* * * * *
Kaiser Ferdinand erlebte mit tiefem Glück, wie das deutsche Reich
unterjocht wurde. Es war sein Entschluß gewesen, der diese grausige
Maschinerie Wallenstein in Bewegung gesetzt hatte, er allein hatte
verhindert, daß man die Maschinerie hemmte, sie arbeitete weiter. Rechts
und links standen sie an seinem Hoflager auf, um seine Wonne zu schmälern,
er sah mit ungestörter Ruhe zu, zwinkerte mitleidig, hoheitsvoll. Fürst
Eggenberg war zu nüchtern auf Sicherheit bedacht, konnte nicht spielen,
nicht gewinnen; gut, daß er so war, man konnte sich seiner bedienen.
Trautmannsdorf hatte Mut, aber er trug an seinem Buckel, liebte es an der
Sonne zu liegen und behaglich aus dem Winkel zu kläffen. Freudig grunzte
der große Lamormain, roch den großen Braten, der der Kirche im Norden
bereitet wurde; damit war es genug, sonst hieß es mäkeln, ihm war niemals
recht geschehen. Herrn Meggau flossen die Gelder nicht rasch genug her,
Graf Strahlendorf ächzte über die fatale Armee, die nur halb katholisch
war, als ob eine Unterwerfung durch protestantische Hand weniger
nachdrücklich wäre als durch katholische. Und was machte in München der
entthronte Max, jetzt nicht mehr Kaiser im Reiche, sondern Fürst unter
vielen, ein zähneknirschender. Das Abenteuer hatte er in schon grauer Zeit
heraufbeschworen, ohne ihn wäre der Herzog von Friedland nicht in die Höhe
gekommen und angenommen als kaiserlicher General; der Kaiser war ihm Dank
schuldig, aber der Bayer war nicht froh über den Lauf der Dinge, es schien
so, es schien ganz so, ihm behagte nichts mehr im Reich, Opfer sein machte
keinen Spaß. Und Sieger sein dem Friedländer nicht. Den trieb es als sein
Verhängnis um, er hatte ein böses giftiges Blut in sich; wenn er
Niedersachsen erobert hatte, drängte es ihn nach Dänemark; wenn Dänemark
dalag, war Bethlen nicht ruhig; war Bethlen besänftigt, reizte der Türke;
der Friedländer war das heiße Schwert, das zu schneiden verlangte, man
mußte ihn halten, regieren. Ihm aber, dem Kaiser Ferdinand, war alles
durchsichtig; für seine Frömmigkeit hatte ihm die Mutter Gottes diese
Menschen und das unterjochte Deutschland verliehen. Der Kaiser, der in
diesen Monaten nach der Zerschmetterung der Dänen und Niedersachsen, noch
gelb vom Sumpffieber, in der Burg, in Wolkersdorf und Schönbrunn
herumwankte, blickte den Dingen scheu und mit einer kichernden Verliebtheit
unter die Augen, er empfing sie geheim und stumm wie ein Einsiedler, der
Hirsche Rehe in seine Hütte einläßt. Der Zermalmung der Feinde in Schlesien
schaute er mit einer schmerzlichen Gespanntheit zu, dann war plötzlich ein
Faden in ihm gerissen. Er war plötzlich hellsichtig geworden. Die
ungeheuern Märsche kamen, die Siege, er wußte sie vorher; ihm kam vor, er
wußte noch vielmehr; manchmal schien ihm, als ob Wallenstein sein
Vertrauter war, aber die kalten Meldungen zeigten ihm, daß der Herzog nicht
wußte, was vorging. Und so wälzte sich geheimnisvoll leise der Krieg ab vor
seinen Füßen; am Hofe tobten ekstatisch die Menschen über die Erfolge, die
lauten Glocken dröhnten über Holstein, Pommern. Ferdinand erfüllte sich mit
wachsender Ruhe und Scheu. Er wurde behutsam, stille; sein Schicksal sah er
draußen sich abspielen. Eine ungeheure Hand wurde sichtbar in diesen von
Kriegern Pferden Kanonen getriebenen Ereignissen, die Krieger wußten nicht,
was sie taten, warum sie fielen, die Pferde liefen und glaubten den
Lederzügeln und dem Kutscher zu gehorchen, die Kanonen waren aus Bronze und
keiner glaubte, daß mehr als die Geschicklichkeit der Bedienung die Stein-
Blei- und Kettenkugeln lenkte. Eine Hand schrieb für den Sehenden in den
niedersächsischen und holsteinischen Boden, Zug um Zug wurde die Schrift
deutlicher.
