Die Tante wird geschröpft. Die Herzenskälte bereitet Unheil vor. Die
Unwissenheit fährt fort, im Haus eine Rolle zu spielen
Inzwischen machte die Tante ihre Ankündigung wahr und stand
zum erstenmal wieder auf; die Prozession hatte sie bereits bei
fortgeschrittener Toilette betroffen. Sie war etwas blaß und litt noch
an ihren Nerven, so machte der fromme Aufzug eine gewisse Wirkung
auf sie, wie ja Genesende für rührende oder feierliche Eindrücke
überhaupt empfänglich sind. Sie hielt sich freilich für »religiös
beeindruckt« und machte sich über ihre »Ergriffenheit« allerlei schöne
und literarische Gedanken, worin das liebe Volk und die deutsche Seele
hauptsächlich auftraten, aber Gott und die kühnen Wahrheiten der
christlichen Lehre nur nebensächlich. Eben hatte sie festgestellt,
daß religiöse Stimmung und »rationalistische« Lebensauffassung sich
gar nicht widersprächen, weil sich diese ja auch zum Beispiel mit
Lyrik und Musik und mit dem Traumtanz vertrügen, also ebenfalls
mystischen Stimmungen, und sie war im besten Zug, noch eine ganze
Reihe wohlunterrichteter Feststellungen zu machen und sich noch an
viele andere, die sie gelesen hatte, zu erinnern, als die Pflegerin
hereintrat und die Neuigkeiten des Morgens brachte, und zwar so
mürrisch, wie sie sie noch nicht gesehen hatte.
»Hier sind die Briefe und Zeitungen«, warf sie hin, ihr die Post
reichend. »Und dann wollte ich sagen, daß ich jetzt gehe. Ich habe von
diesem Haus genug.«
»Wieso?« fragte die Klingse verwundert. »Ich habe Ihnen ja noch nicht
gesagt, daß ich Sie entbehren kann. Warten Sie doch, bis ich Sie
entlasse.«
»Was ist da viel zu warten? Bin ich nicht mein freier Herr? Sehen Sie,
daß ich meinen Lohn kriege. In einer halben Stunde will ich heraus
sein.«
Über diese patzige Antwort mit Recht etwas geärgert, meinte die
Klingse: »Nun, das ist vielleicht süddeutsch.« Daneben bemerkte sie
mit Mißfallen, wie rasch ihre Nerven in Schwingung gerieten. »Hier hat
man ja über viele Dinge andere Begriffe. Wir sind nicht gewöhnt, daß
eine Krankenwärterin mitten aus der Pflege davonläuft.«
Natürlich begann sich die Pflegerin nun auch zu ärgern. »Die Pflege,
was die Pflege ist, die ist fertig«, sagte sie, indem sie zum erstenmal
nun auch gegen ihre Patientin unverschämt wurde. »Wenn Sie mehr wollen,
so müssen Sie sich eine Maniküre bestellen. Sonst gehen Sie vielleicht
in ein Sanatorium; dort ist alles los.«
»Sie überlassen das wohl mir!« bat sich die Klingse aus. »Was ist das
für ein Ton? Sagen Sie, was ich Ihnen schuldig bin, und dann wird es
mir auch lieb sein, wenn ich Sie nicht länger sehen muß!«
»Mir kann man hier nicht großartig kommen«, erwiderte die Person mit
einer vielsagenden Kopfbewegung. »Unsereins sieht doch, was in einem
Haus los ist. Ich kann die Leute hier nicht besonders leiden; der
Pfaffe hat mir sogar heute früh die Tür gewiesen, weil mein Alter
besoffen hereinstolperte und Krawall machte. Aber bessere Säfte haben
Sie schon. Soviel war in den drei Wochen zu riechen, besonders als
Ihre Wunde noch offen war. Was für eine Wunde war denn das, wenn man
fragen darf? Das mit dem Scherben von der Lampenglocke machen Sie ja
mir nicht weis. Wissen Sie was? Ich glaube an die Geflügelschere der
verrückten alten Magd, mit der sie das Haus vollschreit; ich hab' mir
sie daraufhin angesehen. Dann hab' ich mir doch auch die Blutspur im
Gang angesehen; sie kam von dem Zimmer, in dem der Leutnant die letzte
Nacht geschlafen hat -- oder auch nicht geschlafen, was geht's mich an.
