Linde tritt mit gutem Erfolg öffentlich auf, aber mit immer geringerem
innerlich. Die Tante gewinnt Spielraum mit einem geschenkten Ring
Eins wurde bald klar: die einzige Person, für die die schlanke Weltdame
im Haus sich erwärmte, und die sie anerkannte, war der Leutnant.
Erstens stachen ihr seine Dekorationen in die Augen; an Kreuze und
Orden läßt sich immer befriedigend glauben. Dann fand sie in dem jungen
Mann mit scharfem Blick den Angelpunkt, auf dem sie sich bewegen
und von dem aus sie die andern beherrschen konnte. Er war einfach
organisiert, eitel, oberflächlich und uniform und darum ein gefundenes
Fressen für jedes ehrgeizige Weibsbild, das sich seiner bemächtigen
wollte. Von ihren Beweggründen ahnte er zwar den einen oder andern,
nicht zu seinem Stolz, und wenn Linde ihn mit der neuen Verehrerin
neckte, so wurde er verlegen und suchte die Ehre abzulehnen, aber
sobald er in den Bannkreis ihrer selbstsichern, gebildeten Unterhaltung
oder nur unter ihren egoistischen, schwermütigen Blick geriet, so
schlich sich, ob er wollte oder nicht, ein geschmeicheltes Gefühl
unter seinem Magen hin über den Vorzug, den sie ihm vor den andern
Hausgenossen gab, sie, eine weltbefahrene Frau, die doch etwas gewöhnt
war, und Linde erschien ihm neben ihr dann immer etwas hausbacken
oder kleinstädtisch, jedenfalls nicht als das glänzende und reich
ausgestattete weibliche Wesen, das er gern an seine Seite träumte,
seitdem er sich solchen Spekulationen hingab. Die Klingse bemerkte und
bestätigte alles, was er sagte, während Linde dazu still war oder mit
wenig Worten schwierig widersprach und der Dechant väterlich spöttische
Bemerkungen daranhing, die ihn in seiner Würde kränkten, denn er war
kein Junge mehr, sondern hatte zwei Jahre Krieg hinter sich, von
Amerika nicht zu reden. Dieser Erwägung gab er auch neuerlich Ausdruck,
indem er Rechtfertigungen mit den Worten einleitete: »Wenn man zwei
Jahre im Feld gestanden hat, so weiß man, was los ist!« Die Klingse
übernahm die Redensart von ihm, wenn es darum ging, ihm zu helfen.
Übrigens war sie mit ihren dünnen Lippen und ihrem kalten Blick noch
eine sehr gangbare Frau, der Heinz unter andern Umständen nicht
durchaus abgeneigt gewesen wäre, zumal sie sich mit großer Sorgfalt
modern kleidete und mancherlei hübsche Spitzen und Schmuckstücke an
sich sehen ließ, wovon man an Linde wenig bemerkte. Gezeugt war sie
in England von einem deutschen Vater, aber geboren dortselbst von
einer englischen Mutter, und bis zum Krieg hatte sie sich Mary nennen
lassen, was von den Lippen ihrer Verwandten durchweg als Mehrie klang.
Jetzt hieß sie Malva. Unterweilen war sie längst nach Deutschland
zurückgekommen und die Taufpatin Lindes geworden, ohne daß diese das
Verhältnis nachträglich von sich aus bestätigte, vielmehr begann das
merkwürdige Kind eine gewisse Reihe von moralischen Unternehmungen
damit, daß es jenes, das nie innerlich bestand, auch äußerlich durch
die bekannte Namensänderung löste, eine Feindseligkeit, die die Frau
einigermaßen erleichtert quittiert hatte, freilich ohne etwas zu
verzeihen oder zu vergessen. Noch weit vom Matronenalter entfernt, fand
sie sich neuerlich dem Mädchen gegenüber außerdem im Zustand einer
gewissen Rivalität, mit der aber Linde wahrscheinlich schon damals
begonnen hatte. Die Erkenntnis gereichte der reifen Frau zunächst
nicht zur Steigerung ihres Selbstgefühls, und sie hielt es bereits
für einen Fehler, der Einladung gefolgt zu sein. Dazu kam, daß die
Klingse benannte Frau Professor und Witwe eines berühmten Augenarztes
einen außerordentlich mißtrauischen und einsamen Charakter besaß und
in dem richtigen Gefühl, sich bei ihrem unglücklichen Temperament auf
niemandes Liebe verlassen zu können, höchstens auf die Untertänigkeit
der Kreaturen, die sie wohltuenderweise um sich versammelte, wenig
Zufriedenheit im Leben genoß. Sie war eine wahrhaft tragisch veranlagte
Natur, vor der Linde aus guten Gründen Angst empfand, so große Angst,
daß es ihr sogar unmöglich war, das Gefühl von Mitleid, das sie während
der Entfernung für jene erfüllt hatte, in ihrer Gegenwart zu erhalten
und sinnenmäßig zu betätigen, sosehr sie auch immer wieder von ihrem
Gewissen getrieben darum rang. Solange die Klingse da war, empfand
Linde nur Panik, Kummer und bodenloses, ganz ursprüngliches Lebensweh.
In der Anteilnahme am Leben ihres erwachsenen Jugendgespielen, die
jetzt noch außerdem zwischen den beiden Frauen stand, steigerte sich
ihr alles wie in einem Vergrößerungsglas oder einem Schallbecher zu
verwirrendem Tumult und zu Feststellungen von peinigender Bedeutung,
denn die Frau hatte tausend Möglichkeiten, Menschen zu tyrannisieren
und zu verderben, aber Linde hatte nur einen einzigen Geliebten auf der
weiten Welt, besaß ihn erst seit wenig Tagen und mußte ihn nach einer
bereits festgesetzten kurzen Reihe von Stunden wieder lassen, ohne
seinen Lieblichkeiten und guten Tiefen ganz auf den Grund gekommen zu
sein.