Die Kaiserin sollte daran teilnehmen. Ferdinand dachte wenig an sie, so
innig er auch mit ihr zusammen war, mit ihr spazierte, ausfuhr, ihr
Geschenke brachte. Er ging mit einer Schöpfung von sich um, einer sanften
aufsaugenden Frau, die nur Gewalt in der Inbrunst besaß; eine Gnade des
Himmels hat sie ihm zugeschoben, sie war der schwingende widertönende Raum
in seiner Seele. Jetzt zeigte er ihr, in der verschlossenen Sänfte mit ihr
über Maienhügel fahrend, mit kleinen Sätzen, wie sich draußen alles fügte.
Ferdinands Gesicht hatte sich von der Krankheit noch nicht hergestellt;
einen fast kahlen kleinen Schädel, von faltiger Haut überzogen, bewegte er
auf einem schlottrigen Hals, sein frierender eingefallener Leib verkroch
sich, eingeschnürt wie ein Igel, in die braunen und gesprenkelten
Pelzmassen, Hände und Füße tremolierten viel. Die weißblauen Augen ließen
es sich genügen, geradeaus zu blicken. Er flüsterte demütig: »Wir sind ein
Werkzeug des Allmächtigen. Die Gebete und Fürsprachen sind nicht umsonst
gewesen.«
Die Mantuanerin, aus allen ihren Zusammenhängen gelöst, ließ sich schon
fast willenlos treiben, das Gefühl einer tiefen Sündhaftigkeit wurde sie
nicht los. Knirschend beugte bog bäumte sie sich neben ihm zu der Rolle,
die er ihr zuschrieb; immer wieder vergewaltigte sie sich mit Graus und
Wonne, bog sich für ihn zurecht. Das lombardische Geträllere, süß, frei,
mit der Lust einer reinen, hellen Landschaft um sich, die Erinnerung an
ländliche Tänze, bunte Kleider, Feste mit sich tragend, vermochte sie nicht
mehr zu hören, oder mit einem Hohn, der ihr selbst schmerzlich war. Was die
Kirche war, daß es eine Kirche, eine seligmachende heilige Kirche geben
mußte, wurde ihr verständlich in ihrer Sündhaftigkeit, rettungslosen
Selbstentfremdung; in Gebeten schmiegte sie sich neben den Kaiser, es gab
eine reine und selige Gemeinschaft zwischen ihnen, die alles entsühnte, da
konnte sie ohne Zittern mit ihm wandern; wenn sie so bleiben konnte mit
ihm. Sie wurde Stifterin von neuen Orden; alte zerfallene lockte sie an
sich; der Gnadenschatz, den sie sich erwarb, mußte ihr das Leben
erleichtern, Dunkel über den Weg gießen, den sie ging. Sie entdeckte mit
selbstmörderischer Freude, daß ihr die härtere kühle Luft des Landes
zunehmend mehr behagte, daß sie in Straßen fuhr, als wenn sie hier zu Hause
wäre. Nur die Fremden, die aus Savoyen und Mantua sie besuchten und sahen,
fanden, daß sie mit ihren unnatürlich aufgerissenen Augen nicht mehr zu
erkennen war, daß sie wie vom Gram zerschnitten war, bezogen es auf ihre
Kinderlosigkeit.
