Deshalb ist sein Tierleben reich; es wimmelt in dem Wasser von

Kaulquappen und Molchlarven, Köcherraupen, Kleinkrebsen, Wasserkäfern,

Mückenlarven, Milben, Schwimmwanzen, Würmchen, Polypen, Schnecken und

Müschelchen.

Auch Libellenlarven finden sich in Menge, besonders die Larven der

Schmaljungfern, zierliche, schlanke Geschöpfe, die viel hübscher

aussehen als die Larven der großen Libellen und auch in ihren

Bewegungen netter sind, denn wenn sie gestört werden, so schlängeln sie

sich schnell und gewandt durch das Wasser.

Meistens aber sitzen sie verborgen im Kraute, durch ihre Farbe vor

ihren Feinden geschützt, deren es nicht wenige gibt. Nicht nur die

Stichlinge und Molche stellen ihnen nach, auch die Wasserskorpione

und Schwimmwanzen, die Wasserspinnen und die Schwimmkäferlarven und

besonders die Larven der großen Libellen.

Deshalb halten sie sich in dem dichten Gewirre des Gekräutes verborgen,

meist regungslos hängend, die drei langen, bunt gebänderten Kiemen am

Ende des Hinterleibes weit auseinandergespreizt, und lauern auf Beute.

Zumeist sind es Wasserflöhe, von denen sie leben. Tanzt eine Daphnie

oder ein Hüpferling dicht an ihnen vorbei, oder zappelt eine

Mückenlarve bei ihnen vorüber, so schnellen sie die große, breite

Fangmaske vor, ziehen sie mit der darin festgeklemmten Beute zurück,

und die Kiefer zerpflücken sie.

Auch in den Uferlachen des Seeufers, in dem Teiche, in den

dichten Wasserhahnenfußbänken, die im See treiben, wimmelt es von

Schmaljungferlarven, und wenn die warmen Sommertage kommen, hängen

überall an den Halmen und Blättern die leeren, durchsichtigen,

weißlichen Nymphenhüllen, und bei stillem Wetter flirrt und flimmert es

um alle Büsche.

Es sieht dann aus, als ob lauter goldgrüne, himmelblaue und rubinrote

Nadeln in der Luft umherfliegen, denn viel dicker als Stecknadeln sind

die Leiber der Schmaljungfern nicht, und ihre Flügelchen sind so zart,

daß sie in der Sonne nur wie ein Schimmer wirken.

Es sind niedliche Tänzer, die Schmaljungfern, schüchterne Schweber,

ganz von Sonne und Windstille abhängig. Wenn das Wetter warm und die

Luft still ist, leben sie auf und flirren um die Büsche; bezieht sich

der Himmel, versteckt sich die Sonne, weht der Wind kühl, dann hängen

sie mit fest an den Leib gedrückten Flügeln still und traurig an den

Blättern.

Sie jagen auch anders als die großen Wasserjungfern, sie erhaschen ihre

Beute nicht im Fluge. Sie flattern um die Zweige der Büsche, und wo sie

eine Blattlaussiedelung erspähen, da lassen sie sich nieder, pflücken

die saftigen Tierchen ab und verzehren sie. Da Tausende von ihnen in

den Büschen und im Grase umherschwirren, so wird durch sie tüchtig

dafür gesorgt, daß die Blattläuse nicht überhandnehmen. Auch die eben

ausgeschlüpften, zarten, winzigen Raupen haben in ihnen böse Feinde.

Doch auch ihnen selber mangelt es nicht an Nachstellung. Wenn sie dicht

über den Boden hinflirren, werden sie von den Fröschen fortgeschnappt,

die Eidechse erhascht sie im Sprunge, die Waldmaus greift sie, wenn

sie im Grase schlafen, und allerlei Vögel stellen ihnen nach. Ihre

schlimmsten Feinde aber sind die Spinnen; ist das Netz auch noch so

zart, die leichte Schmaljungfer bleibt darin hängen, und in allen

Spinnenweben an dem Graben entlang schimmern ihre silbernen Flügelchen

und blitzen ihre himmelblauen, goldgrünen und rubinroten Leiber in der

Sonne.

