Erstes Kapitel

Das überirdische Wintergewitter. Die Herzenskälte fährt fort, Unheil

anzurichten. Linde stürzt in die letzten Dinge. Die letzte Ölung

Die Tante, die in der letzten Endes doch ziemlich geheimnisvollen

Krankheit des jungen Mädchens ein neues Hindernis für ihre Abreise

fand, übernahm nach solchen Vorspielen vollständig die Pflege, ohne von

jemand einen Widerspruch zu erfahren, wenn auch der Dechant jetzt nicht

mehr so überzeugend dafür sprach. Bevor sie wußte, welche Wendung es

mit den vorliegenden Dingen und jenen andern, die dahinter lauerten,

schließlich nahm, war es ihr unmöglich, den Platz zu räumen. Ihre

Zentralweisheit, von der sie alle andern Erkenntnisse und Schlüsse

ableitete, bestand in dem Grundsatz, daß sie, ohne dieses Mädchens

sozusagen körperlich versichert zu sein, sich auf nichts verlassen

konnte, nicht einmal auf seine Krankheit, die sie für gar keine rechte

Krankheit hielt, sondern mehr für einen Eigensinn oder eine Finte,

zumal auch der Kreisphysikus noch gar nichts von einem wirklichen Ernst

wissen wollte, jedenfalls solange das Fieberthermometer keine höheren

Temperaturen zeigte. Daß achtunddreißig Grad für einen Organismus unter

Umständen soviel bedeuten konnten wie neununddreißig oder vierzig

für einen andern, das war diesem selbstvergnügten Bauerndoktor noch

nicht aufgegangen, und wenn die Tante auch sonst mancherlei an ihm

auszusetzen hatte, so war sie jedenfalls im Glauben an die Zahl und das

Meßgerät jeder Art -- ausgenommen das kirchliche -- mit ihm durchaus

einig.

Das Pflegeamt verwaltete sie unerbittlich nach allen ihr bekannten

Grundsätzen der modernen Krankenpflege. Die Fenster wurden bei jedem

Wetter weit und lange geöffnet, weil das fortgeschrittene Heilverfahren

Licht und Luft verlange. Es wurde viel Durchzug erregt, weil er die

Atmosphäre reinige und die Bakterien hinausfege, und was die paar

Unbequemlichkeiten anging, die die Patientin zu ertragen hatte, so

wünschte ihr die Tante, einmal in die ganz modernen Kliniken und

Spitäler hineinzusehen, um zu erfahren, wie man heutzutage mit Kranken

und Frischoperierten umgehe. Früher beim tiefen Stand der Medizin seien

Krankheiten mit einigem Recht als Unglücksfälle betrachtet worden,

denen sich die allgemeine Teilnahme zugewendet hätte, freilich auch

ohne etwas zu helfen. Heutzutage bedeute eine Krankheit nichts als

einen Fall, den die Medizin geschäftsmäßig in die Hand nehme, um ihn

zu erledigen, so wie es der Fall und die Medizin verlange, nicht wie

es der wehleidige Patient und der noch wehleidigere Angehörige etwa

wünsche. Zu bemitleiden gebe es dabei nichts, weil jeder Patient bei

der glänzend entwickelten Wissenschaft sofort in die ideale Lage

versetzt werde, und das ganz automatisch, ohne wie früher von den

religiös fanatisierten Heilzauberern erst nach seiner Schuld gefragt

zu werden und dann nach seinem Glauben. Daß man heute auch ohne den

mindesten Glauben des Patienten heilen könne, ja gegen seinen Willen,

zum Beispiel bei todesschuldigen Verbrechern, das bedeute den wahren

Triumph der modernen Wissenschaft.

Alle diese Ausführungen machte sie in einem leicht überlegenen

weltmännischen Ton, ohne sich auf eine Miene oder auf Worte weiter

einzulassen. Wenn es in Lindes Zimmer wieder warm war, so setzte

sie sich hinein und schrieb Briefe oder las moderne Literatur. In

der Folge geriet sie auf die Idee, dem Mädchen vorzulesen, damit es

auch erfahre, was draußen gedacht und geschrieben werde, zumal der

Mensch nie empfänglicher sei für neue und tiefe Eindrücke als in

Krankheitsperioden. So hörte Linde von ihrer dünnen, singenden Stimme

und ihrem unteilnehmenden Tonfall vorgetragen allerlei Novitäten oder

auch Ausgrabungen, weltläufige Romankapitel, kultivierte Novellen,

witzige Enthüllungen über den Wert von Moral und Religion, kaltherzige,

ausgerechnete Sketches allerneuster Prägung, mit einem Wort alle

jene wichtigen Nichtigkeiten und »gerade jetzt fortgeschrittensten«

Wahrheits- und Kunstleistungen, mit denen Weiber wie sie und Männer,

die ihnen glichen, die eigene Phantasielosigkeit unterhielten und

den stets leeren Kropf füllten, um in der Gesellschaft eines Winters

den Inhalt als Bildung mit Ansehen zu leeren, indes die verworrene

kleine Welt für noch fortgeschrittenere Sketches und noch mutigere

Enthüllungen unermüdlich tätig blieb.

Die Sachen waren dem einfachen Gefühl und dem geraden Sinn des

Mädchens unendlich verwirrend und quälend, und schließlich taten

diese Lesestunden ebensoviel zu Lindes fortdauernder Ermüdung und

Entkräftung wie das Fieber, indem sie ihr neben dem körperlichen noch

ein geistiges erzeugten. Diese künstlerisch und wissenschaftlich

maskierten Frivolitäten, Lügenhaftigkeiten und Verstandslaster wirkten

so ernüchternd und niederschmetternd auf ihren Glauben an die Güte

und den Edelmut aller Menschen und auf ihre kindliche Vorstellung

von der Steigerung der Tugend mit dem Bildungsgrad, daß sie sich

vor Ratlosigkeit nicht zu helfen wußte und sich zum Sterben verödet

und verwüstet der Gegend zuwarf, in der sie sonst ihren Gott fand,

um dort dieselbe Öde und Wüste zu finden. Liebe, Freundschaft,

Vertrauen, Frömmigkeit, Glauben, Achtung vor dem Menschen, Hingebung

ans Vaterland, Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen: das waren ihr

alles Sicherheiten des Lebens, von Gott aus seinem unendlichen Sein

den Menschen für ihr zeitliches verliehen als wirksames Abbild seiner

höchsten Wesenhaftigkeit und seiner höchsten Weisheit, Sinn von seinem

Sinn, Tatsache von seinen Tatsachen, Wahrheit von seiner Wahrheit.

