Der Abschied des Soldaten und der Kampf um seine letzten Stunden führt
zu überraschenden Ergebnissen; fast alle Leute stehen nachher auf einem
andern Fleck.
Mit solchen und anderen Geschehnissen ging der Urlaub des Soldaten
zu Ende; indem er am Mittwoch zum Kaffeetisch herunterkam, hatte er
bereits seinen letzten Tag angebrochen. Linde erwartete ihn mit einem
heiteren Gesicht und trüben Augen; sie hatte die Nacht geweint. Heinz
schnupperte in die Luft, und sie lächelte.
»Heute gibt's echten Kaffee«, sagte sie. »Ich verantworte ihn. Und
überhaupt einen Tag, wie wir ihn früher gewöhnt waren. Willst du hören?«
Er wollte, und sie zählte ihm auf, was sie für das Abschiedsfest
vorbereitet hatte. Er war gerührt und schien nachdenklich, hatte
eine dumpf beunruhigte Nacht hinter sich und war mit dem Tagesgrauen
wach geworden wie im Schützengraben; aber geweckt hatte ihn nicht
ein Kanonenschuß, sondern der Gedanke an Linde und den Abschied.
Er konnte noch zu ihr sagen: »Wir gehen nachher zum letztenmal zur
Warte hinaus!«, da trat die Tante ein, und gleich erschien auch der
Dechant. Die Klingse hatte ebenfalls schlecht geschlafen; sie zeigte
dunkle Ränder unter den Augen und schien so mit sich und ihren Gedanken
beschäftigt, daß sie nicht einmal einen Laut über den echten Kaffee
verlor und über die Butter, die heute auf dem Tisch stand. Sie zeigte
sich jedem guten Wort zugänglich, gab freundliche Antworten, stellte
unverfängliche, teilnehmende Fragen und schien alles in allem so
weich, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Dazu trug sie einen
blauseidenen, silbergestickten Kimono, den sie noch nie angehabt hatte,
und der ihr sehr gut stand. Sogar der Dechant mußte innerlich zugeben,
daß sie immer noch ihre Stärken hatte mit dem weißen schlanken Hals,
dem säuberlich modellierten Ansatz in den zarten Brüsseler Spitzen, den
feinen Armen und dem delikaten rötlichen Haar. Freilich gab er nicht
eine Strähne von Lindes blonden Zöpfen dafür her, und dieser Meinung
war schließlich Heinz auch, wenn denn schon unterschieden sein mußte;
sonst war er mehr dafür, jede in ihrer Art zu nehmen. Obgleich er eben
mit seiner jungen Freundin ein zärtliches Rendezvous ausgemacht hatte,
verlor er doch immer wieder die Augen an die weltbedeutende Dame im
Morgenkleid, und außerordentlich beschäftigte ihn ihr goldenes Armband
am Handgelenk, das sie auch noch nicht getragen, sowie das lange grüne
Ohrgehänge, das sie zur Feier des Tages vorgenommen hatte. Mit einem
Wort, Heinz konnte nun sehen, was es mit einer ausgewachsenen Frau
auf sich hatte, und er sah alles, was es zu sehen gab; übermäßige
Zurückhaltung war seine Sache ohnehin nicht.
Darüber hinaus lagen ihm noch die Träume dieser Nacht in den Knochen.
Er hatte sich selber sterbend »auf blutiger Wahlstatt« -- diese Worte
tönten ihm unausgesetzt in den Ohren -- liegen gesehen und war darum
traurig und etwas tiefsinnig. Für eine solche Gemütsverfassung schien
ihm Linde eher der geeignete Umgang zu sein als die überlegene und
ungläubige Frau, und darum kehrte er von seinen Augenausflügen immer
reuig zu seiner stillen Freundin zurück. So ging er auch nach dem
Frühstück verabredetermaßen redlich mit ihr spazieren, und Bob durfte
mit. Der Dechant hatte noch angezeigt, daß heute nachmittag um fünf die
neuaufgestellte Orgel probiert werde, und zwar durch einen bekannten
Organisten aus Köln; wer sich dafür interessiere, möge sich einfinden.
Es interessierten sich alle, sogar Bob wedelte erfreut mit seinem
kurzen Schwanz, und das Ereignis wurde zu einem Programmpunkt des Tages
gemacht.
