Der Beichtgang. Ein alter Prozeß wird wieder betrachtet. Der
Gerichtstag
Als Linde am Sonntagmorgen zur Beichte ging, stand Bob umsonst
erwartend und mit kurzen, anfragenden Bewegungen seines Schwanzes
da, ob er mit dürfe. »Aber mein armes Kind, du bist doch ein
Heidenseelchen«, sagte sie und streichelte ihm den dunklen,
ausdrucksvollen Kopf. »Wie willst du denn mit Frauchen beten gehen?
-- Das Auge ist heute wieder schlimm; wir müssen's nachher ein wenig
waschen. -- Und dann riecht sein Fell wieder nach Mäusen, und das ist
immer das schönste an ihm!« schloß sie plötzlich leidenschaftlich,
drückte ihn rasch an sich und ging aus dem Vorgarten, während er
ihr mit seinem gesunden Auge ernst und denkend nachblickte. Darauf
führte er, irgendwie heimlich von ihr erregt, plötzlich die vordere
Streckung aus, nachher die hintere, um noch eine ganze Weile unmutig
herumzustreichen.
Linde war die Nacht wieder spät zu Bett gekommen. Über dem Schreiben an
Heinz und dem Denken an ihn war ihr die Zeit nicht eben glücklich aber
schnell vergangen, und schließlich hatte sie ihr doch etwas wie eine
Befriedigung zurückgelassen, denn es war ihr gelungen, ihm in freien
und lebendigen Worten zu sagen, warum sie dableiben müsse, wo sie war,
aber das Beste von allem hatte sie unter die Zeilen versteckt wie die
Mutter die Ostereier unter die Buchsbaumhecken im Garten; dort konnte
er suchen, wenn seine Sehnsucht am grünen ordentlichen Buchs noch nicht
satt wurde. Indessen hatte er der Klingse erst neulich angedeutet,
welche Art es mit seiner Unersättlichkeit auf sich habe, und zwischen
den Zeilen las er jetzt mehr bei ihr als bei seiner wahren Geliebten.
Daß er dabei immer tiefer ins Hungern geriet, bemerkte er halb und
halb, und er gab ganz dem Mädchen die Schuld daran, weil es ihn am
richtigen Zugreifen hindert.
Nachdem Linde den Brief in den Kasten geworfen hatte, trat sie in den
Dom. Der Beichtstuhl des Dechanten stand vorn im Schiff, linker Hand
vom Hochaltar. Sie kniete lange auf der andern Seite vor dem einzigen
Nebenaltar, den seine Altertumswut der Gemeinde gelassen hatte. Sie
betete nicht und dachte auch nicht an weltliche Angelegenheiten,
nicht einmal mehr an ihren Geliebten; sie war nur allein mit ihrer
unbeschrienen Stunde, ihrem Gefühl von sich und mit der Heiligkeit des
Ortes. Über diesem Ausruhen in Gott und im Anschauen der warmen, fromm
belebten Kerzenflammen, der Blumen und der heiligen Figuren auf dem
Altarbild versäumte sie beinahe die Zeit.