So lebte in ihr dieselbe einfache und gläubige Weltstimmung, die sie

in der Art deutscher Männer mit Andacht verehrte, und die ihr auch

überall als die Art des Volkes entgegentrat, wo das Volk sich selbst

darstellte. Dagegen die schadenfrohe Unterstreichung der menschlichen

Not und Armut, die spitzfindig-schlaue Auslegung der göttlichen Gebote

anstatt der würdigen Unterordnung unter sie, alle überklugen Wenn

und kränklich unreifen Aber und die eitle Hervorkehrung der eigenen

Entartung und Häßlichkeit waren Züge am Menschen, die sie nicht einmal

begriff; sie erfüllten sie nur mit einem leidenden Grauen vor der

gespenstischen Unwesentlichkeit eines solchen Treibens und mit einem

Mitleid, das stark mit Abwehr versetzt war.

Aber mehr noch als die vorgetragenen Sachen selber fürchtete Linde bald

den selbstgerechten, wohlbelehrten Tonfall der Vorlesenden und die

banalen und dürren Nutzanwendungen, die sie nachher aus dem Gelesenen

zog. Die bizarren oder leeren Figuren der literarischen Phantasie

gingen in ihre Fieberträume ein und trieben dort ihren peinigenden Spuk

selbständig handelnd fort, aber die traurigen Behauptungen der Tante

über Gott und Welt verdichteten sich ebendort zu einer grauenhaften

Gestalt der Verwandten, die sie nun auch in deren Abwesenheit als

ihre Stellvertreterin weiter verfolgte. Durch viele Stunden der Nacht

und des Tages vermochte sie sich aus dem niederziehenden Gestrüpp des

Fiebers nicht loszuwinden, eilig und angstvoll immer bestrebt, der

unvermeidlichen Gestalt zu entfliehen, und stets von neuen Phrasen

oder Romanfiguren aufgehalten und von schamlosen Handlungen in eine

andere Richtung geschreckt, wo sie die gleichen Hindernisse und nur

durch andere Laster einen Ausweg vorgespiegelt fand, stets unentrinnbar

die Stimme oder Erscheinung hinter sich. Die fieberfreien Zeiten lag

sie dann müde und abgehetzt und sehr blaß zwischen ihren Kissen mit

der flehenden Bitte in den Augen, sie allein zu lassen und ihr Ruhe

und Erholung zu gönnen. Aber wenn eben ihre Gedanken sich leise auf

die eigenen Wege davonheben wollten, wo auf den Wiesen links und

rechts ihr Glaube herzlich blühte und sie hoffen konnte, dem Sinn

ihres Lebens zu begegnen, erklang wieder der Unsinn und begann der

aufgeklärte Aberglaube seinen Tanz um sie. Manchmal traf alles im

gleichen Augenblick und an demselben Ort zusammen, der Widersinn

der gehörten und der gehäufte Unsinn der gleichzeitig geträumten

Phrasen, die Ereignisse der Lektüre und die fiebrige Übersetzung in

die Wahnvorstellung, die unerbittliche Stimme der Vorleserin und

die eintönigen Androhungen der Verfolgerin, und über allem marterte

sie gesteigert die hoffnungslose Hast, sich aus dem Fieber und dem

vernichtenden Doppelzustand zu befreien.

Eine solche auf Bildung zielende Unternehmung der Tante fiel auf einen

der späteren Februarnachmittage. Die Tante hatte sich bereits Licht

angesteckt. Sie saß in einiger Helligkeit beim Fenster am Tisch,

während Linde mehr im Hintergrund im Halbdunkel lag. Nach einer kurzen

Winterzeit herrschte wieder der Föhn in der Luft. Es regnete in den

frischen Schnee hinein, und laue und kalte Windströmungen erregten

eine solche atmosphärische Spannung, daß auch die Gesunden eine schwer

erträgliche Unruhe befiel, geschweige die Kranken. Obwohl Linde von

der grauschwarzen Wand aus Dunst und Strichregen, die im Süden und

Westen beinahe unverrückbar stand, nichts sah, fühlte sie sie doch, und

unter der erregenden Einwirkung des Föhns sah sie in ihrem schwachen

Zwielicht außerordentlich leidend aus. Ihre Augen glänzten fieberig

und sozusagen transparent. Ihre Haut schien durchsichtig, und in den

von Natur freundlichen Ausdruck ihrer stillen Züge hatte sich längst

eine tiefe Melancholie eingenistet. Ihre Hände tasteten unruhig auf

der Bettdecke hin und her. Ihr Mund stand wie nach Kühlung verlangend

offen, und sie litt an Durst. Doch hatte sie es immer noch nicht dazu

gebracht, daß ihre Krankheit außer Brigitt von jemand im Haus ernst

genommen wurde.

Die Tante las aus einem ganz auf verstandesmäßiger Nervenspannung

aufgebauten allerneuesten Roman, dessen Figuren schon an sich wie

Ausbrütungen eines fiebernden Hirnes wirkten, und dessen Vorgänge

unheimlich und wühlend aus kranken Gründen aufbrachen, um ebensolchen

zuzutaumeln, während ein schmerzlich überwacher Geist glossierend über

dem Ganzen schwebte wie eine unfaßliche Lästerung des Lebens und

Gottes. Ab und zu prellte ein Regenschauer an die Fenster. Der Föhn

heulte und wimmerte um alle feststehenden Körper und rüttelte an den

beweglichen.

»Bist du nun dem Gedanken des Autors gefolgt?« fragte die Tante, als

sie endlich das Buch sinken ließ. »Hast du begriffen, was er will?«

»Ja, ja!« sagte Linde hastig, während sie in der Phantasie über

treibende Eisschollen sprang, hinter sich die furchtbare Gestalt,

vor sich in Kähnen maskierte Figuren von übler Bedeutung, die nach

ihr griffen, und jeden Augenblick von einer Eisscholle ins Wasser

abgleitend, stürzend, sich wieder aufraffend und von neuem stürzend.

