Neuntes Kapitel

Heinz wird ganz unbegreiflich. Die Herzenskälte richtet neues Unheil

an, und Bob findet einen tragischen Untergang

Eigentlich hätte die Klingse schon vor vierzehn Tagen ihre Koffer

packen und mit dem letzten Brief des Soldaten in der Tasche heimfahren

können, um von dort aus das Verhältnis in einer angenehmeren

Umgebung weiterzupflegen. Aber erstens spannte sie der innere

Prozeß des Dechanten, den sie den Ehrgeiz hatte, aus einem »nicht

ungefährlichen katholischen Geistlichen« zu einem weltlichen Gelehrten

zu »rationalisieren«. Dann war auch ihre Villa eigentlich noch nicht

fertig. Aber vor allen Dingen: sie schwebte noch in Ungewißheit über

Lindes Verhalten auf jenen Brief des Soldaten. Nicht darauf gefaßt,

daß das Mädchen so kühn und schnell das Richtige getan haben werde,

fing sie nach acht Tagen bittrer Genugtuung wieder zu gären an. Als

sie ihre Einsamkeit nicht länger ertrug, denn auch die Bewachung einer

Feindin wird schließlich zum Bedürfnis, focht sie mit dem bekannten

Erfolg die Magd in ihren Pflegevorrechten an. Wie aber Linde durch

ihre Wiederherstellung ihre Einrichtungen über den Haufen warf, mit

sichtbarer Kraft weiterlebte und bei allem eine Entschiedenheit

und Elastizität an sich bemerken ließ, die man vorher lange an ihr

vermißt hatte, so diagnostizierte der Kreisphysikus nachträglich eine

Influenza, aber die Klingse diagnostizierte eine befreiende Handlung

oder eine, die Linde dafür ansah, und erwartete mit Spannung und von

vornherein mit Mißtrauen den Bericht des Soldaten darüber. Spannung

und Mißtrauen schienen ihr gegenüber einer Gegnerin, die ständig

auf unkontrollierbare Weise neue Kräfte zog und Größe gewann, wohl

angebracht, doch inzwischen erlebte sie wirklich üble Zeiten, weil der

Bericht länger ausblieb, als sie gern ertrug.

Die ersten vierzehn Tage faßte sie sich leidlich, weil die Post von der

westlichen Front in der letzten Zeit überhaupt unregelmäßig kam. Die

dritte Woche verbrachte sie in widerstrebender und äußerst aufreibender

Stimmung, zwischen Furcht und Selbstgefühl peinlich eingespannt, mit

innerlich gehetzten Tagen und auch äußerlich ruhelosen Nächten, in

denen sie kaum das Bett aufsuchte. Brigitt mußte ihr am Abend den

Ofen frisch einheizen, was gewöhnlich bis gegen zwei Uhr vorhielt.

Solange saß sie brütend und mit unbekannten Faktoren rechnend in ihrem

Lehnstuhl, nervös und schreckhaft und manchmal mit einem Modebuch,

um sich an seiner oberflächlichen und billigen Sensation etwas

abzulenken. Aber von ihrem tiefsten und tragischsten Leiden lenkte

sie sich niemals und durch kein Mittel ab; ihre kalte und hochmütige

Einsamkeit begleitete sie in jedes Verhältnis und ließ sie aus jedem

kalt und einsam herausfallen. Sie saß wirklich, wie sie dem Dechanten

erzählt hatte, über Kellern voller Leichen, aber nicht solchen, die

sie mit Wissen und Willen dazu gemacht hätte, dazu fehlte es ihr

vor allem an Natur, sondern sie hatte das peinliche Geschick, daß

in ihren gespenstischen Händen jedes Leben bald erkältet den Geist

aufgab. Dann barg sie das Tote in den besagten Kellern, aber wiederum

nicht aus mütterlich untröstlicher Trauer, sondern aus literarischem

Interesse, um das »furchtbare Bewußtsein« zu haben, nach dem sie

dann ihre gesellschaftliche Haltung einrichtete. Inzwischen litt sie

nichtsdestoweniger an ihrer lemurischen Unfruchtbarkeit und sehnte sich

nach Wärme und Jugend, wie sich nur ein Gespenst sehnen kann.

Linde in ihrem Teil war ihrem fernen Freund in zunehmendem Maß dankbar,

daß er ihre Bitte erfüllte und sie nicht durch Erklärungen beunruhigte,

die bloß neue Unklarheiten bringen konnten, oder sie mit Abrechnungen

peinigte, die auf moralische Pfennigspaltereien hinauslaufen mußten.

Irgendwo in ihrer Seelentiefe schwebte ja ein armes Fünkchen von

Hoffnung auf und ab und bat, er möchte dennoch schreiben, um ihr

rettungslos mitzuteilen, daß sie von ihm mit ihrem Trennungsvorschlag

das Unmögliche verlange, das er durchaus nicht zu leisten gesonnen sei,

sondern was er wirklich leisten könne, sei höchstens das Gegenteil,

wenn es nicht eben in seinem Herzen längst geleistet wäre. Immer

wieder in ihren Träumen sah sie ihn auf seinen hoch aufgelaufenen

Reichtum zurückgreifen, um sie zu bitten: »Laß mich nicht damit einsam

verderben!« In dieser Weise schwebte sie auf sehr hohen und dünnen

Sommerfäden der Hoffnung schon etwas erdenfern und doch zugleich

mit der kühnen Seele äußerst erdennah über ihr wartendes Land,

lebte von Vorstellungen und ein bißchen Essen, und niemand wußte,

woher sie nach einer Krankheit, ohne den bekannten unternehmenden

Rekonvaleszentenhunger zu entwickeln, die Kräfte nahm, über die man sie

freimütig verfügen sah.

Sie besuchte wieder wie ehedem alte Weiblein und kranke Kinder, focht

mit jenen geistlich und tröstete diese irdisch, und Bob machte das

meiste ernsthaft mit. Was früher etwa von Altklugheit an ihr gewesen

war, das schien nun ganz in Erfahrung und warmherzige Seelenklugheit

aufgelöst. Einige besonders heilige Weiblein fanden sie freilich

weltlich angehaucht und brummelten künftig unzufrieden hinter ihr

herum, jedoch alle andern Freunde fielen ihr noch herzlicher bei, und

zu den alten gewann sie neue. Auch Bob gewann einige neue Gönner,

verständigte sich aber jedesmal durch einen Blick mit Linde, daß er

nichts Besonderes davon halte. Linde schenkte viel und bekam geschenkt.