Man soll also keine großen Worte an mich hinreden. Oder meinen Sie,
ich sehe nicht, was Sie dem Mädchen zu schaffen machen? Es wird die
Magd aufgestiftet haben. Schön, ich hätte sie auch aufgestiftet. Mir
haben Sie gute Tage gemacht. Warum? Sie dachten, ich werde Ihre Partei
nehmen. So geschwind nimmt unsereins nicht Partei. Meine Taxe ist fünf
Mark den Tag. Vier ganze Nachtwachen zu zwanzig und sechs zu zehn.
Macht zusammen zweihundertundfünfzig Mark. Die Taxe nämlich.«
Die Klingse spannte ihre Augenbrauen sehr hoch. »Soll das ein
Erpressungsversuch sein?« fragte sie etwas schrill. »Dann hätten Sie
sich in mir verrechnet.«
»Ich habe Ihnen die Taxe gesagt. Über Versuche unterhalten wir uns
nicht.«
Noch einen Moment behielt die Genesende den erhabenen Schein bei, dann
fühlte sie sich unter dem kalten und teilnahmlosen Blick des Weibes von
einer menschlichen Schwäche angewandelt, in deren Verlauf sich alles
zur Zufriedenheit der Pflegerin abwickelte, und zwar unter vollkommenem
Schweigen. Der Klingse freilich zitterten die Hände vor Erregung und
Ärger, und zum Schluß konnte sie sich doch nicht enthalten, noch einen
großen Abschluß zu versuchen.
»Ich hätte Sie gegen den Herrn Dechanten im andern Fall verteidigt, daß
Sie noch länger bleiben konnten, denn eine so gute Stelle werden Sie
nicht jeden Monat bekommen. Aber bei dieser Aufführung ist mir die Lust
dazu natürlich vergangen.«
»Schon gut«, meinte die Person kurz und strich ihr Geld ein. »Wenn Sie
wieder Bedarf bekommen. Wünsche bald vollständige Wiederherstellung.«
Damit ging sie. Ihr Handkoffer stand schon gepackt vor der Tür. Unten
an der Treppe begegnete ihr Linde.
»Gehen Sie denn schon, Frau Kienold?« fragte sie bedrückt. »Wollen Sie
nicht vorher etwas essen?«
»Kann mir selber Essen kochen«, erwiderte die Gefragte übellaunig.
»Sie bilden sich wohl ein, daß man nichts zu tun hat, als auf Ihren
Fraß zu warten. So schlecht wie bei Ihnen habe ich lange nicht mehr
gegessen, das muß ich schon sagen, und so elenden Kaffee habe ich
überhaupt noch nie getrunken. Es ist eine Schande, daß man so was
einer Krankenpflegerin zu bieten wagt. Aber das ist wohl katholisch.«
Sie überflog sie mit einem mißfälligen Blick. »Es hat's nicht jede so
bequem, eine Wache vor die Tür zu stellen, wenn sie mit einem Offizier
Abschied feiert«, sagte sie dann anzüglich. »Aber eine Person, die
Augen und Ohren hat wie ich, hätte ich etwas mehr traktiert an Ihrer
Stelle. Nun, das wird sich alles noch lernen; ich habe auch gelernt.
Mahlzeit.«
Es wäre ihr sehr schwer geworden, bei ihrem Abzug ihrem Ruf etwas
nachzugeben, und sie tat sich darum diesen Zwang auch nicht an. Linde
dagegen, die von den Menschen immer mehr Gutes als Übles erwartete,
sah sie mit Bestürzung ziehen. Sie machte zum erstenmal in ihrem
Leben die traurige Erfahrung, daß es kein unbedingtes Geheimnis gibt,
denn es finden sich immer Leute, die es wittern oder es aus gewissen
Naturschlüssen voraussetzen, weil es wenigstens als Möglichkeit in der
Luft liegt. Doppelt schwer zu ertragen schien es ihr, ihrem reinen
Besitz so entstellt und durch die Gemeinheit verzerrt zu begegnen,
und über allem stand sie unerwartet vor der Frage, wie sie sowohl
der Entwertung als der Entdeckung überhaupt entgegentreten wolle,
denn sie begriff wohl, daß ihre ganze Würde und der sittliche Wert
des Erlebnisses davon abhingen, ob sie Herrin und Verwalterin des
Geheimnisses blieb, oder ob es zum kurzweiligen Histörchen geworden in
der Leute Mäuler und als Vergehen zur Aburteilung kam.
