Strahlendorf lachte höhnisch: »Wie denn, Herr Graf?«

»Durch dieselbe Gewalt, die sie zur Erbitterung gebracht hat.« Dazu

klatschte leise der Bucklige, dem Böhmen zuwinkend, Beifall.

Es sei wohl auch das Beste, so zu verfahren, höhnte Strahlendorf weiter, in

anderer Hinsicht. Man käme dann zur Klarheit überhaupt über die

Herrschaftsverhältnisse im Reich; zum Beispiel in Pommern, in Brandenburg,

in den meisten Kreisen mit kleinen Landesfürsten. Da würde sich

herausstellen, wer herrsche. Trautmannsdorf jubelte fast: natürlich, so sei

es, es würde fesselnd bis zum äußersten werden; Konsequenzen über

Konsequenzen könnten noch gezogen werden: wie notwendig -- er wandte sich

armeausstreckend an alle Herren -- nicht einzugreifen, um nichts zu

verderben oder zu komplizieren; das beste, diese Frage der Nachfolge nur in

die öffentliche Diskussion werfen, an diesem Punkt könnte sich der Streit

auf das bequemste entzünden: nun hätte man den Zankapfel in der

konzentriertesten Form, alle Kräfte würden aufgerufen, um -- nun, man würde

sehen.

Ihm fehle, klammerte stolz Strahlendorf seinen Degen zwischen die Knie, die

Munterkeit und der leichte Sinn, um Angelegenheiten des Kaiserhauses in

solcher Weise zu behandeln. Slavata hob sein dunkelblondes Haar mit der

Linken von den Schultern ab, als wenn er seinen Nacken kühlen wolle; er

betrachtete sinnend einen Sprecher nach dem andern, lief gebunden dem

Gespräch nach: man hege doch gleichmäßig die schuldige Treue und Liebe

gegen den Kaiser; nun möge man sich auch nicht trennen in den Mitteln, die

Treue zu erweisen. »Ich schlage vor,« sagte er gedämpft, »einen

Kurfürstentag einzuberufen zur Königswahl. Im übrigen dem Herzog freie Hand

zu lassen, wie man es bisher getan hat. Weigern sich die Kurfürsten, den

jungen Ferdinand zu wählen, so nimmt der Kaiser dies zur Kenntnis, wie er

anderes zur Kenntnis genommen hat. Aber ignoriert es.«

»Liebster,« legte sich Trautmannsdorf vor, »wie kommt Ihr zum Ziele. Der

junge König von Ungarn wird nicht römischer Kaiser vom Ignorieren.«

Still legte Slavata beide Hände in den Schoß, senkte den Kopf, seine braune

Haut wurde blasser, seine Augen funkelten einen Moment, bevor sie sich auf

die Finger richteten: er schob Silbe um Silbe zwischen Zähnen durch und

stellte die Gegenfrage an alle Herren, was wohl dann geschehe, wenn der

Kaiser dem Herzog von Friedland freie Hand wie bisher lasse und die

Kurfürsten die Königswahl ablehnten; die löblichen Kurfürsten können

belfern und keifen, die Zähne sind ihnen ausgebrochen!

Rasch wandte sich Slavata mit einem eigenartigen Lächeln an Trautmannsdorf,

das sei der Streit auf der Höhe und -- er flüsterte -- noch mehr: der Sieg

Habsburg auf der Höhe. Vielleicht ernenne dann der Kaiser den neuen König.

Strahlendorf donnerte mit der Faust auf den Tisch, zitterte am ganzen Leib,

blickte mit verzerrten Mienen gräßlich auf den böhmischen Grafen; der

Bucklige warf sich bewundernd, den Mund offen, den Kopf schüttelnd, hin und

her im Sessel; der dicke Questenberg blies mit menschenfresserischen

Grimassen glücklich unter seinen struppigen Schnurrbart, saß geschwollen,

glotzäugig, als hätte ihn einer gestreichelt, am kurzen Quertisch.

Strahlendorf jappste: »Das nennt Ihr das Y und X im Friedländischen Abc.

Wir sind erst in der Mitte. Kurfürsten ohne Kur ist noch lange nicht das

Letzte, den römischen König schüttelt er so aus dem Ärmel, wie er die

mecklenburger Herzöge verjagt hat; dann kommt -- der Kaiser selber. Wer

soll den wählen, als derselbe einzige Kurfürst -- Wallenstein. Herr

Slavata, Ihr dachtet auch einmal anders über Euren Vetter. Dann kommen die

Schwerter gegen den geheimen Rat, dann ist das Abc zu Ende.«

Questenberg knurrte bissig gegen ihn her: »Will man uns den Braten

versauern, soll es doch nicht gelingen. Kommt sein Schwert gegen uns, so

wird es sich nur bestimmte Hälse suchen.« »Es wird sie suchen, Herr

Questenberg, Euren und meinen, wie die liebe Sonne, die über Gerechte und

Ungerechte scheint.«

Ganz unhörbar hatte Eggenberg seinen Stuhl zurückgeschoben; lautlos klemmte

er seine ungehefteten Faszikel unter den Arm, stieg hinter der Stuhlreihe

auf Zehen vorbei. Wie ihn Trautmannsdorf sich umwendend, anstarrte, bei der

Hand faßte, wehrte er ab; es gelang ihm weiterzugehen, bis der Querbaum der

Questenbergschen dicken kurzen Arme sich vor ihn legte. Hans Ulrich schien

seinen Gram beiseite tragen zu wollen. Leidend bat er Questenberg: »Lieber,

laßt mich.« Sie standen um ihn; er blieb einsilbig dabei, wolle gehen.

An dem kleinen Treppengeländer bedrängten sie den freundlich behäbigen

Fürsten, der den Kopf schüttelte: »Wir werden uns alle besinnen müssen. Wir

werden unsere Gutachten schriftlich vorlegen. Die Zeit drängt. Der Kaiser

wird eine höhere Instanz um Einsicht bitten müssen. Das ist alles.« Was der

Verwachsene, der seine Einfälle nicht zügeln konnte, nicht gefährlich fand;

es sei schließlich allemal das beste und das letzte, den lieben Gott um

Einsicht zu bitten; sie seien, lächelte er fast frivol, ja nicht

verpflichtet, als Geheimer Rat den Himmel überflüssig zu machen. »Wie denkt

Ihr, Slavata?« Eggenberg wollte sich mit kurzem Nicken verabschieden, da

drückte ihn Questenberg auf einen Stuhl, setzte sich neben ihn. »Weh unserm

kaiserlichen Herrn,« stöhnte matt zusammenfassend Eggenberg, »er wird sich

verlassen sehen von uns allen, mag der Schutzgeist Habsburgs ihn nicht

vergessen.« Und bezwungen von seinem Gefühl kniete er, Hut und Faszikel vor

sich auf die Diele legend, neben seinen Stuhl hin, betete, während auch die

anderen die Köpfe senkten, das Rosenkranzgebet. Sie bekreuzigten sich,

standen nebeneinander. Auf der kleinen Treppe Eggenberg: »Habsburg hat eine

schwere Stunde vor sich. Was war es für ein Geist, der unserem gnädigen

Herrn dies eingegeben hat, an sein Ende zu denken und die Nachfolge zu

bestimmen. Ich weiß es nicht. Ich kann nicht bei euch bleiben, liebe

gestrenge Herren.«

Slavata, mit Trautmannsdorf und Questenberg allein, sanft höhnend: »Der

Kaiser schütze sich vor seinen Freunden. Man will ihn um den Sieg, um das

lauterste gerechteste Symbol des Siegs bringen.«

Sie gingen. Trautmannsdorf schlang ihm einen Arm um die zuckende Hüfte: »So

ist mein Herr Slavata von seinem alten lästerlichen Haß ins friedländische

Lager abgeschwenkt. Ich hör: mit Pfeifen und Flöten.«

»Mit Pfeifen und Flöten. Noch vergnügter, noch üppiger. Warum sollt ich's

leugnen. Ob ich ihn liebe, weiß ich nicht. Aber es kränkt mich, wenn ich

sehe, wie man ihn kränken und hindern will.«

Und heftig atmend, gequält den Arm Trautmannsdorfs duldend, ging er mit den

schwatzenden zweien. Zum Äußersten herausfordern hatte er Friedland wollen.