Manchmal war es beinahe ein Verhältnis wie zwischen einem zur Abfahrt

gerüsteten Auswanderer und seinen Verwandten und lieben Freunden,

und später fanden sich auch Leute, die diese Stimmung aussprachen,

wenn von Lindes letzten Zeiten die Rede war. Sogar an Bob war eine

besondere zärtliche Erregtheit, so daß er ihr nicht von den Fersen

wich und ihretwegen mit Hunden Händel anfing, mit denen er bisher ganz

gut gestanden hatte. Dies war übrigens auch die einzige Zeit, in der

die Tante sich ihr gegenüber ohne wirksame Macht befand. Es fehlte ihr

durchaus nicht am Willen, aber einmal schien Linde geradezu entrückt,

und dann wußte sie nicht, auf was für einer Grundlage sie fußte,

solange Heinz nicht schrieb oder seine Briefe ausblieben.

Als dann aber gänzlich unerwartet von Heinz ein Brief an Linde eintraf

und nur an Linde, erregte das Ereignis gleichermaßen bei beiden Frauen

Bestürzung, und erbleichten beide vor Schreck, während sie, jede an

ihrem Ort, Brigitt durchs Haus schreien hörten: »Lindchen, ein Brief

vom Herrn Heinz!« Linde nahm ihn mit leise zitternder Hand entgegen und

beinahe geistesabwesend, so daß ihr der alte Mensch mitleidig übers

Haar strich. »Ach Gottchen! Ach Gottchen! Nun, siehst du wohl! Da ist

er ja wieder! Was hab' ich immer gesagt?« Mit einer Freudenträne im

linken und einer Kummerträne im rechten Auge hob sie sich wieder davon,

denn die letzten Ereignisse hatte sie doch, was den Herrn Heinz anging,

zur Skeptikerin gemacht. Indessen ließ sie beide hängen und paßte nur

auf, welche zuerst herunterfiel; die linke sollte Glück bringen. Aber

obwohl sie sogar ein bißchen mit Zwinkern nachhalf, fiel die rechte.

Da brummte sie erbost: »Aberglauben und Zauberwesen! Wer sich damit

einlassen wollte!« Gleich darauf zerbrach sie einen Topf, und nun hatte

sie auch ein ~gutes~ Zeichen, und zwar ein altangesehenes.

Indessen las die Linde ihren Unglücksbrief. Er war kurz und drangvoll.

»Liebes Mädchen, was soll ich sagen! Du willst, daß ich Dich nicht

mit einer Antwort quäle, aber hast Du auch an mich gedacht? Ich bin

Offizier. Auch ein Mann läuft nicht aus der Schule. Verlange nicht

von mir, daß ich jetzt mehr aus mir herauspresse. Um mich kracht und

donnert es. Eben muß ich das Blatt abschütteln, weil Erde von einer

Granatfontäne draufgefallen ist. So sieht es hier aus. Hab' Geduld mit

mir; woher sollen wir Augenmaß nehmen? Hoffentlich hat die Morderei

bald ein Ende. Herzlich Heinz.«

Die Antwort war also so schlimm ausgefallen, als Linde irgend fürchten

konnte; selbst ewiges Schweigen wäre besser gewesen. Außerdem, daß

sein Ton verletzend klang, bemerkte sie mit leise erregendem Schmerz

das Fehlen des zueignenden Fürworts am Schluß vor seinem Namen, und da

es für die Liebe keinen Zufall gibt, so durfte sie nichts anders, als

einen trauervollen Schluß daraus ziehen. Sie tat es in sehr anständiger

Haltung. An ihrem Glauben änderte sie nichts. Ihren Liebeswillen

hielt sie aufrecht. Den Brief des Freundes ließ sie unbeantwortet.

Aus Morgen und Abend begann jedoch eine neue Leidenszeit für sie auch

körperlich. Das Fieber fand sich wieder ein, wie es schien geradezu

zur Befriedigung des Kreisphysikus, welcher erklärte, daß es sich um

einen Influenzarückfall handle, der ihm wie gerufen komme; das kleine

wichtige Fräulein müsse ja in dieser Zeit ganz voll Bakterien aus

Armeleuts- und Krankenstuben hängen, und es sei ein Wunder, daß sie

überhaupt nicht viel öfter krank werde. »Zu früh aufgestanden, mein

Kindchen. Da haben wir's wieder! Quarantäne! Vor vier Wochen lass' ich

dich nicht wieder 'raus.«

Die Klingse hatte abermals ihre besondern Gedanken über den Fall. Wenn

sie erwog, daß Linde gestern einen Brief von Heinz bekommen hatte,

der diesen Erfolg bewirkte, so fühlte sie etwas unter ihren Füßen wie

Festigung des Bodens. Weiter brachte sie ihr Literatursinn auf die

Vermutung, daß Heinz bei seinem weichen Gemüt natürlicherweise mit den

Dingen nicht so überlegen fertig zu werden verstehe wie ein älterer

und härterer Mensch, und daß es an ihr liege, ihre Zurückhaltung nun

aufzugeben und ihm weiterzuhelfen, nachdem er offenkundig den großen

Schritt ihr entgegen getan hatte. Sie hielt ihn noch für zu wund

und zu erregt, um nun auch gleich die Folgerungen ihr gegenüber zu

ziehen, und vielleicht war er auch zu geschmackvoll. In allen diesen

vorausgesetzten Regungen sah sie achtenswerte »ideale Momente«;

mindestens wollte sie sie jetzt achten, weil sie ihr den Weg zu ihm,

den sie schon verschüttet gesehen hatte, wieder frei machten und es

ihr ermöglichten, aus ihrer nachgerade unerträglichen Vereinsamung

herauszutreten. So setzte sie sich denn noch am ersten Tag von Lindes

Neuerkrankung hin und schrieb an Heinz, ohne länger seinen berichtenden

Brief zu erwarten.

»Mein lieber Freund! Es drängt mich, Dir mit einem Wort zu schreiben,

daß ich manches sehe und vieles empfinde; das übrige vermag ich zu

konstruieren. Ich verstehe das, was Dir schwer ist, wenn dergleichen

mir auch längst nicht mehr schwer scheint. Mein Freund, wir tun gut

daran, die Dinge vom Standpunkt des Mondes aus zu betrachten; ich für

mein Teil bin bereits auf dem Sirius angekommen. Wie klein ist diese

Welt, und wie bedeutungslos ist das, was man so gemeinhin Schicksal

nennt! Du kannst mir glauben, daß sich noch jeder und jede getröstet

hat, und der Prozeß geht immer viel schneller, als wir denken.

