Der Prediger Salomo. Der Versucher tritt in neuer Gestalt auf. Die
Austreibung
Noch während der Dechant das Haus verließ, trat die Tante aus der Tür
des Salons und sah den letzten Schein des Auftritts. Sie hatte das
Glöckchen des Küsters für die Hausglocke gehalten und war aufgestanden,
um nachzusehen, warum die Magd nicht öffne. Zuerst machte sie eine
Bewegung, als ob sie dem Dechanten nachgehen wolle, dann ließ sie
es und wandte sich mit leicht verzogenen Lippen dem Treppenhaus zu.
Etwas rascher als sonst stieg sie die Stufen nach dem oberen Stockwerk
hinauf, befremdet und widerwillig den Weihrauch atmend, der nun alle
Räume des Hauses erfüllte. Als sie die Tür zu Lindes Zimmer öffnete,
fand sie die Magd darin. Brigitt wandte sich ihr entgegen mit einer
Miene und einem Blick, die sie jetzt nicht zu mißachten wagte. In
diesem Moment war nichts mehr vom Dienstboten an ihr, sondern ihre
Haltung zeigte die natürliche Größe und Unerbittlichkeit des Menschen,
der gerade ein ungeheures Leid in der tiefsten Erschütterung der
Ehrfurcht erlebt. Die Klingse stand eine Weile prüfend und erwägend nur
in der Tür, kaum daß sie einen Blick nach dem Bett zu tun vermochte,
das von Weihrauchwolken wie von Engelscharen umwallt war, und zog sich
dann zurück, mit vorgeschobenem Kinn und bereits lebhaft denkend, und
der erhobenen Nase widersprach durchaus der beunruhigte Blick und die
scharfe Falte zwischen den dichten Augenbrauen.
Der Tante fehlte beinahe jede ursprüngliche Seelenwitterung, und
auf diesem Gebiet war sie ganz hilflos. Aber es fehlte ihr nicht
an einem gewissen Polizeischarfsinn, und was sie nicht selber
errechnete, das wandte sie aus ihren literarischen Gleichungen und
aus ihrer wissenschaftlichen Lektüre an. Die Liebe gehörte ihr im
Grund zur Gattung der Gemütskrankheiten, wie auch Aufwallungen der
Vaterlandsliebe und der Religiosität. Diese Liebespsychose der jungen
Leute beurteilte sie nun so, daß es für sie, die Gesunde und Kühle, in
den Augen des Liebenden nicht günstig wirken konnte, wenn das Mädchen
gerade jetzt in dieser kritischen Wendung das Zeitliche segnete und
in der Verklärung nicht des Himmels, aber in die des schmerzlich
ergriffenen und aufgewühlten Liebenden einging. Von den »noch nicht
durch Verstand vernichteten unreifen Gefühlsabhängigkeiten« des
»trotz allem poetisch veranlagten« jungen Menschen konnte sie nur
eine sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Schwenkung von ihr, der
überlegenen Frau, weg dem entschwindenden Schatten nach erwarten. Sie
durfte nicht hoffen, daß sie noch die sinnliche Überzeugungskraft und
den Trostreiz ausstrahlen werde, um die moralische Verwicklung rasch
in ihm zu besiegen, so rasch, daß der Sieg ohne Übersetzung geradehin
ihr zugut kam. Es lag nach keiner Richtung in ihrem Interesse und hatte
nie darin gelegen, daß die Rivalin von der Erde verschwand. In ihrem
Interesse lag bloß die Erniedrigung und Entwertung des verehrten
Bildes in der Betrachtung des Leutnants; während sie aber ihr Verfahren
der letzten Zeit überprüfte, fand sie, daß sie dieser Erkenntnis lange
nicht so aufmerksam nach gehandelt habe, als sie jetzt wünschte, daß
es geschehen sei. Sie bemerkte mit Unbehagen, daß sie sich bei aller
Kälte von ihrem Haß doch auf ganze Strecken beinahe aufsichtslos hatte
führen lassen. So hätte sie als überlegene Person, als die sie sich
selber gern betrachtete, in keinem Fall das ebenso hinfällige wie
hinterhältige Persönchen im Gewitter allein lassen dürfen, sondern
hätte alles daransetzen müssen, die unzuverlässige Gegnerin über den
Naturschrecken hinwegzulügen und sie so gleichzeitig in der Hand zu
behalten. Statt dessen hatte diese die Gelegenheit benützt, ihrer
Wächterin zu entwischen, und jetzt konnte niemand wissen, was weiter
kommen würde.
So war sie aus schwerwiegenden Ursachen außerordentlich unzufrieden mit
sich selber. Heimlich erregt und bereits auf der ersten Stufe einer
trüben Lebensverdrossenheit ging sie auf ihr Zimmer. Pessimistisch
grübelnd saß sie lange am Ofen in ihrem Lehnstuhl und sah dem
enttäuschenden Vorbeimarsch der Ereignisse und Gestalten der letzten
Zeit zu, die ihr die Fehler in ihrer Rechnung aufdeckten und sie sogar
bereits ahnen ließen, daß die ganze Rechnung als solche falsch angelegt
war und auf ganz irrigen Voraussetzungen beruhte. Indessen faßte sie
sich achselzuckend und wurde mit sich selber insoweit einig, daß
man jetzt eben abwarten müsse. Es war nicht gesagt, daß das Mädchen
wirklich sterben und dann auch gleich der Soldat dazukommen würde,
und sollte ihn ein Zufall oder bei der Verzögerung des Hinscheids
ein Telegramm des Dechanten herführen, so stand es auch nirgends
geschrieben, daß die ganze »rührende Chose« andere Empfindungen in
ihm anregen werde als Bedauern und etwas reputierliches Mitleid.
Seine letzten Briefe hatten nicht eben sentimental geklungen, und
eine Karriere blieb auf alle Fälle eine Karriere. Trotz allem fühlte
sie sich bei der Aussicht eines Wiedersehens zwischen den beiden
Jugendfreunden keineswegs sicher, da sie auch nicht wissen konnte,
was ihm das Mädchen über sie, die Rivalin, für Eröffnungen machen
würde, und für das beste hielt sie es, ein Wiedersehen auf alle
Fälle zu verhindern. Das geeignetste Mittel dazu schien ihr, jetzt
stracks auf ihr Ziel loszugehen und die Kriegstrauung zu veranlassen.
So setzte sie sich an ihren Tisch, um Heinz zu schreiben, daß er
unbedingt suchen müsse, sofort Urlaub zu bekommen, da sie sich mit ihm
in Köln zu treffen wünschte. Sie nahm sich vor, ihm dasselbe noch zu
telegraphieren. Außerdem wollte sie sich jetzt endlich aus diesem Kampf
mit den »übersinnlichen Kräften«, der nachgerade zur »Manie«, zu einer
Art von fixer Idee ausgeartet war, losreißen, ihre Koffer packen und
von morgen an wieder die freie Frau sein, die sie vordem gewesen war.
Mochte der Dechant römischer Pfaffe bleiben oder Kunstpfaffe werden
-- das konnte ihr wirklich gleichgültig sein. Die Hauptsache war, daß
sie sich nun von allen kränklichen Einflüssen befreite und wieder zu
handeln begann.
Gedankenvoll, zu Taten entschlossen und mit Nerven, die beinahe zum
Zerreißen gespannt waren, erschien sie endlich zum Nachtessen. Dort
empfing sie, noch bevor sie ihrerseits irgendeine Absicht anzuzeigen
vermochte, zwei Nachrichten, von denen die eine sie vor eine ganz
neue Lage stellte. Die erste unterrichtete sie auf ihre Frage, daß
jedenfalls bis jetzt das Mädchen noch lebte, und die zweite teilte
ihr mit, daß der Dechant von Heinz einen Brief bekommen hatte, worin
er schrieb, daß er verwundet sei und, sobald der Arzt ihm die Reise
freigebe, auf Urlaub kommen werde. Was für eine Verwundung es war,
schien nicht gesagt zu sein, und was darüber hinaus wirklich noch
gesagt war, das verschwieg der Dechant, so aufmerksam und prüfend er
sie übrigens daraufhin ansah. Heinz hatte noch geschrieben, daß er
beabsichtige, sich mit Frau Malva Klinger zu verloben und auch gleich
kriegstrauen zu lassen, wenn er alles so finde, wie es den Anschein
habe. Er für seinen Teil glaube nicht mehr an Ideale, und man werde
ihn auch nicht so rasch wieder glauben machen. Die schönsten Worte
trögen am meisten, und es sei nirgends eine größere Leere als hinter
hingebenden Blicken. Man werde ihn in Zukunft sich an das Reale halten
sehen. »Als ob er sich bisher an viel anderes gehalten hätte!« dachte
der Dechant unwillig verwundert, während er sich an jene unglückliche
Reihe von lauten und schiefen Ankündigungen erinnerte. Aber im übrigen
glaubte er jetzt, durch den Brief im Übermaß belehrt, mit sich im
reinen zu sein über die Verteilung von Schuld und Unschuld an diesem
Platz, und was seine Schwägerin anging, so erwog er den Gedanken, ob es
nicht richtig wäre, wenn er sie jetzt ersuchte, ein Haus zu verlassen,
worin sie sich so vielfach zur Geltung gebracht hatte. Doch war ihm aus
ihrem Verhalten noch nicht das sichere Gefühl geworden, daß sie von
diesen neuesten Dingen grundsätzlich wußte; die Verwundung jedenfalls
war ihr neu, und ihre hastige Frage nach dem Lazarett des Soldaten ließ
ihm einige Hoffnung, abgesehen von dem Umstand, daß er ihm, dem Oheim,
den ersten Brief nach der tödlichen Erfahrung geschrieben hatte, und
nicht der Tante, freilich auch nicht Linde. So gestand er sich, daß
er im ganzen großen wenig von den Dingen wußte. Unterdessen überhörte
er auch ihre zweite Frage nach dem Lazarett, in welchem Heinz liege,
und nachdem er noch eine Weile in zunehmender Scham mit seinem neuen
Widerwillen gegen diese Frau gekämpft hatte, erhob er sich und überließ
ihr den Tisch.
