Drittes Kapitel

Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die

Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt

Linde auch noch über ihre Körperschwäche

Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten,

was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die

die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von

allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan,

gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste

von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte,

mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und

tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und

sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage

hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und

gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie

ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie

die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden

und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der

Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd

seiner warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er

mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie

dankend entgegennahm.

»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen

schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet.

Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt

das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun,

daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche

Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich.

Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an,

im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich

miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde

ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das

wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder

in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen

so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei

Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon --

fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«

Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig

von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig

und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je

weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich

notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die

er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich

jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage,

gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu

pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen

ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie

am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die

Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie

ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen Haupt- und

Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.

»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine

übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will

dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat.

Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«

»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst

noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges

Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch -- einen

Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht

machen, sondern« -- er neigte sich ihr höflich zu -- »lieber Ansprüchen

von deiner Seite zur Verfügung stehen.«

Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte,

atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema

nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend

ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die

Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon

Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte

er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den

beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er

aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte,

daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen

Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der

Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf

seinem Weg finden zu lassen.

Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde

immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem

verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte;

von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie

zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit

dem Wetterumschlag verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder

und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an,

versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt,

sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in

der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der

Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte

sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken

und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher

zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger

Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von

ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er

ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und

sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte

er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese

Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen

wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht

verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und

Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit

anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter

stutzen.

In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden

Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte,

hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre

Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen

und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd

mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber

dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem

unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte

es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der

rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele

Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte.

Es war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch

gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie

christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus

brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand

herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur

Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen.

»Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins

Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen

stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde

eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder

eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer

überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit

vorwurfsvollen Blicken betrachte.

Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus

ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die

Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat

ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen

als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte.

Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat,

mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis

und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden

gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann

warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe

auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein,

trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem

Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst,

wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich

in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt

etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht.

Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte

erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase. Wenn Linde,

wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor

sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie

aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte

Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen

trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine

gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab

für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann

der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende

Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie

eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.

Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das

Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an

Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber

kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor,

begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen

von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im

allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte.

Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn

eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der

Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie

sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten

und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So

schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen

undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und

ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr

Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer

als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende

und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen

wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich

der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich stand,

so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus

fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam.

Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht

über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da

sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.

Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen

-- sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht -- und ebensolcher

Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde

übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor

sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat

gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit

kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte

es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde

sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und

sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen

zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und

ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da

wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.

»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen?

Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob

erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst

hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im

Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter

Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt,

nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen

ziehen -- da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man

sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und

könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn,

warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber

bekommt man vom Kuchenbacken. Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr

mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel

weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends

drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln

noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut

zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott

wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett?

-- Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann

gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War

meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich

nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem

Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist

Kriegstrauung?«

Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung

auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke

erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte,

ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen,

aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die

aufsässige Forderung weiter.

Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer

Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung

gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien

aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben,

geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite,

und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer

Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte

Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall

dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde

stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges

Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts

Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb, um sich endlich

mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.

»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine

Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken?

Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug

fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und

andere mit Grillen.«

»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden

dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt

auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger

schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. -- Viel

Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß

die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«

»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann

scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man

dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«

»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend,

von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat

sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen

Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich

weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«

»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war

es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht,

so zu sprechen.«

»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht

habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das

Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs

trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man

muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von

ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier ihre Absichten

verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt

derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder

einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«

Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund,

sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte,

das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung,

als die Magd plötzlich wieder anfing.

»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost

aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie

hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese

Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat

die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie

in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«

»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber

ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen.

Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«

»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt

du?«

»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«

»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte

die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich

hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah

das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das

alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen -- sie war

selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie.

Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn

Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird

ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«

Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig

vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt auf, und

ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie

mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch

ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit

einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was

man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend

etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante

ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin

alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem

Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei

alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender

als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und

das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch

aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit

ihren Geheimnissen beschämen.«

Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch

lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten;

als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein

ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig

ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig

in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet

werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher

noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde

schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher

Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck

weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer

schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da,

bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres

Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein

wenig nachschluchzend.

Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie

sich durch eine nervöse Erregung, die sich nachher in äußerlichen

Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende

Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung

äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr

Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit

war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft

hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig

nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß

ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die

es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber

hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere

wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das

Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in

Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen

mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen -- das

Weib und den Dämon in ihm selber -- noch für eine Zeit durchzukommen

hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute

noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu

hören.

Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern

Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch

auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag

zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr

schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte,

so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in

Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie

aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall

erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte

Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder

einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so

blieben sie selten unerfüllt.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 13 / 33 题