Brigitt zaubert und wahrsagt, wird aufsässig, erfährt eine
Zurechtweisung und unterwirft sich. Linde steht unerwartet wieder auf
Der neue Zustand brachte für Linde insofern einen Vorzug, als sie sich
in ihrem Fieber wie in einer Zauberburg vor dem persönlichen Verkehr
mit der Feindin zunächst geschützt fand. Sie spann still versunken
ihre leise quälenden Phantasien, tauchte freundlich und müde daraus
in ihre klaren Stunden auf, sah die alte Magd kommen und gehen, wirken
und weissagen und schätzte am höchsten die Teile des Tages, in denen
sie ganz allein war. Dann führte sie einen großmütigen Kampf mit ihrem
Weh und ertrug kampflos die Anstürme ihrer ungebrochenen Liebe, weil
sie genau wußte, was sie wollte, und in aller Jugend schon so stark und
kühn war, zwischen dem Wanken und Brechen ihres irdischen Glückes den
Sieg ihres überirdischen Liebeswillens vorauszusehen. Sie sah auch den
Preis voraus, um den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war,
aber wenn sie wirklich aus Kleinmut hätte markten wollen, so hätte es
ihre Hingenommenheit vom hohen Wert des Gegenstandes nicht zugelassen.
Nicht als ob sie ihre Jugend und ihre Lebenshoffnung weniger geliebt
hätte als jene persönlich sittliche Vorstellung, die sie sich vom
höchsten Sinn ihrer Liebe machte: der Befreiung ihres Geliebten aus der
Gewalt der Feindin; sie liebte sie sogar viel heftiger und zärtlicher,
und es war ja eben die Voraussetzung ihrer verwegenen Rechnung, sich
noch das Ganze zu retten, indem sie das Angefochtene freigab. Sie wäre
auch kein Mensch gewesen und vor allem kein Mädchen, wenn sie nicht die
unermüdliche und zähe Hoffnung besessen hätte, am Ende und schließlich
auch irdisch zu triumphieren. Was die Klingse vom Kreisphysikus so
ungläubig vernahm, nämlich daß ihr Fieber sozusagen in der Luft schwebe
und mithin gar keine richtig begründete Sache sei, das klang ihr wie
ein Evangelium, und außer dem jüngst gelesenen bei der Kinderfeier
wußte sie sich kein süßeres.
So war sie denn getrost und fest und fuhr innerlich freudig fort, auf
dem Fundament ihrer irdischen Zuversicht das fromme Sakramentshäuschen
ihrer überirdischen mit immer schwebenderen Blumengittern zur Höhe
zu führen. Aber in Stunden der einsamen Zaghaftigkeit, als das
Fieber immer eher zum Steigen Neigung zeigte als zum Sinken und die
krampfartigen Schmerzen, so hartnäckig sie sie dem Arzt verschwieg,
nicht nachlassen wollten, schüttelten ihren zarten Körper harte
Weinanfälle und plagte sie unsäglich die Versuchung, ihr wertvolles
Heiligtum stehenzulassen und zu ihrem Liebsten zu laufen mit dem
natürlichen Schrei: »Nimm mich wieder!« Und dann brauchte sie auch
nicht weniger als die volle Einsicht in die Schädlichkeit einer solchen
Wendung, in die Einbuße an innerm Wert, die sie sich selber zufügen
und den bequemen, spöttischen Vorsprung, den sie der Feindin dadurch
verschaffen würde, um sich von einer so bedenklichen Anwandlung
zurückzuhalten. Indem sie endlich still wieder den Standpunkt betrat,
den ihre Selbstachtung und die Notwendigkeit gleichermaßen von ihr
forderten, tat sie's doch unter Vorbehalt aller persönlichen und
diesseitigen Hoffnungen, so bereit sie war, für ihren höchsten
Liebesgedanken weiterhin zu leiden und nach dem Leibe weniger zu werden.