»Ich weiß! Man soll nicht mehr so alles glauben, weil -- weil ja doch

alles anders ist --«

»Auch das«, gab nachsichtig lächelnd die Sprecherin am Fenster zu;

die geäußerte Erkenntnis hatte den Inhalt ihrer gestrigen Belehrung

gebildet. »Obwohl diesmal von etwas anderem die Rede war. Du hast

wieder nicht aufgepaßt. Wenn man so viel Mühe an deine Bildung

wendet, so solltest du dich ein bißchen anstrengen. Du kannst nicht

wissen, ob das bequeme Leben hier immer dauern wird, und mancher hat

einen Halt verloren, auf den er sich bereits verlassen zu können

glaubte. Freundschaft geht nach der Nützlichkeit, und die hat ihre

Phasen wie alles. Und die Liebe ist nichts als ein sinnlicher Reiz

aus körperlichem Wohlgefallen. Entferne den Liebenden, und er hört

nach einiger Zeit auf zu lieben, weil ihm andere mehr einleuchten,

die jetzt um ihn sind. Oder es kann auch sein, daß ein glänzenderer

Gegenstand in der Ferne seine Augen auf sich zieht. Wovon willst du

leben, wenn der Dechant aus der katholischen Kirche austritt und nur

seiner Kunstliebhaberei nachgeht? Auf deine Frömmigkeit werden dir

die Leute nichts halten, wenn du mit leeren Händen zu ihnen kommst.

Jeder will nehmen, keiner geben. Für dich wär's am besten, du gingst

in ein Kloster. Auch das ist ja ein Schwindel, wie das ganze römische

Räderwerk. Eine verkriecht sich mit ihren unreinen Gedanken, ihrer

Faulheit oder Schlechtigkeit und ist nun eine Braut Christi. Aber

wenigstens hat sie zu essen und ein Dach überm Kopf. Du glaubst, Gott

herrscht in der Welt, aber die Gemeinheit herrscht; die Natur verlangt

ihre Rechte. Das ist der Grund, warum die Dichter Poesie machen. Zum

Beispiel dieser da verdient ein Vermögen mit seinem Buch, weil es

über der Wirklichkeit schwebt und die Gemeinheit in poetisches Grauen

auflöst. Dichter haben die Wollust des Schmerzes. Jeder hat seine

Wollust. Junge Mädchen haben die Wollust der Heuchelei, solange sie

keine andere haben können. Es wird immer gut sein, den Dingen ins

Gesicht zu sehen. Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?«

Linde warf sich erregt herum, weil eine Hand aus dem Kahn nach ihr

griff und eine viehische Stimme schrie: »Wir wollen das Nönnchen

hereinholen, damit man ihm einmal ins Gesicht sehen kann. Höchstens

gibt es eine Wollust des Schmerzes, oder auch eine andere.« Dann hörte

sie die Tante fragen: »Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?« und sie

strengte ihren schmerzenden Kopf furchtbar an, um sich zu erinnern,

während die Fiebergestalt hinter ihr drohte: »Die Natur verlangt ihre

Rechte. Die Linke verlangt sie auch.« Gerade daß sie die Linke auch

verlangte, war die entsetzlichste Drohung, sie begriff sehr wohl, daß

sie dann vollkommen verloren war, und lief, was sie konnte, um zwischen

der Gestalt und den Kähnen durchzukommen. Darauf erinnerte sie sich,

daß sie etwas antworten sollte, und nahm sich wieder zusammen, obwohl

sie an allen Gliedern zitterte. »Damit die Poesie nicht in der Welt

ausstirbt!« sagte sie endlich gehetzt. »Und damit die Gemeinheit sich

in poetisches Grauen auflöst.« Aber eben brach sie wieder zwischen die

Schollen ein, und wenn nicht ein Mensch mit einem Bocksgesicht sie

festgehalten hätte, so wäre sie unter den Kahn geraten. Sie lächelte

ihm dankbar zu, erschüttert vor der natürlichen, wenn auch rohen Güte,

die sich in seinen Zügen ausdrückte, aber zugleich entsetzt von seiner

tierischen Begehrlichkeit. Wimmernd riß sie sich aufs neue los, um die

Jagd fortzusetzen. Jemand legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie

rückwärts. Die Stimme hinter ihr sagte mit schauerlicher Bedeutung:

»Die Dirnen sind gegenwärtig sehr rar; sie haben die Schamlosigkeit,

sich zu verbergen.« Der Ausspruch stand in Zusammenhang mit irgendeiner

schlimmen Schuld, die auf Lindes Gewissen lastete, und von der die

Verfolgerin wußte. »Ja, ja, es wird noch eine Revolution geben!« rief

Linde aus, indem sie sich die Hand entwand und sich nach Atem ringend

im Bett aufrichtete. Noch im Verhallen hörte sie, was in Wirklichkeit

gesprochen worden war.

»Nur die Dirnen sind wahr. Die Schamlosigkeit hat nichts zu verbergen.

-- Revolution wird es schon nicht geben, mein Kind«, fuhr dann die

lehrhafte Stimme fort. »Dafür sind die Menschen bereits zu sehr ans

Wohlleben gewöhnt. An die Wahrheit sind sie weniger gewöhnt. Die

Wahrheit ist ja immer mehr für die andern. Du machst auch keinen

übertriebenen Gebrauch von ihr. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß

du dein Geheimnis gebeichtet hast, obwohl es nach eurer Auffassung

eine Sünde darstellt. Nicht, als ob der Onkel mir etwas davon gesagt

hätte, aber man hört doch so, was er von dir weiß, und was er nicht

weiß. Schließlich zeigst du uns einen Zustand, in dem man sich sonst

Rechenschaft über gewisse sogenannte letzte Dinge gibt. Obwohl ich

glaube, daß du reichlich spielst.«

Linde hatte sich ermüdet in ihre Kissen fallen lassen, um sofort wieder

in ihren marternden Doppelzustand zu versinken. Sie hörte, wie die

Stimme der Tante von ihren Geheimnissen und von der Beichte sprach, und

obwohl sie lange nicht alles begriff, quälte es sie doch unendlich.

Gleichzeitig rief die Verfolgerin hinter ihr: »Mit dir ist's Matthäi

am letzten. Mache deine Rechnung. Übermäßig schlau bist du ja nicht,

so wirst du wohl draufgehen in deinen jungen Jahren.« Nach Erbarmen

suchend, sah sie sich zwischen den Kähnen um, ob sie nicht unter den

fratzenhaften Insassen ein menschliches Gesicht erblickte. Plötzlich

bemerkte sie ihren Liebsten, der mit einer Katze auf dem Schoß lächelnd

dasaß und sich eine Zigarette anzündete. Als er sah, daß sie nach

ihm blickte, bog er sich zur Seite und versteckte sich hinter einem

Menschen, der aussah wie ein Leichenbegleiter. Zwar ging der auf ihre

Bitte weg, aber nun verkroch er sich hinter den Mann, der ihnen damals

die Äpfel geschenkt hatte. Wie auch der zur Seite trat, war Heinz

überhaupt verschwunden. »Suche ihn nur«, lachte die Gestalt hinter ihr.