Der Dechant erwartete sie mit ebensoviel Ungeduld als Furcht, seitdem
er sie hatte durch die Kirche gehen sehen. Es würde ihn schwer
betroffen haben, wenn sie nicht gekommen wäre. Nun sie gesammelt
geradeaus zu ihm kam, wünschte er beinahe, sie wäre weggeblieben, und
nur die Hoffnung, daß sie wirklich zum Beichten bereit sei, verhinderte
ihn daran, ihr zu sagen, daß sie in Gottes heiligem Namen wieder gehen
solle, ehe sie diesen gelästert habe. Die formalen Eingangsfragen
stellte er mit Mühe und die nach ihrer Mitwisserschaft an fremden
Vergehungen beklommen und ohne Hoffnung; sie beantwortete sie ruhig und
still vertieft mit bescheidener Stimme und mit hingegebener Gebärde,
die ihn doch wieder etwas an sie glauben machen wollte. Als er aber
zur Hauptsache kam und sie ernst, doch nicht unväterlich auf eine
eigene Verfehlung zum erstenmal geradeheraus ansprach, zögerte sie
wieder einen Moment, während ihm das große Herz vor Angst klopfte;
dann erklärte sie fest, wenn auch mit derselben milden Stimme und der
gleichen ehrfürchtigen Haltung, daß sie sich keiner Verfehlung bewußt
sei. Sie war einmal unweigerlich entschlossen, das Geschick ihres
Liebsten, das sie in bekannter großherziger Weise auf sich genommen
hatte, als eine nicht durch menschliche Gespräche zu verwirrende
Angelegenheit zwischen ihm, ihr und Gott zu betrachten und zu erhalten.
An diesem Priester hinderte sie, daß er zugleich ein Mensch war;
sie hätte einen Erzengel gebraucht, und es war noch sehr die Frage,
ob sie diesem gebeichtet hätte. Darum lehnte sie auch des Dechanten
dringende Aufforderung, ihr Geheimnis der unpersönlichen Kirche Gottes
zur Beurteilung und Absolution zu übergeben, still und streng ab, denn
die Kirche, was sie davon begriff, stand auf persönlichen Menschen.
Sie kniete da mit blassen, ernsten Zügen, die neuerlich viel bisher
verborgen gewesene Lieblichkeiten ergreifend zeigten, und verweigerte
in völliger Gefaßtheit, so daß er die seine darüber verlor. Einige
Augenblicke schwieg und überlegte er, einen geistlichen Zornanfall
schwer niederkämpfend. Endlich sagte er noch ganz darin lodernd und
rauchend wie in einem feurigen Busch: »Die Kirche hat Macht, zu lösen
und zu binden. Sie löst und bindet dich zugleich. Sie stellt dich auf
dein Gewissen, wohin du dich selber gestellt hast. Der Weg zur heiligen
Kommunion steht dir frei, aber auf deine Verantwortung. Geh in Gott,
wenn du's vermagst.«
Was ihn am heftigsten erschütterte, war die Erfahrung, daß ein
Sakrament, das er bisher für eine unbedingte Macht gehalten hatte,
die er nur im vollen Ernst zu handhaben brauchte, um ihrer sozusagen
automatischen Wirkung gewiß zu sein, ihm in einem ernsthaften Fall wie
eine schlechte menschliche Waffe in der Hand splitterte und wirkungslos
am seelischen Gegner zerbrach. Das bestürzte ihn geradezu und griff
ihm als Schreck an seine apostolische Grundlage, wo wie der Staub
beim Erdbeben sich in geheimer Regung der Zweifel vom Boden löste und
in Schleiern aufzuwallen begann. Inzwischen kniete Linde noch ein
Weilchen betend und in sich gekehrt, wie ihm, der sie mit brennenden
Blicken beobachtete, schien. Dann erhob sie sich, um langsam, aber mit
gewissen, sicheren Schritten die Kirche zu verlassen. Zur Kommunion
trat sie nicht an, und sie hatte auch nicht die Absicht dazu gehabt.
Sie wollte ihm nur zu Willen sein, soweit sie das vermochte; darüber
hinaus ging sie den selbstherrlich betretenen eigenen Heilsweg weiter,
in ihrem Herzen nicht weniger katholisch als zuvor und jedem freien,
heiligen Symbol leidenschaftlich zugetan. Er seinerseits, als er die
ganze Reihe der Kommunikanten versehen und sie nicht darunter erblickt
hatte, atmete auf wie nach einer glücklich überstandenen großen Gefahr,
aber nicht im Gefühl, daß damit etwas gewonnen sei. Der Abgrund, der
einige Augenblicke sie und ihn hinabzureißen gedroht hatte, drohte
weiter, nämlich die finstere Erscheinung ihrer Schuld, von der er
jetzt fest überzeugt war. Als er das Mädchen beim Mittagessen nach
vollbrachter Predigt wiedersah, schien es ihm fremd und unheimlich wie
eine Kranke, die eine Gehirnentzündung zwar mit dem Leben überstanden,
aber darüber die Gnade der Vernunft verloren hat.
