Noch am selben Abend schrieb die Tante an Heinz einen Brief, der
ihn vor eine vorläufige Entscheidung stellte, nur der Form nach
unvermittelt, denn der Sache nach hatte er ihr ja schon längst
vorgebaut.
»Mein lieber Junge«, so lautete dies Schreiben, »es scheint mir nun
Zeit, daß wir uns endlich über gewisse Dinge klarwerden. Du schriebst
einmal, Du seist ein deutscher Offizier, und mir gabst du das Epitheton
einer großen Frau. +Well.+ Aber diese Charaktere haben ihre
Tragweite. Ich werde als große Frau kaum weibchenhaft Bewegungen
inszenieren, die einmal der Mann auslösen muß. Du als Mann, der zu
leben weiß, wirst anderseits nicht schriftliche und prinzipielle
Erklärungen loslassen wollen, denen keine Wirklichkeit auf dem Fuß
folgen kann. Das sehe ich ein. Warten wir also ab, bis Du wieder
Urlaub bekommst. Inzwischen würde ich Dich freilich gern in einiger
männlichen Freiheit sehen, unbehängt mit heimatlichen Sentimentalitäten
und verblichenen Kinderspielen, die Dich als deutschen Offizier nicht
absolut gut kleiden. Ich denke, daß Du mich verstehst, da Du weder
dumm noch in hypertrophem Maß idealistisch veranlagt bist. Wir sind
Realisten des Lebens, mein Freund. Hast Du ein Interesse daran, mir in
der Gestalt und dem moralischen Milieu zu erscheinen, worin ich Dich zu
sehen wünsche, so ziehe die Konsequenzen daraus. Und bedenke das eine:
Poesie ist immer für money zu haben. Da ich nicht liebe, Geschäftliches
und Gefühlvolles zu vermengen, so halte ich mit andern Elogen zurück,
die mir immer naheliegen, wenn ich an Dich denke. Mit den herzlichsten
Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen Malva.«
Drei Tage nach Weihnachten traf schon die Antwort des Soldaten ein. Sie
hatte folgenden Wortlaut:
»Liebe Malva, ich weiß Deine Trennung von Geschäftlichem und
Gefühlvollem zu schätzen und folge Dir auf diesem Weg, zumal uns hier
draußen überhaupt nicht mehr besonders gefühlvoll zumut ist, jedenfalls
nicht mir. Um die andern kümmere ich mich eigentlich zuwenig, um genau
für ihre Stimmung einstehen zu können. Es ist auch ganz meine Meinung,
daß wir uns nicht mit theoretischen Erklärungen unterhalten; wir sind
Menschen der harten Wirklichkeit. Was die anhängenden heimatlichen
Sentimentalitäten angeht, so trifft auf sie der Ausdruck verblichen
wohl richtig zu. Indessen solltest Du mir's nicht übel anschreiben,
daß mich etwas wie Achtung vor Deinem ganzen Geschlecht hindert,
wenigstens sehr bald mit rauher Hand durchzugreifen. Etwas anderes
ist es aber nicht als Achtung vor Deinem Geschlecht. Wenn Du Mittel
und Wege finden kannst, so prüfe mich darauf. Ich stelle Dir alles
frei. Hier draußen fehlt uns auch die schonende Form für dergleichen
Notwendigkeiten. Die Faust ist kriegsgewohnt, und in der ewigen
Schießerei geht einem schließlich die geistige Beweglichkeit verloren.
Ich bitte Dich nur, was Du tust, so tue es schonend, was ich aber bei
Deinem vornehmen Sinn, den Du überall bekundest, gar nicht besonders zu
bemerken brauchte. Das ist's ja eben, was mich so mit Dir verbindet,
nicht nur Deine äußere Eleganz, sondern auch Deine innere, Deine
absolute seelische Sauberkeit und der große Zug Deines Wesens bei aller
weiblichen Feingliedrigkeit. Nun bin ich doch in Elogen verfallen.
