Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr
sein will
Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon
sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich
in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des
Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden
Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern
und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem
letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten
Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe
nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen
eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment
gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es
war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung
nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen
Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen
die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden,
brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme
mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des
Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig
Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere
kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die
jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden
war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner
Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung
fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner
Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen
vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen
sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war. So besaß er bei den Jungen
durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen
Befehlsbereich -- neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen
Kompagnieabschnitt -- unter sich hatte, so verlangte auch niemand
heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er
die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge
den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer
etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt
als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines
etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus
verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um
den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.
Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber
je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine
wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die
Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah
auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren
habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen
zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit
durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben
konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte.
Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den
Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend,
mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte
ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die
geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf
lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während
er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm.
Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand,
so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von
seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine
Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende
und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank
er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die
wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen
Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer
Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder
einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war
für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich
wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft
zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen
und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln,
Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden,
Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den
Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in
nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten,
warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich
eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen
wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen
Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und
er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem
gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn
stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr
wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und
Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik.
Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer
Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so
geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit,
und tat er irgend etwas, nur um damit für diesmal wieder fertig zu
sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich
Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort
auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde
zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis
dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete
automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen
Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete
er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen.
Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den
Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem
unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen.
Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser
Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam,
spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.
Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr
organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder,
wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums
unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten
das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen,
leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile,
hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu
werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten
die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich
überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die
Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern
Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab,
auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer
auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren mußte, wenigstens in
Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich
sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden
Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen,
warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich
sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf.
In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.
Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen
Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren
Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war
oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige
Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und
warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion
lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in
voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen
und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein
Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und
schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche
Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus
dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung
hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte
niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch
würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang
aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie
man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln
sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die
Sache der Gefechtsleitung.
Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit
düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen
Vorgang und war sich auch nicht über seine Tragweite im unklaren. Sein
Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was
ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut,
daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer
unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf
sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne
etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends
schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um
seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer
zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern
Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von
Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es
kam kein Aufruf.
Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen
schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere
Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die
Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein
eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich
niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter;
diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen
einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark
besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet.
Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an
der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen
Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und
warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst
im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in
der Richtung gegeneinander.
Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich
stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus
diesen kleinen entwickeln mußten, die Munitionsbestände zu sparen,
gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein
andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen
Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht
handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich
wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die
auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt
erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit
placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer
zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß
wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur
großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung
der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst
zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen
hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf
eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die
Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen
zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete
sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand
weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen
gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.
Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer
Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder
Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens
fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen
der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas
folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete
Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man,
seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen,
oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen
zuvorkommen. Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der
Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse
Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit
der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich
den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine
halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter
diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben
heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig
oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen,
so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten
auf den deutschen Graben los.
Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es
schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter
dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins
Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.
Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie
gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne
kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser
taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung
der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die
Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die
zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem
Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie
dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf
Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den
Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden
waren.
Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied
zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen
französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche
und brutale Einzelleistung, während die Franzosen als ausgemachte
Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die
Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von
keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal
möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie
ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann
mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen.
Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht
tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder
nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen
Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte
Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder
andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte
durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden
Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich
der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch
allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann
plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der
Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er
den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete,
sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam
eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen
Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein
junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr
in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate
schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief.
Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter,
der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben
rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen
Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und
unter dem Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah,
wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.
Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem
deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen
und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die
Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das
Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer
gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann
aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich
blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden
die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not
verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht
verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens
noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem
zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die
Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch
schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage
noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine
unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen
auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte,
irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen.
Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit
gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte
hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit
einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung
von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder
nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der
Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den
Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte
Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine
unbegreifliche Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt,
aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur
ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den
Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten
Grund nicht glaubte.
Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am
Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und
bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die
Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis
zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie
sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.