Daneben aber flirren die dahin, die den Spinnen entgingen, in lustiger

Liebesjagd. Hier fährt ein goldgrünes Weibchen hinter einem dunkelen,

blaugeringelten Männchen her, dort hat ein glührotes Männchen das

düstere Weibchen mit der Liebeszange gefaßt und flattert mit ihm dem

nächsten Blatte zu, da bildet ein Pärchen eine seltsame Schlinge,

darunter zwingt ein Männchen das Weibchen, ihm zu Willen zu sein, und

auf jenem Blatte sträubt sich ein Weibchen mit wildem Geflatter gegen

die Liebkosungen eines Männchens, das nicht von seiner eigenen Art ist.

Seltsam ist die Liebe der Libellen, ganz seltsam. Mit den Beinen

faßt das Männchen das Weibchen am Rückenschild, und wenn es ihm

nicht mehr entgehen kann, dann packt die sonderbare Zange, die es

am Ende des Leibes trägt, den ersten Brustring des Weibchens. Hin

und her schiebt der Leib des Männchens das Weibchen, heftig flattern

beide, aber schließlich wird das Weibchen von der Erregung des

Männchens angesteckt, es krümmt den Hinterleib nach unten, schiebt

ihn unter seinen Beinen her, nähert das Ende seines Leibes der Brust

des Männchens und vereinigt sich mit ihm. So bildet das Pärchen

eine merkwürdige Figur, eine eigenartige Schleife; des Männchens

Hinterleibspitze umfaßt den Rücken des Weibchens, und dessen Leibesende

ist mit der Unterseite des Vorderleibes des Gatten vereinigt.

Eine Wolke richtet sich vor der Sonne auf; mit einem Schlage ist das

Geflirre und Geblitze zu Ende. Matt, der Kraft beraubt, fallen die

zierlichen Tiere auf die Blätter und bleiben an den Halmen haften,

den Leib wagrecht ausstreckend und seine Farbenpracht mit den Flügeln

verhüllend. Auch hierin ähneln sie den anderen Jungfern nicht, die mit

gespreizten oder emporgerichteten Schwingen ruhen. Sie aber dürfen das

nicht; zu zart sind sie, und die Brise, die die Wolke brachte, würde

sie in das Wasser wehen, wo die Ukleis auf sie lauern.

Doch die Wolke ist schon wieder fortgezogen; eins nach dem anderen von

den Silberstäbchen lüftet die Flügel, und wieder blitzt und funkelt

es rot und blau und grün um die Erlenblätter und Grashalme, von neuem

beginnt das Getändel und Gekose, fängt der feenhafte Hochzeitsreigen

der märchenhaften Tierchen an, die jeder Mensch gesehen hat, die aber

keiner kennt, mag er sie auch Tag für Tag vor Augen haben.

Es lohnt sich aber schon, sich auf den Grabenrand zu setzen und ihnen

zuzuschauen für den, der Augen hat, sich an Schönem und Prächtigem

zu freuen, auch wenn es fein und klein ist. Dieses Tierchen hier

mit den silbernen Flügeln, jeder vor der Spitze zierlich gefleckt,

und dem rubinroten, goldgrün endigenden Leibe, es hat soeben mit

den rotfunkelnden Augen eine Blattlaus erspäht und sie mit Behagen

verspeist. Jetzt putzt es sich die Kiefer und die Taster und flattert

dahin, wo schon ein halbes Dutzend Männchen ein Weibchen umbalzen.

Zierlich, wie die Tiere selbst, sind auch ihre Liebeskämpfe; ein

bißchen zorniges Flügelgeruschel, ein klein wenig Anrempelei, dann ist

das Duell zu Ende, der Besiegte flattert weiter, ein anderes Weibchen

zu suchen, und der Sieger müht sich um seine Schöne, bis sie so will,

wie er es meint.