Auf sie selber wirkte die Nachricht von der Verwundung und dem in
Aussicht stehenden Urlaub, wie immer ein Blitz wirkt, ob erwartet
oder unerwartet. »Er hat dem Dechanten geschrieben und nicht mir?«
fuhr es ihr kalt befremdend durch den Kopf. Dann mit einer spähenden
Hoffnung: »Aber vielleicht ist sein Brief an mich hängengeblieben und
kommt nach!« Daß sie auf ihre Frage nach Heinzens Lazarett ohne Antwort
blieb, zeigte ihr ihre ganze neuerliche Hilflosigkeit in diesem Haus.
Ihr kühn gefaßter Plan, die Sterbenden hier sich selber zu überlassen,
war schon gegenstandslos geworden, denn wo sollte sie jetzt den
Soldaten finden? Nun hieß es von neuem: warten und sich gedulden.
»Bereit sein ist alles!« dachte sie literarisch. Aber die Blicke,
mit denen sie dem schweigsamen Dechanten folgte, waren bitter und
feindselig, und ihre Miene war aufgebracht. So hatte auch sie aus dem
Gewitter noch ihren Nachzügler erhalten.
Der Kranken selber fiel gegen alles Erwarten nach den Schrecken der
heutigen Schneedämmerung und nach dieser leise bewegten Nacht, die
sie doch ohne besondere Ereignisse verbrachte, ein stiller, milder
Frühlingstag zu, in dem sogar die ersten Amselrufe erklangen trotz
der Prophetie des Küsters von einem Nachwinter. Sie genoß ihn und
noch einen folgenden und einen dritten blaß und schon sehr fern. Die
Nachricht von Heinz erfuhr sie durch Brigitt; sie gab keine Zeichen
von Erregung, höchstens daß sie ihr eine leise Steigerung des Fiebers
verursachte, aber es war nicht mehr quälend, sondern gestaltenlos und
reiner Zustand. Ob sie Heinz erwartete oder nur noch ihren baldigen
Hingang, konnte niemand mit Sicherheit von ihr sagen.
Die große Änderung im Verhältnis des Dechanten zu ihr zeigte sich
zunächst in dem Zustand, daß er sich mit Brigitt in die Wachen bei
ihr teilte. Er übernahm außer den Stunden des Vormittags die erste
Nachthälfte bis um ein oder zwei Uhr, Brigitt versah sie die übrige
Zeit. Die Tante hatten sie ohne viel Worte ausgeschaltet, und die
wenigen, die der Dechant aus dem Anlaß zu ihr zu reden hatte, waren
kühl und merklich fremd. Zwischen ihm und Brigitt war die Anordnung
weiter kein Gesprächsthema gewesen, aber sie bildete unausgesprochen
eine erste Wiederverständigung zwischen der alten treuen Seele und
ihrem Herrn, wenn auch der neue Verkehr auf dieser schwebenden Brücke
zunächst noch recht sparsam und vorsichtig hinüber- und herüberging.
Die Verwandte betreffend barg sich der Dechant vor einer unliebsamen
Notwendigkeit noch einmal in der Erwartung, daß sie doch wohl jetzt
die Folgerungen ziehen und gehen werde, wo sie so deutlich sah, wie
überflüssig und entsetzlich fremd in dem ganzen strengen Vorgang sie
war. Die Menschen machen immer die gleichen Rechenfehler, und zwar die
ihnen eigentümlichen.
So stand das Leben in dem nun sehr stillen Pfarrhaus völlig unter
dem Zeichen der Sammlung und Erwartung. Brigitt benutzte die erste
Schwächung in dem Einfluß, den die Tante auf das Hauswesen ausübte, um
zur früheren, ihrer Pflicht und der Gesundheit des Herrn angemessenern
Lebensweise zurückzukehren; außer ihrem eigenen Tod hätte sie an diesem
Handstreich unter den herrschenden Umständen keine Gewalt der Welt
verhindern können. Sie richtete mit den verschiedenen Lieferanten die
alten Gewohnheiten wieder ein und genoß so unter allem Kummer um das
Kind doch eine oder zwei Stunden der Befriedigung. Als das aber getan
war, wandte sie sich wieder mit allen Gedanken und Empfindungen der
Kranken zu, für die sie noch einen Vormittagsgang in den Dom machte,
wo sie an demselben Fleck, auf dem Linde damals vor der Beichte
gekniet hatte, lange um deren Genesung oder seligen Hingang betete.
Auf dem Heimweg stieß sie mit dem Kreisphysikus zusammen, der auch zum
Pfarrhaus wollte. Er fragte nach den Ereignissen der Nacht und der
Temperatur und fand alles ausgezeichnet. Am Krankenbett verstärkte
sich ihm dieser vorteilhafte Eindruck noch. Obendrein bekam er endlich
einmal den Dechanten selber zu fassen, von dem es ihn schon lange
verdroß, daß er seiner medizinischen Person so wenig Ehre antat.
Also benützte er die Gelegenheit, seinen geistlichen Hochmut mit
einem scharfsinnig und launig zusammengefaßten Vortrag über die ganze
Krankheitsgeschichte zu bekämpfen, zumal diese Krankheitsgeschichte
jetzt »lächerlich deutlich wie ein aufgeschlagenes Kinderbilderbuch«
vor seinen Augen dalag. Diesem Natürchen habe er nämlich wirklich
mit List und Geduld seine letzten Geheimnisse abgeluchst, richtig
abgeluchst. Ach du lieber Gott, der Arzt, der sich nicht mit der
Geschicklichkeit eines Marders zwischen dem Tod und dem Patienten
hinzuschleichen wisse, der solle sich nur lieber gleich um einen
Lehrstuhl an der Universität bewerben. Er gehöre ja gar nicht zu jenen
Angstdoktoren, die sich von jedem Schwindsüchtchen oder Karzinömchen
ins Bockshorn jagen ließen. Was sei denn dabei, wenn jemand nun
wirklich einen kleinen Magenkrebs habe? Es gebe wirklich schlimmere
Dinge. Neulich sei doch ein Junge zu ihm gekommen, der sei in eine
Sense gefallen und habe sein Gedärmchen in der Hand vor sich her
getragen. Eine außerordentlich einfache Sache. Er habe ihn auf einen
Stuhl sitzen und warten heißen, bis er mit seinem Kaffee zustande
gekommen sei, denn an der Tatsache habe er ja auch nichts mehr ändern
können. Das sei die Natur. Er wünsche sich nur einmal den Dechanten
unter die Finger zu bekommen mit einer ordentlichen Pneumonie oder
dergleichen, da sollte er einmal den wahren Arzt kennenlernen. Dies
Natürchen da, das sei ja zum Lachen. Gucke so vergnügt und schlau
aus seinen Kissen heraus und besinne sich gerade auf neue Finten und
Hasensprünge. Nur nicht verblüffen lassen. Oberster Grundsatz: Glaube
nichts, bevor du's siehst. Die Theologie lehre das Gegenteil, dafür sei
sie auch die Theologie. »Nur so weiter, du kleines heiliges Satänchen.
Liegst jetzt ordentlich fest auf dem Rücken. Hat dir schon lange einmal
gefehlt, damit du deine Wirtschaft wieder sanierst. Hast verteufelt
schlecht Haus gehalten. Hut ab vor der Natur. Vor einem Vierteljahr
kommst du mir nicht aus dem Bett heraus. Sie kann jetzt ein bißchen
gehacktes rohes Fleisch kriegen. Auch Zwieback, damit sie die Zähnchen
nicht verliert. Hab' lange nicht einen solchen witzigen Fall gehabt.
Der reine Humor. Na, Gott befohlen. Morgen wieder. Habe die Ehre.«
Mit diesen Worten hob er sich auf, griff zu Stock und Hut, die er auf
Lindes Bettdecke gelegt hatte, und verabschiedete sich vom Dechanten.
Der hatte zu dem ganzen vergnügten Vortrag sehr wenig gesagt und
endlich überhaupt nicht mehr hingehört, und der Kreisphysikus verließ
das Haus im ganzen großen doch etwas unbefriedigt von dem Eindruck, den
er auf den Geistlichen gemacht hatte.
