Viertes Kapitel

Es kommen erregende Briefe, und alles geht an Linde hinaus; sie wird

von der Tante angefochten und vom Dechanten zur Beichte vorgeladen,

nachdem der Dechant vom Erzbischof zur Verantwortung vorgeladen wurde

Es gibt Tage, die besonders mit Ereignissen geladen scheinen, von denen

wie die Kirschen des Pagen Seydlitz immer eins das andere nach sich

zieht. Zum Frühstück, das man elektrisch beleuchten mußte, weil draußen

nun aus einem schweren, tiefen Spätnovemberhimmel der Regen troff,

brachte der Postbote drei Briefe, die alle naß geworden waren, erstlich

den bekannten des Leutnants an Linde, worin er ihr vorschlug, auf eine

Zeit das Haus zu verlassen, zweitens einen ebenfalls vom Leutnant an

die Tante und dann noch einen an den Dechanten, von dem nachher die

Rede sein wird.

In dem Brief an die Tante gab sich Heinz zum erstenmal in gewissen

verschleierten Wendungen, die sonst nicht seine Art waren, Rechenschaft

über schwebende Fragen oder solche, die ihm mit der Zeit diesen

herausfordernden Charakter angenommen hatten, ungewissen Aussichten,

die noch keins von beiden bisher berufen mochte, obwohl sie schon seit

geraumer Zeit zwischen ihnen standen. Nachdem er dann noch dies und das

von der Sehnsucht und Unersättlichkeit des Mannes, in welche Regung

er nachgerade viel Einblick zu haben glaubte, so scheinbar »objektiv«

als heimlich erregt und erregend geschrieben hatte, teilte er ihr den

Vorschlag an Linde mit und bat sie, ihm darin zu helfen.

»Ich kann verstehen«, hieß es da wörtlich, »daß Du bei den letzten

schweren, wie Du schreibst, beinahe vernichtenden Erfahrungen in der

Großstadt die Ruhe und Geborgenheit des Pfarrhauses und der kleinen

Verhältnisse noch brauchst, und wenn ich zurückdenke, so machtest

Du auch mir einen etwas aufgelösten und ziellosen Eindruck, an dem

heutigen gemessen. Daß Du bei Lindes Überbürdung mit dem häuslichen

Kleinkram, wozu sie immer sehr geneigt hat, dem Dechanten viel sein

kannst, sehe ich auch ein. Er wird mit der Zeit deinen weltmännischen

und großzügigen Einfluß sehr schätzen lernen; vielleicht wirst du

unermüdliche Schrittmacherin der männlichen Talente sogar anfeuernd

und fördernd auf ihn wirken und ihn aus seiner Theologie herauslocken.

Das wäre freilich ein großer Triumph deines Rationalismus. Bei alledem

stört mich nur die Vorstellung, das Mädchen neben dir im Haus zu

wissen. Es ist wie ein Stilfehler, der mich innerlich unfrei macht und

mir, wie du vielleicht begreifst, nicht sehr erwünscht sein kann. Also

hilf mir bitte in dieser -- ich möchte sagen: Korrektur des dortigen

Bildes.« Und so weiter.

Nun wußte sie sofort, warum die Vorstellung ihn unfrei machte, und

was für eine Vorstellung das überhaupt war. Der letzte Grund seiner

Unlustgefühle bestand in der Achtung, die er nach wie vor auch bei

scheinbar schwindender Liebe der jungen Respektsperson und seinem

Verhältnis zu ihr darbrachte. So glaubte sie zwar, daß in der

Entfernung sein Liebesgefühl abgenommen habe, zumal es durch sie

bestritten wurde, aber sie glaubte nicht an eine Erschütterung der

Liebesgrundlage, vielmehr war sie vorläufig davon überzeugt, daß alles

neu da sein werde, sobald die jungen Menschen einander wieder zu sehen

bekämen, und dies, obwohl der heutige Brief des Leutnants ohne jede

Gewaltsamkeit und Selbsttäuschung, denn sie hatte ihn nicht erwartet,

als Heiratsbetrachtung ausgelegt werden konnte, und zwar mit ihr,

Malva Klinger. Sie lächelte viel mehr erwägend als spöttisch, während

sie ihre Rivalin mit einem Blick streifte. Ihr war zuviel bekannt

von den unfruchtbaren Qualen der Sehnsucht, den ziehenden Leeren der

Einsamkeit und den kalten Schrecken des unerbittlich anrückenden

Alters, als daß sie ein solches Angebot nicht sehr sorgfältig bedacht

hätte, zumal in einem Fall wie dem vorliegenden, wo sie längst liebte

und für ihr Gefühl nicht wenig gelitten und geduldet hatte. Ein

Entschluß jedenfalls stand ihr sofort fest, noch während sie den Brief

zusammenfaltete und wieder in den Umschlag steckte: sie würde Heinz

nicht bei der Entfernung des Mädchens helfen, da sie alles Interesse

daran hatte, Linde in dem »störenden Verhältnis« zu erhalten und ihn

in seiner »unerwünschten Unfreiheit«. Wenn sie Aussicht besaß, die

Liebesgrundlage zu erschüttern, so war es durch die Pflege dieses

wertkränkenden Umstandes, und obendrein gewann sie darin -- durch sein

Leiden an den Dingen -- in Tiefen Gewalt über ihn, die ihr sonst nicht

zugänglich geworden wären.

Die Stimmung, die sie aus diesem ganzen Tatbestand zog, empfand

sie sofort als vermehrte Lebenssicherheit und als Geneigtheit zu

vorsichtiger Unternehmung. Vorläufig wußte sie noch nicht, was in

ihr größer war, die Liebesbeziehung zu Heinz oder die Haßbeziehung

zum Mädchen. Zwischen ihr und Linde, so kam es ihr manchmal zu ihrer

peinlichen Verwunderung vor, schwebte vielleicht mehr als nur eine

Reihe von Zufällen und Anlässen, bei denen sie einander hassen und

fürchten gelernt hatten, sie verband unter Umständen eine Feindschaft

von Anbeginn, die ihren Austrag verlangte und ihr Opfer wollte.