Er wollte ihn locken, er wollte sein Teil daran haben, an der Entwicklung

dieses Geschicks. Dunkel wie Wunder, halb Glück, halb Entsetzen, bewegten

sich Gefühle in ihm, hoben sich, senkten sich, verrauschten. Er wies sie

ab, verbarg sie sich. Sie drangen ihm manchmal über die Lippen und trieben

ihn zu Handlungen. Er fühlte, daß er sich einem Strudel näherte, aber er

konnte dem Geheimnis nur folgen, dieser Sehnsucht zu Wallenstein.

Der Weg, den Fürst Eggenberg in der Stifterfrage beschritten hatte, mußte

weitergegangen sein. Vergänglich Ferdinand, vergänglich Friedland. Habsburg

bestand. In seiner Bibliothek hielt Eggenberg eine bunte Chronik in den

Händen, ein Buch, das er liebte; las von den Staufenkaisern, wie ihre Welt

riesenhaft aufgebaut und mit ihnen zusammengesunken war. Die vergeblichen

Kriege mit dem Papst. Ecclesia triumphans. Unmerklich sicher hatte sich

Habsburg ausgedehnt. Reichtümer fielen ihm wie einem spielenden Kinde zu.

Der Kaiser machtgeschwollen. Er konnte das Haus in den Abgrund reißen.

Eggenberg wiegte das alte Buch zwischen den Knieen. Zurückdrücken den

Kaiser.

Die Gutachten durchlas der Kaiser, forderte dann den Fürsten Eggenberg vor

sich.

Er faßte es als ein himmlisches Zeichen auf, daß der Kaiser ihn trotz der

Einhelligkeit der anderen Gutachten rufen ließ. Zum Nachgeben den Kaiser zu

bewegen, war keine Möglichkeit. Eggenberg sah, daß diesem Mann gegenüber

kein Argument verfing. Und mit seherischer Klarheit gab Eggenberg selber

plötzlich nach.

Der Regensburger Tag sollte stattfinden.

Aber als Ferdinand den Alten, der ihn starr ansah, umarmte und freundlich

an sich drückte, ihn vielfach lobte und über die vermeintliche Niederlage

wegtäuschte, mußte sich der Fürst seufzend entziehen. Scham füllte ihn ganz

aus. Ein Verräter, ein giftiger Judas war er. Denn der Kaiser sollte zur

Schlachtbank. Er würde keinen Triumph erleben. Er würde alles selbst

entscheiden müssen -- den ungeheuren Entscheid im Streit der Kurfürsten

gegen Friedland, und er wird -- nachgeben. Wie er in München vor Jahren dem

Bayern nachgegeben hat. Das war dem alten Eggenberg, während er den

lächelnden Kaiser, seinen Freund, starr anblickte, klar.

Die Kurfürsten werden kommen, das alte Reich muß zerstört werden: er wird

es nicht befehlen können.

Friedland wird sich über die Kurfürsten werfen, der Kaiser wird sich neben

die Fürsten stellen.

Rasch mußte sich Eggenberg von dem herzlich bewegten Kaiser, der ihn mit

Konfekt beschenkte, verabschieden.

Jubel im Geheimen Hofrat.

Ein kurzer grimmiger Ligatag fand in Mergentheim statt. Die Herren und ihre

Gesandten sahen sich nach eintägiger wütender Klage über das Zugrundegehen

des Reichs einem kaiserlichen Vertreter gegenüber, der von ihnen

Einberufung und Beschickung eines Kollegialtages zwecks Wahl eines

Römischen Königs verlangte.

Sie gellten ihm ihr Nein und ihre Verzweiflung entgegen. Sie gellten von

dem eigenmächtig begonnenen italienischen Krieg, von seinen grenzenlosen

Menschenopfern, Kosten. Frankreich würde sich gereizt im Westen

Deutschlands erheben.

Bis sie auf einen Schlag plötzlich verstummten; es war die Parole

aufgetaucht: zustimmen der kaiserlichen Einladung und nicht zustimmen dem

Wunsch, einen Habsburger zu wählen.

»Den Kaiser fassen, gegenschlagen.«

Wie sie sich von einander verabschiedeten, wußten sie: entweder sehen wir

uns auf dem nächsten Tag als Sieger wieder, oder dies war unsere letzte

Tagung.

Die Finsternis dieser Beratungen verbreitete sich nicht nach München. Der

Bayer hatte eine gute Stunde. »Der Kaiser will seinen Gegnern im Reich den

Siegel seiner Macht aufdrücken; noch eine Stunde und er bedarf der

erlauchten Kurfürsten nicht mehr.« Maximilian hing vor Richel in seinem

Sessel, bedeckte seine Augen mit den Händen: »Ich danke der himmlischen

Jungfrau für die Gnade jetzt und immer; sie will uns wieder Freiheit geben

und uns den Entschluß erleichtern.« Dann: »Jetzt, du mußt verstehen,

Richel, jetzt hat sich der Kaiser in unsere Hände gegeben. Er drängt sich

selbst an den Ort des Gerichts hin. Denn wir werden seinen Sohn nicht

wählen. Bis wir sicher sind, daß er klein beigibt.« Als Richel nach einigem

Stillschweigen den Namen Wallenstein aussprechen wollte, stand Maximilian

auf. Und Richel erkannte diesen Mann. Er sah in dem marmorfeinen Gesicht

denselben höllischen Ausdruck, den es getragen hatte, als Kaiser Ferdinand,

von der Frankfurter Krönung in München eingekehrt, neben Maximilian die

schöne und reiche Kapelle verließ; im fast schweigenden Hin und Her wurde

dann dem Kaiser die Führung im kommenden Krieg abgerungen. Und als der

Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag, dem herzoglichen

Gerichtstag gewesen, daß der Kaiser eine volle Stunde in der Sommerstube

eingeschlossen mit Max verweilte. Die flüsternde, beschwörende Stimme des

Habsburgers; die knappen, befehlerischen Sätze Maximilians, Hinfallen eines

Degens. Jähe Abreise des gebrochenen Kaisers.

Ordonnanzen gingen an die französische Gesandtschaft. Charnacé traf ein. In

größtem Geheim wurden unter ständiger Korrespondenz mit Fontainebleau

Verabredungen getroffen.

* * * * *

Eine schwere Erregung bemächtigte sich in diesen Tagen, in denen die

Einberufung eines Kollegialtages zu Regensburg beraten wurde, des ganzen

Volkes. Die Professoren der Tübinger Universität beobachteten nächtliche

Schlachtordnungen am Himmel, beschrieben das Kriegsgetümmel, hörten das

Rasseln der ansprengenden Kürassiere. Bauern verbreiteten Gerüchte, sie

hätten Kämpfe einzelner deutscher Stämme und Fürsten gegeneinander gesehen

am Himmel, Wagen mit Stangen seien gefahren, Sturmleitern wurden geworfen.

