Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Ein Nachtgespräch. Linde mahnt
ihre Hausgenossen zu ihrem Sterben. Vor dem Dechanten reißt der letzte
Vorhang
Als Brigitt auf das Läuten der Glocke die Haustür aufmachte und Lindes
gewesenen Geliebten draußen erblickte, brach sie, keines Wortes
mächtig, augenblicklich in Tränen aus. Die Frage, ob Linde noch
lebe, beantwortete sie mit einem heiseren Krächzen und wiederholtem
Kopfnicken. Darauf führte sie ihn blind und taub vor Leid zum Dechanten.
Auch dem Dechanten wurde das Sprechen zunächst sauer, als er so
abgemagert und mit unreinem Blick den Freund seiner Linde vor sich
stehen sah. »Grüß dich Gott, Heinz«. sagte er ernst. »Wie geht's dir?
Bist du schwerverwundet? Setz dich; die Reise wird dich ermüdet haben.
Kommst du in einem Zug aus dem Lazarett?«
Heinz gab mit kurzen Worten Auskunft und fragte dann nach Linde,
während sein Herz, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, bei diesem
Namen sich dumpf regte und in seinem düster verhängten Blick auf
Sekunden etwas aufschimmerte wie ein vorbeischwebender Engelsflügel,
aber nur auf Sekunden. Die lebendige Regung des Herzens hielt jedoch
an; es war eine erste Regung zur Auferstehung. Der Dechant allerdings
wollte diesem heimgekehrten Sohn kein Kalb schlachten.
»Ich dachte, du würdest zuerst nach Tante Malva fragen«, erwiderte
er nicht ohne Bitterkeit. »Sage mir doch, wie ist es möglich, daß
eine Seele, die du geordnet und geheiligt hier forttrugst, in kurzer
Zeit so unendlich verwildern und verrohen konnte? Oder warst du
schon nicht mehr geheiligt, als du gingst? Was soll ich mit dieser
Verlobungsvoranzeige? Ich habe deinen Brief nicht verstanden und werde
ihn nie verstehen, und er hat mir schlaflose Nächte gemacht. Zuerst
wollte ich dich dringend ersuchen, das Fest woanders zu feiern, und das
tue ich auch jetzt. Aber darüber hinaus sagte ich mir, daß es nötig
sei, dich reden zu hören. So rede, sieh deine ehemalige Geliebte,
schlafe einmal unter meinem Dach, wenn du kannst, und geh morgen
wieder. Aber zuerst rede. Hast du dich schon in jener Nacht mit Tante
Malva, deiner jetzigen Verlobten, vergangen? Hat sie dich verführt,
indem sie deine Sinnlichkeit ausnutzte? Und ist diese Verlobung eine
physische Folge davon, wovor Gott sein möge? Ich bitte dich, sprich
jetzt Wahrheit; unser ganzes Verhältnis hängt daran und vielleicht auch
deine ganze Zukunft.«
Heinz hatte dem Dechanten eine Zeitlang mit einer halb geweckten
Aufmerksamkeit ins Gesicht gesehen. Nun schaute er düster vor sich hin
und beschäftigte sich unruhig mit dem Eindruck, den ihm der Geistliche
machte, und mit der neuen sittlichen Entschiedenheit, um nicht zu
sagen: Leidgröße, die von seinem Blick und von seinen Worten ausging.
So hatte ihm sein Oheim vielleicht nur noch in seiner frühesten Jugend
imponiert, und es gab ihm zu denken, daß nun zum erstenmal wieder sich
dieser weite und bedeutungsvolle Abstand zwischen seiner eigenen
sittlichen Alterslage und der des vorgerückten Mannes auftat. Indessen
beantwortete er die gestellten Fragen beinahe mechanisch.