Möglicherweise bedeutete die Liebe zu demselben Mann nur ein Symbol,

dann freilich ein sehr bedeutsames und unausweichliches. Inzwischen

beschloß sie, gleich nachher mit der Feindin in dieser Richtung ein

Vorpostengefecht herbeizuführen.

Unterdessen hatte auch der Dechant seine Morgenlektüre beendigt, und

sie war von einer Qualität, daß sie ihm die aufmerksam auf die heutige

Leistung gesammelte Stimmung, mit der er zum Frühstück erschienen war,

von Grund auf störte, ja in der Folge davon verspürte er sogar Lust,

den andern ihre friedliche zu verderben. Indem er sie aber der Reihe

nach betrachtete, fand er nur sehr schwache Spuren davon an ihnen, und

bemerkte er weiterdenkend, daß der Friede in seinem Haus überhaupt eine

fragliche Ware geworden sei. Die Tante lebte zwar mit ihren Büchern und

ihrer ausgebreiteten Korrespondenz ihren gewohnten weltläufigen Stil

weiter und hatte sich nachgerade so geschickt ins gestörte Hauswesen

eingefügt, daß sie manchmal geradezu unentbehrlich schien. Andererseits

hatte sie ihn bis auf diesen Tag schon zu allerlei widerstrebenden

Freundlichkeiten halb verführt und halb gezwungen, und während er sich

daran erinnerte, wandte er den Blick unbehaglich zu Linde. Die hatte

schmale Wangen und dunkel unterstrichene Augen, und es fehlte ihr weder

an Güte noch an strengen Lieblichkeiten, aber am rechten glücklichen

Jugendlicht, obwohl sie eben einen Liebesbrief aus der Hand gelegt

hatte. Es brauchte manchmal nicht viel, daß er sie freundlich zwang,

eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen, aber es brauchte doch noch etwas,

nämlich daß von den beiden zähen Schmollern einer dem andern einen

Vorsprung ließ. In der Zeit beruhigte er sich damit, daß ihr ja die

Tante einen großen Teil der Arbeit abnehme. Jetzt saß sie freilich da

und rührte traurig sinnend in ihrem Kaffee, ohne etwas zu genießen, und

mit einem verdrossenen und heimlich aufgebrachten Blick erhob er sich

so plötzlich und ungeduldig, daß beide Frauen fragend die Augen nach

ihm wandten. Aber er hielt sich nicht mit Erklärungen auf; bloß an der

Tür drehte er sich noch halb um und sagte: »Komm dann nachher einmal zu

mir herauf, Linde; ich habe mit dir zu sprechen.« Bald darauf hörten

sie ihn mit unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen.

Eine Weile horchten die Frauen stumm auf das einsame Geräusch, Linde

mit den Gedanken bei dem entfernten Freund, die Tante sich zum

beabsichtigten Gefecht rüstend. Schließlich räusperte sie sich.

»Warum ißt du nicht?«

»Mir ist heute nicht ganz gut«, erwiderte Linde einfach. »Ich will ein

wenig fasten.«

»Heinz schreibt, er hätte dir geraten, den Ort zu wechseln, und ich

solle ihm dabei helfen. Ich werde ihm natürlich nicht helfen, sondern

denke, daß du hierbleiben wirst.«

»Warum denkst du das?« fragte Linde, auf eine Feindseligkeit gefaßt.

»Ich könnte sagen, weil der Dechant dich braucht, und hätte sonst

gar nichts nötig«, erwiderte sie singend und etwas von oben herab.

»Aber es wäre nur halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß du die

Nachsicht deines Onkels nötiger brauchst als er deine Dienste. Es haben

jetzt nicht alle Leute soviel Gutmütigkeit, ein kränkliches und nicht

übermäßig tüchtiges junges Mädchen um einiger Nettigkeiten willen zu

unterhalten. Du hast immer noch nicht begriffen, daß wir Krieg führen,

und was das in seinem ganzen Umfang bedeutet: Krieg! Nun, manchen hat

Gott ihren sanften Egoismus gegeben, daß sie sich leichter haben,

aber sie sollten wenigstens begreifen, daß andere das Leben nicht so

leicht finden, und ihre Haltung danach einrichten. Mir scheint deine

christliche Selbstgenügsamkeit etwas billig, und es wäre gut, wenn du

dich bemühtest, wieder etwas mehr zum allgemeinen Leben beizutragen.«

»Insofern wäre es vielleicht doch besser, auf eine Zeitlang den Ort zu

wechseln, da ich dir hier soviel Anstoß gebe«, meinte Linde.

»Insofern wäre es besser, deine Tonart zu wechseln«, versetzte die

Tante schärfer. »Ich bewundere nichts an dir als die Stirn, die du nach

allen Vorgängen noch hast.«

»Von was für Vorgängen sprichst du?« begehrte Linde aufhorchend zu

wissen, während auf ihren Wangen eine leise Röte erschien. Die Tante

lächelte.