Diesen etwas bedeckten aber gnädigen Vormittag benützten die Liebenden
dazu, noch einmal alle Dinge zu nennen und redend lebendig zu machen,
die ihnen wert und lieb waren. Jedes sprach gütig und rein die
innern Vorzüge des andern an und auch das, was ihm an seinem Äußern
die Sinne bewegte und die Gedanken mit Freude erfüllte. Was sie
verschweigen mußten, das zitterte desto kühner als Sehnsucht in ihnen.
Sie wandelten dahin, glaubend und hoffend als zwei edle Kinder der
Erde, an denen keine Falschheit war, und die sich so treu und in der
Hand des natürlichen Gottes geborgen fühlten, daß sie nichts sahen,
was ihnen nicht erlaubt gewesen wäre, nicht weil sie nun als kleine
Frevler mit schlauer Logik die Hände nach verbotenem Gut ausgestreckt
hätten, sondern weil sie annoch wirklich nur nach Erlaubtem begierig
ausblickten und darin sich vor dem anrückenden Abschiedsweh bargen.
Sie machten sich die Erde zum Bild, in dem sie sicher von ihrer
Treue umrahmt nebeneinanderstehen, und den Himmel zur Melodie, die
sie einander aus jeder Ferne zusingen wollten. Heinz war ganz offen,
ganz kinderreich und hörte und sprach mit festlich erregten Organen.
Er verstand das meiste und glaubte alles, was sie sprach, und was
er sagte, das hatte Hand und Fuß und konnte sich in ziemlich guter
Gesellschaft bewegen. Er vergaß, was ihn sonst dumm und ledern machte,
die Klingse, die moderne Zeit, sogar den Schützengrabenjargon, und
war diesen Morgen wirklich nur Lindes frommer und sanfter Geliebter,
ein innerlich wohlgewachsener junger Mann ohne jede Eitelkeit, dem die
nahende Trennung von seiner Geliebten schwer zu schaffen gab, und der
mit Sorge bemerkte, wie die silbernen und goldenen Fäden schon sich
zum Zerreißen anstrafften. Die still gewordene, kühle Flur sagte ihm
Lebewohl. Die Türme sagten ihm Lebewohl. Das Tal, die Wälder, der Fluß,
der Kalvarienberg drüben mit seinen Leidensstationen, das Geläute des
weidenden Viehs, alles sagte ihm gläubig und heimatlich Lebewohl. Nur
einmal hörte er die Klingse sagen: »Du mußt wieder dein Leben für uns
einsetzen«, und das Wort klang ihm schlecht, er wußte nicht warum. Dann
wandelte es sich ihm zur Unruhe, weil er den Tod darin ahnte, und mit
dem ganzen Gefühl drängte er sich noch näher an den Menschen, der ihm
und dem er in diesen Stunden alles war, Besitz und Zuflucht, Verheißung
und Erfüllung. Von soviel Wärme und kindlich-männlicher ernster
Hingabe überwältigt, verlor Linde auf eine kurze Zeit die mühsam
beherrschte Fassung und lag ihm wortlos weinend an der Brust, aber
als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie ihm erneut zu, und das
war der Höhepunkt ihres Jungfrauenlebens, auf dem sie das Frauenleben
begriff und es auf eine keusche, zagende Weise, aber unwiderstehlich
begann. Die höchste gesellige Leistung des liebenden Weibes für den
Mann und zugleich seine Bestätigung durch sie ist die Kameradschaft,
und vom Kameraden fühlte Linde von diesem Augenblick an viel in sich.
Auch Heinz fühlte es, und es steigerte seine Achtung für sie und
sein Gefühl von ihren Werten, die sich immer noch aus sich selber
summierten. Er merkte wieder einmal, daß sie mit der Ausstrahlung und
Befreiung ihrer Kräfte noch lange nicht zu Ende war, und das erfüllte
ihn ebenso mit Bewunderung als mit Erstaunen, denn bisher hatte er
von deren Vorhandensein im Weib noch nichts bemerkt, auch nicht durch
seine Kameraden im Schützengraben gehört. Darunter hin schämte er sich
ein wenig, aber es tat ihm wohl, weil ihn das Gefühl letzten Endes
reicher machte, und weil er davon gleich wieder in der Form von neuen
Liebesbeweisen mitteilen durfte, ohne über deren Herkunft Rechenschaft
geben zu müssen. Mit der Seele zweier Liebenden verhält es sich
ohnehin wie mit den beiden klingenden Personen der Terz, die singend
und anschauend und immer neue Melodien bildend durch das weite schöne
Tonreich wandeln und zu keinem Ende kommen.