»Ich habe nichts mit Tante Malva zu tun gehabt«, sagte er. »Unsre
Beziehungen haben sich erst seither angeknüpft. Ist in jener Nacht
etwas geschehen, so war sie jedenfalls nicht daran beteiligt.«
»Es ist schon etwas, daß wenigstens deine Beteiligung feststeht«,
bemerkte der Dechant mit großem Blick. »Wer kommt noch in Betracht?«
Aber Heinz antwortete auf diese Frage nicht, und eine Zeitlang ging der
Dechant denkend vor seinen Büchergestellen auf und ab. »Tante Malva
machte mir einige Mitteilungen, die seltsam klingen«, hob er darauf
widerstrebend von neuem an. »Sie erzählt, daß ihr gewisse Vorgänge
aufgefallen seien und sie sich in der Folge davon nach deinem Zimmer
begeben habe, um sich zu vergewissern. Sie habe dein Zimmer leer und
dein Bett unberührt gefunden. Kann sie das nach der Wahrheit behauptet
haben?«
Heinz hob etwas überrascht das Gesicht, doch nicht betroffen, dazu war
er jetzt noch zu schwer zu bewegen. »Linde hat also nichts gebeichtet!«
ging es ihm verwundert durch den Kopf; der Verwunderung folgte eine
unbestimmte, hoch mit Trübsinn beschwerte vergrößerte Anschauung von
ihrem Wesen. »Ich weiß nicht, was Tante Malva getan und gesehen hat«,
sagte er dann, wieder mit einem Anflug von Unlust. »Darüber muß sie
sich selber verantworten.« Er ließ den Kopf grübelnd wieder sinken.
»Du mißverstehst mich, Heinz!« mahnte der Dechant eindringlich.
»Wer sich jetzt verantworten muß, das bist du, und es handelt sich
hier nicht um die Tante Malva, sondern um deine Menschlichkeit, die
bitterlich in Frage steht. Das ist für uns der einzige Sinn ihrer
Mitteilung.« Er stieß auf einen neuen Gedanken und ging ihm zögernd
nach. »Warst du -- jene Nacht in der Stadt?«
Heinz bedachte sich einen Moment, dann sagte er mit dem Ausdruck von
Geplagtheit: »Ja, ich war in der Stadt. Ich -- hielt das alles nicht
aus, ich mußte mich betrinken. Das möchte ich am liebsten auch jetzt.
Ich habe mich seither oft betrunken. Aber lassen wir das; kann ich
jetzt Linde sehen?«
»Tante Malva ist ebenfalls krank«, erwiderte der Dechant etwas
erkältet. »Willst du nicht deine Verlobte zuerst sehen? Sie würde es
vermerken, wenn du die andere vor ihr besuchtest.«
Heinz erhob sich langsam, mit einer müden Bewegung. »Ich bitte dich,
Onkel, quäle mich jetzt nicht«, sagte er etwas kahl. »Halte dich an
keine Worte und an keine vergangenen Dinge, sondern an das, was ich
jetzt tue. Wenn du mich nicht hinführen willst, so gehe ich allein.«
Indessen blieb er unschlüssig stehen, weil ihm an diesem Wort etwas
nicht in Ordnung schien.
Der Dechant übereilte sich auch nicht. »Du siehst offenbar selber ein«,
bemerkte er, nachdem er ihm Zeit gelassen hatte, »daß dies nicht die
Tonart ist, in der du in diesem Haus und in dieser Stunde mit Erfolg
auftreten kannst. Du wirst auch nicht mit Dingen, die du jetzt tust,
andere so rasch wieder gutmachen können, die du früher getan hast. Wie
es scheint, hast du im Feld draußen allmählich vergessen, daß du nicht
beziehungslos in der sittlichen Welt stehst, und daß es noch Menschen
gibt, die sich mit dir auseinanderzusetzen haben. Aber ich denke, daß
dir vielleicht vor allem ein Augenmaß not tut. Es ist gut; komm denn
sehen, was dir vom nächsten Anblick als Anteil zufällt.«
Mit diesen Worten ging er ihm an die Tür voraus, öffnete, ließ
ihn an sich vorbei in den Korridor treten und führte ihn dann ins
Sterbezimmer. Das erste, was Heinz in die Augen fiel, war die brennende
Kerze vor dem Bild der Mutter Gottes, die Brigitt für die Kranke
gestiftet hatte; eine Schwesterkerze brannte gleichfalls in der Kirche
neben dem Altar, um Gott durch die fromme Flamme an die Fürbitte zu
erinnern, die Brigitt Tag und Nacht für die abscheidende Seele tat.