Es war um die Zeit der weissagungsvollen Zwölf Nächte. Als Brigitt
das Mädchen so rasch von der Kraft kommen sah, fuhr ihr ein heilloser
Schreck in die Glieder, der sie auf Wege trieb, die einer frommen
Katholikin eigentlich nicht erlaubt sind: sie ging unter die
Zeichendeuter und Zauberer, um mit der Hilfe der Zwölfnächtegeister
ein bißchen hinter die Geheimnisse zu sehen und von den zu jener Zeit
waltenden besondern Kräften welche einflußreich und heilend auf die
Patientin zu ziehen. Sie legte Karten unter die Sterne aus, versuchte
wie Gideon Gott durch Zeichen, aber nicht mit einem Schaffell, sondern
mit Kaffeesatz, und zündete Rauchwerk an in der Vorgabe, bessere Luft
zu machen, in Wahrheit, um die bösen Geister zu vertreiben und die
gütigen anzuziehen.
Die Sterne steigen in jenen Nächten mit einem besondern Glanz schon
aus der Abendröte herauf, die sich aus dem Gehalt ereignisvoller
Tage als das Gold der Erfüllung beglückt und früh niederschlägt.
Daran prophetisch entzündet, leuchten alle himmlischen Lichter in
beseelterem Feuer auf. Sie sind umdrängt von Gestalten und Geistern,
die, blasse Zeugen der Geburt des Herrn, auf ihre Erlösung warten,
und durch die dynamischen der Sterne treten die Systeme des Schicksals
drängend hervor und werden in vielen gläubigen und frommen Blicken
zur Erscheinung. Brigitt war nun freilich mehr in Liebe eifernd als
fromm, und andererseits glich ihr Glaube sehr dem schicksalbewegten
Sternenhimmel: er war voller Ahnungen und Wünsche. Mithin arbeitete
ihre Weissagung unter optischen Trübungen, und die wenigen Klarheiten,
die sie gewann, waren Stichlichter von schmerzender Überschärfe. Die
Seele zieht wie die vom Licht getroffene, aber noch nicht entwickelte
photographische Platte die chemischen Stoffe der Erkenntnis, auch
der übersinnlichen, nur nach der geheimnisvollen Leitung des noch
unsichtbaren Bildes an oder stößt sie ab, und nach seinen Gesetzen
deckt sie sich mit Schwärzen oder bringt Helligkeiten hervor, alles
im Entwicklungsbad der Empfindung, um dann im Fixierbad der Erfahrung
bestätigt und haltbar zu werden.
Nun fand sich in Brigitts Karten, so sehnsüchtig und zornig sie sie
für Linde auf Liebe und Glück mit der Seele anschrie, stets ein
störender Einfluß, und alles lief auf Tränen und auf einen dunklen,
traurig bewegten Abgang hinaus. Es war dabei ganz gleich, ob sie auf
die Herzdame oder auf den Herzbuben legte; der Herzbube war immer
so übel daran wie die Dame, und zwischen sie schob sich stets alles
Unglücksgesindel von schwarzen Karten ein, das es überhaupt gab, aber
vor allem das Kreuzweib, das der Herzdame mit großer Beharrlichkeit
nach dem Leben stand, während es dem Herzbuben auf den Fersen nachzog
als ein gefährliches und unheildrohendes dunkles Gestirn. Das war ihr
zwar alles nichts Neues; es bestürzte sie nur mit jedem Mal heftiger,
daß die Karte mit solcher Hartnäckigkeit, sie konnte mischen und
abheben, wie sie wollte, bei ihrer Aussage blieb und sich durch kein
Zureden etwas abhandeln ließ.
Lange hatte sie gebraucht -- nicht einen Tag, wie sie sich damals
auf dem Krankenbett wünschte, sondern Tage und Wochen --, bis sie
dahinterkam, auf welche Weise sich jetzt, da der Soldat nicht mehr
da war, die Feindschaft des Weibes gegen Linde zur Wirkung brachte,
und was für Methoden es dazu anwandte, denn von den geheimen Vorgängen
blieben ihr die meisten verborgen, zumal Linde nicht einmal durch einen
Blick, geschweige durch ein Wort oder sonst einen Fingerzeig, ihr darin
zu Hilfe kam. So blieb sie auf ihre eigene Wachsamkeit angewiesen, doch
mußte sie viel Zufallsworte, Mienen, Blicke und abgerissene Gespräche
auffangen und wie im Zusammensetzspiel gegeneinanderhalten, bis sie ein
ungefähres Bild von den jetzigen Verhältnissen auch nur ahnungsweise
und unvollkommen erhielt.