»Der sitzt bei mir zu Hause am Tisch und sortiert goldne Ringe!« Indem

kam sie wieder zu sich und hörte eben noch die letzten Worte mit einem

dumpf dröhnenden Geräusch gegen die Wände ihres Zimmers schlagen. »Es

donnert ja!« rief sie halb erstickt und warf sich mit erschreckten

Augen nach der Tante herum, wie um ihre Meinung darüber zu hören.

Wirklich zog ein Gewitter über die verschneite Landschaft herauf; der

ferne Donner war die erste Ankündigung gewesen. Die Klingse lächelte

wieder.

»Ich habe keine Ursache, mich davor zu fürchten«, sagte sie

gleichgültig. »Da ich mit Gott weiter nicht stehe, so ist es mir ganz

uninteressant, ob es donnert oder nicht. Du solltest versuchen, dich

auch zu dieser Unabhängigkeit durchzuarbeiten. Wir würden uns viel

besser verständigen können, wenn du etwas von deinem Aberglauben

abgäbest. Was hast du nun von allen übersinnlichen Vorstellungen?

So, wie du's jetzt treibst, richtest du dich zugrund und bringst

dich obendrein immer mehr in ein falsches Licht. Sieh mal, früher

als Kind, da warst du mir nur manchmal unangenehm. Inzwischen hast

du's verstanden, mir beschwerlich zu werden. Ich muß mich oft dagegen

wehren, in dir das lästigste und widerstrebendste Geschöpf zu

erblicken, das ich mir denken kann, und eine solche Beobachtung an sich

selber macht kein reifer Mensch zu seinem Vergnügen. Du kannst dir

denken, daß niemand einen Geschmack daran findet, dich zu bekämpfen,

aber man wird sich ebenso ungern von einem subalternen jungen Wesen

ins Unrecht setzen lassen. Auch das öffentliche Leben wird sich nicht

von dir ins Unrecht setzen lassen; es wird aber in seinen Antworten

bedeutend grausamer sein als wir. Nun, du wirst nach dieser Krankheit

in keinem Fall auf den alten Punkt zurückkehren. Ich möchte dir nur

noch sagen, daß ich dir ebenso gern zu deinem Fortkommen in der Welt

behilflich sein werde, wenn du etwa Wert darauf legst. -- Es gibt ein

richtiges Gewitter. Wie verrückt! In dieser Jahreszeit! Das Donnern ist

nicht nach meinem Geschmack; ich pflege dabei stets Musik zu machen.

Brauchst du noch etwas? Du kannst ja klingeln. Ich gehe jetzt nach

unten.«

Unter den letzten Worten hatte sie sich bereits erhoben. Nun verließ

sie das Zimmer, indem sie die Tischlampe löschte, etwas atmosphärisch

beunruhigt, aber sonst in ihrem gewohnten kühlen und unverbindlichen

Aussehen. Linde hörte unter aller Fiebernot aus dem Nachhall des

Donners eine Stimme, merkwürdigerweise die des Dechanten, die sagte:

»Sie redet doch wie gedruckt!« Das Wort stammte aus einer Zeit, in

der er sich noch zu seiner Nichte über die großstädtische Verwandte

ausgelassen hatte, und es traf den Nagel auf den Kopf, denn unter

allen geäußerten Weisheiten war kaum eine laut geworden, die nicht aus

einem Buch oder einer Zeitschrift gezogen war. Ihre ganze Bildung und

ihr Bewußtsein als modern fortgeschrittener Mensch war Niederschlag

aus Büchern und Zeitschriften. Sogar die Meinung, daß Linde ihren

Lebenskonflikt durch die Entscheidung Welt oder Kloster lösen müsse,

hatte sie aus einer neuerlichen Lektüre. Sie trieb damit das bekannte

Spiel der Kinder, die die gummierte Bildchen in ihre Hefte abziehen und

sich einbilden, daß sie große Künstler seien. Ihrerseits hielt sie sich

für eine große Lebenskünstlerin.

Nun lag da Linde unter dem leisen Schüttern des Donners und dem Schein

der Blitze, der vom Schnee bleich zurückgeworfen wurde, und wunderte

sich über den menschlichen Zuspruch ihrer Feindin und darüber, daß

sie auf einmal ins Kloster sollte. Sie setzte sich wieder im Bett

aufrecht, um sich leichter den Delirien des Fiebers zu entwinden. Die

Donnerschläge hatten einen dumpfen, erstickten Klang, und bald nahmen

auch die Blitze ein solches Licht an, weil es während des Gewitters zu

schneien begann. Gleichzeitig drang die Dunkelheit der Dämmerung zu,

und alles in allem erlebten die Menschen eine so seltsame und erregende

Abendstunde, daß sie an tausend Dinge und Nichtdinge dachten, die ihnen

sonst selten einfielen, und wenn es einem Mann, etwa dem Dechanten,

möglich gewesen wäre, das Unfaßbare in der Atmosphäre und in den Seelen

zu fassen, so hätte er eine heilig betroffene Frömmigkeit gestaltet,

wie sie seit den ersten Tagen des Christentums alle hundert Jahre

einmal eine Gemeinde ergriff. Aber er war jetzt nicht der erweckte

Mann, der dazu eine Berufung in sich finden konnte, und die heilsame

Stunde fand nur Verwunderung und etwas abergläubische Furcht.

Linde saß und horchte lange auf den überirdischen Gang dieses

Gewitters, und erblühte in jedem Blitz als eine Lilie der scheuesten

Andacht. Ihr Kopf freilich war ihr so schwer, daß sie ihn mit Mühe

aufrecht hielt, und er ihr doch immer wieder vor die Brust oder auf

die Schulter sank. Aber diese frühe Jahrespredigt Gottes erschreckte

sie nicht etwa. Abgesehen davon, daß Linde nach wenig in dieser Zeit

so lechzte wie nach Einsamkeit, um ihre innere Verstörtheit wieder zu

sammeln und ihre bestürzte Welt in der Stille neu zu schaffen, so war

sie nichts oder beinahe nichts mehr von der kleinen spinösen Heiligen,

als die ihre Tante sie immer noch betrachtete. Die Stimme Gottes war

ihr willkommen in ihrem reinen und großartigen Naturlaut, der die Brust

erschütterte und die innere Anschauung von der Bedrücktheit befreite.