Vielerlei Arten gibt es von diesen reizenden Wesen; hier am Graben

flattern allein sieben bis acht durcheinander, und da die Weibchen

anders gefärbt sind als die Männchen, so ist der Farbenreichtum

groß. Da sind welche, deren Leiber fast ganz himmelblau mit schmalen

schwarzen Binden sind, bei anderen sind die dunklen Bänder breiter,

bei einer dritten Art haben sie sich so ausgedehnt, daß nur schmale

blaue Ringe übrigblieben. Ähnlich ist die grüne Farbe bei den Weibchen

verteilt. Auch die Färbung der Augen ist verschieden; bei einigen

sehen sie wie rote, bei anderen wie grüne, bei der dritten Art wie

hellblaue und bei der vierten wie goldgelbe Glasperlen aus, oder sind

gar zweifarbig, halb grün, halb rot.

Aber wer sieht das und wer sammelt Libellen? Man sammelt Käfer ohne

Zweck, denn die deutschen Käfer sind gut erforscht, man sammelt

Schmetterlinge, ohne daß es viel Sinn hat, denn wir kennen ihre

Verbreitung gut. Die Verbreitung der deutschen Wasserjungfern ist

aber noch wenig bekannt, und ein aufmerksamer Forscher könnte manche

wichtige Tatsache feststellen. Es gibt Arten, die erst von wenigen,

weit voneinander entfernten Gegenden bekannt sind, und manche Lücke

unseres Wissens ist noch auszufüllen, ehe wir die Gründe erkennen,

warum diese Art nur dort und jene nur da vorkommt.

Auch die Lebensweise dieser Tiere ist zum Teil noch wenig genug

erforscht, vor allem die Fortpflanzung und auch die Ernährung, und

von vielen Arten kennt man die Larven noch nicht. Dabei ist es so

leicht, sie zu halten und zur Entwicklung zu bringen. Ein Standglas

mit einigen hübschen Wasserpflanzen, eine Zierde für das Fenster oder

den Blumentisch, ab und zu eine Fliege, einige Daphnien oder bei den

Larven der großen Arten ein Regenwurm, das ist alles, was diese Tiere

verlangen, um zu gedeihen und sich zu entwickeln.

Obgleich sie nicht sehr beweglich sind, uninteressant sind sie darum

doch nicht. Es ist ganz lustig anzusehen, wie eine Libellenlarve

geduldig wartet, bis ein kleines Tier ihr naht, oder wie sie, dauert

es ihr damit zu lange, sich an die Beute heranpirscht und sie erfaßt.

Wenn eine große Larve ein starkes Beutetier erwischt hat und dieses

sich wehrt, dann krümmt sie den Hinterleib über den Rücken nach dem

Kopfe zu und führt damit einen Stoß nach dem Opfer, es mit einem

kräftigen Wasserstrahle aus den Darmkiemen betäubend.

Dann sitzt sie vielleicht einen Tag stumpfsinnig da, ohne sich

zu rühren und ohne die Futtertiere, die ihr dicht vor dem Kopfe

umherschwimmen, zu beachten. Am anderen Tage sieht sie nicht mehr so

trübe gefärbt aus; ihr Rücken weist ein scharfes Muster auf, und ihre

Beine sind hell und dunkel geringelt. Sie hat sich gehäutet; über ihr

in den Ranken des Hornkrautes hängt die leere, durchsichtige Hülle. Ein

tüchtiges Stück gewachsen ist die Larve und heißhungrig und raubgierig.

Die Wasserflöhe genügen ihr nicht mehr; sie dreht den Kopf hin und her,

ob nicht wieder ein Regenwurm angeschwommen kommt. Sie merkt die leise

Erschütterung, die der Ärmel des Menschen, der den Rand des Glases

streifte, hervorbrachte, und sie weiß, was das bedeutet. Schnell dreht

sie den Kopf nach der Seite und erblickt den Wurm, der sich zwischen

den Ranken hin- und herwindet. Lange besinnt sie sich; endlich rückt

sie vor, aber langsam, sehr langsam geht das, und nun ist sie doch

zu spät gekommen, denn ehe sie dicht genug bei ihm ist, sank er auf

den Sand. Wieder muß sie sich lange besinnen; dann klettert sie mit

dem Kopfe nach unten dem Wurm nach, der auf dem Sande umherkriecht.

Jetzt ist sie dicht bei ihm; die Fangmaske kommt unter dem Kopfe

hervorgeschossen, und der Wurm hängt zwischen den Kiefern, die ihn

langsam und sicher zerreißen.