Tragödien ereignen sich nur auf dem Theater, und der Realismus hat

auch mit den Theatertragödien schon aufgeräumt. Am schwersten hat es

immer der, den das Beharrungsvermögen der Menschen zwingt zu handeln.

Mein lieber Junge, was sich in der Welt so ›gut‹ nennt, und wen man

›schuldig‹ spricht, darüber reden wir einmal mündlich. Hoffentlich nun

bald! Mir ist beinahe religiös zumut. Wir werden unser Leben künftig

nicht mehr durch Gefühle aufhalten, sondern wie es uns ziemt, gut

englisch auf +business+ einstellen. Die Karriere, mein Freund, die

Befriedigung des Ehrgeizes, das sind die wahren Genugtuungen. Die Wege

dazu sind mir bekannt; ich werde dich führen. Das Geheimnis besteht

in der Verachtung der Menschen, während man den Anschein erweckt, sie

zu schätzen. Wohl Dir, daß es Dir so früh kund wird. Nun sorge Dich

um nichts und genieße Deine Jugend. Lebe Dich frei und versäume keine

Gelegenheit. Das ist die ganze Weisheit des Glückes. Ich bin wie immer

herzlich Deine Malva.«

Nach weitern zehn Tagen Wartens traf endlich seine Antwort ein.

»Liebe Malva! Ich danke Dir für Deinen Brief und die guten Ratschläge.

Ich werde sehen, was sich davon in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Bei

uns hier draußen hat eben manches ein anderes Gesicht, und wenn man

so einen Monat wie den andern im Dreck herumbuddelt, so ist es nicht

leicht, den Standpunkt des Mondes einzunehmen oder gar die Welt vom

Sirius aus zu betrachten. Jeder Tag bringt seine Granaten; das ist

~unsre~ Weisheit, und eine andere brauchen wir vorläufig nicht.

Gestern hatte ich wieder einmal den Rachen voll Erde. Ums Haar hätte

ich mich daran verschluckt. Ich war so verdast von dem Schlag, daß

ich nicht einmal darauf verfiel, mir mit dem Finger Luft zu schaffen.

Ein Musketier erwies mir noch schnell den Dienst, ehe ich erstickte;

ich hatte keine Zeit, mir seine Kralle näher anzusehen. So geht es

aber, wenn man den Mund zu weit aufreißt. Daran zu denken, daß ihr

euch in der Heimat in der Zeit um uns balgt, das gibt manchmal ein

putziges Gefühl. Versteh mich nicht falsch, aber unser höchster Wunsch

ist jetzt, daß das alles zuerst einmal vorbei wäre; dann wollen wir

weitersehen, soviel von uns übrigbleiben. Wenn ich aber die Menschen

verachtete, so wollte ich's ihnen auch zeigen; darin stimme ich mit

Dir nicht überein. Nun, was wissen wir noch voneinander! Habt ihr

Überblick, so kann's uns nur lieb sein; wir haben längst keinen mehr.

Du hast recht, man müßte wieder einmal miteinander reden. Also hoffen

wir. Eben kommt mein Bursche und meldet, daß sie unsern Unterstand

eingeschossen haben. Zum Glück war niemand drin. Ich muß sehen gehen.

Herzliche Grüße. Heinz.«

Dieser Brief war nun dazu angetan, auch der Klingse Fieber zu

verursachen, und die Stelle: »-- daß ihr euch in der Zeit um uns balgt

--« verletzte und verdroß sie unsäglich. Aber kühl erwägend sagte sich

ihr Verstand, daß, wenn Linde Ursache für einen neuen Fieberanfall

gefunden habe, für sie vernünftigerweise keine bestehen könne. Was sie

erlitt, das erschien ihr, überlegen betrachtet, ein ungezogener Vorstoß

von übler Laune und Nervosität gegen eine eingebildete Bedrängung, die

Schlechtberatenheit eines jungen Menschen, der sein augenblickliches

kriegerisches Übergewicht gegen seine moralische Hilflosigkeit geltend

zu machen suchte, »irrationell«, wie er von seinen Lehrern kam, und

sachlich noch gar nicht eingeschult. Da sie ihn aber auf ihre Art

wirklich liebte, so sah sie's ihm nach in der Erwartung, noch Zeit

genug zu seiner Erziehung zu bekommen, wenigstens bildete sie sich

ein, die Frau dazu zu sein, während niemand weniger für eine solche

Aufgabe geeignet war als sie mit ihrem gespenstischen Fatalismus, ihrer

Verständnislosigkeit für Leidenschaftsausbrüche und ihrem Mangel an

Würde und Wehrhaftigkeit gegenüber wirklichen Ungezogenheiten. Und

während sie sich nach den Mitteln und Wegen umzusehen begann, wie seine

Karriere in der Welt vorzubereiten und im größeren Stil durchzuführen

sei, schrieb sie bereits die ersten Briefe, die nötig waren, um nach

jenen Richtungen die wünschenswerten Beziehungen bereitzustellen.

In dieser Zeit wurde sie für Bob die Beziehung zum Untergang, und

zwar hatte das erbarmungslose Ereignis folgenden Verlauf. Bob kam,

seitdem seine Freundin wieder zu Bett lag und die Klingse von neuem

die Vermittlung zwischen dem Hauswesen und der Geschäftswelt führte,

selten mehr zum Ausgang; wenn er Anregung haben und in der Stadt

auf dem laufenden bleiben wollte, so mußte er sich schon an die

unbeliebte Person halten. Nun hatte die Klingse wenig Lust, sich mit

dem lebhaften und sehr unternehmenden Tier zu befassen, aber da der

Dechant wünschte, daß Bob seine tägliche Bewegung bekomme, so nahm sie

ihn mit. Trotz seiner gelegentlichen Wildheit war er hochsinnig und

zartfühlend, und wo er ein wenig Interesse für seine Art und seine

Bedürfnisse bemerkte, da zeigte er sehr genauen Appell. Eine Rauferei

zum Beispiel zu verhüten, war nicht immer möglich, aber wenn man rasch

weiterging und ihn abrief, so schloß er ganz richtig, daß man sich mit

dem gegebenen Beweis seines Eifers begnüge, und kam nach, ohne auf

der Austragung des Falles zu bestehen, obwohl es sonst nicht seine

Art war, einen Streit halbgenäht hängen zu lassen; daß er vorzeitig

davon abließ, tat er wirklich nur seinem Herrn oder seiner Herrin zu

Gefallen. Mit kleineren Hunden, als er war, ließ er sich nicht ein;