Dazwischen überfiel sie zwar immer wieder eine Fieberphantasie, der

ein Schwindel folgte oder eine halbe Bewußtlosigkeit; dann fand sie

sich erwachend auf dem Kissen liegen, aber zu ihrer Befriedigung hielt

das Gewitter an, und die Zustände konnten also nicht lange gedauert

haben. Im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, und für eine

Minute oder zwei sank das dumpfe und quälende Fiebergrauen unter sie

und stieg ihr Geist blaß und müde, aber mit liebender Reinheit einsam

aus dem Abgrund auf, um die Quelle aller Not ihres Leibes und der Seele

zu suchen und das Gestirn, aus dem ihr solche bittere Traurigkeit aufs

Herz tropfte. Sie fand den Quell in dem untröstlichen Brief ihres

einstigen Geliebten, den sie schon mit so vielen heimlichen Tränen

beweint hatte, und das Gestirn erschien ihr nun zum erstenmal ganz

klar aus dem Nebel ihrer Verwirrung heraustretend als der Gedanke an

den Tod, geweckt von den Worten der Tante und in enger Verbindung

mit allem, was auf der Erde süß ist und zum Bleiben lockt, was sie,

kaum besessen, schon verloren hatte und doch mit allen Kräften ihres

sehnsüchtigen Herzen zurückwünschte.

Weit davon entfernt, sterben zu wollen, weil der Geliebte sich von

ihr entfernt hatte, wußte sie von keinem andern Trieb, als ein neues

Leben, das sie durch ihn entdeckt hatte, fortzusetzen, schon deshalb,

weil nur der Lebende von Hoffnung weiß. Das Fieber war ihre ganze

Not, und ohne diese neue Krankheit, so dachte sie, stände sie auf

einem ganz andern Fleck und wäre der vorübergehenden Bestürzung viel

rascher Herr geworden. Sie mußte siegreich hindurch und wieder gesund

werden, und zwar bald, um die zerrissenen Fäden frisch aufzunehmen,

um den Raum zwischen ihm und ihr nicht zerfallen zu lassen und die

Zeit, die stehenbleibend verdorren wollte, durch die selbstlose

Entfaltung ihrer Seele zum Weiterblühen zu zwingen. Darin lag der

Sinn ihrer heldenhaften Gegenwehr, wie jetzt der Panik, die mit jeder

Minute oder halben Minute mehr Gewalt über ihr junges Herz bekam.

Denn nun vielleicht sterben zu müssen, den Atem auszuhauchen, tot zu

sein und im Grab fern von allem Leben zu zerfallen: diese Vorstellung

traf sie so furchtbar, daß sie im ersten jähen Schreck bis in die

Herzkammer erkaltete und ihr auf einen Moment der ganze weite Weltlauf

stehenblieb. Im nächsten schrie ihr Herz leidenschaftlich auf, und

warf sich ihre verängstigte Seele ungestüm Freiheit fordernd gegen ihr

Gefängnis, den armen Leib, ohne zu bedenken, daß diese Freiheit ja

eben ihre Auflösung bedeutete. Als sie's bei einem Blitzstrahl einsah,

erkannte sie auch die furchtbare Verlassenheit alles Fleisches unterm

Schweigen Gottes, und jetzt war es das tief verletzte Leibesgefühl, das

aufbrandend vom erschütterten Geist Zusicherungen verlangte, die er

nicht zu geben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, daß sie in jedem

Fall verloren war, eben weil sie lebte, durch die Tatsache ihrer Geburt

unweigerlich eingestellt in den Kreislauf der Vergänglichkeit und der

Verwesung.

Nun fiel doch unter dem bleich zuckenden Gewitterschein und dem Rollen

des Donners die Einsamkeit in das Leben der Kranken ein. Das vom

Schneefall wie von unhörbarem Schluchzen erfüllte Gefangenenlicht der

Dämmerung löste ihren ganzen sittlichen Besitz auf und vernichtete die

plötzlich gegenstandlos gewordene Selbstachtung, womit sie jedem Grauen

und jedem wilden Urgefühl ausgeliefert war. Ächzend und mit einem

vergeblichen Versuch, um Hilfe zu klingeln, weil ein Rest von Scham sie

daran verhinderte, die Tante zu dieser Niederlage herbeizurufen, warf

sie sich wieder hin, und mit verhülltem Gesicht und Gehör, am ganzen

Leib zitternd, erlitt sie das Weh dieser Stunde zu Ende, indessen die

Figuren des Fiebers sich wieder fratzenhaft über sie machten und die

Gestalt hinter ihr, mit einem goldenen Armband wie mit höchster Gewalt

angetan, die Hand hob und laut durch den Raum rief: »Da ist sie jetzt!

Sie hat Gott verlassen, darum verließ sie der Soldat.« Zu gleicher

Zeit ging fern am Horizont Christus vorbei mit dem heiligen Kreuz auf

der Schulter, das er nun nach einer andern Weltgegend trug, ohne einen

Blick auf ihre Not zu wenden. Mit vielfach erhöhter Angst nahm sie

ihre ziellose Flucht über die treibenden Schollen von neuem auf, bis

endlich ein erlösender Blutsturz der ganzen Grausamkeit ein Ende machte

und sie bewußtlos unter den letzten zuckenden Scheinen des abziehenden

Gewitters liegenließ.

Inzwischen kam die Magd von einem Ausgang nach Hause, völlig verschneit

und von dem Naturereignis wie alle Welt erregt, und sah von der Straße

aus Lindes Fenster dunkel. »Als ob ein Totes dahinter läge!« dachte

sie erschreckt, und dann zornig: »Bei einem solchen Wetter lassen

sie sie allein liegen!« Hastig trat sie ins Haus, stellte schnell

ihren Korb weg -- den Schnee hatte sie schon draußen abgeschüttelt

-- und stieg rasch die Treppe nach Lindes Kammer hinauf. Nachdem sie

an der Tür einen Augenblick gehorcht hatte, drückte sie sachte die

Klinke herab, öffnete etwas und fragte dann mit ganz zarter Stimme:

»Kindchen, schläfst du?« Da sie keine Antwort hörte und auch keine

Atemzüge vernahm, trat sie auf den Zehenspitzen ein und schlich zum

Bett vor. Gleichzeitig fuhr ziemlich in der Nähe wie ein Nachzügler

ein letzter Blitzstrahl herab und übergoß den blutigen Schauplatz und

die bleiche Kranke, die in einem Versuch, sich aufzurichten, nach vorn

seitlich auf den Bettrand gesunken war, mit beinahe taghellem Licht.

