Mit einer tiefen Bucht schneidet der See vor dem Walde ein; die dicken

Pferdebinsen, die an ihrem Eingange wachsen, sperren die Bucht gegen

das offene Wasser ab, so daß sie wie ein kleiner See aussieht.

Der Wind kann nur wenig ihr Wasser aufwühlen, denn Weiden und

Zitterpappeln nehmen ihm die Kraft, und auch der Wellenschlag bricht

sich an der mächtigen Bank aus zähen Ranken, die der Wasserhahnenfuß

vor dem Binsendickicht bildet.

So faßte Bandgras, Schilf und Rohr, Froschkeule, Kalmus und

Schwertlilie an den Rändern der Bucht Fuß, Riesenampfer und

Wasserliesch siedeln sich an, Uferwinde und Mäuseholz durchflechten

das Ufergebüsch, und in den Erlen schuf der Hopfen dichte Wände. Die

Mitte der Bucht füllen Seerosen und Mummeln aus, ihre weißen und gelben

Blumen der Sonne öffnend, und zwischen ihnen finden auch Laichkraut,

Wasserknöterich, Froschbiß und Entengrün Platz.

Eine heimliche Ecke ist diese Bucht, die ihr eigenes Leben hat. Hier

brütet der Haubentaucher, hier baut die Rohrdrossel; die Ralle führt

dort ihre Brut, und im dichten Halmgewirre lehrt das Zwergsumpfhuhn

seine Jungen die Schneckensuche. Riesengroße Frösche, wie sie sonst

im See kaum vorkommen, leben dort, denn für den Storch ist das Wasser

zu tief, und so können sie alt werden, wenn sie der Rohrweih, der der

Bucht gern einen Besuch macht, nicht greift, oder der Milan, der auch

ab und zu zusieht, ob es da für ihn nichts zu fangen gibt. Zumeist aber

ist es still und friedlich hier, zumal um die Unterstunde, wenn die

Sonne das Wasser in der Bucht erwärmt und es an den Rohrwänden flittert

und flattert von allerlei Wasserjungfern.

Mancherlei Arten kommen hier vor, die gemeinen mit den gelben,

schwarzgefleckten Leibern, die überall an den Ufern des Sees jagen,

zierliche mit goldgrünen Leibern und tiefblauschwarzen Flügeln, und

die ganz kleinen, himmelblauen und rubinroten, die so zart sind, daß

sie nur bei ganz stiller Luft sich aus dem Schutze der Rohrwände

herauswagen. Sie sind alle schön, alle ohne Ausnahme, und alle

miteinander sind sie Räuber, die mit scharfem Gebiß Mücken und Fliegen,

Motten und Falter zerreißen, die ihnen bei ihren Jagdfahrten begegnen.

Aber so schön sie auch sind und so keck sie auch fliegen, eine ist da,

die ist schöner als sie alle und größer als die anderen und kühner als

irgend eine Libelle.

Die Libellenkönigin ist es; keine der anderen kommt ihr gleich; noch

schöner und noch schneller ist sie als die großen Waldjungfern. Ihre

Flügel sind aus Goldfiligran, smaragdgrünen Schmuck trägt ihre Stirn

und ihr Leib ein Gewand aus lasurblauer, schwarzverbrämter Seide. Ihr

Flug ist königlich sicher und reißend schnell, so daß die Augen des

Menschen ihm kaum folgen können. Sie fährt dahin wie ein Falke, blitzt

in der Sonne auf, taucht im Schatten unter, fährt dicht über das Wasser

und schießt in jähem Bogen hoch empor, um steil hinabzustürzen und

langsam dahinzugleiten, bis sie eine Beute erspäht, rüttelnd über ihr

in der Luft stehenbleibt, sie erfassend und mit ihr davonstiebend.

Und unnahbar ist sie. Vergebens ist alle Mühe, sie zu fangen; sie

erspäht jede Bewegung des Menschen, und wenn er glaubt, er brauche nur

zuzuschlagen, dann ist sie schon längst aus dem Bereiche seines Netzes.

