Die weltliche Versuchung tritt an den Dechanten heran. Linde muß sich
ein peinliches Verfahren gefallen lassen. Eine Geburtstagsüberraschung.
Die Weihnachtsfeier
War der Dechant mit dem Schweigen eines Grabes hinausgegangen, so kam
er vollkommen abgründig zurück. Der Tante meldete er ziemlich lakonisch
den Erfolg der Audienz, und die Klingse sah ein, daß ihr ungefähr
soviel mehr erlaubt war zu sagen, als er mit seinen Äußerungen hinter
dem Erlaubten zurückblieb. So sagte sie denn, und es war allerlei
Kahles und Abschätziges über die Weltfremdheit eines Kirchenfürsten
dabei, und was sich sonst so mit guten Gründen unverfänglich noch
zwischen die beiden Männer werfen ließ. Es tönte ihm lange nicht alles
gut, dafür hatte er zuviel Ehrfurcht vor wirklicher Größe im Leib,
aber es fiel ihm doch auch schwer, ihr geradehin unrecht zu geben.
Einem gewissen Gedankengang, den sie heute zum erstenmal offener vor
ihm ausbreitete, hörte er zwar schweigend, aber nicht unaufmerksam zu.
Sie riet ihm, der Kirche sein Amt zur Verfügung zu stellen und sich
ganz der wissenschaftlichen Karriere zuzuwenden, wenn er denn doch
einmal seine Hauptbefriedigung auf diesem Gebiet finde. Sie könne ihm
sagen, daß es ihm gar nicht so sehr an Konnexionen fehle, wenn er nur
seinen Hang zur Selbstherrlichkeit aufgeben wolle. Zum genannten Ziel
ständen ihm bei den einschlägigen Leuten viele, wenn nicht alle Wege
offen. Längst sei man auf seine Tätigkeit aufmerksam geworden, und
seine Publikationen hätten Eindruck gemacht. Dazu komme, daß er nicht
als Fanatiker bekannt sei und man immer gern die Gelegenheit wahrnehme,
der katholischen Kirche oder dem Ultramontanismus ohne Beschwerden eine
Reverenz zu erweisen. Er solle sich darüber einmal klarwerden; was sie
könne, das wolle sie ihm sehr gern vorarbeiten, und sie glaube, daß es
nicht ganz unwesentlich sein werde.
Zu diesen Ausführungen sagte er also nicht viel, aber sie merkte wohl,
daß sie ihm zu denken gaben, und war dann klug genug, ihm das übrige
allein zur Weiterentwicklung zu überlassen. Dagegen nahm sie sich vor,
gleich einmal einen ersten Fühler nach jenen Regionen auszustrecken.
Ihren zweiten Vorschlag jedoch, sich ganz einfach über den Kopf des
Erzbischofs hinweg mit der weltlichen Behörde ins Einvernehmen zu
setzen oder noch besser die Nachgrabung mannhaft auf die eigene Kappe
zu nehmen, indem er die Sorge um Gewinn oder Verlust ihr überlasse, das
heißt, ihr den Verlust, während ihm in jedem Fall der Gewinn zufalle:
diese Versuchung wies er kurz und bündig ab. Inzwischen erwürgte er
beinahe an dem Verbot, und überfiel ihn jedesmal eine innere Tobsucht,
wenn er durch die Kirche ging und sein Blick ins Chor fiel, dessen
frisch gelegte, glatte, saubere Steinplatten solche Schätze bedeckten.
Übrigens kamen in dem Brief, den die Klingse nachher an einen
großstädtischen Freund schrieb, folgende Sätze vor:
»Sie werden sich wundern, daß ich mir so lange in einem hessischen
Kleinstädtchen gefalle. Aber erstens ist mein Schwager eine sehr
bedeutende katholische Persönlichkeit, und die Gelegenheit, in das
großartige Räderwerk der katholischen Kirche hineinzusehen, soll sich
unsereins nicht entgehen lassen, denn was wissen wir lutherisches
Volk von Rom. Es laufen hier schon allerlei Fäden zusammen, wie Sie
sich denken können. Es ist die bekannte historische Stelle, wo
jene germanische Eiche geschlagen wurde. Dann, wie Sie mich kennen,
werden Sie auch begreifen, wenn ich unermüdliche Schrittmacherin
des männlichen Talentes eine Gelegenheit nicht umgehen kann, meinem
Schwager in einer schwierigen Zeit etwas beizustehen. So ganz kann
ja auch ein katholischer Geistlicher nicht auf die spezifischen
Fähigkeiten der Frau verzichten, wenn er vorwärtskommen will, und zu
leicht verfallen diese Herren in den kleinen Verhältnissen, bevor sie
auf große Plätze kommen, der Liebhaberei, den Gefahren des bekannten
deutschen Gemütes. Er ist etwas metaphysisch versponnen, was der Sage
nach nicht einmal einem kirchlichen Karrierejäger zuträglich sein soll,
obwohl, ebenfalls der Sage nach, in der Kirche das Übersinnliche,
die Kraft des Gemüts das A und O aller Spekulation bildet. (Sie
schrieb diese Buchstaben griechisch, ohne Griechisch zu können.) Nun
vollends bei einem Menschen, dem möglicherweise ein großer Weg in
der Gelehrtenrepublik beschieden ist. Sie wissen ja genügend von den
kunsthistorischen Studien des seltsamen Mannes und haben mir selber zu
mehreren Malen etwas sehr Gutes darüber gesagt. Nun scheint es, daß er
sich mit dem Gedanken trägt, die geistliche Laufbahn mit der weltlichen
zu vertauschen. In Frage käme wohl ein kunsthistorischer Lehrstuhl,
zu dem nach meiner Meinung die Qualifikation wohl erbracht wäre. Ich
möchte, daß ihm in dieser Krise Förderung von außen entgegenkäme, und
Sie habe ich dazu besonders designiert. Recherchieren Sie einmal beim
Ministerium; Sie haben ja die offenen Wege dazu. Wenn Sie ernsthaft
rekommandieren, so wird man sich dort nicht verschließen. Und dann wäre
es sehr nett von Ihnen, wenn Sie einmal herüberführen, um sich die
geleistete Arbeit an Ort und Stelle anzusehen. Ich befehle es Ihnen
nicht geradezu, aber Gehorsam würde sehr guten Eindruck machen.