Während der Kreisphysikus sich höchstens auf die hippokratischen
Züge des leiblichen Patienten und da nicht immer verstand, besaß der
Dechant eine große Erfahrung in der Todesmiene der Seele, weil er
nicht nur mit den Augen sah, sondern mit dem Geist. Es wäre ihm nie
möglich gewesen, an einem Sterbebett anders als mit allen priesterlich
geweihten Kräften seines naturstarken Herzens anwesend zu sein, und
so lange war er immer ganz ohne Eitelkeiten. Darum besaß er soviel
undilettantischen, tiefernsten Scharfblick, um im Gegensatz zum Arzt
sich keinen spielerischen Hoffnungen hinzugeben, sondern wohnte bereits
mit voller Einsicht Lindes Auflösung bei. Was sich nebenher oder
unmittelbar damit für ihn selber auflöste, das ahnte er zur Zeit mehr,
als daß er es mit irgendwelchen Worten auszudrücken vermocht hätte; es
wäre ihm nicht einmal gegeben gewesen, es anzudeuten, so aufrührerisch
wurde mit seinen bisherigen Anschauungen vom Leben verfahren, und so
anarchistisch waren die Witterungen, die ihn unter dem Schatten dieses
selbstherrlichen und schweigsamen Sterbens überkamen. Von der Lüge des
Lebens erhielt er gerade aus den Finsternissen des Todesgeheimnisses
die blendendsten Erkenntnisse. Manchmal sah er sich an der Grenze des
immer tendenziösen Seins angelangt und wollte schon mit dem ersten
Schritt in die ungeheure, grenzen- und tendenzlose Wahrheit des
Nichtseins stürzen, da trat sein tastender, unsichtbarer geführter Fuß
wieder auf ein klug gepflastertes und organisiertes gesellschaftliches
Übereinkommen, und die Wanderung ins Unbestimmte ging weiter mit
ihm. Dabei war in seiner Seele ein geheimes Kommen und Gehen von
Erscheinungen, ein Wirken und Weben von Empfindungen aus längst
vergangenen Lebensepochen, die nicht seine schlechtesten gewesen waren,
ein Aufblühen und Verblassen einstiger Stimmungen und einstiger Träume,
und allem Knüpfen und Lösen hielt er stand, ohne etwas vorenthalten
oder beiseitebringen zu wollen. Soviel Ehrlichkeit und Würde war lange
nicht mehr in ihm enthalten gewesen, aber wenn er glaubte, nun bald
den Gipfel zu erreichen oder -- der Tod verändert ja alle Richtungen
-- im Abgrund zu versinken, weil er sich schon soviel einsichtiger
und weiser vorkam, als er vorher gewesen war, so befand er sich immer
noch in keiner andern Gegend des Weltplanes als in seiner alten
wohleingerichteten Lehre, in der er groß und schon ein bißchen grau
geworden war. Auch wenn er in seiner versunkenen Stimmung den Prediger
Salomo vornahm und den Text zu der Vergänglichkeitsmusik, die in ihm
klang, aufschlug, so brachte ihn auch diese Lektüre nicht weiter, als
morgenländische Gehirne Tausende von Jahren vor ihm gewesen waren.
Er las beim Schein der Krankenlampe: »Was hat der Mensch mehr von aller
Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das
andere kommt; die Erde bleibet ewiglich.« Erstens, dachte er, irrt sich
der Prediger in der Voraussetzung, da die Erde eben nicht ewiglich
bleiben wird, und mit diesem wirksamen Kontrast fällt seine ganze
Erkenntnis in sich zusammen, zumal der Mensch von seiner Mühe wirklich
etwas zu haben scheint, nämlich seine Sicherheit, sein zeitliches
Wohlergehen, sein Haus, seine Kinder, seine Freuden und die materiellen
und geistigen Erfolge seiner Persönlichkeit. Es war ihm nicht möglich,
dem morgenländischen Prediger bis zum nihilistischen Ziel seiner
Philosophie zu folgen, weil er das durch das Gewissen gesteigerte Tun
des ~christlichen~ Menschen höher einschätzen mußte, trotz seiner
Endlichkeit und deutlichen Beschränktheit, die er mit jenem Orientalen
teilte. Dennoch fühlte er mit beunruhigender Bestimmtheit, daß ihn das
große »Eitel« an seiner Stelle traf, wo auch er ihm nicht zu entrinnen
vermochte, wo er standhalten und zusehen mußte, daß ganze gepflegte
Hühnerhöfe seiner sittlichen Begriffe vom Marder der Vergänglichkeit
abgewürgt wurden, und es waren sehr wertgehaltene Exemplare darunter.
Aber das war noch nicht alles. Denn indem er weiterlas, ging ihm das
unheimliche Licht auf, daß auch das große Eitel des Predigers und
aller Menschen, die sich persönlich denkend mit dem Leben befaßten,
unheilig und ungeordnet, wie es war, selber zu den Eitelkeiten gehörte.
Denn was geschah nun mit der weiteren Erkenntnis? »Die Sonne geht
auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder
aufgehe. Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht
und wieder herum an den Ort, da er anfing. Was ist es, das man getan
hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues
unter der Sonne.« Das war schließlich auch nichts anderes als der
Versuch eines alterseitlen Mannes, das Leben der andern jugendstarken
zu verneinen und recht zu behalten. Nein, dachte er, auch die Weisheit
des Alters ist eine Eitelkeit. Die Begründung, daß alles schon
dagewesen ist, reicht nicht aus, das Leben zu verneinen. Freilich
gibt es ein grandioses, heiliges Aber, das sich gegen das Leben
richtet. Wo finde ich es? Vielleicht, grübelte er weiter, war es in
den nachfolgenden Wegleitungen zur rechten, aus Weisheit stammenden
Glückseligkeit enthalten. Aber wohin er blickte, fand er nichts als
zerbrechliche Denkform, Filigranwerk der menschlichen Erfahrung,
erlernbare Anweisungen, die der Selbstsüchtige und der Erkaltete ebenso
befolgen konnte wie der Erweckte und Ergriffene, um genau zu demselben
Ziel zu kommen, von dem der Prediger als letztem Schluß der Weisheit
sprach: zur Herstellung der irdischen Glückseligkeit und zur Bewahrung
vor Fallen und Schädigungen. Auch diese letzte »Weisheit« erschien
ihm eitel, denn sie war ebenso vergänglich und nur um vieles weniger
geheimnisvoll als die Mühe des Menschen, die er hat unter der Sonne,
das Wehen des Windes und das Ereignen der Zeit.
Bedrückt und verwirrt schloß er endlich das berühmte Buch, um dann bloß
wieder dem so kühnen als stillen Weben der Auflösung in der bekannten
Gestalt zuzusehen, auf das überirdische Sausen der Stille zu hören, die
ihn umgab, und der unermeßlichen Einsamkeit, in welcher er sein und das
Leben aller Menschen nun irren und suchen sah. Nachdem er so begriffen
hatte, was das hieß, allein sein und auch die letzte Eitelkeit des
Gedankens vernichtet wissen, gab es nichts mehr, was er nicht willens
war, mit zu opfern und dem allgemeinen Untergang des Irdischen, der
sich in ihm ereignete, nachzustoßen, unbekümmert darum, was weiter aus
ihm wurde, und mit der großartigen Gebärde des in Bescheidung still
Verzweifelnden. Er verzichtete auch auf die Hoffnung, daß ihm seine
Bescheidenheit schließlich doch noch einen schlechten Freiplatz im
Theater der Allmacht einbringen werde, von dem aus er auf den Zehen
stehend der Weltkatastrophe oder der Katastrophe der fünf Sinne als
kleiner Zuschauer beiwohnen könne, in seinem Teil immerhin das Ganze
mit dem Leben überstehend.
In diesen Tagen des innerlichen Wandels bekam der Dechant einen
Besuch, der ihm sonst nicht wenig geschmeichelt und ihn in seiner
letzten Absicht vielleicht sehr erregt hätte. Ein Beamter der Berliner
Museumsverwaltung sprach ganz unangemeldet bei ihm vor, um mit ihm
über die Dinge zu reden, die seinen Kirchenbau betrafen, und sich
seine kleine Sammlung zeigen zu lassen. Es war ein mittelgroßer,
magerer Herr in den vierziger Jahren, mit einer Physiognomie, der etwas
Spitzmäusiges anhaftete, mit einer großen Brille aus dunklem Glas auf
der Nase, mit englisch geschnittenem Schnurrbärtchen und schneiderhaft
mit Bändern eingefaßtem, dunklem englischen Jackett. Er begann sofort
zunftgerechte und zweckmäßige Fragen zu stellen, die der Dechant etwas
verwundert beantwortete, und forschte sich in kurzer Zeit durch die
ganze Geschichte der Renovation und der Ausgrabungen durch. Worum der
Dechant lange ahnend und in gewissenhafter Sorge gestrichen war wie
der Jüngling um den Gegenstand seiner Wünsche, ehe er den betreffenden
Zugriff tat, da packte der Herr ohne falsche Scheu zu, und es fiel
weder eine Verneigung vor dem Allerheiligsten noch ein Achtungsbeweis
für die geistliche Behörde ab, beides Dinge, die auch wirklich nicht
in sein Fach schlugen. Wenn es nun dem Dechanten darauf angekommen
wäre, gegen den Erzbischof einen Wunsch oder ein Interesse auf Umwegen
über die weltliche Macht durchzudrücken, so hätte er die beste
Gelegenheit dazu besessen, aber zunächst dachte er gar nicht daran.