Das Licht machte ihn auf den Schlag einsam und klagte ihn an. Hier
war alles Liebe und Sorge um ein gekränktes junges Leben, während er
kam, um zu sehen, was er angerichtet hatte. Mit schauernder Kühle
berührte ihn die tiefe Verwandlung dieses Zimmers, worin er eine
Nacht lang Liebender und Beglückter gewesen war, und indem er endlich
der Sterbenden näher trat, geschah es mit einer Beklommenheit, die
er noch vor keiner Schlacht empfunden hatte, und mit einer geradezu
bestürzenden Ahnung von den Gewalten, die nicht von dieser Welt waren,
und die an Bedeutung und Machtmitteln jede sinnliche Erscheinung
unendlich drohend übertrafen. Nicht als ob an dem sterbenden jungen
Mädchen irgendwelche überirdischen Zeichen hervorgetreten wären,
sondern es lag recht irdisch arm und abgezehrt auf seinem weißen
Kissen, noch viel mehr bekümmernd als rührend in seiner Hinfälligkeit,
die dunkelblonden Zöpfe verloren neben sich, die durchsichtigen Hände
kalt und schon gestorben auf der Bettdecke, die Augen tief eingesunken
und geschlossen und den Mund kaum atmend offen, mit gesprungenen Lippen
und scharfen Linien auf den Wangen hinunter, die sie etwas alt machten.
Nur auf der Stirn und dem Scheitel war eine Helligkeit beisammen, die
auch den fremden Betrachter überrascht hätte, und die immer wieder wie
lockend die Blicke des Soldaten auf sich zog, wenn ihm das Anschauen
der andern Zeichen gar zu grausam die Kehle zusammenschnürte.
Als er sich bis unter die Haarwurzeln mit dieser jammervollen
Wirklichkeit erfüllt hatte, ohne noch den Sinn für das Geheimnis darin
finden zu können, wandte er sich seufzend ab und verließ, beinahe ohne
es zu wissen, mit dem Dechanten den Raum; erst beim Gehen bemerkte er,
daß Brigitt auch da war.
Den Rest des Abends verbrachten die Männer ziemlich schweigsam
miteinander, zuerst bei Tisch und dann wieder an Lindes Bett. Zwei
oder dreimal tat der Dechant eine Frage, nach seiner Verwundung, nach
dem Stand der Dinge draußen im Feld, und ob er nicht müde sei und
schlafen gehen wolle? Die ersten beiden beantwortete Heinz, die letzte
nicht, und der Dechant wartete auch nicht darauf. Von den nächsten
Angelegenheiten war nicht mehr die Rede; die gleiche Scheu hielt den
Dechanten ab, davon zu sprechen, und den Soldaten, danach zu fragen.
Nur einmal, nach einem langen Schweigen, brach Heinz die Stille,
indem er sich mit einer Stimme, die ihm selber fern und fremd klang,
erkundigte: »Hat -- Linde nichts für mich -- hinterlassen?« Den Oheim
vermochte er dabei nicht anzusehen, sondern er blickte starr auf die
Sterbende.
Er mußte sich etwas mit der Auskunft gedulden. »Da du dich danach
erkundigst«, sagte der Dechant endlich, und Heinz hörte, wie
widerwillig der gebeugte Mann antwortete: »Sie läßt dir sagen, du
sollst -- Tante Malva nicht heiraten. Es würde dein Unglück sein. --
Aber vielleicht irrt sie sich darin«, setzte er zweifelnd hinzu. »Die
Umstände sind verschieden, unter denen die Menschen ein Glück finden.«
Nicht fähig, die Nähe dieses unglückseligen jungen Menschen länger
auszuhalten, stand er auf und trat ans Fenster, wo er lange stand und
in die Nacht hinaussah.
Auch diese Bewegung verstand Heinz. Nach einer weitern halben Stunde
erhob auch er sich. »Ich will jetzt zu Bett gehen«, sagte er mit einem
letzten Blick auf die ehemalige Geliebte. »Wenn -- etwas Besonderes
geschieht, so klopfe mir bitte. Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, erwiderte, nicht nur körperlich abgewendet, der Dechant,
und Heinz ging tiefer vereinsamt hinaus.