In Dillingen trug ein Rechtsbakkalaureus sein Traumgesicht vor: der Kaiser

ermordet von Wallensteinschen Kroaten.

Vom Reichserzkanzler, dem Mainzer Erzbischof Anselm Kasimir, wurde auf das

Drängen des Kaisers das Ausschreiben zu einem Kollegialtag nach Regensburg

erlassen. Da fuhr der Bayer wieder auf den heiligen Berg Andechs in einer

unbezwinglichen Spannung. Auf die nackten Altarstufen hingepreßt, betete er

in einer krampfhaften Aufwühlung; er dachte an die Schweißtropfen Christi

auf dem Ölberg, der Dornen, die sein heiliges Haupt umgaben, der Schläge,

die er in der Geißelung litt, der heißen Zähren, die er vergoß, der

Seufzer, die er tat, der süßen Rosen seiner fünftausend Wunden. Er flehte,

geknechtet verwirrt auf den Bahnen des Gebets laufend, Herr Jesus möchte

durch die flüsternden, perlenden, quirlenden Brunnen, die aus all seinen

heiligen Wunden sprudelten, so reichlich, seine arme durstige Seele zu

erquicken geruhen.

Schwarz stand im Schatten auf einem Seitenaltar das mannshohe Kreuz mit dem

sinkenden Heiland: anblicken sein verwundetes Herz, ringen um die Erlösung;

anblicken die rechte Hand, die Sünden zu erkennen gab; anblicken die linke,

den rechten Fuß, den linken Fuß, Barmherzigkeit, Buße, Gerechtigkeit.

»Gnade, Herr Jesus!« Maximilians Pferde jagten wieder herunter nach

München. Stöhnend saß der Kurfürst vor dem Jesuiten Kontzen, wischte sich

den Schweiß von der Stirn, beruhigte sich nicht. Und während Kontzen den

Entschluß des Bayern, die Franzosen an sich zu ziehen, maßlos lobte,

durchzuckte den Kurfürsten der Gedanke: mit Wallenstein selbst in

Verbindung treten! Wallenstein im letzten entscheidenden Augenblick vom

Kaiser abziehen, ihm Mecklenburg und was er sonst hatte anerkennen. Ihm

Reichsfürstenwürde zugestehen!

Sich Wallensteins bemächtigen!

Woher diese Verwirrung! Woher diese Befehle, dieser Zwang!

Maximilian erblaßte unter der Raserei dieser Gedanken. Sie waren

wahnwitzig; seine Augen wurden matt. Halb ohnmächtig sank er seitlich über

die Lehne seines Sessels. Und dann, als der ängstliche Jesuit ihn

aufrichtete, drückte der verwirrte Fürst seinen Arm. Er ließ sich von

Kontzen hochziehen, und wie er auf den unsicheren weichen Füßen stand, fiel

er umarmend gegen die Brust Kontzens, mit den Zähnen klappernd, wimmernd,

an allen Gliedern zuckend. Schritt um Schritt führte Kontzen den verzerrt

blickenden Kurfürsten in die Nachbarkammer vor den kleinen Marienaltar. Da

beruhigte sich der Fürst; der Leibkammerdiener konnte gerufen werden,

Kontzen wurde mit einem unverständlichen Lächeln entlassen. Der Fürst

wankte in die Schlafkammer.

In derselben Nacht besprach Maximilian mit dem Pater im tiefsten Vertrauen

das Notwendige. Staunend, ergriffen hörte der Pater die Pläne des Bayern.

»Rede Ehrwürden sanft mit dem Böhmen. Er ist jähzornig. Warte Er einen

guten gleichmäßigen Tag ab. Melde Er der herzoglichen Durchlaucht meine

Zuneigung und Wohlmeinung. Wenn sich Irrungen und Zwietracht gelegentlich

zwischen unseren Heeren gehalten haben, so werde das in Zukunft sich

beheben lassen. Wage Er sich offen damit heraus, daß der Franzose sich an

mich herangemacht hat. Die friedländische Partei ist in Kürze verloren. Wir

haben beide Macht, ich und der Böhme. Es wird sein Schade nicht sein, wenn

wir uns gut im Reich miteinander verhalten.« Erst frühmorgens, als es im

Hof der Burg von den Wagen des abreisenden Jesuiten rasselte, legte

Maximilian sich auf dem Bett zurück. Fast augenblicklich verfiel er in

einen betäubten Schlaf. Nicht einmal die Zeit fand er, den Rosenkranz aus

der Hand zu legen; der klapperte neben dem Bett auf die Diele.

Die Freudigkeit, Glückseligkeit, Munterkeit des Fürsten, die langen

folgenden Tage; eine Bräutigamsunruhe und zwangsartige Rastlosigkeit. Seine

Drechseleien ließ er liegen, er gedachte seiner verflossenen Italienfahrt,

ihn trieb es aus München fort. Die feierliche Donnerstagsprozession machte

er noch mit, selbst barhäuptig im Zuge mit einer brennenden Kerze vor dem

ganzen Hofstaat; dann wurde Alexander Abondius, der Florentiner Bildhauer,

in die Residenz befohlen; der Kurfürst reiste mit ihm ins Land, Verduckh,

der Kunstkämmerer und Guardarobba folgte, eine Handvoll Hatschiere. In

Nürnberg stand das neue Pellerhaus, reiche Front, prächtig die vier

Stockwerke, Fenster bei Fenster, hoch die Giebelfassade; Galerien des

Hofes, Säulengänge. Sie ritten in der heißen Augustsonne, von Ratsmännern

geleitet, durch die langen Gassen, über Märkte und Plätze. Teppiche von den

farbig bemalten Balkons, Stockwerk vor Stockwerk sich herausschiebend,

überschattend die tieferen Fenster, Dächer von Zinnen umgeben, vorgeragte

Ecktürmchen. Das Nassauerhaus. Der junge Abondius lobte den Herkulesbrunnen

zu Augsburg, die Nymphen, Wasserspeier. Der Wittelsbacher fragte nach

Kurieren, drängte, von Süßigkeit und Schrecken erfüllt, zurück.