Aber sie ist nicht ängstlich und scheu wie die anderen Libellen, sie

ist nur vorsichtig. Von weitem erspäht sie alles, was sich ihrem

Gebiete nähert. Sie will wissen, wer es ist, der sich in ihr Revier

wagt, sei es Tier, sei es Mensch. Im Nu ist sie über dem Kopfe des

Anglers; erstaunt blickt er auf, denn ein hartes Rascheln traf sein

Ohr, aber schon ist die Libelle wieder in der äußersten Ecke der

Bucht, im nächsten Augenblicke fliegt der himmelblaue, goldumsprühte

Pfeil unter der Krone der Espe her, ist jetzt über den goldenen

Mummelblüten, nun in den Binsen und sofort wieder am Ende der Bucht,

den weißen Falter fassend, der harmlos um die rosenrote Dolde des

Wasserlieschs tänzelte.

Auf und ab, hin und her geht die wilde Raubfahrt. Die vier Flügel des

Falters flattern in das Wasser, und schon hat die Libellenkönigin

eine dicke, fette Schlammfliege erwischt, die sich gerade auf einen

Binsenhalm setzen wollte, und eine Schilfmotte, die unvorsichtig ihr

Versteck verließ, fällt ihr auch zur Beute. Sie stößt nie fehl, sie

greift nie vorbei, und dem gewaltigen grünen Frosche, der faul und

breit auf seinem Seerosenblatt sitzt, nimmt sie die Raupenfliege, die

sich ihm auf den Kopf setzte, weg, ehe er noch recht weiß, was sich

begeben hat. Mehr als einmal kommt sie ihm ganz nahe, aber doch nie so

sehr, daß sie in den Bereich seiner roten Klappzunge gerät, und bevor

er sich nach ihr hinwendet, ist sie schon längst anderswo.

Aber ihr Flug ist jetzt anders geworden. Nicht mehr fährt sie unstät

über den Wasserspiegel, sie streicht an den Rohrdickichten entlang,

hier und da rüttelnd, denn es ist ein Männchen, und es sucht ein

Weibchen. Aber Weibchen sind selten, und spröde sind sie. Sie sitzen

oft stundenlang verborgen und lassen sich von den Männchen suchen.

Hin und her sucht das Männchen, bald am Rohr, bald am Kalmus, jetzt

zwischen Schilf und Wald, nun zwischen Binsen und Flut, im Sonnenlicht

hell aufleuchtend, im Schatten untertauchend, lautlos dahinschwebend

oder im jähen Umwenden hart raschelnd.

Mit einem Male wird ihr Flug anders. Schnurgerade stößt sie nach dem

anderen Ufer herüber, verschwindet hinter den tiefherabhängenden

Espenzweigen, blitzt einen Augenblick wieder auf und ist abermals da.

Und jetzt jagt sie einem anderen Stücke ihresgleichen nach, einem

Weibchen. In blitzschnellen Wendungen weicht es dem ungestümen Männchen

aus, bald nach unten hin, bald nach oben abschwenkend, geradeaus

schießend, im spitzen Winkel umkehrend, noch einen Haken schlagend, und

hinter ihm drein schießt das Männchen, und erstaunt sieht der dicke

Frosch dem wilden Liebesgetändel zu, sich um seine Achse drehend in der

Hoffnung, daß eines der großen Tiere ihm doch einmal nahe genug komme.

Wilder wird der Liebesflug des Männchens, schneller der des Weibchens,

und jetzt wendet das Männchen plötzlich und biegt seitwärts ab, denn

vom Ufer her stob ein zweites Männchen heran. Mit geschickter Wendung

weicht es dem Angreifer aus und setzt hinter dem Weibchen her, aber

hinter ihm ist das erste Männchen. Jedesmal, wenn es zustoßen will, um

den Eindringling zu fassen, weicht der aus, doch schließlich prallen

beide aufeinander, die Flügel knistern und rascheln, es klatscht auf

dem Wasser, das fremde Männchen wurde gefaßt, besiegt, in die Flut

gestürzt, und ehe es sich erheben kann, klappt des Frosches Zunge

heraus, leimt es fest und zieht es in den Rachen hinein.

Während der Frosch noch mit den Vorderfüßen den schlanken, hellblau

schillernden Leib und die goldenen Flügel des besiegten Männchens

hinabstopft, hat der Sieger das Weibchen über das Rohrdickicht in das

Ufergebüsch getrieben, sich mit schnellem Griffe seiner bemächtigt und

es mit sich in die Blumen gerissen.