Im Verlauf dieses Essens brachte die Tante, die jetzt allerlei neue
Regsamkeit entfaltete, die Unterhaltung auf Familienzerwürfnisse und
was damit zusammenhängt oder dabei in die Brüche geht und kam auf
diesem Weg, worauf die ganze Anstalt angelegt war, auf ihr eigenes mit
diesem Haus zu sprechen, leicht und lächelnd, wie man lange verwundene
und beinahe ganze vergessene Vorkommnisse behandelt, die inzwischen
Gesprächsstoffe geworden sind.
»Ja, was ist eigentlich seither aus dem mysteriösen Buch geworden?«
fragte sie wie aus einem frischen Einfall heraus. »Hat es sich
inzwischen irgendwo gefunden?«
Der Dechant verneinte, und sie fuhr im gleichen angeregten Ton weiter.
»Tolle und eigenwillige Tage waren das eigentlich. Wir waren alle jung
und rigoros. Mit der Zeit geht man mit seinen Freundschaften sparsamer
um, und daß Menschen einander im wahren Wert entdecken, dazu gehören
auch Gelegenheiten. Ich bin ja überzeugt, daß die Kinder mit dem Buch
zu tun hatten. Sie waren in jedem Fall Racker, wie übrigens alle echten
Kinder. Man muß Kinder nie mit den gewöhnlichen moralischen Maßstäben
messen. Daß sie nicht von besonderer Liebe zu mir besessen waren, das
haben sie ja reichlich und stets unmißverständlich manifestiert; Linde
legte sogar meinen Namen ab. Es ist nichts so amüsant als ein großer
Zank, wenn er vorbei ist. Sieht man zurück, so haben sich fast immer
alle blamiert und ihre übelsten Seiten aufgedeckt, die sie sonst sehr
sorgfältig verbergen. Aber ich meine, Linde könnte uns jetzt schon
verraten, wo sie mit dem Buch geblieben ist. Die Verheerungen, die sie
angerichtet hat, sind ja inzwischen repariert, und die Heimlichkeit hat
keinen Sinn mehr. Wo ist das Buch, mein Kind?«
Der Dechant horchte einigermaßen überrascht von den neuen Ausblicken
auf einen alten Prozeß auf und war sofort davon überzeugt, daß seine
Schwägerin ihre Gründe habe, sich in dieser Weise hören zu lassen.
Schon ordnete er das Vernommene in das neue Charakterbild seiner Nichte
ein und fand, daß alles genau zu den übrigen Tatsachen paßte. Daß Linde
dann unbewegt mit feindlicher Miene sagte, sie habe das Buch nicht,
schien ihm nur programmatische Bedeutung zu haben, indem sie damit ihr
System der Heimlichkeiten und Ableugnungen fortsetzte. Die Tante lachte.
»Das will ich schon glauben, daß du es nicht in der Tasche mit dir
herumführst. Aber wo ist's hingekommen? Sicher habt ihr's verkauft,
um Konfekt und Feuerwerk dafür zu erstehen. Man wird euch heute doch
nichts mehr nachtragen; das wäre geradezu töricht, ebenso wie die
fortgesetzte Geheimniskrämerei eurerseits. Daß du aber mit dem Buch
nichts zu tun gehabt habest, das wirst du jetzt ja wohl selber nicht
mehr behaupten wollen.«
Nun lag Linde nichts mehr an diesem alten kindlichen Symbol, das durch
ein neues, reifes längs ersetzt war, und wenn der Teufel in eigener
Person gekommen wäre, um sie danach zu fragen, so hätte sie's einfach
zugestanden, selbst auf die Gefahr hin, dafür geradeswegs in die
Hölle fahren zu müssen. Auch dem Dechanten hätte sie auf eine gute,
unherrische Frage bescheiden und offen Auskunft gegeben, aber in diese
hochmütig falsche Physiognomie war es ihr schlechterdings unmöglich.
