Wasserjungfern nicht da wären und ihre Larven. In jedem Graben,
jeder Tongrube, in allen Torflöchern hängen die Larven in den Ranken
des golden blühenden Wasserschlauches, zwischen den Blättern der
Sumpfprimel und in dem Gewirre des jungen Torfmooses, wo es von
Mückenlarven wimmelt. Alle Arten von Libellen sind dort als Larven
vertreten, zierliche, feine, grasgrüne Geschöpfchen und plumpe, dicke,
schlammbraune Wesen; die einen wie die andern tun den ganzen Tag weiter
nichts, als daß sie ihre Fangmasken hervorschleudern und sie mit einer
Mückenlarve darin wieder zurückziehen.
Auch die Libellen, die überall umherschwärmen, sorgen dafür, daß das
stechende Geschmeiß nicht überhandnimmt. Sobald die Sonne scheint,
sind sie zu Tausenden da und richten ein verheerendes Gemetzel unter
dem Ungeziefer an; mag auch die Bremse noch so schnell sein, die
dunkelrotbraune, blaugemusterte Edellibelle greift sie mitten im Fluge,
und ob sie auch noch so brummt und zappelt, ihr vom Blute der Kühe bis
zum Platzen gefüllter Leib verschwindet unter den zermalmenden Kiefern,
und die Ameisen tragen ihre Flügel fort, die auf den Weg herunterfielen.
Ebenso geht es der blinden Fliege, die, ihre schwarzweißen Flügel
ausbreitend und mit den smaragdgrünen Augen vor sich hinstarrend, auf
der Spitze eines Grashalmes sitzt, satt vom gesogenen Blute; über ihr
rüttelt eine goldflügelige Libelle mit goldgrün schimmerndem, gelb
eingefaßtem Leibe und stiert mit grünen Augen auf sie hinunter. Ein
Stoß, ein Zuschnappen, und die schwarzweiße Fliege plagt keine Kuh mehr.
Auch die graue Fliege, die, angelockt von der Ausdünstung der
beiden Hütejungen, die sich auszogen, um in der Tongrube zu baden,
dahinfliegt, wird die Jungens nicht peinigen; blitzschnell saust
eine kleine, gelbe Jungfer daher, packt sie und setzt sich auf ein
Weidenblatt, um sie hurtig zu zerpflücken und dann wieder da hin und
her zu flirren, wo ihre gelben und roten Genossinnen sich tummeln.
Sogar die Mücken und die Grillen, die sich im Grase versteckt halten,
werden von den blauen, grünen und roten Schlankjungfern erspäht und
ergriffen.
Es ist schlimm hier mit dem Ungeziefer, so schlimm, daß die Bauern,
wenn sie ihr Vieh zum ersten Male nach dem Winter auf die Weide
schicken, es am ganzen Unterleibe mit dickem Öl einsalben müssen, denn
in solchen Haufen fallen die Kriebelmücken über die unglücklichen Tiere
her, daß sie schwer krank werden und manchmal sogar an den Folgen der
unzähligen Stiche fallen. Darum ist die Tätigkeit der Wasserjungfern
nicht hoch genug einzuschätzen, denn bei ihrer Menge und ihrer
Gefräßigkeit verringern sie die Scharen der Vieh- und Menschenpeiniger
beträchtlich, und was sie und ihre Larven davon vertilgen, übersteigt
das, was die Vögel darin leisten, wohl ganz bedeutend.
Ihr Heißhunger kennt keine Grenzen. Die große goldgrüne Jungfer,
der der eine Hütejunge aus Versehen mit einem Peitschenschlage den
Hinterleib abschlug, und die nun im Grase liegt, läßt die Bremse nicht
fahren, die sie in den Kiefern hält, und während schon die Ameisen
an ihrem zerrissenen Leibe hängen, frißt sie ihre Beute doch noch
erst auf. Über der Tonkuhle zieht ein braunrotes Edellibellenmännchen
seine Kreise, ab und zu zur Seite fahrend und eine bunte Blindfliege
erhaschend. Jetzt hat es im Blattwerk des Kolbenrohres ein Weibchen
erspäht; treibt es aus dem Versteck, faßt es und sinkt damit in das
Gras, aber während es das Weibchen zur Liebe zwingt, frißt es darum die
letzte Fliege, die es fing, doch dabei auf. Seine Liebestollheit ist
groß, aber ebenso groß ist seine Freßgier.