Sie sehen nun also, was für Interessen das sind, die mich über die
Entbehrungen trösten, die einer verwöhnten Großstädterin immerhin
bemerkbar werden. Aber nebenbei ist das ein so entzückendes,
originelles Städtchen, ein so bezauberndes historisches Denkmal der
alten, gemütvollen deutschen Seele, die, ach, so irrationell ist,
daß man sich daran nicht leicht satt sehen kann. Jeden Tag ist es
wieder neu. Außerdem ist es einfach eine Fundgrube für historische
Studien, denen ich mich ergeben habe, eine ganz glänzende, einzigartige
Gelegenheit, den charaktervollen Baustil einer vergangenen Zeit und
eines rein erhaltenen erdenstarken, ursprünglichen Volkes zu studieren.
Sie werden wieder sagen, daß die Kunstbegeisterung mit mir durchgehe,
und daß ich die Menschen als Volk überschätze. Aber was wollen Sie? So
ist man einmal geartet. Armseliger Volksfreund, den ein paar Fehler
abschrecken! Und das Volk ist doch der Nährboden! Es enttäuscht nie!
Das merken Sie sich nur, Sie kleiner Zyniker. Hier ist Gefühl, Kraft,
Übersinnlichkeit und sind innere Mächte fortwährend an der Arbeit. Was
wissen wir vom Volk!«
Was sodann das erzbischöfliche Gebot der Hausreinigung anging, so
verharrte der Dechant ihm gegenüber vorläufig in einer verstockten
und leidenden Regungslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Tante jetzt
in manchen ihm wichtigen Angelegenheiten seine einzige Mitwisserin
geworden war, so hatte er sich auch sonst vielfach an sie gewöhnt,
und war sie ihm in einer Reihe von Dienstleistungen, in denen sie
nun doch Lindes Stelle vertrat, scheinbar unentbehrlich geworden.
Freilich störte ihn in dem neuen Vertrauensverhältnis eine innere
Unbehaglichkeit, die mit der Ermahnung des Kirchenfürsten wie mit
einem Sonnenspiegel in der Hand vor ihm stand und ihn jedesmal in die
Augen traf, wenn er sie eben mit einem offeneren Blick auf die neue
Hausfreundin richten wollte, so daß er auch auf dieser Seite zu keiner
Ruhe kam. Wie das Essen, so hörte allmählich das Leben auf, ein Genuß
für ihn zu sein. Die Geschichte des Domes starrte ihn neuerlich an
wie ein Klavier ohne Seiten und Tasten, und er brachte durch Wochen
keine Zeile mehr zustande. Sogar das Museum verlor seinen heimlichen
Glanz vor dem unheimlichen, den der Phantasieschatz in seinem Hirn
ausstrahlte; die schönen alten gotischen Sachen rückten ihm fern wie
auf höheren Befehl und sahen ihn von weitem fragend und ein bißchen
befremdet an. Den anbefohlenen Bericht nach einem Monat blieb er
weniger aus Trotz als aus Ratlosigkeit schuldig, unbeweglich den
Maßnahmen entgegensehend, die der Erzbischof weiter gegen ihn verfügen
werde. Aber er verfügte nichts, vor allem, weil er wußte, daß solche
Entwicklungen nicht auf Befehl marschieren; es hätte ihn vielmehr
befremdet, vom Dechanten per Ultimo pünktlich die erste Rate seiner
Bekehrung zu empfangen. Der Dechant seinerseits bemerkte mit einer
trüben Verwunderung, daß er vorläufig in Ruhe gelassen wurde.
In der Zeit ging die Haussuchung bei Linde vor sich. Die Klingse
übereilte sich nicht damit, sondern nahm sich eine Woche Zeit, bis
der Dechant selber danach fragte. Dann ging sie mit seinem vollen
zeitlichen Wissen daran. Das Hohelied fand sie nicht, dagegen hübsche
und ordentlich zusammengelegte Mädchenwäsche, einige stille Bücher,
darunter Calderons »Ein Leben, ein Traum«, eine kleine Ausgabe von
Schillers Werken und ein schönes Legendenbuch der hauptsächlichsten
Heiligen. Ferner fand sie, was sie ungern entdeckte: die
Liebesschriftstellerei des Soldaten an Linde. Sie warf diese Literatur
eines Gestorbenen innerlich erregt aus ihrem pietätvollen Begräbnis,
einem Ebenholzkästchen mit Silberbeschlägen, konnte aber dann doch
nicht dem schmerzenden Drang widerstehen, einen Blick hineinzutun. So
las sie mit geröteten Wangen und raschem Puls und Atem einige Seiten
aus seinen ersten Feldbriefen, die noch seine kindliche Seele und sein
reines sinnliches Feuer enthielten. »Geliebtes einziges Mädchen!« stand
auf der einen. »Das vergess' ich Dir meiner Lebtage nicht! Du weißt,
daß mir die Frau nicht fremd war, aber das, Du wahrhaftige Schönheit
und Güte, das gibt es auf der Erde einmal in Dir und nicht wieder.
Ich weiß nicht, ich muß ganz verwandelt sein. Manchmal meine ich, ich
müsse Dir gleichen. In meinen Händen habe ich ein Gefühl, als seien
es die Deinen, und als würde ich nie wieder eine Niedrigkeit damit
begehen, nicht einmal eine Gewöhnlichkeit. An Dir ist ja alles so
ungewöhnlich und unsagbar vornehm in aller Leidenschaft der Liebe.