»Ich kann dir den Gefallen tun oder nicht tun«, sagte sie, ihren
geheim drohenden Blick feindlich aushaltend. »Du scheinst dir etwas
davon zu versprechen. Gut, wir haben das Buch weggeschafft. Inwiefern
bist du jetzt besser daran?«
»Du willst also noch heute den Anschein erwecken, daß ich damals
die Schuldige war?« entgegnete die Tante etwas schrill. »Solch ein
Widersinn! Wenn sich hier jemand etwas verspricht, so scheinst doch
du es zu sein, meine Liebe. Aber ich fürchte, du wirst dich am Ende
verrechnet haben. Das Leben geht weiter, gutes Kind.«
»Dann weiß ich nicht, was du willst«, versetzte Linde unbewegt.
»Ohnehin vermengst du die Dinge. Ich habe nicht gesagt, daß ich in
dem Menschen, der das Buch genommen hat, auch den wirklich Schuldigen
erblicke. Das kann doch gut wieder eine Sache für sich sein. Warum läßt
dich die Geschichte nicht ruhen? Wenn ich jemand nach dem Ganzen stehe,
so kann ich doch meinetwegen auch noch ein Buch entwendet haben. Was
liegt also daran!«
Beinahe verlor die Klingse ihre vielberühmte gute Haltung in allen
Lebenslagen.
»Das Mädchen ist doch wirklich sonderbar!« sagte sie zum Dechanten
gewendet mit einem etwas dünnen Lächeln, das er nicht erwiderte.
»Wem willst du denn nach dem Ganzen stehen, du Kücken?« wandte sie
sich mißtönig auflachend wieder an Linde. »Ich glaube, du solltest
etwas niederschlagende Mittel einnehmen. Ich habe dich nachgerade im
Verdacht, daß du in deiner ständigen Erkältung immer mit einem leisen
Fieber herumläufst. Willst du dich nicht in ärztliche Behandlung geben?«
»Vielleicht«, sagte Linde, ihren falschen Ton kurz abweisend, und erhob
sich, um das Geschirr abzuräumen und den Nachtisch aufzutragen. Die
Tante sah ein, daß sie es nachgerade mit einer nicht ungefährlichen
Gegnerin zu tun hatte, und über ihre herausfordernde Haltung machte
sie sich ernsthaft Gedanken, weil sie nicht wußte, wozu sie dadurch
unter Umständen verlockt werden konnte. Sie beschloß, solche Angriffe
in Gegenwart des Dechanten künftig lieber zu unterlassen und sich auf
scheinbar harmlosere Anlässe zu verlegen, bei denen sie zustechen
konnte, ohne dem Mädchen Gelegenheit zu größeren Gegenschlägen zu geben.
Nach dem Essen wurden der Dechant und die Klingse in seinem Zimmer, wo
sie ihn jetzt manchmal ein bißchen besuchte, bei einer Tasse Kaffee
über Lindes Fall noch vollständig einig. Linde zog es vor, gleich
ihr Geschirr zu waschen, um nachher eine erlaubte Sonntagsruhestunde
zu haben, die sie wohl brauchen konnte. Der Dechant war der Meinung
der Tante, daß die Kinder mit dem Buch zu schaffen gehabt hätten,
und daß das herausfordernde Scheinbekenntnis auf Wahrheit beruhe.