Hier geht's wie immer, nämlich dreckig, aber ich bin noch gesund, und
die feindliche Erde sah bis jetzt kein Blut von mir. Leb wohl, Du hohe
Frau, ich muß noch sehr wachsen, um an Dich heranzureichen. Herzlich
Dein Heinz.«
Als die Klingse diesen Brief gelesen hatte -- es war beim
Nachmittagstee --, war sie nicht lange im Zweifel darüber, was nun zu
geschehen habe. Wie sie ihn von den Augen sinken ließ, noch in den
letzten Erwägungen darüber, reichte sie ihn Linde über den runden Tisch.
»Der Brief geht diesmal dich mit an«, sagte sie kühl und ein bißchen
singend. »Es ist besser, du liest ihn selber, als daß ich dir ein
Exzerpt daraus gebe.« Darauf wandte sie sich leicht angeregt an den
Dechanten. »Ich finde, daß Heinz so außerordentlich viel reifer
geworden ist, seitdem er hier war, sozusagen moderner. Es ist ein
männlicher, berechnender Zug in seinem Wesen erschienen, während er
früher etwas knabenhaft für sein Alter in den Tag hineinlebte. Ich
liebe es nicht, wenn ein Mann seine Fähigkeiten herumliegen läßt und
metaphysischen Vorstellungen nachhängt, anstatt seine Erfolge zu
betreiben.«
»Nun, ich kann nicht eben sagen, daß ich an Heinz viel Metaphysik
bemerkt hätte«, erwiderte er etwas trocken. »Er scheint mir
im Gegenteil ein junger Mann, der sich mit auffallend wenig
Übersinnlichkeit herumzuschlagen hat, und der ausgezeichnet in euren
modernen Tag paßt oder in das, was ihr so nennt. Mir ist immer noch
nicht ganz klar, daß die rechte Modernität vornehmlich im Seelenschwund
zu bestehen habe.«
Sie zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich dachte doch, wir beide seien
über diese Frage im Prinzip einig«, sagte sie lächelnd und bedeutsam.
»Sie ist ja auch aus der Geschichte leicht zu beantworten. Als die
Deutschen metaphysisch und romantisch lebten, waren sie arme Teufel
und wurden unterdrückt. Als sie mit der Metaphysik und der Romantik
aufräumten und reale Erfolge anzustreben begannen, kamen sie zu Ruhm
und Reichtum. Ohne die französische Aufklärung und die geschäftliche
Lebensauffassung der Engländer gäbe es aber keine Industrie und keine
wirtschaftliche Expansion. Was Wunder, daß die jungen Leute von den
irrationalen Kräften nichts wissen wollen und den persönlichen Erfolgen
nachgehen. Sagt, was ihr wollt, das Geld herrscht heute beinahe
unbeschränkt und wird morgen absolut herrschen. Was ist das für ein
Unsinn, daß ihr gegen England Krieg führt; England ist unbesieglich
und könnte euch zu noch ganz anderen Erfolgen helfen. Was könnte
Rußland werden, wenn es den westeuropäischen Händlerlehren Eingang
verschaffte und sie zur Herrschaft brächte. Aber gerade dort gehört der
Mystizismus zum guten Ton. Es ist daher begreiflich, daß unsere Jugend
ihre Vorbilder nicht dort sucht, sondern allen asiatischen angeblich
gesteigerten Vorstellungen den Rücken wendet. Das kann ich jedem Mann
raten, der etwas aus sich machen will.«
»Ja, das rate ich auch jedem«, sagte der Dechant kurz und unangenehm
berührt. Und etwas sarkastisch setzte er noch hinzu: »Mit den Asiaten
war ja auch noch nie viel los.«
Sie blickte ungewiß auf, um zu sehen, wie er das meinte, aber
inzwischen hatte Linde den Brief gelesen, widerstrebend und ohne
eigenen Willen und von vornherein auf nichts Kleineres gefaßt als
auf das, was er enthielt, zu edel, um mit falscher Großartigkeit
eine Demütigung abzuweisen, und zu kühn, um sich vor dem Schmerz