Sie war noch auf keinen Entschluß gestoßen, als die Tante in einem
weißen Kimono langsam und blaß die Treppe herabstieg. Sie sah sich mit
den Blicken einer Genesenden großäugig nach allen Seiten um, aber zu
gespannt, um beschaulich zu sein. Lindes teilnehmend gütige Frage nach
ihrem Ergehen wies sie ab und fand dafür, daß im Haus keine gute Luft
herrsche, und daß allgemeiner Durchzug gemacht werden müsse. Mit der
Gelegenheit könne Linde ihr Zimmer einmal gründlich vornehmen, das es
schon lange nötig habe; mit Reinlichkeit und Akkuratesse sei sie nicht
gerade inkommodiert worden, obwohl diese heute zum ersten Erfordernis
der Krankenpflege gehörten, aber hier gehe nun einmal alles mehr
provinzmäßig zu. Auch Eier gehörten zur Krankenpflege; ob sich Linde
inzwischen welche verschafft habe, damit sie wenigstens zum zweiten
Frühstück eines bekommen könne? Linde bot etwas Schinken an, aber die
Tante dankte; wenn sie Eier wünsche, so wünsche sie nicht Schinken. Ob
im Salon geheizt sei? Linde verneinte; sie habe das Eßzimmer geheizt,
das gegen Süden liege. Die Tante lachte geärgert. Sie wolle aber nicht
im Eßzimmer sitzen, sondern im Salon; wozu sei ein Salon denn da?
Bürgerliche Hausordnungen seien die irrationellste Sache von der Welt;
sie werde nie dahinterkommen, warum zum Beispiel hier immer zuerst das
Speisezimmer aufgeräumt werden müsse, sogar dann, wenn eine Kranke
zum erstenmal wieder aufstehe und Bequemlichkeit verlange. Mit leicht
geröteten Wangen entgegnete Linde, daß sonst die Wohnstube zuerst
aufgeräumt werde und sie gerade heute die Ausnahme gemacht habe, weil
sie gedacht habe, daß ein Genesender die Sonne suche; an Bequemlichkeit
werde es ihr nicht im Eßzimmer fehlen, da sie den alten Lehnstuhl zum
Fenster gerückt habe.
»Es ist schon gut«, machte die Tante abwinkend. »Du brauchst dich nicht
zu erklären; du hast ja immer die besten Intentionen gehabt, wenn es
etwas zu monieren gibt. Das ist man gewöhnt. Mache jetzt nur Durchzug
im Haus, damit die stickige Luft hinauskommt; es ist ja hier nicht zu
atmen. Mein Zimmer laß ordentlich durchlüften. Hole mir vorher von oben
das Buch, das auf meinem Nachttisch liegt, und bringe mir's in Gottes
Namen ins Eßzimmer. Daß ihr auf dem Land diese Angst vor frischer
Luft habt. Aber bei dem versteckten Leben, das ihr führt, ist das ja
schließlich kein Wunder.«
Linde ging das Buch holen und brachte es mit verschlossenem Gesicht;
wer sie kannte, der wußte, daß sie zürnte.
»Hast du auch die Brille? Du weißt, daß ich ohne Brille nicht lesen
kann. Ich finde dich nicht übertrieben aufmerksam. Du sprachst damals
im Roten Kreuz so vieles von den herzlichen Beziehungen zu den Kranken
und Verwundeten. Vielleicht erstrecken sich die mehr auf das männliche
Geschlecht. Mir in meinem Teil ist Exaktheit lieber. Bringe mir auch
mein Plaid mit.«
Linde holte schweigend auch die Brille und das Plaid.
»Es wäre nötig, daß der ganze Boden in meiner Stube endlich einmal
aufgewaschen würde«, bemerkte die Tante noch mit zuckenden Nerven und
in einem solchen Zustand von Erregtheit, daß Linde sich innerlich über
sie entsetzte. »Ich wollte die Pflegerin heute ausnahmsweise damit
beauftragen, weil ich aufstand und ich sie solange nicht brauchte,
aber da man in diesem Haus über mich weggreift, so kann ich dir nicht
helfen. Diese Tannenböden und Fugen entwickeln bei der mangelhaften
Sorgfalt nämlich einen Staub, daß bei jedem Tritt eine Wolke aufsteigt
und sich dann natürlich auf den Kranken legt. Ich habe ständig
Schmerzen in den Bronchien und Hustenreiz. Besonders unter den Möbeln
muß naß aufgenommen werden. Du hast ja wohl noch soviel Zeit; die
Prozession soll nicht vor zwei zurück sein.«
Anstatt zu lesen, saß sie jedoch leise fröstelnd in der Sonne und
begann zu überlegen. An eine Abreise konnte sie zunächst wegen ihres
Zustandes noch nicht denken, und außerdem war es ihrem Ehrgeiz
unmöglich, sich vorzustellen, daß sie den Platz verlassen würde,
ohne eine Genugtuung von den hiesigen Menschen und Verhältnissen
genommen zu haben. Sie war beleidigt, erbittert, verletzt, nicht nur
körperlich, geschwächt und aufgebracht, und ihre Fassung war die Frucht
von Anstrengungen, die mehr Kraft auffraßen, als ihr blutarmer Körper
vorläufig von Tag zu Tag herstellte. Bisher hatte sie nur gelegen,