Um von Brigitt zu reden, so verfolgte sie das fremde Frauenwesen
mit einem sichern, ingrimmigen Haß. Daran hinderte sie auch ihr
sonstiges warmes Christentum nicht, denn erstens störte die Klingse
den Frieden der Menschen, die ihr auf der Welt die liebsten waren,
und zweitens war sie protestantisch und stammte aus England, und die
Sprache, die sie redete, war norddeutsch. Was sie in der Stille tun
konnte, um die Frau zu ärgern, das versäumte sie nicht, was sie aber
von Dingen unterlassen konnte, die jener Befriedigungen verschafft
hätten, darum machte sie einen weisen und erfahrenen Bogen. Sie genoß
dafür auch die Ehre, einer der ganz wenigen Menschen zu sein, die das
verwöhnte Weib wirklich fürchtete, und die es leiden machten, während
die Klingse sonst in der Übung hatte, die Menschen leiden zu machen.
Das widerfuhr ihr, weil der Haß dieser meist aus Trieb und Natur
handelnden Leute sie in einem tiefen Grund verurteilte, wohin keine
verstandesmäßigen Selbstrechtfertigungen drangen, und weil sie gegen
deren ganz unmittelbare und natürliche Äußerungen als konventioneller
und literarischer Mensch, der sie von ihrem Ehrgeiz verführt im Lauf
ihrer gesellschaftlichen Bildung geworden war, gar keine Hilfsmittel
besaß. Der Haushälterin gegenüber half sie sich von einem Tag in den
andern mit einer kühlen Verachtung; sie schien sie nicht zu sehen, und
wo sie sie als Dienstboten packen konnte, da tat sie es. Einer solchen
feinen Niedertracht gegenüber war dann wieder Brigitt hilflos, weil sie
an die Verachtung wie das Nichtsehen glaubte. Da sie aber doch nicht
ihre Pflichten als Hausmagd gröblich verletzten konnte, so sammelte
sie still ihre Wut zu einer Art von stehendem Gewitter auf, mit dem
sie stumm oder gelegentlich in der Tiefe grollend am Horizont lauerte
und auf ihren Tag wartete. Um den betete sie vorläufig aus ganzem
Herzen, denn sie hielt das calvinistische Weib ehrlich und aufrichtig
im allgemeinen für eine Verbrecherin und im besondern für eine Spionin,
mit welchem populären Verdacht sie sich denn auf einem schiffbaren
Fahrwasser und in großer Gesellschaft befand.
Dem Dechanten erging es noch verhältnismäßig am besten; entweder er
trieb sich i mherum, oder er stand in seinem Museum vor den gefundenen
Altertümern, um die Geschichte des Domes, die er im Kopf zu Faden
schlug, wieder in einigen innern Beziehungen zu fördern, und die
übrige Zeit des Tages verbrachte er auf seinem Arbeitszimmer, wo er
unangreifbar war. Den Garten mied er, so lieb er ihn hatte; nur wenn
er seinen Besuch sicher in der Stadt wußte, lief er geschwind hinunter
und erging sich auf ein Stündchen zwischen seinen Bäumen und Büschen
und unter dem offenen Licht eines Gottes, in dessen Geheimnissen er zur
Zeit doch bei weitem nicht so tief steckte, wie in denen der Bischöfe
und Künstler, die den hiesigen Platz durch die Jahrhunderte herauf- und
heruntergebracht hatten, um alles dann ihm als dem wahren Kundigen und
Genießer zur endgültigen Reinigung und Zusammenfassung zu hinterlassen.
Indessen wurde der Gott freilich unbehaglicher und bitterer.
Die Klingse zwar fand den Dechanten zu katholisch und zu fanatisch,
und das war die größte Verblüffung, die er seit langer Zeit erlebt
hatte. In der sichern Erwartung, ihn an einem schwachen Zipfel packen
zu können, besuchte sie schon am ersten Sonntag das Hochamt mit der
anschließenden Predigt. Da gerade auf den Tag das Thema vom Pharisäer
und Zöllner fiel, so sagte er vieles über den falschen Ehrgeiz, die
Nichtigkeit von Bildung und gesellschaftlichem Stand, die Wertlosigkeit
des übereingekommenen Mitleids und des öffentlichen Wohltuns, und was
sich sonst so über die verschiedenen Kategorien von Heuchelei sagen
läßt; dagegen hörte man allerlei Gutes über die Armut, die Niedrigkeit,
das stille Werk im Namen Gottes, die bescheidene Liebe von Mensch
zu Mensch, das meiste nicht besonders ergreifend und erweckt, aber
doch weit ursprünglicher und anschaulicher, als man dergleichen sonst
kirchenmäßig betreibt. Es war ihm, während seine Blicke immer wieder
prüfend nach möglichsten Verstecken neuer Altertümer ausflogen, nicht
weiter bewußt, auf einige Gedankengänge unmittelbar durch die Klingse
verfallen zu sein, und vollends merkte er nicht, daß er im Grund gegen
sie predigte, daß die gesellschaftliche Eitelkeit und das leere Getue
mit Wohltäterei, worüber er sich pflichtgemäß zum hundertstenmal
verbreitete, diesmal ihre Gestalt und Züge wies, und daß seiner Predigt
soviel Gegenständlichkeit und Beweiskraft innewohnte wie seit Monaten
nicht. Er hatte nachher nur das Gefühl, daß sie ihm gut geraten sei,
und war befriedigt darüber, daß sich auf lange Strecken in der Kirche
keine Maus gerührt hatte.
Der Anstoß zu dieser Regung bestand aber in einer Vorstandssitzung des
Roten Kreuzes, die einige Abende zuvor beim Dechanten stattgefunden und
an der die Klingse als bedeutende Rote-Kreuz-Dame, wenn auch einer
andern Provinz, handelnd teilgenommen hatte, denn immerhin war sie eine
erfahrene Wohltäterin und hatte schon viel in »Organisation« gemacht.