Inzwischen führte er den kunstbewanderten Herrn in seinem kleinen
Museum herum, und es zeigte sich, daß der Besucher alles mit treffenden
und manchmal entzückten Ausdrücken an den richtigen Ort heimzuweisen
wußte. Dies Kreuz gehörte jener Werkstatt, und jener Pokal wies
die und die orientalischen oder maurisch-spanischen Einflüsse auf,
Beziehungen, die dem Dechanten natürlich genau bekannt waren, und die
er längst für seine Person festgestellt hatte -- er widersprach dem
findigen Mann sogar in einer Sache und behielt recht --, die ihm aber
lange nicht so wichtig waren, und bei denen ihm höchstens vor der
weltfertigen Gelehrsamkeit des andern wind und weh wurde. Denn darin
hatte er vor dem Erzbischof keineswegs geflunkert, daß ihm jedes Kreuz
ein Erleben des christlichen Gedankens bedeutete und er in einer alten
gotischen Monstranz zuerst und zuletzt das Gottesgefühl erkannte und
nachspürte, das sich darin zum Ausdruck gebracht hatte. Ob nun die
oder jene Werkstatt, der östliche oder südwestliche Geschmack hier den
Griffel geführt und dort das Modellierholz beeinflußt hatte, galt ihm
erst in zweiter Linie, und auch da zuvörderst durch die Erkenntnis,
daß auch diese anregenden Führerformen religiösen Vorstellungen
entsprungen waren. Das war der Zug, den der feine Herr aus Berlin sehr
rasch als das dilettantische Leitgefühl seiner kunstgeschichtlichen
Tätigkeit erkannt haben würde, wenn nicht der Dechant verdrossen von
dem gelehrten Gallimathias, den der Besucher von sich gab, meistens
den Mund gehalten hätte, und über die Wurzeln seiner Leidenschaft am
meisten. Da tönte es von Linienführung, Stilprinzipien, technischer
Überlegenheit oder primitiver Kindlichkeit, und was solcher Zensuren
mehr waren, so daß er vor Unmut über das gespreizte moderne Kerlchen,
das mehr einem altklugen Jungen glich als einem Mann, der so leichthin
über diese durch Alter, Geschichte und Gebrauch geheiligten Gegenstände
urteilen durfte, bald nicht mehr wußte, wie gleichgültig und kühl er
reden sollte, nur um sich vor peinlichen Empfindungen zu bewahren, die
mit der Preisgabe selbst des kleinsten Gefühlsanteils unweigerlich
verbunden waren.
»Es zeigt sich doch immer wieder«, sagte der Herr mit der dunklen
Brille, indem er sich eifrig schnaubte: »Alles ist Auge. Die Leute
hatten damals mehr Auge als wir.«
»Goethe meinte: Alles ist Gefühl!« erwiderte der Dechant beinahe
unwirsch. »Man könnte ebensogut sagen, daß die Leute von damals mehr
Gefühl hatten.«
»Ganz richtig«, stimmte der Herr zu. »Gefühl des Auges. Augengefühl.
Augenkultur. Daß dann mit solchen Kultgeräten der Gottesdienst
ebenfalls Intensität und Schwung bekam, ist nur natürlich. Eine Kunst
weckt die andere. Die Anschauung einer edlen Monstranz erregt im
Musiker die melodiöse Linie; die neue Messe ist da. Der Maler wird zu
neuen Bildern und Glasfenstern angeregt, der plastisch begabte Mensch
zu Skulpturen. Und alles zusammen erregt dann jenes unbestimmt gehobene
Lebensgefühl, das man früher Religion nannte. Heute heißt es Kultur.
Bei unsern Nachbarn nennt man's Zivilisation. Aber am Anfang steht das
Gerät.«
Der Dechant stand halb ungeduldig, halb schwermütig da, weil er an
seine Sterbende dachte. »Im Anfang war das Wort«, sagte er, für den
andern unnötig gewichtig, so daß der ihn überrascht anblickte. »Sie
können nicht glauben, daß am Anfang der Religion das Gerät stand,
wenn Sie dann noch einen einzigen vernünftigen Gedanken in Ihrer
Kunstgelehrsamkeit weiterdenken wollen. Das ist derselbe Widersinn,
den uns die Naturwissenschaft auftischt, wenn sie sagt: Am Anfang
des Lebens ist die Urzelle, der Urkeim. Was wissen wir nun? Andere
erklären uns, das Leben sei als Keim von einem andern Stern auf
die Erde gekommen. Das nennen sie exakte Forschung, und solche
Knabenhaftigkeiten hoffen sie dann an Stelle der alten religiösen
Mythen und der christlichen Grundwahrheiten zu setzen. Herr, am Anfang
der Kunst und auch des Geräts war das Gottgefühl. Es war am Anfang
alles menschlichen Tuns, der Kultur, der Zivilisation, und wessen Sie
sonst wollen. Ich wollte Ihnen das nicht sagen, weil Sie's vielleicht
doch nicht begreifen. Wenn Sie nun den Dom sehen wollen --«
»Aber natürlich!« erklärte der Kunstbeamte mit gewinnender Miene und
ganz ungetrübt, indem er den großen Mann -- der Dechant überragte
ihn um mehr als den Kopf -- interessiert betrachtete. »Sie geben da
sehr bedenkenswerte Erklärungen und Zusammenhänge. Sie haben einen
Standpunkt. Sehen Sie, auch daran fehlt es dem modernen Kunstbetrieb,
am Standpunkt. Auch der Architektur. Sie verstehen sich auszudrücken
und Ihre Vorstellung an den Mann zu bringen. Leute wie Sie braucht
man heutzutage, weil sie als Anreger und frische Impulsgeber in
unsrer schon etwas ausgeleierten Zeit unerläßlich sind. Sie besitzen
Urkraft; das ist heute ein rarer Stoff. Sie bemerken, daß wir ganz
unvoreingenommen sind. Übrigens sind wir auch selber nicht so absolut
von dem Linien- und Nurfarbenwahn besessen. Eine Ahnung davon, daß
es noch andre Gesichtspunkte gibt, haben wir immerhin auch noch.
Uns fehlt nur die Kraft, wie gesagt. Kommen Sie zu uns. Es dürfte
nicht schwer halten, Ihnen einen Lehrstuhl, zum Beispiel an einer
katholischen Universität, zu verschaffen. Was Sie dann obendrein mit
Ihrer Wissenschaft wirkten, und wie weit Sie damit kämen, wäre Ihre
Sache. Allein schon Ihr Einfluß auf die katholische Kirchenkunst müßte
sehr beträchtlich sein, denn Sie sind nicht bloß Kraft, sondern auch
Intelligenz. Ich kann Ihnen ja nun sagen, daß ich -- ganz unverbindlich
-- sondieren darf, was Sie zu einem derartigen Vorschlag zu sagen
hätten. Ich für meinen Teil, der ich nun die Ehre habe, Sie persönlich
zu kennen, kann Ihnen dazu nur aufrichtig raten. Überlegen Sie sich
die Sache; Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Inzwischen gehn
wir zum Dom. Wohnt nicht gegenwärtig Ihre Verwandte, Frau Professor
Klinger, bei Ihnen? Eine talentvolle und hochgebildete Dame. Sie ist
an dem Antrag nicht ganz unbeteiligt, obwohl natürlich die Möglichkeit
dazu Ihr Verdienst gegeben hat, ohne das auch in Preußen nichts ist.
Aber ein Anstoß muß überall sein. Hoffentlich darf ich nachher die Dame
sehen?«
Indem der Dechant den Kunsthistoriker zum Dom begleitete, ging es ihm
seltsam. Immerzu sah er einen Menschen in seinem Alter und von seinem
Aussehen auf dem Katheder stehen und bedeutende, anfeuernde Vorlesungen
halten, während eine große und stets wachsende Zahl von jungen
Männern zu ihm aufsah, die Augen voll frommer Erregung und die Mienen
gespannt in der Aufmerksamkeit auf ein göttliches, in der Zeitlichkeit
sichtbares Thema, das er allgemeinverständlich entwickelte mit klaren
und wissenschaftlichen Worten. Oder er sah den Menschen Bücher
schreiben, die von Hand zu Hand gingen, deren Geist sich betrachtend
und hinweisend am Rand des göttlichen Erscheinungsfeldes bewegte,
und deren Materie, von der Geschichte herausgereicht, anzeigte, daß
dort drin der Sternnebel der Ewigkeit gestaltenzeugend die unendliche
Hochzeit seines seienden Werdens feiere, geformte Meteore der Kunst
wunderbar ins gemeine Leben hinausschleudernd, die in der Reibung der
sündigen Atmosphäre noch einmal aufglühten und dann in der Geschichte
erstarrten. Vor allem aber, er stand draußen und zeugte draußen
weltlich, während ungeheuer brausend der Orkan des lebendigen Gottes,
in sich selber drinnen heilig erschaffen, lebte und heilig erschaffend
mitriß, was sich den Wirbeln seiner Unendlichkeit gläubig und reinen
Herzens überließ. Darauf warf er wie eine Weiche die Anschauung um
und sich selber hinein, um Gottes teilhaftig, ~Verfüger~ über
Seine Allmacht und Weisheit, vor dem Abgrund Seiner Liebe für das
Draußen zu zeugen, ohne das es Sein Drinnen nicht gab, für das Tiefe,
ohne das Er nie hoch war, und das Unwissende, in dessen Nacht allein
Sein Sternnebel so unbegreiflich wild und schön aufbrannte. Und nach
dem Draußen hin zeugte er nun anstatt mit dem erstorbenen Meteor mit
der schleudernden Kraft selber, für die es kein Oben und Unten gab.
Das Tiefe machte er durch seinen Glauben zur Höhe, wie vom Firmament
aus betrachtet das irdische Meer ein kristallenes Gebirge von tief
hingetürmtem Wasser ist; aber das Unwissende erhob er durch die Wucht
seiner Liebe zur wahren göttlichen Wissenschaft. Er sah sich stehen mit
einem großen Herzen voll gewaltiger Hinneigung und einer Seele voll
unbesieglicher Aufstrebung, angetan mit dem Gewand eines Kirchenfürsten
und mit dem schwersten Ernst des Lebens.