Unterdessen wurde ihm das Verlangen nach dem seltenen und kostbaren
Stück wieder rege, und als am Ende die Klingse eine Haussuchung bei
dem Mädchen vorschlug, fiel die Anregung nicht ganz auf unfruchtbaren
Boden. Seine Bedenken widerlegte sie leichthin. Manchmal müsse im
Interesse des Ganzen die höhere Autorität durchgreifen, zumal das
Mädchen ein unberechenbarer Kopf sei und von selber aus der Affäre
niemals herausfinden werde. Außerdem wisse man doch auch nicht, welche
Motive es über dem Buch so festhielten. Soviel sie wisse, enthalte es
etwas drastische Illustrationen zu den angeblichen Schönheiten der
christlichen Kirche, in Wahrheit der berühmten Sulamith, und zu dem
Liebesverkehr zwischen ihr und Salomo. Der Dechant sei überhaupt zu
tadeln, daß er solche Spezialitäten nicht sorgfältiger unterbringe; man
könne nun nicht wissen, was das Buch sonst noch alles verschuldet habe.
Der Dechant suchte sich ihrer etwas kahlen Bewertung des sanktionierten
Buches zu erwehren, aber in der Anwendung auf das Mädchen schlug sie
durch, und die Haussuchung wurde beschlossen; der Dechant erteilte der
Tante den formellen Auftrag dazu.
Mit diesem Beschluß besserte er freilich nichts an der Beklommenheit,
mit welcher er der morgigen Audienz beim Erzbischof entgegensah. Die
Tante versuchte noch einmal vorsichtig, ihren lackledernen Schuh auch
auf diesen Weg nach Canossa zu setzen, aber sie merkte, daß der Boden
für sie Glatteis war, und zog den Fuß unauffällig zurück. Für den
Rest des Abends wünschte er dann allein zu sein und brachte es auch
zustande, ohne viel Vergnügen davon zu haben. Die Nacht schlief er
nicht, und am andern Morgen saß er schweigend wie ein Grab im Abteil
zweiter Klasse und fuhr zum Gerichtstag.
Der Anfang der geistlichen Unterhaltung wickelte sich genau so ab,
wie er erwartete, der Fortgang nicht nach Wunsch, und der Schluß nahm
eine strenge, überraschende Wendung. Ihn empfing ein hoher Greis
in der schwarzen Soutane, mit wenig äußeren Abzeichen der Würde,
dagegen, wie ihm schien, seit dem letzten Sehen noch vermehrten
innern. Er wurde sitzen geheißen, und so begann das Verhör. Gegen die
vernachlässigte Gemeindepflege und die vielen ausgefallenen Predigt-
und Beichthandlungen konnte er sich nicht verteidigen; dafür nahm er
gefaßt und düster einen wohlverdienten ernstlichen Verweis hin. Über
die Ursache und Quelle aller dieser geistlichen Verdrießlichkeiten, die
Kirchenrenovation, wurden dann die sehr ernsthaften Männer miteinander
einig, das heißt, der Dechant wurde mit dem Erzbischof im Prinzip
einig, daß diese ärgerliche Kirchenstörung jetzt ein Ende haben
müsse. Der Erzbischof, eine freie, männliche Gestalt von bedeutender
Eindrucksfähigkeit, erklärte sich noch des näheren dazu.