Zur Verhandlung standen diesmal die untröstliche und andauernde
Kassenleere des hiesigen Vereins und das Angebot eines amerikanischen
Komitees, das Lazarett aus amerikanischen Mitteln zu übernehmen und
mit amerikanischen Ärzten, Instrumenten, Geldern und so fort unter
der fortdauernden Oberhoheit des Roten Kreuzes unendlich glanzvoller
weiterzubetreiben. Es schien ein sehr glückhaftes Angebot und beinahe
eine Rettung in der höchsten Not. Man hätte zwar die Übernahme des
Lazaretts durch den Fiskus oder wenigstens eine staatliche Beihilfe
beantragen können, aber beide Auswege wären nach der einstimmigen
Auffassung einem moralischen Bankrott des hiesigen Roten Kreuzes
gleichgekommen, während die überseeische Lösung den Bankrott unerwartet
in Ruhm und Reichtum verwandelte, denn nun konnte man sich auf eine
mustergültige Einrichtung, ein herrliches Instrumentarium und beinahe
unermeßliche Mittel und sozusagen geradezu auf Luxus einrichten.
Auch der Dechant sah in dem Angebot eine gute Wendung und war nicht
unzufrieden, eine Beunruhigung auf vorteilhafte Weise loszuwerden, um
sich desto ungestörter seiner Kunstgräberei hingeben zu können. Die
Vorsteherin des Vereins, ein redliches, aber ein wenig törichtes altes
adliges Fräulein, weinte himmelblaue Freudetränen. Ihr bedeuteten
ihre Verwundeten ihren ganzen Lebensinhalt, und sie konnte sich nicht
vorstellen, was sie nach Beendigung des Krieges mit sich selber
anfangen sollte. Sie fand den Krieg ja schrecklich, aber sie genoß
doch in aller echten Menschenliebe die große Zunahme an Bedeutung,
die er ihr plötzlich eingebracht hatte, und auf der Fürsorge für ihre
Verwundeten schwamm sie mit verschämt geblähten Segeln daher als
eine freudig bewegte Fregatte des Mitleids. Wie sie nun mädchenfromm
und überlang in ihrem altmodischen Kleidchen dasaß und im Reden und
Rühmen den schwarzen Rembrandthut mit der schönen Straußenfeder, der
ihr so unwahrscheinlich hoch über dem Haarbau schwebte, hin und her
schwang, die blaugrauen kleinen Augen beseligt und feucht von einem
zum andern richtete und es jedermann ans Herz zu legen strebte, wie
sehr man diesem edlen Volk, den Amerikanern, unrecht getan habe, und
wieviel Ursache man besitze, ihre Freundschaft zu erwerben, war da
außer Linde, die als jüngstes Mitglied des Vorstandes auch im Kränzchen
saß, nicht einer, der ihr nicht beschämt recht gegeben und bereits
für die endgültige Abstimmung das Jawort gezückt hätte. Auch die
Klingse fand kühl, daß man alle Ursache habe, sich zu gratulieren,
besonders nach der etwas reichlichen und unbefangenen Wirtschaft, die
hier geführt worden sei. Da sollte man einmal sehen, wie es an andern
Plätzen zugehe, und wie da gerechnet werde. Natürlich, man wolle es ja
überall den Verwundeten so angenehm machen als möglich, aber deshalb
dürfe man doch nicht das Ganze aus den Augen verlieren und vor lauter
Mitleid die »Organisation« vergessen. Nun, man sei jetzt gerettet, und
daß der kommende Überfluß einer innern Neigung entspreche, werde man
wahrscheinlich mit besonderer Befriedigung feststellen. Die gnädige
Bemerkung wurde mit einem etwas verschämten Gelächter quittiert, und
auch die Klingse lächelte nachsichtig, und so war das ganze Geschäft
zur Abstimmung reif, als Linde ums Wort bat.
Die Klingse, die alles sah, hatte längst bemerkt, daß Linde ihre
besondern Empfindungen über den Fall hütete, aber im Traum nicht
erwartet, daß sie versuchen würde, sie zur Geltung zu bringen. Auch
dem Dechanten war ein beunruhigter und beinahe trauriger Ausdruck
ihres Gesichts aufgefallen, während alle andern wie die Erlösten
strahlten und vor lauter Aussicht auf Ruhm und Luxus schon fast immerzu
schlucken mußten, und er hatte sich einige Male gefragt, was ihr wohl
fehlen könne, aber nicht zu ernsthaft, obwohl sie sein Gewissen
war, oder vielmehr eben deshalb. Linde in der Zeit saß da in einer
wachsenden Angst und in einem zunehmenden Zorn, Angst um die kranken
und wunden Soldaten, um die Reinheit eines Werks -- auch sie dachte
ans Ganze --, und Zorn über die billigen und käuflichen Seelen, die
sie hier umringten, und über die schlaffen Gewissen, die in einem
bedrohten Land das Werk der Daheimgebliebenen so lau und kleinmütig
betrieben. Dem adligen Fräulein, das zeit seines Lebens noch niemals
einem Menschen etwas Übles getan hatte, sonst hätte es längst einen
Mann ergattert, war sie geradezu gram, und daher wandte sich ihre Rede
auch ganz ausschließlich an dieses, und zwar mit einem solchen düstern
Gesichtsausdruck und einer so schmerzlich bebenden Stimme, daß das gute
Wesen bis auf die Knochen davor erschrak.
Sie könne die Anschauung des Vorstandes nicht teilen, redete Linde
das Fräulein an, zunächst unter großen Anstrengungen, ihre Scham zu
überwinden. Es scheine ihr nicht, daß man keinen andern Ausweg hätte,
als das Werk abzutreten. Gewiß, man habe vielleicht etwas aus dem
vollen gewirtschaftet und immer zuerst an die Soldaten gedacht. Aber
sie seien auch die Hauptsache. Sie kämen hilflos und traurig an und
dächten nicht, daß hier das oberste Interesse die »Organisation« sei.