zu hüten, der auf sie wartete. Nun gab sie das beschriebene Blatt
zurück, langsam, doch innerlich mit derselben Schnelligkeit denkend
und Entschlüsse fassend wie die Feindin. »Ich danke dir«, sagte sie,
mehr von Vorstellungen erfüllt als erschüttert. »Du hattest recht,
keinen Auszug zu geben. Dergleichen muß im großen genommen werden.«
Im Grund hatte sie ja auch nichts so auffällig Neues gelesen. Die
Tante hob den Blick vom Dechanten weg und richtete ihn mit demselben
mißtrauischen Ausdruck auf das Mädchen; sie brauchte ihn nur noch
ein bißchen höher zu spannen, sonst paßte er beim einen Ekkart wie
beim andern; beide waren sie in dieser Zeit lakonisch und erschienen
ihr gewissermaßen orakelhaft. Auch der Dechant sah einen Augenblick
fragend her, weil Lindes Ton ihm auffiel; aber daran gewöhnt, nun
ohne sie zu leben, wandte er sich in Gedanken wieder seinen eigenen
Angelegenheiten zu. Der Tante blieb sodann nichts übrig, als vorerst
die beiden Abfertigungen einzustecken und sich darüber zu ärgern, über
die kleinere wenig und über die größere mehr, und das alles, obwohl
sie sich vorgenommen hatte, Linde in des Dechanten Gegenwart keine
Gelegenheit zu Ausfällen mehr zu geben.
Im Laufe desselben Vormittags traf Linde auf den gelesenen Brief ihre
Gegenmaßregeln, indem sie ihrerseits einen an Heinz schrieb. Er war
kurz und bestand aus folgenden Sätzen.
»Liebster Heinz! Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist,
wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe. Nicht weil ich mir davon eine
Verbesserung für mich verspräche, obwohl ich Anlaß haben könnte,
mir eine zu wünschen, aber ich kann nicht sehen, woher sie bei der
Unfreiheit kommen soll, die uns alle befallen hat. Verzeih, daß ich
Dich zunächst ein wenig beunruhigen muß, aber ich habe lange genug über
Dich nachgedacht, um zu wissen, was auch Du nötig hast, nämlich eben
Freiheit. Schreibe mir bitte nicht mehr, es würde mir schmerzlich sein.
Wir werden einander nicht vergessen, aber wir werden uns auch nicht
auf falsche Wege drängen durch eine falsche Treue, die bloß Eitelkeit
und Ehrsucht wäre. Liebster Mann, ich werde für Dich beten. Leb wohl.
Bitte, gehorche mir, und verursache uns nicht unnötige Schmerzen.
Herzlich Marie Linde.«
Sie besorgte mit Bob ihre Einkäufe, warf den Brief im Vorbeigehen bei
der Hauptpost ein und kam von diesem Gang fiebernd nach Hause. Den
Tag über wehrte sie sich noch; gegen Abend jedoch wurde ihr Zustand
stärker als sie, und sie mußte sich vorzeitig zu Bett legen. Im Verlauf
der weiteren Entwicklung fehlte es dann Brigitt nicht an Gelegenheit,
empfangene Pflege und Wohltat zu erwidern.
Für die erste Nacht zwar wollte Linde keine annehmen und blieb mit
großem Ernst dabei. Aber am andern Morgen, als das Thermometer
achtunddreißig Grad zeigte, bekam Brigitt Oberwasser und wurde der
Arzt gerufen. Die Magd glaubte ihrerseits an eine geheime Vergiftung
durch die Tante, und man hätte ihr leichter ein Bein ausgedreht als
diesen Aberglauben verredet. Da sie ihn aber zu niemand äußerte, so
konnte ihn ihr auch niemand verreden, und sie blieb seine ungestörte
Besitzerin, leider nicht auch die der Patientin, denn es stellte sich
sofort heraus, daß die Tante ganz selbstverständlich im Verkehr mit
dem Arzt die Rolle der Hausfrau übernahm, und für die Magd fielen nur
die Neuigkeiten ab, die sie nebenher erhorchte, oder die sie dem Arzt
selber abfragte.