seine Feinde begannen erst in den Reihen der größeren Terrier, und

dort machte er noch zur Bedingung, daß er oder sein Begleiter zuerst

in unflätiger Weise beschrien werden mußte. Bei Wölfen, Dobermännern,

Neufundländern und Bernhardinern dagegen ging er selbständig an und

desto sicherer, je größer die Feinde waren. Darum war es nötig, daß man

etwas die Augen für ihn brauchte, um ihn beizeiten ablenken zu können,

denn schließlich war er nicht mehr jung, und durch den Verlust des

einen Auges entstand ihm mancher Nachteil, zumal in letzter Zeit auch

das andere angegriffen schien. Er suchte immer auffälliger dämmerige

Plätze zum Liegen, und manchmal bemerkte man, daß er an Gegenstände

anstieß, die eigentlich mit normalem Gesicht nicht wohl zu übersehen

waren. Nun schien ihn auch der Schmerz in dem verletzten Auge und das

scharfe Tageslicht zuzeiten zu reizen und ihn etwas rauher und weniger

ritterlich zu machen, als er sonst war. Alles in allem verlangte er

also ungefähr die Aufmerksamkeit und Vorsorge, die man einem lebhaften

und phantasiereichen Knaben auf der Straße zuwendet, und bei seinem

bedeutenden Reichtum an sonstigen wertvollen Eigenschaften, Treue,

Wachsamkeit, Selbstgefühl, Unbestechlichkeit, Dankbarkeit, und der

ganzen Entschiedenheit seines Wesens war es keine Frage, ob er jene

verdiente oder nicht.

»Nun, so komm also!« sagte die Tante kaltsinnig und etwas verdrießlich

zu ihm, der schon nach ihr sehend vor der Tür wartete und hoffend den

kurzen Schwanz bewegte. »Ich bitte mir eine anständige Aufführung aus.

Nicht aus dem Haus schießen!«

Aber er schoß bereits, und für den fremden Hund, der jetzt gerade

nicht dastand, war es ein wahres Glück, denn Bob fühlte sich diesen

Morgen besonders begierig und gereizt, weil ihn Brigitt nach dem Willen

der Klingse neuerlich wiederholt im Futter zurückgesetzt hatte. Er

suchte noch schnell die bekannteren Plätze ab, dann setzte er sich

gesammelter und leise gespannt auf die vorkommenden Abenteuer am Dom

vorbei nach der Sattlergasse zu in Bewegung. Zuerst begegnete ihm ein

kleiner Wachtelhund, der ihm respektvoll aus dem Weg ging. Nachher kam

ein großes, graues Windspiel des Weges, das zur Präsidentin des Roten

Kreuzes, dem Fräulein von Epstein, gehörte. Aber Windspiele hielt er

nicht für Hunde; er hatte schon von Kind auf eine Verachtung für sie

gehabt. Auf den Anruf des Fräuleins von Epstein kam er zwar her und

ließ sich gnädig den Kopf streicheln, doch an ihrem Gespräch mit der

unbeliebten Person nahm er keinen Anteil, und sobald es der Anstand

erlaubte, machte er sich davon.

In der Hauptstraße begegnete er dem braunen Jagdhund des Kaufmanns

Felge, der dessen Boten auf einem Gang begleiten durfte. Mit diesem

setzte es eine kurze grundsätzliche Anremplung um der Ordnung willen;

im übrigen waren sie alte Bekannte, die an diesem Platz schon viel

Wechsel gesehen hatten. Der Jagdhund war als Eingeborener freilich

schon dagewesen, als man Bob mit der Eisenbahn brachte, wenn auch erst

die zehn Wochen, die er alles in allem damals zählte, aber da gehörte

Bob bereits unter die Erwachsenen, und diesen Vorsprung an Geltung

hatte der Jagdhund nie ganz einholen können, zumal Bob überhaupt als

Ausnahme betrachtet wurde und darum allen Respekt und alles Übelwollen

genoß, das die Mittelmäßigkeit für solche Erscheinungen immer bereit

hat. Zu Ehren des Jagdhundes muß gesagt werden, daß er von Übelwollen

nur so lange besessen war, als er sich mit Bob zu raufen hatte; sonst

war er ein Ehrenmann, der fremde Verdienste zu schätzen wußte.

Nach dem braunen Jagdhund des Herrn Felge kamen die beiden weißen

Pudel der Frau Oberförster, einer anspruchsvollen, reichen Frau, in

Begleitung des Dienstmädchens. Das Mädchen bemerkte den Boxer schon von

weitem und nahm die Pudel vorsichtig an die Leine, da sie zu seinen

besten Feinden zählten; er konnte die zierigen, eingebildeten und

hochtrabenden Tiere, die immer farbige Bänder am Halsband und Decken

mit Monogrammen und weißen Taschentüchern trugen, in den Tod nicht

ausstehen, und wo er eines von ihnen erreichbar fand, ging er es sicher

nicht vorbei. Nachher hatte er das Maul voll weißer Pudelwolle und

etwa einen neuen Biß am Kopf oder an der Brust, denn die Pudel waren

trotz ihrer Zierigkeit nicht von schlechter Rasse und schlugen wütend

zu. Wenn sie aber an der Leine gingen, fing er nichts mit ihnen an.

Zur Durchführung dieses großmütigen Grundsatzes war es dann freilich

nötig, daß er weder von den Pudeln beschrien -- Knurren vertrug er

in solchen Fällen auch nicht -- noch von seiner Begleiterin verwarnt

wurde, sonst vergaß er auch die Leine und fuhr unhaltbar drein.