Sie sind nicht so dumm und so langweilig, diese Tiere, wie es den

Anschein hat. Setzt man Schmaljungferlarven in ein Glas, das ihren

Todfeind, eine Larve der großen Art, beherbergt, so verstecken sie

sich in den dichtesten Quirlen des Hornkrautes und betreiben nur die

Anstandsjagd auf Daphnien, Cyklopse, Mückenlarven und junge Flohkrebse.

Sind aber nur ihresgleichen in dem Gefäße, so haben sie es bald heraus,

daß sie keinen Feind zu fürchten haben, und sind die Futtertiere

spärlich, so gehen sie auf die Pirsche, kriechen auf dem Sande am

Boden und an den Glaswänden umher, daß man mit dem Vergrößerungsglase

alle Gefäße in ihren durchsichtigen Leibern deutlich sehen und genau

beobachten kann, wie sie die Mückenlarve zerreißen und verschlingen.

Nicht nur das, was groß und auffallend ist in der Natur, ist der

Beachtung wert, auch das Kleine und Feine und das, was in der

Verborgenheit lebt, und reizt es nicht zum sinnlosen Sammeln und Töten,

so lockt es zur liebevollen Beobachtung und lohnt die Zeit, die man

damit zubrachte, durch manchen unbeobachteten Vorgang, der mehr wert

ist als ein Kasten voll dürrer Falter oder trockner Käfer.

Über dem Teiche

[Illustration]

Lestes viridis +Linden+ und L. nympha +Selys.+

An dem Teiche, der nicht weit von dem See vor dem Bauernwäldchen in der

Feldmark liegt, geht es heute mittag hoch her.

Es ist so still und so warm, und deshalb halten die Schlankjungfern

heute Massenhochzeit.

Sie mögen keinen Wind; zu zart sind ihre Silberflügelchen, zu

gebrechlich ihre goldgrünen Leibchen, die so dünn wie ein Grashalm

sind; jeder stärkere Windhauch weht sie in das Ried.

Aber heute brauchen sie den Wind nicht zu fürchten; so kommen sie alle

aus ihren Verstecken zwischen den Blättern und Halmen hervor, flattern

an dem Ufergebüsch entlang, wagen sich auch auf das Wasser, aber zu

weit fliegen sie nicht und suchen bald einen Binsenhalm oder ein

Grasblatt.

Manch eine verliert aber doch vor der Zeit die Kraft und fällt auf das

Wasser; dann ist sofort ein Stichling da, der sich ihrer bemächtigt,

oder ein großer Schwimmkäfer packt sie, und die grünen Frösche, die auf

den Mummelblättern sitzen, schnappen viele von ihnen fort.

Auch auf dem Brombeerbusche und im Erlenlaube droht Gefahr, denn da

sitzt der Laubfrosch und wartet auf sie, Sumpfmeisen führen dort ihre

Brut, und die zarten Libellen geben ein bequemes Futter. Sogar die

Waldeidechse, die unter dem Farrn ihren Schlupfwinkel hat, ist sehr

erpicht auf sie, und alle Augenblicke schnappt sie eine fort.

Aber es gibt genug Schlankjungfern hier, denn überall kriechen an den

Binsen und an den Riedgrasblättern die reifen Nymphen empor, und aus

vielen schlüpfen eben die Libellen aus, um sich von der Sonne trocknen

und härten zu lassen, bis sie kräftig genug zum Fluge sind.

Andere aber, die schon älter sind, sorgen fleißig dafür, daß es übers

Jahr genug von ihnen gibt; unzählige Pärchen haften an den Grasblättern

und im Gebüsche, der Liebe sich freuend, bis ernstere Pflichten ihrer

warten.

Pärchen auf Pärchen flattert über den Teich, einen Binsenhalm suchend

und daran hängenbleibend. Dann, während das Männchen das Weibchen noch

festhält, macht dieses seinen Hinterleib frei, stochert mit der Spitze

an dem Binsenhalme herum, verwundet ihn mit dem Legebohrer und legt ein

Ei unter die Oberhaut des Halmes.