Wie sie vor München am Isartor erschienen, meldete der starke Torwächter,

es seien gestern nacht fünf kaiserliche Obersten angekommen, die der

wohledle gestrenge und hochgelehrte Herr Bartholomäus Richel empfangen und

in ihr Quartier zum Goldenen Kreuz geleitet habe. Mit Staunen sah sich

Maximilian am nächsten Morgen in seiner Audienzkammer sitzen,

Ehrengeschenke des Herzogs von Friedland in den Händen drehen, die

metallenen Schalen und Krüglein befühlend, hinstellend, ihnen an die Kehle

fassend. Er hielt, während die Offiziere Abschied nahmen, einen Arm über

die Metallwölbung, zwei Finger in die Höhlung hinein; es schien ihm,

zwischen Entsetzen und Gelächter schwebend, als ob er mit Wallenstein

spräche. Und sonderbar war ihm dabei, als ob er in einer Unwirklichkeit

lebe, hier säße; ihn mußte etwas verzaubert haben, eine leise Angst

schwelte über ihm: wenn das Spiel erst zu Ende wäre. Und während die Türen

geöffnet wurden, Kammerdiener, Oberstkämmerer erschienen, ihn zur Messe

einzukleiden und abzuholen, passierte ihm, daß er gedankenlos dastand,

nicht wußte, was er dachte, nicht einmal, was mit ihm geschah. Saß gebannt

in seiner Residenz; wie in Scham vermochte er nicht hinüber zu seinem

Vater; ließ viele Stunden am Tag unbesetzt, man wußte nicht zu welchem

Zweck. Die Depeschen kamen. Kontzen meldete übergroße Freundlichkeit des

Generals, dabei die gänzlich fehlende Geneigtheit, das geringste von

Maximilians Plan zu verstehen; er, Kontzen, müsse natürlich aufs äußerste

vorsichtig sein und sich vor direkter Deutlichkeit bewahren; der Herzog sei

ergötzt von dem Zugeständnis in Sachen Mecklenburgs, aber bisher hätte sich

nicht einmal eine Andeutung des bayrischen Plans ermöglichen lassen; nun

wolle er noch nicht verzagen vor diesem absonderlich treuen Diener des

Kaisers. Gleich hinterher ritten aus dem friedländischen Hauptquartiere

zwei Offiziere ein: sie sollten vertraulich verhandeln über das Verhalten

der Armeen zueinander; wie weit die Liga abzurüsten gedenke; die beiden

Herren waren sehr aufgeräumt, schienen die Auffassung aus Gitschin

mitzubringen, die Kurfürsten täten den ersten Schritt zur Unterwerfung.

Richel bearbeitete sie kühner, wagte gleichnisweise von einer Abschwenkung

Friedlands von Habsburg zu reden, da Wallenstein selbständiger Reichsfürst

sei, auf der Fürstenbank mit den andern säße und sich wie sie seiner Haut

zu wehren hätte. Taube Ohren, Unwillen über das ärgerliche Beispiel. Richel

verblüfft vor dem Kurfürsten: er stände vor einem Rätsel; man könne es

Treue nennen, es sei auch Borniertheit. Oder Friedland sei auf noch Höheres

aus, etwa gegen den Kaiser.

Weich glitt es von Maximilian ab, trübe Augen, ein stumpfes mattes Gefühl

behielt er zurück. Schläfrig dankte er Richel; er möge in dieser Sache

nichts weiter unternehmen. Er saß eine, zwei Stunden dämmernd auf demselben

Stuhl, allein in seiner Kammer; eine Hilflosigkeit hielt ihn befangen; er

räkelte sich, seufzte. Ja, nun werde er wieder zu Hause sein, zurück von

der Reise. Da lag auf dem Tische die Rolle Torquato Tassos, die der Dichter

ihm in Italien gewidmet hatte. Neue Briefe seiner Bundesverwandten, vom

Kölner, vom Bischof von Bamberg. Sie wollten Hilfe; die alte Last, die

alten Ketten. Ein glühendes Weh überflutete mitleidlos seine Brust, Gram,

tiefer Widerwillen. Wie er an den Kaiser und Friedland dachte, ballte er

die Fäuste vor Schmerz, spannte sich auf seinem Sitz hoch, rang sich zur

Ruhe.

Maximilian ließ den Wallensteinschen Offizieren erklären, er müsse über die

angeregten Punkte mit seinen Bundesverwandten korrespondieren; eisig, wie

sonst, gab er Richel den Auftrag, die Herren mit Geschenken zu

verabschieden. Sie ritten schmähend ab, die Bayern hätten sie nur

aushorchen wollen.