Nun beging die Klingse, die sich noch nie die Mühe genommen hatte,

ein Tier zu verstehen, die große Torheit, beim Nahen der Pudel

Bob ausdrücklich und von vornherein über den möglichen Ungehorsam

indigniert zu vermahnen. Bob dachte also, daß sie von den Pudeln eine

Gefahr besorge; er leckte sich die Zähne, und seine Miene nahm bereits

einen drohenden Ausdruck an. Die Pudel ihrerseits fühlten sich von

der scharfen und nervösen Stimme der Klingse erregt und glaubten, daß

dort ein Angriff befohlen werde. Bob ging den Pudeln mit langsamen,

steifen Schritten und gespanntem Rücken entgegen. Die Pudel schlugen

Lärm und rissen unruhig an der Leine. Die Klingse verwarnte und rief

aufgebracht Bob beim Namen. Das Dienstmädchen begann zu schreien und

suchte, mit den Pudeln wegzukommen. Aber schon fuhr der sehnige,

dunkle Körper des Boxers in die weiße Pudelherrlichkeit hinein und

diese flockig und leidenschaftlich über ihn her. Was dann geschah, war

nicht mehr im einzelnen zu erkennen. Einmal schien sich Bob in einem

Pudelohr festgebissen zu haben. Einmal hing ein Pudel an Bobs rechtem

Vorderlauf, dicht unterhalb der Brust. Das Dienstmädchen schlug mit der

Peitsche dazwischen und konnte nichts Dümmeres tun, denn jede Partei

setzte die empfangenen Hiebe der andern aufs Konto und steigerte ihre

Angriffswut. Die Klingse versuchte sich mit ein paar Fußtritten, ließ

dann aber, jetzt mit Grund indigniert, jede weitere Bemühung, um nach

Männern auszusehen, die helfen konnten.

Die erschienen in Gestalt von zwei Arbeitern, die Eisenstangen und

Werkzeuge trugen. Sie ließen sich lachend bereit finden, den Krieg

auseinander zu bringen. Zuerst probierten auch sie es mit Fußtritten,

und da das Dienstmädchen wie auch die Klingse einstimmig angaben, daß

Bob den Streit angefangen habe und er außerdem als Raufer bekannt war,

machten sie es sich zum besondern Vergnügen, einmal dem Hund eines

katholischen Pfarrers zu zeigen, was rechte genagelte Arbeiterschuhe

sind. Er bekam also alle Fußtritte allein. Als die Schuhspitzen

nicht auszureichen schienen, versuchten sie sich mit den Absätzen.

Schließlich war es natürlich, daß Bob, den die Fußtritte und die

allgemeine Parteinahme gegen ihn verwirrten, blindhin nach den Feinden

biß; dabei erhaschte er einen der Männer flüchtig am Schuh. Der Zahn

hatte, wie sich nachher zeigte, nicht einmal das Leder durchschlagen,

aber nach der Art aller rohen und stupiden Menschen, die auf eine

Niedertracht eine Abfertigung erhalten, schlug seine vergnügte Stimmung

schnell in Wut um. Er ergriff eine der Eisenstangen, die er bei sich

trug, und begann damit auf Bob loszuschlagen. Der erste Hieb traf ihn

auf die Schulter, so daß er erschreckt herumfuhr und sich bei seiner

Führerin in Sicherheit zu bringen suchte. Die Absicht war auch ganz

deutlich, aber der Arbeiter schrie: »Was, du elendes Vieh, du willst

noch mehr beißen? Da hast du fürs Beißen!« und führte einen zweiten

Schlag, der ihn auf den Kopf traf; das Blut floß sofort nach. Und weil

er doch einmal am Schlagen war, versetzte er dem hilflos taumelnden

Tier, das vor Blut nichts mehr zu sehen vermochte und vom Schlag halb

betäubt war, einen dritten Hieb ins Kreuz, unter dem es leise stöhnend

zusammensank.

Das Mädchen hatte unterdessen längst seine weißen Pudel aus dem Streit

zurückgezogen, etwas gezaust und schmutzig, aber übrigens heil, und

sich mit ihnen davongemacht; man konnte es eben noch die Nebengasse

hinauflaufen sehen, in der Herr Felge wohnte, und die Pudel sprangen

munter mit. Auch die Klingse, als sie sah, daß der Krieg beendigt

war und Bob »seinen Denkzettel erhalten« hatte, wandte der Szene den

Rücken. »Das hat dir schon lange gefehlt«, bemerkte sie noch belehrend

zu ihm, der sie mit blutüberströmten Augen blind suchte. »Das nächste

Mal wirst du besser gehorchen.« Mit dieser angenehmen Aussicht wandte

sie sich wieder auf ihren Weg, im ganzen befriedigt, nur daß ihre

schwachen Nerven noch etwas von der gehabten Aufregung zitterten. Den

Hund hatte sie so wenig aufmerksam angesehen, daß sie nicht einmal

bemerkte, wie er die Hinterbeine kraftlos am Boden schleppte. »Der hat

genug!« lachte der zweite Arbeiter, der nicht geschlagen hatte, halb

verlegen. »Komm.« Auch darauf achtete sie nicht. Sie ging die Stadt

hinunter, die Arbeiter machten sich nach der andern Richtung davon, und

nur einige Kinder standen halb neugierig, halb erbarmungsvoll um das

verlassene Tier.