Dieser Traum hielt auch noch stand, während er mit seinem Begleiter
den Dom betrat. Als er vor dem Allerheiligsten vorbeigehend mit dem
Zeichen des Kreuzes sich tief verneigte, fühlte er eine bedeutsame
Überlegenheit gegenüber dem verständigen klugen Mann, der nichts
sah und nichts fühlte und darum auch nichts zu verehren hatte. Noch
einen Moment gehörte ihm der ganze heilige Dom mit seiner Geschichte
und Tradition, aber während sein Blick die strengen Formen und die
ernsten Räume durchflog, erinnerte er sich an das sterbende junge
Leben, und wurden seine Augen wieder trüb. Eine Stimme raunte ihm zu:
»Es ist alles eitel!« und so schien's ihm auch schon der Gedanke an
seine große Steigerung in Gott und seine Zukunft als geheiligte und
unantastbare geistliche Großmacht, zumal der Kunsthistoriker wieder
mit seinem bewanderten Geschwätz zu plätschern begann und in kurzer
Zeit außerordentlich viel Nüchternheit um sich verbreitete, so daß ihm
der Dom zu einem aufgetürmten Steinhaufen wurde und das ganze geweihte
Wesen zu einer Rumpelkammer. Damit schien ihm freilich nichts anderes
daraus geworden, als was die angebliche neugeschichtliche Aufklärung
schon längst aus dem Leben und dem Weltplan gemacht hatte, und indem
der Dechant diese Gleichung stellte, entsank ihm auch die letzte
gesteigerte Vorstellung von sich selbst, und wandte er sich bitter
seufzend von dem großstädtischen Klügling ab.
Doch ging ihm sehr anschaulich das Gebiet auf, wo er einer ganzen
berühmten Klasse von Menschen überlegen war. Er konnte unter den
Bettlern immer noch den König spielen, wenn er die Professur annahm,
und war auch dies eine Eitelkeit, so war es doch eine bescheidene,
auf wirklichen Verdiensten begründete. Nun hatte der feine Herr
wieder viel Aussichten bei dem zweifelvollen Geistlichen, aber
wieder fiel es diesem auf, diesmal beim Austritt aus dem Dom, welche
Kraft und Bedeutung gegenüber dem andern ihm die Ehrfurchtbezeigung
vor dem höchsten Zeichen in seinen eigenen Augen verlieh, ohne daß
er sie gesucht hätte. Es überdrang ihn aus jener Gegend her und
durchwehte ihn ein Strom göttlicher Wirkung, der ihn so lange durchaus
verwandelte, als er ihn empfand, und es gereichte ihm zur ahnungsvollen
Beunruhigung, zu fühlen, daß er selber einen Einfluß darauf hatte,
wie lange diese Durchdringung und die Verwandlung dauern sollten.
Draußen wurde noch der stille, kindlich fromme Vorbau besprochen und
kunsthistorisch eingeschätzt. Darauf führte der Dechant seinen Gast ins
Haus und ließ die Tante benachrichtigen, daß Besuch da sei.
Die Klingse erschien, und der Dechant wurde stumm und steif Zeuge
einer weltläufig herzlichen und wortreichen Begrüßung, an der, wie er
deutlich fühlte, kein Zug echt und kein Wort wirklich und alles genau
so dreist und hohl war, als ob man sich auf einem großstädtischen
Parkett befunden hätte. »Diese Leute«, dachte er erzürnt, »bringen
ihre Atmosphäre überallhin mit wie das amerikanische Stinktier.« Der
Museumsmensch erklärte den Grund seiner Anwesenheit, und die Klingse
nahm ihn unter aller geheimen Bitterkeit mit laut geäußerter Genugtuung
entgegen, zu der auch der Dechant seinen Anteil als Anerkennung ihrer
Verdienste um ihn beitragen sollte. Aber er trug nicht bei. Inzwischen
war sie geschickt genug, eine gute, vielleicht letzte Gelegenheit
zu benutzen und die seinen des näheren herauszustreichen, und der
Kunstwissende half ihr eifrig, weil er ihren Einfluß jedenfalls für die
nächste absehbare Zeit noch keineswegs entbehren konnte, sowenig wie
ihre Geldmittel für seine Spezialsammlungen, mit denen er einmal seinen
Aufstieg zu den höchsten Staffeln zu unterlegen hoffte. Andrerseits
hatte sie nach wie vor als leise alternde Frau ein Interesse daran,
sich solche karrieremachende Männer zu verbinden, um im Kreis des
Geschehens zu bleiben.
Während der Dechant nach Linde sehen ging, erzählte die Klingse
dem großstädtischen Freund die Geschichte des unglücklichen jungen
Mädchens, das sie so lange in dieser Stadt festhalte, und der Freund
hörte sie gerührt an, obwohl sie ihm, das hätte er beschwören können,
herzlich gleichgültig war. Gleich darauf machte er denn auch der
Klingse Lobsprüche für ihr frisches und jugendliches Aussehen bei
allen Nachtwachen und Gefühlserregungen, und verbreitete sich, als
der Dechant ernst und innerlich erregt wieder eingetreten war, noch
des näheren über ihre elastische Natur und ihre schöne Aufopferung.
Er sollte sich auch dazu äußern, aber er schwieg hier wie dort,
und sogar mit stichhaltigeren Gründen. Der Klingse war es bei
diesem Gespräch auch nicht wohl, und sie brachte rasch die Kunst
wieder aufs Tapet, womit ein entzücktes Geplauder anhob über dies
Gemälde und jene »pikante« Kleinplastik, Rembrandt, französische
moderne Impression, alte englische Frauenbildnisse, die auch »nicht
ohne« seien, »schmalbrüstige, spitzgiebelige deutsche Gotik« und
lebenslustiges Pariser Rokoko, die neuesten Museumsleistungen,
Raumgestaltungen, Umgruppierungen, Wert und nähere Umstände von
Neuerwerbungen, so daß dem Dechanten schließlich war, nicht als ob
er nun in einem Museum, sondern als ob er in einem Irrenhaus wäre,
zumal schließlich die Unterhaltung auf das ergiebige und vielbesuchte
Gebiet der Personalchronik überging, nicht von einigen Künstlern und
öffentlichen Charakteren, von deren Haltung etwas zu gewinnen gewesen
wäre, sondern von den gesellschaftlichen Modesäuglingen des Tages,
ihren interessanten Gehversuchen, ihrem okkulten Gestammel, ihren Ammen
und Gespielinnen, ihren neuesten Verdauungsstörungen und nächsthin zu
erwartenden Revolutionsversuchen.
Soviel oberflächliches Geschwätz und konventionellen Tratsch und
Klatsch hatte er noch in seinem Leben nicht gehört, und er mußte an
die Ankündigung denken: »Wahrlich, ihr sollt Rechenschaft ablegen
von einem jeden Wort, das aus eurem Munde gehet!« Indem er aber
alles summierte, dachte er, daß dann das Jüngste Gericht sehr lange
dauern könne und die Seligen noch weithin auf ihre Seligkeit zu
warten hätten, indes die Verdammten eine Galgenfrist gewännen, bevor
sie endgültig hinunter müßten. An den Gesprächen beteiligte er sich
wenig oder gar nicht, sondern saß meistens stumm und über sich wie
ein Berg brütend da, mit allen Anzeichen, daß er auf die Entfernung
des störenden Gastes wartete. Schließlich brachte er ihn mit einer
Kriegslist auf eine Stunde noch vor dem Essen ins Freie. Er sagte
ihm, daß ein Trödeljude einen sehr schönen alten Schrank, ein wahres
Museumsstück, aufgetrieben und bei sich stehen habe; ob er's nicht
ansehen wolle. Der Kunstmaulwurf wollte und fuhr sofort aus dem Haus,
begleitet von seiner Freundin. Auf den Gassen hoben sie miteinander
ein lautes und bedeutendes Auslegen der alten Motive und Ornamente
an den Bürgerhäusern an, der Abwechslung von gotischen mit Ideen der
Renaissance, dem echten hessischen Fachwerkbau, wie er war, und wie er
sein müsse, und weissagten so gelehrt und gewaltig, daß es ihnen ob
ihrer eigenen Schläue grauste und die guten Leute wunderliche Gesichter
aus den Fenstern machten. Den Schrank fand man dann originell, aber
nicht stilrein, da eine Zierleiste zuviel daran war und der Beschlag
aus einer andern Epoche stammte. Mit aller Wichtigtuerei hatte man
aber Zeit versäumt, und schließlich fand der behende Herr kaum noch
so viel, geschwind im Pfarrhaus einen Bissen hinunterzuschlingen, sich
daran den Hals zu verbrennen und dann zum Bahnhof zu laufen, um eben
gleichzeitig mit dem Zug dort anzukommen. Über den Hauptantrag hatte
man nicht mehr weitergesprochen; der Dechant wollte in einigen Tagen
Bescheid schreiben.
Bald darauf trat dieser wieder seine Nachtwache an. Bei Linde hatte
sich seit der großen lebensgefährlichen Veränderung nichts weiter
gewandelt. Sie lag still, manchmal schlummernd, manchmal traumhaft
denkend, nie lange mit offenen Augen, wie wartend da, auf ganze
Strecken beinahe erfüllt, wenigstens schien es dem Dechanten so, ohne
Worte und auch meist ohne Regung, und auf Fragen oder Mitteilungen
gab sie selten ein Zeichen des Verständnisses. Aber in jener Nacht,
nach ein Uhr -- der Dechant saß eben mit seinem Leben tief versunken
über dem Evangelium, das mit der großen Erkenntnis beginnt: »Im Anfang
war das Wort!« -- regte sich die Kranke, und als der Dechant aufsah,
begegnete er ihrem dunklen Fieberblick, in dem doch soviel gesammelte
Klarheit lag und neuerlich immer mehr Wissen um die fortgeschrittenen
Dinge des Lebens und des Todes; jetzt wand sich darin eine irdische
Frage aus den überirdischen Verstrickungen los, die ihm zu verraten
schien, wohin immer noch ihre Gedanken sich wendeten, wenn das
Bewußtsein auf fliehende Augenblicke nach der Erde zurück aufklärte.