Und wie der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches versunken in die Höhe
geschoben wurde von den Siegen, die ihm eine himmlische Macht zuwies,
drängten sich im Reiche seine Parteihalter zusammen, sich des Raubs der
Siegesbeute zu bemächtigen, wo er sich greifen ließ. Ihre heißen Augen
lagen auf den beiden Erzbistümern, zwölf Bistümern in Niedersachsen, mit
dem berühmten Magdeburg, Bremen, Halberstadt, Merseburg, Lübeck. Man konnte
sie jetzt anpacken, nach denen man solange lüstern war; die Hochstifte
waren die Zeugen des Niedergangs der katholischen Macht. Langsam, kaum
merklich waren sie in protestantische Hände abgeglitten. Die trüben Zeiten
waren vorbei. Unter den ligistischen Mitläufern des Kaisers hörte das
Geraune nicht auf, als das Gesicht des Krieges sich unverhüllt zeigte,
lächelnd gegen die Wallensteiner, finster gegen den Dänen. Man zog den
Kaiser nicht ins Geheimnis, plante mit Ansprüchen an ihn heranzutreten als
zu einer Kompensationsforderung bei seinem Machtzuwachs. Die feinhörigen
Herren in Wien fingen ihnen das Wasser ab, besänftigten die Wut und das
Widerstreben gegen das Vorgehen des Friedländers, indem sie die Rückgabe
jener Stifte als mögliches Zugeständnis des Kaisers in Aussicht stellten,
nach dem Siege, nach dem Siege. Sie wurden kirr; inzwischen konnte
ungehindert der Kriegswagen des eisernen Böhmen über Niederdeutschland
fahren. Wenn erst der Böhme und mit ihm der Kaiser in Glorie und
Furchtbarkeit flammen werde, werde die Verhandlung über jene Ansprüche ein
andres Ansehen bekommen, wie man wünschte: dachten die Räte.
Die geistlichen Herren traten einzeln und in Gruppen in Wien auf; vor dem
Reichskammergericht erschienen ihre Abgesandten, vor dem Reichshofrat.
Klein war ihr Rechtsgepäck, um so schwerer; es war sicher nach den
Friedenssatzungen des vergangenen Jahrhunderts, daß zahllose Güter Erz- und
Hochstifte sich in falschen Händen befanden, -- wenngleich inzwischen Land
und Herrschaft protestantisch geworden war. Aber der Kirche war ihr Besitz
entrungen, ihr war nach dem Buchstaben Unrecht geschehen, wie einem Kranken
Unrecht geschieht, der nicht essen kann und dessen Speisen unterdessen die
Gesunden schlucken. Erregter wurden die Forderungen der Prälaten, je mehr
der Hof an sich hielt; Prämonstratenser verlangten ihre Klöster im Erzstift
Magdeburg wieder, kaum wäre noch der kleinste Teil der Menschen dort
katholisch; Benediktiner regten sich. Unverzüglich, schrien sie in Wien vor
den Kammern -- und um so hitziger, als die Pracht um sie zeigte, welche
Summen aus den eroberten Ländern herflossen --, sogleich sollten jene
unbefugten Inhaber die Güter ausräumen und abtreten, samt allen noch
vorhandenen Fahrnissen; durch Nachlässigkeit der Geistlichen, durch List
und Gewalt der Ketzer sei ihnen ihre Habe entzogen, tausend Seelen um
ewiges Heil gekommen. Wie Gläubiger schwirrten sie um die Wiener Burg,
schnarrten vor dem ernsten träumenden Kaiser. Er verlangte sie nicht vor
sich, als ihm Fürst Eggenberg von dieser Bewegung unter den Altgläubigen
erzählte: »Ich bin nicht Kaiser für die Benediktiner und Prämonstratenser.«
Ein zähes Äbtlein, Kaspar geheißen, von dem Prager Kloster Strahow,
verstand es, sich einzuschmuggeln, prahlend von seinem verlorenen Kloster
Sankta Maria zu Magdeburg zu schwadronieren, auch von den Klöstern
Gottesgnad und Jericho im selben Erzstift, bis Ferdinand ihm seufzend ein
Zettelchen bot, das eine Anweisung auf den Geldbetrag dieser Klöster
darstellte. Damit war Kaspar nicht zufrieden; Prälaten, die davon erfuhren,
sahen darin nur ein Zeichen des kaiserlichen Widerstands. Abt Anton von
Kremsmünster war Benediktiner, wußte von säkularisierten Gütern seines
Ordens; er wandte sich an Eggenberg um Hilfe. Die beiden alten Freunde
lächelten sich an: »Ich will Euch nur wiederholen, was die Majestät zum
schlauen Kaspar sagte --, daß sie nicht bloß Kaiser der Mönchsorden sei.«
Antonius meinte, es könne doch niemand durch Ausführung von
Rechtsbeschlüssen gequält werden, die Leidtragenden seien Ketzer, Rebellen.