Ich hätte niemals erwartet, daß soviel Weibs in Dir steckt. Glaube
nicht, daß ich der Narr bin, der so was jemals vergißt und aus den
Händen läßt. Dafür ist schon meine Habsucht zu groß, meine männliche
Gier nach Erlebnis und dem Außerordentlichen. In Dir sind ja Welten
von Überraschungen, Wohlgerüche, die in Wolken aus Dir aufsteigen.
Ich rieche noch völlig nach Dir. Nein, nein, Du Weib aller Weiber,
wo ein Mann einmal in einen solchen heißen Strudel des Frauenlebens
hineingeraten ist, der doch so kristallen und rosenrein und blumenbunt
-- Was sind Worte! Hätt' ich Dich wieder in den Armen! Ach du mein
Gott, was sind alle Gewitter der Schlacht und des Todes gegen diesen
Lebensorkan!« Soweit las sie, um dann mit einer erbitterten Aufwallung
plötzlich die »ganze idiotische Schreiberei« wegzupacken, das meiste
in die Schachtel zurück und den ärgerlichen Rest, den sie nachher noch
bemerkte, in irgendeine Schublade. So verschaffte ihr das Unternehmen
doch nur einen gewissen Triumph, nämlich einen gallenbittern und ganz
in Haß bebenden. Sie gab sich keine Mühe, Spuren verwischen zu wollen,
sondern hinterließ das Zimmer in dem Zustand, in den sie es gebracht
hatte, die Wäsche verwühlt und zerknittert, das Bett aufgerissen und
durcheinandergeworfen, Schranktüren und Schubladen offen, Bilder
umgestürzt und Bücher heruntergeworfen, das alles aber nicht aus
bewußter verletzender Absicht und vorgefaßter Berechnung, sondern aus
einer nervösen Hast, die einem hysterischen Anfall glich, im Bestreben,
möglichst bald wieder aus einer Atmosphäre herauszukommen, in der sie
wieder alles mögliche erlebt hatte, nur keinen moralischen Sieg. Um
sich von ihrem Anfall zu sammeln, brauchte sie außerdem nachher auf
ihrem Zimmer eine ganze Reihe von vernunftmäßigen Erwägungen und sogar
einige Mixturen, Kölnisches Wasser und eine Stunde unbewegliches Liegen
auf ihrem Langstuhl, und zum Essen erschien sie immer noch unruhig und
reizbar genug.
Linde erschien bleich und mit dunklen, stillen Augen, ohne sich eine
Mädchenblöße zu geben, denn im Leid besaß sie nun schon Erfahrung.
»Man ist heute in meinem Zimmer gewesen«, sagte sie, als auch der
Dechant da war, mit beherrschter Stimme. »Meine Sachen sind alle
untereinander gebracht. Kann mir jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«
Die Tante wechselte einen Blick mit dem Dechanten. »Du nimmst also ohne
weiteres an, daß jemand von uns daran beteiligt war?« fragte sie mit
einiger Spitze zurück. »Sieh mal an, was für ein feinfühliger Mensch du
bist, und was für ein reines Gewissen du hast!«
»Ein Verbrecher hätte sich anders bewegt«, entgegnete sie kurz
und angewidert von ihrer Verstellung; auch dem Dechanten war sie
unangenehm. »Er hätte meine Uhr und meine Ringe mitgenommen.« Sie
schien das Thema fallen lassen zu wollen, aber die Haltung des Mädchens
reizte die Tante so auf, daß sie gegen ihre Absicht schneidend
versetzte:
»Und was hat man dir so mitgenommen?«
»Mir fehlen Briefe im Kasten«, antwortete Linde, indem sie ihrer
Gegnerin in die Augen sah.
Einen Moment betrachtete die Frau das Mädchen, verblüfft von dieser
Tollkühnheit, dann lachte sie amüsiert und ohne jeden Mißklang auf, so
daß der Dechant, der selber einen Moment gestutzt hatte, ihr glaubte
und sich gegen Linde wandte.
»Wenn du schon solche Maßnahmen gegen dich nötig machst«, sagte
er unwillig, »so solltest du mit deinen Äußerungen in diesem Haus
doppelt vorsichtig sein, denn wegen besonderer Wahrheitsliebe stehst
du gegenwärtig nicht im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Briefe,
wenn sie dir wirklich an einem Ort fehlen, werden an einem andern zum
Vorschein kommen, wenn du suchst. Dagegen wirst du die Tante wegen
dieser Geschmacklosigkeit um Verzeihung bitten, und zwar sofort.«
Die Angelegenheit hatte dieser aber nicht erst jetzt eine unerwünschte
Wendung genommen, und sie legte sich abwehrend ins Mittel.
»Laß nur, Klemens«, sagte sie weise und welterfahren. »Bei solchen
erzwungenen Versöhnungsszenen kommt nie etwas heraus; keinesfalls sind
sie nach meinem Geschmack. Die Briefe werden in eine Schublade geraten
sein, und die ganze Bagatelle lohnt nicht die Worte. Inzwischen muß sie
erfahren, worum es sich überhaupt handelt. Meine Liebe« -- wandte sie
sich, jetzt wieder erhaben singend, an Linde --, »der Onkel hat mich
beauftragt, wegen des Buches in deinem Zimmer Haussuchung zu halten.