Dann kriecht es, das Männchen herabziehend, etwas tiefer, bohrt

wieder die Binse an, legt abermals ein Ei und fährt so fort, bis es

den Wasserspiegel erreicht hat. Aber dort macht es noch nicht halt;

es klettert weiter, bis es im Wasser untertaucht, das Männchen mit

hinabziehend, und wie zwei große silberne Blasen hängen die beiden

Tierchen dann unter dem Wasserspiegel an dem Binsenhalme.

Unten im Wasser, wo es einst als schlanke, flinke Larve lebte,

bohrt das Weibchen wieder den Halm an, legt ein Ei hinein und rückt

immer mehr nach unten, bis es das Ende des Halmes erreicht hat.

Dann klettert das Männchen wieder empor und zieht das Weibchen nach

sich, und ungefährdet durch Stichling und Schwimmkäferlarve, die die

silberglänzende Luftschicht, die das Pärchen einhüllt, scheuen, tauchen

sie über dem Wasser auf und flattern dem Lande zu.

An der Stelle, an der das Weibchen den Binsenhalm anstach, liegt

in einer der geräumigen Luftzellen des Markes ein Ei, vor Feinden,

Sonnenbrand und Frost gesichert. Ist das Ei reif, so schlüpft das

Lärvchen aus und sucht das dichteste Pflanzengewirre auf. In den

zerfaserten Blättern des Wasserhahnenfußes hält es sich verborgen und

mästet sich an winzigen Krebstierchen, häutet sich, wenn der alte Rock

zu kurz und zu eng wird, und lebt so, wie alle Libellenlarven leben.

Trotzdem es so zierlich und so schlank und mit so prächtigen Blakkiemen

am Ende des Leibes geschmückt ist und lange nicht so plump und so

unheimlich aussieht wie die Larven der großen Wasserjungfern;

ein schlimmer Räuber ist es doch, und der Wasserfloh wie die

Eintagsfliegenlarve, die ihm entgegenkommt, werden von der Fangmaske

erfaßt und müssen ihr Leben lassen. Wenn sie so groß wäre wie die

Larve der anderen Libellen, so wäre sie noch ein schlimmerer Räuber

als diese, denn sie wechselt öfter ihren Platz und weiß ihre Beute

geschickt anzuschleichen.

Meist aber hängt sie regungslos zwischen den Faserblättern und lauert

auf das, was zu ihr kommt, bis ihre Zeit um ist und sie das Wasser

verläßt, ein Riedgrasblatt ersteigt und wartet, bis ihre Haut reißt und

aus ihr ein silbern blitzendes, goldgrün funkelndes Jüngferchen wird,

das in zierlichem Zitterfluge an dem Teiche entlang flattert, hier und

da, wo ein Blattläuschen sie lockt, sich niederlassend, oder wo ein

winziges Räupchen kriecht, anfliegend, oder einen Gespielen suchend

zum Hochzeitsfluge, damit es an den Büschen im Teiche im anderen Jahre

wieder silbern blinkt und goldig blitzt.

In der Mergelgrube

[Illustration]

Libellula fulva +Müll.+, L. cancellata +L.+

Vor dem Bauernwäldchen im Felde liegt eine große, alte Mergelgrube,

deren ältere Teile zu Fischteichen umgewandelt sind.

Allerlei Buschwerk wächst an den Abhängen, und vielerlei Blumen

schmücken sie. In den Teichen wuchert das Kolbenrohr, hohe Seggen mit

schöngeschwungenen Blättern streiten sich mit Schwertlilien um die

besten Plätze, und in einigen Buchten hat sich auch Rohr angesiedelt.

Der Wald schützt die Mergelgrube vor dem Ostwinde, und auf der

Nordseite halten dichte Dorngebüsche den Wind ab. Deshalb findet sich

hier, stürmt es über den See her oder aus der anderen Ecke, allerlei

leichtbeschwingtes Volk, das sich anderswo so lange verkriechen muß,

bis die Luft sich wieder beruhigt hat, und alles, was gern Fliegen

frißt und Motten schnappt, nach Käfern lüstern und auf Mücken hungrig

ist, stellt sich hier ein, weht draußen der Wind zu sehr.

