»Versuche.«
»Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwertträger.«
»Versuche.«
»Das heißt: ich sei noch nicht Kaiser?«
Sie drehte sich zu ihm, warf sich über sein Knie: »Es heißt, daß es damit
nicht genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm
mit mir. Sei mein Begleiter -- zu Maria.«
Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: »Du darfst mich nicht
verwirren, Eleonore. Wir dürfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir
Länder mit Gewalt zu entreißen. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich
vergesse darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel
ich ihr gerade zu danken habe.«
Sie hängte sich an ihn, als er mühsam aufstand und die Arme, als wenn sie
steif wären, schaukelte, zweifelnd ängstlich: »Gib mir nach. Bald.«
»Nein,« schrie sie bald darauf verzückt, »tu, wie du willst. Ich will dir
nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.«
* * * * *
Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde, wurden
sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien gegeben
sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl
erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand
unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch
einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich
einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit,
auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte
sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich
befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich
gleichermaßen gegen den Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses
Wien überhaupt, diese Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und
Bedrängen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.
Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers
nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu
begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im
Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören.
Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben
widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen
Körper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte
den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß
gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er,
horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden
roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.
Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid
informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man
sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In
die Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken
verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der
Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und
Hofrat noch einmal über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen,
wer sie sind.
Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem
Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine
graue Mauer. Er blieb in Wien.
Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst
Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man
solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang
vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die
Mönche! Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen,
gegen den Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich,
erdrückend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu
tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle
verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der
Friedländer, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich über seinen
Leib bückte, zerriß ihm die Lust die Eingeweide; es wogte über die Haut
seiner Hände, seines Rückens, ein kühler Schauer lief ihm über Wangen und
Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und genoß es, was ihn schmerzhaft
wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte
das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den
irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war
selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging, daß sie auf
dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und
kicherte.
Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des
Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der
Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem
Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an
den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den
anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen
Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das
weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man
dem Kaiser wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen
mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin,
sondern er verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich
sträuben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand,
der Heiland möge geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er
war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen;
er begriff die Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus
aber durfte durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die
herumsaßen, stumm, lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen;
sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen
sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der
Kaiser ließ sich hinausführen.
»Welchen Rat gibst du mir?« fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die
Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie
sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er
drückte die Stirn noch tiefer vor ihr: »Du wirst es ja wissen, ich habe für
dich gebetet«, jubelte sie.
Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des
Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und
Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken.
Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er
nicht als Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von
seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden
ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt
hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der
Liga und des Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: »Man will
mich schwächen, man will mich schwächen, ich seh' es.«
Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte »albern« und »frech«
enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: »Ich muß dir weh
tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser
Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.«