Am wenigsten von allen nahm sich noch der Dechant in acht; der redete
und blickte, wie es ihm zumut war, und da es ihm je länger, je schwerer
zumut war, so gab er mancherlei harte und unwirsche Worte und düstere
Blicke. Sie merkte bald, daß Linde in Ungnade stand, und ingrimmig, daß
sich die Klingse in einer ganzen Reihe von Gelegenheiten bei ihm an
ihren Platz gebracht hatte. Er diktierte ihr seine Predigten und ließ
sie Auszüge machen. Die Korrespondenz besorgte er zwar selber, so nahe
sie es ihm wiederholt legte, sie ihr zu übertragen; aber auch Linde
entzog er sein Vertrauen: sie hatte dies Amt nach Brigitts Genesung
nicht wieder angetreten. Wenn er etwas aus dem Hauswesen wissen
oder haben wollte, so wandte er sich an die Tante, und nur sofern
er bemängeln oder schelten wollte, rief er, wenn es gesund war, das
Mädchen.
Die Haushaltung ging, wie die Tante wollte; Zuwiderhandlungen und
Aufsässigkeiten der Magd wurden vom Dechanten, durch den die Klingse
nun mit ihr abrechnete, unwidersprechlich kaltgestellt. Tägliche
Anweisungen gab die Dame des Hauses über ihre Schultern oder über
die Magd weg in die Luft, ohne sie anzusehen, mit gleichgültiger
Stimme und hochmütigem Gesichtsausdruck, hinter dem sie ihr Leiden
an diesem »kommunen Menschen« verbarg. Brigitt ihrerseits gab sich
je länger, je weniger Mühe, ihr dies Leiden durch Zurückhaltung
zu erleichtern; immer rücksichtsloser kehrte sie ihren völkischen
Triumph gegenüber der gedemütigten vornehmen Feindin hervor, und je
weniger sie nachgerade dazu Ursache hatte, denn die Feindin herrschte
nun durchaus, desto eifriger wandte sie sich wieder ihrem groben
Verfahren zu, die Frau durch persönliche Verdrießlichkeiten, Störungen
und Verachtungsbeweise zu kränken. Wenn diese auf eine nachträgliche
Denunziation nun vollkommen gerüstet war, so ging ihr das etwas breite
Gehaben doch sehr auf die Nerven, und die Magd brachte sie mehr als
einmal zum Zittern vor Wut. Aber zu einem Ausfall ließ sie sich nicht
hinreißen, erstens weil sie sich den Methoden der Magd nicht gewachsen
fühlte, zweitens weil zu solchen Herausforderungen bloß noch Linde die
moralische Fähigkeit besaß, und drittens weil sie gegen den Dienstboten
mit ihren Mitteln auf eine andere Auszahlung hinarbeitete; sie ging
darauf aus, den verdienten alten Menschen vom Dechanten zu trennen,
indem sie diesem ganz unauffällig das Gefühl beizubringen suchte, daß
eine Magd von solchen Lebensgewohnheiten für eine Übersiedlung in die
Welt ungeeignet sei. Die Klagen über ihre gelegentlichen Verfehlungen
führte sie maßvoll, und die nicht zu umgehenden Bemerkungen über ihre
zunehmenden Alterserscheinungen begleitete sie mit einem bedauernden
Achselzucken, aber sie umging sie jedenfalls nicht, und jeder neue
Einwand wirkte verdrießlicher auf den Dechanten.
Dieser hatte noch einen besondern Grund, der Magd gram zu sein.