gewartet, gehorcht, gespäht, wenn ihr jemand von den Hausleuten vor die
Augen kam, ihre Schmerzen ertragen und in schlaflosen Stundenreihen
sich fruchtlos und aufreibend mit den Vorgängen jener Nacht und allen
Möglichkeiten, die sich daraus ableiten konnten, herumgeschlagen. Nach
ihren ersten Auskünften über die Ursachen des Unglücks war zwar keine
Frage mehr an sie gekommen, auch nicht die, vor welcher sie besonders
auf der Lauer lag: die Frage nach der Blutspur. Inzwischen wurde es
nicht nur peinlicher, sie noch zu stellen, sondern hatten sich auch
Antworten für sie gefunden; es war wohl nichts natürlicher, als daß sie
in ihrem Zustand Hilfe holen wollte. Auf einen offenen Skandal, dachte
sie, werde es ohnehin niemand ankommen lassen wollen. Fortdauernde
Sorge bereitete ihr die Magd, die nach ihrer Wiedererkräftigung aus
religiösem Bedürfnis ihre ganze feine Rechnung über den Haufen rennen
konnte, und zwar trotz ihrer rheumatischen Knochen. Sicher schien
es der Klingse freilich nicht, denn wenn nicht alles täuschte, so
sollte der Kranken eigentlich nach dem Attentat eine gewisse Scheu
zurückgeblieben sein, die sie der ersten Wiederbegegnung mit der
Feindin ebenso beklommen und ängstlich entgegensehen lassen mußte, wie
die Klingse erregt und unfrei sich selber auf dies Ereignis gefaßt
machte. Indessen versuchte sie sich damit zu beruhigen, daß es bis
dahin noch Weile habe. Sollte die Magd plappern, so konnte sie sagen:
allerdings, sie habe nach gewissen Geräuschen draußen sehen wollen
und sei ganz plötzlich von dem alten Menschen, wohl im ersten Stadium
der Krankheit, überfallen worden. Damit war das meiste abgeschnitten,
und das andere blieb als Drohung für das Mädchen unausgesprochen in
der Luft hängen. Und übrigens, so dachte sie, kam alles darauf an, zu
sorgen, daß ihre wahren Pläne undurchsichtig blieben.
Diese Pläne hingen eng zusammen mit dem seltsamen Gedankenaustausch,
der eben zwischen ihr und Heinz angehoben hatte. Sein erster Brief war
von ihr mit tiefer und hilfloser Erregung entgegengenommen und wider
den eigenen Wunsch, eigentlich nur aus Schwäche und Haltlosigkeit,
gelesen worden. Die Kenntnisnahme hatte sie dann auf bittere Weise
erheitert, weil Heinz sich auf Linde als Anregerin des »Schrittes«,
wie er seinen Brief bezeichnenderweise nannte, ausdrücklich berief.
Aber der ganze Vorfall war ihr doch zugekommen wie das Brettchen dem
Schiffbrüchigen, und sie war nicht die Frau, die sich an dergleichen
nicht eifrig und geschickt anklammerte. Das Anklammern war so recht
ihre Kunst; sie glich darin jenen Brackwassertierchen, die man auf
ganze Bündel von Hälmchen und Zweigen verankert findet, in ihrem
Fall anerkannte Einrichtungen und persönliche Handlungen, Künste,
Wissenschaften, Bäder und Bücher, und ihr Brackwasser war die
gebildete Gesellschaft. Seit jenem Brief, den sie mit großer Mühe
selber beantwortet hatte, fühlte sie in sich eine stille, lauernde
Aufmerksamkeit, eine Behutsamkeit des geistigen Schrittes, die nun
für die nächste Zeit keine, auch nicht die kleinste Veränderung ihrer
äußeren Lage erlaubte, und das war ihr andrer Grund, warum sie an die
Abreise zunächst nicht denken konnte. Bevor sie wußte, was aus der
neuen Möglichkeit ungefähr werden wollte, schien es ihr nötig, auch
äußerlich in den Umständen zu bleiben, in denen er sie kennengelernt
hatte und ihr -- das war der richtige Ausdruck -- verschuldet worden
war. Denn das hatte sie sofort herausgemerkt: seine Briefe diktierte
das schlechte Gewissen, die Unsicherheit über seine moralische Lage,
die unbefriedigte sinnliche Begehrlichkeit seiner Jungemannsnatur. Da
war ein Erlebnis ungenossen geblieben, sogar ein außerordentliches;
wie konnte er dabei beruhigt sein! Wie man weiß, hatte sie mit diesen
Berechnungen leider recht. So verzweifelt ihr vorher ihre Umstände
geschienen hatten, so interessant kamen sie ihr jetzt vor, und manchmal
spiegelten ihr ihr Ehrgeiz und die blassen, dünnen Träume ihres Blutes
für alle ausgestandene Schmach ein reiches Maß von Genugtuung und sogar
eine Art von fraulichem Spätglück vor; aber in diese Träume sah sie
noch sehr zweifelnd und dürr hinein, und sie war noch nicht so weit,
daß ein längeres Verweilen dabei ihr ungestörtes Vergnügen bereitet
hätte.