»Wann -- will Heinz kommen?« begehrte sie zu wissen. »Hat er darüber --
geschrieben?«
Der Dechant wußte es nicht. »Er wird gewiß kommen, sobald er kann,
Kindchen«, versuchte er zu trösten, indem er ihre weiße Hand
streichelte. Daß er ihm telegraphiert hatte, er solle seine Reise
beschleunigen, wenn er Linde noch lebend treffen wolle, mußte er
verschweigen, aber sie dachte es sich. »Er ist möglicherweise etwas
schwieriger verwundet, als wir wissen, vielleicht an einem Fuß.«
Sie sagte nichts dazu und lag wieder eine längere Weile mit
geschlossenen Augen, so daß er nicht wußte, ob sie schlief oder nur
dachte. »Ist Tante Malva noch da?« fragte sie darauf, ohne den Kopf zu
wenden oder die Augen zu öffnen.
Der Dechant bejahte. »Möchtest du sie gern sehen?« fragte er
einigermaßen zweifelhaft. Er hätte gern noch etwas Vermittelndes, ihr
Fernbleiben Erklärendes hinzugefügt, aber er vermochte es nicht.
Sie schien einen Augenblick darauf zu warten. Dann bewegte sie leise
verneinend den Kopf. Und wieder nach einigen Momenten Zögerns tastete
sie still nach seiner Hand. »Ich danke dir, daß du bei mir wachst. --
Und Brigitt«, setzte sie noch hinzu.
Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde verharrte sie so mit ihrer
heißen hinfälligen Hand in seiner kühlen, erdensicheren, während seine
Gedanken sich um Erinnerungen bewegten, die ihm aus dem sozusagen
unterirdischen Verhältnis zwischen den beiden Frauen neuerlich immer
deutlicher und schärfer bezeichnend entgegenkamen. Er begann sogar
mit schwerem Herzen zu ahnen, daß dies Verhältnis ein Verhängnis
gewesen sei nämlich für Linde, obwohl er von allen Schuldtatsachen
noch keine einzige kannte und nicht von weitem den wahren Umfang und
die wirkliche schicksalhafte Abgründigkeit dessen gewärtig war, was er
jetzt schon Verhängnis nannte. Inzwischen überraschte sie ihn durch
eine Mitteilung. Sie schlug die Augen wieder ganz auf und wandte ihm
das schmale Krankengesicht zu.
»Wenn Heinz kommt, so frage ihn nach dem Hohenlied«, sagte sie
plötzlich ganz klar. »Er weiß von allem. Wir haben es miteinander
weggeschafft. -- Und sage ihm, er soll -- sie nicht heiraten. Er würde
sehr unglücklich sein. Seine Jugendgespielin läßt ihm das sagen.«
Ermüdet von der Anstrengung des Sprechens legte sie sich in ihre
Kissen zurück und regte sich diese Nacht nicht wieder. Als bald darauf
Brigitt kam, um den Dechanten abzulösen -- es ging gegen zwei Uhr --,
nahm sie keine Notiz davon, und auf eine leise Frage, ob sie trinken
wolle, gab sie keine Antwort. Der Dechant verließ sie wie vom Donner
gerührt, obwohl ihre Stimme nicht viel stärker geklungen hatte als das
entfernte Zirpen einer Grille, und nachdem er die erste Nachthälfte
bei ihr verwacht hatte, verbrachte er auch die zweite schlaflos um sie
und über den Geheimnissen, die sich nach wie vor um ihre stille Person
bewegten. Warum, fragte er sich ebenso unruhig wie vergebens: warum
hatte sie so lange und hartnäckig über das Buch geschwiegen, sie, die
sonst so offene und klare Seele? Warum war damals, als es sich um die
Einladung der Tante handelte, das Spiel mit verdeckten Karten gewesen?
Nun befanden sie sich also doch alle im Unrecht gegenüber dieser
bitteren Frau! Wer wußte jetzt, wie dies eine Unrecht weitergewirkt
und Verhältnisse verdorben und verzerrt hatte? Ferner, was war dem
Kind von den Absichten des Soldaten auf die Tante bekannt? Und woher
wußte Linde davon, wenn nicht durch die Tante selber? Indessen, mochte
diese Frau nun schuldig oder unschuldig sein, war sie selber ein Opfer
ihres Verhängnisses, während sie andre ebenfalls dazu machte, so wollte
er ihr jede Billigkeit zugestehen, aber sonst nichts mehr. Sie hatte
wieder auf ihrem ganzen Weg Zwietracht und Verderben gesät; er sah
es an der Saat, die jetzt überall aufging. Der Friede des Hauses und
Lindes Leben waren zerstört, ein junger Mensch verführt und ein alter
zerrüttet; was der nächste Zeitlauf noch alles ans Licht bringen würde,
sollte er hilflos dagegen erwarten, und dem ganzen Ergebnis wohnte
sie, täglich schwerer zu ertragen, als die Siegerin bei. Das war der
Tatbestand, den er feststellte, und aus dem er im Verlauf der Nacht und
der Morgendämmerung Schlüsse zog.
Es war noch nicht hell, als er, unfähig, länger liegenzubleiben, sich
erhob. Der Südwind herrschte noch in der Luft. Die Sterne zitterten
und schwankten; der Himmel schien ganz in warme Luftströme aufgelöst,
und über den Türmen des Domes stand unsicher die dünne Sichel des
angehenden Mondes. In der Luft rauschte es wie von großen feuchten
Flügeln; die Vögel, zu denen sie gehörten, sangen wunderbar durch den
enteisten Raum für Liebende und Sterbende und für Menschen mit frisch
aufgestörten, unbewachten Herzen. Jetzt begann auch die Glocke zur
Frühmesse zu läuten. Ihr folgte der Dechant, den es zu gesicherten
Gegenständen des Lebens zog. Zur Verwunderung des Vikars erschien
er aus dem Dunkel des weiten Raums ernst und suchend im schwachen
Lichtschein der Morgenhandlung, und von allen seinen Gläubigen war
er der hungrigste und letzte. Der Kruzifixus blickte gewaltig und
auffordernd auf ihn herab. Die Kerzen flackerten belebt und erwartend.
In den Fenstern webte der erste Tagesschein. Die Bilder darin standen
noch schlafend, aber einige Farben träumten morgendlich. Nachdem der
Dechant lange einsam in einer Bank gesessen hatte, verließ er tief
gesammelt den hohen Bau, ohne ein einziges Mal an die Altertumsschätze
zu denken, die unter dem Chor begraben lagen.
Den Kaffee trank er früh und allein auf seinem Zimmer. Der Magd
gab er den Auftrag, die Frau Professor zu ihm zu bitten, wenn sie
gefrühstückt habe. Inzwischen vertiefte er sich wieder in das
abgründige Eingangswort des Evangeliums. Wie so viele vor ihm und
wenige mit ihm fühlte er, daß sich in dem kleinen Satz der reifste
Gedanke des gottwissenden Menschen darstellte, jener Gedanke, der aus
dem Bewußtsein des diesseitigen Lebens zum jenseitigen einmal und nicht
wieder ohne Verwandlung durchgebrochen und unvernichtet zurückgekehrt
war, beladen mit der Erkenntnis des menschwissenden Gottes, die ihm
dort als ~Gottes~ tiefste entgegengetreten war. Gleich neben
diesem Wort steht für alle Zeiten der verständige Deutungsversuch des
Dichters: »Im Anfang war die Tat!« und der Dechant bedachte auch diese
eigenwillige Unternehmung. Aber er kam immer wieder auf denselben
Schluß zurück, nämlich daß sie nichts erreichte und erreichen konnte
als die ausgeleerte Form des kühnsten Gedankens, eine Handlichmachung
des ungeheuren Ergebnisses, Fassung des Unfaßbaren und damit dessen
Verkleinerung, um es der sinnenmäßigen Übersicht zur Nutzanwendung zu
vermitteln. Je länger er die Umwertung betrachtete, und er betrachtete
sie schon seit seiner Jugend, desto verdächtiger kam sie ihm vor, und
desto deutlicher glaubte er sie zu erkennen als den genialen Versuch
des Weltmenschen, den übersinnlichen Begriff in zwei Teile zu spalten,
ihm den unendlichen Gott auszutreiben, um desto vernünftiger mit dem
Rest auf Erden leben zu können, und, versteht sich, desto ansehnlicher.
Denn, so dachte er weiter, es ist schon im Ursachenzusammenhang
unmöglich, daß im Anfang die Tat war. Nie ist eine Tat der Anfang,
und sie als erstes setzen, heißt den Gottessohn zum Funktionär der
Handlung erniedrigen, wie es denn auch gekommen ist. Jetzt sehen
sie nichts mehr als die Tat. Der Weg abwärts ist beschritten. Die
ursprünglich hohe Tat wird zum Tun, das Tun zum Handeln und zum Handel,
und schließlich besteht die Tat in der Tonnenzahl einer Ausfuhr. Sobald
sich das weltliche Denken, auch das erleuchtetste, eines göttlichen
Gedankens bemächtigt, geschieht es auf weltliche Art und führt es zur
Verderbnis des Gedankeninhalts, der unbürgerlich und unfaßbar ist.
Darum empfand der Dechant auch stets beim Lesen des Wortes: »Im Anfang
war die Tat!« eine Ernüchterung, eine Entheiligung, wie er sie sonst
nicht bei Goethe erlebte, der Gemeines zum Ungemeinen zu erheben wußte.
Hier schien er ihm, trotz der bekannten Forderung der Ehrfurcht vor
dem Unaussprechlichen, als Ausrufer der Tat lediglich am Beginn eines
ernüchternden Zeitalters zu stehen.