Er legte sich angekleidet aufs Bett, ohne zu schlafen, doch auch ohne
viel zu denken; dafür war es bei ihm immer noch nicht Zeit. Seine
wenigen Gedanken waren seltsamerweise bei seiner Mutter, an die ihn
einige Züge in Lindes Gesicht erinnert hatten, seine Sinne bei dieser,
seine Gefühle tief unter ihm in seinen Wurzeln, und sein Bewußtsein
schwebte unbeheimatet und ohne Auftrag über seinem stillstehenden
Leben im Leeren. Seine Wunden schmerzten, und eigentlich hätte er
frisch verbunden werden müssen. Sein Herz klopfte schwer und wie unter
einer Last von Steinen. Ab und zu suchte sich ein Gesicht aus seinem
Dunkel zu lösen, aber es kam nicht aus einer gewissen schmerzlichen
Gleichgültigkeit frei, die es festhielt, und sank trauernd zurück.
So vergingen ihm die Viertelstunden; er hörte sie wehend im Föhn vom
benachbarten Turm schlagen.
Aber aus dieser unnatürlichen Ruhe löste sich in der Tiefe eine
zuckende Willensregung, ein dunkles scheues Wirkliches, das peinigte
und sich aus der Unbewußtheit schmerzend ins Bewußtsein hindurchbohrte.
Etwas stand ihm noch bevor! Ein Letztes mußte noch getan sein, wenn
alles getan und gelitten, wenn alles erfüllt sein sollte. Er wußte
gut, daß kein äußerer Zwang ihn veranlassen konnte, der Mahnung zu
gehorchen, aber ebenso klar wurde ihm, daß er in jedem Fall gehorchen
mußte, wenn er aus allem Tod sein junges Leben retten wollte, nicht
sein äußeres, das war gesichert, aber sein inneres, das noch unter
der ganzen Bedrohung des sittlichen Untergangs stand. Beschmutzt und
erniedrigt, wie er sich fühlte, sah er sich vor der Notwendigkeit, noch
einmal mit vollem Wissen in den Bannkreis jener unheimlichen Gewalt
zu treten, die ihn verdorben und beinahe vernichtet hatte, indem sie
seine niedern Instinkte entfesselte. Das alles wäre ihm aber nicht
geschehen, wie er sich ganz ehrlich sagte, wenn er keine niedern
Instinkte besessen hätte, und in dieser Erkenntnis lag unter aller
Niederlage bereits ein Fortschritt, wenn er sie auch nicht als solchen
empfand, sondern zunächst als Leiden und Urteil. Doch war es dieselbe
männliche Ehrlichkeit, die ihm den Wahlspruch eingab: »Jetzt los davon
oder ganz in den Schmutz!« An der Ausdeutung des Gefühls war freilich
sein jüngster Fatalismus noch zu großen Teilen tätig, und sie bewies
seine kindlich rohe Ungeübtheit im Umgang mit sittlichen Forderungen.
Unruhig, voll düsterer Vorgefühle und freudlos kahler Erwartungen erhob
er sich endlich, richtete den zerschossenen Arm in die Binde ein und
verließ nach einem letzten grübelnden Aufenthalt am Fenster das Zimmer.
Er war sicher, daß die schlaflose Frau ihn erwartete, fand auch die Tür
offen und sie bei einem Nachtlicht wachend, und zwar im Lehnstuhl neben
dem geheizten Ofen mit einem Buch in der Hand, doch nicht lesend, blaß,
verfallen, alt, mit ungewöhnlich großen, vor Angst geweiteten Augen,
deren Blick ihm verschärft und spähend entgegenflog, um auf einen
Moment sich klammernd an ihn zu halten und dann enttäuscht und fremd
erkältet von ihm abzugleiten. Heinz stand wortlos im Zimmer und sah
sie an mit einem Ausdruck, als ob er daran zweifle, daß sie wirklich
jene elegante und gefährliche Frau sei, die ihm aus der Ferne so zu
schaffen gemacht hatte. Eine Zeitlang herrschte vollkommene Stille, bis
ihr sein Blick peinlich wurde und sie den ihren, der ruhelos zwischen
den Dingen in der Stube hin und her ging, nach einem Stuhl wandte, auf
den sie zugleich mit der schmalen Hand deutete: »Setz dich, Heinz.«
Er gehorchte, während sich in ihm eine unsägliche Befremdung über
sich, sie, die Menschen und das ganze Leben ausbreitete. Lust, Gier,
Besitz, Geltung, so dünkte ihn --, was war das alles gegen ein reines
Bewußtsein von sich selber und das Gefühl der Einheit mit jenen treuen
und redlichen Seelentrieben, aus denen die Menschheit ihre eigentliche
Schönheit und ihren tiefsten Wert gewinnt. »Ich bin krank«, sagte die
Frau wie erklärend. »Es wird aber vorübergehen.« Er nickte, unfähig,
ein Wort zu sprechen. Was sich jetzt am Anblick ihres Elends in ihm
erregte, das war die schwere Empfindung des Mitschuldigen, die ihn
ergriff und erschütterte, ihn, den in aller Schuld beinahe Erfrorenen,
und die unter der Erstarrung der Gegenwart den heißen Quell der
Erkenntnis befreite, so daß sein winterliches Leben heimlich erregt
wieder in Fluß kam, sich stoßend und brechend zwischen Eisschollen,
Schmutz und entsetzlichen Versteinerungen, aber doch wieder bewegt,
doch wieder einem irdischen Vorgang ähnlich.