Bob suchte in der Zeit Mäuse, kam ab und zu fragen, ob es nicht bald
wieder weitergehe, und als Linde weinte, stand er plötzlich dicht vor
Heinz und sah ihn mit dem einen Auge sehr aufmerksam und prüfend an.
Indessen kam doch dieser gütige Vormittag mit allem Frieden zum Ende,
als die Mittagsglocken in der Stadt und in den Dörfern zu läuten
anhoben. Noch einmal umarmten sie einander herzlich und voll von jenen
bräutlichen Gefühlen, die mit den Begriffen Unendlichkeit und Ewigkeit
und mit allen göttlichen Geheimnissen unzertrennlich sind, in der
Meinung, für sie beide nun ein unzerstörbares Abschiedsmal aufgerichtet
zu haben, an dessen großherziger Endgültigkeit bis zum Wiedersehen
niemand etwas verändern konnte, kein Mensch und kein Geist, wenn er
mit noch so großen Gewalten ausgestattet war, denn das fromme Herz ist
unbesieglich, solang es unbesiegt bleiben will. Unterwegs schenkte ein
Bauer Linde einen wunderschönen Apfel von einem ganz seltenen Baum, und
als er hörte, daß Heinz wieder ins Feld mußte, schenkte er auch ihm
einen, obwohl der ganze Baum bloß drei getragen hatte. Beide dachten
ganz unwillkürlich: »Der dritte gehört dem Tod!« Aber keins sprach den
Gedanken aus.
Der Dechant, der heute einmal nicht in seinem Getrümmer steckte,
sondern sich mit ein paar aufgefundenen alten Kirchenschmökern hinter
seinen Schreibtisch verschanzt hatte, konnte sich den ganzen Morgen
nicht helfen: er mußte sich immer auf das Mittagessen freuen, wenn ihm
ein Windchen den guten Duft aus der Küche in die Nase trug, dergleichen
er seit zwei Wochen nicht mehr gerochen hatte, nämlich seitdem die
Klingse im Haus den Ton angab. Von Heinz war zu den ursprünglichen
acht Tagen immer noch einer zugesetzt worden, so daß er schließlich
gegen die erste Absicht seinen ganzen Urlaub im Pfarrhaus verbracht
hatte. Immerhin war auch dem Dechanten der Grund dazu nicht verborgen
geblieben und hatte ihm gelegentlich zu denken gegeben. Auch heute,
wenn ihm nicht gerade der Mund wässerte, gingen seine Gedanken hinter
den jungen Leuten her, und er erkannte von ungefähr die Notwendigkeit,
mit Heinz noch ein allgemeines ernsteres Wort zu reden, ehe er wieder
in seinen Schützengraben zurückkehrte, damit er nicht ganz ohne ein
geistliches Gastgeschenk schied. Indessen kamen die beiden eilfertig
an, als bereits aufgetragen wurde, und das Gespräch mußte mindestens
bis nach dem Braten und Wein verschoben werden.
