Drittes Kapitel

Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr

sein will

Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon

sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich

in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des

Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden

Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern

und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem

letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten

Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe

nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen

eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment

gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es

war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung

nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen

Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen

die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden,

brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme

mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des

Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig

Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere

kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die

jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden

war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner

Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung

fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner

Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen

vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen

sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war. So besaß er bei den Jungen

durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen

Befehlsbereich -- neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen

Kompagnieabschnitt -- unter sich hatte, so verlangte auch niemand

heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er

die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge

den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer

etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt

als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines

etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus

verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um

den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.

Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber

je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine

wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die

Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah

auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren

habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen

zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit

durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben

konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte.

Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den

Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend,

mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte

ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die

geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf

lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während

er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm.

Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand,

so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von

seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine

Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende

und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank

er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die

wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen

Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer

Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder

einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war

für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich

wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft

zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen

und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln,

Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden,

Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den

Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in

nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten,

warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich

eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen

wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen

Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und

er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem

gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn

stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr

wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und

Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik.

Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer

Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so

geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit,

und tat er irgend etwas, nur um damit für diesmal wieder fertig zu

sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich

Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort

auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde

zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis

dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete

automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen

Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete

er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen.

Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den

Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem

unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen.

Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser

Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam,

spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.

Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr

organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder,

wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums

unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten

das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen,

leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile,

hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu

werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten

die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich

überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die

Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern

Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab,

auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer

auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren mußte, wenigstens in

Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich

sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden

Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen,

warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich

sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf.

In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.

Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen

Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren

Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war

oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige

Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und

warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion

lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in

voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen

und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein

Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und

schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche

Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus

dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung

hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte

niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch

würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang

aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie

man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln

sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die

Sache der Gefechtsleitung.

Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit

düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen

Vorgang und war sich auch nicht über seine Tragweite im unklaren. Sein

Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was

ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut,

daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer

unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf

sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne

etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends

schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um

seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer

zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern

Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von

Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es

kam kein Aufruf.

Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen

schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere

Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die

Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein

eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich

niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter;

diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen

einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark

besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet.

Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an

der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen

Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und

warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst

im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in

der Richtung gegeneinander.

Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich

stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus

diesen kleinen entwickeln mußten, die Munitionsbestände zu sparen,

gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein

andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen

Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht

handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich

wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die

auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt

erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit

placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer

zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß

wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur

großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung

der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst

zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen

hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf

eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die

Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen

zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete

sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand

weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen

gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.

Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer

Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder

Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens

fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen

der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas

folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete

Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man,

seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen,

oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen

zuvorkommen. Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der

Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse

Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit

der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich

den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine

halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter

diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben

heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig

oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen,

so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten

auf den deutschen Graben los.

Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es

schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter

dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins

Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.

Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie

gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne

kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser

taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung

der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die

Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die

zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem

Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie

dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf

Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den

Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden

waren.

Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied

zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen

französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche

und brutale Einzelleistung, während die Franzosen als ausgemachte

Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die

Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von

keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal

möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie

ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann

mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen.

Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht

tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder

nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen

Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte

Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder

andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte

durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden

Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich

der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch

allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann

plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der

Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er

den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete,

sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam

eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen

Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein

junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr

in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate

schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief.

Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter,

der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben

rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen

Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und

unter dem Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah,

wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.

Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem

deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen

und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die

Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das

Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer

gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann

aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich

blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden

die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not

verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht

verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens

noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem

zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die

Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch

schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage

noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine

unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen

auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte,

irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen.

Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit

gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte

hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit

einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung

von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder

nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der

Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den

Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte

Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine

unbegreifliche Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt,

aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur

ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den

Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten

Grund nicht glaubte.

Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am

Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und

bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die

Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis

zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie

sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 24 / 33 题