläubigen und Ketzern -- und damit gedenken mehr als

Eintagserfolge und Plündersiege zu erzielen.

Ungarn! Aus diesem Sumpfe werde er sich diesmal nicht ziehen.

Michnas Agenten arbeiteten in Mähren und Niederösterreich mit zäher Wut, um

Getreide für das Heer heranzuschaffen; sie trieben, von ihren Herrn gejagt,

die Preise in die Höhe. Michna erlebte es, wie eine zwei Wochen ihm

Geldsummen aus der Hand nahmen, die er in Jahren gerafft hatte, aber er

zögerte keinen Augenblick, alles hinzugeben. Schurken und Dummköpfe, dazu

Neidbolde waren diese alle, ihre Stunde würde schlagen, sie sollen gerupft

werden, wie sie sich nicht träumen ließen.

An der Spitze der böhmischen Landschaft stand im höchsten Vertrauen noch

der schöne eisige Slavata. Der Herzog hatte ausgemacht, daß dem Heere

ausreichende Getreidemengen aus Böhmen geliefert würden.

Die bösen, noch einflußlosen Kreise hielten den Augenblick, ihn zu

schwächen, für sehr günstig; als Wallenstein von Güstrow scharf monierte,

man hätte sich festgelegt auf zwanzigtausend Strich böhmischen Getreides

und geliefert seien zehn Fingerhüte, log die Landschaftskammer. Und wenn

auch der Herzog von Betrug offen redete, man hatte Zeit gewonnen, die Zeit,

die Zeit, die Friedlands Heer zerschmelzen mußte durch Hunger Unordnung,

wie einst Seuchen Durst im schrecklichen ungarischen Alföld.

Lange erfuhr niemand, was der Herzog unternahm, um sich zu retten. Wie

würde er sich wehren. Es sprach sich herum, daß, wie immer, wenn Friedland

in Gefahr war und einen neuen Schlag vorbereitete, der Jude Bassewi neben

Michna und de Witte mit ihm konferierte und nach der Residenz Güstrow

gereist war unter herzoglicher Eskorte.

Dann wurde offenbar, was geschehen war.

Während sich der Anblick der kriegerischen Maßnahmen im Reiche in nichts

änderte, die Musterungen von Monat zu Monat beschleunigt wurden,

Neueinstellungen im wachsenden Umfang erfolgten, besonders in dem

fränkischen Kreise, waren aus dem Güstrower Hauptquartier Unterhandlungen

mit dem Dänen angeknüpft.

Der Fuchs zog den Kopf aus der Schlinge.

Zug um Zug brachte den Herzog in Fühlung mit dem Dänen. Ein ruheloser

Kurier lief zwischen Wien und dem Hauptquartier. Der Kaiser und der Hof

wurden auf eine Probe gestellt. Sie hatten es in der Hand jetzt jeden Weg

zu gehen, den sie wollten. Der Feldhauptmann erklärte: man hätte gesiegt,

man hätte den niedersächsischen Kreis zur Ruhe gebracht, den Dänen zu Boden

geschlagen; darüber hinaus sei nichts möglich. Als man scheinbar entsetzt

gegenfragte, kam der Bescheid, ob man auf die Armeen für die Zukunft

verzichten wolle.

* * * * *

Der Kurfürst verbrachte seine Tage mit Rechnen und Drechseln. Er saß in der

Neuen Feste viel an der Drehbank zusammen mit dem Pater Adam Kontzen, einem

jugendlich heftigen kleinen Manne, den ihm sein alter Beichtvater, der

Lothringer Vervaux, zugeführt hatte. Kontzen, den das Raspeln des

Kurfürsten nicht störte, trug ihm eindringlich und fordernd politische

Grundsätze vor, die nach Ansicht des Paters das Mindestmaß darstellten, das

man von einem katholischen Politiker verlangen könnte. Der Kurfürst, dick,

blaß, leicht schwitzend, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den hastigen

Reden des Dialektikers und seinem Elfenbein. Zornig fuhr der Pater über die

Ketzerei her, die, wie er immer wieder drohte, in der Lasterhaftigkeit und

dem Atheismus wurzelte; Prälaten und Fürsten seien von ihr angesteckt. Wenn

der Fürst müde zu ihm aufsah, schleuderte er vor ihn ein Muß: alle Welt sei

einig darin, daß Laster und Gottlosigkeit auszurotten seien; ihm, dem Pater

Adam Kontzen, wurde zuteil, den Zusammenhang der Ketzerei mit Laster und

Anarchie und Atheismus zu erkennen; sie müsse, die Ketzerei, sie müsse

beseitigt mit Gewalt werden. In Sodom und Gomorrha hätten auch Menschen

gelebt. Gott hätte kein Erbarmen gekannt, er der Herr selber, habe Feuer

und Schwefel über die Sündenstädte gegossen. Dieses Beispiel der Heiligen

Schrift müsse man verstehen; stehe es dem Menschen an zu verzeihen, wo Gott

straft. Bekehrung oder Vernichtung: es bleibe nichts drittes. Und gerötet,

gereizt, ingrimmig blickte der Priester auf den Fürsten, leidend unter

seiner Ohnmacht, hier bitten und argumentieren zu müssen, wo er fordern

konnte im Namen der Heiligkeit. »Was soll geschehen,« fragte wie abwesend,

mit dem kleinen Finger an dem Elfenbeinstäbchen rührend, Maximilian, »wenn

wir nicht die Macht haben, zu zerstören oder zu bekehren.« »Sünde ist es,«

zischte gequält der Priester, »ja, es ist Sünde, nicht die Macht zu haben.

So lange wir leben, haben wir Macht in uns. Jedes Pünktchen davon gehört

Gott, nichts einer Aufgabe, sie sei welche auch immer. Die Pest ist nicht

so schlimm als der Gedanke, wir können nicht Gott dienen.« »Was soll man

mit Leuten tun, die Gott und der Kirche nicht dienen.«

Fassungslos der Priester: »Töten oder bekehren. Wir haben ja keine Wahl.«

»Würdet Ihr selbst, Pater, so handeln? Wenn Ihr einen Einzelfall vor Euch

hättet?« »Ich würde,« glücklich hob der Pater beide schwarzbehängten Arme,

»wie ich steh und sitze mich aufmachen und meine Pflicht erfüllen. Es gibt

nichts Größeres, als Fürsten zum Glauben zu bringen oder sie zu töten.«

Im Feilen lispelte der Kurfürst: »Kontzen ich danke Euch ja. Wenn nur alle,

oder nur viele so beseelt wären wie Ihr. Es ist schlimm, daß wir arbeiten,

arbeiten müssen und nur so wenig erreichen. Allmacht ist nur Gott gegeben.

Würde uns verliehen sein von Gott, Feuer und Schwefel zu regnen, so wäre

das Heilige Römische Reich längst wieder rein vom Übel.«

Maximilians Leibkammerdiener führte die kleine zögernde Gestalt des grauen

Tilly heran über den langen Läufer. Maximilians Unterhaltung mit ihm war

kurz. Der Pater Kontzen wollte sich entfernen, der Kurfürst aber schüttelte

den Kopf; es sei ihm angenehm, wenn der Pater da wäre; wieviel besser, wenn

immer. Er befragte den steif stehenden Grafen, der aus Wiesbaden

zurückgekehrt war, mit keinem Wort nach seiner Gesundheit. Orientierte ihn,

wie die Sachen nach den letzten Meldungen an der Weser, Elbe, Ems stünden.

Ob ihrer Liebden bekannt wäre, wie sich die Dinge bei der Armada der

friedländischen Durchlaucht entwickelt hätten. Kurz so -- ohne die Antwort

abzuwarten, aber der Pater möge nur dableiben, sich nicht gekränkt fühlen,

wenn sie militärische Sachen besprächen --, daß also es ganz zweckmäßig,

zweckentsprechend, wünschenswert wäre, wenn sich die ligistische Armee in

irgendeiner Weise als vorhanden erwiese. Vielleicht könne sie die

friedländische bald ablösen. Man stehe jedenfalls nach allem Trübsal und

offenbarem Unglück wieder vor Möglichkeiten. Er warf Werbungspläne hin,

verwies auf die vorhandenen Geldhilfen aus Umlagen.

Plötzlich fixierte er den Grafen; ob er sich nun gesund fühle: »Ihr wißt,

es wird mit den Dänen Friede geplant. Habt Ihr Verhandlungen aus Wiesbaden

mit ihm angeknüpft?« Verwirrt drehte der eisgraue General den Kopf zu dem

Pater, zum Fürsten zurück. »Ich weiß, Ihr habt es nicht getan. Es ist ja

nicht Eure Sache. Der Herzog von Friedland hat es getan und ist Euch

zuvorgekommen. Oder uns; denn wir waren doch bis Pinneberg mit im Krieg,

und unsere Artillerie hat noch in Jütland geschossen. Jedenfalls, Ihr sollt

für mich als Kommissarius an den Unterhandlungen teilnehmen, bei

standhaltender Gesundheit.« Der Graf, bis in die Ohren errötend, erklärte,

daß er sich feldfähig fühle und sich glücklich schätze, dieser Ehre für

würdig erachtet zu werden.

Der Kurfürst ließ, die Bohrinstrumente auf die Drehbank legend, vom

Kammerdiener die Fenster öffnen. Als sich nach einer Pause die Herren zum

Gehen anschickten auf ein Nicken des Fürsten, endete sehr laut Maximilian,

der Graf werde noch genaue Instruktionen erhalten. »Aber -- der Herr Graf

hat nicht den Frieden zu befördern. Versteh' Er recht. Laß Er sich das von

dem Pater hier erklären. Es hat keine Eile und keine Not, mit Ketzern

Frieden zu schließen. Es ist nur ein Notbehelf. Seh' Er zu, unsere Armee

stark zu machen. Mir -- merke sich der Herr Graf das, mir liegt nichts am

Frieden.«

In Boitzenburg, auf dem Gute seines Freundes Arnim, begegneten sich der

Herzog und der ligistische General, und wurden im Beisein kaiserlicher

Legaten furchtbare Friedenspropositionen für den geschlagenen Dänen

festgesetzt.

Der Wiener Hof im Überschwang seiner Stärke hatte von sich aus verlangt,

daß dem Besiegten die schwersten Bedingungen auferlegt würden. Er sollte in

Zukunft auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten verzichten, sollte

die Ansprüche auf niedersächsische Stifter verleugnen, alle Kriegsschäden

vergüten, Kriegskosten an den Kaiser erstatten, und dann ganz Holstein,

Schleswig, Dithmarschen an das Reich abtreten, den Sund den Feinden des

Kaisers sperren, ihm und seinen Freunden öffnen.

Bei Pinneberg waren sich der ligistische ausgehöhlte Wicht und der gallige

verbogene Böhme unter dem Donner der Belagerungsgeschütze begegnet. Von Wut

zerfressen war der klappernde Tilly weggetragen worden; jetzt saßen sie

sich am Tisch gegenüber, Friedland erwartete die Trümpfe des Kleinen.

Der dänische Generalwachtmeister Schauenburg empfing in Güstrow aus des

Herzogs eigener Hand die Punktation; Friedland betonte, daß er den

kaiserlichen Forderungen seinerseits noch einiges hinzuzufügen für nötig

befunden habe. Es betraf die Entwaffnung der dänischen Armee, die unerhörte

Forderung der Auslieferung der Hälfte der dänischen Kriegsflotte.

Wallenstein trieb es zum Äußersten, er wollte Christian zur Verzweiflung

reizen, die Liga an die Seekante zwingen und ihr Heer massakrieren lassen.

Während der Generalwachtmeister erschreckt abzog, lobte in

hohnverschleierten Briefen nach Wien der Herzog die Proposition über alle

Maßen, bat den triumphierenden Grafen Tilly zu sich, um mit ihm gemeinsam

den Kriegsplan und die Heranziehung der Liga zu erörtern. Er war, wie er

lippenzitternd, ein Lachen verhaltend, erklärte, bereit, mit dem

bayerischen Kurfürsten und seinem General den Oberbefehl zu teilen und ihm

auch die Kräfteverteilung zu überlassen.

Aus Dänemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen

Bestürzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden

Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des

Friedländers waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.

Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Güstrower Schlößchen auf.

In dem verräucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden

Offizieren scholl der Lärm des Friedländers: »Der Krieg hat sich gewendet.

Wir haben gesiegt, aber zum Schluß muß ich mich mit dem giftigen Dänen

verbinden und über den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!«

»Setze Euer Liebden den Wiener Hof her,« schmähte Arnim, die Fäuste ballend

und sich auf die Knie pressend, »soll er die Butter an der Sonne hart

erhalten.«

»Ich schmeiße den Säbel nicht hin zum Gefallen anderer. Aber meine Freude,

Ihr Herren! Täte der Spanier mit und wollte er uns nicht das Reich

verderben, so könnte ich das Meer halten. Indianisches Gold und Silber: in

dreißig Jahren regt sich nicht der Engländer noch Schwede noch Holländer.

Nichts. Basta. Sie werdens bezahlen. Ich kämpfe mit den Dänen gegen den

Römischen Kaiser. Es wird nötig, daß ich Offiziere nach Fünen schicke, um

das dänische Heer zu organisieren. Mein Herr Bassewi hat schon verraten, er

wisse, wohin er das nächste erhobene Geld schicken werde. Nach Kopenhagen.