Brigitt strahlte sozusagen auf eine grimmige Art, denn da sie wieder
einmal anständig kochen durfte, so zeigte sie nun auch, was es mit
einer christlichen hessischen Pfarrküche auf sich hat, im Gegensatz
zu einem mageren norddeutschen Hungertisch. Es troff alles von Butter
und gewürzigen Wohlgerüchen, und außerdem hatte sie gleich für acht
Tage im Vorrat gekocht und gebraten, denn um ihre heutige Bescherung
aufzuessen, war mindestens eine Schulklasse oder ein gefüllter
Schützengraben nötig. Es gab erstlich Äschen, einen charaktervollen,
schneefrischen Flußfisch, dann Reh, wovon Brigitt zwei Schlegel und
einen Rücken, also beinahe das ganze Tier, angeschafft hatte, weil
es für Linde zum bekömmlichsten Fleisch gehörte, und in Gottes Namen
noch gebratene Gans, obwohl es dafür ein bißchen zu früh war, aber
was man hatte, das hatte man, und man hatte zweie. In die Küche war
heute außer ihr den ganzen Vormittag keine Menschenseele gekommen; so
wußte auch niemand, wie sie es fertiggebracht hatte, auf einem Herd
und mit nur zwei Händen Äschen zu kochen, Rehschlegel zu schmoren und
Gänse zu braten, der Suppe nicht zu vergessen, des Sauerkrauts und der
Kartoffeln sowie der Maronen und der Äpfel, mit denen die eine Gans
gefüllt war, und der Sauce, die auch gemacht sein wollte. Und daneben
hatte das gute begeisterte Tier noch zwei Dauerkuchen gebacken aus
wirklichem Weizenmehl, wirklichen Eiern und der besten Butter, die zu
haben war, alles echte Ware und alles auf Wochen haltbar. Nun mochte
jeder essen, was er konnte, den Rest wollte sie nach dem Ratschluß
ihrer Liebe verwalten. Und da doch heute der Tag der Erlaubnis war,
hatte sie weiße Semmeln zum Nachmittag bestellt in der Erwartung, daß
sie ihren Leuten auch morgen früh bekommen würden; Semmeln frisch zu
halten verstand sie aber wie keine. Zum Nachtessen hatte sie noch
einmal eine besondere Mine gegraben und sie reichlich mit Schinken und
Würsten geladen; ein paar Hühner lagen auch drin. Eigentlich hätte sie
einen Anbau an das Pfarrhaus benötigt, aber sie wußte im Keller und auf
dem Boden noch viel gewissere Unterkünfte. Und über dem ganzen Krieg
kam sie so in Schwung und Begeisterung, daß sie schwor, von heute ab
überhaupt wieder ihren Stil zu kochen, und wenn Linde sie auf den Knien
bat, der Klingse zu gehorchen. Es sollte nichts mehr gehorcht, sondern
gebraten und geschmort werden, wie es die zarten herrschaftlichen Mägen
verlangten, und wie es die Pflichten geboten, die sie von Gott gegen
diese übernommen hatte.
Die weiche Stimmung der Klingse hielt an und steigerte sich beinahe bis
zur Träumerei. Sie begann sogar aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem
verstorbenen Mann, wie berühmt er gewesen sei, und was für Honorare
er genommen habe. Einmal war die Rede davon, daß vor ihrem Landhaus
eigentlich die Bäume etwas die Aussicht hinderten, besonders eine
schöne hohe alte Tanne, die vor den Fenstern des Wohnzimmers stand.
Oh, die stehe längst nicht mehr da, erzählte sie mit einem leichten
Lächeln ihrer dünnen Lippen. Nachdem sie lang genug mit ihrem Mann
darum gezankt habe, daß der Gärtner sie schlagen solle, habe sie sie
heimlich vergiften lassen, immer eine Wurzel nach der andern, bis dann
der Baum scheinbar von selber eingegangen sei. Später war die Rede von
einem Nachbarhund, der nächtens manchmal etwas Lärm gemacht hatte,
aber sonst ein sehr hübsches, kluges Tier gewesen war. »Ach, ihr meint
den Neger?« erinnerte sie sich angeregt. »Der lebt nicht mehr. Erst
war er zu meiner großen Freude blind und taub geworden, und dann mußte
man ihn natürlich abtun.« Man sagte nicht viel zu diesen Nachrichten,
aber Linde ging jedes Wort davon wie ein Messer durch's Herz, so daß
sie eine ganze Zeitlang die Freude am schönen Essen und dem guten Wein
verlor und nur an ihrer Angst vor diesem Weib würgte. Heinz lachte ein
bißchen über die in einem trockenen, humoristischen Ton vorgetragenen
Berichte, wurde aber gleich darauf verlegen und sah schuldbewußt und
abbittend nach Linde. Der Dechant sagte nur: »Schade um den schönen
Baum!« und: »Der arme Kerl! Hoffentlich ist ihm der Tod nicht zu schwer
geworden!« »Was weiß ich ~davon~!« achselzuckte sie gutgelaunt.