Eggenberg hob die Hand: »Er will nicht.« »Er wird wollen, Eggenberg. Man
kann es verschieden ansehen, man kann aber auch sagen: es ist nicht schön,
am vollen Tisch tafeln und andere hungern lassen.« »Es ist nicht so, Ihr
verkennt ihn.« »Ich weiß, es ist nicht so. Aber wir wollen tafeln.«
Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den
Protestanten für die Ablösung jener Stifter und Güter. Der hitzige Abt von
Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor
Jahrzehnten, da sei das Luthertum über sie hergefallen und habe sie
ausgeplündert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht muß beseitigt werden,
Strafe muß folgen. Mit Strahow sprach ein Profoß der Jesugesellschaft in
Wien, sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit
lobte den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur
unvollständig. Und den sehr erstaunten Abt beglückte und stärkte er mit dem
Hinweis, zum Leichenraub gehörten zwei, einer der stirbt, und einer der
lebt. Ist es ein Verbrechen des Luthertums gewesen, daß es damals lebte;
ist es ein Ruhm der heiligen Kirche gewesen, daß sie fast hin war? Wenn
Unkraut auf dem Acker überwuchert, kann das Korn nicht gedeihen; wenn das
Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und
Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim Gärtner und Bauer. Die
Kirche hat Gärtner gehabt, die ihre Äcker nicht gepflegt haben. Jetzt werde
man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus mit dem Unkraut;
Raum für das blühende Getreide.
Die Kirchenherren erreichten, daß der Abt von Meggau sich an den Herzog von
Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestät rate und welche
vermutlichen militärischen Folgen sich aus einem Zugeständnis ergeben
würden. Der Herzog saß in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee
gegen Dänemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen.
Er gab schriftlich von sich, daß man ihn nicht mit Politik befassen möge.
Herr von Strahlendorf, Fürsprecher der Rückgabe im Geheimen Rat, drang in
das Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verärgert den edlen Herrn,
an dieser Angelegenheit denn so wichtig wäre, daß man einen besonderen
Befrager an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wärme dargelegt hatte,
welches Unrecht der Kirche geschehen sei, schloß der hagere General kurz
und den Herrn an die Tür drängend, die Kriegstage erlaubten ihm keine
langen Debatten; gehörten die fraglichen Güter der heiligen Kirche, so
würde das Reichskammergericht das Urteil fällen; er käme nur für die
Exekution in Frage. Erst bei den stockenden Bemerkungen des langen Grafen,
daß der Kaiser nicht recht für die Sache zu haben sei, wurde der General
aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden Blick. Er ließ seinen Freund,
den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das Zimmer rufen und fragte ihn, den
Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden Grafen, ob er Lust hätte,
Magdeburg für die Katholiken zu erobern. Und auf das Erbleichen des Mannes
und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab er ihm die Hand:
dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern -- irgendwoher,
wo man anscheinend Hunger hätte nach dem Rind, aber keine Leine, es zu
fangen. Er möge nicht beunruhigt sein, für dies Rind hätte er auch keine
Leine. Dies sei, schmähte er nach der Entlassung Arnims gegen Strahlendorf,
seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun, man möge
nicht Schwierigkeiten machen. -- Aber er sei doch Katholik, hob nach langer
Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht für billig ansehe, Vorteile, die
sich aus der Kriegslage für die Religion ergäben, zu benutzen. -- »Man
denkt vielleicht wieder«, sagte der General, »mir einen Knüppel zwischen
die Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den
Herrn nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie
katholisch oder lutherisch sind.« Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf
ab, es sei nur eine Anfrage gewesen, die er nicht verübeln wolle; es gäbe
in einem Reich vielfache Interessen, regten sich viele Wünsche. Mißtrauisch
betrachtete ihn Wallenstein in der Nähe: »Der Kaiser ist wohl dem und jenem
zu stark geworden. Möchten ihn etwas zwicken. Möchte wohl auch der und
jener im Trüben fischen. Laß er sich nicht zum Werkzeug verkappter
Schelmereien machen.« Strahlendorfs Abschied war nicht gnädiger als sein
Empfang.