Vervaux, Maximilians Beichtvater, war über Land; Eilboten mußten ihn

zurückholen. Der alte Herzog Wilhelm, Maximilian, Vervaux saßen zusammen

beim Essen; die stille, gespannte Runde; sie gingen mit dem Kurfürsten auf

sein Kapellenzimmer. Der Kurfürst sprach mit einer lieblichen Stimme, die

grauenhaft aus seinem leblos sitzenden Körper klang; er bitte sie beide,

ihn zu fragen. Er antwortete dann anders als sonst; während er sonst die

Worte in seinem Munde sich ansammeln ließ, bis sie vereist und gefroren

waren, stürzte er sich auf jede Frage und gab blindlings, lechzend

Bescheid, gesangreich. Er wußte zuerst nicht, was er vom Friedländer

gewollt hatte, er schien von der Erinnerung gepeinigt zu sein, dann äußerte

er, er hätte sich mit einem verächtlichen Menschen eingelassen, mit einem

Knecht, einem toten Leibeigenen des Kaisers; ein satanischer Trieb habe ihn

plötzlich bewegt, dem er nicht hätte widerstehen können. Er schien eine

Bestätigung dafür von ihnen zu verlangen. Ein Ekel vor sich selbst erfüllte

sichtlich den Kurfürsten, als hätte er etwas Tiefgemeines berührt. Er bat

um Strafe. Vervaux sprach zu ihm. Während der Pater und der alte Herzog

sich voreinander verneigten, der Herzog in Glückstränen über seinen Sohn,

stand der schnaubend in seinem Schlafzimmer, ließ Läden und Vorhänge

schließen. Eine einzige Wandkerze brannte neben der Tür. Der Oberstkämmerer

nahm dem stummen Fürsten Seitengewehr Gurt Barett Überkleid Mantel ab; zwei

Kämmerer nestelten an dem Wams, zogen es ab; Schuh Hosen Leinenhosen

streiften sie herunter, als er auf der gepolsterten Truhe saß; sie

schleiften hinaus mit den Sachen. Flüsternd mühte sich der Leibkammerdiener

um ihn, zog ihm das Schlafhemd über die zwinkernden Augen. In seidenen

Pantoffeln; er schüttelte den Kopf, als der Leibbarbier eintrat, ihn mit

Tüchern zu frottieren. Unbeweglich, allein stand der bärtige Mann eine

Zeitlang im leeren Zimmer im Hemd, vom Bett auf den Boden blickend, vom

Boden auf das Bett. Ließ das Hemd auf die Hüften herab, band es mit den

Ärmeln zusammen. Auf dem kleinen polierten Tisch neben seinem Bett stand

ein schwarzes viereckiges Kästchen. Mit ruhigen kalten Fingern, während er

tönend, fast schluchzend zu atmen anfing, zog er das Schlüsselchen hervor,

das in einem Seidenbeutel an seinem Hals hing. Einen ledernen Stachelgürtel

griff er bei den Enden, schlang ihn um die Weichen, zog, sich gegen die Tür

schleppend, die brennenden Augen auf das Mariengesicht unter der Kerze

gerichtet. Geriet in Atem, stöhnte, sein Mund blieb weit offen stehen. Er

konnte sich nicht genug tun. Seine Blicke blind, erloschen; schnürte den

Gürtel fest. Nach der kleinen Peitsche mit den Stahlkügelchen tastete er

zitternd mit der Linken, die Zähne verbissen, schwarz hüllte sich alles um

ihn ein. Klatschend schlug er links herum auf den Rücken. Und während er

schlug, flossen ihm die Tränenwasser aus den Augenhöhlen über den Mund auf

den Teppich. Von den Flanken rieselte Blut. Es wurde ihm, als ob ein

anderer ihn schlug, diese Arme eines Fremden, gewalttätige, unbarmherzige,

unerbittliche Werkzeuge, unter denen sich sein Körper leidend bog; ächzte,

wühlte, bäumte sich, wich aus, fuhr zurück; die Arme ließen nicht nach,

ohne Gefühl. Und da war die Hand in der Luft erstarrt, der Hand in der Luft

die Peitsche plötzlich entfallen, die Peitsche lag da, er zuckte zurück,

zuckte, zitterte; und bevor er erkaltete, wühlte er um sich auf dem

schlüpfrigen Teppich, bis seine Finger das lange, feine, vergiftete Stilett

in der Scheide berührten, das er immer suchte in der Verzweiflung des

Geißelns, auf der Höhe, um das Verderben von sich abzuwenden, um sich zu

beruhigen, zur Besinnung zu bringen. Er drehte es, die Scheide löste sich,

fiel herunter, er drehte, suchte es durch die Tränen zu erblicken; drehte

es. Er hielt es liebevoll an der Brust, drückte es an seinen bloßen Hals,

an die gekräuselten Barthaare; lag stöhnend, schnaubend, sich wälzend auf

dem Boden; der Stachelgürtel löste sich, krampfartig erbitterte Stöße

fuhren durch seinen Leib. Dann schob er sich schnaubend, verwüstet,

besudelt, ein Winseln unterdrückend, unmenschlich auf die Knie, in die

Höhe, wackelte blutäugig auf dem Schemel. Klingelte später nach Wein.

* * * * *

Der dicke Rambold von Kollalto, Herr von Pirnitz, Deutsch-Rudolatz,

Tscherner hielt Mantua blockiert. Er selbst lag schlemmend, trotz seiner

Kehlkopfschwindsucht, zu Marignan am Lago maggiore; seine Untergenerale

Gallas und Aldringen regierten die Armee. Der spanische Feldherr Ambrosius

Spinola, ein alter Mann, stieß gegen Montferrat, vertrieb die Franzosen,

jagte sie in Casale zusammen.

Der Krieg blühte. Neue Truppen führten französische Marschälle heran.

Da wurde dem Herzog zu Friedland, der in Karlsbad zur Kur war, die

Nachricht von Wien überbracht, daß zu Regensburg ein Kollegialtag

stattfinden werde, da des Kaisers Majestät die Wahl seines Sohnes zum

deutschen König fordern werde. Der Friedländer riß in seiner Ritterstube

sich den Hut ab, trampelte darauf herum: Den Kopf müsse man den Kurfürsten

vor die Füße legen. Sie zusammenrufen zu einem Tag! Auseinanderpeitschen

die Verschwörer. Er wütete. Man mußte ihm von Wien Kuriere schicken; die

Botschaft sollte aufgeschoben werden. Niemand hatte Neigung, die Sache zu

betreiben. An Ferdinand selbst schrieb er, zweimal mit stärkster

Dringlichkeit, erreichte nichts, als daß der Kaiser lächelnd sagte: »Der

Krieger! Er will nichts als Soldaten und Schlachten. Und schon ist ihm

nicht wohl, wenn wir andern uns friedlich und verwandtschaftlich

zusammentun.«

Die Kur in Karlsbad brach der Friedländer ab, tobend über die kaiserlichen

Räte: »Sind nicht genugsam mit Dukaten gestopft, die Herren. Sind sie nicht

schlechte Lumpe, so sind sie trunkene Bärenführer. Der deutsche König! Sie

erbetteln ihn bei den Pfennigfuchsern. Aber ich will ihnen allen die Suppe

versalzen.«

Er verschwur sich, trotz Kaisers und Wiener Räte sollte den Schelmen das

Spiel verdorben werden, daß sie seufzen und Tränen vergießen würden. Er

bestimmte augenblicklich die Stadt Memmingen, südlich der Donau, nicht weit

von Ulm und nicht gar zu weit von Regensburg gelegen, zu seinem

Hauptquartier und Truppensammelplatz. Mit größter Beschleunigung, hieß es,

sollten alle Regimenter, die aus dem schwäbischen und fränkischen Kreis

abkömmlich waren, aufbrechen hierhin. Transporte nach der Lombardei wurden

umgewendet; verbreiten ließ er, sie sollten dort in einem Zentralpunkt

rasch verfügbar stehen gegen französische Aspirationen auf das Elsaß und

als Reserve des italienischen Heeres Kollaltos.

Er selbst machte sich, um alles selbst in die Hand zu nehmen, ungesäumt von

Karlsbad auf den Weg. Der italienische Krieg hatte plötzlich für ihn kein

Interesse mehr. Er war tief erregt.

Siebzehn Sechsspänner trieb er mit sich, siebenundzwanzig Kaleschen zu zwei

und vier Pferden, sechzig Gepäckwagen, hundertundfünfzig Berittene; allen

voraus sein Kanzler Elz mit hundertundzwanzig Leibrossen, sechsundzwanzig

Sechsspännern und Gepäckwagen. Die Gelder für die Reise wurden in

Mecklenburg durch Kontribution erhoben. Der Herzog rastete in Nürnberg, wo

er die Bitte des Magistrats um Ermäßigung der monatlichen Abgabe von

zwanzigtausend Gulden abschlug; in Ulm wurde ihm als Ehrengabe gereicht ein

Silberpokal, ein Samtbeutel voll Goldstücke, eine silberne Handkanne und

Handbecken, ferner ein Wagen Wein und achtundvierzig Hafersäcke. Sein

Quartiermeister bestimmte als täglichen Verbrauch für den Hofstaat schwere

Abgaben: neben zahllosen Laib Brot, Schock Eiern Weizenmehl, Roggenmehl,

zwei gute Ochsen, zwanzig Hammel, zehn Lämmer, vier Kälber, ein Schwein,

zwei Speckseiten, eine Tonne Butter, fünfzehn alte und vierzig junge

Hühner, dazu Rheinwein, Franzwein, Kümmel, Koriander, Anis, Zimt, Ingwer.

Nach Memmingen streiften Arkebusiere vorauf; sie trieben alles brüllende

und blökende Vieh aus der Stadt, schossen Hähne und Singvögel ab, legten

Leimruten für Spatzen aus; die Glocken auf den Kirchtürmen banden sie fest.

Der Herzog mit seinem Hofstaat, Leibgardisten, Kanonen, astrologischem

Gerät rückte an.

Die Kuriere liefen; der Herzog stellte fest, welche Gesinnung der Wiener

Hof, der Kaiser selbst hätten; große Summen wurden durch de Witte

angewiesen an den Kaiser selbst, den Abt von Kremsmünster und andere. In

aller Stille versammelte sich im Gelände um Memmingen ein großes Heer.

Der Kaiser Ferdinand befahl gegen die Mitte des Jahres Anstalten zum

Aufbruch nach Regensburg zu treffen. Vom Herzog zu Friedland, von den

niederösterreichischen Ständen, vom Erzbischof zu Salzburg, aus Böhmen

wurden Darlehen erhoben; der Antrieb an Ochsen, Kälbern, Lämmern, Schweinen

aus Ungarn begann. Ferdinand nahm die Mantuanerin und seinen Sohn mit, den

blassen, ehrgeizigen König von Ungarn, der eifersüchtig auf Wallenstein

war.

Wie ein Schnitter, der die Ernte einbringen will, ging der Kaiser, Eleonore

sollte mit, weil ein Kaiser mit einer Kaiserin fährt -- und sie war maßlos

finster und prächtig, sollte jeden der Fürsten beschämen; er wollte sie an

seiner Seite mitbringen, die Tochter des Landes, um das er Krieg führte.