Mit einem Blick übersah Brigitt alles, die leblos überhängende Hand,

die bläulichen Blässen des Gesichts, den herabgesunkenen Unterkiefer,

die tief eingefallenen geschlossenen Augen. Ohne Zeit mit Wehklagen

zu verlieren, lief sie eilig, noch unterm Nachrollen des Donners, um

zunächst den Dechanten aufzujagen, denn nach ihrer Meinung lag Linde

im Sterben. Er folgte ihr betroffen und konnte am Ort nach seiner

Erfahrung mit Sterbenden auch nichts anderes sagen. Brigitt hatte das

elektrische Licht angedreht, das den ganzen untröstlichen Zustand mit

übermäßiger Deutlichkeit zeigte. Noch war Atem in dem Körper, doch

wollte sich das Bewußtsein trotz einiger rasch versuchten Mittel ungern

wieder einstellen; als es endlich doch zurückkehrte, schien es nur noch

ein sehr dürftiges Flämmchen. Da entschloß sich der Dechant zur letzten

Ölung, und indem er die Kranke der Magd überließ, entfernte er sich

schnell und bestürzt, um alles Nötige zu veranlassen.

Unter dem hohen Ernst des Augenblicks eilig dahinschreitend,

suchte sich der Dechant nach so langer Zeit zum erstenmal wieder

die Lage des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen, dem er durch

vielleicht sehr schwere Wochen seine Großmut und die Kräfte seiner

väterlichen Liebe entzogen hatte. Mit der Klarheit des Blitzes

und der Eindrucksfähigkeit des Donners erkannte er urplötzlich in

anklagender Deutlichkeit, was er bisher immer als dumpf beunruhigendes

Gefühl verdrossen beiseitegeschoben hatte: die weite, trostlose

Einsamkeit, die Linde in diesem Haus und in dieser Gesellschaft

erduldet haben mußte, und vielleicht ein nie wieder gutzumachendes

Unrecht, das sie still und bescheiden bis in diese Minute ertrug.

Zwar im nächsten Moment wurde das natürliche Empfinden schon wieder

heftig bestritten von seiner verletzten männlichen und priesterlichen

Eitelkeit und von den Schuldbeweisen, die sich in seiner Vorstellung

gegen Linde nachgerade zu einem festen System von Tatsachen aufgebaut

hatten, aber nun forderte ihn die Pflicht, und schon trat er bei

dem Küster ein, um Geläut und Geleit zu befehlen. Indem er darauf

die widerspruchsvolle und gar nicht göttlich gefaßte Brust mit den

symbolischen Gewändern bedeckte, wandelte ihn wieder als ein tiefer

Verdruß die Unentschiedenheit seines geistlichen Zustandes an, und

ganz seltsam überkam ihn eine Sehnsucht nach Lindes einfacher Gottes-

und Lebensfrömmigkeit. Indessen sah er, daß auch dies nur ein Symbol

sei, daß die Wahrheit viel tiefer und schwieriger liege, und rüstete

er sich ebenso ratlos als eigensinnig, mit der Sterbenden die letzte

Unterhaltung zu führen, denn angesichts des Todes und der letzten Dinge

mußten sich nach seiner Meinung die geheimsten Türen auftun.

Der Küster schwatzte vieles über das Gewitter und wo es eingeschlagen

habe, welche alten Leute sich an ähnliche Anormalitäten erinnerten, und

daß es einen Nachwinter bedeute; er hörte nur mit halbem Ohr. Als dann

die Glocke vom Turm erklang und er mit dem Allerheiligsten den Gang

antrat, war er immer noch nicht im höchsten Wesen gefaßt, aber doch in

den Gewalten und Bedeutungen, mit denen ihn die Kirche versehen hatte,

und die von seiner persönlichen Würdigkeit oder Unwürdigkeit nicht

beeinflußt werden konnten. Sie waren mehr als das Menschliche, das

ihnen als Träger diente; aber sie waren niemals mehr als die lebendige

Seele des Priesters, wenn sie ihnen in Gott geweckt ein persönliches

und geheimnisvolles Leben verlieh. Inzwischen kämpfte sein eigenes

abseits, und so näherte sich durch den leise nachhaltenden Schneefall

einem einsamen kranken Mädchen ein einsames Allerheiligstes. Auch das

Glöckchen in der Hand des Begleiters tönte mit einem verirrten und

verlassenen Klang über den Domplatz, auf den mit wenigen erleuchteten

Fenstern die Bürgerhäuser und hoch im Schneetreiben dunkelnd die alten,

strengen Türme herabsahen. Doch indem er dann in sein Haus trat und

die Treppe hinanstieg, versank ihm auch die letzte Selbstheit, denn

bereits kam ihm mit schwereren Drohungen aus Lindes Zimmer die fremde

Atmosphäre des Todes entgegen, jenes besondere weite Schweigen, das

jeden Zweifel eisig durchdringt und Kaiser ist, wo es auftritt.

Er kannte diese Atmosphäre von vielen hundert Sterbegängen, doch war

es das erstemal, daß er einem so nahen Anverwandten beim Austritt aus

der Welt helfen sollte -- sein Vater war sehr früh und seine Mutter

überraschend in der Ferne ohne ihn gestorben --, und um sein Herz

schwoll eine Bangigkeit auf, wie er sie bisher noch nie empfunden

hatte. Der Klang seiner Schritte droben auf der Diele und der Ton des

Glöckchens erschienen ihm wie Todesurteile für die Kranke, und der Duft

des Weihrauchs, den die Zugluft in blassen Streifen durch den Korridor

wehte, legte sich ihm schwer und ahnungsvoll auf die Seele. Als er die

stille, dunkle Tür erblickte, hinter der er das junge Leben mit dem

Tod ringen wußte, schien es ihm auf einen Moment ganz unmöglich, in

dieser Bedeutung und mit diesem Auftrag durch sie einzutreten. Indessen

erklang das Glöckchen des Begleiters wieder, und sie öffnete sich so

bereitwillig und demütig vor ihm, daß er abermals erschrak und er die

alte Person, die ehrfürchtig daneben in die Knie sank, sekundenlang

bestürzt ansah.