Man sei schon solange bankrott gewesen, und es sei weitergegangen; es
werde auch weitergehen, wenn man nur nicht den Glauben verliere. Man
dürfe nicht die Soldaten, die sich auf ihre Brüder und Schwestern im
Land verließen, den Messern amerikanischer Ärzte ausliefern. »Was sind
unsre armen, frommen Soldaten den Amerikanern? Sie lernen und probieren
an ihnen und gehen dann nach Amerika zurück mit der Reklame, daß sie
ein Jahr lang in einem deutschen Lazarett gearbeitet haben. Sie sind
dann gewiegte Chirurgen, und die Patienten kommen gelaufen. Was geht
uns das an? Jetzt ist jeder verwundete deutsche Soldat unser Bruder
oder Sohn, und unsre Söhne und Brüder müssen wir selber pflegen. Wir
werden die Mittel dazu bekommen wie bisher, auch wenn wir schlecht
wirtschaften und zu freigebig sind.«
Das war die kurze Rede, die ein so großes Aufsehen machte und eine
ganze kluge Bereitschaft über den Haufen warf. Luxus und Ruhm, ein
prachtvolles chirurgisches Instrumentarium, Geld und Hilfsmittel, alles
zerstob vor ein paar herzlichen und zornigen Mädchenworten zu nichts,
und wie vorhin alle Damen gerührt und begeistert gewesen waren, so
waren sie jetzt von ihrem eigenen einfachen und menschlichen Wesen
ergriffen, das ihnen aus Lindes Darstellung entgegensah. Jawohl, das
war ja ihre wirkliche Art: wohlwollend, gütig, verschwenderisch, ein
bißchen fahrlässig, voll Liebe und Mitleid und lebendiger mütterlicher
Beziehungen zu den lebendigen verwundeten Soldaten, immer bankrott,
immer hoffnungsvoll, viel beredet und viel geliebt, ein herzlicher,
treuer, gottgefälliger Klüngel, der sich den Teufel um Prinzessinnen
und Fürsten scherte und sich bisher glücklich alle Protektoren vom
Hals gehalten hatte, nach dem weisen Rat und unter der diplomatisch
geschickten Leitung desselben Dechanten, den heute ein plumpes
materielles Angebot mit dem ganzen Kränzchen beinahe über den Haufen
geworfen hätte. Er schämte sich bereits, und alle Damen schämten sich,
so glücklich sie sonst auch waren, ihrem bisherigen lieben, warmen Werk
zurückgeschenkt zu sein. Nur fand in der Geschwindigkeit keine den
Bogen, das alles in Worten auszudrücken. Aber es brauchte auch weiter
keiner Worte; einig war man immer gewesen. Die Klingse allein war nicht
zufrieden.
»Ich kann den Damen nur noch einmal raten, das amerikanische Angebot
anzunehmen«, sagte sie wie jemand, der mehr weiß, als er für jetzt
verlauten will, und geflissentlich über Linde hinweg. »So üppig ist es
Ihnen ja hier doch nicht ergangen, daß Sie mit Vorteil für sich und die
armen Verwundeten sogenannten hohen Idealen nachjagen dürften. Mein
Gott, wie arbeiten Sie denn! Sie entlasten die Schwestern vom Putzen
und Scheuern und stellen dafür bezahlte Frauen an. Wo finden Sie das
noch? Nicht einmal im reichen Frankfurt. Sie schicken nach Marburg
geschlossene Fäßchen mit Hahnen für den Kaffee an die Militärzüge,
weil Ihnen die offenen Eimer unästhetisch sind. Gewiß, es wird einmal
ein Stäubchen Ruß hineinfallen; im Feld fällt noch mehr hinein, und
man trinkt es auch. Aber die Hahnen sind zu eng, und das Auf- und
Zudrehen nimmt Zeit weg; es geht ja faktisch viel langsamer als aus den
offenen Eimern. Und was tun Sie, meine Damen? Sie kaufen ganz große
teure Messinghahnen und lassen die an die Fäßchen anbringen. Nun ja,
jetzt funktioniert die Sache. Es fällt kein Ruß in den Kaffee. Es sieht
auch appetitlicher aus. Aber was hat das nun gekostet! Und gerade Sie,
meine Damen, mit Ihren Mitteln! Darum sage ich Ihnen noch einmal, nicht
immer können die Soldaten die Hauptsache sein. Das Rote Kreuz muß auch
leben. Es ist nicht jedermanns Geschmack, ewig bankrott zu sein. Der
Geschmack unsrer Oberleitung ist es jedenfalls nicht, das muß ich Ihnen
schon bemerken. Ihr Kultus, den Sie mit den Verwundeten treiben, ist ja
auch höhern Orts bekannt und gibt viel zu reden. Da ist keine Wäsche
weich genug und keine Decke genügend warm. Und die Soldaten müssen dies
essen und jenes haben. Meine Damen, im Feld haben sie das alles auch
nicht, und sie siegen dennoch. Es besteht höhern Orts die Meinung,
daß man auf diese Weise das Material nur verwöhnt. Mütterlichkeit ist
schön in der Familie, aber dies hier ist eine Sache der Organisation.
Durch Organisation wird Deutschland diesen Krieg gewinnen, wenn man
das denn immer wieder sagen muß. Tun Sie, was Sie wollen, aber sagen
Sie nachher nicht, daß Sie nicht gewarnt seien. Fragen Sie sich auch,
ob es politisch ratsam ist, die amerikanische Öffentlichkeit durch
eine Absage zu brüskieren. Das wäre vielleicht warmherzig, aber wenig
staatsklug. Aber natürlich ganz wie Sie wollen; ich bin hier nur Gast.«
»Liebe Tante«, erwiderte Linde sofort und tief erregt, »wenn dich ein
Verwundeter hören könnte, so würde ihm ein furchtbarer Schreck oder
eine Traurigkeit in die Glieder fahren, die er nie mehr verlöre. Ich
möchte dir beinahe wünschen, daß du einmal mit einer Wunde zu Bett
lägest, um dich zu fragen, ob dir nun etwas Verwöhnung lieb sei oder
nicht; und dann würden wir dich nicht mit der Bemerkung abfinden, daß
du im Feld auch nicht verwöhnt würdest. So ist das. Ich finde, daß
du sehr zu bemitleiden bist. Ihr alle seid zu bemitleiden samt euren
Auszeichnungen und Titeln.«
Da sich Linde völlig selbstvergessen einem fremden Bedürfnis hingab,
gelang ihr ebenso selbstvergessen ein Sieg über die kaltherzige
Frau gerade durch jenes tiefe, geheimnisvolle Mitgefühl, zu dem sie
sonst im persönlichen Umgang ihrer Patin gegenüber nicht mehr frei
zu werden vermochte. Diese in den Augen der Klingse ganz verrückte
und dilettantische Vorstandssitzung entwickelte sich denn auch ganz
in der Richtung, die ihr Linde gewünscht hatte, und die in der Tat
die natürliche für alle Teile war. Die Amerikaner wurden samt ihrem
wundervollen Instrumentarium höflich bedankt und wandten sich an eine
andere Stadt, und da nicht überall so helle und kühne Wächterinnen der
nationalen Würde und der wahren Nächstenpflicht saßen, so fanden sie
auch eine. Das ganze Ereignis gab aber eben die unbewußte Unterlage
und den Anstoß zu der Sonntagspredigt her, die wieder der Klingse
die Unterlage für einen Vorstoß gegen den Dechanten verschaffte. Und
zwar war es gleich beim Mittagessen, daß sie das Gespräch auf das
Predigtthema lenkte.