»Nein«, sagte er laut, indem er feierlich die Hand auf den tiefen Text
legte, »so ist es: ~Am~ Anfang war die Tat, aber ~im~ Anfang
war das Wesen, durch das alle Dinge gemacht, also getan sind. Goethe
verschiebt den Schauplatz aus dem Innern ins Äußere, um zu seinem
Resultat zu kommen. Weltfrömmigkeit ist nicht Gottesfrömmigkeit, aber
diese enthält jene in sich, wie das Wesen die Tat enthält. So war im
Anfang das Wesen, und das Wesen war bei Gott, und Gott war das Wesen.
Wie er's noch ist, denn indem ich ihn ausspreche, ist er, und das ist
allerdings die Tat. Verschweige ich ihn, so ist er nicht, und das
ist die wahre Untat. Da ich in ihm bin oder nicht bin, so werde ich
mit ihm mein Leben aussprechen oder mit ihm tot sein. Indessen geht
die Tat ihren Weg und kommt zu ihrem Ende. Aber Gott, der das Wesen
ist, und das Wesen, das Gott ist, gehen keinen Weg und kommen auch
zu keinem Ende, sondern sie sind in unvergänglicher Wesenhaftigkeit
sie selber, stürzen aus sich selber wesenhaft in die Seele des
ehrfürchtigen Menschen, der durch seinen Glauben im Wesen begriffen
ist, und aus der Seele wesenhaft in Gott zurück, der der Anfang ist.
Das ist der unfaßbare und unbeschreibliche Kreislauf des göttlichen
Wesens durch die Wesenhaftigkeit der gläubigen Seele, welche hier als
die Beschließerin des Wesens und Vollenderin Gottes, ihres Vollenders,
auftritt. Die wahre Tat aber ist ihrer beider lebendige Zeugung.«
Es ging ihm übrigens seltsam. Während er diese Vorstellungen und
Begriffe empfand und im erregten Geist hervorbrachte, stand in
schweigender Bedeutung die hohe Gestalt des Erzbischofs über ihm
und sah nicht ungnädig auf ihn her. Er selber war nicht groß und
nicht klein, nur bereit und offen, und seine größte Größe bestand in
seiner Möglichkeit, die er dunkel als grenzenlos empfand. Aber wieder
erinnerte er sich des sterbenden Lebens in seinem Haus und seiner
ungelösten Fragen, und der Bruch ging hart und unversöhnlich durch
seine Schöpfung. Denn wenn das Leben im Wesen alles bedeutete, wie ging
es dann zu, daß ein abgedorrter Buchstabe das Leben vernichtete? Oder
hatte nicht eine Leiche aus der großen Welt ein gottseliges Kind mit
aller Liebe und Frömmigkeit zur Strecke gebracht? Da stand er wieder
an, genau so, als ob er die greisenhafte Weisheit von der Eitelkeit
alles Tuns betrachtete (in die auch jene verständig-unmystische
Auslegung des mystischen Gott-Wesens zurückführen mußte) und nicht den
sprudelnden Quell des ewigen Wesens selber.
Im rechten Augenblick trat daher das störende Gestirn seines Himmels
bei ihm ein. Während sie die Tür auftat und er aus einer andern
Welt gerissen nach ihr blickte, gab es eine Sekunde, in der er sich
ungeheuer alt, verstaubt und reisemüde vorkam gegenüber dieser
wohlgepflegten und aufs beste gekleideten Erscheinung, die immer nach
einem frischen Parfüm duftete und sich niemals in einem Schmutz zu
wälzen schien. »Nun«, meinte sie nach der Begrüßung, seine verwühlte
und übernächtige Miene übersehend, denn ihr ging es selber nicht
zum besten: »Du willst mir wohl mitteilen, daß du dich entschlossen
hast, den Ruf an die Universität anzunehmen?« Dabei ließ sie sich
uneingeladen in seinem Polsterstuhl nieder, zwar nicht ganz so
geschmeidig wie sonst, doch mit der Selbstverständlichkeit, die sie
sich als seine Hauskatze angewöhnt hatte. Er beobachtete diese Anstalt
mit einer unruhigen Art von Zorn.
»Das hätte ich dir wohl auch im Vorbeigehen mitteilen können, ohne dich
zu einer so ungewohnten Zeit in mein Zimmer zu bitten«, erwiderte er
langsam, ihre Erscheinung mit einer neuen Art von Verständnis ins Auge
fassend. »Heute haben wir ein Geschäft miteinander, das weiterführen
wird. -- Erinnere dich bitte an eine bestimmte Reihe von Vorgängen,
die sich in meinem Haus ereignet haben. Es handelt sich um Dinge, die
drohend und sündenbeladen mit deiner Person zusammenhängen. Du führtest
damals aus, daß dir mein Haus etwas wie ein Zufluchtsort vor der Welt
sei, in dem du eine neue Innerlichkeit schaffen oder erwerben wolltest.
Nun, dein Wandel widerspricht einer solchen Auslegung in wesentlichen
Stücken. Du hast wiederum Zerfall und Unheil um dich verbreitet. Tat
man damals vielleicht ohne Willen dir unrecht, so hast du das Unrecht
nicht zehnfach, sondern hundertfach bewußt vergolten mit Handlungen,
die von einem Gast Vergehen darstellen, wenn sie« -- seine Stimme wurde
rauh und brüchig -- »nichts Schlimmeres sind. Du weißt, was hier bei
uns in diesen Tagen vor sich geht. Ich überlasse es Gott, zu urteilen,
inwieweit die Tragödie mit dir als dunkler Heldin zu schaffen hat. Ich
werde nicht richten, um so weniger, als ich mich durch Unwachsamkeit
und Gehenlassen in die Schuld mit verwirrt fühle. Aber eines ist eine
unerbittliche Notwendigkeit: unsre Wege müssen sich scheiden, und das
bald. Packe deine Koffer und klage nicht über Bruch des Gastrechts; du
hast's lange gebrochen. Was zerstört ist, ist zerstört; wir können's
nicht wieder aufbauen. Aber die letzten Stunden und Handlungen wollen
wir rein und unangefochten begehen. Du hast einen feindlichen Geist.
Hüte dich künftig vor den Kindern Gottes. Es wird dir nicht leicht
werden, Lindes Schicksal zu verantworten.«
Er wandte sich von ihr ab, weil er Mühe hatte, ihren Anblick zu
ertragen, und wartete auf ihr Gehen. Aber sie dachte noch nicht daran.
Zuerst war ihr ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren, denn jetzt
das Haus zu verlassen bedeutete für sie, die nicht einmal des Leutnants
Adresse wußte, unweigerlich den Verlust der letzten Hoffnungen und den
Beginn des Alters; während der Dechant den jungen Mann den Wirkungen
aussetzte, die von der Sterbenden auf ihn übergingen, schloß sich dort
der Kreis wieder und wurde sie einsamer, als sie je gewesen war. Aber
auch in diesem gefährlichen Schreck wußte sie sich zu beherrschen, und
nachdem der Dechant mit Anstrengung geendet hatte, zeigte sie nichts
hiervon als einen leicht verzerrten Zug um die dünnen Lippen.
»Das -- sind ja allerdings sehr interessante Eröffnungen«, sagte
sie darauf. »Hoffentlich hast du die Übersicht insoweit behalten,
daß du zu bemerken vermagst, wie du mit der Tür ins Haus fällst.
Mit deinen Gemeindeangehörigen verfährst du juristischer; du gibst
ihnen Gelegenheit, sich zu verantworten, und unternimmst nichts ohne
Beweise. Dafür springst du bei mir mit einem herrischen Saltomortale
zum Urteil über, und ich habe den Platz zu räumen. Ich werde dir
in diesem Charakterfehler nicht zum zweitenmal helfen, sondern die
Überlegenheit behaupten und hierbleiben. Ausgenommen den Fall, daß
du Beweise gegen mich aufbringst. Nun, den kann ich abwarten. Nachher
wirst du froh sein, daß ich dich vor der Wiederholung einer peinlichen
-- Unedelmütigkeit bewahrt habe.«
Der Dechant hatte sich mit einer Röte im Gesicht etwas hastig nach ihr
umgedreht; doch faßte er sich, und ruhig erwiderte er: »Die Beweise
sind mit Heinz auf dem Weg hierher. Ich werde sie dir nachschicken.«
Sie besann sich einen Augenblick, indem sie erwägend auf ihre nervös
wippende Schuhspitze blickte. »Es ist doch seltsam«, sagte sie dann
langsam, »daß du nicht wenigstens von ~einer~ Partei Nachrichten
besitzest. Wozu habt ihr nun die Beichte? Oder beichtet Linde beim
Vikar? Das wäre beinahe pikant. Und die Magd?« Und als er sie nur
verständnislos ansah, fuhr sie noch ruhiger fort. »Sieh mal, irgendwo
muß es jetzt doch bei dir hapern. Wenn du von der andern Seite nur
halbwegs unterrichtet wärest, so würdest du außerordentlich billiger
arbeiten. Du stürzest dich sehr hoch in moralische Unkosten, bemerkte
ich. Ich habe mit Heinz, um die widerliche Sache offen auszusprechen,
nichts zu tun gehabt, was man nicht wissen dürfte. Dagegen stelle ich
mit Verwunderung fest, daß man den Leuten einen schönen Tod vorsterben
und als halbe Heilige gelten kann, alles mit einer Beichtsünde,
einer ganz derben Verschweigung im Gewissen. Da liegt sie nun weiß
und fromm mit ihrem Mädchengeheimnis, ist absolviert und womöglich
seliggesprochen, und du tappst über die gröbsten Vorgänge im Dunkeln.
Nun, so höre. In jener Nacht -- du weißt, welche -- wollte ich mich
in Heinzens Zimmer über gewisse Beobachtungen persönlich überzeugen.