Über dem Denken und Erwägen sprang einmal unerwartet die Tür vom
Wohnzimmer auf und kam Bob, der seinen Lieblingsplatz am Fenster
aufsuchen wollte, hinter seiner schwarzen Nase her ins Eßzimmer. Sie
erschrak zuerst heftig über die unerwartete Erscheinung, dann ärgerte
sie sich über den kalten Luftzug, der aus dem ungeheizten Nebenzimmer
durch die offen stehende Tür hereinströmte.
»Mußt du stupide Kreatur denn eine Tür immer wagenbreit aufstoßen,
wenn du irgendwo hereinkommst?« schalt sie aufgebracht. »Nun soll ich
wahrhaftig deinetwegen aufstehen und schließen. Aber ich werde dir
deine wahre Stellung gegenüber den Menschen noch anweisen.« Bob hatte,
als er ihrer ansichtig wurde, sofort die Ohren zurückgelegt und war
unschlüssig stehengeblieben. Als sie sich nun erhob, duckte er sich
etwas und stieß ein leises, unbehagliches Knurren aus. Darüber noch
mehr erschreckt als empört, blieb auch sie stehen und fixierte ihn
unruhig, während sie es durchaus für möglich hielt, daß er auf sie
loszugehen beabsichtige. Aber seine brave Seele dachte nicht daran,
sondern nachdem er sich den Achtungsabstand erknurrt hatte, drehte er
sich langsam um und ging hinaus, froh, diese unerwünschte Gesellschaft
verlassen zu können. Die Klingse jedoch, der die Knie vor Erregung
wieder zitterten, setzte sich in ihren Stuhl zurück und verließ ihn
zunächst auch nicht mehr, obwohl sie sich über den kalten Luftzug
erbitterte. Nachdem sie dann doch wieder soviel Kraft gesammelt hatte,
bekümmerte sie sich nicht so sehr um die Schließung dieser Tür als
um die Öffnung der anderen im Haus. Wie sie richtig vermutete, war
der befohlene Durchzug nicht gemacht worden, und um ihren Willen zu
bekommen, machte sie ihn selber. Sie öffnete alle Türen samt der
Haustür, dazu die Fenster, wo sie sie erreichen konnte, und dann stieg
sie die Treppe hinauf, um auch dort für Lüftung zu sorgen. Zuletzt
tat sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, wo sie Linde immerhin dabei
fand, mit dem Lumpen um den langen Schrupper den Boden unter dem Bett
aufzuwaschen. Als sie eintrat, flogen vom Durchzug die Vorhänge weit
ins Zimmer herein, denn es wehte, wie schon gesagt, eine frische Brise
von den Bergen, aber das war es gerade, was sie wünschte. Daß Linde von
Arbeit und Eile -- sie hatte sonst noch genug Geschäfte an den Fingern
hängen, und das Essen wartete -- erhitzt war, regte sie weiter nicht
zum Nachdenken an. Linde durchschauerte es auf dem Fleck von dem kalten
Zug, aber auch sie achtete nicht darauf, sondern machte nur, daß sie
fertig wurde.
»Die Fenster könnten ebenfalls gewaschen werden«, sagte die Tante
noch, indem sie sich mit einem befriedigten Blick zurückzog. »Sie
sind wirklich nicht mehr zu rein. Und oben über den Vorhängen fliegt
Spinnweb.«
Linde besorgte das Zimmer fertig und machte nachher gefaßt die
Fenster und Türen wieder zu, wie die Tante sie ungehalten aufgerissen
hatte. Zu einer grundsätzlichen Erkältung hatte sie aber inzwischen
genug Gelegenheit gehabt und sie, wie sich später herausstellte,
nicht versäumt. Die offene Haustür war unterdessen von Bob benutzt
worden, der sich draußen einen Platz in der Sonne suchte. Dort lag er
verdrießlich und etwas erregt mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten
und lauerte mit dem einen Auge auf fremde Hunde, aber es kamen keine.