»Ich kann ja solche Seligpreisungen der Dummheit und Inferiorität nur
vom politischen Standpunkt aus verstehen«, erklärte sie mit kühlem
Lächeln. »Wahrscheinlich willst du auch so aufgefaßt sein. Es wäre ja
auch zu altfränkisch, im Ernst die hohe Bedeutung und die Verdienste
der Gesellschaft leugnen zu wollen. Obwohl mir auch für politische
Zwecke die Predigt immer noch fanatisch genug war. Ein enger Kopf
bleibt ein enger Kopf, wenn er noch so gläubig ist, und ein Zöllner
behält der Gesellschaft den Wert eines Zöllners, selbst wenn Christus
mit ihm verkehrt hat. Wohin kämen wir, wenn auf einmal der Unsinn und
die Beschränktheit den Ton angeben wollten! Zum Beispiel im Feld,
Heinz, was macht einen Sieg dort aus, die sogenannten Gemütskräfte,
Glaube und Liebe, oder die technisch vollkommene Kriegsmaschine, die
Fähigkeit der Teilnehmer, +a good sport+ zu sein?«
»Natürlich der gute Sport«, sagte Heinz sofort. »Die größere Schlauheit
und Fixigkeit. Das neuste Gas. Das schwerste Kaliber Feldgeschütz. Die
Mechanik mit einem Wort. Der Mensch ist nichts. Wolle, was du willst,
das ist soviel, wie wenn eine Feder fliegt.«
»Also die Organisation der Materie«, übersetzte die Klingse. »Wir
hier im Land wissen gar nichts. Wir müssen diese da reden lassen. Das
sind jetzt die wahren Herren unseres Schicksals. Wenn einer schon
im Heizraum eines Schiffes sich nach Europa durchschlägt, um seinem
Vaterland zu dienen, der hat Anspruch auf Beachtung. Auch wenn er
über Dinge des Friedens redet, denn der Krieg ist der Vater aller
Dinge. Ein Volk wird niemals groß durch gläubige Zöllner und bekehrte
Sünder, sondern durch Leute, die in die Welt passen, wie die jetzige
Generation, Techniker, Industrielle, Kaufleute, Amerikaner und Juden.
Jawohl, Juden. Das sind sogar die Leute, die am wenigsten Vorurteile
haben. Es ist sonderbar, daß man euch das noch klarmachen muß, nachdem
unsere herrlichen Unterseeboote und Luftschiffe schon so lange an der
Arbeit sind. Von Seele habe ich in diesem Krieg noch nichts gemerkt; du
vielleicht, Heinz?«
»Nein, ich auch nicht«, lachte Heinz verlegen; es war ihm schon nicht
mehr ganz wohl bei dem Spiel. »Aber vom Leib, und das tüchtig«, fuhr
er mit knabenhaftem Eifer fort. »Kinder, wie haben wir schon gehungert
und gefroren, und wie waren wir schon müde, verlaust und dreckig!
Essen und schlafen und mal wieder ein Bad, und die ganze menschliche
Herrlichkeit ist repariert. Das schönste ist aber die Entlausung, das
kann ich euch schon sagen. Wenn einen das Läusevieh so ein paar Wochen
recht vorgehabt hat, und dann alles auf einen Tag loszuwerden: das ist
Wiedergeburt.«
»Seht ihr, so tönt das bei den modernen jungen Leuten«, triumphierte
die Klingse kühl und verzog ihre Lippen. »Wir sind auch nicht anders
als die andern, die Franzosen und Engländer, und könnten sogar vieles
von ihnen lernen. Wenigstens haben die begriffen, daß der Egoismus
die Quelle alles Lebens und das Geschäft das Ziel aller geistigen
Spekulationen ist. Es wäre besser, wir hätten ein Bündnis mit den
Engländern als mit den Bulgaren und Türken; dort blüht bloß die Roheit
und der Aberglaube. Schön, ihr habt nationale Eigenart, und die andern
besitzen die Welt.«
Dem Soldaten war schließlich wie vor den Kopf geschlagen; denn so laut
und feierlich seine schadhafte Wäsche als Mannskraft ausrufen zu hören,
ist nicht jedermanns Sache, und keinesfalls hatte er ein Interesse
daran, Linde in dem Licht zu erscheinen, in das ihn die weltliche Frau
mit Kunst und Weiberlist hineinpraktizierte. Seine Genugtuung über
die gehörten Lobsprüche war daher nur klein, und das wenige, das sich
seine Eitelkeit davon aneignete, wurde ernstlich von seinem schlechten
Gewissen angegriffen. Nach so langer Zeit fühlte er überhaupt zum
erstenmal wieder Gewissensregungen, und zwar durch den Besitz eines
deutschen Mädchens von Wert und Kühnheit, eines Mädchens, dem nun
einmal die Gabe verliehen war, jedem, der sich damit einließ, als eine
Art von kühler Morgenluft in die Seele zu ziehen und dort Erwachen
und Aufstand zu verursachen. Heinz war freilich vorläufig erst beim
Frösteln angekommen, und seine Gemütsstimmung zeigte daher einen
etwas weinerlichen und katzenjämmerlichen Anstrich, während er sehr
unbehaglich vor sich auf seinen Teller blickte und auf die Entgegnungen
wartete, die ihm in den Unterstand fahren mußten.