So ist's.« Seufzte der fette de Witte: »Wofür, mit Verlaub, führt der Herr

denn Krieg? Um die Sache des Römischen Reiches? Wenn der Römische Kaiser

glaubt, seines Rates nicht mehr zu bedürfen und er Euch für überflüssig

hält.«

»Hat Er beinah' recht, Herr Vetter,« blinzelte auf seinem Faulbett der

General, dessen rechter Fuß in einem gepolsterten Eisenkasten steckte, der

von heißen Ziegeln getragen wurde, »Ulmer Zuckerbrot schmeckt besser als

ein Brieflein aus Wien.«

Wieder seufzte der fette de Witte, besah seine ringgeschmückten Finger:

»Wüßt' ich mir nachgrade etwas Besseres an Eurer Statt. Trüge nicht meine

Haut zu Markt. Ich vermeine, so wie die Sachen jetzt zwischen dem Kaiser

und Euch liegen. --« Da brüllte, keifte, röchelte der Herzog, der Schaum

wehte über seinen Kinnbart: »Was wißt Ihr von meinem Verhalten mit dem

Kaiser. Hab' ich Euch was davon aufgebunden. Wollen die Herren nicht die

Nase in meinen Topf stecken. Der Kaiser ist der Kaiser und mein

freundgnädiger Herr. Diene ihm und dem Reich treu. Laß nichts wühlen

zwischen ihm und mir.«

In Lübeck erschienen im Winter für den dänischen König des Reiches Kanzler

Christian Fries und Jakob Ulfeld, der Reichsrat Albert Skaal, der Kanzler

Levin Marschalk, Detlev und Heinrich Rantzau. Aus Wien war herübergefahren

der rechtskundige Rat Walmerode mit den Offizieren, auch der vielgewandte

Aldringen und Balthasar Dietrichstein. Tilly hatte abgeordnet den Rat

Ruepp, gelehrt wie sein Begleiter, der Graf Gronsfeld. Die Schlacht war für

Friedland gewonnen, als der weißbärtige straffe Walmerode die

Wallensteinschen Quartiere durchfuhr und bis in die sumpfigen Dithmarschen

geleitet war.

Die dänischen Kommissare, flanierend mit den lübischen Weinherren, zu Gast

bei der Gesellschaft der schwarzen Häupter in Riga, im Hause der

Schiffergesellschaft, hochangesehen als Vertreter des mächtigen Seestaates,

setzten Gerüchte in die Welt: nächst der zunehmenden Neuformation des

dänischen Heeres, das der wachsenden Interesse und Teilnahme des jungen

Schwedenkönigs Gustav Adolf für das unglückliche Brudervolk. Drohend vor

aller Welt spielte sich dazu im Pfarrhaus zu Ulfsbrück eine Zusammenkunft

der beiden Könige ab, die sich sonst nicht über den Weg trauten. Man erfuhr

nicht, daß der junge ehrsüchtige dicke Schwede vorhatte, den Dänen vor

seinen Wagen zu spannen, daß zum Schluß beim Trinken halbgefrorenen Weins,

der in den Gläsern klirrte, der gedemütigte Däne in die Worte ausbrach:

»Was haben Euer Liebden in Deutschland zu tun?« in Eifersucht giftend, daß

jener unternehmen und ausführen konnte, was ihm mißglückt war. Für die

Unterhändler in Lübeck war es klingende Münze: der Schwede beriet geheim

mit dem Dänen. Das Wort des todeswilden Christian kam herüber: seine

Kommissare mögen die Sachen rasch in Bausch abmachen; kämen sie zu einem

günstigen Frieden: recht; sonst möchten die Herren die Dinge liegen lassen

wie sie liegen.

Der Kaiser mußte aus seinen Träumen gestürzt werden. Walmerode reiste nach

Wien. Schwer drang er zu Audienzen bei Eggenberg und Meggau. Er stellte den

widerwillig Zuhörenden das ganz Unbegreifliche der Friedensbedingungen vor;

das Heer war das kaiserliche; es würde nutzlos aufgerieben. Meggau,

zugänglicher als der Fürst, erklärte offen eines Nachmittags auf einer

Schlittenfahrt: niemand in Wien, der den Herzog kenne, glaube recht an die

Jeremiade von der zerfließenden Armee; man fürchte ein politisches Manöver

des Friedländers gegen die Liga. Und dies -- nun: der Wind hätte sich am

Hof gewandt; bei aller Ehrfurcht vor des Herzogs Genie, in solche wilden

revolutionären Experimente hätte doch niemand Lust sich einzulassen. Ob es

wahr wäre, fragte sehr ernst Meggau, als sie unter Schneegestöber zwischen

den Stämmen des Praters klingelten, daß der Herzog an offener Tafel in

Güstrow erzählt hätte, man müsse nach französischem Muster verfahren; ein

Land, ein König?

»Wie entsetzlich, Euer Liebden, Herr Walmerode. Wir sind in Scham fast in

den Boden gesunken vor dem sächsischen Gesandten, der danach anfragte.

Solche Bemerkung kann uns teurer zu stehen kommen als eine verlorene

Schlacht. Ich fasse es nicht.«

»Wir stehen gut mit allen Ständen des Reiches,« glaubte auch Herr Eggenberg

Walmerode warnen zu müssen. »Wie lange, meint Ihr, soll der dänische Krieg

noch dauern?« »Sagt und meldet seiner herzoglichen Gnaden: so lange, wie

Kaiserliche Majestät ohne Einbuße an Macht und Reputation bestehen bleiben

kann.«

Walmerode reiste ab. Er sah nach Gesprächen mit der Umgebung des Kaisers in

Wolkersdorf: es bestand keine Möglichkeit, ihm mit den Wünschen des Herzogs

zu kommen. Seinem fast unirdischen Machtgefühl hatte er das Zugeständnis

des Stifteredikts abringen lassen; daß er gesiegt hatte über die Rebellen,

in Böhmen, Süddeutschland, Niedersachsen, Dänemark war der Pfeiler seines

Fühlens, seiner kaiserlichen Erhabenheit. Keiner seiner Umgebung hätte

gewagt ihm zu sagen: der Krieg muß Hals über Kopf beendet werden, ein böses

Ende drohe, keiner hätte es geglaubt.

Da, während Hungermeutereien in Holstein und Pommern unter den Söldnern

stattfanden, als die Verhandlungen mit Tilly sich zerschlugen, baute

Wallenstein selbst ab. Etwas Unerwartetes Kaltblütiges Feindseliges

geschah.

Von Jütland her in langen Zügen marschierten die Truppen landeinwärts; in

Pommern ballten sie sich bis auf kleine zurückbleibende Garnisonen

zusammen. Es waren noch tausende über tausende, hinter denen das verlassene

Land rauchte und verwüstet lag. Halbverhungert und von dem untätigen

monatelangen Lungern verwahrlost strömten sie im niedersächsischen Kreis

zusammen, fielen über Kurbrandenburg, standen da, bereit, das Reich zu

überziehen. Der Herzog, des Kaisers Generalobrister Feldhauptmann schien

die Gewalt über sie verloren zu haben. Die kaiserlichen Legaten vernahmen

angstvoll in Lübeck das Gerücht, Friedland ziehe die Truppen zu einem neuen

Offensivstoß zusammen. Sie liefen umeinander, die Kuriere jagten nach

Güstrow.

Der Herzog reise, nach Berlin, Frankfurt, hieß es da; man traf ihn nicht.

Sein Schwager Harrach hatte ein Handschreiben von ihm, das im geheimen Rat

verlesen und besprochen wurde; es sprach von beliebigen privaten Dingen;

dann zum Schluß: er gehe jetzt auf Berlin; der Soldat sei eine Bestie, wenn

er hungere friere und nichts zahlen könne. Er bürde denen die Verantwortung

für das Geschehene und Kommende auf, die auf ihn nicht gehört hätten.

In der Bestürzung fand man sich. Der Friede mußte geschlossen werden. Es

war nicht klar, ob das Heer wirklich zusammenschmolz, oder was der Herzog

vorhatte. Der Kaiser war zu verständigen. Man wandte sich an den

Obersthofmeister, an den der Kaiserin, man verzagte.

Bis der Beichtvater der Kaiserin die hohe Frau informierte und sie den

Kaiser aufklärte. Sie nahm es als ein vermutetes Glück hin, daß man mit

dieser Aufgabe kam; sie hörte, der Entschluß müßte gefaßt werden, trotz

aller Bitterkeit. Sie dachte an die Entzückungen und Zerknirschungen, die

der Stifterhandel mit sich gebracht hatte; der Kaiser mußte wieder opfern.

Aber kaum sie zaghaft die Situation erläutert hatte, lächelte sie Ferdinand

an. Es geschah etwas Unglaubliches. Der Kaiser hatte ein Übermaß von Lasten

über den unglücklichen Dänen gehäuft, es war sicher, daß er sich mit der

Mantuanerin weidete an den Leiden der befallenen Landstriche. Fast

überhörte er alles, was ihm an Demütigendem gesagt wurde. Er hörte nichts;

er hörte nur, es sollte der Friede gemacht werden. Er nickte; unberührt

schenkte er alles weg, wie er zuletzt die Stifter weggegeben hatte, aus der

Fülle seiner kaiserlichen Macht. Er war versteift in seine Majestät. Er

ließ sich nicht noch einmal, wie durch den Zwischenfall der Stifter, aus

seiner Starre bewegen. Jetzt rüttelte man vergeblich an ihm, alles

veränderte sich vor seinem Blick. Die Mantuanerin war leicht enttäuscht.

Sie klagte, um ihm einen Schmerz zu entlocken, sich eine Hemmung zu

bereiten: der dänische Übeltäter solle einen guten Frieden bekommen nach

solchen Untaten und nach solchen Niederlagen? Das sei es ja, fand

Ferdinand, mit dunklen weichen Blicken nach langem Besinnen, man könne ihm

Frieden geben: man hätte es in der Hand. Er stockte wieder, nun völlig

genesen, in einer dunklen genießerischen Trunkenheit. Man solle den Herzog

tun lassen, gab er von sich; er hätte die Schlachten durchgefochten. Von

weitem erinnerte er sich der Stifteraffaire; ein feiner kurzer Schmerz

wirbelte durch ihn; in einer traumhaften Abwehrbewegung sagte er: nein, man

solle den Herzog tun lassen; wenn er könnte, würde er ihm noch größere

Ehren zuteil werden lassen. Und schließlich müsse man auch dankbar sein

gegen den König Christian von Dänemark, an dem man sich so habe erheben

können.

Er war mit leichter Schlaffheit und viel Fett aus dem letzten Anfall seiner

Krankheit herausgekommen, langsam hatten sich die Prunkmähler und Bankette

in Bewegung gesetzt, im üppigen Verschleudern fand er sich wieder, eine

fast dankbarkeitgesättigte innere Freude am Menschen und allen Dingen hatte

er. Er schenkte, schenkte.

Sie sah sich, die ekstatische Kaiserin Eleonore, wieder einem ganz anderen,

aber ebenso wunderbaren, quellenden, blutenden, sprießenden,

blütenrauschenden Wesen gegenüber. Er betete wie ein Kind mit hellen

neugierigen Augen, freundlich, mit jedem vertraut, Priester, Abt,

Chorknabe; zur Kirche ließ er sich sanft wie das Tier zu einer Krippe

führen. Sie staunte, bog errötend den durchstürmten Kopf, hing sich an ihn.

König Christian hatte mit seinen gefräßigen Orlogs Kopenhagen verlassen,

war in die Wismarische Bucht gedrungen, zum Hohn auf die deutschen

Admiralsgelüste. Er erschien auf der Reede von Travemünde, in der Nähe des

Verhandlungsortes Lübeck; seine Unterhändler, Jakob Ulfeld und Levin

Marschalk, segelten zu ihm heraus, geschwollen gingen sie nachher in der

Hörkammer des Niedersten Rathauses einher, die Kaufherren buckelten vor

ihnen, die Kaiserlichen kniffen den Schweif ein, der Wind hatte

umgeschlagen. Der Böhme fragte mit grausamer Ruhe an, welche

Friedensbedingungen er nunmehr stellen solle. Die Küste war bis auf den

Mecklenburger und einen kleinen pommerschen Streifen schon gänzlich

entblößt, ohne Schwertstreich konnte alles dem Dänen wieder zufallen, was

ihm nur die stärkste Heeresmacht wieder entreißen konnte. Niemand wußte, wo

Friedland sich aufhielt und was er vorhatte.

Man gebärdete sich in der Hofburg verzweifelt. Es kamen Tage, wo man in

Scham den Kaiser ohne Nachricht der Vorkommnisse ließ.

Christian aber war gar nicht mehr begierig, Krieg in Deutschland zu führen.

Wenn er an Mitzlaff dachte, hatte er Tränen; er wünschte das Kapitel

»Deutscher Krieg« zu beenden. Er saß mit seinen Trinkgenossen und lieben

Frauen auf den Schiffen, schweifte in den Küsten und Häfen des Heiligen

Römischen Reiches, jeden Tag von neuem die Segel hissend, wie ein

Ausgestoßener, der bereut, einen Winkel zum Schlafen sucht. Der böse

Ehrgeiz des jungen Schwedenkönigs, die schlimmen Absichten Gustavs auf das

Festland, machten ihm das alte Heilige Reich noch lieber. Ungläubig las er

die neuen Friedenspropositionen, die ihm der Herzog von Friedland durch

Schaumburg übersandte. Angewidert vernahm er, daß drei schwedische Gesandte

in Lübeck aufgetaucht waren und versucht hätten, sich in die Verhandlungen

einzudrängen, vielleicht nichts weiter vorhatten, als einen Kriegsvorwand

für ihren Herrn zu suchen. Sein Nachfolger war sichtbar, sichtbar auf der

deutschen Bühne erschienen.

Er wollte Frieden, er wollte Frieden.

Man gab ihm alle seine Provinzen wieder, verlangte keinen Schadenersatz.