Es war ungefähr um ein Uhr. Als ich durch die Tür trat, fand ich das
Zimmer leer und das Bett unberührt. Bei mir war er nicht, sonst hätte
ich mir den Gang erspart. Wenn er nicht bei Linde war, so steckte er
bei dir oder war auf Abenteuer aus. Du sagst, daß der Beweis auf dem
Weg sei; ich sehe ihm mit Ruhe entgegen, sowenig angenehm es einem
reifen Menschen sein kann, sich mit solchen Widerlichkeiten befassen
zu müssen. Indessen, du willst es. Warten wir also ab.«
Sie erkannte beinahe augenblicklich, daß sie sich nicht im Mittel,
denn sie besaß kein andres, aber in der Anwendung vergriffen hatte.
Einem noch so schweren Anfall von Zorn oder Entrüstung hätte sie
ruhig standgehalten, aber als er nun sein gutes, männliches Gesicht
voll Widerwillen von ihr wandte und mit trüber Schwere unter dem
menschlichen Schmerz, den er dadurch erlitt, stumm ans Fenster
trat, zunächst offenkundig unfähig, sich zu einer weiteren Antwort
zu bewegen, erbleichte sie. Wenn eine wirkliche Verleumdung nicht
verfangen hätte, so wäre sie um neue Lügen vielleicht nicht verlegen
gewesen; zu erleben, daß eine echte Wahrheit ihr in der Hand verfaulte
-- unter solchen Umständen -- und zur gemeinen üblen Nachrede wurde,
erschütterte sie. Der Vorgang fiel als Urteil ungesäumt in ihr
Selbstbewußtsein zurück und ließ sie den Grad fühlen, bis zu dem ihre
Leidenschaft ihre moralische Stellung und damit ihren menschlichen
Kredit, der darauf beruhte, schon zerstört hatte. Eine bestürzende
Empfindung durchfuhr sie auf einen Moment, die ungefähr besagte: »Es
ist weit mit dir gekommen, Malva!« Ihr von Jugend auf unfrisches Herz
tat einige rasche, nervöse Schläge, während ihr literarisch geladenes
Hirn umsonst darüber war, neue Auskunftsmittel zu schaffen. Indessen
tat der Dechant einen beschwerten Atemzug und begann wieder zu sprechen.
»Das ist ganz genau so, wie damals Linde sagte. Wer jemand nach dem
Ganzen steht, der kann auch noch ein Buch gestohlen haben; es liegt
nichts daran. Er kann das erlegte Wild auch noch verleumden; es wiegt
kaum mehr. Malva, wir sind hier so von Kummer niedergedrückt und vom
Schicksalsgefühl durchdrungen, daß einzelne Bösartigkeiten bei uns
keinen Eindruck mehr machen. Ich wollte, daß du das begriffst, damit
du dir besser dientest. Was uns angeht, so haben wir nicht nötig,
Heinzens Zurückkunft abzuwarten. In dem Brief, worin er sie in Aussicht
stellte, schrieb er von gewissen Verlobungs- und Heiratsplänen, an
denen -- nicht Linde beteiligt ist. Willst du mehr Beweise? Was damals
vorgegangen ist, kann, wenn es irgendeinen menschlichen Sinn haben
soll, doch nur dazu der Auftakt gewesen sein. Ich füge noch hinzu, daß
die arme Kranke, ich weiß nicht auf welchem Weg, und will es nicht
wissen, von diesen abgeschmackten Aussichten erfahren hat; es war nicht
möglich, daß sie wenigstens in Frieden starb. Nun tun wir das Ganze mit
einemmal ab. Und so geh mit Gott!«
Endlich erkannte sie, daß sie diesem Mann gegenüber, der nichts mehr
verlangte, wozu sie ihm verhelfen konnte, den Einfluß verloren habe,
und erhob sich mit leise zitternden Knien.
»Ich kann mir ja nicht denken, daß wir schon miteinander fertig wären«,
sagte sie bitter blickend. »Vielleicht hast du dir in der Erregung
noch nicht klargemacht, ob du auch die Mittel besitzest, deinen Willen
gegen mich materiell durchzusetzen. Linde habe ich nicht die Nachricht
hinterbracht, ich kannte sie bis auf diesen Moment selber nicht. Sie
ist sehr interessant. Nun, wir werden sehen.« Mit einem verfallenen und
vereinsamten Zug um den Mund schob sie sich hinaus. Es schien, als ob
sie nicht mehr Herrin ihrer Gelenke sei. Die Mitteilung von Heinzens
Absicht, die sie sonst als Sieg gefeiert hätte, brannte ihr nun wie
Galle im Eingeweide, und mit letzter Kraftanstrengung erreichte sie ihr
Zimmer.
Darauf übernahm der Dechant wieder die Wache bei der Sterbenden. Die
Morgensonne lag gnadenreich und hoffnungsvoll in ihren Fenstern,
indessen der Föhn von außen daran rüttelte und die Amsel im Garten
kühnlicher zu singen anhob. Er trat ans Fenster und sah sie ganz
oben auf dem Bergamottenbaum sitzen, in dem ihn Linde im Herbst mit
der Nachricht von der Ankunft des Leutnants überrascht hatte. Er
erinnerte sich Bobs, der eifrig vorausgelaufen war, und der ganzen
hellen Stunde, seufzte tief auf und wandte sich ab, wieder der Kranken
zu. Brigitt hatte gebeten, sie wegen des Frühstücks zu rufen, wenn
Linde erwacht sei; bisher war es noch nicht geschehen. Vor Sorge kam
sie selber wieder sehen und fand sie, wie sie während ihrer ganzen
Wache gelegen hatte, mit geschlossenen Augen kaum atmend unbeweglich
in ihrem Kissen; nur daß sie jetzt durch den geöffneten Mund atmete.
Brigitts bange Frage, ob das nun wohl zum Guten oder zum Schlimmen
sei, versuchte der Dechant zu beruhigen, aber er selber machte sich
auf das Ende gefaßt, und sie sah ihm wohl an, was er dachte. Indessen
hieß er sie sich erkundigen, ob sie der Frau Professor, die abreisen
wolle, packen helfen könne, und wies sie an, lieber die Hausarbeit
dafür liegenzulassen. Einem überraschten und forschenden Blick der
alten Seele wich er aus, doch kannte sie seine Gesichter gut genug, um
zu merken, was der Auftrag zu bedeuten habe, und ihr Herz schwoll ihr
in allem Leid hoch auf vor Dankgefühl, unter dem einen bittern Verlust
wenigstens ihren Herrn wieder zurückkehren zu sehen. Sie nickte zwei-,
dreimal zustimmend, nahm ihm erregt und ehrfürchtig ein Stäubchen von
der Soutane und lief dann plötzlich davon.
Gleich darauf kam der Arzt, um zu sehen und zu hören. Auf den neuesten
Bericht machte er ein etwas dummes Gesicht, fand dann, daß man die
Kranke wegen der Nahrungsaufnahme wecken müsse, da sie sonst zu schwach
würde, und beendete den angestellten Versuch mit der Erkenntnis,
daß sie bewußtlos sei. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas von
geheimnisvollem Patienten und begann sich dann unvermittelt und beinahe
bitter über Lindes Verstocktheit zu beklagen. Nach seiner Meinung
müsse sie unbedingt Schmerzen und Krämpfe haben, der Henker möge
wissen, warum sie sie verleugne. Als ob es sich um ein Liebesgeheimnis
handle und nicht um eine Krankheit! Was man ihr nicht auf den Kopf
beweisen könne, das sei nicht aus ihr herauszubringen, da müsse man
schon ein Zauberer und Prophet sein, um ein richtiges Krankheitsbild
zu bekommen. Wenn ihn einer frage, was mit dem Frauenzimmer los sei,
so könne er nur sagen, daß er keine Ahnung habe. Na, man solle sich
mal aufs Schlimmste gefaßt machen und das Beste tun, das rate er immer
bei bedenklichen Krisen. Der Teufel möge es wissen, wiederholte er
ärgerlich: gerade als ob die Krankheit eine Kapitalanlage wäre, aus der
sie Zinsen zöge, oder ein gutes Geschäft, von dem sie die Konkurrenz
fernhalten wolle. Dann verschrieb er im Zorn etwas, was kein Mensch
lesen konnte, und fuhr ab. Draußen hörte ihn der Dechant noch zu
Brigitt etwas von Nahrung einflößen sagen, aber vorsichtig, in ganz
kleinen Quantitäten, damit nichts in die Luftröhre komme. Gleich darauf
trat sie wieder ein und meldete, daß Frau Professor sich zu Bett gelegt
habe, doch hoffe sie am Nachmittag wieder aufzustehen.
Dasselbe hofften der Dechant und Brigitt, die stillschweigend der
Ansicht waren, daß ihr die heutige Aussprache auf die Nerven gefallen
sei. Aber sie stand auch im Verlauf des Nachmittags nicht auf; am Abend
meldete das Thermometer sogar Fieber, und in der Nacht überfiel sie
ein so heftiges Erbrechen, daß sie etwas blutigen Schaum mit erbrach,
nachher überhaupt nur noch Schleim und Blutschaum. Sie ächzte sehr,
und die Glieder zitterten ihr, daß sie nichts anfassen konnte. Als der
Kreisphysikus am andern Morgen kam, sprach er von möglicher Infektion
im Verlauf der aufopfernden Pflege, Überanstrengung und einigen andern
Dingen, glaubte aber übrigens doch nur an influenzöse Basis und
verschrieb Diät und Ruhe.
Im Lauf des Vormittags traf dann ein Telegramm von Heinz und mit dem
Abendzug er selber ein, etwas abgemagert und blaß und mit dem Arm in
der Schlinge.