Der Dechant war weiter nicht erschüttert von den Offenbarungen seiner
Schwägerin; er kannte noch größere, wenn er zur Zeit auch keinen zu
heftigen Gebrauch von ihnen machte. Sehr gelassen sagte er:
»Wenn's dann nur jedem bei seinem Besitz wohl ist; denn immerhin hat
Hinz wie Kunz etwas, worauf er sich wenigstens eine Weile verlassen
kann. Leid tun mir aber die Leute, die bei uns gezwungen sind, mit
leeren Händen auszugehen, weil sie weder unsre Eigenart noch jene Welt
besitzen, die ja die andern haben und ausbeuten. Ich habe deshalb
immer darauf gedrungen, daß wir in Gegenwart dieser wirklich Armen und
Leeren jedes Auftrumpfen mit unserm Besitz vermeiden müßten einerseits
aus Feingefühl, andrerseits aus Gewissenhaftigkeit; denn ein Besitz
wie Eigenart ist ein ernstes und unerbittliches Geschenk. Ihr, die ihr
nicht damit belastet seid, tut unrecht, uns darüber zu beschreien, und
seid zu tadeln; denn ihr solltet ja dank eurer Modernität den größern
Überblick haben. Nun, dergleichen Talente liegen nicht in den Zeiten,
sondern in den Personen. Ich lege dir aber ans Herz, künftig nicht
mehr die Unmündigen zu mißbrauchen, wenn du gern einen persönlichen
Beweis führen möchtest, auch wenn sie alle Eiserne Kreuze und Orden
tragen, die ihrer Jugend zugänglich sind. Was dann das eigentliche
Thema angeht, die Seligpreisung der Armen, so wundere ich mich etwas,
daß du im Haus eines katholischen Geistlichen daran Anstoß zu nehmen
erklärst. Ich dachte, du wüßtest, zu wem du auf Besuch kamst. Nun, in
der Großstadt vergißt sich wohl dies und das, und es ist gut, daß ihr
von Zeit zu Zeit darauf kommt, daß wir auch noch da sind.«
Mit diesen lächelnd gesprochenen Worten hob er die Tafel auf. Indem
er im Vorbeigehen dem Soldaten leicht und väterlich die Hand auf
die Schulter legte, sagte er zum Mädchen: »Daß du dich jetzt auf
eine Stunde legst, Linde, und wenn zehn Leutnants gute Unterhaltung
in Aussicht stellten. So ein Luftibus darf doch nicht gleich alle
Hausregeln über den Haufen werfen.« Ihr freundlich zunickend, ging er
scheinbar ganz unangefochten hinaus. Innerlich war er's weniger, denn
mit allen weltmännischen Lästerungen hatte ihm die Schwägerin doch
einige Bedenken aufgeregt. Daß sie in seiner Predigt Fanatismus fand,
beunruhigte ihn noch am meisten, nicht weil er darin einen liberalen
Vorwurf erblickte, den er sehr ruhig ertragen hätte, sondern weil es
beim genauern Zusehen als ein unverdientes Lob herauskam; denn er wußte
doch am besten, auf welchem Weg seine Predigten neuerlich entstanden,
und wo seine Gedanken in der Zeit, während er sie hielt, sich manchmal
herumtrieben. Er hatte in seinem Gott immer einen klugen Pädagogen
gefunden; nun war es diesem sogar gelungen, ihn durch das ungewollte
Lob eines ungläubigen Weibes ernstlich zu tadeln und zu mahnen. Mit
einem Anflug von echter Besorgnis bemerkte er wieder die zuwartende
Langmut Gottes, und für diesen Nachmittag jedenfalls dachte er weniger
an die Geschichte des Domes als an die seiner Seele und der mystischen
Bindungen, die er andern Seelen und jener höchsten, an die keiner ohne
Erschütterung denkt, schuldig war und zum großen Teil schuldig blieb.
Nebenher rückte er doch auch seine Domgeschäfte und die Geschichte des
frommen Platzes wieder um einen Schritt näher unter den göttlichen
Gesichtspunkt, ein zäher Ringer, der er war, und ging so nicht ganz
ohne Vorteil für seine Lieblingstätigkeit aus der Affäre hervor. Den
verdienten Mittagsschlaf verpaßte er freilich über aller Spekulation,
so daß er später beim Tee etwas müde aussah.
Heinz und Linde waren beide dem Vorgang des Dechanten gerne gefolgt,
um diesen Tisch, an dem es ihnen so wenig wohl war, zu verlassen. Mit
einem überlegenen Lächeln blieb die Frau allein noch eine Weile sitzen,
horchte prüfend ihren Worten nach, suchte ohne Wohlwollen und darum
umsonst, sich ein wahres Bild von diesen Menschen zu machen, verlor
darüber ihr Lächeln, ärgerte sich über die empfangene Abfertigung,
dachte mit einer etwas bittern Regung von Eifersucht an den jungen,
blühenden Leutnant und mit Abneigung an das Mädchen und fühlte sich
alles in allem ziemlich einsam mit der Tragik ihres Lebens und ihrer
kalten, unfruchtbaren Natur. Unterweilen kam Brigitt herein, um
abzuräumen, hochbefriedigt darüber, den ungeliebten Gast rechtmäßig mit
einer häuslichen Pflichterfüllung aus einer Behaglichkeit auftreiben
zu können. Sie erhob sofort ein überaus kriegerisches Geklapper mit
Tellern und Gabeln, bewegte sich breitspurig ordentlich unter der
feinen Nase der Frau hierin und dorthin und nahm ihr, ohne viel zu
fragen, die Kaffeetasse weg, obwohl sie noch Kaffee darin und die
Hand am Löffelchen hatte. Wirklich erstaunt über soviel völkische
Niedertracht, blickte die Klingse auf und sah zur Abwechslung das
rabiate Frauenzimmer wirklich einmal näher an.
»Warum nehmen Sie mir das fort?« fragte sie mit hochgezogenen
Augenbraunen. »Sie sehen doch, daß ich noch nicht fertig bin. Warten
Sie mit dem Abräumen, bis alle Herrschaften den Tisch verlassen haben.«
»Die Herrschaften, was Herrschaften sind, haben ihn verlassen«,
erwiderte die Haushälterin patzig und räumte weiter.