Was Linde anging, so befand sie sich längst nicht mehr in guten
Gesundheitsumständen. Sie litt viel an Magenbeschwerden, und eine
genauere Untersuchung würde ergeben haben, daß sie unterernährt war,
noch ganz abgesehen von der Überanstrengung ihrer feingliedrigen
Konstitution durch übermäßige Arbeit und ihres Nervensystems durch
Nachtwachen bei der kranken Magd oder über ihrem Liebesgeheimnis
und ihrer Sorge um den fernen Freund. Die letzten Wochen waren
ihr vergangen mit Fegen und Scheuern, Zimmeraufräumen, Kochen,
Wassertragen, Waschen, Bügeln, und Gott wußte, was sonst noch alles.
Den ganzen Tag hatte sie die Hände voll, wurde sie verlangt bald in den
Krankenzimmern, bald vom Dechanten, bald von Leuten, die mit ihr zu
unterhandeln hatten, plagte sie sich mit einem unbeweglichen, schweren
Menschen, abgesehen von der Herbstarbeit in Garten und Keller und der
Einmacherei, die auch getan sein wollte. Die Tante hatte ihr beizeiten
vor Augen gehalten, wie unrecht und beschämend es wäre, dem Dechanten
noch ein Weib ins Haus zu ziehen, nachdem schon viere darin lägen oder
herumliefen. Wenn sie wieder auf sein würde, wollte sie selber mit
angreifen, solange müsse Linde allein zustande kommen, zumal sie ein
junger Mensch sei, der sich auch einmal etwas zumuten könne.
So mutete sie sich denn zu und war weder kleinlich noch ängstlich; sie
hätte nur gern etwas frohere Beweggründe gehabt, der Tante zu Willen
zu sein. Hatte diese früher gestört, so herrschte sie jetzt, mehr, als
sie zunächst selber wußte, alles kraft des unausgesprochenen, drohend
schwebenden Geheimnisses, von dem zwar das Mädchen die tatsächliche
Seite besaß, das aber die Tante rücksichtsloser handhabte, so daß sie
die Wirkung davon ausübte. Manche Leute haben ein besondres Geschick
darin, einen andern »etwas spüren zu lassen« und ihn aus der Sicherheit
des Herzens zu schrecken, ohne ihrerseits aus dem Hinterhalt zu treten,
aber die rechten Künstler sind die, die auch noch faßbare Ergebnisse
herauszuziehen wissen, während sie still und tückisch fortfahren,
hinter dem Busch zu halten. Ein solcher verängstigter, unerfahrener
Mensch gibt dann willig alles dran, nur um sein bestes Gut vor
Entweihung und seinen Talisman vor Entkräftung zu bewahren. Dazu kam
noch als weiterer moralischer Druck, daß Linde, wie gesagt, an einen
Selbstmordversuch der Tante glaubte, wodurch eine Strenge und eine
Verantwortung mehr auf ihre Liebe gelegt waren.
Nun hatte sie kaum die Kocherei weiter in Gang gebracht, so stieg
sie heute schon zum zehntenmal nach oben unters Dach, um nach der
kranken Magd zu sehen. Brigitt war jetzt fieberfrei und sah aus müden
und alten Augen sehr schweigsam in den neugeschenkten Tag, dem sie
offenbar noch nicht viel Freudigkeit entgegenbrachte, denn zunächst
machte ihr der Anfall von Gelenkrheumatismus zu schaffen, und anstatt
sich dem so nötigen Genesungsschlummer hingeben zu dürfen, litt sie an
Schlaflosigkeit. Das bedeutete für Linde wieder Nachtwachen, besonders
wegen der Herznot, die den geschwächten alten Menschen sehr ängstigte
und mitnahm und ihn zunächst noch auf absehbare Zeit nicht vom Boden
aufkommen ließ. Linde konnte sich eigentlich nie länger als auf eine
Viertelstunde von der Kranken entfernen, und auch dies tat sie noch
unter ständiger Unruhe. Ihre letzte Nacht war mittelmäßig gewesen,
doch brachte dann der Morgen zwei Stunden leichten Schlaf, aus dem sie
eben vorhin das Getöse eines im Durchzug zugeschmetterten Fensters
aufgeschreckt hatte, dem noch drunten im Haus eine Tür gefolgt war.