»Ich -- dachte nicht, daß wir uns -- unter solchen Umständen --
wiedersehen würden«, brachte er endlich stockend heraus, verstummte
aber sofort, weil ihm wie eine Faust das Schluchzen nach der Kehle
fuhr. Dazu quälten ihn seine Verletzungen, und er brauchte sein ganzes
männliches Schamgefühl, um vor ihr seine äußere Fassung zu behaupten.
Sie hörte alles. Zuerst saß sie noch eine Zeitlang mit
zusammengepreßten Lippen und unruhig denkend wieder den Blick zwischen
den Gegenständen ihres Zimmers umherführend. Endlich begann sie zu
reden.
»Nun, mein Freund, so weit hätten wir's also gebracht miteinander«,
sagte sie, ihm das kranke Gesicht flüchtig zuwendend, um dann wieder
unbehaglich dahin und dorthin zu blicken, als ob sie etwas suchte. »Du
hättest früher kommen müssen, wenn dein Besuch für mich irgendeinen
Wert haben sollte. Was willst du hier bei mir, nachdem du zuerst
bei ihr warst? Und was hat es für einen Sinn, daß du dich wie einen
Glückbringer ausführlich hier im Haus annonciertest, nachdem doch nun
jeder, auch sie, seinen Fußtritt von dir besitzt? Daß du dem Dechanten
deine bevorstehende Verlobung mit mir anzeigst, mich im dunkeln läßt
und in ~einer~ Reise zu ihr gehst? Du bist ein seltsamer Mensch!
Ein ganz seltsamer und unberechenbarer Mensch! -- Nun, mache dir nur
keine Gedanken darüber, und vor allem erspare dir alle Gewissensbisse
meinetwegen. Ich habe keine Lust, ~auch~ noch an dir zugrunde zu
gehen. Das Mädchen hast du aus dem Leben getrieben. Wozu? Müßt ihr
jetzt um jeden Preis vernichten? -- Morgen werde ich dies unheimliche
Haus verlassen, halb Spital, halb Irrenanstalt, halb Leichenhalle.
Lebt sie denn noch? Hm, einen Augenblick sah es aus, als ob sie mich
infiziert hätte. Ich hatte einen ganz rätselhaften Magenanfall.
Das Volk würde sagen, sie wollte mich nachholen. Man erliegt aber
übersinnlichen Ansteckungen nicht so rasch.« -- Sie verstummte unter
einem Kälteschauer und schwieg eine Weile innerlich zitternd ohne ein
Mittel, sich gegen ihr Leiden zu wehren, und hilflos Auge in Auge mit
ihrer Altersangst. -- »Was sonst?« fuhr sie dann dünn und skeptisch
fort, wie bisher ruhelos das Zimmer absuchend. »Jetzt sitzt dir das
Schluchzen in der Kehle und bist du ganz Reue und Todesgefühl. In vier
Wochen könnte ich wieder auf dich zu rechnen anfangen, aber du bist
mir zu kostspielig. Ich bin schließlich doch nicht mehr jung genug,
um mir einen solchen Sport zu leisten. Das Seelenleben wirst du dir
doch nie abgewöhnen, und daran wird deine Weltmannschaft immer wieder
scheitern. -- Weißt du eigentlich, warum ich überhaupt in dies Haus
kam, nach allem, was geschehen war? Ich bin auf Jugend hungrig, und
Linde schrieb mir in jenem Brief, daß du auch da seist. Von dir hatte
ich aber schon eine ganz bestimmte Witterung; die Aussicht reizte mich.