»Man will ihm an den Kragen,« streckte Friedland die Arme über sich am
Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. »Sie
wollen ihn unter den päpstlichen Hut drücken. Er ist ihnen zu groß, schon
jetzt viel viel zu groß.«
»Fühle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in
ihren Entschlüssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei
den Polen fechten.«
»Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab' er vielen Dank. Man will ihm an
den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.«
Er stieg durchs Zimmer: »Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den
Herren den Kopf vor die Füße legen müssen.«
In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der
achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstünde seine Zeit nicht. Zur
Macht war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er
sei der Todfeind des andern. Über den Eingang seines Theaters schrieb er,
er denke nur an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er
aus dem Rüstzeug des päpstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco
baute er an der Grenze des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In
Tivoli arbeitete seine Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmäler
eiserne. Als jenseits der Alpen der Krieg auf die Höhe stieg, erneuerte er
die Nachtmahlsbulle in coena domini, verfluchend Ketzer, Hussiten,
Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier,
Wiedertäufer und die Meerpiraten. Zerschmettert sollten die deutschen
Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen wieder entrissen werden und der
Kirche zufallen.
Schon während der militärischen Aktion erklärten seine Gesandten am Wiener
Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes,
dazu ausreiche, daß Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen
Besitz wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein
sollte marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen
deutschen Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der
Ligisten, der entrüsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um
einen Sonderlegaten nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den
Straßen läuteten. Schon bereiste eine geheime päpstliche Kommission die
besetzten Gebiete und das übrige Deutschland, um für Urban die kommenden
Einkünfte abzuschätzen; er hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des
Kirchenstaates vorzurücken, die Liga gegen den gefährlich übermächtigen
Kaiser zu unterstützen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden
Nuntius blies Urban bei verschlossener Kammer in die Ohren: »Die Kirche hat
nie frömmere Fürsten gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand.
Das weiß ich. Aber es wäre schrecklich, wenn sie nicht die Frömmigkeit
besäßen. Schließlich rechtfertigt nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und
schamlosen Räubereien. Der Kaiser mag uns bitten, die Stifter anzunehmen
und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu verzichten; wir werden erwägen, ihm
einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga, zuzugestehen. Vergeßt nicht,
einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr hättet von mir das Wort gehört, die
Welt verlöre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und damit verbeugt Euch vor
Habsburg; man wird Euch verstehen. Im übrigen liebe ich Frankreich nicht
mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist groß genug für viele
Kinder.«
Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten
Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche päpstliche Nuntiatur
eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im
spanischen Saal, matt in den Armlehnen hängend, wie ein Wundervogel ohne
Begierde durch die Käfigstangen den Schnabel steckend, hörte Ferdinand
milde und still neugierig den vor großem Gefolge im Kardinalspurpur
gestikulierenden Italiener an. Noch einmal ließ ihm der Heilige Vater und
nun mündlich Glück zu dem Siege wünschen, dessen Gerüchte den Weltball
erschütterten. Es sei durch die Frömmigkeit und Tugend Habsburgs
vornehmlich geschehen, daß sich die trauernde Kirche aus ihrem Jammer
erhoben habe und nun majestätisch um sich blicke, die Braut Christi, die
ein süßes und dankbares Lächeln denen spende, die ihr Schwertträger gewesen
waren. Dies aller Welt zu verkünden in feierlich offener Audienz sei dem
Papst Urban Herzensbedürfnis. Mögen auch die noch nicht Unterworfenen und
unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich zu vergewärtigen
haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche aber stehe
nicht an, ihre Freude zu äußern, wo sie ihre Kinder wieder um sich sammeln
wolle, die heimtückisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und Klöster,
die sie mit Jubel an ihr Herz drücke, alles Vergangene vergessend. Sie
nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glück
ihrer Brust keinen Vorwurf über den erlittenen Verlust mache.
Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die
Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Fürsten. Sie
hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme
verratend. In Ferdinand zog sich, während er zuhörte, ein gräßliches Gefühl
zusammen, das ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn
legte. Er sollte überfallen werden. Man überfiel ihn: man wollte ihn vor
die vollendete Tatsache stellen, daß das Reich geplündert wurde. Ihn, den
Kaiser; sie wußten, daß er es nicht zulassen würde. Man wollte ihn zum
Erwachen bringen. Er war überflutet, nicht imstande, seitlich zu ihnen
hinzublicken. Bestürzt reichte er dem stolzen tönenden Kardinal die Hand.