Hast du noch weitere Beschwerden, so wende dich bitte an ihn. Ich darf
mich wohl nach erfülltem Auftrag aus der Angelegenheit zurückziehen.«
So hatte sie sich nicht nur wiederhergestellt, sondern noch auf ein
vornehmes Piedestal gebracht, und dem Dechanten erschien es zum
erstenmal, daß dies Weib wirklich weltmännische Lebensart besitze. Er
richtete unwillkürlich sein weiteres Verhalten danach ein, und sie
bemerkte, daß sie Eindruck gemacht hatte. Da er ja ohnehin immer öfter
in sehr verschwiegener Erwägung nach der großen Welt ausblickte, wo
nach vielen glaubwürdigen Autoren Freiheit und Glück herrschen, so
gewann sie ihm als deren Vertreterin eine ganz besondere Bedeutung, die
jetzt immer mehr in den Vordergrund seiner Betrachtung trat; er ließ
sie in der letzten Zeit freier und breiter zum Sprechen kommen, froh,
daß er in der Hauptsache schweigen durfte, und sie war beflissen, vor
seinem schwermütig wühlenden Blick das Gespinst des geselligen Lebens
und der ungehemmten Personalmöglichkeiten auszubreiten, von denen ihm,
wie er selber dachte, zur Zeit das strengste Gegenteil zugemessen
schien. Doch gelang es ihr nicht, die steckengebliebene Geschichte des
Domes durch ihren Einfluß wieder in Gang zu bringen, sowenig wie sein
ganzes steckengebliebenes Leben, das unruhig vor dem Hindernis stand
und dunkel strudelnd und seine Überschwemmungstrümmer im Kreis treibend
seine Wassermarke höher schob.
Im Dezember näher bei Sankt Niklaus als bei Weihnachten hatte Linde
ihren Geburtstag. Sie bekam vom Dechanten ein paar neue Schuhe und
Briefpapier. Sein Glückwunsch lautete nur ihre Gesundheit betreffend
klar, sonst hielt er sich in mehr ausweichenden Wendungen und deutete
höchstens an, daß man sich von ~ihr~ etwas mehr Glück wünschen
möchte, aber die Aussichten dazu Gott anheimstellen müsse. Die Tante
schenkte ihr eine zu elegante, verschließbare und »diebessichere«
Kassette mit Geheimschloß und Metallbändern, das Ganze mit einem etwas
maliziösen Lächeln und mit dem Wunsch, daß sie im neuen Jahr viele
recht angenehme Briefe darin unterzubringen haben werde. Von Heinz war
pünktlich einer eingetroffen, doch ohne besonders angenehm zu sein. Er
wünschte in freundlicher und teilnehmender Weise für das neue Jahr eine
bessere Gesundheit und berichtete übrigens wieder von harten Kämpfen,
alles ein wenig enttäuschend und geschäftsmäßig. Die große freudige
Geburtstagsüberraschung wurde nicht von diesen Hauptpersonen, sondern
von der Magd ins Werk gesetzt und zu einer Tageszeit, als Linde schon
keine mehr erwartete.
Sie bestand darin, daß Brigitt am Nachmittag, als das Haus still war,
zum erstenmal sich wieder aus dem Bett herauswand, sich warm anzog und
hinunterkroch, um zu sehen, ob es auch einigermaßen geburtstagsmäßig im
Haus zugehe; für ihre Person hatte sie nichts davon bemerkt, und die
Unruhe ließ sie nicht länger im Bett. Sie fand eine sauber aufgeräumte
aber ganz gleichgültige und kalte Küche, eine leere Speisekammer und so
werktägliche, unfestliche Verhältnisse, daß ihr vor Zorn das Salzwasser
in die Augen sprang. Dabei blieb sie freilich nicht stehen, sondern
sie gab nicht eher nach, als bis sie durch anhaltendes Fechten und
Winken ein Kind ins Haus zog, das sie dann auf Einkäufe schickte zum
Bäcker nach Semmeln und Kuchen und zum Gärtner nach einer blühenden
Pflanze und mit dem Auftrag, noch ein zweites Kind unverweilt zu ihr zu
beordern. Das schickte sie um Butter und Eier, Schinken, einem Hühnchen
oder zwei und was ihr sonst einfiel und nötig schien, mit einem ganzen
langen Zettel zu ihrem besonderen Freund Felge, und zwar zu Arnold
Felge in der Oberstadt, denn es gab im ganzen Ort wenigstens zwanzig
dieses Namens, allein vier Metzger. Dieser Arnold Franz besaß besondere
Verbindungen und Vorratskammern, auf die er für seine bessern Kunden
zurückgriff, und es gab beinahe nichts, was er nicht herbeizuschaffen
vermochte in kürzester oder etwas längerer Frist, nie in langer. Da
Brigitts Zettel mit den Worten schloß: »Oder was Sie sonst haben, denn
es ist der Geburtstag des Fräuleins Linde!«, so erschien in kurzer Zeit
nicht nur das Kind, sondern in seiner Begleitung der sichere Bote des
Herrn Arnold Franz Felge, von der Magd schon an der Tür abgefangen,
weil sie keinen Glockenlärm wollte, und samt Bob, der keine Boten und
Briefträger leiden konnte, zur größten Lautlosigkeit beschworen. Er
brachte kein Hühnchen, aber eine schöne Ente, ließ übrigens die Wahl
zwischen diesem oder einem Hasen, der auch im Korb lag -- Brigitt nahm
beide --, und alles übrige war in wünschenswerter Menge und Qualität
vorhanden. Die Rechnung blieb sie vorläufig schuldig, aber nicht das
Trinkgeld, und da das andere Kind schon früher zurückgekommen war,
so konnte sie in vollkommener Ungestörtheit ihre geheimen Geschäfte
betreiben.