»Habe ich dich zum Kunst- und Totengräber der Gemeinde bestellt oder
zum obersten Seelsorger? Hast du eine unüberwindliche Leidenschaft,
zu graben, so grabe in deiner Gemeinde, aber nicht nach Kunst,
sondern nach der göttlichen Natur, und nicht nach toten Dingen,
sondern nach lebendigen Seelen. Dagegen wirst du genug Kunst und noch
viel mehr herzliche Natur und Frömmigkeit brauchen, um die frühere
Willigkeit und den verlorenen Kirchensinn deiner verwilderten Gemeinde
wiederherzustellen. Du hast eine murrende und aufsässige Parochie,
die dich denunziert, und eine solche Verfassung ist der rechte Boden
für sittliche Verwahrlosung und für jede unbotmäßige und auflösende
Anregung von außen. Die Altertumskunde steht auf keinem ausgesetzten
Posten, aber deine Gemeinde. Als ich dich darauf setzte, versprach ich
mir von deinen mystischen Kräften eine Erweckung der Seelen zu Gott
und eine Erregung Gottes für deine Seelen, aber ich bemerke, daß du
die Seelen, anstatt sie zu erwecken, verdrießest, und Gott ist nicht
durch deinen großen Glauben erregt, sondern durch dein eigenwilliges
und ungefaßtes Treiben gestört. Von der Fürstlichkeit deiner Mission
zwischen Gott und deiner Gemeinde gibst du der Welt wenig Begriff. Wie
soll die Welt glauben, wenn du ihr nicht Gott erscheinen läßt? Und wie
soll Gott erscheinen, wenn du nicht täglich neu sein Schöpfer bist?
Willst du aber Kunstgeschichte erscheinen lassen, so bewirb dich um
einen Lehrstuhl. Du bewarbst dich um einen Auftrag der Ewigkeit, als du
die Weihen nahmst, und hast bisher noch keine gegenteilige Erklärung
getan. Das unendliche Wesen, das die Welt erfüllt, hat kein Interesse
an alten oder neuen Kreuzen, Monstranzen und Meßgewändern, sondern
an frommen und ergriffenen Seelen und am Glück seiner Erscheinung in
der Zeitlichkeit. Wenn es nicht durch unsre erleuchtete Zeugungs- und
Zeugenkraft in der Gemeinde erscheinen kann, durch welches Medium soll
es dann erscheinen? Die Welt ist roh und zynisch, und das menschliche
Hirn ist dumpf und eng. Mit diesen verhindernden und gottfeindlichen
Eigenschaften hängst du durch deine Eitelkeit zusammen. Du bist der
Ewigkeit zugewandt, oder du bist der Welt zugewandt. Steckte in dir
nichts als ein beschlagener Pfaffe, von denen alle Wege wimmeln,
so möchtest du auch noch laufen. Aber von dir will ich mystische
Entfaltung sehen, und darum befehle ich dir durchaus: Laß diese
Liebhaberei, die dich zur Liebe unfruchtbar macht! Sieh zu, daß du
mir nicht länger deine Gemeinde im Glauben störst und Gott in der
Erscheinung verhinderst. Du läufst Gefahr, zwischen diesen beiden
Mächten vernichtet oder versteinert zu werden, aber ich würde nicht so
lange zusehen.«
Nach dieser ernsten Zusprache wäre dem Dechanten eigentlich nichts
anderes übriggeblieben, als sein Herz vollkommen zu geben oder
vollkommen zurückzunehmen. Er tat immer noch keines von beiden,
sondern war zwar zum ersteren grundsätzlich bereit, suchte sich aber
vorher den Gewölbeschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg zu retten,
was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle getan haben würde.
Und zwar versuchte er in aller Bescheidenheit den Gegenbeweis gegen
die Behauptung zu erbringen, daß das höchste Wesen kein Interesse
an Kreuzen und Geräten habe, besonders an solchen, die durch Alter
und Geschichte geheiligt seien. Sobald es feststehe, daß die Kirche
Gottes Offenbarung in der Endlichkeit sei, stehe es auch fest, daß
diese Kirche Symbole und Mittel der Veranschaulichung brauche, und daß
darunter jene die zweckmäßigsten seien, die den frommen Grundgedanken
am frömmsten und am nächsten beim Grund erfaßten und ausdrückten.