Die Bayern rebellierten in Wien, aber nur schwach. Auch sie waren in nicht

geringer Furcht vor Friedland. Christian war von seinen Schiffen

heruntergestiegen. In vieler Berauschtheit und halber Sinnlosigkeit irrte

er in Schleswig herum mit einer kleinen Mannschaft, die den Resten der

Wallensteiner unter seinem Befehl Treffen lieferte, je nach Laune auch die

Bevölkerung überfiel, strafend für ihren angeblichen Abfall, oder mit ihnen

ein glückliches Wiedersehen feierte. Die üppige Christine Munk begleitete

ihn auf einem Maulesel; sie war schwanger. Als er auf dem Gute Kjärstrub

auf Taasinge jubelnd und tränenströmend die Urkunde in Händen hielt, die

Dänemark seine Krone ungeteilt beließ, als er aus dem verwirrten Stammeln:

»Mein Dänemark! Mein Dänemark!« nicht herauskam, Siewert Grubbe ihn zum

erstenmal unter den Tisch trank, konnte sich die dralle schwarze Wibeke

Kruse, ein Fräulein der schwangeren Christine, nicht enthalten; sie bat die

eigene Mutter Christinens, sie möchte sie dem König zuführen; täte sie es

nicht, würde sie die schwangere Frau umbringen. Mit dem unbändigen Grubbe,

der schwangeren Christine und der Wibeke taumelte der König in das neue

Frühjahr hinein.

* * * * *

Alleingelassen der Pfälzer Kurfürst, der schöne Friedrich. Saß wieder im

Haag, im Asyl der Hochmögenden. Der grausame Krieg in Deutschland vorbei.

Die Not in seinem Quartier. Verschuldet war er.

Der Hochmut verließ ihn und die leidenschaftliche Elisabeth nicht. Man

beugte sich zu jeder Stunde vor ihnen als den böhmischen Majestäten. Wenn

sie zusammenfallen wollten, umkreiste sie zornwütig die kleine Bremse

Rusdorf.

Langsam gewöhnte sich Friedrich wie ein geheiligter Stein über Europa zu

ragen: die Welt veränderte sich rasend um ihn; die Säule schrie »Recht,

Recht«; zum Stein war er geworden, konnte nicht mehr kämpfen.

Er wartete, daß ihn einer nahm, auf einen Wagen lud, siegte.

* * * * *

Wie ein Schiff, das den Anker lichten kann nach langer beschwerlicher

Hafenruhe, nahm der Böhme sein Heer zusammen und fing an, es über das Reich

zu werfen.

In diesem Augenblick des Lübecker Friedensschlusses geriet das ganze Reich

in einen Zustand atemloser Erwartung. Der Böhme war von seiner Kette

losgebunden, das Reich lag vor ihm.

Seine Pläne waren gänzlich unbekannt; man wußte nur, daß er vorhatte, das

Reich, wie er sich ausdrückte, auf einen sicheren Boden zu stellen.

Der Rest der Regimenter marschierte aus Schleswig hervor; die Hauptpässe

der Küste und des angelagerten Inlandes wurden mit Garnisonen versehen.

Alsdann zogen an fünfzehntausend Mann unter Arnim nach Polen; sollten dort

schwedische Kräfte binden; der gefährliche Gustav Adolf kämpfte gegen

Polen. Arnim rückte mit seinen vier Regimentern zu Fuß und dreitausend

Pferden bei Neustettin über die polnisch-preußische Grenze, grollend, daß

ihm diese Aufgabe in dem feindlichen Lande gegeben war.

Der Infantin in Brüssel wurden siebzehntausend Mann zur Verfügung gestellt

gegen die Generalstaaten.

In das Magdeburgische wanderten sechstausend ab.

Zwölftausend Mann deckten die Seekante.

Unverändert im Reich die Regimenter.

Aus Niedersachsen her neue Regimenter nach Franken und Schwaben.

Der Herzog selber in Mecklenburg lagernd mit vier Kompagnien, die Merode

unterstellt waren. Sie mußten aus Schwaben unterhalten werden.

In wenigen Wochen wurden acht neue Regimenter errichtet; bei Erfurt

stellten sich drei zu Fuß auf.

Der Winter war vorbei, das Frühjahr da. Konfiskationen begannen an

liegenden und fahrenden Gütern der Rebellen des letzten Krieges durch

kaiserliche Kommissarien, unter Zuteilung des gesamten Erlöses an die

Kriegsarmada. Die Hand der in Güstrow tagenden Finanzkommission wurde

sichtbar.

Tillys Heer wurde bei der vulkanartig erfolgenden Ausdehnung der

kaiserlichen Armada in einen Winkel Ostfrieslands gestoßen. Der ungeheure

Reichtum, der in Friedlands Regimentern zutage trat, lockte ligistische

Offiziere und Söldner in Scharen an, dazu das Konfiskationsdekret, der

stolze Ton im Heer.

Lorenzo de Maestro, der Oberst, verließ Tilly. Dem ligistischen Obersten

Gallas versprach Wallenstein das Patent als Generalwachtmeister; Tilly

wollte ihn in Arrest werfen, aber Gallas ließ sich nicht einschüchtern.

Graf Jakob von Anholt, der vorher in Jever und Oldenburg mit seiner Frau

silberne Becher und goldene Ketten geplündert hatte, brauchte keinen

schweren Entschluß fassen. Unverhüllt erging an Tilly und Pappenheim selbst

die goldene Reizung; vierhunderttausend Taler waren Tilly zugesprochen für

den entscheidenden Vorstoß über die Elbe; er sollte mit dem welfischen

Fürstentum Kalenberg, Pappenheim mit Wolfenbüttel abgelöst werden.

Dann geschah nichts.

Im Sommer nichts, im folgenden Winter nichts.

Wallenstein und das kaiserliche Heer war da. Das Heer wechselte seine

Standorte, schob sich aus unruhigen in ruhige Gegenden, aus abgegrasten in

frische. Fatamorganahaft geschahen Wunder: ein Regiment, zwei Regimenter

wurden aufgelöst, die Reiter tauchten an anderen Orten, bei fremden

Regimentern auf, die auf das doppelte anwuchsen.

Wallenstein reiste nach Prag, Gitschin, vergrößerte sein Herzogtum

Friedland durch den Ankauf der böhmischen Herrschaften Waldschütz,

Sentschitz, halb Turnau, Forst, Chotetsch, Petzka. Durch kaiserliches

Privileg war dem Herzogtum ein besonderes Recht und Tribunal verliehen, das

es staatsrechtlich unabhängig vom Königreich Böhmen machte, befreite von

der schweren ferdinandischen erneuerten Landesordnung im Erbkönigreich;

Wallenstein traf Anstalten, eine eigene Landesordnung abzufassen. Die Pläne

für Gitschin, das seine Hauptstadt werden sollte, wurden ausgearbeitet,

Scharen von Handwerkern herangezogen. Der Ausbau der Klöster, gestifteten

Schulen und Seminare wurde angegriffen.

Nach Polen war der biedere Arnim mit friedländischen Regimentern

marschiert; er sollte den Schweden festbinden. Die Polen aber haßten die

Deutschen; widerwillig war er in die barbarische Landschaft gegangen; nach

rechts und links sich schlagend nahm Hans Georg seinen Abschied; der Herzog

konnte ihn nicht bändigen, der Marschall vergrub sich grollend in

Boitzenburg. Die friedländischen Regimenter rückten in das Reich ein. Die

Armada war um fünfzehntausend Mann gewachsen. Einschnurrten die

ligistischen Truppen.

Den Kreis Schwaben überflutete der Herzog plötzlich so, daß die

ligistischen Regimenter Kronberg und Schönberg abgeführt werden mußten.

Stumm wartend das Reich; hielt an wie ein Stier, dem ein Schlag bevorsteht.

Sichtbar war eine Diktatur über dem Heiligen Römischen Reich errichtet,

deren Gesicht und Ziele unkenntlich waren.

Leise begann ein Schaukeln in den Ländern: die verarmenden Bezirke, Städte

wurden unruhig, die Erregung erforderte stärkere Truppenmassen, der Druck

stieg, die sich herausfordernden Mächte klatschten leise aneinander.

Geschützgießereien, Gewehrfabriken stiegen aus der Erde; mit Schrecken

sahen die Bezirke langsam das Bild ihres Landes sich verändern.

Mehr und mehr wagten sich die Offiziere, Beamten des Heeres in die Städte,

in die Stuben der Bürgermeistereien, auf die Rentämter, fragten mit ihren

Kontributionszetteln nach Einkünften der Bezirke, rechneten, schickten

Kontrolle in die Häuser, waren nicht zu vertreiben. Sie nahmen, ohne zu

fragen, Einblick in die landesfürstlichen Bezüge, in Brandenburg, in

Schwaben. Erst wurden große zusammenhängende Erhebungen in das

friedländische Hauptquartier geschickt, von da nach Prag, Hamburg, an die

Fachmänner weiter geleitet, dann stellte auf Wallensteins Befehl Michna

eine Zahl geschulter, meist böhmischer, Vertrauensmänner auf, die aus ihren

Wohnorten verreisten, in die fremden Verwaltungen eindrangen, nicht

davongingen, von einem festen Standort die Gegend überblickten. Die reichen

fränkischen Bistümer Bamberg Würzburg wurden kontrolliert, das Gebiet der

freien Reichsstadt Nürnberg, Bayreuth, das Fürstentum Ansbach, der

württembergische Herzog, der Mainzer Erzbischof. Da der Breisgau dem

österreichischen Kreis angehörte, auch das Gebiet von Rottweil, so lag die

Hand des Herzogs von Friedland über dem ganzen südlichen Deutschland

außerhalb Bayerns. Das Gebiet des Kurbrandenburgers war von Besatzungen

nicht verlassen worden, Pommern Mecklenburg Braunschweig-Lüneburg Kalenberg

Grubenhagen Wolfenbüttel durchsetzt.

Und während die Truppenmassen abwanderten, ergänzt, verstärkt wurden, neue

zufluteten, bildete sich nach den Leitsätzen des Generalissimus von Woche

zu Woche schärfer die Konstitution des Heeres heraus, Hand in Hand mit

einem System der Schutzmaßregeln für das Volk. Edikte verkündeten an

Landstraßen Märkten Dörfern den Grundsatz gegenseitiger Achtung des

kaiserlichen Heeres und des Volkes deutscher Nation; beiden Parteien war

Sicherheit zugesagt, Lebensberechtigung; man hätte im Hinblick auf die

Wohlfahrt des bedrohten Heiligen Römischen Reiches sich zu stützen. Das Maß

der Leistungen war für die Bevölkerung auf das ausreichende Minimum

beschränkt; Obersten und Intendanten hatten im Einvernehmen mit den

Zivilbehörden die Sätze zu bestimmen. Eine Befragung der Landesbehörden war

nicht vorgeschrieben. Die Zeit der wilden Plünderer und Exzedenten sollte

vorbei sein; Prag spie mit der Unzahl der Erlasse, die das

Kontributionssystem regelten, Feldgerichte Oberstschultheiß

Regimentsschultheiß Weibel Schreiber Profoß über alle Musterplätze

Quartiere. Lorenzo de Maestro als Generalquartiermeister inspizierte die

Plätze; die wildesten Auswüchse wurden beseitigt. Aber weiter vegetierten

die Ausbeutereien: Obersten, die ihren Stab auf drei Orte verteilten,

Kontribution für drei volle Stäbe erhoben, Offiziere, die Wohnung an zwei

Orten nahmen; immer wieder Salvaguarden, Schutzbriefe, die unnötig waren

und den Inhabern gegen hohes Entgelt aufgedrängt wurden für jedes Tor,

jeden Wagen, jede weidende Gänseherde. In zollreichen Gegenden begünstigten

Gemeine und Offiziere den Schmuggel, übten ihn selber, indem sie ganze

Schiffsladungen an Korn als Proviant durchbrachten. Die Stände hatten sich

nicht dazu verstehen können, dem Kaiser und dem Reich Steuern zu zahlen;

mußten jetzt neben sich, über sich Offiziere Generalkommissare der

friedländischen Armada dulden.

Unmerklich schlang sich eine kräftige Pflanze um ihren Stamm. Dies waren

nicht mehr die verachteten verächtlichen Geschöpfe, der Abschaum Flanderns

Böhmens Ungarns. Ein neuartiges herrisches hartes Wesen trugen alle diese

Männer zur Schau, die als Offiziere der Armada durch die Städte und

Landschaften ritten; gaben an Stolz den eingesessenen Patriziern nicht

nach, hatten eine deutliche Nichtachtung gegen die Bürger, ehrten Besitz

nicht. Setzten in Zweikämpfen Gefechten ihr Leben aufs Spiel; bewegten sich

im Lande als Soldaten des Herzogs von Friedland, der als böhmischer

Edelmann begonnen hatte, als reichsunmittelbarer Fürst vor der Römischen

Majestät bedeckt bleiben konnte. Stärker strömten ihnen zu Söhne aus

Patrizierhäusern, adligen Geschlechtern.

Im Lande wucherten Gerüchte über die Pläne des Herzogs; tolle Worte aus dem

Munde von beliebigen Offizieren wurden kolportiert von Zunftstube zu

Zunftstube, in die Ratshäuser, die Antikameren der Fürsten.

Von Zeit zu Zeit ließ der Herzog selbst über die hilflos fragenden Köpfe

Gerüchte aufklingen von nahen Türkenkriegen. Plötzlich grellte durch die

duldenden schlaffen Landschaften das Geschrei von Fortschritten, grausigen

Siegen des Ofener Pascha; ängstlich, aufmerksamer sah man die sich

sättigenden Söldner und Offiziere an, fürchtete für Kinder und Weiber,

vielleicht mästete man die Armada dafür. Dann verhallte alles wieder; die

Maschine zog straffer an.