Wenn die Libellen hier nicht wären, bekämen die Ackerbürger keinen
einzigen Kohlkopf von ihren Feldern am Rande der Moorwiesen, denn viele
weiße Schmetterlinge tummeln sich dort. Aber nicht sehr viele kommen
dazu, ihre Eier an die Kohlpflanzen zu kleben, denn über den Feldern
schweben Libellen über Libellen, und alle Augenblicke stürzt sich eine
auf einen Falter, greift ihn und läßt sich damit zu Boden fallen; nach
kurzer Zeit ist nichts mehr von ihm übrig als die Flügel, die Fühler
und die Beine, willkommene Baustoffe für die Ameisen, die schleunigst
damit abziehen.
Als Räuber schlüpft die Libellenlarve aus dem Ei, als winziger Räuber,
der unter den allerjüngsten Mückenlarven aufräumt und sich an immer
größere Tiere wagt, je mehr er wächst; kaum hat die Libelle die
Nymphenhülle verlassen, hat eben erst Flugkraft erlangt, hat sich noch
nicht halb ausgefärbt, so fliegt sie schon auf Raub aus, und sind ihre
Flügel auch schon zerfetzt und ausgefranst, daß sie nur noch mühsam
dahinflattert, sie raubt weiter, bis es mit ihr zu Ende geht, und noch
im Sterben lassen ihre Kiefer die letzte Beute, die sie machte, nicht
los.
Kurzsichtige Menschen, die nicht weiter sehen, als ihre Nase reicht,
sind auf den großen Gedanken gekommen, die Mückenplage dadurch zu
bekämpfen, daß man Öl auf die Gräben und Teiche gießt, so daß die
Mückenbrut ersticken muß. Aber nicht alles, was sticht, entwickelt
sich im Wasser, denn die Larven der Kriebelmücken, blinden Fliegen und
Bremsen leben im Torfmoose und Mulm. Alles aber, was in den Gräben und
Tümpeln lebt, die mit Öl begossen werden, muß sterben, die Kaulquappe
wie die Molchlarve und alle die vielen Libellenlarven, die weiter
nichts zu tun haben, als Mückenbrut zu vertilgen.
Es ist ein aberwitziger und kein kluger Gedanke, auf den der Mann
gekommen ist, der den Ölkrieg gegen die Mücken predigte, und
wahrscheinlich hat er seine Naturkenntnis aus trockenen Büchern
gewonnen und nicht daher, wo einzig und allein wahre Kenntnis der Natur
zu erringen ist, dort, wo die Wipfel rauschen und die Blumen blühen, wo
die Welle klatscht und das Rohr raschelt.
Freilich, die großen Libellenlarven fangen auch manchen Jungfisch und
räumen gewaltig unter den Kaulquappen und Molchlarven auf; aber der
See wimmelt von Fischbrut; blieben alle die Hunderttausende von jungen
Fischen am Leben, das Plankton des Sees würde nicht ausreichen, sie
zu ernähren, und so sind ihnen die Libellenlarven und die Raubfische
gesetzt, damit ihre Anzahl nicht übergroß wird.
Nutzen und Schaden, es sind zwei Begriffe, die die Natur nicht kennt;
erst der Mensch hat sie ihr untergelegt, aber da jeder Mensch die Natur
und ihre Wesen nur danach bemißt, wie es sein eigener Nutzen ihm zu
fordern scheint, so stürzt er sich aus Trugschlüssen in Fehlurteile,
vernichtet sinnlos die eine, rottet zwecklos eine andere Tierart
aus, ohne zu bedenken, daß die Natur sich ganz von selber regelt. Er
verfolgt den Eisvogel, der dem Fischzüchter die Schwimmkäferlarven
fortfängt, und züchtet den Staar, der Weingärten und Kirschbäume
plündert, im Übermaße.