Diese Nähe könne sich dokumentieren sittlich und zeitlich, sittlich
durch das augenblickliche starke Erleben, das aber jetzt ganz fehle,
zeitlich durch das Herkommen aus stark erlebenden Epochen, wie die
frühen Zeiten des Christentums und das Mittelalter welche gewesen
seien. Solche Symbole könnten darum niemals tote Geräte sein, weil
sie ihr Leben in sich trügen, das sie offenbarten ebenso durch die
Erscheinung in der Wahrnehmbarkeit wie jedes Sein. Darum stehe er auf
dem Standpunkt, die Aufdeckung solcher alten Formen der Frömmigkeit
für ein verdienstliches Werk zu halten, weil eine Ergriffenheit immer
die andere wecke, und zwar eben durch das sinnenfällige Erlebnis,
welches sich dann in der Seele zum übersinnlichen umsetze. Den
deutschen Katholizismus zum Beispiel aus der formalen Verflachung und
Vergröberung aufzuschrecken oder herauszulocken, in die ihn der im
Grund ganz weltliche und phantasielose jesuitische Barock gebracht
habe, der jetzt überall herrsche, bedeute ihm eine Tat und eine
Erweckung. Die großen Epochen der deutschen Kirche seien unter den
Zeichen der Gotik gegangen, und eben diese innigen und ergreifenden
Gestaltungen einer verlorengegangenen deutschen Gefühlsweise seien
es, die er als Anschauungsmittel nicht nur der gedankenlosen modernen
Kirchenindustrie entgegenhalten wolle, sondern auch dem romanisierten
und ausländischen, undeutschen Kirchenstil im katholischen Deutschland.
Was der Mensch sehe, das erlebe er. Erblicke er überall banale, leere,
barocke Formen, pathetische, inhaltlose Heiligenbilder, Industriekreuze
und Industriemonstranzen, -Leuchter, -Fahnen, -Weihrauchfässer und
-Meßgewänder, so müsse auch das Erleben danach sein, das davon durch
die Sinne in die Seelen eingehe, denn in der Kirche erblickten die
Leute mit Recht das Vorbild und die große Erzieherin. Mit einem Wort,
er sprach sich zu guten Quellen durch und wurde so geistig frei und
eifrig, wie er nicht gedacht hatte, daß es ihm heute gelingen würde.
Er machte sogar dem hohen Herrn nun einen gewissen Eindruck, so daß
er anfing, aufmerksamer hinzuhören. Der Erzbischof war zwar zu alt
geworden, um noch auf Worte viel zu geben, aber auch erfahren genug, um
zu spüren, wo hinter ihnen ein Leben stand, und auf nichts so erpicht
wie auf dieses. Der erweckte nationale Ton, der aus den Darlegungen
des Dechanten klang, die Anrufung der gotisch-deutschen Kindlichkeit
gegenüber der jesuitischen-barocken Altklugheit berührten ihn in einer
Tiefe, wo während des langen schweren Krieges viele deutsche Menschen
leidend und wach geworden waren. Als sich dann aber die Beweisführung
wieder dem Kunsttrödel und im weiteren der alten Handschrift und dem
Gewölbeschatz zuwandte, kehrte sich der Greis mit einer enttäuschten
und etwas müden Bewegung von ihm ab.
»Woher nimmst du nur das viele Geld, das du in diese Liebhaberei
steckst?« fragte er, um zunächst nur seinen Verdruß zu überwinden,
aber mit einem immerhin so hörbaren unmutigen Ton, daß der Dechant,
der nicht den Dom, aber das ganze darin errichtete Tabernakel
seiner Ruhmsucht schon wanken sah, eilig mit Stützen herzusprang,
nämlich mit dem Interesse, das seine Bemühungen schon in weiten
Kreisen gezogen hätten, mit der indirekten geistlichen Wirkung
auf Gesellschaftsschichten, die sonst der Kirche, besonders der
katholischen, fernständen -- er dachte an die Klingse --, und mit dem
dorther rührenden neuerlichen Hilfeangebot, alles in allem diplomatisch
ganz brauchbare Argumente, nur daß sie auf den Erzbischof nicht wirkten
oder dann höchstens verdrießlich.