Nachdem sie angefangen hatte, wieder ihr Leben zwischen den Gesunden
aufzunehmen, bewegte er immer öfter die geheime Hoffnung in seinem
Herzen, bei ihrem ersten Kirch- und Beichtgang über jene Geheimnisse,
die ihm das Leben verdüsterten, endlich das so zornig ersehnte Licht
zu gewinnen. Nun führte sie ihr erster Ausflug auch wirklich in den
Dom, aber nicht in den Beichtstuhl, den sie mied wie das offene Feuer,
im Gegenteil, sie hielt sich mit großer Vorsicht in jenen Bezirken des
weiten Raumes auf, die dem Beichtstuhl möglichst entlegen waren. Wenn
sie von diesem Kirchgang auch etwas still und angegriffen zurückkam, so
bedeutete er für den Dechanten nichtsdestoweniger eine Enttäuschung.
Dabei blieb es. Brigitt fehlte an keinem Sonntag im Frühamt, aber
obwohl dort die Beichtmöglichkeit so nahelag wie der Juni dem Sommer,
kehrte sie doch stets in ungebeichtetem, völlig winterlichem Zustand
ins Haus zurück. Endlich sah er ein, daß diesen Wandel nicht der Zufall
lenkte und auch nicht die Vergeßlichkeit, sondern daß ein Bewußtsein
dahinterstand. Wo sie dem Dechanten begegnete, da blickte es aus ihren
Augen und hing zugleich als Schleier der Behutsamkeit vor ihrer Miene,
schien als Wortzähler in ihrem Mund zu stecken und als Watte in ihren
Ohren, denn sie hörte auf seine Freundschaft lange nicht mehr so fein
wie früher -- freilich drückte er sie auch nicht mehr so leicht und
glaubhaft aus, aber das setzte er nicht in Rechnung --, und ihre ganze
neue Aufführung seit ihrer Krankheit faßte er in einen grollenden
Begriff zusammen: Widerspenstigkeit! Die Verschwörung dauerte fort, und
wirklich hatte er auch keine Ursache, einen Hausgenossen, der auf diese
Weise hartnäckig die Hausgemeinschaft verschmähte, auf die Dauer zu
ertragen.
Den schwelenden Zustand brachte Lindes Erkrankung zum Ausbruch, und
zugleich gab sie der Magd zum erstenmal wieder einen festen Anhalt
vom wahren Stand der Dinge, gewissermaßen einen Zipfel vom Gewebe der
Feindin, in die Hand. Eines Tages gegen Abend begegnete ihr die Tante
im Hausgang drunten und meldete im Vorbeigehen über die Schulter: »Sie
möchten einmal zum Herrn Dechanten hinaufkommen.« Da sie gerade Zeit
hatte, ging sie gleich, obwohl solche Zitationen neuerlich nicht mehr
zu ihren Vergnügungen gehörten. Wirklich hatte ihr die Feindin wieder
eine Suppe eingebrockt.
»Brigitt, ich habe nun schon viel Klage über deine neuerliche
Ungebärdigkeit hören müssen, und ich habe dir gegenüber keinen Zweifel
daran gelassen, daß Frau Professor Klinger jedenfalls jetzt in diesem
Haus die Befehlende ist, während du die Gehorchende zu sein hast«,
begann er ärgerlich, um sofort von ihr unterbrochen zu werden.
»Es ging früher ohne die Frau Professor. So krank ist Fräulein Linde
nicht, daß sie nicht angeben könnte, was geschehen soll, und dann bin
ich alt genug, um das selber zu wissen.«
»Es ist auch eine deiner unleidlichen neuen Gewohnheiten, mir ins Wort
zu fallen, wenn ich dir etwas zu sagen habe«, tadelte er. »Laß das in
Zukunft. Über die Einrichtung der Hausordnung werde ich mit dir nicht
streiten --«
»Die Hausordnung war lange eingerichtet«, bemerkte sie.