In das Staunen Murren der Leute kamen andere Töne. Langsam übernahmen die

Fiedler Schnurrer Bänkelsänger die ruhmredigen Lieder der Söldner. Sangen

von der gebissenen halbaufgefressenen Ratte, dem Dänen, von Wallenstein,

den der Kaiser schickte, der im Sieg zum Herzog aufstieg. Die Bürger gingen

wie Mäuse an den Speck. Es gab geheime Dinge zu sprechen, gegen, die

löbliche Ehrbarkeit Richter und Ratsmannen Geschlechter zu konspirieren,

Korporäle Kornetts in den Trinkstuben zu empfangen. Es war eine

dunkelgärende Rebellion, die wie eine Wolke über die Bezirke flog. Was bei

Helmschmieden Pfeilschnitzern Plattnern Schwertfegern Ringlern Nadlern

gepflogen wurde, blieb kein Geheimnis den Haffnern Mehlmessern Wildpretlern

Wollschlägern Lebküchlern den Fellfärbern Mäntlern Joppern, in

Reichsstädten, Bischofssitzen, Grafenresidenzen. Eben war es nur eine

Belebung ihrer zünftlerischen Zusammenkünfte, bald eine unsicher tastende

Bewegung, deren Stichwort noch nicht gesagt war.

Die stummen apathischen Massen der Edlen, die Patrizier, Gelehrten,

katholische, protestantische. Sie bewegten sich. Was vorging, floß in sie

wie ein elektrischer Schlag, der sie erzittern ließ. Der alte

Barbarossatraum von dem freien großen deutschen Reiche lebte hier.

Leidenschaftlich wollten einige wissen: Die Zeit sei erfüllt. Die Fiedler

sangen so lieblich. Die Dinge aber enthüllten sich. Wallenstein zeigte sein

grausiges Gesicht: »Ein einiges deutsches Reich, eine einige Knechtung.«

Söldner breitbeinig durch die Gassen, über die Märkte, Trommeln und Pauken

hinterher. Die Sprache des neuen Herrschers Armut Entrechtung Versklavung.

In Tierställe verwandelten sie das Heilige Reich. Aus ohnmächtiger Pein

stiegen Bittschriften an den Kaiser. Die bezwungenen Landesherren schickten

ihre Vertrauensmänner unkenntlich auf die Dörfer und Flecken, in die

besetzten Städte, die Stimmung zu erforschen, Mut zu machen, aufzureizen.

Da fanden sie wenig Liebe. Auf dem Lande wirtschafteten die Bauern, die

Nachkommen jener stolzen, die vor hundert Jahren zu tausenden eingekesselt

und niedergemetzelt waren von den Vorfahren der Edlen, die sie jetzt

angingen. Sie fanden Grimm und Furcht nach beiden Seiten gegen Kaiserliche

und Fürsten. Mißtrauisch, leidend sahen die Bauern auf die Musketiere und

Reiter, mißtrauisch auf die flötenden bettelnden Abgesandten ihrer

Herrschaften.

Nur ein Volk kicherte beim Anblick der finsteren Leiden Deutschlands: die

Böhmen. Sie sahen die Rache sich vorbereiten, hörten das Knacken in dem

Bogen des Kaisers, die Stücke der zerbrechenden Waffe würden ihm in Brust

und Kopf eindringen. Sie jubelten, der Sieg konnte allein ihnen nicht

entgehen. Wie ein Symbol über der Verderbnis des Herzog von Friedland, die

Pest, in ihrem Lande geboren.

Zdenko von Lobkowitz war tot; seine Stelle als Oberstkanzler von Böhmen

hatte ein leiser Mann eingenommen, Graf Wilhelm von Slavata. Man kannte

seine Feindschaft zum Herzog; er hatte leidend das Amt angenommen, das man

ihm anbot als einem Verwandten und Feind des großen Herzogs. Slavata

stopfte sich gequält die Ohren, als man ihm erzählte von den Karlsbader

unerhört glanzvollen Reisen des Herzogs; »was haben ihm die Juden dazu

gezahlt, wieviel hat er erpreßt, was hat er gewuchert.« Wallenstein zwang

ihn zur Feindseligkeit immer wieder aus seiner menschenfremden Ruhe heraus.

Er war sehr fein, mit Trautmannsdorf tauschte er skeptisch überlegene Worte

aus, aber vermochte nicht wie der bucklige Graf dem schreckensvollen

Experiment Wallenstein mit Neugier zuzuschauen und dem Herzog aus Interesse

zuzustimmen. Die Maske zog er nicht vom Gesicht. Verschwiegen studierte er

den Herzog, in dessen neuem Palast auf dem Hradschin er bisweilen erschien.

Eines Tages empfing der bayrische Geheimrat Richel den Besuch eines

Kapuziners, der sich als Böhme legitimierte und einen schriftlichen

Geheimauftrag vorwies: wonach er die Kurfürstliche Durchlaucht in einer

Angelegenheit von höchster Wichtigkeit um die Entsendung eines Agenten nach

Prag ersuchen sollte. Der achselzuckende Kapuziner wollte weder den

Schreiber des Briefes nennen noch die Angelegenheit umschreiben; seine

Legitimation stammte von dem sehr namhaften Abt des Klosters. Ein

bayrischer Geheimagent, Alexander von Hales, Italiener, selbst Kapuziner,

reiste mit dem Ordensbruder nach Prag ab. Ihm wurde von dem Abt der Eid

abgenommen, daß er die Person, der er vorgestellt werde, nicht nach ihrem

Namen fragen werde, wenn sie sich selbst nicht nenne, daß er ferner nicht

niederschreiben werde, was er erfahre, jedenfalls nicht vor seiner Ankunft

in München.

Dann saß der Italiener in der gewölbten Zelle des Abtes an der Ofenbank

gegenüber einem ehrerbietig begrüßten, rot maskierten Herrn, der Ringe und

Armbänder trug, sich, während er sprach und nachdachte, auf dem

übergeschlagenen Knie aufstützte. Slavata sprach italienisch. Der

Abgesandte möchte nach München von der Natur, dem Vorgehen, den Plänen des

jetzt florierenden Friedländers einige Informationen bringen. Als der Agent

erklärt hatte, er werde erst dann unterbrechen, wenn er glaube, sein

Gedächtnis werde versagen, setzte Slavata hinter der Maske seine Worte hin,

als wenn er mit sich spräche, langsam, sich wiederholend, einschränkend.

Er verglich den Charakter Wallensteins, mit dessen Zeichen er sich viel

beschäftigte, mit dem Attillas, Theoderichs, Berangers, Desiderius, welche

von Haus aus Herzöge waren, durch Verleihung auch Königreiche erwarben und

Kaiserreiche erstrebten. Er ist von einer ungemeinen Arglist und

Verschlagenheit, nur Gott durchdringt seine Gedanken, er verbirgt hinter

seiner Barschheit weitausschauende Pläne. Schon sein böhmisches Einkommen

ist höher als das der Majestät. Er ist von Natur zur absoluten

Alleinherrschaft geneigt; nur den Bayernfürsten haßt er, denn dieser

erscheint ihm als der einzige, der ihn in seinen Plänen hindern kann. Er

beabsichtigt, die katholische Liga zugrunde zu richten, um alsdann als

einziger Bewaffneter im Reich dazustehen. Das Spiel ist ihm schon zu zwei

Dritteln geglückt. Sein Verfahren ist einfach: Bestechung des kaiserlichen

Beichtvaters und der Geheimen Räte, Verlegung der Truppen in die

kaiserlichen Erbländer, um dem Hause Österreich, das im Kriege völlig

verarmt, einen Zügel anzulegen. Er kennt keine Achtung; vor dem spanischen

Botschafter hat er den katholischen König einen Tropf genannt, ebenso den

König von Polen; man darf nicht wiederholen, was er am Papst gefunden hat;

es seien in Rom auch fünfundzwanzig Kardinäle, die man nach seinem Wunsche

auf die Galeeren schmieden sollte.

Nach diesen Mitteilungen saß die rote Maske schweigend, drehte sich um, ob

noch jemand im Raume sei, ging mit einer Verbeugung hinaus, dem Kapuziner

winkend, dazubleiben.

Einen Monat später sprach die hohe Persönlichkeit den Kapuziner im selben

Zimmer zum zweiten Male; der Agent durfte an sie einige Fragen stellen;

zwei Entwürfe zog der Redner aus dem hohen weißen Stiefelschafte: einen

Diskurs über Friedlands Absicht mit dem kaiserlichen Heere, eine

Untersuchung über die Möglichkeiten, dem geplanten Umsturz im Reich

entgegenzutreten. Nach diesen Entwürfen, über die die Persönlichkeit

weichstimmig berichtete, plante der Herzog sich in Niederdeutschland

festzusetzen; er hatte vor, im Reich die aristokratische Verfassung zu

verändern zugunsten einer absoluten Monarchie. Er wollte zeigen, welche

große Kraft Deutschland innewohne, wenn es ein einziges Haupt habe. Der

Umwandlung Deutschlands konnte man nach der Untersuchung nur

entgegenwirken, durch ein mächtiges ligistisches Heer, das unter Führung

eines Gewalt nicht scheuenden Fürsten steht. Wallenstein rechnet mit der

friedlichen Gesinnung des Bayernfürsten und Tillys, offener: er spekuliert

auf ihre Ahnungslosigkeit.

Gefragt, wie der Kaiser sich verhalte, antwortete die Persönlichkeit:

Ferdinand lasse nichts an sich herankommen, und was herankomme, schüttele

er ab, um nicht aus seiner Ruhe geschreckt zu werden; es sei vom Kaiser

nichts zu erwarten, er werde in seiner Unschlüssigkeit verharren.

Als Alexander von Hales Prag verlassen wollte, wurde er vom spanischen

Botschafter am kaiserlichen Hof, der zufällig den Herzog aufgesucht hatte,

angehalten. Der sehr stolze Mann wollte Empfehlungen und Briefe an seine

Bekannten in München mitgeben; zwischendurch gab er eitelkeitsstrotzend von

sich: die Dinge im Heiligen Reich nähmen ein rasendes Tempo an; es freue

ihn, daß man sich der alten Beziehung mit Spanien besinne, Friedland

verstünde die Zeit; er hätte davon gesprochen, wie ihm Graf Slavata

vertraulich unterbreitete, bei einem Widerstand gegen seine Pläne und bei

einem vorkommenden Thronwechsel zuerst an Spanien zu denken; man werde

wieder in die alte gesegnete Verbindung kommen.

* * * * *

Drei Stunden Ritt bei München, in Schleißheim, hauste der Bayer in seiner

Sommerresidenz auf der Schwaig; die kleine Mosach rieselte durch einen Hof,

trieb ein Mühlrad, durch einen andern Hof das geschwätzige Wässerchen der

Wurn. Breite, geblökerfüllte Stallungen, Wiesen an sanften Abhängen,

Ährenfelder, Müller, Viehmeister, Schweizer, Allgäuer.

Sankt Urbanstag; im grauen Regenwetter schlugen im Dorf die Kinder ein

Holzbildchen des Papstes. Im inneren Hof der Schwaig klopfte der Maienregen

auf das Bretterdach einer kleinen Spielhalle; drin drängten sich auf ihren

Sesseln hinter dem frierenden Kurfürsten -- blauer Samtmantel bis auf die

gelben Handschuhe, blauer aufgeschlagener Samthut mit Perlenschnur, altes

gefälteltes schlaffes Gesicht -- der übergroße glotzäugige schwere Fürst zu

Hohenzollern, Obersthofmeister und Geheimer Rat, der gestrenge und

hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel, der greise spitzbärtige

Oberstkämmerer Kurz von Senftenau, Knecht der Jesuiten, Kämmerer

Maximilians, der Marchese Pallavicino, der Signor Cavalchino, der

elastische hohe Graf Maximilian Fugger, Johann Verduckh, sein Guarderobba,

die Geheimsekretäre Rampeckh und Schlegel, Kriegskommissare, Bildhauer. Sie

saßen stumm vor der niedrigen schmalen engen Holzbühne, auf deren

teppichbelegten Brettern sich zwei Menschen, nackt bis zum Gürtel, boxten,

im trüben Nachmittagslicht hin und her sprangen. Leibwache mit Kopfhaube

Hellebarde Schwert breitbeinig in Doppelreihe an beiden Längsseiten der

Halle.