Nicht nach der gemeinen Libellenweise, vor aller Augen, pflegt die

Königslibelle der Liebe; im verborgenen Versteck, zwischen den Blättern

der duftenden Minze, treiben sie das süße Spiel, und nicht zwischen

Rohrhalmen und im Schilfe verbringen sie die Nacht wie die anderen

Wasserjungfern, sondern hoch oben in der Krone der alten Espe, die sich

tief über den Ausschnitt der Bucht neigt, den das Weidevieh getreten

hat. Dort wimmelt es von den Kaulquappen, aus denen einstmal große

grüne Frösche, die Todfeinde aller Libellen, werden sollen.

Träge liegen die unförmlichen Tiere da, die modernden Ränder der

Froschbißblätter benagend; sie fühlen sich sicher, denn rings um sie

her starrt das Rohr, und wenn die Hufe der Kühe den Boden erschüttern,

dann wimmeln die plumpen Geschöpfe in das Röhricht hinein. Behaglich

sonnen sie sich und mummeln das faulige Kraut. Sie ahnen es nicht,

daß der Tod dicht bei ihnen ist. Es ist nicht der Zwergreiher, denn

unter dem Wasser schleicht es heran, und der Hecht kann es auch nicht

sein, denn den lassen die Rohrhalme nicht durch. Es hängt kopfüber an

einem schwimmenden Stengel, setzt ein langes, dünnes Bein vor, und

noch eins, dreht den Kopf nach der nächsten Kaulquappe, glotzt sie mit

den riesenhaften Augen stier an, ohne sich zu rühren, gleitet, ohne

das Wasser zu bewegen, näher, verharrt wieder lange Zeit unbeweglich,

setzt einen Fuß voran, zieht einen anderen nach, gleitet noch ein

Stück voran, und da hängt sie regungslos und lauert, die Larve der

Königslibelle, mit Mörderaugen nach der einen Kaulquappe stierend. Die

ist satt und läßt sich langsam fallen, aber ehe sie den Grund erreicht,

schnellt der Feind die Fangzange vor, schlägt ihr die Widerhaken in den

weichen Leib und rächt das, was der große Frosch seiner Sippe tat, an

ihr.

Auf der Schneise

[Illustration]

Aeschna cyanea +Müll.+, A. grandis +L.+

Auf die Landstraße, die von der Stadt aus durch den Wald führt, stoßen

im rechten Winkel eine Anzahl von breiten Schneisen.

Eine davon ist besonders schön, denn zweimal durchschneidet sie der

Bach, der sich in vielen Krümmungen durch den Wald zieht, und bildet

bei den beiden Brücken breite Ausbuchtungen, und neben der Schneise

sind tiefe Gräben, die niemals austrocknen.

Üppig ist der Pflanzenwuchs hier. Die Gräben sind umwuchert von

Schwertlilien und Igelkolben, hohe Disteln und Dolden erheben sich an

ihren Ufern, Spierstauden und Glockenblumen schmücken ihre Säume, über

die das Vergißmeinnicht herausragt und sich mit dem gelb blühenden

Schattenklee verschlingt, während Hopfen und Geißblatt das Unterholz

hinter den Gräben umspinnen.

Darum geht es hier auch lustig her. Die ganze Schneise flattert von

Faltern, um alle Blumen summt und brummt es, die Luft blitzt von

blanken Flügeln, und Laubvogel und Mönch, Trauerfliegenschnäpper und

Meise finden hier Futter genug für ihre Schnäbel, desgleichen die

grünen Frösche, die auf den Grabenkanten sitzen, und die braunen, die

im Grase umherhüpfen.

Weil es hier von Beute wimmelt, ist nirgendwo im ganzen Walde die

blaue Edellibelle so viel zu finden wie hier. Auf allen Waldwegen ist

sie anzutreffen, aber hier doch am meisten. Zwar hat jedes Stück sein

festes Gebiet, in dem es kein anderes duldet, aber die Schneise ist

eine halbe Stunde lang und endet erst am Seeufer, und so haben viele

der schönen Räuber auf ihr Platz.