»Sie werden ja anmaßend«, wunderte sich die Geärgerte. »Was soll denn
das alles heißen?«
Brigitt zog ihr auch das Tischtuch unter den Händen fort, so daß sie
jetzt am nackten Tisch saß. »Was es eben heißen soll.«
»So werde ich mir meine Frage selber beantworten«, erklärte die Klingse
errötend und erhob sich. »Es heißt, daß Sie der unverschämteste
Dienstbolzen sind, der mir zeit meines Lebens vorgekommen ist. Man
nennt Ihresgleichen bei uns Pfarrerskathel, und man weiß, daß solche
Rechte, wie Sie sich anmaßen, allgemein nicht nur durch häusliche
Dienstleistungen erworben werden. Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie
die guten Beziehungen zu Ihrem Herrn nicht in dieser öffentlichen Weise
ausnützten.«
Damit ging auch sie und ließ den alten redlichen Menschen in einer
maßlosen Betroffenheit zurück, in einer Verblüffung, die sich dann
langsam zu ungefaßtem Ärger und Wut steigerte in dem Tempo, in dem die
Magd die Infamie begriff, die ihr gesagt worden war. Daß Brigitt aber
zum Begreifen soviel Zeit brauchte, war für diesmal das ganze Glück der
Klingse, denn in diesem Fall hatte sie ihre Gegnerin unterschätzt; als
aufgeklärte Persönlichkeit besaß sie weder Verständnis für menschliche
Ideale noch Respekt vor persönlichem Anstand.
Um noch einmal vom Nachmittagstee zu sprechen, so servierte ihn Brigitt
in kochendem Haß und in vollem Bewußtsein der erfahrenen Niedertracht,
mit einer tiefen Falte über der redlichen gebogenen Nase und fest
geschlossenen Lippen. Dieser Handel war nun ganz ausschließlich
ihre Sache wie auch die Abrechnung im Namen der Hausehre und der
beschimpften geistlichen Person, der sie diente. Von der landläufigen
Verunehrung ihres Standes sowie von den summarischen Verleumdungen
des einsamen, vor Gott gestellten Mannes hatte sie ja schon zu ihrem
Verdruß gehört, und sie wußte auch, welche Schicht der Gesellschaft
und welche politischen Parteien sich in solchen weltläufigen
Allgemeinheiten gefallen; aber den Feind im eigenen Haus zu haben, war
ihr ein ungeheures Erlebnis, mit dem sie nicht so in der Schnelligkeit
fertig zu werden und dessen Tragweite sie auch noch nicht von fern zu
überblicken vermochte.
Linde verbrachte diesen Nachmittag traurig und bedrückt, obwohl in
Gesellschaft ihres Geliebten, und das war der einzige Trost, wenn auch
ein kummervoller, denn dieser Geliebte war zu gewissen Zeiten und
Teilen auch der Mann ihrer Feindin. Nicht nur, daß sich das unselige
Weib seiner minderwertigen Qualitäten und seiner Torheiten bemächtigt
hatte, um ihn von dem gottesfürchtigen Umgang zu sich, der Weltdame,
zu ziehen, und noch abgesehen davon, daß sie ihm durch ihren Verstand
und ihre gesellschaftliche Überlegenheit imponierte und geistig die
geringe Einheit störte, die sich zwischen den jungen Leuten bisher
gebildet hatte, machte sie auch, noch weniger sichtbar als fühlbar,
ganz äußerlich als Weib einen gewissen Eindruck auf ihn, dem er sich
nicht zu entziehen vermochte. Sie betraf ihn stets mit größerer Scham
über Blicken nach gewissen Geheimnissen der Tante, die bei dem Schnitt
ihrer Kleider und Blusen nicht allzu streng verborgen waren, und als
er eines Tages sich über seine Vorliebe für Parfüm erklärte, wußte sie
auch, was das zu bedeuten hatte; denn von der Tante ging fortwährend
ein feiner, geheim erregender Duft aus. Alles in allem glaubte sie
nicht, daß Heinz ihr an die Gegnerin untreu werden könnte; eine solche
Niedrigkeit traute sie ihm mit keinem Gedanken zu. Allein der ganze
Einfluß, der von der städtischen und äußerlichen Frau auf ihn überging,
veränderte ihn wenigstens zeitweise in einer ungünstigen und für Linde
schmerzlichen Richtung. Sie sah deutlich, wie er jedesmal nach einem
Zusammensein mit der andern auf einer neuen Seite sozusagen anverdorben
zu ihr zurückkam wie ein gefallener oder gedrückter Apfel. Er wurde
eitler und gefallsüchtiger, kaufte sich Manschetten und weiße gestärkte
Halsringe, die dann sehr kavaliermäßig unter seinem ernsten Ärmel- und
Kragenaufschlag hervorblinkten, dazu feine Handschuhe und Lackstiefel,
und die kriegerisch verbeulte Feldmütze vertauschte er mit einer neuen,
ganz korrekten und steif stehenden. Daß ihm die vorige kriegerische
Abgeschlissenheit viel besser und männlicher gestanden hatte, wußte er
nicht, und er glaubte es auch nicht, als es ihm Linde sagte.
Das schlimmste Leiden floß ihr aus dem Gewissen. Es war nicht mehr
allein das jener Frau zugefügte und noch nicht wieder gutgemachte
Unrecht um das entwendete Buch, das ihr auf der Seele lag, sondern
das Schuldgebiet war weit über die von Heinz gezogene Grenze
hinausgewachsen, und zwar schon an dem Abend, an dem die bittere
Frau auf Lindes bußfertige Einladung leiblich erschienen und von dem
bestürzten Mädchen so niederschmetternd abstoßend und auf den ersten
Blick unversöhnlich feindlich empfunden worden war. Linde erlebte
diesen Mißerfolg wie eine Katastrophe. Es war ihr jetzt klar, daß sie
sich im Grund schon damals gegen die Frau um Heinz gewehrt hatte, wenn
auch mit törichten und verwerflichen Mitteln; denn anstatt alle frei
zu erhalten, hatte sie alle in eine geheimnisvoll drohende Verwicklung
gebracht, den Dechanten, die Frau, den Geliebten und am tiefsten
sich selbst. Sie meinte daher nicht mit Unrecht, daß es nötig sei,
Schritte zu unternehmen, um ihre sittliche Freiheit zurückzugewinnen
und zugleich der Leugnerin aller seelischen und moralischen Impulse
die Hoheit des Gewissens und das Wirken der lebendigen Seelenkräfte
zu beweisen. Aber dies Mittel erforderte eine so übermenschliche
Selbstüberwindung, daß sie sich nicht fähig fühlte, es aus freier Hand
anzuwenden, jedenfalls nicht ohne die Hilfe und den innern Beistand
eines Freundes. Beides suchte sie im Lauf des Nachmittags, müde
von allem Denken und von der Bemühung, ihrem Geliebten nicht durch
Traurigkeit schwerzufallen, bei ihm selber ohne besonderen Mut, nur um
einen Versuch nicht ungewagt zu lassen.