Er täte besser, nicht immer und überall den Vormund der Natur zu
spielen; sie ist nicht so leicht zu übersehen, und was heute als
schädlich erscheint, gilt morgen als nützlich. Die Libelle, die hier
die Stechfliege und den Kohlweißling vertilgt, hat, als sie noch im
Larvenzustande in der Seebucht lebte, die Brut der gemeinen Weißfische
gefressen. Es sei ihr gegönnt; sie macht es dreimal wieder wett.
Auf der Heide
[Illustration]
Libellula flaveola +L.+, L. sanguinea +Müll.+, L. scotica +Donov.+
Unmerklich geht das Moor in die Heide über; der Boden hebt sich
langsam, statt der Moorbirken treten krüppelige Kiefern auf, und an
Stelle des Riedes und der Wollgräser herrscht das Heidekraut.
Am schönsten ist es auf der hohen Heide. Da blitzt der Sand von bunten
Kieseln, da fiedeln die Grillen, steigt die Schnarrheuschrecke rasselnd
empor und prahlt mit ihren purpurroten Flügeln. Sandkäfer fliegen auf;
ihre goldgrünen Hinterleiber blitzen in der Sonne, um jedes rosig
blühende Zweiglein tanzen die Bläulinge und streiten sich mit den
Bienen, wer zuerst trinken soll.
Ein schwerer Honigduft mischt sich mit dem Kiengeruche, den die
Kiefern ausströmen, deren ernste Kronen im heißen Spätsommerwinde eine
seltsame Weise rauschen, während die Heidelerche, die hoch oben in den
Lüften hängt, ihr Liedchen dudelt, aus der Ferne der Glockenruf des
Schwarzspechtes herüberklingt, und in der Nähe die Haubenmeisen locken.
Es ist Leben genug hier auf der Heide. Es summt und brummt ringsumher
und rispelt und krispelt überall im Renntiermoose und Heidekraute.
Darüberhin aber schwirren und flirren die Libellen in der heißen
Nachmittagssonne, blitzen hier auf, verlöschen im Heidekraut, umkreisen
sich, prallen voreinander zurück und rascheln weiter.
Fast immer sind es kleinere Arten; selten verlieren sich die
Strandjungfern und Uferlibellen hierher, niemals die Seejungfern und
die Schmaljungfern, und es muß schon ein Zufall sein, wenn sich eine
der wilden Edellibellen bis hierher verfliegt. Heidelibellen sind es,
die hier fliegen; als Larven lebten sie in den Riedsümpfen, die hier
und da am Grunde der Sandberge liegen, und jetzt, da sie das Wasser mit
der Luft, das Kriechen mit dem Fliegen vertauschten, wollen sie auch
auf der Heide bleiben.
Sie tragen auch Farben, wie sie in die heiße Heide passen. Glührot
schimmern ihre Leiber, und über ihren Silberflügeln liegt ein gelber
Schein, als habe die Sonne sie versengt. Und da die Heide auch ein
ernstes Gesicht machen kann, fliegt auch eine düstere Libelle mit
trüben Flügeln und schwarzem Leibe hier; aber auch sie blitzt silbern
in der Sonne, und scharf leuchtet ihr Leib, denn in der heißen
Septembersonne schimmert heute alles, der Kiesel im Sande und der Stamm
der Kiefer, die dürre Grasrispe und das trockene Renntiermoos, und der
halb verdurstete Riedsumpf zwischen den mageren Kiefern spielt in allen
Farben.
Das ist das große Libellenstelldichein; da blitzt und schimmert es
lustig durcheinander von silbernen, goldig überhauchten Schwingen und
roten Leibern. Die einen haften an den Stämmen, fallen auf den grauen
Zweigen des toten Wacholderbusches ein, schwärmen über dem silbern
blitzenden Preiselbeergestrüpp; die anderen aber, die mit dem starken
Goldschein am Grunde der Flügel, spielen am liebsten über dem Sumpfe
selbst, wo das Wasser vom Torfmoose erfüllt ist, die hellen Motten
haschend, die hin und her flattern.