»Du warst krank«, suchte der Dechant zu erklären »Und da Linde nicht
nachkam, wurde es nötig, daß jemand das Ganze in die Hand nahm. Jetzt
ist Linde krank --«
»Aber ich bin gesund. Früher war auch Fräulein Linde manchmal krank,
und es ging mit mir allein.«
»Das tut es eben nicht mehr«, betonte er, zufrieden, gegen sie frisch
ansetzen zu können. »Du wirst älter, und die Verhältnisse haben sich
durch den Krieg geändert --«
»Sie haben sich nicht durch den Krieg geändert.«
Diesen Einwurf überhörte er, um schärfer fortzufahren. »Und bei deiner
unverständigen Renitenz muß ich noch froh sein, wenn sich sonst jemand
um eine vernünftige Ordnung kümmert. Was soll das heißen, wenn du der
Frau Professor den Kaffee über das Kleid schüttest und dich nicht
einmal entschuldigst? Wenn du morgens den Besen gegen ihre Tür wirfst,
damit sie nicht mehr schlafen kann? Wenn sie dir aufträgt, ihr Bänder
aus der Stadt zu bringen, und du sie absichtlich nicht bringst? Ihre
Briefe liegenläßt, die du mitnehmen sollst, und sie zwingst, sie selber
zur Post zu tragen? Entweder sind das Aufsässigkeiten, oder es sind
Dummheiten eines alterskindischen Menschen. In beiden Fällen sind es
Erscheinungen, die ich nicht an einem Dienstboten zu bemerken wünsche.
Das sollst du künftig bedenken.«
»Ich dachte, die Frau Professor sei hier nur auf Besuch!« entgegnete
die Magd gereizt.
Der Hieb saß, aber er kam ihr nicht zugut. »Ich habe dir gesagt, daß
ich deine Unverschämtheiten nicht länger dulden will«, bemerkte der
Dechant mit kalter Miene. »Du bist hier eine Dienstmagd mit kündbarem
Verhältnis. Entweder die Umstände behagen dir, und du fügst dich ihnen,
oder sie behagen dir nicht, und du verläßt sie. Sonst gibt es darüber
zwischen uns beiden nichts zu reden. Dabei fällt es noch ganz dir zur
Verantwortung, daß du es soweit kommen ließest. -- Für heute wollte
ich dir mitteilen, daß Frau Professor Klinger bereit ist, trotz deiner
Widerspenstigkeiten deine Tagesarbeit zu erleichtern, indem sie dir die
Pflege des Mädchens abnimmt --«
»Die Pflege gebe ich nicht ab«, versetzte Brigitt erregt und schnell.
»Ich will nichts von der Frau Professor abgenommen haben. Hat mich
Fräulein Linde gepflegt, so werde ich sie wieder pflegen. Das ist
alles. Mit meinem Tagewerk werde ich schon allein fertig werden.«
»Aber Brigitt«, versuchte der Dechant erneut zu mahnen, »du vergißt
schon wieder, daß über diese Angelegenheiten ich zu entscheiden habe --«
»Verzeihung, Hochwürden, darüber muß ich entscheiden. Wie Fräulein
Linde gepflegt werden muß, und was ihr bekommt und was nicht, das weiß
ich von lange her, und wenn ich's besorge, so weiß ich, daß es recht
besorgt ist.«
»Du wirst nicht so kindisch sein, zu glauben, daß Frau Professor
Klinger das nicht auch recht besorgen wird«, wunderte er sich.
»Davon bin ich nicht so überzeugt«, erklärte sie düster.
Er lachte geärgert. »Linde ist in ärztlicher Behandlung. Was hast du da
noch zu zweifeln?«
»Weiß der Herr Kreisphysikus, woher diese Krankheit kommt? Nun also.
Bis er's weiß, behalte ich meine Meinung. Linde pflege ich selber.«
»Du bist ganz und gar närrisch«, sagte der Dechant sehr verdrießlich.