Mit dem nächsten Blick fiel ihm das traurige Bild der jungen Kranken

in die Augen, die im blütenweiß bezogenen Bett sehr blaß dalag und

eben mit einer überraschten Bewegung das Gesicht nach ihm wandte. Sie

schien voll bei Bewußtsein und sogar wieder Herrin ihrer Glieder, denn

beinahe zugleich richtete sie sich hastig in die Höhe, um mit einer

aufgestützten Hand sitzend ihm entgegenzusehen; die andere tastete

blind und unbewußt und mit unruhigen Bewegungen an dem gekräuselten

Besatz ihres Nachthemdes auf und ab, und in ihren Augen malte sich

das ganze furchtbare Grauen, das ihre Jugend vor dem nahenden Aufzug

empfinden mußte. So erwartete sie bis auf die irrende Hand vollkommen

bewegungslos das Zeichen, dessen Begleiterscheinungen durch ihr Gehör,

ihr Gesicht und bereits auch durch ihren Geruch erschütternd auf ihre

Seele einstürmten, dieselbe Seele, die sich eben still und dankbar zum

Weiterleben aufgerafft hatte. Sie vergaß, sich zu bekreuzigen, und

alles erschien ihr wie ein grandioser, heiliger, aber vernichtender

Traum, der sie mit überlegener Schnelligkeit gefangennahm und sie

ganz in seine überirdische Stimmung schlug, indem er ihre weltliche

zerstörte. Von einem Lichtreiz getroffen, wandte sie flüchtig die Augen

zur Seite und bemerkte in dem Weihrauchnebel, der bereits das Zimmer zu

erfüllen begann, brennende Kerzen. Noch einmal schimmerte ihr Stübchen

mit allen vertrauten Gegenständen irdisch auf; dann verblaßte es und

versank. Die kniende Gestalt an der Tür erhob sich schattenhaft und

schwankte still schluchzend hinaus, die Tür hinter sich zuziehend,

und während sich Linde zitternd in ihr Kissen zurücklegte, verlor

sie auch sich selber aus dem Gefühl, wuchs der fromm-schauerliche

Auftritt des Todes von allen Seiten riesengroß neben ihr auf, mit den

endgültigen Gebärden eines Domgewölbes über ihrem versunkenen Leben

zusammenschlagend.

Die Anschauung eines hochgewölbten Domraumes hielt ihr Geist als

einzig faßbaren Begriff lange fest und suchte ihn zu betrachten und mit

sich selber in Beziehung zu bringen. Bekannt und zugleich beklemmend

fremd schimmerten die Lichter, wallte und duftete der Weihrauch und

schwebte die sprechende Stimme des Dechanten in dem weiten Raum. Sie

sprach Worte und Rhythmen, die ihre Ohren noch nie vernommen hatten,

in einem Klang, der ihren ertrinkenden Lebensfunken immer wieder

kämpfend aufzucken machte. Ihr Kopf war ganz klar und fieberfrei, nur

befangen und voll ungewohnter Erscheinungen. Einmal hörte sie das

Sterbeglöckchen vom Turm klingen. Dann bellte irgendwo ein Hund, und

sie dachte flüchtig an Bob. Darauf herrschte wieder nur die einsame,

tiefe Stimme des Dechanten in dem umgebenden hohen Schweigen und der

ergriffene Tonfall seiner Sterbebegrüßung. Linde hörte ihm zu wie durch

Ewigkeiten, obwohl es bloß nach Minuten dauerte, treu und still und in

seiner neuerwachten väterlichen Innerlichkeit sich heimlich von ihrer

Panik sammelnd. Die Stimme war voll Sorge, Liebe und Schmerz, und

was Linde davon nicht sofort klar zum Erlebnis zu bringen vermochte,

das zog ihr doch hoffend in die verstörten Herzkammern, wohin sich

ihr armes Erdengefühl erkaltet geflüchtet hatte, und bewirkte dort

wieder einige geheime Regung. Indem begann auch ihr Blick schüchtern

aus seinem Grab nach seinem Blick aufzusteigen, glühte aber an dem

allerheiligsten Zeichen geängstigt auf und flüchtete sich zu den

frommen Lichtern, um auch von dort neuerschreckt abzuirren und wieder

in Grauen zu versinken und im weiteren in eine Betäubung, die nahe an

Bewußtlosigkeit grenzte, so voll dunkel drängender Vorstellungen und

dumpf dahintreibender Empfindungen sie auch war.

Aber auch in diesem Zustand verharrte sie nicht lange. Sie erwachte

wieder an der Stimme des Dechanten, die jetzt aus großer menschlicher

Nähe dringend ihr Gehör suchte, während sie seine Hand auf ihrer fühlte

und aufblickend sich dicht unter seinen ernst bewegten Augen fand. Eine

Zeitlang sah und hörte sie nur, ohne zu verstehen. Endlich begriff

sie, daß er von ihrem Leben und Tod und von ihrer unsterblichen Seele

sprach. Er gebrauchte zarte und doch zugleich mächtige Ausdrücke für

das, was er fühlte und wollte, Ausdrücke, wie sie sie von ihm lange

nicht mehr vernommen hatte, und aus denen eine Anteilnahme an ihrem

Dasein leuchtete, die sie vollständig erloschen glaubte. Dann schien

er an Geschehnisse und Vorgänge zu erinnern, von denen sie zuerst

das Gefühl hatte, daß sie ein ganzes Leben zurücklägen, und daß sie

ihr nie wieder ganz lebendig werden würden. Aber unversehens wurden

sie's dennoch, und je näher er nun nach ihrem Geheimnis vorstieß,

desto lebhafter kam ihr wieder in aller Schwäche zum Bewußtsein, daß

es eins war. Und dann begann ihr zum erstenmal seit der Erkenntnis

vom Untergang ihres irdischen Seins die sichere Überlegenheit ihres

geistigen Besitzes aufzugehen und des kühnen, unabhängigen Sinnes, in

welchem sie es unter allen Rückschlägen weiter verwaltete. Daraus trat

deutlich wie ein Erzengel eine gewisse scheue, heilige Feindschaft

gegen die rohe Unruhe der Welt hervor. Eine fromme Abneigung gegen die

grobe Wirkung ihrer Organe warf sie vollends in sich selber zurück und

gab ihr in großer Bescheidenheit doch eine Stellung jener äußerlichen

Welt gegenüber, die sie für alle Vorstöße, auch die des Dechanten,

beinahe unerreichbar machten.