Wenn auch die Weißlinge, die Lieschgrasfalter, die Perlmuttervögel,

Kaisermäntel, Pfauenaugen und Trauermäntel die Schneise mit buntem

Leben erfüllen, und die Bienen, Wespen, Hummeln, Fliegen, Käfer und

Zwergjungfern erst recht, die Edeljungfern geben dem Bilde doch erst

den eigenartigen Zug. Das regellose Geflatter der Schmetterlinge,

das verworrene Geschwirre der anderen Blumengäste, es bildet nur den

Hintergrund zu den strengen Linien, die die blaue Waldjungfer darüber

zieht. Wie die vornehme Blütenrispe des stolzen Knabenkrautes gegen das

buntgeblümte Gras, wie der Ruf des Pfingstvogels gegen den Singsang

der Kleinvögel, so sticht ihre Erscheinung gegen alles ab, was hier

durcheinander schwirrt und umeinander flattert.

Ihr Bau ist herrlich und ihre Färbung prächtig. Ein köstliches Blau

bildet die Grundlage; es erfüllt die Augen, wird auf der Brust von

lichtgrünen Flecken, auf dem Leibe von schwarzbraunen, schön gezackten

Binden gehoben, und damit die prächtige Färbung noch mehr herauskomme,

ist das Bruststück oberhalb der Flügel braunrot gefärbt, und die

Schwingen schillern in zartem Goldglanze. Anders, aber ebenso prächtig,

mit braunen und gelbgrünen Flecken geziert, ist das Weibchen.

Aber nicht die Farbe ist es, die die Edellibelle auszeichnet, sondern

ihr Flug. Er ist so sicher, so stetig, so zielbewußt wie der des

Falken, und so schnell wie der der Schwalbe, und doch ist keine Hast

darin und keine Unruhe; Schnelligkeit und Ruhe verschmelzen sich in

ihm. Ob sie jagt, ob sie das Weibchen sucht, immer behält sie in

ihrem Fluge die vornehme Sicherheit; das gerade Gleiten geschieht mit

derselben Ruhe wie die blitzschnelle Wendung; erhebt sie sich, so

geschieht es ganz gelassen, und wenn sie herabsinkt, geschieht es ohne

Hast, trotzdem ihre Geschwindigkeit so schnell ist, daß es aussieht,

als zöge sich ein himmelblauer Faden durch die von Silberpunkten

durchblitzte Waldluft.

Sie ist stärker als die anderen Libellen; sie scheut den Schatten

nicht und braucht keinen Sonnenschein, um sich ihrer Flugkraft bewußt

zu werden. Sie sinkt nicht wie die anderen Arten haltlos in das Gras,

stellt sich eine dicke weiße Wolke vor die Sonne, und nun, da die

Sonne wieder die eine Hälfte der Schneise beleuchtet, hält sie sich

nicht an diese gebunden; wenn sie auch die Sonne nicht meidet, so

flieht sie doch auch den Schatten nicht und jagt dort ebenso flink und

sicher wie auf dem hellen Streifen.

Unaufhörlich ist sie in Bewegung. Alle Augenblicke macht sie eine

kleine Schwenkung, faßt mit den Vorderfüßen jetzt eine Mücke, schiebt

sie zwischen die Kiefer und greift sofort eine Fliege, die der Mücke

nachfolgen muß. Jetzt rüttelt sie ein kleines Weilchen über der

hohen Distel, auf deren Blüte sich gerade ein frisch geschlüpfter

Kohlweißling niederlassen will, stößt zu und erfaßt den Schmetterling.

Er ist zu groß, als daß sie ihn, wie sie es mit den Mücken und Fliegen

macht, im Fluge verzehren könnte; so hängt sie sich an eins der schön

geschwungenen Riedgrasblätter, die das Gewirr des Brombeerbusches

durchbrechen, und frißt, bis die Flügel des Falters einer nach dem

anderen in das Gras fallen und sie wieder, nachdem sie sich sorgfältig

gesäubert hat, auf neue Beute ausfliegt, bald in der Sonne, bald im

Schatten, hoch unter den Zweigen der Eiche her, die ihr Astwerk über

die Schneise breitet, dicht über den Bach hin, und nur dann an einem

Stamme oder an dem Brückengeländer rastend, wenn sie ein Beutetier

gegriffen hat, das zu groß ist, als daß sie es im Fluge fressen könnte.