Hier schwatzen die Grasmücken, schlüpfen die Rohrsänger, trippeln die

Bachstelzen und rennen die Uferläufer, der Würger lauert auf dem

Wildrosenbusche, auf dem Erlenzweige paßt der Eisvogel auf, ob er nicht

eine Käferlarve oder eine Kaulquappe erbeuten kann, überall, wo die

Sonne hin kann, sitzen die grünen Frösche am Ufer, und im Ufergekräute

schnüffelt die Wasserspitzmaus nach Beute umher, bis sie sich kopfüber

in das Wasser stürzt und mit einer fetten Käferlarve im Maule wieder

auftaucht.

Die Hauptjäger aber sind hier die Wasserjungfern. Allerlei Arten

kommen bei der Mergelgrube vor, die kleinen Schmaljungfern, die

feinen Schlankjungfern, die dunkelblaugrünen, wunderbar schimmernden

Seejungfern, solche, die an ruhigeren Tagen nur am Strande des Sees

und über seinem Spiegel jagen, und selbst die Edeljungfern aus dem

Walde finden sich hier ein, wenn es in ihrem Gebiete zu toll weht. An

solchen Tagen ist die Luft voll von schimmernden Flügeln und blitzenden

Leibern; so mancher dicke Frosch schnappt und schnappt, bis er nicht

mehr kann und mit dummem Gesichte dasitzt, während ihm die Hinterleiber

und Flügel von zwei Libellen zum Maule heraussehen.

Auch die Fische lieben die stürmischen Tage. Ab und zu pustet der Wind

doch einmal um die Ecke und bläst eine von Alter oder Liebe ermattete

Libelle oder eine, deren zerfetzte Flügel sie nicht mehr recht tragen

wollen, in das Wasser, oder ein eifersüchtiges Libellenmännchen rempelt

den Nebenbuhler so hart an, daß er in den Teich fällt; ehe die

Libelle sich wieder erheben kann, haben feuchte Lippen sie erfaßt und

hinabgezogen.

Außer den kleinen Libellen und den Arten, die hier nur Gastrollen

geben, ist am meisten eine große Jungfer vertreten, die grüne Augen,

einen blaubereiften Leib und am Grunde der Flügel kleine rostrote

Flecken hat, und dann kommt hier noch eine andere viel vor, die fast

ganz so aussieht, nur daß ihr Leib schmaler ist und daß ihr die roten

Abzeichen auf den Flügeln fehlen. Beide sind wilde Flieger; husch, sind

sie hier, husch, sind die dort. Einen Augenblick rütteln sie über dem

Wasser, fassen eine Fliege, und fort sind sie schon wieder.

Wer Libellen kennenlernen will, so daß er sie mit ziemlicher Sicherheit

nach dem Fluge ansprechen kann, der muß hierher gehen; da hat er fast

alle zusammen, ausgenommen die Libellenkönigin, die hier nur ganz

selten einmal erscheint, und die grüne Edellibelle, die erst nach

Sonnenuntergang fliegt, läßt sich auch nur ausnahmsweise hier blicken;

desgleichen kommen die Moor- und Heidelibellen, die jenseits des Sees

so häufig sind, hier nur vor, wenn ein starker, heißer Wind lange Zeit

vom Moore geweht hat.

Die aber, die am kahlen Strande, hinter dem Röhricht und über dem

See fliegen, die auf den Wiesen und über den Feldern jagen, an den

Hecken zu rauben pflegen und ihre Beute an den Rainen packen, sind

meist auch hier zu finden; so schwirrt und flirrt es durcheinander von

großen und kleinen, langsamen und flinken, blauen und roten, gelben und

braunen Wasserjungfern, von ruhig dahinfahrenden, lange fliegenden,

von anderen, die nach kurzem, reißendem Fluge auf einer Erdscholle

einfallen, von solchen, die nur von Halm zu Halm, von Blatt zu Blatt

flattern, und von jenen, die rastlos, ohne sich einmal zu setzen,

stundenlang quer über die Teiche schießen.