»Hast du auch schon bemerkt, daß die alte Geschichte mit dem Buch
wieder lebendig geworden ist und als Gespenst umgeht?« fragte sie
aus einem Schweigen heraus schüchtern ihren Freund. »Ich meine nicht
die Entwendung an sich«, fuhr sie hastig fort, als sie mit einem
Streifblick sein verständnisloses Gesicht bemerkte. »Gewiß, die Tante
ist furchtbar verletzt und will sich rächen. Und es scheint, daß sie
sehr an ihrem Ehrgeiz leidet. Aber es ist da noch anderes; ich kann
es nicht so sagen. Ich meine, sollten wir nicht einen -- ehrlichen
Entschluß fassen?«
Heinz sah immer noch gleich verständnislos aus. »Einen Entschluß
fassen?« wiederholte er verwundert. »Wir haben über die Sache doch
schon gesprochen. Ach, du meinst wohl unseren Vertrag? Aber liebes
Kind, das war doch eine Neckerei. Wer wird doch gleich alles so
tiefgründig nehmen. Du bist vollkommen freiwillig meine Freundin
geworden; das hat mit der dummen Büchergeschichte doch nichts zu tun.
Fühle dich nur ja in keiner Weise gebunden, ich bitte dich. Wir sind
doch erwachsene Leute.«
»Ich fühle mich dir gegenüber auch frei«, sagte Linde. »Aber du mußt
verstehen, daß ich dieser Frau ein Unrecht angetan habe.«
»Lieber Gott, doch nicht wissend!« ermahnte Heinz wohlmeinend. »Damals
warst du noch ein Kind! Da könnte ich mir ja auch Gedanken machen!«
»Ich wußte ganz genau«, kopfschüttelte Linde. »Ich hatte ein Gewissen,
und wenn ich dort die Wahrheit gesagt hätte, so brauchte ich mich jetzt
nicht vor Gespenstern zu fürchten.«
»Nun, bei der großen Beliebtheit, die sie sich damals bei uns erwarb!«
erinnerte Heinz mit einem Versuch, sie zu erheitern. »Aber was ist
denn so Schlimmes geschehen? Sie hat doch die Sache längst vergessen,
sonst wäre sie nicht hier. Na also. Obwohl ihr sie sicher alle falsch
beurteilt«, platzte er dann plötzlich heraus. »Sie ist eine sehr
gebildete und feinsinnige Frau, nur etwas verbittert. Sie wird zuwenig
geliebt, wie es scheint.«
»Gewiß«, stimmte Linde mit ernsten Augen, doch erleichtert zu. »Wir
wollen eine offene Aussprache herbeiführen; vielleicht lernen wir uns
dabei verstehen, und jedenfalls machen wir allen das Herz frei.«
»Aber gern, natürlich«, sagte Heinz lachend. »Es wird einen rechten
Spaß geben. Verfluchte Blase, die wir auch waren! Laß mich nur machen,
ich werde diese Sache schon einfädeln.«
»Vielleicht besser nicht«, bat Linde, erschreckt von seiner absoluten
Verständnislosigkeit. »Es wird doch nicht gehen. Wir wollen es lieber
lassen. Ich bitte dich. Vielleicht später. Jedenfalls nicht, bevor wir
wieder darüber geredet haben.«
»Na -- was also? In den Kartoffelacker 'rin oder aus dem Kartoffelacker
'raus? Schön. Wenn du nicht willst, so wird eben nicht darüber
gesprochen. Ich meine nur --«
»Ich -- kann ihren Blick nicht ertragen, nicht einmal in der
Vorstellung«, suchte sie zu erklären, verstummte aber bedrückt und
machte auch keinen Versuch mehr, ihm ihre Empfindung näherzubringen.
»Tja, da muß ich wiederholen, daß du ihr unrecht tust«, meinte er,
selber verschüchtert. »Sie mag ihre Härten haben, aber ein übler Mensch
ist sie nicht. Wenn man zwei Jahre so draußen gewesen ist und dann mal
wieder ins Land schneit, so hat man für alles Weibliche einen ganz
andern Nerv, auch für das Männliche, versteht sich. Und da kann ich nur
sagen --«
Er sprach nicht aus, was er nur sagen konnte, und auch Linde ließ ein
Gespräch fallen, bei dem sie bloß Verluste und Enttäuschungen erlebte.
Gleich darauf klingelte Brigitt zum mehrfach berufenen Nachmittagstee,
der ziemlich still und gemessen verlief. Nachher belegte die Tante den
Soldaten mit Beschlag, um mit ihm zu musizieren. Er spielte ganz hübsch
Klavier, und sie brauchte ihre dünne Stimme mit Geschmack; darauf
spielten sie vierhändig, womit schon manche schwere Not begonnen hat.
Später ging sie mit ihm spazieren, und er zeigte ihr die schöne Gegend.
Zum Nachtessen erschien er mit einem Ring ihres verstorbenen Mannes,
den sie ihm geschenkt hatte. Als später unter vier Augen Linde eine
Bemerkung darüber machte, meinte er, er wisse nicht, was sie gegen die
Frau habe; er könne sich doch von einer reichen Verwandten, die dazu
ihre Patin sei, etwas schenken lassen. Ob sie denn an Eifersucht leide?
Sie sagte, sie leide nicht, und mußte dafür auch ihre Empfindlichkeit
unterdrücken und ihre Trauer verbergen, und er war zufrieden, daß sie
es wieder schien.