Sie fuhr, bezwungen, mit ihm in dem Prunkschiff, verschlossenen Gesichts,

aber auf freudig straffen Gliedern, gedachte dem schweigenden Menschen

neben sich in Regensburg eine schwere Niederlage zu bereiten. Sie hoffte

auf Eggenberg. Von dem Groll der Fürsten auf den Friedländer hatte sie

gehört. Ihr Beichtvater hatte sie ganz aufgerichtet. Reitend, in Karossen,

auf Schiffen gezogen hinter ihnen zwischen dem lustigen, erregten Hofstaat

Geheimräte, kummervoll seufzend, in aller Munterkeit und dem Glanz

bedrückt, zu einander fliehend, heimlich mit einander murmelnd, mit jeder

Stunde beklommener.

Der Kaiser hatte nicht abgelassen, auf den Regensburger Tag zu dringen,

sein Sohn sollte gewählt werden, es hatte nicht verhindert werden können,

obwohl das Drängen und Drohen der Kurfürsten anzeigte, warum sie kommen

wollten: nicht seinen Sohn wählen, aber ihn selbst zur Verantwortung

ziehen, den Herzog zu Friedland beseitigen; sie drängten auf Abrechnung.

Und was hatte man von Wallenstein zu gewärtigen; wie würde der rasende

Böhme sich benehmen; man hatte schon schwer Beunruhigendes von seinem

Vorhaben in Memmingen gehört. Der weinrote kleine Eggenberg selbst, Triumph

der Slavata und Trautmannsdorf, hatte den Stein zur Konferenz aus dem Weg

geräumt. Er war umgefallen. Sie wußten nicht, was er tat, Slavata und

Trautmannsdorf so wenig wie Ferdinand selber. Als die Kurfürsten und Stände

so bereitwillig der Tagung in Regensburg zustimmten, begriff er, daß er

klar gesehen hatte. Und er wich nicht; er führte den Kaiser auf die

Schlachtbank.

Wie Eggenberg dies geleistet hatte, den Kaiser auf das Schiff nach

Regensburg zu bringen, brach er zusammen. Auf der Fahrt schon befielen ihn

körperliche schwere Beklemmungen und Ohnmachten. Die Tat war größer als er.

Er verabschiedete sich unterwegs von Ferdinand. In einem Grauen reiste er

nach Wien. Die leere Stadt besserte ihn nicht. Nach Luft ächzend fuhr er

weiter. Nach Krumau auf sein Gut Worlik. Die Angst vor dem Kommenden wuchs.

Er fuhr, um sich zu verstecken, nach Dunio in Istrien. Es war weit, Kuriere

würden ihn nicht finden. Dürften ihn nicht finden.

Inmitten ungeheurer Viehherden, Wagen voll Bier und Weinfässern,

marschierender Söldnerfähnlein näherte man sich Regensburg, dem

Höllenkessel. Noch zuletzt protestierte die Stadt selber; sie hatte

angstvoll von den Memminger Gerüchten und sonderbaren Vorkehrungen

vernommen; sie schützte ihren beschwerlichen Zustand, ihre Armut vor, eine

derart prächtige und riesige Versammlung könne ihr Rahmen nicht fassen. Der

Kaiser gab nicht nach; die Kurfürsten gaben nicht nach.

Der Kaiser und sein riesiges Gefolge tauchten in den gefährlichen Bannkreis

Regensburgs ein. Die Kurfürsten kamen lange nicht. Sie erschienen auf dem

Tag wie unschuldig Verurteilte, die vor aller Welt Schande über ihre

Richter bringen wollten. Und wenn er sie auch erwürgte und aufs Rad

flöchte, sie wollten es ihm nicht schenken. Mit Entsetzen und dann mit

ingrimmigem Vergnügen hatten sie gehört, wie sich Wallenstein auf den Tag

rüstete; sie verbreiteten es nach allen Seiten; die Notlage des Reiches lag

vor allen Augen. Mit geringer Begleitung stießen sie nacheinander an in den

blühenden Junitagen, gehässig und verzweifelt wie magere Wölfe, wollten

schlingen oder erschlagen werden.

Der Kurfürst Ferdinand von Köln, der jüngere Bruder des Bayern, fuhr ein,

klein, dünn, listig blickend, mit den Lippen und hängenden bebenden Wangen

des Schlemmers. In einem bedeckten Reisewagen, achtspännig, der

Reichskanzler Anselm Kasanio der Kurmainzer, gebücktes graugesichtiges

Männlein, den breiten dünnen Mund spannend, das harte Kinn, mühsam gehobene

Augenlider. Das violette Käppchen weit rückwärts auf dem nackten

erbärmlichen Schädel. Neben ihm gewaltig im Wagensitz unter dem

Bischofshut, golddurchwirkte Schnüre an der Krämpe schaukelnd, der

phlegmatische Kurtrierer, Philipp Christoph, glotzäugig, mächtige

Halswampen, der breite Gürtel über einem gequollenen Leib; die Beine steif

vor sich ausgestreckt, ein unerschütterlich schwerer Körper. Der Bayer fuhr

an. Er hatte sich gesträubt zu gehen; Herzog Wilhelm hatte ihm weinend

abgeraten. Um ihn ging eine starke Leibwache; bayrische Regimenter waren

seit Wochen bei Kehlheim Fürth Cham Rain auf Kriegsfuß gebracht,

marschfertig; es war besiegelt, daß ihm auf seinen Ruf fünfzigtausend

Franzosen zur Seite stehen würden. Mit Maximilian zog Tilly in Regensburg

ein, sein Feldmarschalleutnant, dessen Offiziere die Gegend

rekognoszierten, der weißbärtige Zwerg, der nicht erlosch.

Ins Quartier des Erzkanzlers, der die Bundesverwandten bei sich hatte,

wurden auch die acht Beauftragten des Kurfürsten von Brandenburg und des

Sachsen geleitet. Ruhig erklärten die Herren, daß ihre Fürsten nicht kommen

würden; die Kriegsnot ließe sie nicht aus ihren Ländern; sie selbst hätten

Instruktion, sich an den Beratungen zu beteiligen.

Auf die Frage Maximilians stellte sich heraus, daß sie nicht ermächtigt

waren, einer Absetzung Wallensteins zuzustimmen; auch über Bedrängnis

protestantischer Stände durch das ligistische Heer klagten sie; Protest

sollten sie über die Einziehung evangelischer Güter erheben. Scharf wandte

sich der Bayer an die geistlichen Herren: »Man sieht, wir sollen den Herren

die Kastanien aus dem Feuer holen. -- Und wenn man euren Fürsten den Kurhut

vor die Füße wirft?« »Der evangelische Glaube wird nicht untergehen. Wir

werden Hilfe finden.« Max höhnte, als sie gegangen waren, die Hände gegen

die Herren erhebend: »Sie erhoffen Hilfe von dem Schweden. Der Satan hole

die Ketzer.«

* * * * *

Streng übergab Ferdinand in Gegenwart der zitierten Kurfürsten und

Gesandten dem Reichserzkanzler die versiegelten Propositionen in der

Ritterstube der bischöflichen Burg. Er vermißte den sächsischen Kurfürsten,

mit dem er sich über Jagden unterhalten wollte; er hätte sich so lange vom

Waidwerk fernhalten müssen. Mit jedem sprach er einzeln, auf dem roten

weichen Teppich neben dem Eichentisch gingen sie bedeckt hin und her. Man

lachte über den Schweden, von dessen munteren Angriffsgelüsten man gehört

hatte. Mitten in der Unterhaltungen tönte von draußen vor der Stiege

Blasmusik; der Habsburger freute sich über die Verwunderung der Herren, er

hatte seinen Johann Valentin mitgebracht; man setzte sich wieder, trat an

die Fenster, hörte schweigend zu. Die Herren flüsterten verwundert; neben

dem Bayern stand Ferdinand am Fenster, legte seinen weißgekleideten Arm

freundschaftlich auf die Schulter des erbebenden Wittelsbachers. Der

Geheimsekretär Doktor Frey erhielt vom Kaiser einen Blick, öffnete die Tür

zur Antikamera. Ferdinand begleitete die Kurfürsten, denen sich ihre

Kanzler anschlossen, durch das lange blinkende Spalier der Hatschiere an

die Stiege, wo man eine Weile die Kapelle anhörte und die warmen Windstöße

fühlte.