Der Arzt war ein semmelblonder, großer, wohlgenährter Mann mit etwas
eingedrückter Nase und wasserblauen Augen, mehr geschäftseifrig als
medizinisch hochbegabt, obwohl er mit dem Titel eines Kreisphysikus
herumging, aber jemand mußte ihn doch tragen. Dieser vielgegrüßte Mann
also nahm die zuständige Untersuchung vor und hielt dann der Tante
einen Vortrag über den Befund, da sie ihm besonders imponierte. Im
ganzen großen wollte er nicht viel Neues entdeckt haben, und das konnte
man ihm aufs Wort glauben, denn er sah danach aus. Nach seiner Meinung
handelte es sich um die alte gastrische Schwäche, durch zuviel Arbeit
und die Kriegsernährung etwas gesteigert, wie ihm denn die Patientin
einen heruntergewirtschafteten, vernachlässigten Eindruck machte.
Alles in allem: Ruhe, Diät, Wärme, etwas Medizin und Nährpräparate.
»Aber das Fieber?« zweifelte die Klingse besserwissend. »Fieber sei
doch immer ein schlechtes Zeichen.« -- »Ja, das Fieber«, spottete er.
»Schön, die Patientin habe eben Fieber, und er und die Frau Professor
hätten kein Fieber. Eines Tages könne es umgekehrt sein, und es gehe
auch noch nicht gleich zum Tod.« Die Klingse, die an seinem Umgangston
wenig Geschmack fand, ließ mit gerunzelter Stirn etwas von Tuberkulose
hören, aber er lachte sie aus. Von einer örtlichen Ursache sei gar
keine Rede; das sei ein so elastisches und seidenweiches Mägelchen
bei aller geheimen Festigkeit, daß ihm die gnädige Frau schon glauben
müsse, wenn er ihr und sich nie einen schlechteren +estomac+ zu
haben wünsche. Mit diesem Scherz machte er ihr eine Verbeugung und hob
sich davon. Er trug einen schönen warmen Pelzmantel. Vor dem Haus stand
sein Wägelchen und wartete auf ihn. Es ging ihm nichts ab, und er hatte
immer recht, ob die Patienten starben oder leben blieben.
Er behielt auch in Lindes Fall recht, obwohl er bei weitem nicht
ahnte, daß man es hier mit einer viel mehr geistigen als körperlichen
Erscheinung zu tun hatte. Der Mensch, wie er geboren wird, antwortet
auf feindselige Anfechtung mit Trauer, wird er kräftig, mit
Gegenfeindschaft, wird er stark, mit Verachtung oder mit Taten, ist er
zart, mit Kummer, und dann gibt es noch Menschen, deren Leibliches so
vergeistigt ist, daß ihre Trauer und ihr Kummer wie ihr Schreck und
ihre Gegenfeindschaft kränkend auf den ganzen durchseelten Organismus
wirken, der sich dann genau wie gegen eine stoffliche Infektion
ritterlich mit Fieber zur Wehr setzt. Bei ihr war nun noch außerdem
das große Geheimnis, daß sie sich mit diesem Fieber nicht nur für sich
wehrte, sondern auch für den an der gleichen Krankheit miterkrankten
Geliebten, um mit beiden zu einer neuen Gesundheit durchzubrechen. Der
Kreisphysikus hätte wirklich das sein müssen, was ihn das Volk nannte:
ein Kreispfiffikus, wenn er von dergleichen vornehmen Krankheiten einen
Begriff hätte haben sollen.