»Viel Sicherheit tönt nicht aus deiner Frage«, spottete sie. »Obwohl

ich immer fand, daß Personen deines Schlages überraschend dickfellig

sind. Ich besitze ja wirklich kein Bedürfnis, von dir um Verzeihung

gebeten zu werden; solche frommen Scherze liegen mir gar nicht. Aber

es hätte für dich gesprochen, wenn du während der langen Zeit meines

Hierseins einmal Gelegenheit genommen hättest, eine begangene kindliche

Niedertracht ins gleiche zu bringen. Auf deinen Charakter hab' ich mich

nie verstanden.«

»Wenn du keine Bitte um Verzeihung erwartest, was verstehst du dann

darunter, etwas ins gleiche zu bringen?«

Die Tante bemerkte mit Ärger die Herausforderung in dieser Frage. Einen

Moment stutzte sie sogar darüber. »Oh, ganz einfach und von Mensch zu

Mensch«, brach sie dann mit einem etwas unangenehmen Lachen los. »Ganz

natürlich! Es ist nicht die mindeste Übernatürlichkeit dabei. Wir sind

nur gewöhnliche Weltmenschen, aber wir halten auf gute Sitten, obwohl

wir manchmal auch höhere Ideen hätten. Man kann ja Kindereien begehen

aus Dummheit, aus Bosheit, ja aus Bequemlichkeit; du siehst, es fehlt

mir nicht an Toleranz. Aber wenn man ältere Personen in Mitleidenschaft

gezogen und sogar menschliche Verhältnisse auf lange hinaus verdorben

hat, und man fängt dann einen frommen Wandel an, so glaubte ich

bisher, dergleichen beginne damit, daß man zuerst seine persönlichen

Verhältnisse ordnet auch mit solchen Personen, die man nicht besonders

gut leiden kann, trotz aller Heiligkeit. Abneigungsmotive sollen ja

sonst bei wirklich frommen Menschen nicht mehr wirksam sein. Aber

vielleicht bist du noch eine sehr grüne Heilige, und dann muß man dir

manches nachsehen. Nun, ich in meinem Teil stehe auf dem Standpunkt,

daß ich mein Verhalten zu dir ganz von deinem Verhalten zu mir abhängig

mache. Du kannst mich so erleben und kannst mich anders erleben. Das

wollte ich dir schon lange einmal sagen. Richte dich also danach. Auf

schöne Worte gebe ich aber nichts; damit bin ich schon lange nicht mehr

zu fangen.«

Linde saß nun wieder mitten im gerechten Zorn. »Hattest du etwa das

Gefühl, daß es mir darauf ankomme, dich mit irgend etwas zu fangen?«

»Ich brauche dir über meine Gefühle ja wohl nicht Rechenschaft zu

geben«, achselzuckte die Tante etwas dürr und erhob sich. »Wenn dir

daran liegt, sie kennenzulernen, so mußt du dir, wie schon gesagt,

einen andern Umgangston dafür aussuchen.«

»Den Ton in diesem Haus gibst ja gegenwärtig du an«, bemerkte Linde.

Die Frau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Sehr nett«, anerkannte sie

hochmütig. »Aber ich werde nicht mit dir zanken, meine Liebe. In einem

so vertraulichen Verhältnis stehen wir ja nicht zueinander.«

»Das war auch immer meine Auffassung!« bestätigte das Mädchen ernst.

Der Tante fiel der schwermütige Gesichtsausdruck auf, mit dem sie

diese Worte sprach, und er gab ihr nachher noch zu denken. Für jetzt

erwiderte sie lächelnd und mit vorgeschobenem Kinn:

»Wie du meinst, mein Kind. Dann gehst du aber etwas unbequemen Zeiten

entgegen.«

»Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt«, sagte Linde um einen Schein

blasser und bitterlich ihren Blick festhaltend. »Ich denke, wenn du

dagegen bist, daß ich den Platz hier verlasse, so will das heißen, daß

du ihn bald räumen willst.«

Der Hieb saß. Die Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, fuhr

getroffen herum und tat beinahe unbewußt einige Schritte zum Mädchen

zurück, das noch auf seinem Stuhl saß. »Ich bin dir immerhin verbunden,

daß du endlich dein wahres Gesicht zeigst«, erklärte sie, nun ebenfalls

mit zitternder Stimme, aber vor Wut und ein wenig zischend, sosehr sie

sich auch Gewalt antat. »Mein Kindchen, um eine solche Haltung mit

Erfolg durchführen zu können, bist du ein bißchen zu provinzlerisch,

und dazu hast du schließlich auch nicht den sittlichen Standpunkt. Zum

Glück stehen noch Mächte und Personen hinter uns, die dir Autoritäten

bedeuten, und bei denen dir an deinem guten Ruf etwas gelegen ist.

Nein, meine Liebe, ich werde den Platz zunächst noch nicht räumen;

darüber beruhige dich nur. Es liegt mir im Gegenteil daran, ihn noch

länger mit dir zu teilen. Hast du mir sonst noch einen zartfühlenden

Vorschlag zu machen? Es scheint nicht. Nun, ich stehe dir ja jederzeit

zur Verfügung.«

Nach diesen Worten ging sie ziemlich rasch ab, solchermaßen das letzte

behaltend. Linde erhob sich wenig später müde und unter einem großen

innern Schweigen, um ihre Tagesgeschäfte fortzusetzen. Nachdem sie in

den untern Räumen fertig war, stieg sie zum Dechanten hinauf, um zu

hören, was er ihr zu sagen hatte.

Über den Dechanten hatte in jener Zeit die Kunstleidenschaft

vollständig die Herrschaft gewonnen. Die Stunden, die er nicht auf

dem Bauplatz verbrachte, wozu ihm die Kirche jetzt ganz geworden war,

steckte er in seinem Museum oder im Arbeitszimmer über alten Chroniken

und über seiner neuen, zusammenfassenden, von der gegenwärtig eben die

ersten Kapitel wurden. Anders als kunsthistorisch beschäftigt sah man

ihn überhaupt nicht mehr im Dom. Die gottesdienstlichen Handlungen

samt der Beichte und der Predigt überließ er unbeschränkt seinen

Hilfsgeistlichen, die erstere, weil ihm die Stimmung dazu fehlte, die

letztere, weil ihm die Vorbereitung zuviel Zeit weggenommen hätte, denn

er besaß bereits einen auf den Termin festgelegten Vertrag mit einem

Verleger. Gegenwärtig wurden die photographischen Aufnahmen gemacht,

mit denen nachher das gelehrte Werk ebenso anschaulich unter- und

überbaut als kurzweilig geschmückt werden sollte. Der Dechant lebte

ständig in einer gewissen geistigen, aber nicht geistlichen Erregung,

und für alle nicht kunstgeschichtlichen Verhältnisse und Beziehungen

seines Lebens verlor er in zunehmendem Maß die Aufmerksamkeit und

den Sinn. Außerdem spannte ihn ein Ereignis, von dem noch die Rede

sein wird. Er lebte abwesend, wühlend und in einem ständig seine Glut

steigernden Vorfeuer des weltlich-wissenschaftlichen Ehrgeizes nach

Erfolg und Ruhm. Das war auch mit ein Grund, warum die Tante in ihrer

Hauspolitik schließlich von ihm unbehelligt blieb; jetzt schob er alles

auf und hinter sich, was an ihn sonst noch Ansprüche stellte, und zwar

nicht lässig und lahm, sondern mit heftig entschiedenen Bewegungen und

stets reizbarer, leidenschaftlicher Abwehrgebärde.