»Sprichst du von der Verjesuitung der Kirche und bist selber ein
Jesuit?« fuhr er ihn an, während seine deutschen blauen Augen ihn
unter den weißen Brauen hervor erzürnt anloderten. »Und willst du es
unternehmen, die Kirche mit einem so unsauberen und eitlen Besen zu
kehren? Mein Sohn, deine Reden von der Kindlichkeit der deutschen Gotik
und der innigen deutschen Seele scheinen mir zur Zeit noch blauer
Dunst, den du Gott, uns und deiner Seele vorzumachen strebst, um deiner
weltlichen Leidenschaft zu frönen. Deine ›interessierten Kreise‹ lassen
mich ganz gleichgültig, und was deine Bemühungen angeht, so untersage
ich dir, im Chor oder sonstwo in der Kirche auch nur einen Stein
umzuwenden. Die Renovation ist das Werk der weltlichen Behörde; ich
will nicht, daß du dich im mindesten weiterhin dareinmengst. Um noch
auf deine vorigen klugen Beweisführungen zurückzukommen: was war zuerst
da, ein erstes Äußeres oder ein erstes Inneres?«
»Unzweifelhaft ein erstes Inneres«, antwortete der Dechant ungern und
verstimmt.
»Es ist gut. Vergiß das nicht wieder, dann wird es dir nicht zu
schwer fallen, den vergrabenen Kirchenschatz zu vergessen. -- Ich
erhalte Mitteilungen über dein häusliches Leben oder das Leben der
andern in deinem Haus, die mir zweifelhaft erscheinen lassen, ob du
deine Angelegenheit noch so in der Hand hast, wie ich es bei einem
katholischen Geistlichen voraussetzen muß. Was ist das für eine Frau,
die unter deinem Dach wohnt?«
Der Dechant sagte, daß sie die Witwe seines Stiefbruders, des
Professors Klinger, sei, die in seinem Haus Heilung von einem
Gemütsleiden suche. Wenigstens äußere sie sich in diesem Sinn.
»Hm. Was hat das mit den Geschichten auf sich, die um diese Frau gehen?
Man erzählt sich von blutigen Ereignissen, an denen nach allem, was man
hört, etwas sein muß. Das übrige ist zu abenteuerlich, als daß ich es
anführen will. Was ist in Wirklichkeit vorgefallen?«
»Eminenz«, sagte der Dechant, während ihn sein ganzer
menschlich-geistlicher Bankrott wieder anrannte: »Eminenz -- ich weiß
es nicht.«
Der Erzbischof zog betroffen die Brauen hoch. »Du weißt es nicht?«
sagte er verwundert. »Du weißt nicht, was in deinem Haus geschehen
ist? -- Nun, dann bist du ein ebenso schlechter und blinder Hausvater,
wie du ein Seelensorger scheinst. Ich glaube, daß deine ganze
Aufmerksamkeit um den Gegenstand deiner Leidenschaft versammelt ist,
und so bietest du das für einen höheren katholischen Geistlichen nicht
eben würdige Bild eines balzenden Auerhahns.« Er betrachtete ihn einige
Sekunden mit sichtbarem Zorn. »Hattest du denn keine Mittel, diese
Geheimnisse in Erfahrung zu bringen? Oder hast du dich überhaupt nicht
um sie gekümmert vor lauter Antiquitäten?«
Der Dechant berichtete in großen Zügen den Hergang seiner vergeblichen
Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen.
»Und die Beichte hat auch versagt?« fragte der Erzbischof.
Der Dechant bejahte, und der alte Mann schien einen Moment zu stutzen.
»Nun, ein Sakrament ist in der Hand eines Priesters, wozu es der
Priester macht«, sagte er dann ernst. »Sei heilig, und deine Sakramente
werden's auch sein. Sei eitel, und deine Sakramente sind's mit dir.
Sieh zu, daß diese Frau bald wieder aus deinem Haus kommt. Und laß mich
in einem Monat hören, wie es bei dir aussieht.«
Damit war der Dechant entlassen.