In allem sind sie untereinander verschieden, in Gestalt, Farbe und

Flug. Hier tanzt ein Weibchen der häufigsten Art dicht über das Wasser,

alle Augenblicke niederwippend und das Hinterleibsende in die Flut

tauchend. Es ist kein müßiges Spiel, das es da treibt, und baden will

es auch nicht, denn das ist nicht die Gewohnheit der Libellen; es sorgt

dafür, daß ihre Art nicht ausstirbt. Jedes Mal, wenn es den Hinterleib

in das Wasser stippt, löst sich aus der Legescheide ein mit einer

schützenden Schleimhülle versehenes Ei ab und sinkt in das Gekräut.

Hier aber ist noch ein sonderbareres Bild. Ein Männchen mit schön

blauem Bauche hat ein Weibchen erwischt, es auf ein Schwertlilienblatt

genötigt und nach vielem Gehampel und Geflatter kirre gemacht. Hinter

ihm sitzt noch ein gleiches Pärchen und dahinter noch eins, und

ringsumher noch mehrere. Sobald die Befruchtung vollzogen ist, das

Weibchen seinen Hinterleib wieder hängen läßt, und das Männchen sich

etwas erholt hat, verläßt es das Blatt, zerrt das Weibchen hinter sich

her und fliegt über den Wasserspiegel, und dort wippt es auf und wippt

es nieder, taucht das Weibchen in das Wasser und zwingt es, seine Eier

fallen zu lassen.

So ganz ungefährlich ist diese Art und Weise, für Nachkommenschaft

zu sorgen, nicht; alle Augenblicke plantscht es, und dort, wo soeben

noch das Libellenpaar schwebte, zieht das Wasser Kreise, denn ein

Hecht hat das Weibchen erfaßt und es mit dem Männchen zusammen unter

das Wasser gezogen, und ab und zu fährt auch ein hellgrüner Pfeil mit

himmelblauer Spitze auf ein eierlegendes Libellenpaar hin, ein scharfer

Schrei ertönt, und fort streicht der Eisvogel, die Wasserjungfern

im Schnabel. Auch der Würger macht sich ihre Sorglosigkeit zunutze,

rüttelt über ihnen, faßt sie und trägt sie seinen Jungen zu, die ihn

mit durchdringenden Rufen bewillkommnen.

Am traurigsten aber ergeht es den ermatteten Libellen, die an den

seichten Stellen in das Wasser fallen. Es ruckt alle Augenblicke

an ihnen; bald werden sie halb, bald ganz unter Wasser gezogen,

denn vielerlei Feinde lauern dort auf sie. Da sind die Stichlinge,

ganz freche, unverschämte Gesellen, die zu zweien und dreien an der

halbtoten Libelle herumzupfen und ihr ein Stück nach dem anderen

aus dem Leibe reißen; da sind die Schwimmkäferlarven, unheimliche,

fingerlange Geschöpfe, die wie ein Pfeil angeschossen kommen und

ihre Giftzangen in das zappelnde Tier schlagen; auch die großen

Larven der Frösche und der Knoblauchkröten zerren an ihnen herum, und

Wasserskorpione und Pferdeegel quälen sie gleichfalls zu Tode.

Leicht und lustig erscheint auf den ersten Anblick ein Leben, wie es

die Libellen führen, dahinflatternd in Sonne und warmer Luft über die

schimmernde Flut, ein Leben, fröhlich wie ein Spiel, heiter wie ein

heller Traum. Aber hinter allem Leben steht der Tod, bei jeder Lust der

Schmerz, und die silbernen Flügel im Spinnennetze, die goldenen Kreise

auf dem Wasserspiegel, unheimliche Zeichen sollten es den leichten

Fliegern sein, die hurtig und behende über den Teich huschen.

Sie aber wissen nichts von Not und Tod. Nur wenn tagelang der Regen

herniederrieselt und sie hilflos im Grase hängen, mag vielleicht ein

Schatten von Angst und Sorge auf ihr kleines Bewußtsein fallen.

Vielleicht aber auch dann nicht einmal. Die Sonne und die Wärme ist ihr

Leben; fehlt ihnen beides, so mögen sie nicht viel mehr bewußtes Leben

haben als das Blatt am Baum, als die Blüte am Stengel.

Über der Bucht

[Illustration]

Anax formosus +Linden+.

Wasserjungfern: Geschichten von Sommerboten und Sonnenkündern · 第 2 / 4 段