In diese Stimmung hinein hatte ihn diesen Morgen ein Schreiben

des Erzbischofs getroffen. Es beschäftigte sich mit seiner

Kirchenrenovation, über die er einige grundsätzliche Bedenken äußerte.

»Wir haben es gutgeheißen«, stand darin, »daß Du nebenbei einige

Gelegenheit benutztest, um das eine oder andere alte Gerät wieder

ans Licht zu bringen, was Dir denn auch vielfach gelungen ist. Du

weißt, daß Wir von vornherein keinen sehr großen Nachdruck auf diese

Möglichkeit legten, von der Wir nur als Gelegenheit sprachen. Wir

meinten daher auch keineswegs, daß, wie es seither immer mehr den

Anschein gewonnen hat, Du das ganze Werk auf eine Liebhaberei und auf

eine Leidenschaft einstellen würdest, die weniger Gott und der Gemeinde

dienen als der weltlichen Wissenschaft. Laß Du die Kunstgeschichte

denen, die diesen Zweig von vornherein für sich gewählt haben. Du

hast, soviel Wir wissen, den Dienst Gottes an der Seele der Menschen

für Dich gewählt. Die Klagen über Deine so ungebührlich in die Länge

gezogene Kirchenrenovation mehren sich. Ich weiß, daß Du in einseitigem

Eifer mit der weltlichen Behörde Abmachungen trafst, die den Termin

der Wiedereinweihung Deines Domes um Monate hinausgeschoben haben.

Darüber wirst Du Dich noch besonders vor Uns zu verantworten haben.

Die Gemeinde kniet im Maurerstaub. Die heiligen Geräte und Symbole

der Jetztzeit liegen im Schuppen, während Du alte ausgräbst, und

die Gläubigen sehen auf eine zerstörte Stätte, auf Attrappen aus

unbemaltem Karton und auf rohe Gerüste, die längst wieder aus der

Kirche sein sollten. Wir wollen daher, daß Du am nächsten Montag Dich

bei Uns einfindest, um Uns Rechenschaft über den Stand der Dinge zu

geben und Unsern endgültigen und unwidersprechlichen Entschluß über

die weitere Führung jener Geschäfte zu erfahren. Wir werden dann auch

noch andere Fragen zu besprechen haben, die Dein persönliches Leben

und Deine Hausordnung angehen, und die ebenfalls Unser lebhaftes

Bedenken erregen. Sieh zu, daß Du über alles befriedigende Auskünfte

geben kannst, die Wir Uns gerade von Dir herzlich wünschen. Inzwischen

empfange Unsern Segen.«

Vom Segen spürte er diesmal nicht viel, sosehr er den alten Herrn

bisher verehrt hatte; er steckte jetzt voll weltlich erregter Ströme,

die einem solchen frommen Einfluß widerstrebten. Heftiger brandeten

sie freilich an dem unerwartet entgegengestellten Hindernis auf, und

der Unmut dieses Sohnes der Kirche über die vorgesetzte väterliche

Gewalt war nicht klein, aber sofort stark von schlechtem Gewissen

bestritten. Nun wäre die Erregung in solchem Umfang trotzdem nicht

ganz zu verstehen und würfe ein schlechtes Licht auf den Charakter

des Dechanten, wenn man nicht erführe, daß er gerade diese Tage über

eine alte Handschrift geraten war, die alle seine Leidenschaften aus

dem Grund neu aufregte. Denn in dieser Handschrift stand klipp und

klar, daß unter dem Boden des Chores, da, wo in der darunterliegenden

Krypta alle Traggewölbe nach dem Mittelpfeiler zusammenlaufen, in

diese Vereinigung zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Kasten mit

goldenen Geräten, die schon in der Handschrift als alt bezeichnet

wurden, versenkt worden sei. Mit dieser Nachricht erklärte sich dem

Dechanten erstens auf einen Schlag die auffällige Armut des alten,

vielverehrten Gotteshauses an goldenen Geräten und an Edelsteinen, an

denen viel jüngere und weniger berühmte Dome unverhältnismäßig reicher

waren, zweitens der Umstand, daß er nirgends auf einen Hinweis über

den Verbleib der unzweifelhaft vorhanden gewesenen Votivgaben gestoßen

war, und drittens weckten sie in dem einfach lebenden und persönlich so

anspruchslosen Mann urplötzlich einen rechten Heißhunger, eine geistige

Wolfsgier nach kirchlichem Besitz, Gold und Edelgestein, Reichtum und

schwerer Pracht, daß er seit den Tagen, die er mit diesen schwülen

Vorstellungen im Kopf herumlief, sich selber nicht mehr kannte. So gut

ihm die Armut und Einfachheit seines Domes bisher gefallen hatten, so

ehrgeizig wild, um nicht zu sagen: verwildert, umflogen nun seine

Gedanken die Stelle im Chor, in welcher ein solcher Glanz verborgen

war. Durch die Hebung des Schatzes konnte womöglich sein Dom von einem

Tag auf den andern alle übrigen an Besitz und geschichtlicher Bedeutung

überstrahlen, abgesehen von dem Ruhm, den ihm die Tat persönlich

einbringen mußte.

Die Schwierigkeit dabei war aber die, daß der Architekt ein

bedenkliches Gesicht machte, nicht über die Urkunde, an die glaubte er

ebenso wie der Dechant, aber über die technische Ausführung der Hebung.

Er wollte sie nicht wagen ohne eine ausgiebige Stützung des Gewölbes,

und zwar des ganzen, da man nie wissen konnte, welche Überraschungen

man mit einer alten Krypta erlebte, wenn man sich mit ihrer Struktur

einließ. Der Bau war im ganzen nicht mehr sehr kernig und hing

hauptsächlich durch sich selber zusammen; ein Turm war schon vor

dreißig Jahren eingestürzt, und ein Eingriff wie der beabsichtigte war

ein Unternehmen von ernstlicher Tragweite an Mitteln, Zeit und Geld.