Der eine der Ringer, schwarzhaarig, breit, den Unterkiefer vorstreckend,

ging im Hintergrund der Bühne wild, mit ängstlich verzerrtem Lächeln

einher, zog meckernd hinter dem unbeweglichen braunen nach vorn, spazierte

an der Rampe entlang, nach rückwärts schielend, nach vorwärts schielend,

gegen den Saal sich unter Öffnen der Arme verbeugend. Er wartete vorn im

Winkel, die Arme höhnisch übereinanderschlagend, den braunen unbeweglichen

imitierend. Grinste keck, schlenderte drei Schritt gegen den anderen. Mit

seinem rechten Knie berührte er das vorgebogene Knie des andern, schob,

drückte gegen das Knie. Er stieß, der andere stieß. Sie holten ihr freies

Bein heran. Der Braune schlank, kopfhöher als der Schwarzhaarige, aus einem

Traum geweckt, drängte plötzlich heftig mit dem spitz vorgekeilten Knie,

rot überflammt, daß sie aneinander vorbeirutschten, auseinander taumelten,

der Kleine mit den Händen den Boden berührte. Wie er sich aufrichtete,

umdrehte, funkte ein höllischer Schlag ihm in die Schläfe, daß er, wie

verwundert, sich hinsetzte, den Kopf senkte. Er wollte wieder höhnisch,

vertraulich dem Saal zulächelnd, hochklettern, als der Braune eine Fußsohle

ihm auf die nackte Schulter legte von hinten und ihn leicht wippte. Mit

verändertem Gesicht riß er seinen Rumpf beiseite, stand atemlos blaß auf

den Füßen, stieß einen Arm krümmend hervor: »Mach' nur Herrchen, immer

mach' nur. Ich zahl' wieder.« Der Braune hob reizend wieder den Fuß. »Komm

nur heraus. Ich zahl' jeden Schlag. An dich.« Stammelnd näherte er sich dem

Braunen, sabbernd, mit weiten Augen; der legte ihm, ehe er, wie geplant, in

sein Bein hatte beißen können, zwei schwere Hiebe über die Schultern, daß

der Schwarze umknickte, wie mit Säcken über den Achseln nach rechts

schlich, nach links schlich, sich gegen die Rampe wandte, sich duckte, um

die Beine vom Podium herunterzulassen. Vier Leibwächter liefen klirrend an

mit gefällten Hellebarden; der Kleine brach in lautes Lachen aus, stellte

sich schwankend vorn hin: »Ich fordere dich heraus, Herrchen. Glaubst mich

zu besiegen, mit deinen plumpen Schlägen. Da steh' ich. Schlag. Ich wehr'

mich nicht. Ich krieg' dich schon.« Der Braune mit dicken, knöchernen

Fäusten gegen ihn. »Ich krieg' dich. Du bezahlst mir jeden Hieb, entgehst

mir nicht.« Sie wechselten mit leichten Berührungen Stöße. Über den

Schwarzen war plötzlich ein farbenstreuendes Summen, Dröhnen gefallen; halb

besinnungslos lehnte er an der Seitenwand, murmelte: Ȇberleg' dir, was du

tust. Du richtest dich zugrunde.« Versuchte zu lachen nach einem grausamen

Hieb gegen seine Oberlippe: »Ich weiß nicht, wie du das wirst aushalten

können. Das -- haha -- das ist entsetzlich. Das ist ja tödlich. Bist ja ein

Mordsverbrecher.« Hin und her wankend wälzte er sinnlos seine Arme wie

Schlägel um seinen Kopf, dem ausweichenden Braunen nachschleifend. »Mein

Gott,« greinte er an der Hinterwand, ohne zu wissen, daß er nur mit einem

Auge sah, »ich wußte nicht, mit wem ich mich einließ. Pfui, das bist du. Es

war nötig, dich aufzudecken vor der Welt. Da sitzen die Zeugen, die hohen

Herren. An dir soll keine Gnade geübt werden.« Der schlanke Braune raste:

»Was verleumdest du mich. Willst du schlagen, willst du nicht schlagen,

Hundsfott?« »Du spuckst mich nicht an. Ich warte, bis du dich ganz ruiniert

hast an mir. Wir werden alle sehen, wie weit du gehen kannst.«

Tierartig hing der Lange über ihm, rammelte an dem schwankenden

kopfverbergenden Körper; in den Pausen schluckte und schluchzte der unten:

»Mann. Mann. Ja. Schlag weiter. Zwanzig. Wenn du fertig bist, ist die

Abrechnung fertig. Ich zähl' jeden Schlag. Unterhalten wir uns nicht;

schlag' nur weiter. Möchtest der Rache entgehen.« Der Braune faßte den über

den Boden gekrümmten von oben um die Hüften, hob ihn, schwenkte ihn.

Einmal, zweimal sauste gerissen der Schwarzhaarige kopfabwärts, strampelnd

herum. Am Boden, hingepoltert, spuckte er Blut, rollte, wackelte, blind,

blöde auf: »Hähä. Weiter. Zwanzig.« Der ruderte fünfmal durch die Luft;

knapp an der Rampe krachte er, losgelassen, hin. Als er den Kopf drehte

nach einer Weile, lispelte sein verquollener Mund: »He du. Eitler Hahn.

Gearbeitet. Zwanzig. Ist noch nicht fertig. Wollen sehen, wann er fertig

ist.« Der Braune kreischte wie gebissen, kniete vor dem liegenden Schwarzen

und nun, die Augen zukneifend, alle Gesichtsmuskeln zusammenreißend,

schmetterte er, würgte, wühlte, klopfte, rollte, malmte an dem weichen

Körper vor sich. Der richtete sich einmal, blau, japsend, auf, wollte die

Augen aufreißen, brach einen Strom Blut, legte sich seitlich um. Der

Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden Fäusten beim Hals,

zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, ließ ihn auf das Gesicht zu

klappen. Wütend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller. Unten

lachte man schallend über sein böses Gesicht.

Der schmeerbäuchige Fürst zu Hohenzollern wechselte mit dem aufgestandenen

Kurfürsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian

sprach erregt auf Richel ein. Sie verließen die Halle. Leuchter wurden von

Pagen in das Haus getragen.

Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen

oder Richel anzusehen: »Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und

die ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine

Genugtuung, diese Aufklärung zu erhalten.«

Richel auf dem Schemel: »Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht

hervor, wie lange der Hof schon Geld für den Kaiser aus Kontributionen

bezieht. Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.«

»Das Tüpfelchen auf dem I? Mir genügt es.«

Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so

viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte häufig die Farbe, er

hatte die Knöpfe seiner Lederweste geöffnet, hauchte stark, von Hitze

überströmt. Es dürfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und

allein mit dem Kaiser darüber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren

Debatten. Die Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Fürsten.

Richel wurde entlassen.

Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfürst

seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: »Dem Kaiser alle Treue, dem

Nichtkaiser keine.« Des näheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur,

und besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach

Kaiser. Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also

keinen Kaiser, den man verraten könnte, und an dem Herzog von Friedland

kann man keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder der

Kaiser billigt willensfrei den Friedland oder er wird genötigt von ihm; im

ersten Fall hat er sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in

friedländischer Sklaverei. Man muß den letzten Fall bei seiner christlichen

Frömmigkeit annehmen. Verrat an diesem Verratenen heißt ihm, als dem

Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie die Dinge liegen nach der

Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben Meggaus ist es Pflicht

jedes Deutschen, besonders jedes Fürsten, den Kaiser von seinem

Vergewaltiger zu befreien.

Maximilian fragte leise: »Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit

Unterstützung fremder, ausländischer Mächte geschähe?« Kontzen solle nicht

gleich antworten, er möchte sich gut besinnen.

Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche

habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht

einzig auf die Sache ankäme.

Max ihn aus seinen kalten, traurigen Augen lange betrachtend: »Wenn meinen

Untertanen meine Regierung nicht gefällt und sie zu meiner Beseitigung die

Türken oder Schweden ins Land rufen, tun sie dann Recht?«

»Nur insofern tun sie Unrecht, als sie sich wahrscheinlich mit dem

türkischen Einfall selber ins Fleisch schneiden; im übrigen --«

Der Kurfürst unverwandt den Jesuiten betrachtend: »Ich darf die Türken ins

Land rufen oder ins Reich, wenn ich das Reich damit aufrichte?« »Das ist

nicht fraglich.« Lächelnd schloß Kontzen aufstehend, es seien doch wohl

nicht die Türken.

Wie ein Jäger seinem Hund pfeift, so hatte der sanfte Kardinal Richelieu

seinem Volke das Signal gegeben, es hieß Habsburg. Deutsches und spanisches

Blut lockte, duftete herüber; sich einwälzen, sich überkugeln, die

Uneinigkeit vergessen!

»Wir müssen uns in Metz befestigen,« sang er ihnen vor, »wir müssen nach

Straßburg vordringen, um ein Eingangstor nach Deutschland zu erlangen.

Geduld, Geduld! Ich will Euch nicht aufspießen lassen. Gebt mir noch Zeit,

seid zart; ich werde mit süßer, offener Miene voranschreiten.«

Die Zähne seines Rades griffen in die Vertiefungen von Wallensteins Rad. Zu

den Hanseaten, zum Dänen, Schweden, zu den Generalstaaten waren die

verführenden Reden und Goldstücke gerollt, klirrten lauter in das Reich von

Westen und Süden her ein.

Die Gesandten erhielten die Instruktion vom Kardinal: »Die Kraft Habsburgs

ist der Herzog von Friedland; die Gegenkraft die Kurfürsten. Sie streiten

sich um das Heilige Reich. Wir müssen sie streiten lassen, bis sie uns das

Reich öffnen. Jetzt ist Habsburg stärker; reizt, stärkt die Kurfürsten.«

Wie eine sanfte Eingebung glitten die breiträdrigen Reisewagen mit dem

großäugigen vornehmen Herren Marcheville, dem entschlossenen Soldaten

Charnacé, Säbel über die Knie, über die hüglige Reichsgrenze, über den

Rhein, in das Heilige Reich. Kaum beachtet in dem Lärmen der Durchzüge,

schweigend, höflich wandten sie sich nach Süden und Osten, näherte sich

Marcheville der Stadt Mainz, die Anselm Kasimir beherrschte, dem Gebiet

Philipp Christophs von Trier, Köln unter dem Kurfürsten Ferdinand, in

Dresden trat er vor Johann Georg.

Marquis von Charnacé war unterwegs von Fontainebleau, als Maximilian den

Wunsch äußerte, einen Geheimvertreter des Königs Louis zu sprechen. Man

hatte in Fontainebleau nichts versäumt; Charnacé trug Instruktionen mit

sich.

Der Bayer saß unter einem Baldachin in der Ritterstube der Neuen Feste, saß

vor einer langen ungedeckten Holztafel, an der der hochgelehrte Herr

Bartholomäus Richel neben Kontzen schrieb und in Faszikeln blätterte, als

Charnacé, ein unansehnlicher häßlicher Mensch mit rotem Gesicht und

schielenden Augen von dem hohen Fürsten zu Hohenzollern hereingeführt

wurde. Die Unterhaltung, bei der Charnacé es immer wieder ablehnte, sich

vor der Kurfürstlichen Durchlaucht zu setzen, wurde fast allein zwischen

dem Kurbayern und dem Marquis geführt; später holten die Räte Dokumente zu

Hilfe, ein Sekretär des Franzosen im Vorraum durfte eintreten, das

Akkreditiv des Gesandten diesem zur Vorlage überreichen, ferner eine große

Blankourkunde mit der Unterschrift des katholischen Königs. Charnacé wurde

vom Kurfürsten nach seinem kurzen Arm befragt; er erzählte in bescheidenem

Ton von seinen Gefechten in Polen, dann: er käme auch von Larochelle.

Näheres von dem Fall dieser Stadt, worauf Maximilian drängte, wollte er

nicht hergeben; er erklärte streng, die hugenottische Angelegenheit sei ein

Bruderzwist in Frankreich gewesen, sie sei erledigt. Es würde insbesondere

der neu erstarkten gallischen Nation eine Freude und Genugtuung sein,

Gelegenheit zu erhalten, ihre Macht und Einheit nun nach außen zu zeigen

unter Führung des glorreichen dreizehnten Ludwig. Er sprach die Freude

seines Souveräns aus, daß die Verhandlungen mit Bayern, die auf eine

Beendigung des deutschen blutigen schreckvollen Krieges zielten, nun in

rascheren Fluß kommen sollten.

»Ich habe,« flüsterte Maximilian, der während der Unterhaltung müde an

seinem Hut rückte, »seinerzeit den Herrn von Marcheville gefragt, was

Frankreich in Deutschland für Ziele verfolge. Wollt Ihr mir darauf

antworten.« Charnacé, den Degen fest in der Linken, die Augen auf dem

Teppich; ein Souverän hätte zum Ziel, und dies müsse er festhalten, die

Zustände im Reiche, wie sie durch Reichsgrundgesetze, Goldene Bulle,

Wahlkapitulation festgelegt seien, erhalten zu sehen; er möchte keinen

gefährlichen revolutionären Nachbarn; er erblicke in der weiteren

Ausbreitung der augenblicklichen inneren Gewaltvorgänge in Deutschland eine

Bedrohung der französischen Grenze. Maximilian flüsterte nach einigen

Worten: »Weiter.«

»Wir haben ein Interesse daran, im Reich eine Macht wie die Liga und einen

Fürsten wie die bayrische Durchlaucht zu wissen, die den Stand des Reiches

gewährleistet. Wir sind daher bereit, die Kraft der Liga auf jede

erdenkliche Weise zum Schutz gegen den gewalttätigen ungesetzlichen Umsturz

zu stützen -- soweit man es von uns begehrt. Wenn ich genauer sagen soll,

führen wir durch solch Vorgehen einen Präventivkrieg gegen das Reich.

Unbedingt erkennt der katholische König daher die Kurfürstenwürde der

gegenwärtigen bayrischen Durchlaucht an.« Plötzlich endete der Franzose und

fühlte sich auch durch den forschenden Blick des Fürsten nicht bewogen,

weiter zu sprechen.

