Erstes Kapitel

Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt

in Verdacht, Geheimnisse zu haben. Eine Prozession führt zu keinen

andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit

Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche

Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als

einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus

einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der

Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche

mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der

Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters

hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den

Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters

her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher

war ihm auch noch keine Prozession verregnet.

Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer

sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre.

Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der

Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der

Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach

den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung.

Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber

Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und

die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum

erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung

sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die

anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach,

sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere

Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen

religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und

mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische

Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm

verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen

worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu

ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück

der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht

alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit

zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen,

jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.

Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur

Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah

mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren

entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei

ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres

Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von

dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch

so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst

nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine

Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise

der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft unter dem

Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher

stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem

schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er

nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang.

Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über

Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das

schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und

gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes

spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die

Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe

hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon

eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.

Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung

der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den

weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen

Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette

und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen

auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen,

so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen

sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine

Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und

entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig

unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.

»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht

durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute

früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«

Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir

aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig betreten. »Ich bin

doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür

kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«

»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der

Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet,

daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen

Beschaulichkeit beginnen kannst?«

»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«,

erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du

vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann

mit Wurst oder umgekehrt?«

Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und

sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer

Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich

ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine

berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und

vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen

Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den

protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem

Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen.

Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt

und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas

Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt

zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war

auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder

Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch

jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem

noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte -- sie diktierte ihr

eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische

Freunde --, so wußte der Dechant wohl, warum er nichts mehr von

dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden

ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem

unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.

Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute

Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom

Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte

nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein

anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die

Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und

mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts

zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln

wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen

Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen

hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.

Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden

schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon

die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb

verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn

sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill

anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die

sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem

aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme

eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern

eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über

allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls

auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu

sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch

seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden das

erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig

nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der

stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem

Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und

erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen

viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher

anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich

von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig

herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich

gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und

verhetzt.

»Sehen Sie mal an, Sie sind ja -- ja der Pfaffe selber!« rief er,

ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob

kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr

Pfaffe, ich -- ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja.

Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger.

Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier

und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹

An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine

Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und

erlauben in Ihrem ei--eigenen Haus so -- so unsaubere -- so anstößige

Dinge -- so -- solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und

Blutvergießen! -- Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu

meinem Bedauern die Schnauze zertreten. -- Tja, was glauben Sie denn?

Wenn ich nicht ein Lu--Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein

He--Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na--nationalen

Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels

moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder

Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der

Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter

Ma--Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst

hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer

Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be--Bett? Ihre --

geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist

zu denken geben muß? Was?«

Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört,

während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug

annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.

»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er

ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick

wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren

sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in

nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«

»In -- in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft:

»Ich bin in nü--nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten

nü--nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch

nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie -- wie soll ich dann das

Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie

ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein,

wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um

sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü--nüchternem

Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte

von der Thronbest--besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte:

›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er

das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden,

denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich

könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen?

Psch -- hihi! Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als

der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden

hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du

besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det

jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen

kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich!

Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne

Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu

betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen,

Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was

sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen?

Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich

wieder hier.«

Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte

er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch

einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins

Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte

plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines

ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.

Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit

schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte,

fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen

zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen

Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was

ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten

machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise

nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick

beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den

Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin, wandte

sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen

rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu

suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie

mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und

unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.

»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte

er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie

standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen

Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr

hier vorfinde.«

Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken

drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter.

Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es

nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von

Mißtrauen durch die Seele ging.

»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich

immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr

die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine

Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr

reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund

unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier

beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich

verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut.

Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts

zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du

mir etwas -- anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht

sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an

Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich

ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte,

geschah es mit einem Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war

er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch

noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und

mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr

viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde

auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn

ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes

Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm

zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie

eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf.

Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen

gleichgültigen Worten.

»Frau Kienold« -- das war die Pflegerin -- »wird im Laufe des

Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. -- Ich

denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung

lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger,

die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte

er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft,

so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise

hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch

einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung.

Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas

schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die

nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm,

als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten

Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend

von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen, die eine nach dem Zimmer

der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später

und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann

unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer,

das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.

Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen

Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu

sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in

seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht

bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich

derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand.

Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den

vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis

der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich

als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag

hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens

Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der

Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem

Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber,

diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht

mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen

war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so

zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die

erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu

lösen schienen.

Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und

Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben

unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel

drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute zum

erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche

Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit,

und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen

Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte

er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich

tief im eigenen Fleisch saß.

Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern

bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes

in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem

er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat,

fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die

ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er

in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend

auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum

ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den

geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen

ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde

regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste

und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie

spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor

sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts

der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie

durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende

~Seele~ das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein

der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen

liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets

neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.

Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige,

kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das der Dechant gegen die

Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der

Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte

aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch

Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das

Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche

Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten

wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten

Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder

das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme

des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte

von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit

mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine

gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden,

auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer

auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer

füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser,

der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im

Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich

dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen

Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens

irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und

stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade

Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten

Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen

Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal

schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach,

während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen

schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf,

während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben,

der Priester vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit

leisem Singen einfiel.

Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der

Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem

Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit

erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend

durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt

von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal

stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen

die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich

weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk

und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten

setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber

darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß

sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf

die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese

vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat

gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich

ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands

waren bereits Nachtfröste gemeldet.

Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten

Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte

Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit

dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten,

etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne

Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu

Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten,

die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter.

In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe

des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen altkirchlichen

Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit

allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten

frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den

geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz

herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales

war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und

schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach;

beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein

und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen

Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch

freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim

lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.

Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben

seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die

Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm

das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die

hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem

himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter

in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem

jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre

Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte

ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten

einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie

lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und

anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie

seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in

ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.

Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem

Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die

sie holen wollte, mit einer Art von wissender Miene den Bescheid

brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der

Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte,

das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte,

um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände.

Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht

antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte

verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten

~wollen~? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er

selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach

einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde

er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete,

befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer

denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor

schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die

noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte

Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann

freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht

deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder

überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen

jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante

weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür

auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend

fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die

jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus

allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah

sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd

im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen

hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie

nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum

ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen -- sie war auf dem Teppich

zusammengebrochen -- aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts

weiter ein.

Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich

die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem

alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach,

erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde

kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der

Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen

zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb

sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut

predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der

Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel

heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten,

sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen

unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend,

ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm

nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem

ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht

für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als

hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen

wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle

Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit,

die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen

kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten

endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der

Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die

Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging

ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche

Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange

mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten

wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe

körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte

das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.

Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges

Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der

Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere

loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing

an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der

Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der

alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte,

auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie

wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung

von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von

der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein

müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden

aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem

spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm

drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er

unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen

sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In

deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im

Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in

mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen

Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten

fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten

Liedes.

Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten

Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz

und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden

Erlösers im Garten Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht,

worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen

Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen

Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert

zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden

Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und

vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt.

Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit

einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das

Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die

hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten.

Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten

auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit

seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter

den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von

den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich

die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel

aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine

gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.

Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel

und drunten im Tal -- man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun

und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem

Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom -- darauf auf die

kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen

der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich

und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er

mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der

Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der

Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät,

um nun zu weisen, was darin steckte. »Und ihr könnt mir glauben, daß

Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er.

»Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft

von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und

reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen?

›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das

bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott

unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist?

Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit

tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht.

Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir

seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine

Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in

vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es

kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht

ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme

stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt

stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr

finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in

mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch

öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.

Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland

zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg

gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in

seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig

Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir

eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es

kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr

denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt

ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum seid ihr nicht

stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut

ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß

eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt

sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und

schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein

fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir

eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn

wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren

wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um

uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine

Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr

großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht

uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns

nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr

Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was

wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun

einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem

bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu

wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit

aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht,

du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten

hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen ~dich~, denn du bist

unsterblich, und ein Unrecht gegen ~sie~, denn sie ist sterblich.

Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht!

Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre

demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen

Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit,

daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird

sich ebenso in Leidenschaft, Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern,

denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du,

Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«

Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und

die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und

des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er

die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen

Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten

in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig

oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend

Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er

sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen,

wenigstens für jetzt und hier.

An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher

jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte.

Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder

einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz

durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu

dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann

baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr

oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt

steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte

er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm

wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch

leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen

Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater

zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die

Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben

sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue

Antworten bekam er nirgends zu hören.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 11 / 33 题