Anstatt eines günstigen Zufalls nun, der dem Dechanten weitergeholfen

hätte, kam dieser Brief des Erzbischofs seiner Leidenschaft

außerordentlich unerwünscht in die Quere, und wenn es ihm nicht gelang,

den hohen Herrn am Montag für die Ausgrabung zu gewinnen, so wußte

er nicht, was weiter werden sollte. Indessen glaubte er im letzten

Grund nicht, daß der Erzbischof auch unter diesen Umständen an seinem

Einspruch festhalten würde, und nötigenfalls ließ sich vielleicht

zwischen ihm und der weltlichen Behörde ein Abkommen zustande bringen,

nachdem er sich noch ein bißchen länger geduldete und die weltliche

Behörde einige Arbeiter mehr stellte.

Für diese Angelegenheit rüstete er sich also mit einigem Mut, für

die auferlegte Rechtfertigung mit Ergebenheit, zum voraus wissend,

daß er sie nicht zum besten bestehen werde, und was den letzten Satz

des Hirtenbriefes nicht an die Herde, sondern an den zweifelhaften

Unterhirten anging, der sich mit dessen privaten und häuslichen

Angelegenheiten befaßte, so sah er sich zu seinem tief betroffenen

Verdruß nun doch genötigt, zwischen allen Geheimnissen einen Austrag zu

suchen, denn das Geraune oder Geschwätz, wenn es kein Geschrei war --

er wußte ja nicht mehr, was in der Gemeinde vorging --, hatte offenbar

bereits den Weg ins erzbischöfliche Palais gefunden und kam ihm von

dort in der Form einer sehr ernsten Drohung und einer Vorladung zurück.

Er mußte also über diese Dinge zumindest Bescheid wissen, und das war

der äußere Grund, warum er Linde zu sich befohlen hatte. Die innere

Veranlassung besaß er schon lange.

»Setze dich, Linde«, sagte er nicht ungütig zum Mädchen, als es

eingetreten war, und wies ihm einen Stuhl an. »Du kommst nicht zu oft

dazu. Warum nimmst du nicht wieder einmal dein Mittel ein? Mir scheint,

daß du's brauchen könntest. Am besten wäre gewesen, du hättest damals

eine Aushilfsköchin angestellt, als ich's dich hieß. Nun, wie du

willst. Hoffentlich geht's mit der Brigitt bald wieder aufwärts. Wie

war die Nacht?«

Linde gab Auskunft und wartete wieder. »Hm!« machte der Dechant und

ging nachdenkend und mit seiner Verstimmung kämpfend einige Male auf

dem Teppich vor dem Bücherregal auf und ab. »Deshalb habe ich dich

übrigens nicht herbestellt. Du hast mir vor einiger Zeit eine Auskunft

verweigert, du weißt welche, du hast sie sowenig vergessen wie ich.

Es brauchte weiter nichts dahinter zu stehen; eine Störung in den

innerlichen Beziehungen, sonst nichts. Vom übrigen, dachte ich, werde

das Haus von selber rein werden. Nun, derlei Angelegenheiten haben

die Eigenschaft, daß sie um sich greifen wie Petroleumflecken. Wo sie

hindringen, verbreiten sie üble Gerüche und verraten, daß etwas nicht

in Ordnung ist. Heute stellt der Erzbischof dieselben Fragen an mich,

die ich damals an dich stellte. So weit haben wir das gebracht, daß

man uns von außen ins Haus greifen kann. Du bist mir immer noch die

nächste, mit der ich über diese Dinge reden mag. Ich gebe dir jetzt

Gelegenheit, unser Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Benütze

sie, Kind. Was ist jene Nacht um die Tante vorgegangen?«

Nun war für Linde der Augenblick der Rache da, ganz ungesucht zu

benützen und mit dem besten Gewissen zur allgemeinen Befreiung zu

wenden. Sie mußte freilich bedenken, ob es möglich sein werde, das

Geheimnis der Frau preiszugeben, ohne das eigene zu gefährden, aber

sie bedachte es nicht, sondern sagte nach kurzem Zögern: »Ich weiß es

nicht!«, ohne eine einzige egoistische Nutzanwendung angestellt zu

haben. Aber weil ihr einmal die Triebkraft ihrer Handlungen aus zwei

Quellen flossen, der Liebe und der Feindschaft, so erkannte sie neben

ihren innersten Gründen der Vornehmheit gleichzeitig einen äußern, der

ebenfalls zu einem innern wurde: sie durfte nicht dazu beitragen, die

Tante von hier zu vertreiben, denn aus der fortdauernden körperlichen

Gegenwart der bittern Frau gewann Linde etwas wie ein Sicherheitsgefühl

dafür, daß mit ihrer schwebenden Liebesmöglichkeit -- die Liebe selber

hing für diesen Frühling erfroren am Baum -- keine eingreifende

Veränderung geschah. Solange sie um Heinzens Geschick sozusagen unter

seinen Augen mit der Feindin kämpfen durfte, solange konnte er weder

ihr noch sich selber ganz verlorengehen. Nebenher fand sie freilich

ihre Gewissenslage gegenüber dem wohlmeinenden Mann und der geistlichen

Person fortgesetzt ungünstig.

»Hm!« machte der Dechant, wieder enttäuscht. »Ich hoffe, daß dich kein

unangebrachtes Feingefühl hemmt.«

»Mich -- hemmt kein Feingefühl«, sagte sie und glaubte es selber.

»So weißt du auch nicht, was es mit der Geflügelschere der Magd auf

sich hat und mit ihrem Nervenfieber? Dergleichen kommt nicht vom

Kuchenbacken an eine sonst so robuste Person. Sicher hat sie dir

Mitteilungen gemacht! Ihr seid ja wie Mutter und Tochter.«

»Ich weiß -- nichts«, erwiderte Linde mit Anstrengung. »Die

Geflügelschere hat sie wohl zuletzt in der Hand gehabt.« Und auf die

vorige Frage zurückkommend, sagte sie noch: »Die Tante spricht ja

selber von der Lampenglocke.«

Von ihren etwas eintönigen Ableuchtungen gereizt, trat der Dechant

ihr ungeduldig näher. »Das ist nicht die Miene, mit der man Wahrheit

spricht«, bemerkte er bewegt. »Es fällt mir schwer, dir geradezu ins

Gesicht zu sagen, daß du lügst, aber du solltest bedenken, daß ich dich

von Kind auf kenne. Nach der Blutspur werde ich dich nun gar nicht

fragen; du wirst mir antworten, daß die Tante Hilfe haben wollte. Aber

warum fand ich dich am Prozessionsmorgen, als der Betrunkene dagewesen

war, so vollständig erschüttert und niedergebrochen? Das sage mir.