»Du verläßt dich darauf, daß ich dir nicht auf gewöhnlichem Weg
kündigen und dich auf die Straße setzen werde. Und das werde ich auch
nicht, aber ich werde dich ins Altersasyl einkaufen oder dir eine Rente
aussetzen, aber in meinem Haus wirst du unter diesen Umständen nicht
mehr sehr lange sein. -- Ich habe dir mitgeteilt, daß Frau Professor
Klinger die Pflege bei Linde übernehmen wird. Finde dich damit ab, wie
du willst. -- Du hast nicht den besten Geist, Brigitt. Ich fand dich
früher gottesfürchtiger. Sieh zu, daß du mit dir selber wieder ins
reine kommst.«
Mit diesen Worten war sie entlassen, und sie wußte von jedem genau, was
es zu bedeuten hatte. Die letzten spielten auf die hinausgeschobene
Beichte an, die sie Gott nach der schweren Krankheit und der endlichen
Genesung schuldig war, und die andern stellten sie vor die Wahl,
entweder das Haus zu räumen, den Dechanten einem gleichgültigen neuen
Dienstmädchen und Linde der Feindin auszuliefern, oder zu gehorchen, um
wenigstens bei den Vorgängen zu sein, wachen und beten und vielleicht
in irgendeinem Moment als Retterin oder Rächerin einspringen zu
können. Was sie wagen durfte, um beim geistlichen Herrn ihre Rechte
durchzusetzen, das hatte sie heute gewagt und mehr als das. Er forderte
von ihr Verzicht auf alle Hoffart, und sie verzichtete erschüttert um
Lindes willen. Im Lauf der Nacht faßte sie den schweren Entschluß, den
Krieg gegen die Feindin aufzustecken, alles zu tun, was sie ihr hieß,
zu lassen, was sie ihr verbot, und vorläufig in diesem Haus keine
andere Rolle mehr zu spielen als eine stumm gehorchende, auch wenn sie
mit offenen Augen sah, wohin der Kurs steuerte. Besondere Freudigkeit
konnte sie dabei nicht versprechen, und für den Mund, der ihr fortan
verboten war, wollte sie die Ohren desto mehr brauchen, unvergessen die
Zunge -- nicht zum Lästern, sondern zum Schmecken! -- und die Nase zum
Riechen, denn an ihrem Verdacht, so kindisch er in der Tat war, hielt
sie fest.
So zeitigte denn diese Unterredung das wunderbare Ergebnis, daß
beinahe eine ganze Woche lang nichts über Brigitt zu klagen war. Sie
tat ihre Pflicht, schwieg, gehorchte, gab zu, ließ sich gefallen, war
korrekt wie ein Reserveoffizier und zurückhaltend wie ein Hauslehrer,
und nur mit der Abtretung der Krankenpflege harzte es noch etwas;
aber die Klingse war damit nicht barsch, und wenn sie ihr wieder
eine Verrichtung aus der Hand nahm, so geschah es leichthin und ohne
grundsätzliche Verdrießlichkeiten. Bald war sie in aller Stille und
Noblesse beinahe ganz aus dem Krankenzimmer gedrängt. Auf die stumm
drohende Gebärde ihres Zurückweichens und den tief knurrenden Unterton
in ihrem: »Jawohl, gnädige Frau!« achtete diese nicht weiter; wenn
nur das Tier gehorchte und sie mit ihrem Herrentum durchdrang. Sie
genoß ihren Sieg, ohne ihn zu mißbrauchen; doch war sie streng darauf
bedacht, ihn nach allen Seiten unmißverständlich auszubauen und keine
Gelegenheit übrigzulassen, bei welcher Brigitt nicht gedemütigt und mit
großer Selbstverständlichkeit als Dienstmagd behandelt war.
Nach einer solchen Woche voll büßender Selbstüberwindung war dann
Brigitt am kommenden Sonntag in der richtigen Verfassung, um die
schuldige Beichte abzulegen. Sie nahte sich in demütiger und
sorgenvoller Stimmung dem Beichtstuhl, aber nicht dem des Dechanten,
sondern dem seines ersten Gehilfen, der auf der andern Seite der Kirche
stand. Dort legte sie eine große und schwere Last ab, ein gewichtiges
Bündel von Eitelkeit, Hoffart, Haß, Gewalttat, bösen Gedanken und
widerspenstigem Wesen gegen ihren Herrn, blieb nichts schuldig, verbarg
keine Regung, die ihr bewußt war, verschwieg auch nicht ihre Gründe,
warum sie das alles anstatt ihrem Dienstherrn, der doch der nächste
dazu war, dem Hilfsgeistlichen bekannte: aber von Linde war kein
Hauch dabei, und der junge Priester konnte ihr Bekenntnis drehen und
wenden, wie er wollte, so fiel davon nicht der leiseste Schatten auf
die rechtmäßigen Bewohner des Pfarrhauses. Das Verlangen der büßenden
Botmäßigkeit und Demut, das der Geistliche darauf an sie stellte, war
schon zum voraus erfüllt, und schließlich nahm sie ihre Absolution mit
innerlich schweigendem Dank ohne Hosianna entgegen, denn vorläufig war
ihr Gram noch nicht kleiner als ihre Schuld, und nachdem sie diese
Last los war, fand sie, daß das Gewicht ihrer mütterlichen Sorge um
Linde und der andern um den Dechanten wenig an Druck verloren habe.