Hin und wieder, wenn eine andere Edellibelle in ihr Gebiet einbricht,

unterbricht sie ihren reißenden und doch so ruhigen Jagdflug und stürzt

sich laut raschelnd dem Eindringling entgegen, ihn vertreibend, ist es

ein Männchen, ihm den Hof machend, wenn es ein Weibchen ist. Dann aber

ist auch sofort ein zweites und ein drittes Männchen da, und es beginnt

ein wildes Hetzen und Kämpfen, bis das älteste, reifste, schönste

Männchen die Nebenbuhler abgekämpft hat und sich das Weibchen erringt.

Und wenn die Sonne Abschied von der Schneise nimmt, wenn das lustige

Faltergetümmel und der Fliegen Reigentanz zu Ende geht, dann fährt die

blaue Edellibelle immer noch zwischen dem Bache und der Eiche hin und

her, und auch am Ende der Schneise, wo sie an den See stößt, der tief

unter dem abschüssigen Ufer liegt, über das die Zweige der Espen weite

breite Lauben bilden, taucht dann noch ab und zu eine große Edellibelle

auf, fliegt ein Ende in die Schneise hinein, zankt sich mit der blauen

Libelle und stiebt wieder von dannen.

Noch größer als die blaue Waldjungfer ist sie, die da rastlos unter

dem hohlen Ufer hin und her schießt und fürchterlich unter den Mücken

haust, die dort schwärmen, und schön ist sie auch, doch in anderer

Art. In goldigem Braun schimmern ihre Flügel, lichtbraun, hier und

da mit sparsamen hellblauen Marken versehen, und mit gelben Flecken

geschmückt ist ihr schlanker Leib, und wenn sie über jenen Stellen der

Flut erscheint, die von den letzten Strahlen der Abendsonne getroffen

werden, dann sieht es aus, als flöge ein goldener Pfeil dahin. Hängt

sie sich aber im Schatten an einen Zweig, den Leib steif von sich

streckend, so wird sie zu einem dürren, mißfarbigen Ästchen.

Unter dem hohlen Ufer, wo die Spuren des Otters im Lehmboden abgedrückt

sind, ragt ein dicker Pfahl aus dem Wasser, von langen grünen Algen

umwedelt. Die Fischer haben ihn dort eingerammt, um ihre Kähne daran

anzuschließen, und dem Eisvogel damit einen Gefallen getan, denn gern

sitzt er hier und wartet auf die Ukleis. Auch der großen braunen

Waldlibelle steht der Pfahl recht. Ein Weibchen umschwirrt ihn, läßt

sich dicht über dem Wasser an ihm nieder, unbesorgt, daß die leise

spielende Flut ihm den Leib benetzt, und tastet unter dem Wasser

mit der Hinterleibspitze an dem verrottenden, algenbedeckten Holze

umher, bis es einen Spalt gefunden hat, groß genug, den Legebohrer

aufzunehmen, durch den es Ei um Ei unter den Algenüberzug schiebt.

Lange dauert diese Arbeit, und anstrengend ist sie, und ermattet erhebt

das Weibchen sich endlich, kriecht an dem Pfahle empor und schwingt

sich endlich ab. Aber da blitzt es von dem Pfahle herunter, blitzt

hellblau und goldgrün, und auf der überhängenden Wurzel des Ufers

sitzt der Eisvogel und schlingt die Libelle hinunter, ihr dasselbe

Geschick bereitend, das sie über viele lustige Fliegen und fröhliche

Mücken, flinke Motten und schnelle Falter brachte.

Über dem Eisvogel aber in dem Gezweig der Espe raschelt und ruschelt

es; da wehrt sich ein Libellenweibchen unter dem starken Griffe des

Männchens, und vor ihm, blitzschnell dahinfahrend, wie zwei goldene

Pfeile in den Abendsonnenstrahlen leuchtend, fährt ein anderes

Paar dahin, Tod und Verderben unter den Mücken und Eintagsfliegen

verbreitend, während weiter oben im Walde die blauen Edellibellen den

Abendmotten nachstellen, bis sie sich zum Schlafen in die Kronen der

Eichen schwingen.