Darüber mußt du Bescheid wissen.«

Gequält ließ sie ihn wieder einen Augenblick auf Antwort warten. »Ich

-- erschreckte mich über den Menschen«, sagte sie dann tonlos und

wartete weiter, sie wußte nicht worauf.

Ihm schlug das Herz vor Unmut, und der Blick trübte sich ihm, was bei

ihm stets mit großen Gemütserregungen verbunden war. Rasch trat er

vollends auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr

mit einer innerlich heftigen, doch nicht unzarten Bewegung den Kopf

zurück. »Linde«, sagte er leise, beinahe knurrend: »Linde, du weißt,

daß ich dich in der Beichte fragen kann! Willst du's darauf ankommen

lassen?« Aber als sie ihm nur mit abgewandtem Blick das blasse Gesicht

wies und mit festgeschlossenen Lippen schwieg, ließ er ihren Kopf

schwer verdrossen fahren und wandte sich, um seine ruhelose Wanderung

wieder aufzunehmen. »Es ist gut, du kannst gehen«, sagte er endlich,

nachdem er sich wieder gefaßt hatte, mit einer Stimme, die sie noch

nicht aufgab, aber die ihr tief erzürnt drohte. »Ich werde die Wahrheit

ja von andern Personen im Haus erfahren, aber es wird dir nicht zugut

kommen, daß ich zu ihnen gehen muß.«

Linde erhob sich mit einem Seufzer, stand noch einen Augenblick

schweigend mit düsterm Blick und verließ dann langsam und unter einem

Frostschauer das Zimmer. Draußen fiel sie nach der schlaflosen Nacht

und den Erregungen des Morgens eine solche Schwäche an, daß sie zuerst

ihr Zimmer aufsuchte, um sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen. Sie

sank sofort in eine fieberige Bewußtlosigkeit, aber nicht ganz, sondern

ein wenig wache Qual blieb immer noch vorhanden. Aus der gewollten

Viertelstunde wurden zwei und mehr, so mühselig sie auch um die

Herrschaft über ihre Glieder kämpfte. Endlich, als die Tante sie lange

nirgends mehr gesehen hatte und auch nicht in der Küche fand, obwohl es

ihr längst Zeit zum Kochen schien, ging sie sie suchen und fand sie,

wo und wie sie zu finden war. Da sie auch auf kalte und spöttische

Worte sich diesmal nicht aufraffte, hieß sie sie mehr, als daß sie

ihr erbarmend half, sich vollends zu Bett zu legen. Sie war heute zum

erstenmal in diesem Zimmer, das mit einigen Abwandlungen aussah wie

überall die Kammer eines gedankenreichen, warmherzigen und reinlichen

Mädchens. Alles blickte ihr von Wänden, Tisch und Kommode freundlich

und geordnet entgegen. Vor dem kleinen Altärchen der Mutter Gottes

standen farbige Strohblumen still und liebreich, und ebenso standen

sie vor einem Bild des Leutnants auf der Kommode nicht zum Vergnügen

der Tante, und indem sie sich daran erinnerte, was in diesem Zimmer

sich gegen ihre Wünsche zugetragen hatte, überfiel sie ein ärgerlicher

Verdruß, den sie schwer verbarg. Unterdessen sagte sie singend und

unteilnehmend: »Dann sieh nur, daß du morgen wieder zu brauchen bist!«

und verließ sie, ohne nach einem Wunsch gefragt zu haben.

Von Lindes Zimmer weg stieg sie in die Küche hinunter, um zu sehen,

was zu tun sei. Kochen war nun gerade die Angelegenheit, von der sie

am wenigsten verstand. Außerdem wäre es zu einem richtigen Mittagessen

zu spät gewesen. So fand sie zu ihrem und zum Glück des Dechanten

einen Teller kalte Kartoffeln, die sie briet, und ein Töpfchen mit

ebensolchem Kohl von gestern, den sie aufwärmte. Der Dechant fand das

Glück jedoch nicht übermäßig, und er aß mit geringer Begeisterung.

Da er nun außerdem dem Weib, um das sich soviel Dunkelheit und

gefährlicher Schein zusammenzog, am Tisch allein gegenübersaß, war ihm

auch innerlich nicht wohl, und flogen seine Gedanken wie Schwalben,

denen man das Haus zerstört hat, irrend und unermüdlich um sein

zerstörtes. Sie beobachtete ihn eine geraume Weile; schließlich fand

sie es für gut, das Wort an ihn zu richten.

»Du bist heute schlechter Laune, mein Freund«, redete sie ihn leicht

lächelnd an. »Ich glaube, daß du diesen Morgen üble Post bekommen

hast. Darf man nichts davon hören? Es wird ja doch mit dem Kirchenbau

zusammenhängen, mit dem dein ganzes Wohl und Weh verknüpft ist. Ist dir

wieder ein Vorgesetzter in den Weg gefahren?«

Der Dechant zuckte die Schultern. »Es ist die alte Leier«, sagte er

unlustig. »Den Leuten dauert alles zu lang; sie glauben, ein Münster

bessert sich in einem Tag aus wie ein Ziegenstall.«

»Mit dem Unterschied, daß unter einem Ziegenstall keine besonders

wertvollen Geräte gefunden werden«, meinte sie mit leichter Laune.