»Ich denke, man hat ihn erschossen. Mir hat er sechs Jahre lang das
Leben schwer gemacht.«
Darauf wandte sie sich wieder dem Thema des Tages zu und fing aus dem
Gefühl des Abschiedes an, Geschichten zu erzählen, die sich in ihrer
Gesellschaft zugetragen hatten; die meisten handelten von Soldaten, die
aus dem Urlaub wieder in den Schützengraben zurückgekehrt und gleich am
ersten Tag von der tödlichen Kugel ereilt oder von einem Granatsplitter
erfaßt worden waren, so daß man beinahe von einem Gesetz reden
könne. Einer stehe zwei Jahre im Feld, und es passiere ihm nichts;
dann bekomme er einen kurzen Urlaub, und es sei um ihn geschehen.
Überhaupt, um aus einem guten Soldaten einen schlechten zu machen, sei
ein Urlaub das beste Mittel; nachher könne man mit Menschen auf lange
Zeit hinaus nichts mehr anfangen, die früher ganz sichere Leute gewesen
seien, besonders wenn sie etwa eine Liebe zurückgelassen hätten.
Heinz werde das bestätigen können. Indem sie dabei an ihre Einsamkeit
dachte, richtete sie auf Heinz einen schweren, dunkeln, begehrlichen
Blick, unter dem er errötete, und der mit seiner ehrgeizigen Selbstheit
Linde beinahe aufschreien machte. Heinz bestätigte alles, auch jenes
unheimliche Gesetz, obgleich ihm sehr wenig wohl dabei war. In
dieser Weise fuhr sie wohlunterhalten und befriedigt fort, das Opfer
zu bekränzen, und je mehr es zum Opfer wurde, um so gegenwärtiger
entfachte sich in ihr jene eiskalte Leidenschaftlichkeit, vor der
Linde zitterte, und von welcher sich der Soldat unwiderstehlich
angezogen fühlte wie nach der Sage der kleine Vogel, der in den Blick
der Schlange gerät. Und da waren auch alle Mittel des Dechanten, das
Gespräch und die Aufmerksamkeit auf andre Dinge zu lenken, umsonst,
zumal es ihr immer wieder gelang, in Heinz die Lust am Prahlen zu
wecken, wodurch sie ihn zu ihrem Helfershelfer machte. Als der Dechant
endlich im Anblick der Leiden, denen Linde beinahe erlag, geradezu
eingriff und sagte, man wolle doch von andern Dingen sprechen, es sei
noch früh genug, daran zu denken, wenn Heinz wieder draußen im Feuer
stehe, antwortete sie mit gerechter Verwunderung:
»Aber warum? Ihr hört doch, daß Heinz selber sehr gern davon spricht.
Er ist Soldat mit Leib und Seele, und wenn ihm das Thema gefällt, so
werden wir's wohl auch ertragen können, die wir nicht hinaus müssen,
um unser Leben für die Daheimgebliebenen einzusetzen. Ist's nicht so,
Heinz?«
Der Heroismus verlangte es, daß Heinz zustimmte, aber von dem schönen
Mahl hatte niemand den erhofften Genuß. Die Männer tranken in ihrer
innerlichen Erregung um so mehr, und sogar Linde, als sie das Mittel
der Zuflucht erkannte, das jene anwandten, gab ihr Glas immer öfter und
williger zu einem gütig gemeinten stillen Anstoßen nach rechts und nach
links her, so daß bei aufgehobener Tafel außer der Klingse alle etwas
von Wein und Traurigkeit angetrunken waren und keinen Gegenstand mehr
sicher vor den Augen hatten.
Der Dechant und Linde mußten notwendig schlafen gehen, besonders diese,
die sonst kraftlos hingesunken wäre, aber den Soldaten nahm die Klingse
an sich; sie hatte nicht mehr so viel Zeit, daß sie welche davon
verschlafen oder ihn verschlafen lassen wollte, so herzlich gern er's
getan hätte, denn er war vom Abschied ganz unterhöhlt und schwer von
Müdigkeit und Alkohol, so daß er jeden Moment einzubrechen fürchtete.
Aber Mitleid gehörte nicht zu ihren Trieben, und so mußte er im Salon,
wohin sie ihn mitnahm, zuerst von seinem Leben und seinen Liebschaften
erzählen, ob er wollte oder nicht, besonders von den letzteren, und
für eine Zeitlang kam er richtig wieder ins Schleudern und Prahlen.
