Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt
in Verdacht, Geheimnisse zu haben. Eine Prozession führt zu keinen
andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit
Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche
Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als
einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus
einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der
Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche
mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der
Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters
hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den
Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters
her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher
war ihm auch noch keine Prozession verregnet.
Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer
sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre.
Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der
Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der
Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach
den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung.
Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber
Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und
die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum
erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung
sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die
anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach,
sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere
Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen
religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und
mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische
Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm
verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen
worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu
ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück
der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht
alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit
zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen,
jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.
Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur
Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah
mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren
entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei
ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres
Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von
dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch
so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst
nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine
Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise
der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft unter dem
Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher
stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem
schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er
nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang.
Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über
Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das
schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und
gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes
spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die
Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe
hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon
eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.
Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung
der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den
weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen
Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette
und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen
auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen,
so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen
sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine
Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und
entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig
unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.
»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht
durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute
früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«
Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir
aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig betreten. »Ich bin
doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür
kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«
»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der
Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet,
daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen
Beschaulichkeit beginnen kannst?«
»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«,
erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du
vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann
mit Wurst oder umgekehrt?«
Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und
sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer
Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich
ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine
berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und
vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen
Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den
protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem
Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen.
Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt
und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas
Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt
zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war
auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder
Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch
jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem
noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte -- sie diktierte ihr
eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische
Freunde --, so wußte der Dechant wohl, warum er nichts mehr von
dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden
ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem
unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.
Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute
Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom
Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte
nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein
anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die
Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und
mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts
zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln
wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen
Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen
hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.
Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden
schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon
die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb
verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn
sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill
anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die
sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem
aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme
eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern
eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über
allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls
auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu
sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch
seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden das
erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig
nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der
stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem
Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und
erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen
viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher
anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich
von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig
herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich
gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und
verhetzt.
»Sehen Sie mal an, Sie sind ja -- ja der Pfaffe selber!« rief er,
ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob
kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr
Pfaffe, ich -- ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja.
Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger.
Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier
und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹
An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine
Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und
erlauben in Ihrem ei--eigenen Haus so -- so unsaubere -- so anstößige
Dinge -- so -- solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und
Blutvergießen! -- Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu
meinem Bedauern die Schnauze zertreten. -- Tja, was glauben Sie denn?
Wenn ich nicht ein Lu--Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein
He--Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na--nationalen
Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels
moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder
Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der
Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter
Ma--Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst
hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer
Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be--Bett? Ihre --
geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist
zu denken geben muß? Was?«
Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört,
während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug
annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.
»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er
ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick
wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren
sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in
nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«
»In -- in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft:
»Ich bin in nü--nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten
nü--nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch
nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie -- wie soll ich dann das
Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie
ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein,
wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um
sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü--nüchternem
Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte
von der Thronbest--besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte:
›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er
das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden,
denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich
könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen?
Psch -- hihi! Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als
der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden
hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du
besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det
jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen
kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich!
Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne
Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu
betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen,
Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was
sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen?
Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich
wieder hier.«
Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte
er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch
einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins
Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte
plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines
ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.
Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit
schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte,
fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen
zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen
Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was
ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten
machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise
nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick
beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den
Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin, wandte
sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen
rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu
suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie
mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und
unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.
»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte
er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie
standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen
Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr
hier vorfinde.«
Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken
drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter.
Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es
nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von
Mißtrauen durch die Seele ging.
»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich
immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr
die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine
Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr
reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund
unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier
beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich
verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut.
Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts
zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du
mir etwas -- anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht
sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an
Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich
ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte,
geschah es mit einem Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war
er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch
noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und
mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr
viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde
auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn
ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes
Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm
zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie
eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf.
Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen
gleichgültigen Worten.
»Frau Kienold« -- das war die Pflegerin -- »wird im Laufe des
Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. -- Ich
denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung
lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger,
die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte
er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft,
so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise
hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch
einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung.
Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas
schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die
nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm,
als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten
Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend
von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen, die eine nach dem Zimmer
der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später
und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann
unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer,
das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.
Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen
Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu
sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in
seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht
bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich
derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand.
Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den
vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis
der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich
als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag
hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens
Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der
Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem
Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber,
diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht
mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen
war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so
zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die
erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu
lösen schienen.
Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und
Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben
unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel
drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute zum
erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche
Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit,
und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen
Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte
er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich
tief im eigenen Fleisch saß.
Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern
bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes
in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem
er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat,
fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die
ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er
in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend
auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum
ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den
geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen
ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde
regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste
und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie
spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor
sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts
der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie
durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende
~Seele~ das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein
der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen
liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets
neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.
Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige,
kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das der Dechant gegen die
Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der
Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte
aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch
Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das
Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche
Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten
wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten
Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder
das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme
des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte
von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit
mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine
gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden,
auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer
auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer
füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser,
der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im
Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich
dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen
Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens
irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und
stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade
Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten
Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen
Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal
schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach,
während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen
schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf,
während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben,
der Priester vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit
leisem Singen einfiel.
Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der
Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem
Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit
erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend
durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt
von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal
stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen
die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich
weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk
und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten
setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber
darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß
sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf
die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese
vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat
gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich
ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands
waren bereits Nachtfröste gemeldet.
Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten
Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte
Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit
dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten,
etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne
Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu
Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten,
die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter.
In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe
des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen altkirchlichen
Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit
allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten
frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den
geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz
herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales
war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und
schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach;
beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein
und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen
Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch
freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim
lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.
Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben
seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die
Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm
das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die
hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem
himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter
in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem
jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre
Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte
ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten
einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie
lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und
anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie
seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in
ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.
Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem
Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die
sie holen wollte, mit einer Art von wissender Miene den Bescheid
brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der
Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte,
das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte,
um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände.
Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht
antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte
verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten
~wollen~? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er
selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach
einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde
er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete,
befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer
denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor
schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die
noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte
Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann
freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht
deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder
überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen
jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante
weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür
auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend
fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die
jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus
allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah
sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd
im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen
hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie
nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum
ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen -- sie war auf dem Teppich
zusammengebrochen -- aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts
weiter ein.
Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich
die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem
alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach,
erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde
kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der
Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen
zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb
sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut
predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der
Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel
heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten,
sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen
unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend,
ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm
nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem
ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht
für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als
hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen
wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle
Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit,
die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen
kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten
endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der
Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die
Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging
ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche
Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange
mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten
wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe
körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte
das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.
Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges
Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der
Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere
loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing
an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der
Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der
alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte,
auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie
wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung
von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von
der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein
müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden
aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem
spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm
drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er
unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen
sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In
deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im
Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in
mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen
Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten
fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten
Liedes.
Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten
Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz
und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden
Erlösers im Garten Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht,
worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen
Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen
Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert
zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden
Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und
vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt.
Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit
einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das
Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die
hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten.
Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten
auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit
seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter
den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von
den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich
die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel
aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine
gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.
Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel
und drunten im Tal -- man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun
und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem
Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom -- darauf auf die
kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen
der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich
und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er
mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der
Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der
Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät,
um nun zu weisen, was darin steckte. »Und ihr könnt mir glauben, daß
Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er.
»Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft
von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und
reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen?
›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das
bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott
unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist?
Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit
tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht.
Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir
seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine
Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in
vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es
kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht
ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme
stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt
stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr
finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in
mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch
öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.
Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland
zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg
gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in
seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig
Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir
eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es
kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr
denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt
ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum seid ihr nicht
stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut
ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß
eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt
sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und
schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein
fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir
eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn
wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren
wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um
uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine
Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr
großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht
uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns
nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr
Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was
wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun
einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem
bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu
wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit
aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht,
du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten
hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen ~dich~, denn du bist
unsterblich, und ein Unrecht gegen ~sie~, denn sie ist sterblich.
Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht!
Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre
demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen
Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit,
daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird
sich ebenso in Leidenschaft, Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern,
denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du,
Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«
Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und
die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und
des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er
die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen
Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten
in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig
oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend
Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er
sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen,
wenigstens für jetzt und hier.
An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher
jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte.
Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder
einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz
durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu
dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann
baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr
oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt
steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte
er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm
wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch
leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen
Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater
zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die
Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben
sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue
Antworten bekam er nirgends zu hören.