»Mein Freund, man muß nicht mit Leuten über Dinge disputieren, die sie

nicht verstehen. Wer etwas durchführen wollte, hat es noch allemal

allein schaffen müssen.«

»Ja, wenn die verschiedenen Instanzen nicht wären«, brach er los; ihre

Anteilnahme löste ihm die Sprache wie Malzzucker den Husten, und so

kam er, ob er wollte oder nicht, auf seine alte Chronik und den Schatz

im Chor zu sprechen. »Gut, wenn ich davon nichts wüßte, so möchte doch

jeder zu seinem Recht kommen. Aber zu denken, daß wir das Chor schon

vorgehabt haben und vielleicht nur zehn Zentimeter mit der Spitzhacke

von dem Gewölbe entfernt waren --!« Er schlug sich leidenschaftlich mit

der flachen Hand vor den Kopf, ohne zu vollenden.

»Nun, und wer steht dir im Weg zu diesem Schatz?« fragte sie.

»Der Erzbischof!« achselzuckte er lakonisch; sie hörte, daß hier vor

seinem Zorn eine Barre über dem Weg lag, und hielt es für gut, sie zu

achten.

»Er wird dir schon nicht die Handschrift in Luft auflösen«, sagte sie

tröstend.

»Das ist's ja«, zweifelte er trübe. »Wird er was darauf geben? Um einer

alten Handschrift willen, die nicht einmal beglaubigt ist, darf er

nicht einen solchen Aufwand an Zeit und Mitteln neuerlich zulassen.«

»Wird das einen so großen Aufwand geben?« erkundigte sie sich. Er

erklärte es ihr.

»Mit den nötigen Leuten wäre alles zu leisten, aber die kosten auch

wieder Geld, und ich bin zu Ende. Ob wenigstens die Regierung auf die

Handschrift sich bewegt, ist mehr als fraglich, ohne Beziehungen, wie

ich dastehe. Wäre sie mir doch ein Vierteljahr früher in die Hände

gekommen. Ist aber das Haus einmal geweiht, so kann ich überhaupt an

nichts mehr denken.«

»Das heißt«, warf sie lächelnd ein: »Du wirst an gar nichts anderes

mehr denken als an den vergrabenen Schatz. Aber wie wäre es, wenn wir

die Sache in der Stille miteinander machten? Wieviel brauchst du denn?

Fünftausend? Zehntausend? Ich stehe dir vollständig zur Verfügung. Du

wirst doch keine unüberwindliche Abneigung gegen protestantisches Geld

haben?«

Aber der Dechant schien eine zu haben. »Liebe Malva«, sagte er erkältet

und spröde abspringend: »Das ist gutgemeint, und ich danke dir, aber

darüber können wir nicht reden. Ich habe ohnehin schon genug Geschrei

um mich.«

Sie merkte, daß sie sich wieder zu weit vorgewagt hatte, und schwieg

ein Weilchen. Dann versuchte sie, der Sache von einer andern Seite

beizukommen. »Sieh mal«, sagte sie endlich, »du solltest mir nicht die

einzige Gelegenheit verwehren, die lange Gastfreundschaft, die ich

hier genieße, durch einen kleinen Dienst ein bißchen auszugleichen.

Du wirst mich nämlich noch nicht ganz bald wieder loswerden, außer

wenn du aggressiv gegen mich vorgehst. Die kleine Stadt und das

stille Haus mit seiner saubern und einfachen Atmosphäre tun mir

wohl. Ich habe nicht die beste Zeit hinter mir. Davon sprachen wir

noch nicht. Du weißt vielleicht noch, wie äußerlich und verhastet du

mich von Anfang fandest. Es war etwas Aufgelöstes und Zielloses in

mir. Gott, dieser Krieg mit seinen Aufregungen! Dann die Prozesse

um den wissenschaftlichen Nachlaß meines Mannes, bei denen beinahe

jede menschliche Gemeinheit wenigstens einmal irgendwo durchschlug.

Degoutant ist die Eitelkeit und Perfidie in dieser wissenschaftlichen

Republik. Nachher das ungeregelte Leben mit Schauspielern und

Literaten, durchdisputierte und -gerauchte Nächte auf Diwans oder auf

Teppichen am Boden -- wild, selbstbetäubend -- alles um die Öde des

Lebens zu füllen, während da draußen das Große vor sich ging. Nun, ich

will dich nicht mit Einzelheiten beschweren. Genug, von dieser Unruhe

-- vielleicht war's auch eine Hysterie, die in der Zeit lag -- davon

habe ich hier schon vieles verloren. Inzwischen wird meine kleine Villa

fertig werden; in die Großstadt zurückzugehen hätte ich jetzt einen

Schauder. Bist du also nicht durchaus gegen mich eingenommen -- ich bin

ja nicht immer ein bequemer und vergnügter Mensch --, so möchte ich bei

dir erst ganz zum innern Gleichmut kommen, bevor ich mich wieder weiter

hinaus wage. Ich bin immer noch nicht gewisse quälende und verfolgende

Traumgesichte los. Manchmal ist's mir, als ob ich über Kellern mit

Leichen lebte. Aber reden wir nicht weiter davon. Du hast also

gewissermaßen eine Mission an mir. Und nun also, wie gesagt, wäre ich

dir geradezu dankbar, wenn du mir Gelegenheit gäbest, auch dir in einem

dir wichtigen und wertvollen Handel zu helfen. Ich müßte sogar sagen,

daß es mir nicht möglich wäre, länger hier zu sein, wenn du mich daran

verhindertest. Das Leben ist doch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.«

Der Dechant war mit einiger Verwunderung in den Augen diesen

Ausführungen gefolgt, und die vertraulichen Eröffnungen machten

immerhin einen gewissen Eindruck auf ihn, wenn auch keinen durchaus

angenehmen. »Du kannst natürlich bei uns bleiben, solange du dir

einen inneren Vorteil davon versprichst«, sagte er, über Widerstände

zustimmend. »Ich wußte nicht, daß dein Besuch bei uns etwas wie eine

Flucht vor der Welt darstellt. Und da auch Linde gegenwärtig nicht zum

besten im Stand ist, so kann es nichts schaden, wenn sonst noch jemand

sich um das Haus kümmert. Darin würde ich schon Vergeltung genug sehen.

-- Was dann das andere angeht, darüber können wir ja noch reden«,

schloß er, froh, mit einem guten Abgang den Tisch aufheben zu können.