Sie legte ihm nahe, was für ein liebreizender Kerl er und was für eine
ganz selbstverständliche Sache es sei, daß einsame Frauen nach hübschen
jungen Männern von seinem Schlag aussähen. Ob er schon reifere Frauen
geliebt habe? Nein, die kannte er noch nicht. Nun, dann sei es Zeit
dazu, daß er sie kennenlerne; die besäßen besondere Mittel, aus einem
Jüngling einen Mann zu machen, und wendeten sie nirgends lieber an als
bei so idealistisch angelegten Naturen.
Die idealistische Natur war ihr stockernst, und er hielt sich
aufrichtig selber für eine; aber für diesmal hing sie ihm eng mit
Linde zusammen, und an diese hielt er sich auch getreu und noch fast
ganz so warm, wie er von ihr kam. Inzwischen glitt ihm auch von seiner
Prahlerei ein öder Geschmack auf die Zunge; sie wurde ihm mit dem
ganzen dargestellten Treiben schal, und schließlich schlief er beinahe
ein. Da wünschte sich die Klingse von ihm, daß er ihr Soldatenlieder
singe; er solle sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er wandte ein,
daß man die Leute im Mittagsschlaf stören werde. »Wenn du meinst«,
sagte sie und streckte das spitze Kinn vor. Da setzte er sich hin und
fing an zu singen von den Vöglein im Walde und der Heimat, in der es
ein Wiedersehen gibt, von dem Mädchen, das seine Tränen trocknen soll,
weil ja nicht jede Kugel trifft, von den deutschen Soldaten, die alle
gut schießen, und vor denen sich das Franzosenblut hüten soll, und
was sonst so gegenwärtig auf Märschen und in den Quartieren sang und
klang. In der Ecke gegenüber, ihm gut im Gesichtsfeld, saß die Klingse
mit übergeschlagenen Beinen und in dünnen grauseidenen Strümpfen. Ihm
war, er wußte nicht wie. Die Lieder regten ihn auf, wie sie es noch nie
getan hatten. Gefahr und Liebe, Unschuld und Blutvergießen, Verlockung
und Tod, alles floß ihm zusammen zu einem rot blühenden Rausch des
jungen Blutes, auf dessen Grund sich in großer Bestimmtheit eine
lastende, dunkle Traurigkeit ausbreitete, welche die Berufung zu haben
schien, sein Heiligstes vor Besudelung zu bewahren. Die Einsicht davon
erschreckte ihn ebensoviel, als sie ihn beruhigte. Manchmal war es
ihm, als ob er um sein Leben und dann wieder, als ob er bloß für Linde
sänge, die jetzt vielleicht droben in ihrem Zimmer weinend auf ihrem
Bettchen lag und alles auf sich bezog, wenn sie sich auch wunderte, daß
er ihr damit den Schlaf raubte, aber wahrscheinlich dachte sie, daß er
es vor Traurigkeit nicht aushalte.
Nach einiger Zeit merkte zwar die Klingse, daß er aus dem
aufgeforderten Singen ins Leidenschaftliche gekommen war, aber sie ließ
ihn dabei, weil sie wohl fühlte, wie mit jedem neuen Lied auch seine
innerliche Ratlosigkeit zunahm. Er sang und spielte sich ihr selber in
die Hände; je weniger er die Empfindung hatte, von ihr ergriffen zu
sein, desto freier bewegte er sich dahin, wohin sie ihn haben wollte,
in ihre dünnen Arme und an ihr bitteres heißes Herz. Vorläufig erfüllte
er sich in seinem offenen, vom Abschied erregten Zustand immer höher
mit ihrem gepflegten Frauenwesen, ihrem Parfüm, ihrem Seidenglanz, dem
Schimmern ihrer Spitzen und dem Blitzen ihrer sündigen Steine. Sie
selber saß mitten darin wie eine Spinne in ihrem Netz, ruhig und kühl
lächelnd, und wartete auf ihre Stunde, die jetzt noch nicht schlug. Sie
brachte es sogar fertig, ihn, als er endlich schwieg, ohne vom Klavier
aufzustehen, auf sein Zimmer zu schicken, um noch etwas zu schlafen.
»Riegle dich ein, daß dich niemand stiehlt«, sagte sie lächelnd.