Am Ufer

[Illustration]

Aeschna viridis +Eversm.+

Es ist Abend geworden; rot und rund geht die Sonne über dem Walde

unter, und der Spiegel des Sees färbt sich mit goldenen Lichtern.

Das Gezwitscher der flüggen Vogelbrut hat aufgehört, beendet haben die

weißen Falter ihren Tanz über der Uferlichtung, verschwunden sind die

flinken Eidechsen, die an der Grabenkante hin und her raschelten.

Lauter wird es im Röhricht; da werfen sich die Fische, da schlüpft die

Rohrdommel von Halm zu Halm, da wagen sich die Enten auf die blitzenden

Blänken und grüßen mit breiten Lauten den Abendstern, unter dem behäbig

ein Reiher dahinrudert.

Hier und da tickt noch ein Rotkehlchen im Unterholze, die Krähen rudern

hart quarrend zu ihren Ruheplätzen, der Bussard schwingt sich in seinem

Schlafbaume ein, mit gellendem Gezeter stürzt sich die Amsel in ihren

Dornbusch.

Die Tiere des Abends erwachen. Lautlos schwebt eine Nachtschwalbe über

die Flut hin, wo schon längst im Zickzackfluge die Fledermäuse jagen.

Bleiche Motten erheben sich aus dem Schilfe, und haltlos taumelt ein

heller Spanner an dem Brombeerbusche vorüber.

Es ist sein erster Flug; am Nachmittage ist er aus der Puppe geschlüpft

und versucht jetzt die lichten, zart gebänderten Schwingen auf der

Suche nach einem Weibchen. Er soll die Liebe nicht kennenlernen; sein

erster Flug ist seine letzte Fahrt. Er schwebt über die goldenen

Weiderichblüten hin, flattert an der leuchtenden Rispe der Spierstaude

vorbei, aber dann wird er mitten aus seinem tändelnden Fluge gerissen.

Die Abendlibelle war es, die grüne Edeljungfer. Den Tag über hat sie

in der Krone der Espe geruht, die Sonne fliehend, die aller ihrer

Schwestern Wonne ist. Sie aber will keine Sonne, sie meidet das grelle

Tageslicht. Wenn die anderen Libellen ihr Flugvermögen verloren, weil

der Tag vor dem Abend wich, wenn sie an den Halmen und Blättern wie tot

schlafen, dann verläßt die Abendlibelle ihr Versteck.

Die Farben der Dämmerung hat sie sich erkoren, bräunlich ist das

Adernetz ihrer Flügel, grün und braun und blau ihr Leib. In stetigem,

lautlosem Eulenfluge streicht sie unter den Bäumen hin und her,

sich erhebend, wenn ihre großen gelben Augen eine Motte erspähen,

hinabstoßend, wenn sie einen lichten Falter über das Gekräut hintaumeln

sieht, im tiefen Schatten der Bäume jetzt verschwindend und dann

wieder über der leuchtenden Flut auftauchend, unbekümmert um die

kleinen Fledermäuse, die dort auf und ab huschen.

Die lichten, zart gebänderten Schwingen des Spanners fielen, sich

langsam drehend, einzeln zu Boden. Eine graue Schilfeule weicht

auf ihrem hastigen Zickzackfluge dem letzten Flügel aus, der in

ihre Flugbahn hinabwirbelte. Aber so unstät und regellos auch ihr

Flug ist, die grüne Edellibelle betrügt sie nicht. Jäh stürzt sie

herunter, rüttelt einen Augenblick, stößt zu und verschwindet mit ihr

im Schatten; und eine nach der anderen von den silbergrauen schmalen

Schwingen wirbelt in das taufeuchte Moos hinab.

Auf und ab durchstreift die Abendlibelle ihr Jagdgebiet. Ihren gelben

Mörderaugen entgeht nichts, was über den Halmen schwebt und um die

Zweige flattert. Mag die graue Motte sich auch noch so dicht am Boden

halten, mag die Eintagsfliege sich auch noch so hoch in die Luft

erheben, das grüne Gespenst erspäht sie doch, saust bis zur Erde,

steigt hoch empor und entweicht, ehe die Nachtschwalbe wieder da ist,

in die Dunkelheit hinein, um sofort wieder über dem hellen Strande zu

sein, wenn sich dort eine Beute zeigt.