Im Lauf des Nachmittags zeigte er ihr aber immerhin die alte Chronik,

da sie darum bat, und die Pläne des Münsters und ging sogar mit ihr in

die Kirche hinüber, um die Anstalt am Platz zu betrachten. Er konnte

gar nicht recht hinsehen vor Herzweh und Leidenschaft, indessen die

Klingse allerlei Interessiertes und sogar Gescheites über die Sache

vorbrachte und jedenfalls in aller Zurückhaltung ganz seine Partei war.

Das tat ihm dann doch wieder wohl, und er begann heimlich mit schwach

gelichtetem Mißtrauen nach den fünf- oder zehntausend Mark zu schielen,

aber doch immer noch mit Mißtrauen.

In der Zeit -- es ging wohl an die zwei Stunden -- lagen die beiden

Patienten mutterseelallein im Haus und konnte mit ihnen passieren,

was wollte. Brigitt hatte richtig nichts zu essen bekommen, und der

Dechant dachte vor lauter ungehobenen Schätzen auch nicht an sie. Über

Lindes Zustand besaß sie Nachricht. Das Mädchen hatte sich trotz aller

Schwäche einmal hergeschleppt, um zu sehen, ob sie auch zum Ihren

gekommen sei. Brigitt log: ja, und trieb nur erschreckt, daß Linde

wieder ins Bett kam. Unterdessen litt sie erheblichen Hunger.

Als man ins Haus zurückkehrte, erinnerte er sich ihrer, aber nicht

wegen ihres leiblichen Wohls, sondern wegen des bischöflichen

Sendschreibens. Bald darauf trat er durch ihre Tür. Sie dachte, er

wolle sie nur so wieder einmal besuchen, und war sehr erfreut.

Die Eingangsfragen des Dechanten nach ihrem Befinden beantwortete

sie mit einer dankbarlich stolzen Miene, denn wenn ihr Herr sie mit

einem Besuch bedachte, so befand sie sich wohl. Darauf kam sie mit

einer ernstlich besorgten auf das Mädchen zu sprechen, und er wurde

schweigsam. Als er darauf seinem Ziel näherrückte, wurde ~sie~

schweigsam. Schließlich schwiegen sie beide, sie mit peinlich

verschlossenen Zügen, denn sie dachte an Lindes Verbot, wenn sie auch

in Angst gehorchte, er mit ratlosen und erbitterten, denn jetzt blieb

ihm nur noch die Tante übrig oder vor dem Erzbischof das Bekenntnis,

daß er nicht wisse, was in seinem Haus vor sich gehe, abgesehen von

einer Verschwörung gegen seine Person, deren Grund oder Absicht er aber

ebenfalls nicht kannte. Still, doch unbehaglich grollend verließ er

endlich die Magd, die in Kummer über die notgedrungene Verschweigung

zurückblieb, außerdem selber ein bißchen grollend über seine ablehnende

Haltung, als sie ihm von Lindes Zustand gesprochen hatte. Fehlte es

ihrem Leib daher noch bis abends, wo ihr die Tante durch ein fremdes

Kind ein bißchen Essen hinaufschickte, durchaus an Nahrung, so hatte

ihr Geist dafür mehr als genug, wenn sie an die drei Hausgenossen

dachte, an jeden mit den zugehörigen Gefühlen. Zum Glück hatte ihr

Linde heute früh das ungebärdige Wesen gebrochen, so daß ihr Herz einen

geduldigen und ziemlich treuen Takt schlug. Früh nach dem Nachtessen,

von dem sie wenig aus der Hand der Feindin genoß, schlief sie ein; als

sie nachts doch einmal von ihrem Herzen erwachte, fand sie Linde neben

sich.

Der Dechant beschloß, die Tante aus diesem Spiel zu lassen. Er sah

Linde, die am nächsten Tag ihren gewohnten Wandel fortsetzte, wenn auch

trotz ihres Ruhetages unerquickt, durch den Schluß der Woche stets

ergrimmter zu. Am Sonnabendvormittag stellte er sie im Hausgang oben.

»Ich erwarte dich morgen zur Beichte«, sagte er fremd und leidend,

blickte ihr noch einmal beunruhigt ins blasse Gesicht und ging dann

mit raschen Schritten nach seinem Arbeitszimmer. Er hatte vor, die

Predigt zu machen, die er morgen zur Abwechslung wieder halten wollte,

weil er sich dazu aufgeregt fühlte. Aber es wollte ihm heute kein

Satz gelingen, so nahe ihm das Material dafür -- er dachte über die

Krankheit der falschen Leidenschaft zu reden -- zur Hand lag, nicht

nur in der Person seiner Nichte, sondern viel näher in der eigenen,

aber davon war ihm zur Zeit nichts bewußt. Fünf Blätter ballte er

ärgerlich zusammen und warf sie in den Papierkorb, bis eines auch

noch vielgeflickt und verschmiert zu den andern kam. Als er fertig

war, wußte er durchaus nicht mehr, wie der Eingang lautete, und beim

Nachlesen bemerkte er, daß dieser nicht im geringsten zum Schluß

stimmte. Gereizt und in ziemlich unfrommer Stimmung erschien er zum

Mittagessen, das ihm denn auch nicht bekam. Es befielen ihn bald

nachher Magenschmerzen, und er mußte Pfefferminztee bekommen; als

der nicht half, rüstete ihm Linde eine heiße Leibflasche, die etwas

Linderung brachte. Insofern hatte Linde ihre eigene Magenschwäche

nicht gestohlen; sie lag in der ganzen Familie. Auf den Nachmittagstee

verzichtete er, und zum Abend genoß er nur zwei Stückchen Zwieback,

obwohl es Heringe mit Kartoffeln gab, die er sonst zärtlich liebte.

Auch dies schrieb er dem Mädchen auf die Rechnung. Er konnte es

vor Groll fast nicht ansehen, obwohl es immer noch viel lieblicher

dasaß als die Tante, mit der er im wohlgebildeten Hin und Her der

Unterhaltung in aller Verstimmung höflich die Blicke kreuzte. Zeitig

nach einem verpfuschten Tag zog er sich zurück und konnte beinahe nicht

schlafen vor Erregung und vor Herzspannen auf den Morgen.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 14 / 33 题