Als Bob erkannte, daß man ihn allein gelassen hatte, war er zuerst

bestrebt, seinen Blick wieder zu befreien. Er fuhr sich einige Male

hastig und ungeduldig, weil er nicht mehr Herr aller Glieder war, mit

einer Vorderpfote über das heile Auge. Endlich gelang es ihm, es klar

zu bekommen, so daß er wenigstens die Richtung erkennen konnte, die er

heimwärts nehmen mußte. Mühselig mit seinem schleppenden Hinterkörper

setzte er sich die Stadt hinauf in Bewegung. Da das Blut weiterfloß,

wurde er bald wieder blind, aber nun halfen ihm die Kinder; sie

riefen: »Komm, Bob!« und wiesen ihm so die Richtung weiter. Aus der

barmherzigen Erfindung wurde dann ein Sport, und dermaßen kam das

stumme, traurige Tier mit großem Geleite und einigem Hallo langsam

durch die Stadt vorwärts; aber die ganze Reise dauerte eine halbe

Stunde und mehr, während sie sonst in fünf Minuten leicht zurückzulegen

war. Auf dem ganzen Weg fand Bob keinen Freund, der sich über ihn

erbarmt, und auch kein menschliches Herz, das sich aus Naturfrömmigkeit

seiner angenommen hätte. Die Erwachsenen, die ihn blutend seines Weges

kriechen sahen, eskortiert von der Kinderrotte, hatten für ihn wenig

andere Regung als die einer befriedigten Neuigkeitssucht, und das Wort

des Arbeiters: »Der hat genug!« wurde noch einigemal hinter ihm laut,

begleitet von keineswegs immer freundlichen Kennzeichnungen seines

Wesens und Treibens. Die etwas gespannte oder aber gleichgültige

Stimmung der Leute für seinen Herrn schlug sich auch auf ihn nieder,

und wenn er einmal für ein paar Minuten erschöpft liegenblieb, war

er inmitten aller Leute, die er wie in seiner Todesstunde kommen und

gehen hörte, in einer für ihn mehr ehrenden als nützlichen Weise

einsam. Es fand sich nicht einmal jemand, der ihm einen Schluck Wasser

gebracht hätte, obwohl er an mancher Haustür vorbeikam, durch die er

dem Dechanten oder Linde auf einem Hilfsgang gefolgt war, und nicht

nur einmal. Man hatte ihn stets mit ausgesprochenen Freundschafts- und

sogar Achtungsbeweisen empfangen, aber nie dazu gebracht, einen Bissen

Brot oder einen Knochen von jemand anzunehmen, und es war bei solchen

Ehrungen immer eine gewisse Verlegenheit an dem feinnervigen Tier zu

bemerken gewesen, die es durch angelegte Ohren, leises Knurren und

durch mitteilende Blicke auf seinen Herrn oder die Herrin äußerte. Bob

war auch immer sehr erleichtert, wenn es wieder hinausging, so gern

er stets mit hereinkam, denn die Aufsuchung von fremden Verhältnissen

schätzte er über alles, dagegen weniger deren Insassen; dafür hatte er

von jeher den richtigen Instinkt besessen.

Die Tante war inzwischen zur Post gegangen und dann zu Herrn Felge,

ohne den Hund besonders zu vermissen; sie sah, daß er nicht bei ihr

war, und sonst dachte sie sich nichts. Nach vollbrachter Verrichtung

kehrte sie auf einem andern Weg nach Hause zurück und war noch

vor Bob da. Sie fragte nicht nach ihm, sondern gab Brigitt eine

Küchenanweisung und stieg dann zu Linde hinauf, um mit dem Hinweis auf

das schöne Wetter -- es war gar nicht übermäßig schön -- ihr Fenster

zu öffnen, das sie von unten geschlossen gesehen hatte. Auch sie zog

bloß Schlüsse von sich auf andere Leute, um ihnen damit unbequem zu

werden, denn während sie in gesundem Zustand sehr auf Wärme hielt --

sie war fortdauernd blutarm --, konnte man ihr, wenn sie unpäßlich

war und zu Bett liegen mußte, nicht bald genug frische Luft machen,

weil sie es dann bei ihrem leicht hysterischen Zustand immer etwas mit

Hitzen zu tun bekam. Unterdessen hatte Brigitt dem Hund seine Schüssel

zurechtgemacht und ging, ihn rufend, durch die Zimmer, darauf vors

Haus, und dort sah sie den betrüblichen Zug herankommen, voraus das

Tier, das mit den letzten Kräften seinen gelähmten Leib nach Hause

schleppte, und dann die Kinderrotte, die sich jetzt mehr im Hintergrund

verhielt und nur noch sehen wollte, wie Bob empfangen wurde.

Als Brigitt nach dem ersten Schreck erkannte, worum es sich handelte,

lief sie eilig herzu, das Tier, viel tiefer erschreckt, als sie selber

wußte, beim Namen rufend. Bob hob aufhorchend den blinden Kopf. Über

seinen zerstörten Körper lief ein Zittern, und vor Erregung und

Schwäche brach er wieder zusammen. Die Magd ließ sich erschüttert bei

ihm nieder, um ihm vor allem mit der Schürze das schon eingedickte

Blut vom Auge zu wischen. Er blickte sie, als er wieder sehen konnte,

hilfesuchend und mit einem so kummervollen Ernst an, daß ihr das Weinen

in die Kehle drang. Es war nun durchaus nichts Hündisches mehr an ihm,

sondern nur noch die schweigende Bereitschaft der Kreatur, die den Tod

wittert. Sie streichelte ihm ergriffen und unfähig, zu sprechen, den

schönen, ausdrucksvollen Kopf, und er lag leise klagend, doch nicht

winselnd, auf dem Pflaster, ab und zu um Luft kämpfend und keinen Blick

von ihrem Gesicht wendend.

Inzwischen besann sich Brigitt, daß etwas mit dem Tier geschehen müsse;

da sie sich aber nicht getraute, es anzufassen, schickte sie ein Kind

nach dem Dechanten. Das traf ihn bereits auf der Treppe; er hatte den

Aufzug ebenfalls bemerkt und sich eilig auf den Weg begeben. Als Bob

ihn kommen sah, machte er eine Anstrengung, ihm entgegenzukriechen,

blieb aber halb aus Schwäche und halb unter Brigitts mitleidsvollem

Widerstand liegen; nur das Spiel seiner Ohren und die Spannung seiner

Miene verriet die Bewegung, in die ihn das Wiedersehen mit seinem

Herrn versetzte. »Um Gottes willen, was ist hier geschehen?« rief

dieser bestürzt, bei der Gruppe ankommend. »Brigitt, so rede doch!«

Diese hatte unterdessen von den Kindern so viel erfahren, um über

die Hauptsachen Bescheid zu wissen. Sie kämpfte um Worte. Sie wisse

es nicht, würgte sie endlich hervor, ohne ihn anzusehen. Die Frau

Professor sei mit ihm ausgewesen. Da sie seinen Blick vermied, so sah

sie auch nicht den Schatten, der bei ihren Worten über sein Gesicht

ging, und wenn sie ihn bemerkt hätte, so hätte sie den schlechten

Eindruck in ihrer neuen Demut sich zugeschrieben, nicht der Feindin. Er

bezog sich aber auf die Verwandte.

Da man das Tier nicht auf dem offenen Platz liegenlassen konnte, trug

es der Dechant mit Brigitt in ihrer Schürze ins Haus. Bob knurrte

zuerst, ließ sich dann aber von seinem Herrn zureden. Sie brachten

ihn in die Küche; Brigitt holte sein Lederkissen herunter, und darauf

betteten sie ihn. Nachher lief sie zum Tierarzt; der Dechant blieb

solange beim Hund. Der Arzt war über Land gefahren und nicht vor

Mittag zurückzuerwarten. So war vorläufig nichts weiter zu tun, und

der Dechant suchte seine Schwägerin auf, um von ihr Näheres über die

Vorgänge zu hören.

Es war ihr neu, daß das Tier erst jetzt nach Hause gefunden habe; von

seinem Zustand wußte sie überhaupt nichts, und was sie sonst erzählte,

verwischte keineswegs die peinliche Empfindung, die dem Dechanten

Brigitts Worte bereits gemacht hatten, im Gegenteil, es verstärkte

sie noch wesentlich. »Du hättest dich besser um das arme Tier kümmern

sollen, anstatt es von fremden Leuten zuschanden schlagen zu lassen«,

sagte er, unfähig, seine Erregung ganz zu verbergen.