-- Ich glaube, ich habe dich wirklich geliebt. Ich habe Hoffnungen
und Träume auf dein Leben gebaut. Ich wollte dich kapitalisieren. Ich
wollte dir das Außerordentliche sein, das dich zum freien Mann machte
und dir eine große Karriere verschaffte. Ich verdanke dir eine der
bittersten Erfahrungen meines Lebens; das ist auch etwas. Nun, es wird
sich wieder ausheilen. -- Man wird hier in den nächsten Tagen deinen
Glauben wiederherstellen. Du wirst erschüttert und ›erweckt‹ ins neue
Leben gehen. Ich werde in mein altes zurückkehren. Noch eines will ich
dir sagen -- aber hat es nicht geklopft? Es ist dir wohl unangenehm,
wenn ich eintreten lasse? Obwohl wir ja nicht aussehen, als ob wir
ungern gestört würden. Herein!«
Heinz hatte sich schon erhoben. »Linde wird sterben«, sagte er tonlos.
»Ich hatte gebeten, mich zu rufen.« Doch zögerte er unter ihrem Blick,
in welchem ein kaltes und zugleich unruhig fürchtendes Licht aufging.
Dieser Blick widerlegte alle ihre vernünftig kühlen Ausführungen,
und Heinz sah, daß auf seinem Grund die Angst vor dieser Sterbenacht
lauerte. Er machte eine verlorene und halb unbewußte Bewegung nach der
Tür. »Ich muß gehen!« erklärte er widerstandslos. »Ich -- kann dir
auch nichts sagen. Da muß sich nun jedes selber weiterhelfen.« Indem
klopfte es zum zweitenmal dringlicher, und er öffnete, immer noch
nicht fähig, den Blick von ihrem fahlen, zuckenden Gesicht zu lösen.
Eine Weile wartete er, daß jemand eintrete oder spreche, um ihn aus
diesem Bann zu befrein. Als sich nichts regte und ihn das erste Grauen
von hinten beschlich, wandte er den Kopf herum und bemerkte, daß der
Vorplatz leer war. »Es hat doch zum zweitenmal geklopft!« sagte er
befremdet, während er einen bereits erregten Blick nach der Tante
ins Zimmer zurückwarf, unter dem sie bis auf die Lippen hinein grau
wurde. Unwillkürlich beugte sie sich vor, als ob sie einen Versuch
machen wollte, ihn zurückzuhalten. Noch kämpfte er einen letzten
Kampf zwischen ihrer verzweifelnden Angst und dem Trieb, der ihn zum
Sterbezimmer fortdrängte. Sie verfolgte jede seiner kleinsten Regungen
überwachsam mit den Blicken, aber nach einem allerletzten Zaudern
angesichts ihrer Einsamkeit, die er überall im Dunkel lauern sah,
bereit, sich wieder auf sie zu stürzen, ergab er sich aufatmend seinem
Trieb und ging, während er schon die erbitterte Stille, die er hinter
sich im Halbdunkel ließ, körperlich als Furchtempfindung im Rücken
spürte.
Als er aber mit schnellerem Schritt in das Sterbezimmer trat, fand er
den Oheim vor Müdigkeit schlummernd im Lehnstuhl sitzen; er hatte den
Platz überhaupt nicht verlassen und Heinz also auch nicht gerufen.
Jedoch gleich darauf trat Brigitt ein, ebenfalls von einem Klopfen
gerufen, beinahe aufgelöst vor Schreck, weil auch sie niemand vor ihrer
Tür gefunden hatte, und sichtlich beruhigt darüber, Heinz bei Linde zu
finden.
Linde verharrte noch in ihrer vorigen Lage, aber es war eine geheime
Unruhe in sie gekommen, Ihre Lider zitterten, und die Augäpfel
bewegten sich darunter. Der Mund schloß sich und öffnete sich wieder;
ihr Gesichtsausdruck war gequält, und die Leidenslinien neben der
Nase herunter vertieften sich. Die Hände griffen auf der Bettdecke
umher, und ihr Atem ging schneller. Niemand zweifelte daran, daß
der Todeskampf eingesetzt habe. Der Puls, der manchmal kaum mehr zu
merken gewesen war, regte sich. Sie wendete den Kopf nach der einen
Seite und dann nach der andern, als ob sie einem Schmerz ausweichen
wollte. Dazwischen stockte dann plötzlich der Atem wieder, während
sie gleichzeitig die Brust aufbäumte, als ob sie schreien wollte.