»Ist's heut so windig?« fragte sie mit müder Stimme das eintretende
Mädchen. »Es sieht draußen so warm aus.«
»Hat dich das Fenster geweckt?« fragte Linde mit geheimen Unmut zurück.
»Ich hab's nicht aufgemacht, Brigitt.«
»Wer denn?« wunderte sich die Haushälterin. »Hast du jemand zur Hilfe
eingestellt? Das wäre gut, Linde.«
»Nein, ich habe niemand eingestellt. Aber die Tante ist heute zum
erstenmal aufgestanden und hat gefunden, daß im Haus schlechte Luft
herrsche.«
»So, ist sie wieder auf?« Und nach einem kleinen bitteren Schweigen
sagte sie noch: »Ich liege nun so weiter. Ich dachte immer: ›Welche
wird die Geschwindere sein?‹ Sie war die Geschwindere. -- Aber es ist
gut, so wird sie bald abziehen.«
Linde hatte sich für ein paar Minuten auf den Stuhl beim Fenster
gesetzt.
»Die Pflegerin ist nun auch aus dem Haus«, berichtete sie, nur um etwas
zu sagen.
»Siehst du?« griff Brigitt eifrig auf. »Dann geht sie auch bald, sonst
hätte sie die Kienold nicht entlassen.«
Linde erwiderte nichts darauf, und eine Weile war es still in dem
kleinen, sonnigen Zimmer. Auch hier hatte Linde für weiße Vorhänge
gesorgt, und auf dem Tisch stand ebenfalls in einer Vase ein Strauß
Astern. Vor dem Fenster hatte Brigitt dann noch einen ganzen kleinen
Garten hängen, von dem aber nun das meiste verblüht war. Ein »fleißiges
Lieschen« wimmelte mit seinen kleinen roten Blümchen zwar noch ganz
uneingeschüchtert im Wind; aber die Geranie wehrte sich bereits in
ernsterer Stimmung gegen den kränkenden Einfluß des Spätherbstes, und
ein Nelkenstock verrichtete seine letzten Taten. An den Scheiben wumste
eine dicke, pelzige Winterfliege herum. Draußen riefen ein paar Meisen.
Endlich nahm Brigitt aus ihren trüben Gedanken wieder das Wort.
»Sag mal, Linde -- mir ist doch so im Kopf, als hätt' ich recht
phantasiert«, hob sie behutsam an. »Was hab' ich denn so geschwatzt,
hm? Ober hab' ich nichts geschwatzt?«
»Und ob du geschwatzt hast«, versetzte Linde. »Sogar gepredigt hast
du wie ein Kapuziner. Man konnte es manchmal im ganzen Haus hören.
Aber es kam nicht viel dabei heraus. Immer hattest du es mit einer
Geflügelschere zu schaffen und mit einem mageren Fasan. Wenn man
aber auf dich einging und etwas fragte -- der Onkel versuchte es ein
paarmal --, so wurdest du ganz geheimnisvoll und fingst an, Kochrezepte
auszukramen. So gut du sonst kochst, so möchte ich doch niemand raten,
sich danach zu richten. Ich glaube, nicht einmal Bob würde es nehmen.«
»So, so, von einer Geflügelschere -- sag mal, wo ist sie eigentlich
hingekommen, die Geflügelschere«, platzte sie plötzlich heraus. »Ich
meine, wie -- wie ich darauf gekommen sein mag«, suchte sie erschreckt
zu verbessern. »Etwas muß doch damit sein.«
»Ach, das weißt du noch?« wunderte sich Linde. »Du hast sie auf dein
Zimmer geschleppt. Man fand sie auf dem Tisch. Ich habe sie dann
heruntergenommen und versorgt. Der Kreisphysikus sagt, das kommt oft
vor, daß sich eins so an Nebendinge hängt mit seinen Phantasien.«
»Sie haben darüber gesprochen miteinander, die Männer?«
»Nun ja, warum sollten sie nicht. Sie haben sogar viel darüber gelacht,
das heißt der Kreisphysikus. Der Onkel hat nicht gelacht, der sah immer
sehr ernst drein; ich glaube, er hatte große Sorge um dich. -- Ist dir
etwas, Brigitt?«
»Nein, gar nicht. Nur die -- Geflügelschere. Weißt du, solche
Phantasien -- sie laufen einem noch eine Zeitlang nach. -- Wie sieht
sie denn aus -- die Klingse mein' ich. Und was war denn überhaupt los
mit ihr?«
Linde zögerte einen Augenblick. »Sie sagt, daß sie beim Straucheln,
während sie zu Bett wollte, die Nachtlampe vom Tisch gerissen habe
und dann in eine Scherbe gefallen sei. Es scheint, daß sie viel Blut
verloren hat. Man fand sie am andern Morgen ohnmächtig auf ihrem
Teppich. Jetzt ist sie noch sehr nervös und bleichsüchtig.«
»In -- in ihrem Zimmer drin ist das passiert?« fragte Brigitt unter
schwer niedergehaltener Erregung. »Und beim Ausziehen? Hm! Mir war
doch, ich hätte sie so um ein Uhr herum droben gehört und -- sogar
gesehen.«
»Du hast sie gesehen?« horchte Linde auf. »Das muß ich dem Onkel
berichten. Es scheint, daß sie draußen Hilfe holen wollte. Wir haben
nämlich eine Blutspur nachher gefunden, die fast bis an Heinzens Tür
lief.«
»So, so, hat man die gefunden? Ich wollte sagen, ist das so zugegangen?