Ringsumher sind sie von Feinden umgeben. Zwischen allen Kiefernstämmen
haben die Kreuzspinnen ihre Netze ausgespannt, und der Wind läßt
die Flügel der Libellen, die sich hier fingen und von den Spinnen
ausgesaugt wurden, lustig blitzen. Hier und da und dort ertönt ein
lautes Geraschel; eine Libelle, die sich eben verfing, nimmt Abschied
vom schönen Leben. Auf der langen Tagwurzel der Kiefer, die wie eine
Schlange über den Sand kriecht, liegt die Eidechse auf der Lauer. Eine
goldflügelige, rotleibige Libelle setzt sich vor sie hin. Vorsichtig
schleicht die Eidechse näher, springt zu, und laut raschelt die
Libelle, denn die scharfen Kiefer der Echse packten ihren schlanken
Leib.
Unter der verkrüppelten Kiefer liegt ein langes Stück Baumrinde, und
darauf ruht eine Libelle. Aber heute abend wird das Stück Baumrinde
emporflattern, einen gellenden Schrei ausstoßen, klatschen, daß es
weithin schallt, die Abendstille mit lautem Schnarren erfüllen und
dann, auf und ab tanzend, bald hier unten von der Spitze des blühenden
Heidebusches, bald dort oben von der Krone der Kiefer die Libellen
fortnehmen, die dort mit taubeperlten Flügeln schlafen, denn es ist
kein totes Stück Baumrinde, die Nachtschwalbe ist es, die dort faul und
bequem im warmen Sande liegt und sich von der Sonne bescheinen läßt.
Und das, was dort zwischen den weißlichblauen Grasbüscheln liegt, es
ist keine von den Schatten der Grasblätter gestreifte Sandscholle, denn
ab und zu öffnet es die Lider und sieht aus großen gelben Augen umher;
der Triel ist es, und wenn die Sonne zur Ruhe gegangen ist, rennt er
über den Sand und pflückt mühelos die schlafenden Libellen von den
Heidekrautzweigen.
Auch der weiße Fleck, der dort auf der Spitze des hohen Wacholders
leuchtet, bedeutet den Tod für die fröhlichen Schweber; der Raubwürger
ist es. Seine scharfen Augen spähen in die Runde; jetzt rüttelt er über
einer krausen Kiefer, stößt zu und fliegt wieder auf seinen Busch, ein
Libellenpärchen im Schnabel.
Aber es werden der Libellen nicht weniger. Die Heide ist reich an
Sümpfen und Tümpeln, aus allen kriechen die Libellenlarven hervor und
verwandeln sich in die flüchtigen Tiere, deren Blitzen und Funkeln
den Zauber der blühenden Heide ebenso verschönt wie das Geflatter der
Bläulinge, und deren Flügelknistern und -rascheln zu der Stimmung,
die die sonnenbeschienene rosenrote Heide hervorbringt, nicht minder
nötig ist wie das Gesumme der Bienen und das träumerische Rauschen der
Kiefern.
* * * * *
Aber ob in der dürren Heide oder auf der üppigen Wiese, am schnellen
Wildbache oder am langsamen Flusse, im ernsten Moore oder im lachenden
Tale, mehr als alle anderen Insekten verleihen die Libellen der
Landschaft Leben. Achtet der Mensch auch wenig auf die flinken Flieger,
sieht er ihnen auch nur unbewußt nach, wenn sie am Wege entlang
flirren, schenkt er ihnen auch kaum einen längeren Blick, läßt sich
eine von ihnen vor ihm auf der Hecke nieder, das Sonnenlicht in hellen
Blitzen mit dem Silberfiligrangewebe ihrer Flügel zurückwerfend --
fehlten die Libellen der Sommerlandschaft, halb so schön erschiene
sie uns. Nicht das, worauf wir bewußten Blickes die Augen richten,
wirkt am stärksten auf uns; vieles, über das unsere Aufmerksamkeit
hinweggleitet, spricht doch zu uns, hinterläßt Eindruck auf Eindruck,
erweckt eine heitere Stimmung, ein beschauliches Gefühl in uns, läßt
uns, ohne daß wir es ahnen, den Tag schöner finden und das Leben
leichter tragen, und sei es auch nur das Knistern und Schimmern der
Libelle, die unsern Weg kreuzt.
+R. Voigtländers Verlag in Leipzig+
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_H. Kohl_, Die deutschen Einigungskriege von 1864-1871.
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starke Bände geb. Mk. 12.--
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Die Unterüberschriften mit den lateinischen Bezeichnungen sind im
Original in Antiqua gesetzt.
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.