So kam es, daß Linde, als sie wieder im Haus unten erschien, um den
Nachmittagskaffee zu rüsten, den Tisch festlich hergerichtet fand,
ihren Platz mit Efeu aus dem Garten phantasievoll und reichlich
bekränzt und durch zwei dunkelblühende Alpenveilchen ausgezeichnet,
außerdem durch einen schönen, braunen Napfkuchen von nicht geringem
Umfang, den das Kind beim dritten Bäcker, bei dem es anfragte,
glücklich aufgetrieben hatte, auch den bekränzt, und zwar mit Immergrün
aus Brigitts eigenem Stubengewächs, das ihr Linde solange treulich
gepflegt hatte. In der Küche stand die Magd selber in der wohlbekannten
blauen Schürze vor dem Herd, in dem ein wildes Feuer brannte, auf
dem Milch und Kaffee und für Linde Schokolade kochte, und wo Brigitt
außerdem gerade beschäftigt war, eines jener Hausgebäcke aus Weißmehl,
Butter, Eiern und Zucker herzurichten, die in jeder Landschaft einen
andern knusprigen Namen tragen und überall von Geburtstagen und
Liebesbeweisen unzertrennlich sind. Brigitt hatte im Sinn gehabt,
Linde gehörig wegen der puritanischen Geburtstagsküche abzukanzeln,
und Linde wollte dasselbe der leichtsinnigen und tollköpfigen Magd
gegenüber, aber beiden kam das Weinen eher, zuerst dem alten Mädchen
und dann dem jungen mit zwei sehr nassen Augen vor Rührung. Aber mitten
aus dem Gefühlserguß fuhr Brigitt furios auf, weil ihr das Backwerk
wieder einfiel, das die Aufsicht noch weniger entbehren konnte als
eine Kinderschule oder ein hessisches Pfarrhaus. Sie setzte also das
Fräulein rücksichtslos ab und begann wieder mehr Rührung in der Pfanne
zu bewirken. In das werdende Backwerk fielen immer dick und emsig ihre
Tränen, und durch die des zusehenden Mädchens brach ein beglücktes
Lachen, weil ihm die Komik aller Umstände aufging. Nach einem
unwirschen Aufblick lachte auch die Magd mit, und im weitern schwang
sie die Pfanne mit einer Verwegenheit herum, als ob sie nicht gegen das
sechzigste Jahr liefe, sondern im zwanzigsten einem Feuerwehrball zu.
Nebenher fing freilich dennoch die liebevolle Abkanzlung an, und da
keins dem andern etwas schuldig zu bleiben brauchte, die Magd aber mit
ihrem Durchgriff wesentlich und überzeugend im Vorteil war, so kam man
zu keinem unliebenswürdigen Verständnis.
Vom Lärm angelockt und auch vom Duft, der sich nun schon festlich im
Haus verbreitete, erschienen nacheinander vorzeitig die Klingse und
der Dechant. Die erstere nahm schweigend mit zusammengepreßten Lippen
Kenntnis davon, daß die Feindin wieder auf dem Plan sei, und schob
sich etwas blaß und mit vorgestrecktem Kinn langsamer aus der Küche,
als sie hereingetreten war. Bob verharrte in der Zeit knurrend vor
dem Herd, den er gegen jede Anfechtung durch unbeliebte Personen zu
verteidigen entschlossen schien. Wer ihn näher kannte als die Klingse,
wußte außerdem, daß ihn die lang entbehrte Anwesenheit der Magd in der
Küche leidenschaftlich erregte, nicht als Freßmöglichkeit, sondern
als seelisches Erlebnis. Die Magd ihrerseits machte den Eindruck, als
ob sie den kurzen Besuch nicht bemerkt hätte, aber Linde sah wohl
die Röte, die ihr in die Augen stieg, und für die nächste Zeit war
sie schweigsam, während ihre Bewegungen einen ingrimmigen, heftigen
Charakter annahmen. Nachher trat weniger unliebsam und respektvoll
begrüßt der Dechant auf, bekam aber immerhin das Ergebnis der Wallung
in einer gedrängten, trotz des Gemurres wohlverständlichen Ansprache
entgegenzunehmen, die den unfestlichen Feiertag zum Thema hatte. Er
verteidigte sich damit, daß Linde ja selber das Küchenregiment führe,
und sie schwieg, weil sie wußte, daß es die Klingse führte wie jedes
andere, und weil sie für heute keinen Verdruß wollte. Nachher gab sie
besser aufgeräumt Auskunft über ihr Befinden. Sie wolle jetzt wieder
langsam ins Geschirr fahren, möge der Arzt nun reden oder singen. Wenn
man auf so einen Kreispfiffikus hören wolle, so könne man im Bett
liegen, bis man von selber verfaule und nicht einmal mehr das Sterben
nötig habe. Aber das heiße um die Auferstehung kommen, die man nur
durch das rechte christliche Verscheiden erwerbe, und so ziehe sie es
vor, christlich zu leben und christlich mit Tod abzugehen.
Der Dechant setzte sich nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit etwas
erheiterter Stirn zu Tisch, und da die Magd diesmal nicht nur den Eß-,
sondern auch den Gesprächsstoff lieferte, zumal der Dechant aus ihrer
langen Geschichte in seinem Dienst hundert eigenartige Episoden und
charakterfeste Züge wußte, so verging eine Teestunde einmal heiterer,
als man's sonst gewohnt war, wenigstens zwischen dem Dechanten und
Linde, die für diesen Gesprächsstoff seine eigentliche Zuhörerin
war, während die Tante eher im Dunkel saß und wenig unterhaltend
aussah. Davon merkte er aber nicht viel, weil der Mitteilende gern wie
Mörikes Schönheit »in ihm selber selig« ist; war er nicht selig, so
war er doch erleichtert, und das kann für einen Hochbeschwerten unter
Umständen dasselbe bedeuten. Die gute Stimmung dauerte auch noch über
das Abendessen, zu welchem die Ente in ihrem letzten Kleid auftrat,
goldgelb und mit Äpfeln gefüllt, ein rechter Vogel, um vergnügliche
Laune zu machen, und zwar ganz ohne jede ergreifende Singstimme. Linde
verwaltete und verteilte ihren vergänglichen Leib, gab den andern viel
und behielt für sich wenig, und der Dechant, der nun doch noch eine
Flasche Wein aus dem Keller geholt hatte, fand heute abend das Gemüt
zu einem zweiten, etwas herzlicheren Geburtstagsspruch. Auch Brigitt
mußte hereinkommen und mit anstoßen; sie tat es nur mit Linde und dem
Dechanten, mit diesem ehrerbietig, mit jener zärtlich und mit nassen
Augen wegen Lindes leidwissenden. Etwas später stieg sie unter Lindes
Hilfe müde und voll süßen Weins, sie hatte den ihren gegen die Säure
gezuckert, auf ihre Kammer und schlief wie ein heimgekehrter Wallfahrer
befriedigt und siegreich ein.