Richel rückte seinen Stuhl, überreichte herantretend dem Kurfürsten eine

Note, auf eine Stelle mit dem Zeigefinger weisend. Ohne hinzusehen, nahm

Maximilian das Blatt mit der Linken, mit der Rechten Mund und Kinn

zudeckend, immer den Gesandten fixierend, der ruhig wartete. Dann

Maximilian sehr bestimmt, keinen Ton lauter: »Der Herr kennt die

Verhältnisse im Reich. Der Bericht des Kapuziners Alexander aus Prag soll,

wie mir berichtet wurde, ihm vertraut sein. Ich habe wegen dieser uns

überwältigenden Zustände den katholischen König ins Vertrauen gezogen,

meinem Pariser Gesandten fleißige Korrespondenz mit den königlichen

Funktionären befohlen. Die Liga, deren Oberster ich bin, hat kein

Interesse, bei treuster kaiserlicher Gesinnung, diese Zustände hinzunehmen

oder gar zu befördern. Sie wünscht Abschaffung der drückenden Fronden. Dies

ist dem Herrn bekannt.« Der verneigte sich. »Ich will nur angeben,«

präzisierte Maximilian, »welche Wege gemeinsamer Art denkbar sind. Es

genügt die Erklärung der Liga, in kommenden Angriffskriegen des Kaisers

sich neutral beiseite zu stellen, bei der Bewahrung der Neutralität aber im

schlimmsten, ernstesten Fall der Hilfe Frankreichs gewiß zu sein.« Hierzu

seine Zustimmung zu geben, erklärte der Botschafter wieder gesprächig,

hätte er Vollmacht und ausdrückliche Instruktion. Es läge dem katholischen

König daran, ihre Friedensziele, die so segensreich für die Menschheit und

die katholische Christenheit wären, auf eine möglichst sichere Basis zu

stellen. Man werde glücklich sein in Frankreich, am glücklichsten am Hofe

des Königs, eine katholische Phalanx mit der deutschen Liga geschaffen zu

haben, die der Welt Friedensgedanken aufzwänge und die Rechtgläubigkeit

unangreifbar machte. »Ich will,« wiederholte nach einigem Abwarten

Maximilian, »dann die Neutralität der Liga bei einem weiteren Angriffskrieg

des Kaisers durchsetzen. Die bayrische Absicht ist weiter: Verteidigung

gegen die Umsturzbewegungen im Reich, Verteidigung der Reichskonstitution,

Verteidigung der heiligen Kirche; die französische Absicht darf dem in

keinem Punkt widersprechen.« Als Charnacé das Wort Bündnis hinwarf, hob

Maximilian ablehnend beide Hände. Man möge nicht wie ein Holzfäller bei ihm

eindringen. Die Not im Reich sei groß; dies vor dem kundigen Gesandten zu

verhüllen, hätte er keinen Anlaß. Jedoch sei er deutscher Kurfürst und

werde durch keine Vergewaltigung sich von der geschworenen Treue gegen die

Römische Majestät abbringen lassen. Bei allen Einzelheiten sei

festzuhalten: keine Präjudiz gegen Reich Kaiser und Kurfürstenkolleg. Die

Räte sahen auf; Maximilian war erglüht, hatte die Zähne wie in Scham

zusammengebissen; Charnacé blätterte gleichmütig in seinen Papieren:

Durchlaucht werde freie Hand gegeben, sich der Hilfe des katholischen

Königs nach Belieben zu bedienen; bei der Herzlichkeit der Gefühle Louis

und Richelieus für das aus tausend Wunden blutende Deutschland sei ein

Mißbrauch des Bündnisfalles unmöglich. Friede, Friede die gemeinsame

Parole; geboren aus Erwägungen der Menschlichkeit Christlichkeit und

Selbsterhaltung.

Weich schlich Maximilian in die Wilhelminische Residenz herüber in das enge

Stübchen zu seinem Vater, dem Herzog.

Der Alte, im schwarzen Wollröckchen am Ofen, rieb seinem großen Sohn die

Hand. Sie hockten über die Mittagsstunde zusammen. Den Kaiser Ferdinand

bewarf Maximilian mit Bitterkeit. Dem Kaiser hat ein Satan diesen

Wallenstein geschickt. Und nun floriert das Haus Habsburg und wirft seine

Ketten und Schergen aus; es wiehert brünstig vor Glück, und er, der

Wittelsbacher, muß es hinnehmen. Schande, Schande: er, ein Deutscher, müsse

sich mit dem französischen König verbünden. Er sei gezwungen, mit Zähnen

und Klauen und brüllender Offenheit den Stier, den Teufel anzufallen. Das

Reich, das Heilige Reich, das er liebe, müsse er zerstören, weil es der

Habsburger, der tolle, der Schalk, denn wolle. Nun käme es auf nichts an,

als auf Habsburg und Wittelsbach! Die Masken, die lange festgeklammerten,

endlich, endlich herunter! Zertrampelt das Römische Reich. Es gibt nicht

mehr Kaiser, es gibt nicht mehr Kurfürsten; in den Abgrund alles.

Das graue Männlein ging neben ihm am Ofen hin und her, streichelte dem

schmerzvoll Zerrissenen demütig die Hand, dankte innerlich Gott für seinen

Sohn. Möge das Heilige Römische Reich sich selbst anschuldigen, schäumte

der leichenblasse, die Tischplatte knetende Kurfürst, wenn es breit gewalkt

werde, wenn die Sintflut der Ketzerei anwüchse, wenn die Grenzen

durchbrochen würden. Es muß geschehen. Der Hüter des Reichs, der Vogt der

Heiligen Kirche, der Mehrer des Reichs: Schande, Schande.

Den schieläugigen wartenden Charnacé behandelte er in seiner eigenen

Kammer, das Degengehenk zu Boden werfend, sehr heftig. Ein Ende mit dem

Gerede von dem mächtigen einigen siegreichen Frankreich. Er sei deutscher

Kurfürst, Bayern und die Liga seien stark, er solle nach dem Haag gehen,

sich vom Pfälzer darüber ein Lied singen lassen. Was habe Frankreich im

Elsaß vor, was wühle es in Straßburg; der Bischof von Straßburg sei

Mitglied der Liga; er werde keinen Angriff und Überfall da dulden. Er war

erbittert und höhnisch. Man glaube nicht, sich die Not Deutschlands zunutze

machen zu können und im Trüben zu fischen. Was habe Frankreich in Holland

vor und plane mit den Generalstaaten. Nein, nein, Frankreich und der

katholische König mißverständen ihn, den Bayern, gänzlich; er sei nicht der

alberne Knecht, der in der Nacht die Tür zum Haus offen läßt, damit die

Räuber einfallen können. Man wage es nicht, ihm so zu kommen. Da sei ihm

der böhmische Schelm noch lieber.

Charnacé focht sicher. Er fühlte, der Kurfürst wünschte von ihm über

Schwierigkeiten geleitet zu werden. Dunkle Punkte wurden im Dunkeln

gelassen, helle beleuchtet. Maximilian wurde gegen den Schluß still.

Man kam so weit, über die Zahl der beiderseits aufzustellenden Söldner zu

verhandeln. In dem Vertragsdokument war nach Maximilians Willen nichts zu

vermerken von der Neutralität Bayerns und der Liga; das sollte brieflich

abseits fixiert werden. Schweigend, ohne besondere Huld, wurde Charnacé

abgedankt.

Maximilian fuhr in sechsspänniger Karosse auf den Berg Andechs. Der Heiland

trug die bunte Wunderkrone der Heiligen Mechthilde. Wallfahrten zogen mit

ihm, Prozessionen von Kindern mit farbigen Kreuzen, mit Geißeln, Speeren.

Ungeheure, armdicke Kerzen wurden voraufgetragen; an seidenen, grell

bemalten Fahnen kleine Glöckchen. Umschlungen von Kranken Gebrestigen der

Pfahl mit dem Marienbilde vor der Kirche; sie lagen, von Priestern

umgangen, in Krämpfen davor. Mütter hoben ihre Kinder hoch gegen das Bild,

tasteten die Schmerzstellen der Kinder ab. Dabei sangen sie. Wie Balken

stürzten einige hin, eben den freien Platz erreichend, schnellten

übereinander; Kuttenträger beschworen die bösen Geister.

Selig Maximilian: Habsburg, nicht er hat das Römische Reich zerrissen.

Die Macht der Heiligen Kirche zu vermehren, war ihm, ihm und seinem

Geschlecht zugedacht von den Himmlischen. Es sollte an ihm nicht fehlen.

* * * * *

Von der grauen windgefegten Meeresplatte bis auf Postenstellungen

zurückgezogen, schob sich das Gros der Armee mit wachsender Stärke in das

Zentrum Deutschlands und nach Süden. Es legte einen dichten Schleier über

die kaiserlichen Erblande, stieg die Grenzberge hinauf.

Als die Fühlungnahme der Fürsten und Stände begann, die Proteste gegen die

Anwesenheit und das grenzenlose Wuchern dieses Armeekolosses in allen Gauen

schrillten, glomm im Süden plötzlich ein Funke auf, der sich im Augenblick

zur Lohe entwickelte.

Ein Reichslehen jenseits der Alpen, Mantua, war durch den Tod seines

Inhabers erledigt, die Nachfrage umstritten. Der Großneffe des

Verstorbenen, ein junger Herzog von Nevers, glaubte nicht der Belehnung

durch den Kaiser und Entscheidung des Rechtsstreites zu bedürfen. Da nahm

der römische Kaiser, Ferdinand der Andere, Mantua und das zugehörige

Montferrat in Sequester, und der Oberst eines Infanterieregiments, Graf

Johann von Nassau, wurde als sein Sequestrationskommissar nach Mantua

geschickt. Der junge Herzog leistete dem kaiserlichen Kommissar nicht

Folge, gehetzt von Richelieu, der hinter ihm stand und einen Sprung in die

Lombardei tun wollte. Der Römische Kaiser fragte in diesem Augenblick den

Generalfeldhauptmann, ob er zu einem Zug nach Oberitalien bereit wäre, zur

Exekution gegen Mantua.

Die Armee wurde formiert. Geschwollen fuhr es aus dem Prager Hauptquartier

über das Reich, das Klagen dunstete wie eine Wiese in der Morgendämmerung:

Man habe Krieg, möge jeder still sein, Kaiser und Reich sei beleidigt. Die

alte Armee wuchs wieder; der Herzog brauchte zwei Armeen, eine zum Kampf,

eine zu Kontributionen. Regimenter aus Schwaben marschierten südwärts,

besetzten die Pässe der Graubündener Alpen, hingen wie eine Wetterwolke

über Italien. Über das Meer war man nicht herübergekommen; die Alpen

konnten nicht aufhalten. Und wie der junge Nevers noch schwankte, erschien

der französische König Ludwig selbst mit einem starken Heer, rückte gegen

die Stadt Susa und besetzte sie. Sie überschritten, eine neue Kriegsmacht,

die Brücke der Doria; Richelieu, der schmächtige kinnbärtige Mönch, von

allen Waffengattungen bejubelt, ließ im grellen Märzsonnenschein am

Brückenkopf sein geharnischtes Roß voltigieren, zwei Pistolen trug er am

Sattelbug, das lange Schlachtschwert an der Seite, den wallenden blauen

Federhut. Pinerolo fiel, die Alpenpässe wurden geöffnet, das Heer stürzte

an, zehntausend Mann, gejagt von ihren Marschällen Krequi, Schomberg, La

Force.

Losgelassen die Kaiserlichen hinterher, unter dem Grafen Kollalto. »Der

Herr Bruder ziehe Menschen an sich,« schrieb der Böhme, »das Reich hat

genug, ich vermag nicht zu bewältigen, was zu mir kommt. Je mehr ich

aufnehme an kräftigen Männern, um so sicherer wird der Widerstand im Lande

hinschmelzen; vor dem Knurren und Keifen alter Weiber und Kanaillen fürchte

ich mich nicht.«

Kompagnienweise wurden die Söldner bei den ersten Scharmützeln

verschlungen. Aus Wallensteins Quartier flogen der Kriegskommissar Metzger

und der Rittmeister Neumann her; ein neues Lied hatte angefangen. Sie

drängten gewaltig den schlachtengierigen strategielüsternen Kollalto zu

Attacken; hielten verschlagen mit Artillerie und Harnischen zurück. Sie

reizten durch verräterische Meldungen den Franzosen zu Angriffen; worauf

die deutschen Verluste wuchsen.

Und Ludwig, wie er triumphierte über die albernen vielgerühmten

Wallensteiner. Er machte sich anheischig, sie in fünf Monaten mit Stumpf

und Stiel in Italien auszurotten. Und so gewiß war er seiner Sache, daß der

noch ängstliche junge Herzog von Nevers, der Prätendent, die kaiserliche

Fahne in Casale einzog. Die friedländischen Regimenter, deren Verluste

furchtbar waren, meuterten nicht; die Landschaft blieb üppig, Ortschaft um

Ortschaft wurde ihnen zur schonungslosen Plünderung mit Gütern und Menschen

preisgegeben, zur Reizung und Betäubung.

In Prag wiegte sich Wallenstein; Patente für neue Truppenkörper flogen aus

seiner Kanzlei; er hieß sie, für einige Monate die Zügel im Reich etwas

schlaffer halten, der Kaiser brauche ein Heer, der italienische Krieg

verschlinge Massen, man müsse locken, locken. Mit rasendem Pfeifen,

Heerpauken durchzogen die Werber die Landschaften, fuhren Wagen voll des

besten Geldes, jagten in die Wälder zu den neuen Siedelungen der

Vertriebenen; schlugen eine gute Musik, bunte Schärpen, wilde Hüte, Macht

über Männer und Weiber. Möchte lieber wer von den Verkommenden arm und

Knecht sein. Der Krieg in der italienischen Ebene war ein Schlund, er

schluckte und spie in die Gräber.

Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurück: »Jammere er nicht,

Bassewi. Er hat keinen Grund, über diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher

einen Finger aufheben würde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage

weggerafft würde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er?« Der

weißhaarige Jude schüttelte mit weiten starren Augen den Kopf: »Ich werde

nicht zweifeln, daß dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben

wird. Ich werde nicht daran zweifeln. Ich würde glauben, wenn der Herzog

von Friedland ein Jude wäre, würde die arme Judenschaft morgen nach

Palästina wandern können und das Reich Salomos neu begründen.« Wallenstein

lachte kräftig: »Hinbringen könnte ich Euch schon; aber der Großherr in

Konstantinopel würde Euch verspeisen. Es wäre kein so schlechter Gedanke

eines Christen, Euch hinzubringen.« Der Jude runzelte die Stirn: »Bewahre

mich Gott. Ich bin zufrieden, daß Ihr uns wohlgesinnt seid.«

Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhäusern und Fischteichen spazierte

Friedland mit seiner schönen Frau, im Vergnügen über das milde

Winterwetter.

Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein führte neben der

Herzogin ein Bologneserhündchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies,

seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: »Hätt' ich geglaubt, daß die

Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich

gestopft. Schaff' mir Leute heran, Max; die Deutschen gehören nach Italien.

Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands

sein. Der! Richelieu, der überfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben.

Sein Pater Joseph, der Kapuziner, er und der Tölpel Ludwig haben uns schon.

Eine Freude! Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut

sich die Menschen eignen zu unserer Bedienung. Und wir -- wir haben jeden

Tag ein Stückchen Sorge weniger.« Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem

tanzenden Hündchen; sogar Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz

herunter. Wallenstein prahlte, mit seiner knöchernen Linken heftig

gestikulierend: »Wir werden stärker; aber er kriegt den Kaiser nicht

herunter. Er kann es anstellen, der besessene Seidenspinner, wie er will,

er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max -- die haben mir gefehlt.« Er

zotete vor der erblassenden Herzogin von der vortrefflichen

Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen hätte. Sprudelnd zog er die Arme

der zu Boden blickenden Frau an sich.

In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flügel seines Palastes,

mußte bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem

sanftmütigen schmeichelnden Schüler, dem Johann Baptist Zenno, die

Aussichten des Feldzugs berechnen. Pläne auf Pläne legte er ihm vor, sie

hatten die glückbringenden Tage anzugeben. Die unermeßliche Nacht blickte

zu ihnen herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der

Bronzetafel, in die sein eigenes Horoskop eingegraben war: »Tiefsinnige,

melancholische Gedanken macht Saturn, die menschlichen Gebote werden

verachtet. Jupiter folgt. Der Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.«

Friedland stellte sich unter Knurren und Lachstößen neben Argolis Fernrohr:

»Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du weißt, was ich gestiftet habe. Man

wird mich nicht für teuflisch halten, weil du mir die Geheimnisse Gottes

deuten sollst.«

Die unaufhaltsam über die Lombardei niederströmende Menge breitete sich

aus. Von der Schweizer Grenze blühend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum

Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die große Republik Venedig von

Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubäumen, bäumte

sich auf. Im Süden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum

Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.

Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brüllte er über

das Vordringen der Männer aus dem fluchwürdigen Lande, das die Ketzerei

geboren und großgezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo

Borgia fuhr stolzgebläht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht

zuließ; aber feierlich holte der Kardinalstaatssekretär Franzesko

Barberini, der Nepot, die bayrische Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab

zum Papst.

Der Papst schnob gegen ihn: das Haus Österreich ist der Kirche abtrünnig

geworden, daß es keinen Fürsten mehr achte; maßlos übermütig, mischt es

sich in die Verhältnisse Italiens ein, mit gräßlichen Massen des Abschaums

aller Nationen bewirft es den blühenden Boden der Lombardei; die Züchtigung

Gottes wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich

der Gerechte ab.

Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der

Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die

Pflicht, die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher würden es so

lange treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentüren

angeschlagen werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.

Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der

achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubärtiger

bäurischer Mann in weißseidener Soutane, einen roten breitkrämpigen Filzhut

auf dem glühenden Kopf, übergoß ihn mit ätzenden Worten: »Die höchste

Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht

mein Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf

ich es an Gottes Geschöpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht

kaiserliche Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch

Gottes Geschöpfe. Und wir wissen doch, daß wir im letzten Augenblick gleich

sind vor dem himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie

werden beide nicht leicht zu schleppen haben. Fürchten sich die Herren

dieser Welt, daß sie sich nicht gar zu viel aufbürden! Der Triumph des

Rechtes wird nicht ausbleiben.«

An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schüttelnd vor Abscheu, den

Gesandten keines Blickes mehr würdigend: »Es gibt Menschen, die ihre

Machtgelüste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren.

Sie wagen es mit dem Schein der Frömmigkeit sich zu schmücken. Es ist

schwer zu verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von

Mördern unterscheiden und von Dieben, von Räubern. Die lombardische Erde

wird davon zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein

grausiges Geschick, daß dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlägt.«

Wie er sich wand, seine Flüche auswürgte, die Befestigungen an seiner

nördlichen Grenze beschleunigte, Söldner anwarb, klangen die herrischen

Wünsche aus dem Reich herüber: der Kaiser Ferdinand der Andere, der

geliebte Sohn der Kirche, begehre sich krönen zu lassen vom Heiligen Vater;

Urban möge ihm entgegenziehen bis Bologna oder Ferrara. Auch sollten die

Lehensrechte des Kaisers über Montefeltro und Urbino untersucht werden. Das

Schrecklichste an Drohung, was man im Vatikan vorausgesehen hatte, kam aus

dem Hauptquartier des übermächtigen Böhmen: man möge sich nicht sperren in

Italien; Rom sei vor hundert Jahren schon einmal geplündert worden,

inzwischen wäre es noch viel reicher geworden.

Und während alles an der Nord- und Ostgrenze des Reiches ruhig blieb, die

Armada bändigend mit eisernen Netzen über Deutschland lag, Italien

aufschäumte, wurde im Triumph in die Wiener Hofburg der uralte

Karmeliterpater Dominikus a Santa Klara eingeholt, der in der

Entscheidungsschlacht am Weißen Berge den Siegeswillen der Ligisten

hochgehalten hatte. Er wollte daran erinnern, daß alle Macht und Übermacht

des Kaisers nur errungen sei durch die Kirche, die Fürsprache ihrer Gebete.

Der Kaiser sollte ehrerbietig sein und ablassen von dem Mordversuch auf die

heilige Mutter. Nach wenigen Tagen erkrankte der schwache Mönch, von der

langen Reise angegriffen, starb unter Ferdinands Augen. Abends fand das

Leichenbegängnis von der Hofburg nach dem Karmeliterkloster statt unter den

Klängen aller Glocken; Ferdinand und seine Familie warteten in der

Karmeliterkapelle.

An diesem Abend suchte durch den langen unterirdischen Gang der Kaiser seit

langem wieder den Fürsten Eggenberg in seinem Hause auf. Er erklärte, es

sei bei der überwältigenden Wendung der Dinge, bei dieser sichtbaren

Erhebung des Hauses Habsburg durch Gott und die allerseligste Jungfrau

notwendig, an die Sicherung des Erreichten zu denken. Er sei ein Mensch,

hinfällig. Er wolle seinen Sohn neben sich sehen. Eggenberg möge die

Nachfolgerfrage, die Wahl zum römischen König, in Angriff nehmen.

* * * * *

Es gab in den europäischen Ländern unzählige Orden von Männern und Frauen,

die das Wunder des Jesus von Nazareth vereinte. Die erneuerten alten Orden

der Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner, die Kapuziner, Theatiner, die

Kampforganisation der Jesukompagnie. Die Feuillantinen, Frauen, die

maßlosen Bußübungen oblagen, so daß sie zu Massen hinstarben und der Papst

einschreiten mußte, Nonnen und Mönche, die Tag- und Nachtwache sich

auferlegten, Stillschweigen, unaufhörliches Anbeten des Mysteriums der

Eucharistie. Die Nonnen von der Schädelstätte, die die Regel des Benediktus

beobachteten: durch unausgesetztes Beten am Fuße des Kreuzes Buße zu tun

für die Beleidigungen, die dem Heiland angetan waren, sie auszulöschen,

wenn sie je auszulöschen waren. Der Orden von der Heimsuchung des Franz von

Sales und Chantal, der vor Entzückungen warnte; man müsse durch Arbeit

beten. Die Ursulinerinnen, die Männerkongregation von Sankt Maur. Über

allen schwebte ein Hall des Schreis, der am Tiber von den fürstlichen

Anhängern des Barberini und dem römischen Pöbel ausgestoßen wurde beim

Gerücht, daß der deutsche Kaiser sich nach Rom durchkämpfen wolle, um sich

vom Papst salben zu lassen, und daß ein neuer Ferdinand römischer König

werden sollte: »Ghibellinen! Ghibellinen!« An den Moles Hadriani, den

neronischen Wiesen, an der neuen Mauer Urbans am Kapitol, Lateran, an den

Thermen des Diokletian und des Karakalla, von der Skala santa, am Palazzo

Caffarelli, Massini, Farnese. Wühlen in allen Gliedern der Kirche: man

wolle dem Papst zu Leibe, es ginge wider den Vatikan. Wutausbrüche des

gestachelten Urban, umgedeutet in ängstliche Klagen um den Bestand der

Kirche.

Ein Fanal war der vom Papst genehmigte Raub der Asche der großen Gräfin

Mathilde aus Mantua, die eine Freundin Gregors im Kampf gegen den

sächsischen Kaiser Heinrich war: man werde sich wehren, sich nicht

totquetschen lassen.

Und aus tausend Rinnsalen quoll nach Deutschland der Haß. Wallenstein

schickte Truppen durch Graubünden, schwere Belagerungsartillerie ließ er

mit Mauleseln herüberschleppen. Eines Tages riefen in Rom Mönche und Laien

aus, was in Prag und Wien allen bekannt war. Daß der Herzog von Friedland

sich selbst an die Spitze der italienischen Armee zur Aufrechterhaltung der

Kaiserlichen Hoheit in Italien stellen werde. Sie kreischten frenetisch in

Rom: »Die Barbaren kommen! Die Goten!« Man stellte sich dem tollwütigen

verfinsterten Papst für Schanzwerk Geschützguß Kugelguß zur Verfügung. Er

reiste mit dem Kardinalstaatssekretär und dem venetianischen Botschafter an

die nördliche Grenze seines Gebiets. Hundert römische Edle, gewappnet in

leichten Eisenpanzern, die Pferde unter klirrenden Plättchenpanzern, ritten

seiner Karosse vorauf; eine starke Rotte schweizer Gardisten, blaue Wämser,

Piken, Birnenhelm mit aufgebogener Krempe aus blauem Eisen, prächtige

Offiziere in rotem Samt umringten ihn. Außerhalb Roms sprengte der Papst,

auf seinem schwarzen riesigen Gaul ragend unter einer goldgestachelten

Stahlkappe, in einem schwarzen Panzerhemd mit Samtkragen und

Ringpanzerbeinkleid, Bronzeplatten vor dem gewölbten Leib, vor den Knien

Platten mit Stacheln, seine Stimme tobte, er drängte vorwärts. Französische

Offiziere trafen aus Grenoble ein.

* * * * *

Sie krochen aus Erdhöhlen herauf, lehmbraune Männer, verkniffene ängstliche

Mienen, schmierige Bauernkittel, suchten mit den blinzelnden Augen die

flach unter ihnen abfallende Ebene ab, die grünen windgeschüttelten

Gebüsche, winkten, pfiffen rückwärts. Kinder arbeiteten sich hoch,

lichtscheu, verschüchtert, Weiber, langzopfig, mit sandigen Hauben,

schüttelnd die braunen Röcke in der grauweißen Morgenluft. Der hohe

Waldrand belebte sich, das Dickicht zwischen Kiefern und Buchen wurde

durchbrochen; leise Pfiffe. Kleine weiße Zelte in Doppelreihen hinten in

der Ebene, dünne, hohe Lanzen die Dorfhäuschen überragend; das Steinkreuz

am Fuße der Berglehne umgestürzt; Pferdewiehern, einzelne Schüsse; Qualm in

trüber Schicht unbeweglich über einigen Schindeldächern, weit am andern

Ende des Dorfes Wägelchen die Allee aufwärts gezogen. Links am Horizont der

Kirchturm von Zittau. Oben schleppten die Männer Spaten und Beilpiken aus

dem Wald, wühlten einen angebrochenen Graben auf, tiefer, breiter, zogen

ihn, immer still sich bückend, halblaut sich anrufend im Zickzack über den

Hang durch lange Stunden. Vieh blökte im Wald; Weiber Kinder waschend

kochend am Feuer, dessen Rauch durch breite hochüberspannte Rinderfelle

verteilt zwischen den Baumwipfeln in losen Zügen sich verlor. Kleine

Männertrupps, in der Mittagsstunde, verstreut, sich abwärts lassend, das

Dorf umschleichend, umfaßten von zwei Seiten einzelfahrende Wagen, schlugen

die Söldner nieder, schleiften die Säcke in die nahen Verstecke, stahlen

sich abends wieder hoch.

Bäume gefällt, Pallisaden gezogen. Höhlenquartiere, Waldquartiere in der

Lausitz. Gemeinden von rachsüchtigen Kompagnien angegriffen, zerschlagen,

auf der Flucht bei andern unterkriechend. Aus der Lausitz, in Böhmen

sammelten sich wandernde zigeunerartige Scharen, stiegen suchend die

Felsgewände der Elbe entlang, zwischen den Rebenpflanzungen, den blühenden

Feldern mit Hopfen, Raps, Rüben. Machten offene Städte unsicher, plünderten

die Obstwälder bei Leitmeritz; auf den weidenbepflanzten Auen bei Melnek

lagen Leichen von Verhungerten; viele Weiber, Kinder blieben in Dörfern

zurück. Durch das finstere Moldautal drängten die Massen, ziellos, in einem

leidenden Trieb. Dreitausend umschwärmten die Tore Prags. Man wußte nicht,

was sie dort wollten. Die Bürgermeister der Alt- und Neustadt schickten

Brot in Körben heraus, Wegweiser durch Böhmen. Das Gedränge gab sich nicht;

sie wollten herein nach Prag; sie redeten sich ein, der Kaiser wäre da. Als

der Verkehr an den Toren erheblich gestört wurde, eine Anzahl Boote auch an

der Hatzinsel anlegten, bis vor die große Brücke vordrangen, befahl der

Oberst der Garnison, sie zu verjagen. Die Flüchtlinge hatten sich durch

ihre Weiber und Kinder verstärkt, wurden durch Peitschenhiebe Hellebarden

Salven scharfer Schüsse auseinandergesprengt. Die großen Massen, bestürzt,

ohne Fassung, ratlos verloren sich; nach zwei Tagen fand man im Umkreis

Prags keine Rotte mehr. Im Judenviertel der Stadt jubelten manche bei den

Schüssen, man stand in starker Hut; die meisten aber schlossen sich in

ihren Häusern ein, viele bedeckten weinend die Gesichter.