Gegen drei Uhr begann sie leise zu wimmern, und einige Male gab
sie halb gesprochene Laute von sich, als ob sie jemand um Erbarmen
flehte. Dann ertönte plötzlich jener langgezogene, jammervolle Schrei,
der die Männer bis ins Blut erbleichen machte und die alte Magd
fassungslos vor ihrem Bett niederwarf. Auch die einsame Frau vernahm
ihn in ihrem Zimmer zu ihrem namenlosen Grauen. Aber darauf geschah
das Unerwartete. Plötzlich öffnete die Sterbende die Augen mit einem
ganz vollen, bewußten Blick, mit dem sie nacheinander die Anwesenden
ansah und schließlich nachdenkend und wie fragend an der Gestalt des
Soldaten haftenblieb. Ihn schüttelte das Elend bis ins Mark, aber er
hielt ihr stand, um sie nicht zu verwirren, so gefährlich er selber
verwirrt war. Es konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, daß sie ihn
erkannte, wenigstens gab sie's durch kein Zeichen kund, sondern mit
diesem unverwandten, fragenden Blick sank sie nach einer Minute oder
zweien in ihre Bewußtlosigkeit unter, ebenso unerwartet, wie sie daraus
aufgetaucht war.
Bald setzte der Todeskampf frisch ein. Sie wimmerte noch viel, flehte
um Gnade, schrie zu verschiedenen Malen, aber nicht mehr so laut und
lange, wie das erstemal, bäumte sich und warf sich so heftig, daß sie
gehalten werden mußte, aber gegen fünf Uhr ließ die Kraft und damit der
Kampf nach, und um halb sechs stieß sie den letzten Schrei aus, kurz
darauf auch den letzten Seufzer. Als die Frühglocke zu läuten begann,
war alles geschehen.
Nachdem aber diese verklungen war und der Dechant dachte, man habe
nun alles überstanden, warf Brigitt noch einmal einen Ast ins Feuer,
daß es von neuem hoch aufflammte. Vom Schluchzen und Beten an Lindes
Bett auftaumelnd, erblickte sie den bleichen Soldaten, den Mittelsmann
des ganzen Unglücks, und ihr altes Herz stieg ihr mächtig an gegen
ihn. »Und du?« schrie und weinte sie ihn an. »Wie ist dir jetzt mit
deinem schwarzen Herzen? Hast jetzt die zweite Nacht in ihrem Zimmer
verbracht! Die dritte wartet auf dich in der Ewigkeit!« Mit diesen
Worten wankte sie hinaus, um ihr schweres heutiges Tagewerk zu beginnen.
Der Dechant, von dem Wort tief betroffen, wandte einen Blick
auf den jungen Menschen, dessen Miene und Haltung es grenzenlos
bestätigten. Sie drückten in aller männlichen Erschütterung noch
viel mehr aus, Gefühle und Regungen, die ihm den Soldaten zum
erstenmal wieder menschlich näherbrachten, aber inzwischen brach ihm
vor dem Geheimnis dieser wunderbaren Verstorbenen auch die letzte
Stützmauer seiner rechtgläubig-religiösen Welt ein. Denn indem er
bedachte, wie selbstherrlich Linde durch die Sterbesakramente in den
Tod gegangen war, mußte er entweder den Glauben an ihre göttlich
geführte Menschlichkeit oder an sein so logisch aufgeführtes Gebäude
der Gotteserkenntnis aufgeben. Augenblicklich stürzte und barst
es in seiner Seele, ohne daß er in der Geschwindigkeit wußte, was
da unterging. Noch eben hatte er mystisch gewaltige Spekulationen
angestellt über das Wesen, das im Anfang war, und das bei Gott war, und
über den Gott, der im Wesen, vom gläubigen Menschen gesprochen, ist
oder nicht ist. Nun erkannte er, daß er in der Rechnung das Wesen des
hoheitsvoll liebenden Menschen und seine Abgründe nicht eingestellt
hatte, daß alles noch viel gewaltiger und mystischer und daß auch jene
Erkenntnis weder das letzte Wort über Gottes Wesen ist noch genug Raum
enthält, um die Wesenhaftigkeit der menschlichen Seele zu fassen.