Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die
Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt
Linde auch noch über ihre Körperschwäche
Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten,
was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die
die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von
allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan,
gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste
von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte,
mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und
tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und
sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage
hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und
gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie
ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie
die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden
und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der
Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd
seiner warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er
mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie
dankend entgegennahm.
»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen
schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet.
Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt
das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun,
daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche
Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich.
Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an,
im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich
miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde
ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das
wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder
in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen
so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei
Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon --
fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«
Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig
von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig
und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je
weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich
notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die
er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich
jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage,
gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu
pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen
ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie
am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die
Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie
ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen Haupt- und
Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.
»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine
übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will
dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat.
Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«
»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst
noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges
Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch -- einen
Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht
machen, sondern« -- er neigte sich ihr höflich zu -- »lieber Ansprüchen
von deiner Seite zur Verfügung stehen.«
Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte,
atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema
nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend
ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die
Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon
Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte
er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den
beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er
aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte,
daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen
Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der
Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf
seinem Weg finden zu lassen.
Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde
immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem
verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte;
von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie
zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit
dem Wetterumschlag verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder
und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an,
versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt,
sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in
der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der
Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte
sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken
und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher
zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger
Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von
ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er
ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und
sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte
er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese
Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen
wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht
verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und
Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit
anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter
stutzen.
In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden
Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte,
hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre
Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen
und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd
mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber
dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem
unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte
es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der
rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele
Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte.
Es war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch
gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie
christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus
brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand
herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur
Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen.
»Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins
Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen
stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde
eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder
eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer
überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit
vorwurfsvollen Blicken betrachte.
Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus
ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die
Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat
ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen
als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte.
Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat,
mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis
und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden
gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann
warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe
auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein,
trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem
Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst,
wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich
in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt
etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht.
Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte
erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase. Wenn Linde,
wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor
sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie
aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte
Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen
trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine
gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab
für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann
der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende
Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie
eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.
Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das
Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an
Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber
kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor,
begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen
von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im
allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte.
Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn
eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der
Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie
sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten
und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So
schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen
undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und
ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr
Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer
als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende
und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen
wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich
der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich stand,
so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus
fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam.
Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht
über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da
sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.
Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen
-- sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht -- und ebensolcher
Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde
übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor
sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat
gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit
kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte
es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde
sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und
sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen
zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und
ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da
wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.
»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen?
Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob
erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst
hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im
Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter
Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt,
nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen
ziehen -- da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man
sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und
könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn,
warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber
bekommt man vom Kuchenbacken. Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr
mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel
weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends
drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln
noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut
zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott
wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett?
-- Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann
gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War
meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich
nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem
Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist
Kriegstrauung?«
Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung
auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke
erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte,
ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen,
aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die
aufsässige Forderung weiter.
Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer
Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung
gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien
aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben,
geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite,
und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer
Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte
Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall
dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde
stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges
Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts
Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb, um sich endlich
mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.
»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine
Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken?
Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug
fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und
andere mit Grillen.«
»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden
dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt
auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger
schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. -- Viel
Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß
die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«
»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann
scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man
dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«
»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend,
von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat
sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen
Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich
weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«
»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war
es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht,
so zu sprechen.«
»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht
habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das
Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs
trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man
muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von
ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier ihre Absichten
verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt
derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder
einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«
Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund,
sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte,
das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung,
als die Magd plötzlich wieder anfing.
»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost
aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie
hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese
Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat
die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie
in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«
»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber
ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen.
Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«
»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt
du?«
»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«
»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte
die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich
hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah
das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das
alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen -- sie war
selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie.
Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn
Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird
ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«
Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig
vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt auf, und
ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie
mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch
ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit
einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was
man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend
etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante
ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin
alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem
Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei
alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender
als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und
das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch
aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit
ihren Geheimnissen beschämen.«
Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch
lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten;
als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein
ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig
ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig
in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet
werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher
noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde
schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher
Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck
weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer
schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da,
bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres
Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein
wenig nachschluchzend.
Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie
sich durch eine nervöse Erregung, die sich nachher in äußerlichen
Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende
Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung
äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr
Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit
war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft
hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig
nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß
ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die
es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber
hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere
wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das
Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in
Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen
mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen -- das
Weib und den Dämon in ihm selber -- noch für eine Zeit durchzukommen
hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute
noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu
hören.
Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern
Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch
auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag
zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr
schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte,
so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in
Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie
aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall
erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte
Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder
einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so
blieben sie selten unerfüllt.