Dann hat Heinz sie wohl nicht klopfen gehört, und sie ist umgekehrt.
Wenn sie jetzt nur nicht sagt, daß er gar nicht im Zimmer -- du, wird
dir nicht was überlaufen oder anbrennen in der Küche?«
»Ich werde sehen gehen«, sagte Linde, tief mit Rot übergossen, und
erhob sich. »Kann ich dir irgend etwas tun?«
»Nein, mir ist ganz gut. Die -- Prozessionsmusik heut früh hat mir
wohlgetan. Wie spät ist's? Ich denke, sie werden bald zurückkommen.«
Linde gab die Zeit an und ging, und Brigitt blieb erregt und mit sich
unzufrieden allein zurück. »Ich bin noch ganz blödsinnig«, brummte
sie verdrießlich. »Ich hab' mich fast immerzu verraten und zum Schluß
das Mädchen erröten gemacht. Wer seine fünf Sinne nicht beisammen
hat, muß das Maul halten und mit dem Ausfragen warten, bis er wieder
klar denken kann.« Inzwischen verhehlte sie sich nicht ein deutliches
Gefühl der Erleichterung über die immerhin eingebrachten Auskünfte,
und nachdem sie so lange in einem übel schaukelnden kleinen Schiffchen
zwischen Wind und Wellen der Ungewißheit getrieben hatte, war sie
endlich in ihr richtiges und wirkliches Bett zu liegen gekommen, das
auf seinem gehörigen Platz stand, und von dem aus man die Dinge wieder
mehr verwalten und bearbeiten konnte. Sie sah, daß die Klingse bisher
geschwiegen hatte, und schloß daraus, daß sie den Vorfall weder für
sich als siegreich abgelaufen betrachtete noch von einer polizeilichen
oder auch häuslichen Anzeige sich etwas versprach. Linde wußte
überhaupt nichts, und der Dechant, der, wie es schien, immerhin um die
Sache herumgetastet hatte, mußte notwendig um Lindes willen weiter in
seiner Unwissenheit erhalten bleiben. Soviel schien für jetzt klar, und
mehr brauchte es nicht. Wenn dann einmal die Feindin aus dem Haus und
die Kriegstrauung -- hoffentlich! -- vorüber war, konnte man ja mit den
wirklichen Tatsachen herausrücken. Etwas zu schaffen gab ihr die Frage
nach der Beichte, aber bis dahin hatte es noch Zeit; bevor sie wieder
kirchfähig war, erwartete niemand eine von ihr. Das noch bleibende
leise Gefühl der Beunruhigung legte sie zu den anderen Ungewißheiten,
die auch nach der heutigen Vergewisserung noch übriggeblieben waren.
Sie hatte sich schon vorher von Linde einen Fensterflügel öffnen
lassen, um die Prozession von möglichst weither zu hören, wenn sie
dem Fluß nach zurückkam. Eben trug ihr der Wind wieder die ersten
fliegenden Klänge der Musik zu, und sie faltete fromm die verkrümmten
Hände, um in Gedanken mitzusingen. Nachher holte sie sich unter Mühe
und Schmerzen den Rosenkranz herbei und begann demütig zu beten aus
einem leise tragenden Dankgefühl heraus, weil nun alles sich so zum
Guten wendete, die Feindin bald abreiste und für die restierenden
Umstände eine freundliche und treue Entwicklung bevorstand. Darüber
schlief sie sogar ein, überhörte auch das neuerliche Kommen ihrer
Pflegerin und erwachte erst wieder, als die Prozession das Städtchen
heraufzog und die Musik dröhnend allenthalben aus den engen Gassen
hervorbrach. Da ging es schon gegen ein Uhr und kam Linde mit dem
Krankensüppchen.