»Was war das? Was war das?« flüsterte er, in sich verwirrt, auf den
Korridoren. Er saß kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf
angemeldet wurden, während er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der
Habsburger, noch im großen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls
geschoben, über dessen Lehne Purpurmantel und Schärpen bauschig
herabfielen, als gehörten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb
dunkel.
Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich
aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten
Händen, hauchend: »Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.«
Die beiden, erschüttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen
auf dem Teppich näher treten; er winkte gleichmütig weiter: »Ihr stört
mich. Nehmt an, ich hätte euch schon angehört. Ich billige eure Argumente.
Es ist gut.« Eggenberg: »Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine
Erklärung abgeben.« »Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen.« Der
schmerzbewegte Fürst: »Was haben wir verschuldet?« »Ich erwarte die
Kaiserin. Ich danke.« Er strich immer weiter vor sich in die Luft.
Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: »Auf die Gefahr, den
Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz muß ich
gesagt haben.« Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die
linke Hand fuhr leicht in die Höhe: »Welchen Satz?« »Daß wir nicht schuld
sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.« »Wie sonderbar.« »Eine feierliche
Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war
verabredet.« Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser
minutenlang von einem zum andern seine weißen Augen gehen: »Was wollt ihr
mir erzählen.« Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: »Es ist nötig,
beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal
hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben.« »Das wollt
ihr mir erzählen.« Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll
Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich,
seine Stimme klang entspannter: »Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat
euch übertölpelt?« »Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen
ist.« »Und ihr beide und andere?« »Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne
daß wir uns dessen versehen konnten.« »Er wollte, er hat erreicht --« »Gut,
Graf Trautmannsdorf.«
Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe
Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die
Schulter ablegte, atmete er erleichtert. »Mich freut, daß ich nicht allein
überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich
gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie
vor einiger Zeit, so hätte ich« -- der Kaiser sprach sehr leise, versunken,
monologisch -- »kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug
gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu
besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht --, qualvoll
war es nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.«
Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann
bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie
sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es
sei genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt.
Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er
habe ja Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die
Stifter --; er werde auch darüber nachdenken.
Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich
ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und
Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er
saß noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. »Ich
denke,« sagte er, als sie ihn bedrängte, »unser Leben ist nicht lang. Ich
wäre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden.« -- »Ich wäre,«
flüsterte er später, »bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der
fünfte Karl. -- So durchschauert hat es mich.« Bleich, langgezogen das
tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken
Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: »Du wolltest
ins Kloster.« Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme
zusammen: »O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht.« Sie
schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr
herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: »Es gibt
nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können
nichts weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue
ich mich, daß du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.«
Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in
diesen Tagen selten unterbrochen. »O, gib nicht nach, Ferdinand,« flüsterte
sie, sich über ihre Knie werfend, »sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei
dir sein.«
Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite
her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die
Mantuanerin auf. »Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es
ist an mir vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit
Vorschlägen. -- Laß mich das überlegen mit dir.«
»Ich kann nicht. Verzeih' mir.«
»Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden.
Es könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.«
»Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe
den Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen
sein: er wird dir helfen.«
»Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht. Ich
will daran nicht denken. Er wollte Länder. Sie sind habsüchtig, wagen sich
an mich heran.«
»Der Papst hat von dir Länder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich,
daß er sie verlangt.«
»Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende
Gebete und Fürsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich's verdient habe. Ist
er nicht wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begründet durch
die göttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu
sein.«
»Ferdinand, von wem sprichst du! So freu' dich! Gib! Gib mir, daß ich
schenken kann! Ferdinand!«
»Ich hab' ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je
mehr ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich
hab' es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich
verfüge über nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.«
»Schenk' mir. Sprich nicht so. Ich brauch' es, ich bedarf es. Willst du
nicht meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua
geholt hast? Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.«
»Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir würde ich noch
eher nachgeben.«
Sie saß plötzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: »Ich weiß, es
gibt einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist
du. Wenn es auf mich fiel, könnte ich nicht widerstehen. Wo es dich
getroffen hat, kannst du nicht anders. Ich weiß es.«
»Du weißt das?«
Abweisend artikulierte sie: »Ich weiß. Du kannst dich nicht entziehen. Du
hast sowenig eine Wahl wie ich.«
»Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht wählen
können?«
»Versuche.«