Eine Welle verlief sich, andere kamen. Sie drängten zum Kaiser um Rettung.

Rotten tasteten sich hungernd im Land herum vom Harz her bis nach Schwaben;

während manche sich stumpf forttrieben, verfielen andere einem

Götzendienst, flüchteten verwildert zu Wald- und Flurgeistern, Kobolden,

Marzabilla, Waldschützen, Moosweibchen, schlichen gedrückt um

Kreuzessäulchen. Wo das Gesindel in die Städte hereinverschlagen wurde,

wurde es wieder herausgepeitscht. Gerüchte von Kreuzschändung, Ausübung

todbringender Malefizien schleppten sie mit sich; man hing es ihnen an,

aber vor manchen Städten wurden viele belauert, umstellt, nach kurzem

Verhör aufgeknüpft, auch gerädert.

Wie anklagende Chöre erschienen Menschenscharen immer häufiger vor den

Toren der größeren Städte; hinter ihnen her ritten Abgesandte ihrer

Bischöfe Herren Fürsten, drohend, sie sollten an ihr Werk gehen, auf die

Äcker, an die Mühlen, in die Bergwerke, warnend vor der Abwanderung. Sie

wollten immer zum Kaiser, wußten nicht wozu. Der Kaiser war mächtig, seine

Armada mächtig, er solle Frieden machen. Unterwegs sagten sie sich vor, was

sie bedrückte: Kriegslasten auf ihren Schultern, Getreideabgaben, Abgaben

für Fallholz, Schweinehafer, Kapaun, Kleinvieh, der dritte Pfennig vom

Gemeindeholz, der kleine Zehnt, Salzsteuer, Brennöfen, Mühlen, Wegzoll,

Jagdgeld, Marktgeld, Siegelgeld, Heiratsabgaben. Lachten, der Kaiser ist

mächtig, er wird noch mehr können als dies. Im Brandenburgischen erschienen

sie mit Fahnen, bald tausend stark, demütig in Ehrbarkeit, Schöffen,

Ratsmannen und Richter um Speisen bittend, man möchte ihnen nichts antun,

sie wollten zum Römischen Kaiser mit Bittschriften. Man gab ihnen, schob

sie ängstlich ab. Viele verdarben am Wege. Als sie sich der bayrischen

Grenze näherten, ließ sie der Kurfürst durch seinen Kriegskommissar fragen,

ob sie dem Bauernaufgebot, den Landfahnen, eingereiht werden wollten.

Antworteten, sie kämen gerade des Krieges wegen, dessen Beseitigung ihnen

am Herzen liege, sie hätten so viel Kontributionen zahlen müssen an Freund

und Feinde, dazu den großen Zehnt, den kleinen Zehnt, den Schweinehafer,

Salzsteuer, Brennöfen, Wegzoll, Kleinvieh, Kapaun. Darauf wurden sie von

einer kleinen Söldnerrotte und fünfzig Pferden mühelos versprengt,

gefangen, in die Büsche gejagt. In Klöstern fanden manche Zuflucht. Da

erfuhren sie, daß der Kaiser alles bewältigen und niederschmettern wolle,

Kaiser und Friedland sei ein und dasselbe, auch den Papst wollten sie

beseitigen, man müsse beten zur himmlischen Jungfrau, daß der Papst die

Oberhand behalte und dazu die ergebenen Fürsten des Reiches.

* * * * *

Die Kaiserin war mit dem rebellischen Herzog von Nevers verwandt. Sie war

an Ferdinand, als die Stifter der Kirche zurückgegeben werden sollten,

herangegangen wie Flamme an Holz, hatte um ihn unbändig gewallt. Jetzt

erschrak sie. Ein geheimer Stich; von Tag zu Tag stach es tiefer. Sie mußte

sich zurückziehen. Was hatte sie getan, wie hatte sie gelebt. In welche

Verderbnis trieb sie der Mann neben ihr, in brütender Besessenheit rührte

er an Italien. Sie war ihm nichts. Von Mantua fühlte er nichts. Sie keuchte

aus dem Schlaf auf, ekelte sich vor schwarzen Männern, die in großen

Mänteln nach ihr liefen, hinter ihrem Bett mit Messern und Federhüten

vortauchten. Die ekstatische Frau war plötzlich aus ihren Fiebern gerissen.

Erkühlt unter dem unfaßbaren Schrecken, die Horden Friedlands, des

Schlächters, könnten über ihre süße Heimat kommen. Sie besann sich mit

hereinbrechendem Wohlgefühl auf ihre sonnenklare Jugend; es war ein Blick

durch den Spalt eines finsteren Zimmers.

Widerstrebend strich sie um Ferdinand, näherte sich ihm. Sie zwang sich ab,

zu betteln für ihren Vetter Nevers und ihre Stadt. Lauschend kniete sie vor

Ferdinand, dem dunklen Mann, horchte gepeinigt in ihn hinein. Es war keine

Frage um Mantua, sondern um ihn.

Ferdinand in sakraler Ruhe verstand nichts. In eherner Überlegenheit hing

er über den Parteiungen in seiner Umgebung, sah grau auf das Gezänk

herunter, mißtrauisch, gefühllos. Er schenkte, schenkte. Was für Jesuiten

geschah, betäubte die Patres selbst. Cäsarisch duldete er nicht, daß man

ihm danke. Er sagte aus seiner Starre heraus der Mantuanerin, der junge

Herzog werde zu seinem Recht kommen, nach erfolgtem Spruch und nicht früher

werde die Belehnung erfolgen. Sie flehte, seine braune schlaffe Hand

küssend: »Du hast den Patres so viel gegeben, deine Räte sind reicher als

ich.« »Haben meine Räte und die Väter von mir Geschenke erhalten? Ich weiß

nichts davon. Sie mögen sich nichts anmaßen.« Sie betrachtete ihn, das

goldene Vlies über der Brust, von unten herauf, der graue zitternde Bart,

hörte das rauhe Murmeln. Das war der unverständliche Barbar, der sie durch

den galanten Eggenberg aus der Lombardei geholt hatte. Durch ihren Kopf

irrte, sie wußte nicht wie, plötzlich und hartnäckig die Erinnerung an ein

fremdes Gespräch rechts von ihrem Fenster: »Hast du mich gern, tanze morgen

Nacht mit mir.« Es waren lustige Kavaliere mit ihren Damen gewesen, die so

zueinander sprachen; warum ihr das zarte Geflüster einfiel. Aufgewühlt

verließ sie den schnalzenden Kaiser, der ihr wie eine Pagode nachblickte.

* * * * *

Vor einem lärmendem Vogelhaus, nahe der Brunnenstube ihres Schlosses

Schönbrunn, saß Eleonore in einer Rosenlaube; in Mantel und schwarzen

Schleiern gingen zwei italienische Damen draußen auf und ab, Paula Maria a

Jesu und Maria Theresia von Onufrio. Sie sagte zum alten Eggenberg: sie

habe Zutrauen zu ihm, sie bitte ihn bei der Liebe Gottes, den edlen Frieden

zu befördern, soweit er vermöchte. Er fragte sie, vor ihr stehend, bei

aller Ehrfurcht mitleidig ihr zuhörend, was sie befehle. Warum man ihn so

selten sehe, beim Quintanrennen nicht, bei keinem Reiterkarussell, bei

keiner Hetzjagd; er scheine eine Abneigung zu haben gegen sie oder den

Kaiser. -- Ach, er sei krank. -- Nicht so sprechen, ob sie noch Zutrauen zu

ihm haben könne: sie bange um ihre Heimatstadt; der Krieg sei ungerecht vom

Zaun gebrochen, der junge Nevers sei von Frankreich verführt worden: mein

Heiland, und es könne doch nicht so gehen, daß man Italien verwüste, wie

man Niedersachsen oder Böhmen verwüstet habe; man könne doch nicht mit

aller Welt Krieg führen, mit dem Heiligen Vater; warum denn, warum denn

nur.

Da stand im Schatten am Pfosten der Laube Hans Ulrich Eggenberg; auf den

Stock stützte er die linke Hand mit dem blausamtenen Hut; auf dem hohen

steifen Mühlsteinkragen bewegte sich sein weißbärtiger Kopf wie auf einem

platten Teller; das spanische goldene Vlies über der Brust blitzte unter

dem Spiel des Sonnenlichts; er lächelte für sich still, seinen Stock

entlang blickend; er hätte sich niemals unterfangen, gefährliche

kriegerische Praktiken anzuspinnen; die Dinge hätten den schweren Lauf

selbst genommen; wie schwer sei es, ihnen zu gebieten.

Sie saß gerade auf ihrem Stuhl, die Augen zwinkernd; die schwarzen Haare

gescheitelt, zu einem Knoten in den Nacken herabfallend, aus dem senkrecht

nach oben eine mächtige vornübersinkende Reiherfeder stieg. Sie ballte die

Hände in den weißen Reithandschuhen über den zusammengedrückten Knien; ihr

gelbes Kleid lag in vielen Falten lose weit um sie: er hätte sie geholt aus

Mantua, ihm sei sie in Vertretung des Kaisers angetraut; an ihn hänge sie

sich. Habe man Glauben, um an der Gerechtigkeit und dem Glück zu zweifeln;

es müsse verhindert werden, daß aus ihrer Geburtsstadt eine Trümmerstätte

werde; sie könne es nicht zugeben, und wenn sie --. Dabei bückte sie sich,

hob eine Hand vor das Gesicht, richtete sich rasch hoch, sah starr seitlich

in einen Winkel. Als wenn sie ein Kind wäre, studierte Hans Ulrich ihr

Gesicht, die trotzig aufsteigende Feder über den hilflosen zerrissenen

zitternden Mienen; rasch, geschäftsmäßig erklärte er: es sei nicht Schuld

des Kaisers, wenn es zu diesem Krieg gekommen wäre, lose Stücke hätte noch

kein Habsburger unternommen. Schlimm sei es, daß der junge Nevers sich habe

von Frankreich zu respektloser Haltung erregen lassen; vielleicht sei es

möglich, ihn von Frankreich zu trennen. -- Sie wolle, äußerte sie, nicht

von Schuld und Unschuld reden; man möchte ihr nicht ihre Geburtsstätte

nehmen; sie habe, brach sie aus, so viel opfern müssen, als sie Italien

verließ, man möge doch an sie denken. Stand auf, reichte ihm, der seinen

Hut fallen ließ, die eisige Hand, blieb vor ihm stehen. Er lächelte

herzlich, erwiderte ihren Händedruck; es sei schwer, rasche bindende

Versprechungen zu geben, es sei allen im Lande schmerzlich, den Heiligen

Vater gegen sich zu sehen; er nehme Gott zum Zeugen, daß er den edlen

Frieden nach Kräften fördern werde; Frieden müsse werden, schrecklich wüte

die Christenheit gegeneinander, vielleicht arbeite man für niemand anders

als den Großtürken in Stambul. Sie freute sich, heftiger seine Hand

umklammernd. »Mir ist ja nicht mehr gegeben,« flüsterte sie, schon den Rock

raffend, »als Euch meine Wünsche zu sagen.«

* * * * *

Die durch den kaiserlichen Wunsch auf Wahl seines Sohnes zum römischen

König entstandene Sachlage wurde im hohen Rat erörtert.

Da saßen die, die verzaubert waren vom Herzog zu Friedland, und lachten.

Man solle den Herzog lassen, sagten sie, und den Papst und Frankreich; es

sei das beste, was der Geheime Rat jetzt tun könne; das Spiel sei

vorzüglich im Gange; sie hätten den Vorteil, gänzlich außerhalb der Partie

zu stehen, einzugreifen, wenn es ihnen gutdünke. Welche Entwicklung aber

die deutschen Dinge durch ihn nehmen würden, das sei geradezu phantastisch

abzusehen, ja phantastisch. Sie spiegelten sich in diesen Gedanken.

Friedlich saß der verwachsene Graf, gelbweiß von Gesichtsfarbe, mit den

Fingern spielend im Lehnstuhl, lächelte überlegen, gähnte viel. Die Wahl

zum römischen König würde ihnen wie eine Frucht zufallen.

Der lange Strahlendorf brauchte mit Hinweis auf Trautmannsdorf die Wendung

vom friedländischen Anhang am Hofe; schreiend, der Wagen sei verfahren, er

hätte genug dagegen rebelliert; wälze die Verantwortung dafür ab. »Wofür?

Wofür?« spöttelte der Bucklige, »für den Sieg Habsburgs?« Brüsk warf sich

der steife glattrasierte Mann im Stuhl zurück.

Im violetten Seidenmantel, das schwermütige olivfarbige Gesicht mit den

starken Brauen auf die beringte weiße Hand gestützt, blickte Slavata gegen

den Ofenwinkel, der mit einem blaugrünen Gobelin verhängt war. Seine blauen

Augen schweiften zu Trautmannsdorf, der sich in seinen Stuhl verkroch,

gingen oft hin; er sprach anders: es bestände keine Aussicht, den

kaiserlichen Wunsch auf legale Regelung der Nachfolge durchzuführen, denn

die Kurfürsten seien über die Gewalttätigkeiten im Reich, die Verarmung,

den drohenden Umsturz erbittert. Dennoch müsse die Nachfolge des Kaisers

gesichert werden. Man müsse also die Kurfürsten eventuell zwingen.

Wallenstein. 2 (of 2) · 第 11 / 44 题