Sie kommunizierte unter sehr ernsten Gedanken, und dann ging sie doch
etwas getröstet nach Hause, weil sie wieder an der Hand Gottes war.
Mit solcher Bedeutung angetan und mit dieser heiligen und gerechten
Macht im Einverständnis sah sie auch dem nächsten Zeitlauf gefestigter
entgegen, und konnte sie eher hoffen, aus der harten Demütigung ihre
menschliche und katholische Würde zu retten.
Der Dechant genoß nun von Brigitts Unterordnung doch nicht die
Genugtuung, die er sich davon versprochen hatte. Es blieb ihm natürlich
nicht verborgen, daß sie zu seinem Untergebenen beichten ging, und das
gab ihm schließlich mehr zu schaffen als alle andern Verdrießlichkeiten
zusammengenommen; das war kein neues Ärgernis, sondern ein stiller,
demütiger Bruch mit seiner Vergangenheit, die auch die ihre war. Sie
hatte alle Hauptstationen seines Priesterlebens getreulich mit ihm
durchgemacht, von der ersten kleinen Hinterwaldpfarre an bis ins
Dechanat, immer ihm blind ergeben, auf seinen Ruhm und seinen Vorteil
bedacht, in seiner Zufriedenheit und seiner Anerkennung ihren höchsten
Lohn erblickend -- um sich nun in seiner schwersten Zeit von ihm zu
scheiden und ihm ihre geistliche Kundschaft zu entziehen samt ihrem
Vertrauen und ihrem Glauben an seine priesterliche Person. So war
ihm zumut, als ob ihm seine besten Jahre und seine Jugend den Rücken
gewandt hätten, und da ihm seine Mutter diese Magd aus ihrem Besitz
ausdrücklich abgetreten hatte, so schien auch sie fragend und zur
Anklage bereit auf ihn herzublicken. Zu diesem innern Unbehagen kam
noch ein äußeres. Es erbitterte ihn noch einmal ganz besonders auf die
alte Person, weil er sich sagte, daß man draußen über ihre Abwendung
von ihm reden und Schlüsse ziehen und daß das ganze vermaledeite
Geschwätz nun frisch aufleben würde. Da sie aber ihren neuen Wandel mit
großem Ernst betrieb, so fehlte es ihm an Anlässen, seine Gereiztheit
gegen sie zum Ausdruck zu bringen.
Andrerseits war sie nicht zwanzig Jahre lang seine Magd und Verehrerin
gewesen, um am Ende nichts von ihm zu verstehen. Sie sah mit mehr
als nur zwei Augen, wie er entartete und verwilderte und auf großen
Strecken die Ähnlichkeit mit sich selber verlor. Es fehlte ihm
nachgerade überall am richtigen innern Halt und an der Festigkeit des
reinen Gewissens. Seine Seele war voll von fressenden Zweifeln. Es
gab Zeiten, in denen er sich uralt und erzverloren vorkam; dann hielt
er zerrissene und leidende Predigten, über die sich mancher wunderte,
und die die Gemeinde in Unruhe erhielten, solange er sprach und noch
darüber hinaus. Man fand ihn bitter, scharf und schwer verständlich. Im
Beichtstuhl war er von dumpfer Gleichgültigkeit oder von ergreifender
Eindringlichkeit; manche verließ ihn weinend, und an solchen Tagen
machte er auch den Männern zu schaffen.
Als aber die Klingse sich anschickte, mit einem Buch in der Hand sich
für längere Zeiten im Zimmer der Kranken einzurichten, stand diese ganz
unerwartet auf und setzte ihren früheren Lebenslauf wieder fort.