Schon ruft hohl die Eule im Walde, schon klingeln die Enten über die

Kronen, im Fallaube schrillen die Spitzmäuse, und klatschend werfen

sich die Fische vor dem Röhricht, und immer noch jagt die Abendlibelle

lautlos unter den Espen hin und her, ab und zu, wenn sie eilig werden

muß, um eine Motte zu greifen, ganz leise mit den Schwingen knisternd,

oder lauter raschelnd, wenn es heißt, einen Nebenbuhler in die Flucht

zu treiben. Denn kein zweites Stück duldet sie in ihrem Gebiete; einsam

will sie jagen, sich nicht mit einer ihresgleichen in das Getier

teilen, was hier fliegt und flattert.

Nur wenn die Liebe sie plagt, sucht sie nach Gesellschaft. Im

Bogenfluge untersucht sie die Kronen der Espen, bis ihre gelben Augen

den blauen Leib eines Weibchens erspähen und sie es vor sich hertreibt

im wilden Minnefluge, an den Weidenbüschen entlang, über das Röhricht

hin, vor den Kronen der Espen her, auf die freie Flut hinaus und zurück

in den tiefen Waldschatten, bis sie es faßt und mit ihm in die Zweige

hineinraschelt, den süßen Lohn sich zu holen und in inniger Verknüpfung

mit ihm die Nacht zu verbringen.

Steigt dann die Sonne herauf, wird es still und laut in dem Gebüsch,

beginnt am Ufer entlang das Geflirr und Geflatter der Tageslibellen,

verbirgt sie sich im schattigen Blätterverstecke und verschläft den

Tag, bis die Sonne sich wieder hinter den Bäumen zur Ruhe begibt. Dann

erst, wenn alle anderen Libellen die Kraft zum Fliegen verlieren, kommt

ihre Zeit, dann erst beginnt ihren Raubflug die Abendlibelle.

Im Moore

[Illustration]

Cordulia flavomaculata +Vanderl.+, Aeschna mixta +Latr.+, Libellula

vulgata +L.+

Jenseits des Sees liegt das Moor; in der Nähe der Stadt ist es zu

Äckern gemacht, weiterhin zu Wiesen; hier und da sind Tonlöcher

ausgeworfen, besonders in der Nähe des Ufers, mehr nach dem Walde

zu liegen die Torfstiche, und dann kommen die dürren, heidwüchsigen

Sandberge.

Ein ganz anderer Pflanzenwuchs, ein ganz anderes Tierleben herrscht

hier als jenseits des Sees. Der Wiesenpieper erhebt sich, langweilig

singend, in die Luft, der Baumpieper schmettert sein kräftiges Lied,

abends meckert die Bekassine, und in den gewaltigen Rohrdickichten am

Seeufer brummt die Rohrdommel zur Nachtzeit.

Meist ist es einsam hier, außer in der Zeit der Heuernte und wenn

Torf gestochen wird; darum liegt das Birkwild hier gern, horsten die

Mooreulen und Weihen im sumpfigen Ried, birgt sich der Fischotter im

dichten Weidengestrüpp, und ab und zu erscheint der Schwarzstorch, der

tief im Walde sein Nest hat, und stellt den Mäusen und Kreuzottern

nach; oder der Gabelweih schaukelt über die Torfstiche und sieht zu, ob

er nicht einen Frosch erwischen kann.

Zahllos sind die Falter, die hier fliegen, vom rostroten Spinner,

der unstät über die Brombeerbüsche an den Wegrändern zickzackt, bis

zum zierlichen Bläuling, der über das Ried tänzelt, und der winzigen

Motte, die scharenweise aus dem Grase hervorhuschen, wenn die Kühe sie

aufscheuchen. Und die können den ganzen Tag Ohren und Schweife nicht

stillhalten, denn die Luft ist erfüllt von Grillen, Stechfliegen,

Mücken, blinden Fliegen und Bremsen, die singend, summend und brummend

über das Vieh herfallen.

Wasserjungfern: Geschichten von Sommerboten und Sonnenkündern · 第 3 / 4 段