»Was willst du?« wunderte sie sich. »Du wirst doch nicht von mir

verlangen, daß ich mich in die Raufereien deines Hundes mische!«

»Du hast recht; irgendwo hat jedes menschliche Verhältnis seine

Grenzen«, bestätigte er erkältet und verließ sie, um auf sein Zimmer zu

gehen.

Bob lag in der Küche auf seinem Kissen, den Kopf zwischen den

Vorderpfoten und mit unruhig belebten Sinnen allen Vorgängen um ihn

aufmerksam folgend, während sein Hinterkörper ohne Bewegung und leblos

an ihm hing, auch schon ganz gefühllos, denn seine Exkremente gingen

ohne sein Bewußtsein von ihm, bei einem so peinlich hausreinen Tier

ein bekümmernder Anblick. Brigitt hatte ihm seine Wunden ausgewaschen

und ihn vom Straßenschmutz gereinigt. Ab und zu stieß er einen tiefen

Seufzer aus; sonst lag er still und auf irgend etwas wartend da.

Nahrung nahm er nicht mehr zu sich; Wasser trank er immer wieder mit

Begier. Brigitt kochte weinend das Mittagessen. Linde wagte niemand

etwas zu sagen, weder der Dechant noch Brigitt, und die Tante hielt den

Vorfall für keine mitteilungswürdige Tatsache, zumal sie der Dechant

über deren wahre Tragweite im ungewissen gelassen hatte. Schließlich

merkte Linde an gewissen Anzeichen, für die der Kranke eine feine

Empfindung hat, daß im Haus etwas nicht in Ordnung sei, und auf ihre

Frage bekam sie von der Tante die trockene Nachricht, daß der Hund

wieder eine Rauferei gehabt und dabei wohl eine etwas derbe Lektion

erhalten habe.

»Wieso?« fragte Linde aufhorchend. »Weißt du das denn nicht sicher? Wer

war denn aus mit ihm?«

»Ich war aus mit ihm, meine Liebe«, erklärte sie sehr kühl und

kampfbereit. »Was willst du damit sagen?«

»Daß er dann mit dir wenig Glück gehabt hat«, versetzte Linde erregt.

»Was ist mit dem Tier?«

»Ich bewunderte immer eure Auffassung, daß sich die ganze Stadt nach

eurem Köter richten solle«, sagte sie mißmutig. »Aus diesem Kult

wünsche ich herauszubleiben. Ich werde dir die Magd herschicken, damit

du die Dinge in der gewünschten Aufmachung erfährst.«

Brigitt kam ungern und wollte dann nicht mit der Sprache heraus, so

daß endlich Linde in Ungeduld und wahrer Angst aus dem Bett sprang,

ohne auf etwas weiteres zu hören einige Kleider anzog und in aller

Leibesschwäche sich an den Wänden und dem Treppengeländer hintastend

nach der Küche hinunterstieg, gefolgt von der händeringenden und still

vor sich hinweinenden Magd. Als Bob seine liebste Freundin bemerkte,

raffte er sich eilig auf und kroch, bevor ihn jemand halten konnte,

seinen Hinterleib nach sich schleppend, auf sie zu, und als sie mit

den zitternd hervorgebrachten Worten: »Mein armes Tier, was haben sie

mit dir gemacht?« bei ihm niedersank, stieß er einen so klagenden

und zugleich von ihrer Nähe erschütterten Laut aus, daß Brigitt

haltlos aufschluchzend sich gegen die Wand warf und Linde sich bis

ins Mark erbleichen fühlte. »Willst du dich -- nicht wieder auf dein

Bett legen?« bat sie ihn mit wankender Stimme, umsonst bestrebt, ihr

Entsetzen über seinen Zustand zu verbergen, und mit ihrer blassen,

kranken Hand leise seine Wunden abtastend. Er kroch noch näher zu ihr

hin, um seinen Kopf eng an ihren Fuß zu schmiegen, und sie hatte nicht

die Kraft, gegen diese Gebärde der Liebe noch etwas zu unternehmen.

Dieser Augenblick war es aber, auf den er die ganze Zeit gewartet hatte.

Schließlich besaß aber Linde nicht mehr so viel Kräfte, um einen

derartigen Ansturm von Empfindungen und dazu noch den Anblick und

die Nähe der dem Tod verfallenen Kreatur lange zu ertragen. Als sie

den Zustand seines vorigen Platzes bemerkte und sah, daß der Weg von

dort bis hierher über den Zementboden mit den Spuren seiner Schwäche

gekennzeichnet war, überfiel sie ein furchtbares Mitleid, dem sie

mit einem hilfesuchenden Blick nach Brigitt stumm erlag. Sie sank

ohnmächtig neben dem Tier nieder, und Brigitt konnte mit knapper Not

verhindern, daß sie den Kopf auf dem harten Boden aufschlug. Dann rief

sie laut durchs Haus nach dem Dechanten, der neu erschreckt herbeikam,

sich, wie vorhin Linde über den Hund, jetzt über ihre Anwesenheit

in der Küche entsetzte und dann das bewußtlose Mädchen beinahe ganz

allein, Brigitt hielt sich mehr daran, als daß sie heben half, über die

Treppe hinauf in sein Bett zurückbrachte.

Bob blieb solange allein in der Küche. Das Wegsinken der Freundin

neben ihm und dann die folgenden Vorgänge, die mit der Entfernung

aller Personen endeten, hatte er mit ernster und trauriger Miene

beobachtet und auch noch aufmerksam die folgenden Geräusche im Haus

droben verfolgt, darunter unsäglich erregt die haltlos und beinahe wild

aufweinende Stimme des wieder erwachten Mädchens. Als es dann endlich

still wurde und Brigitt allein und seufzend zu ihm zurückkehrte, ließ

er sich in sein Schicksal ergeben wieder auf sein Kissen betten, und

die nächste Stunde lag er regungslos wie vorher, den Kopf beobachtend

und ständig Schlüsse ziehend zwischen den Vorderpfoten, auf seinem

Lager, nun auf nichts wartend als auf seinen Tod.