* * * * *

Man hatte sich noch nicht zurechtgefunden von der Begegnung, als der

Mainzer in seinem Quartier aus den Propositionen vorlas. Der Kaiser

erwähnte die Königswahl nicht, fragte, was mit dem landesflüchtigen Ächter

Friedrich von der Pfalz endgültig geschehen solle, dann wie man Holland

Schweden Frankreich im Einmischungsfalle abweisen solle, zuletzt an fünfter

Stelle die Mängel des Kriegswesens anlangend: man möge angeben, wie und

welchergestalt eine bessere Ordnung geschaffen werden solle.

Hitzig warf am Schluß sogleich der rotäugige Kölner auf, sein Käppchen auf

dem Knie wippend: »Sauber disponiert! Der zu Friedland hat sich recht

tapfer versteckt.«

Der fettwamstige Christoph Philipp von Trier ächzte: »Wir haben dem Kaiser

nichts entgegenzusetzen, wir haben keine Armee.« »Nein,« lachte grell

Maximilian. Der Erzkanzler milde: »Wir werden ihm unsere Klagen vortragen,

wir werden nicht nachlassen zu drängen, er ist ein Mensch, ein frommer

katholischer Christ, es wird seine Wirkung auf ihn nicht verfehlen.« »Die

Lutherischen singen: ein' feste Burg ist unser Gott,« spottete Maximilian.

Ruhig der Mainzer: »Unsere Gebete werden erhört werden, Durchlaucht.«

Trotz Zagens und Remonstrierens des Mainzers, der versöhnlich bleiben

wollte, ging der Beschluß durch, daß in zwei Schritten der ganze Weg

durchschritten werden sollte. Man sah sich auf einem Vulkan, Friedlands

Armee bei Memmingen wuchs. Sie erklärten: »Die übermäßigen Werbungen im

Reich, Abdankungen Abmarsch Rückmarsch Kontribution Einquartierung haben

die Wohlfahrt des Reiches untergraben; das Vermögen des Heiligen Reiches,

seine Kraft und Stärke, wodurch es sich bei seinem hohen Stand und

christlichen Glaubensbekenntnis gegen Türken und Heiden bisher vor allen

andern Königreichen der Welt erhalten hat, ist ganz verzehrt, verwüstet,

seine Habe in fremdes Land geführt, vornehme Länder und Provinzen, die eine

Zier und Vormauer des Reichs gewesen sind, sind verheert. Die Kurfürsten

und Fürsten, gänzlich allen Ansehens beraubt, haben sich den kaiserlichen

Kommandanten, die sich mit ihnen im Stande nicht vergleichen können, zu

unterwerfen und müssen unzählige Drangsale stillschweigend über sich

ergehen lassen. Das kurfürstliche Kollegium, kraft getroffenen einstimmigen

Kollegialbeschlusses, will deshalb nicht allein aus treuem Herzen ihrer

kaiserlichen Majestät geraten haben, sondern auch untertänigst und

ernstlich darum bitten, hier Verbesserung zu schaffen, der kaiserlichen

Armada ein solches Haupt vorzusetzen, das im Reich sitzt, ein ansehnliches

Mitglied des Reiches ist, dafür auch von anderen Ständen geachtet und

erkannt wird, zu dem Kurfürsten und Stände ein gutes zuversichtliches

Vertrauen haben. Dieser Feldherr möge in allen vorfallenden wichtigen

Sachen ermahnt sein, gemäß den Reichskonstitutionen getreulich zu

disponieren und sich mit den Kurfürsten zu verhalten, möge sich nicht

anmaßen, im Reiche zu dominieren, weil solches nicht Herkommen noch

zulässig ist.« Wenn aber ihre Kaiserliche Majestät in ihren Erbkönigreichen

und Landen ein besonderes Heer halten wollte, daran wollte man sie nicht

hindern noch ihr Maß geben, so lange es ohne Gefahr, Schade und

irgendwelche Beeinträchtigung von Kurfürsten und Ständen geschehen kann.

Kontributionen sollten niemals mehr direkt, sondern nur durch Anrufung und

Vermittlung der Reichs- und Kreisversammlungen erhoben werden, Durchzüge

und Musterplätze nur mit deren Zutun Genehmigung und Mithilfe.

* * * * *

Während die deutschen Kavaliere die Reitbahn und Tummelgarten bei den

Barfüßern frequentierten, Räte Dompröpste Dechanten Kanzler verschwiegen

beim Postmeister einkehrten, Geld in ein Lotto einlegten -- an der Wand war

mit Kreide gemalt italienisch: Wer das Kleid nicht schätzt, dessen Leben

dauert länger als das Kleid -- Stände sich im Bischofshof versammelten, in

die Antikamera geführt wurden, tauchten schon die fremden auffälligen

reichen Gestalten in den Gassen auf. Die Herren trugen einen ungeheuren

Putz mit sich herum, sie ertranken in den Gewändern, die sie mit sich

schleppten; so viel des Zobels, der Bordüren Aufschläge Spitzen Besätze,

der überfallenden Stulpen Wehrgehenke Schärpen. Das raschelte und knisterte

an ihnen; ihre gebrannten Haare verkrochen sich unter den Umhängen oder

blähten sich duftend im Wind auf. Damen begleiteten sie, in bequemen Wagen

fahrend, mit Regenschleiern über Kopf und Schulter, mit flachen

Stirnmützchen, von denen der Staubmantel nach rückwärts wallte. Bei klarem,

warmem Wetter gingen sie über die Wiesen, bei der Grube kaum verschleiert,

mit tief entblößten Schultern, so einfach, als stiegen sie eben aus dem

Wasser mit ihrem glatten, am Hals sich lockenden Haar; weißes und rosa

Leuchten der Übergewänder; über den Knieen wichen die Oberstoffe rückwärts;

golddurchwirkte Untergewänder mit hingehauchtem Blau wurden von den

Bewegungen angestrafft, in weißen Schuhen bewegten sie sich leicht und

völlig graziös. Es waren die Welschen, die von Grenoble vor drei Wochen

aufgebrochen waren, über Solothurn, Konstanz Ulm erreicht hatten, zu Schiff

anlangten. Sie fanden Quartier bei der Grube. Herr von Brulart führte sie,

der braune kuttige Kapuziner, der ihn begleitete, schmalschultrig,

kurzsichtig, blaß, mit einer starken Nase, war der Pater Joseph, François

du Tramblay, die Seele des Kardinals Richelieu. Sie mischten sich unter die

andern. Kavaliere und Damen küßten sich, wenn sie sich begegneten, auf den

Mund. Sie hatten viel Berührung mit dem bayrischen Hofstaat, aber auch mit

den vier sächsischen Herren und ihrem Anhang.