»Mein Kind! Mein Kind!« schloß der Dechant ergriffen: »Der davonzieht,

der leistet nicht das schwerste Stück, sondern das leichteste, wenn er

mit offenen Händen zieht. Bekenne und heilige deine Sünden; sie sind

die Stufen, auf denen wir zur Unseligkeit oder zur ewigen Seligkeit

steigen. Laß keine Bettler und Gläubiger unbefriedigt hinter dir.

Mache deinen Frieden mit Gott und uns, und dann fahre in des ganzen

Himmels Wohlgefallen! Unsre Sehnsucht nach deiner Erleuchtung wird dich

begleiten!«

Er schwieg, beinahe erschöpft von der Kraftanstrengung, die ihn in

diesem Fall die Ausübung seines Amtes kostete und das stumme Ringen

seiner fordernden Seele mit ihrer abwehrenden. Er sah alt und

eingefallen aus, und um seinen Mund prägten sich sehr tiefe Züge des

Mannesleids aus. Seine Hand auf der ihren lag heiß und zitterte leise.

Sein ganzes Leben stand in seinen Augen, aber da es von dem ihren

abhängig war, so fand Linde es nicht königlich, wie es seiner Sendung

entsprochen hätte, sondern in große kämpfende Teile zerrissen. Was

sie für ihn empfand, das war vor allem Mitleid, aber während sie für

~ihn~ litt, stieg ihr auch alles Leiden auf, das er ihr geschaffen

hatte, und erschüttert, wenn auch mit schwacher Stimme und zitterndem

Herzen, brach sie aus:

»Ich gehe mit ganz leeren Händen von euch. Ich habe euch nichts

genommen. So laßt mich in Frieden gehen. Ich liebe euch. Ich segne

euch. Ich werde vor Gottes Thron für euch beten! Habe ich denn nicht

alles weggeschenkt? Ich dachte es wiederzugewinnen, das ist wahr. Ich

werde es vielleicht im Himmel zurückbekommen. Gott muß zwischen uns

allen richten.«

Mit einem Schluchzen der Schwäche brach sie ab, und auch der Dechant

vermochte nicht gleich wieder zu sprechen. Endlich sagte er erschüttert:

»Gott wird uns nicht allein richten, sondern er wird jedes durch das

andere richten. Mich durch dich und sich selber durch uns. Seine

Seligkeit wird mit der unsern steigen und fallen. Hast du alles

weggegeben, so wirst du alles wieder empfangen. Ich glaube dir, wenn

auch dieser Glaube mich zu deinem Schuldner macht. Gott helfe mir

abzahlen; es ist eine hohe Summe, wie ich fürchte. Aber warum hast du

nicht deine redliche Beichte durch die Kommunion bestätigt? Heiliger

Himmel, vor welchem Unrecht hättest du mich bewahren können!«

Über ihr blasses Gesicht ging ein zartes und himmlisch freundliches

Lächeln. Sie wollte sagen: »Kein Unrecht!« aber eine Herzschwäche

befiel sie, und statt dessen sagte sie mit wegsinkendem Blick und dem

vorletzten Funken der verlöschenden Kraft:

»Ich -- ~will~ kommunizieren!«

Er empfing die Willenserklärung wie ein Urteil, während die kühle

Klarheit dieser wenigen Worte sich ihm augenblicklich mitteilte,

und zwar als eine Aufwallung des Schrecks, nicht als ein Gefühl

der Befreiung. Seiner nicht wieder gutzumachenden Schuld tief und

schmerzvoll bewußt, faßte er erneut nach ihrer erkaltenden Hand, und

während er sich in der weiten Welt hoffnungslos vereinsamen sah, bat er

mit rauher Stimme vor Leid und Reue:

»Wir sind sterbliche Menschen und wissen nichts trotz aller Eitelkeit.

Du bist jetzt mehr als wir alle. Verzeih uns, was wir dir angetan

haben! Wir haben die christliche Demut und die Liebe ganz vergessen,

und so hat uns der Friede Gottes vergessen!«

Das vorige Lächeln kehrte noch einmal in ihr Gesicht zurück, aber

blasser und müder, um nach den ersten Worten gleich zu verlöschen.

»Ich habe -- nichts zu verzeihen!« sagte sie kaum hörbar. »Verzeiht

mir. Ich muß -- sterben. Gott sei uns allen gnädig!«

Mit einem erstickenden Laut der Klage verstummte sie. Darauf begann

sie zu beten, um nicht in seiner Kümmernis unterzugehen, und er

eilte, ihr die letzte Wegzehrung zu reichen. Sie empfing seine

Worte und Handlungen in hoher Schwäche, aber in voller Gegenwart

des reisefertigen Geistes, und während er aus der Finsternis ihrer

Todesversunkenheit den ersten Stern ihrer Ewigkeit schon aufglänzen

sah, gab er ihr den Leib des Herrn auf den Weg zur Herrlichkeit des

Herrn mit. Heftig, ja herrisch gegen sein Weinen ankämpfend schritt

er zur letzten Ölung. Er bekreuzigte sich und salbte ihr mit dem

heiligen Chrisma Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände, jene Augen, die

eine Zeitlang an der Wohlgestalt des Soldaten so freundliches Gefallen

fanden, die Ohren, die einst so innig beglückt seinen Liebesreden

lauschten, den Mund, der unter seinen Küssen seine fromme Kühle in

ebenso frommes irdisches Feuer wandelte, die Hände, die eine Nacht

lang gläubig seine beseligende Gegenwart hielten, und die Nase, mit der

sie seine sinnlichen Düfte und erschauernd ihre eigenen atmete. So an

Haupt und Händen entsündigt hieß er sie ergriffen ziehen. Voller Liebe

betete er, daß sie mit ebenso geheiligtem und reinem Herzen sich von

der trüben Anziehungskraft der Erde zu lösen vermöge, denn über ihr

Herz, das fühlte er nach wie vor betroffen, besaß er keine Macht mehr.

So hatte er alles in allem wohl einen Blick in den dunklen Spiegel

getan, aber seine Seele blieb unerleuchtet. So heimatlos wie zuvor,

nur mit schwererer Schuld beladen, verließ er die Kranke. Die Kerzen

brannten unruhig und trübe. Draußen kniete schluchzend die Magd. Das

Glöckchen des Begleiters läutete ihm suchend voraus. Und noch lange lag

auf seinem Weg hinter ihm der leere und erkaltete Duft des Weihrauchs.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 22 / 33 题