Den brachte ihm endlich, noch bevor das Mittagessen ganz fertig war,

der Tierarzt. Er hatte sich gleich mit allen Instrumenten versehen und

für den äußersten Fall auch mit Blausäure. Nun, diesen äußersten Fall

fand er gegeben, und er betrieb die Zurüstungen still und schonend. Er

konnte weder dem Tier noch den Hausgenossen die Pein ersparen, jenem

die Kiefer mit einer handfesten Schnur zuzubinden, und da er wußte, mit

was für einem Hund er's zu tun hatte, betrieb er diese Vorbereitung

sogar besonders umsichtig und gewissenhaft. Bob hatte sich von selber

auf die Vorderbeine aufgerichtet. Er schnaufte etwas erregt und sah

fragend nach seinem Herrn, ob das in der Ordnung sei. Der Dechant

redete ihm wieder zu und strich ihm beruhigend mit der Hand über die

phantasievolle, hochgewölbte Stirn. Der Tierarzt, ein schmächtiger,

blasser Jude mit blondem Schnurrbart und dünnem Haar, suchte dem

Dechanten und der Magd die Furcht vor dem Kommenden zu nehmen. Sie

sollten ganz ruhig sein; er werde jetzt nur die Spritze rasch ins Herz

einführen; mit dem nächsten Pulsschlag trete die Blausäure ins Gehirn

und werde sofort Bewußtlosigkeit bewirken. Was dann noch folge, das

vollziehe sich nur mechanisch und ohne daß das Tier etwas davon wisse.

Bob wurde schonend gelegt und dann auf den Rücken gedreht. Der Arzt

füllte die Spritze mit Blausäure, suchte die Stelle zwischen den Rippen

und stieß dann schnell zu. Das Tier ließ einen mehr verwunderten als

schmerzhaften kurzen Laut vernehmen, während der Arzt die Spritze

in seinen Körper entleerte. Darauf warteten alle, auch das Tier. Es

verging eine halbe Minute, eine Minute, und dann noch eine zweite und

dritte, ohne daß die angesagte Bewußtlosigkeit eintrat. Bob blickte aus

seinem gesunden Auge unruhig und seinem Schicksal, aber durchaus nicht

dem Gift erlegen um sich. Ab und zu machte er eine nervöse Bewegung, um

sich den Händen zu entwinden, die ihn niederhielten; nach der dritten

Minute wurden diese Anstrengungen heftig und nachhaltig, so daß der

Arzt nicht länger mit seinem Erstaunen zurückhielt. Ein derartiger

Fall sei ihm im ganzen Verlauf seiner Praxis noch nicht vorgekommen,

erklärte er befremdet. Er habe bisher noch nie etwas anderes erlebt,

als daß ein Hund nach der ersten Injektion bewußtlos hinzucke und nach

einer halben Minute spätestens tot sei. Um den Prozeß zu beschleunigen,

gab er eine zweite Spritze. Bob hielt wieder betroffen inne, wartete

ein Weilchen und erneuerte seine Anstrengungen, sich zu befreien. Der

Verlauf fuhr nun dem Arzt schon sichtbar in die Nerven. Der Dechant

litt schweigend mit dem Tier, und Brigitt biß sich wild auf die Lippen,

um ihre Fassung zu behalten.

Schließlich gab Bob ermüdet und schwerer schnaufend nach, aber

er schien noch bei Bewußtsein. Kopfschüttelnd und verständnislos

wiederholte der Arzt zum fünften- oder sechstenmal: »Eine fabelhafte

Vitalität! Eine ganz unheimliche Natur!« ohne daß er wagte, den Blick

von dem Hund auf die Anwesenden zu richten.

Darüber waren nun bereits zehn Minuten vergangen, und von jeder neuen

hofften die Anwesenden, daß es die letzte sei. Aber es wurde noch eine

dritte, besonders große Dosis Blausäure nötig, bevor die vorausgesagten

Wirkungen nacheinander endlich eintraten, die Bewußtlosigkeit rasch,

das ringende Atem der Lungen langsam, um dann einen desto zäheren und

heftigeren Verlauf zu nehmen. Dieser hoffnungslose und hastige Kampf um

Luft war vielleicht von allen Erscheinungen die, die seinen Freunden

am bittersten zu Herzen ging, zumal er dabei noch einmal den ganzen

rassigen Bau seines Körpers zur Anschauung brachte. Darauf stieß er

schnell hintereinander zwei, drei Schreie aus, begann zu zittern und

zu zucken, und endlich fühlten der Dechant und Brigitt mit wahrem Dank

gegen Gott seinen Widerstand unter ihren Händen nachlassen, und zwar

ganz plötzlich. »Geben Sie ihn jetzt nur frei«, sagte der Arzt leise.

»Es ist vorüber.« Er sah noch eine Weile zu, wie das geheimnisvolle

letzte Beben durch seine bereits erschlaffenden Glieder ging. Dann

löste er ihm die Verschnürung von den Kiefern. Sein Kopf sank schlaff

über die erbarmungsvoll stützende Hand Brigitts zu Boden nieder,

und die Zunge hing ihm aus dem Maul. In diesem Moment hatten alle

einen kalten und scheuen Begriff vom Wesen des Todes, und eine Weile

betrachteten sie den schönen leblosen Körper, ohne doch verstehen zu

können, was im Grunde damit vorgegangen war.

Durch die Stille drang von droben schneidend der neu aufweinende Ton

von Lindes Stimme. Sie hatte läuten gehört und aus allen Geräuschen

im Haus drunten den richtigen Schluß gezogen. Bis zu Bobs letzten

Schreien hatte sie sich noch gefaßt, weil sich die Tante wieder bei

ihr im Zimmer aufhielt. Jetzt brauste der Jammer um das liebenswürdige

und edle Tier widerstandslos in ihr auf, aber nicht nur der Jammer,

sondern auch das Grauen vor der Person, die ihn mit ihrer Gefühlskälte

verschuldet hatte, und die leidenschaftliche Abneigung gegen sie. Als

sie ihr mit überlegenen Belehrungen den wilden und schädlichen Ausbruch

verweisen wollte, schrie sie gepeinigt und außer sich: »Laß mich

allein! Geh! Ich will nichts hören! O Gott! Mußte denn das sein?« Da

erhob sich die Tante, den bittern Ernst mit Verdrießlichkeit erkennend,

und verließ das Zimmer. Nachher kam Brigitt, um durch die letzten

Mitteilungen Linde wenigstens wieder in den Kreis der Geschehnisse

zu ziehen und ihr die Ruhe zu bringen, die stets aus vollendeten

Tatsachen, besonders solchen, fließt. Diese Ruhe verbreitete sich in

ihr mit jener geheimnisvollen, schauernden Bewegung des Nebels im

Herbst nach einer vollbrachten Jahreszeit; sie war bang und ahnungsvoll

und, wie die Folge zeigte, von recht bedenklichen Einwirkungen auf

ihren Zustand begleitet.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 20 / 33 题