Trautmannsdorf forschte Brulart aus über den Grad der Einheit in der

französischen Nation, welchen Stämmen die mitgebrachten Kavaliere

angehörten. Der Welsche fand die Frage erstaunlich: »Eine Nation hat in

unserem Königreiche keinen Platz. Franzosen sind die Leute, die dem Sehr

Katholischen König Ludwig untertan sind. Bisher hat keine Regierungsakte

Kenntnis von dem Wort Nation oder Volk genommen. Und ich wußte nicht, wovon

ich reden sollte, wenn ich französische Völker oder Stämme sagte; mit König

Ludwig ist alles gesagt.«

»Man würde hierüber im Reich klagen, der Deutsche würde gleich den Verlust

seiner Freiheit argwöhnen.«

»Es ist ja nichts ehrenvoller,« zog der Welsche die Augenbrauen hoch, »als

dem König leibeigen zu sein. Wenn am Himmel die Sonne scheint, so nimmt

alles freudenvoll die Helligkeit und die Farben der Sonne an; die Franzosen

werden königlich; jedem ist, als ob das Auge des Königs auf ihm liegt, er

bemüht sich, ihm zu gefallen. Er sieht seine Kleider, die Tracht des Hofes,

hört den Ton des Gesprächs. Hat es ihm geschadet? Es scheint, als ob uns

fremde Völker nachahmen.«

»O man achtet auf eure Kavaliere und Damen; ich fürchte, man wird noch

schärfer auf sie achten müssen.«

Stolz der Franzose ablenkend: »Man achtet überall auf die Art Ludwigs. Man

wird seine Sendboten überall mit Freude aufnehmen.«

Brulart und Pater Joseph wurden in der mantuanischen Sache vom Kaiser

empfangen, ihre Legitimation war nicht vollständig, der Kaiser wollte

dennoch sehr gnädig verhandeln. Pater Joseph durfte in Gegenwart des großen

Lamormain lange zu ihm von geistlichen Dingen sprechen. Man redete über das

Mysterium des göttlichen Erdenwallens; Pere Joseph, hinreißend sich

ergehend, war in seinem Fach. Er drang auf Vereinigung der Seele mit Gott,

ihr Eintauchen und Plätschern in Gott; alle irdischen Leidenschaften, die

sich zwischen Gott und uns stellen, müßten abgelegt werden, die Liebe müßte

den Verstand lehren, ihn im Gehorsam und der Demut des Glaubens gefangen

halten, die Liebe müßte den Verstand zwingen, zu glauben, was er nicht

sieht, zu bewundern, was er nicht versteht. »Immer muß man an die Taten des

Heilands denken, seine Göttlichkeit durchleuchten sehen, ihn umarmen in

seinem Wesen. Man muß den Mund nicht gemein öffnen, als wenn man essen

will, muß nicht demjenigen gleichen, der lange hastig gelaufen ist nach

einem Ziel, das er zu erreichen strebt und der ganz außer Atem ist. Nicht

öffnen den Mund, wie um zu essen, innere Süßigkeiten zu empfangen, nicht

sich erholen wollen von innerer Erstickung. Das ist Notdurft, Zwang, das

ist nicht vollkommene Gottesliebe. Man muß herausstoßen aus sich das Leben

der Eigenseele. Aufeinander der Mund Gottes und unser Mund, um die Seele

fließen zu lassen über die königliche Tür seiner Lippen.« Oft wiederholte

er auf Fragen Lamormains: »Einschlummern im Dunkel des Geistes und der

Natur.«

Ferdinand hielt Lamormain bei sich fest; was er von dem Kapuziner hielte;

er selbst müsse als Tölpel gestehen, er besitze so geringen Verstand, daß

es keines Zwanges mehr bedürfe, um zu glauben; wie groß müsse der Verstand

des Pere Joseph sein, daß er solcher Gewalttätigkeiten bedürfe, und

vielleicht auch wie ungläubig sei der Pere. »Welch ein Glaube,« staunte er

dann wieder, »dieser Mund Gottes, dieses Begeisterte, Absonderliche.«

Eleonore wurde gerufen; sie setzte sich erst kalt in der feierlich strengen

Tracht an das Tischchen, die sie in Regensburg immer trug. Dann hörte sie

zu, fragte abwesend, von wem die Rede sei, begehrte erregter und mit einem

dunklen Blick den Franzosen kennenzulernen. Ferdinand lächelte schwer: »Du

wirst sehen, er redet dir die Gedanken aus dem Hirn; man hört ihn besser

nicht oft.«

* * * * *

Die Besprechung der kurfürstlichen Forderungen in der Wohnung des

erkrankten Grafen Strahlendorf, -- zugegen war neben anderen auch der junge

König Ferdinand, -- erhielt durch das unangemeldete Erscheinen und das

Eingreifen der Majestät einen sehr ernsten Charakter. Die pointierte

sächsische Schrift mit ihrem Jammer. Das unter lautloser Stille von Doktor

Frey vorgelesene gräßliche Register des Herzogs Bogislaw von Pommern,

vierundfünfzig schauerliche Punkte dem Mehrer des Reichs vortragen, von

Eltern, die das Fleisch ihrer Kinder verzehren, von Leichen im Lande, die

ungekochtes Gras im Munde hatten. Der Kurbrandenburger: zwanzig Millionen

Gulden seien seinem Land erpreßt. Die ligistische Schrift endend: »Nachdem

die Reichsfeinde, der Pfalzgraf, Mansfelder, Halberstädter, Baden-Durlach

geschlagen, die dänische Armada zerstreut, fast kein Feind mehr vorhanden

ist, hat man einen Feldhauptmann ohne Vorwissen und Einwilligung der

Stände, ohne Geldmittel mit einer so ungemessenen absoluten Gewalt ins

Reich verordnet, daß er nun alles nach eigenem Gutdünken regelt.«

Der junge König: »Wenn es richtig ist, was eine Schrift besagt, es seien

von Friedland zweihundertvierzig Millionen Reichstaler an Kontributionen

erhoben, so wird man den Herzog um Verrechnung ersuchen müssen. Wohin sind

diese Summen gekommen? Sind sie wirklich nur zur nötigen Abfindung des

Heeres und der Obersten benutzt und wer hat von ihnen profitiert?«

Peinliches Stillschweigen. Strahlendorf: »Das Gefährliche der Vorgänge

liegt in der Verbindung der katholischen mit den protestantischen

Kurfürsten.«

Der Kaiser: »Sie kommen mir mit Dingen, an denen jeder Erwählte Römische

Kaiser zu beißen hat. Das Reich führt Krieg, man gewährt ihm keine Mittel.

Der Ächter Friedrich hat das Reich angegriffen, man hat mir keine Mittel

zur Gegenwehr gestellt. Der Herzog nimmt, was mir zusteht. Sind Vergehen

vorgefallen, werde ich Strafe vollziehen lassen.«

Trautmannsdorf: »Das Reich bequemt sich zur Ordnung. Es ist ein Unverstand,

mit Sätzen zu kommen, wie: Kontributionen nur durch die Kreise. Daran

scheitert der Krieg.«

Der Kaiser griff seitlich nach den beschriebenen Bogen, warf sie auf den

Boden: »Sie wollen kaum ein Reich. Jammern zum Schein. Sie wollen das Reich

nicht.«

Wallenstein. 2 (of 2) · 第 12 / 44 题