Für diese Woche hielt sie es noch mit dem Nachmittagsturnus, und der
Arzt wollte weiter nicht mehr dagegen sein, als er sah, wie es mit dem
eigenwilligen Patienten wirklich einen guten Weg nahm. Aber er war
dafür bekannt, daß er keinen Kranken unter zwei Monaten aus dem Bett
ließ; hatten es die Nieren nicht mehr nötig, so konnte es doch den
Nerven nicht schaden, und es schadete ihnen meistens auch nicht. Die
nächste Woche stand sie zum Kochen auf. Die folgende war Weihnachten,
und da trieb es Brigitt wie immer. Zu den Bäckereien ging ihr Linde
zwar noch zur Hand, aber nur geduldet; dafür nutzte Brigitt die
Gelegenheit wieder gewaltig aus, weil sie heimlich hoffte, daß der
Soldat auf Urlaub kommen könnte. Allein er kam nicht.
Nebenher hatte Linde zur richtigen Zeit die Hände frei bekommen für
die kleine Weihnachtsfeier, die sie jährlich mit einem gewissen Kreis
von bedürftigen Kindern im Pfarrhaus zum Heiligen Abend abhielt. Es
pflegte dabei viel weniger hoch als freundlich herzugehen, entsprechend
dem freundlichen und trostvollen Ergebnis, das an diesem Tag die ganze
Christenheit feiert. Die Kinder sangen etwa ein paar Lieder. Linde las
ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. Das übrige tat der Baum mit seinen
Lichtern und seiner ganzen freudenreichen Erscheinung. Zum Schluß bekam
jedes ein kleines Geschenk, ein Paar Strümpfe, wollene Handschuhe, ein
Mützchen oder eine hübsche Schürze, wie es sich traf, oder wovon Linde
gerade wußte, daß es not tat. Zum Zweck steckte der Dechant sonst zu
Sankt Niklaus ein Goldstück in Lindes Schuh vor der Tür, immer in den
rechten; dies Jahr war er leer geblieben. Nun, es war auch ohnehin
allerlei von ihrem Eigenen dazugeflossen, so mochte heuer noch ein
bißchen mehr fließen. Brigitt buk auf den Tag, was sie konnte, knetete
Teig, walzte ihn aus, stach wie im Turnier Sterne und Kreuze, Herzen
und Halbmonde, damit nach alter Übung bei dem Notwendigen sich auch
etwas Angenehmes finde.
Als die Tante von den Zurüstungen und ihrem Zweck Wind bekam, setzte
sie sich hin und schrieb ein paar Bestellzettel an ihre großstädtischen
Lieferanten. Nach einigen Tagen kamen Pakete und Kisten für sie an,
für die sie ganz sehenswerte Schecks ausfüllte. Brigitt mußte ihr
die Kisten öffnen und die Pakete aufschnüren, und am Heiligen Abend,
als Linde beinahe mit allem fertig und in der Vorerwartung warm und
beglückt war, erschien sie mit Armen voll Kleidungsstücken, Wollsachen,
Spielzeug, Büchern und Eßwaren. »Du gestattest wohl, daß ich auch etwas
beisteuere«, sagte sie norddeutsch singend und steckte das Kinn vor.
»Wo kann ich ablegen? Vielleicht bist du so liebenswürdig und nimmst
mir ab?« Linde war wie vom Schlag gerührt, denn an eine Friedensstörung
hatte sie heute am allerwenigsten gedacht. Es war ihr klar, daß es das
Weib darauf abgestellt hatte, sie mit seinen großstädtischen Geschenken
an die Wand zu drücken und dem bescheidenen Fest den rechten modernen
Schwung zu geben.
»Der Stuhl dort ist noch frei«, entgegnete sie kurz, indem sie mit
ein paar Blicken den ganzen pompösen Bettel überflog, den die Klingse
daherschleppte, alles ohne eine Hand für oder gegen sie zu regen. Die
Klingse legte auf dem Stuhl ab und wandte sich zunächst dem Baum zu,
den sie ganz hübsch und kleinbürgerlich fand, und dem Geschenktisch,
den sie lächelnd musterte. »Du mußt mir dann sagen, wie ich in jedem
Fall zweckmäßig ergänzen kann«, meinte sie. »Du hast ja doch wohl deine
Geschenke individuell angepaßt.« Linde antwortete nicht, und die Tante
verschwand zunächst noch einmal, um ebenso hoch beladen wie vorhin
wieder unter der Tür zu erscheinen. Sie hatte sich selber einen weitern
Platz zum Ablegen frei gemacht; indessen hatte sie auch aufgehört zu
lächeln. »So, und nun wollen wir sehen«, sagte sie darauf. »Wo hast du
die Plätze für Mädchen und die für Jungens?«
»Das ist wohl nicht so schwer herauszufinden«, erwiderte Linde, die
jetzt finster und feindlich an der Wand neben dem hohen Spiegel stand.
»Die Mädchenschürzen sind nicht für Buben und die Bubenmützen nicht für
Mädchen.«
Etwas gereizt fuhr die Tante nach ihr herum, dann schien sie sich aber
zu fassen. Und nachdem sie das Mädchen einen Moment schweigend fixiert
hatte, sagte sie hochmütig: »Ich werde mich von deinem Prinzessinnentum
nicht beirren lassen. Dafür müßte mehr hinter dir stecken als etwas
wurmige Tugend und Tücke. Ich finde, daß du die Dünkelhaftigkeit
zu weit treibst. In diesem Fall hast du froh zu sein, daß dein
Bettelvölkchen zu ein paar anständigen Kleidungsstücken kommt; mit
deinen selbstgerechten Lümpchen wird's nicht weit laufen.«
»Lumpen«, erwiderte Linde leise, um ihren Abscheu zu verbergen, aber
die Tante merkte ihn dennoch: »Lumpen sind Dinge, die sich jeder nach
Belieben kommen lassen und kaufen kann, wenn er das Geld dazu hat.«
»Wenn du nur endlich deinen hungerleiderischen Provinzhochmut aufgeben
wolltest!« zischte die erboste Frau. »Was willst du denn machen, wenn
dein Liebster dir vor der Nase weg eine andere heiratet?«
Linde zuckte leicht zusammen. »Heinz bedauern!« erwiderte sie langsam
und mit einem Unterton, der die Tante lange nicht so befriedigte, wie
sie sich's von diesem Augenblick versprochen hatte. Etwas ernüchtert
wandte sie sich zu ihrem Geschäft zurück.
»Wie alt ist dieser Junge?« fragte sie. Und Linde gab Auskunft: »Acht
Jahre.« Die Klingse legte einen norwegischen weißen Sweater zum
baumwollenen grauen Mützchen. Das folgende Mädchen war zwölf Jahre
alt und bekam drei Hemden mit Achselschluß und gesticktem Einsatz,
seine vierzehnjährige Schwester eine zurückgesetzte englische Bluse.
Linde sah voraus, daß man morgen im Städtchen mit Fingern auf die
Kinder zeigen würde, die von ihr beschenkt herumliefen und nicht
wußten, wie ihnen geschah, und sie taten ihr zum voraus leid, weil
sie sie liebhatte. Zum Schluß verfeuerte die Klingse auch noch ihre
Kuchenpakete und Spielzeuge, und sah der Weihnachtstisch aus wie eine
Jahrmarktbude; Linde war jetzt neugierig, wie die alten, einfachen
Weihnachtslieder und die stille, reine Evangeliengeschichte dazu
klingen würden.
Darauf war es wie jedes Jahr. Die Kinder schoben sich unten durch die
Haustür herein mit saubern Schuhen und geputzten Nasen und vor lauter
Vornehmheit über ihre eigenen Füße stolpernd, aber noch mehr aus Angst
vor der Magd, die ihnen gewaltig aufpaßte, so herzlich sie sich für sie
geplagt hatte, und dem Hund, der jeden Ankömmling einzeln und eingehend
beroch. Die letzten, die hereintröpfelten, sahen schon von unten die
ersten Lichter am Baum brennen, sogar durch die zugezogenen Vorhänge;
die ersten bemerkten dasselbe durch das unverstopfte Schlüsselloch.
Darauf läutete das Glöckchen, ging die Tür zum Bescherungszimmer auf
und begann sich die Kinderrotte über die Schwelle zu schieben. Mit den
Mädchen ging es noch; die waren neugierig und zutraulich. Aber was
ein rechter Junge ist, der hat schon nicht mehr das reine Gewissen
wie im Mutterleib und ist vorerst von einer würdevollen Mischung aus
Welterfahrung, Mißtrauen und Tölpelhaftigkeit sehr erfüllt; jedenfalls
im Beginn einer zivilisierten und gesellschaftlich mehr gemischten
Angelegenheit beherrscht diese verzwickte Stimmung sein Benehmen
durchaus. So drückten sich die Herren Buben zunächst eher verdrießlich
scheinend an der Tür herum und blinzelten erwägend in die Lichter des
Christbaums, und je älter einer war, desto tiefer versenkte er die
Hände in den Hosensäcken und duckte er den Kopf zwischen die Schultern.
Aber die frommen Geister, die mit gütigen Herzen im Baum schwebten
und ihnen die schon prosaischen Augen und die abwartenden Mienen
beglänzten, weckten und lockten auch rasch das Träumerische in ihren
Seelen, die darum, weil sie's enthielten, nicht ~weniger~
männlich waren, sondern ~mehr~, obwohl sie's anders glaubten.
Eine Zeitlang verscheuchte sie noch die fremde Dame, die vornehm in
einem Lehnstuhl saß und sie mit falscher Teilnahme, wie sie sofort
witterten, und herrischen Augen musterte; aber dann begann ihnen der
Duft von Lebkuchen und Hausgebäck in die Nasen zu steigen, und darüber
vergaßen sie auch die Großstädterin. Den Mädchen machte diese weniger
zu schaffen, obwohl auch sie sie als störend empfanden. Indessen
klang das alte, selige Weihnachtslied unter Lindes Händen vom Klavier
auf, und unter dem Vortritt der Mädchen ließen auch die Buben sich zu
einigem Gesang herbei, der sich bis zum Schluß der letzten Strophe
ganz ordentlich steigerte, einesteils aus Wirkung von innen heraus,
anderseits von außen herein, denn auf der langen Tafel lag diesmal
nicht wenig. Vorher hatten sie noch die schöne Evangeliengeschichte
mit anzuhören, die sie zwar schon kannten, von denen ihnen aber doch
manches heute wieder plausibel und vielversprechend vorkam, besonders
ihre drei Glanzpunkte, nämlich daß jedermann in seine Stadt ging, um
sich vom Kaiser Augustus schätzen zu lassen, dann daß das Kindchen in
eine Windel gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde, und endlich daß
die Engel nach dem Gesang wieder gen Himmel fuhren; dies sahen sie
sogar am deutlichsten und leuchtete ihnen am meisten ein, weil sie
gewöhnt waren, nach dem Singen auch immer abzufahren.
Nach dem zweiten Lied durften sie dem Geschenktisch näher treten und
hörten sie von Linde, daß die schönsten Sachen von der Frau Professor
Klinger kämen, die da säße, und der sie nachher dafür danken müßten.
Linde war jetzt wieder ganz frei und in ihrem Element sicher, und es
gewährte ihr eine besondere Genugtuung, daß sie der Feindin nicht
das mindeste schuldig zu bleiben brauchte. Die Mädchen ergriffen
von ihren teuren Geschenken sofort und ohne Hemmungen Besitz, aber
die Buben, die von übler Nachrede und von der Unrätlichkeit, durch
irgend etwas Besonderes in der Welt aufzufallen, bereits genügend
Bescheid wußten, hielten sich mehr an die gewohnten Gaben, die auch
besser in ihre etwas nüchterne Stimmung paßten. Das meiste Mißtrauen
erregte das elegante und »fortgeschrittene« moderne Spielzeug,
Gedächtnis- und Geduldsübungen, Lehrspiele, Erziehungsspiele,
Diabolo, das in den Großstädten längst aus der Mode war, Rollschuhe
veralteter Konstruktion, die sie auch mit der neuesten auf ihrem
Wackensteinpflaster nicht brauchen konnten, gesittete Kartenspiele,
Kinderkrockets aus zurückgesetzten Beständen und was sonst so die
großstädtische Unternehmung gern aufs Land abschiebt, um es noch an
den Mann zu bringen, wobei zu bemerken ist, daß die Klingse sehr wohl
wußte, was vollgültige Marken waren und was nicht; sie war nicht etwa
übertölpelt worden.
Zur Geschenkbesichtigung hatte sie sich erhoben, um von Gruppe zu
Gruppe gehend einige Anweisungen über den Gebrauch der Dinge zu
erteilen, die mit Befremdung über den norddeutschen Dialekt und mit
Unglauben über den Inhalt entgegengenommen wurden, denn sie sah den
Kindern nicht aus, als ob sie in ihrem Leben jemals gespielt hätte.
Linde allerdings wußte weiter auch nicht Bescheid darüber, doch
fühlten ihr die Kinder ab, daß sie wenig begeistert war, und aus ihren
innerlich vornehmen Bemühungen, ihnen die Ware mund- und handgerecht
zu machen, witterten sie nur die Verdächtigkeit des Umstands, daß sie
das überhaupt für nötig hielt. Nebenbei sah sie, daß die prachtvollen
wollenen Stücke auch nicht wenig Baumwollenes an sich hatten und
übrigens durch teilweise schon deutliche Vergilbungen ihren Charakter
als Ladenhüter ohne übertriebene Scheu anzeigten. Die Klingse gehörte
zu jenen Wohltäterinnen, die für ihre Betriebsamkeit sehr sorgfältige
Verbindungen mit allerlei Ramschgeschäften und Saisonausverkäufen
unterhalten, und denen für sich nicht bald etwas gediegen und frisch
genug scheint, aber für andere immer rasch.
Indessen kam auch diese Feier zu ihrem Ende. Die Kinder sangen noch ein
Schlußlied und konnten abziehen. Eins nach dem andern bedankte sich
gebräuchlicherweise mit dem Respekt oder der Verehrung, die man vor
ihr hatte, bei Linde und mit angemessen erzeigtem Vergnügen. Um die
Dame aus Norddeutschland bemühte sich weiter niemand. Nur zwei oder
drei magere, bleiche Dinger, die durch eine besondere Bettelhaftigkeit
bekannt waren, näherten sich ihr untertänig und mit dem früh entblößten
Blick der jugendlichen Verdorbenheit; die Klingse konnte sicher sein,
nächstens von deren Eltern einen ausführlichen Bericht über das
herrschende Elend zu bekommen und, wenn der nicht half, auf der Straße
angesprochen zu werden. Sie sah von ihrem Erfolg wenig entzückt aus und
mit kalten Augen zu, wie sich alle Köpfe blond und dunkel um Linde wie
um einen leibhaftig herabgestiegenen Engel drängten, dem sie in ihrem
weißen Kleid den Abend auch mehr glich als der irdischen Rivalin einer
so vielvermögenden Weltdame.
»Es hätte dir angestanden, die Kinder auch zu mir zu schicken«, sagte
sie nachher mit mißfälliger Schärfe aus ihrem Lehnstuhl heraus,
wohinein sie sich vor Verdruß wieder geworfen hatte. »Sie können nichts
für ihre plebejischen Gewohnheiten, aber für dich als Erzieherin ist es
kennzeichnend, daß du sie benutzt, um einen billigen Triumph zu feiern!«
»Was willst du? Du hörtest selber, daß ich sie angewiesen habe!«
entgegnete Linde versöhnlich, vor allem bestrebt, sich ihre gute
Stimmung nicht verderben zu lassen. Ȇbrigens bin ich nicht die
Erzieherin der Kinder, sondern die Freundin.«
Mit diesen Worten ließ sie sie sitzen, zumal auch der Baum gelöscht
war, und ging zu Brigitt in die Küche hinunter, die sie wegen ihres
weißen Kleides mit Gebrumm, aber wegen der heitern Augen erfreut
empfing, denn diese zeigte sie in der letzten Zeit nicht mehr oft.
»Die Rangen haben mir doch wieder die Treppe versaut«, sagte sie
kopfschüttelnd. »Aber der Karpfen ist schön heuer.« Das war ebenfalls
keine übelklingende Weihnachtsbotschaft, wenn auch nicht gerade ein
Engel sie sang, aber der fromme Fisch wurde auch keineswegs von lauter
Engeln verspeist, sondern es half daran alles in allem ein halber oder
sterblicher wenig, eine Art vom Gegenteil mehr und ein dunkel belebter
geistlicher Adam mit Hingabe und heute zum Frieden gestimmt. Leider kam
er nicht dazu, obwohl ihn die Engel gerade wieder vernehmlich aus der
Höhe riefen; es fehlte zur Zeit Gott noch zu merklich an Ehre und daher
dem Adam an Wohlgefallen. Die Tante gab die Vorgänge der Kinderfeier,
nun bereits ins Anekdotische verkleidet, mit Laune zum besten, aber mit
säuerlicher, und der Dechant fand auch, daß Linde die Jugend besser
zum Danken hätte anhalten müssen. Linde schwieg, wieder um einen
Breitegrad vereinsamt, doch fortgesetzt darauf gesammelt, ihr eigenes
Christgeschenk in der Seele unzerstört über den Abend zu retten. Sie
rettete damit den Abend, weil sie heute mit der Gutmütigkeit des
Dechanten rechnen durfte.