»Mich stiehlt niemand«, erwiderte er erhitzt und etwas wirr. »Und
einriegeln, das ist nicht für einen Soldaten«, setzte er mit einem
Versuch, zu scherzen, noch hinzu.
»Ja, es ist auch nicht«, stimmte sie bei, indem sie ihn mit einem
prüfenden Blick betrachtete. »Aber sieh zu, daß du nicht einmal
unerwarteten Besuch bekommst!« Ein zweifelhaftes und etwas verlassenes
Lächeln begleitete diese Worte, und das war der Eindruck, mit dem Heinz
sie für diesmal verließ. Zum Schlafen ließ ihn sein inneres Feuer
freilich nicht kommen.
Linde lag genau so, wie Heinz sich dichterisch vorgestellt hatte,
nämlich weinend, auf ihrem Bett, bloß daß sie die Lieder nicht als
eine Huldigung an sich betrachtete. Sobald er begann, wußte sie, daß
er für die Feindin sang, und sie hörte auch im fernern die Wärme, in
die er sich hineinmusizierte und vielleicht nicht nur musizierte. Dann
griff ihr auch der Inhalt der Lieder, unter solchen Umständen gesungen,
doppelt ans Herz, denn jedes sprach von Gefahren und hatte den Tod vor
Augen, und alle miteinander waren geradeso tiefsinnig und voll naiven
Selbstgefallens wie die erschütternden Menschen, die sie sangen. Sie
sah wieder alle Sicherheit wanken, die sie heute aufgerichtet zu haben
glaubte, und ahnte zum erstenmal, daß sie, um den Geliebten endgültig
dem schlimmen und verderblichen Einfluß zu entreißen, vielleicht ein
viel verwegeneres und entscheidenderes Mittel gebrauchen müsse, als
es Küsse und Liebesworte waren; wenn sie nicht seine Natur besaß, so
besaß sie wenig von ihm. Ein Mädchen ihres Schlages, dem dergleichen
klar wird, ist vielleicht nicht so entsetzt, wie manche denken, weil
es entschlossener ist, als es wohl den Anschein erweckt, aber auch
schwermütiger, als sich irgendein Mensch vorstellen kann, nicht wegen
seiner, sondern wegen des andern, den es ständig mit Liebe und Mitleid
umgibt, und dessen menschlich-göttliche Gesamtheit es keinen Augenblick
aus den Augen verliert. Will es für den Geliebten um seines irdischen
Glückes willen gern Seele sein, so wird es auch nicht auf die Dauer
zaudern, für ihn Leib zu werden, wenn es hoffen kann, damit sein
Unsterbliches zu erobern. Daß diesem kühnen Gedanken seine gesunde
sinnliche Ausstrahlung, ihr eigenes passioniertes Wohlgefallen an dem
Mann und das Abschiedsleid auf weite Strecken vorgearbeitet hatten,
wurde ihr dann wieder nicht klar, und das war der holde Sophismus
daran, den ihr Gott wohl in dem Augenblick verzieh, in dem sie ihn
beging.
Zum Tee erschienen alle ein bißchen verkatert und mit trockenem,
sehr dürstendem Gaumen und die jungen Leute mit trüben Augen, die
einander schüchtern und mit tiefer drängendem Blick als sonst, beinahe
ein wenig wühlend, suchten, weil beide in der Notwendigkeit waren,
um ihre Liebe nun schon aufs äußerste zu kämpfen. Der Organist, der
inzwischen angekommen war, saß mit zu Tisch und war nebenbei ein
guter, kindlicher Mensch, der allen wohltat. Weil die Klingse ihn
als eine Autorität kannte, stellte sie sich mit ihm auf gleich und
gleich und suchte es so einzurichten, daß die andern daneben als
Leutchen zweiter Wichtigkeit erschienen. Da es dem Organisten an jeder
gesellschaftlichen Übung fehlte, war er dagegen machtlos; je mehr
wohlgemeinte aber ungeschickte Versuche er unternahm, den Ring von
Autorität zu durchbrechen, in den sie ihn schmiedete, desto schlimmer
machte er nur die Sache, und desto mehr glänzte sie neben ihm mit
ihren musikalischen Kenntnissen. Sie gehörte zu jener Sorte von
Gesellschaftsweibern, die sich mit Zielbewußtsein und Beharrlichkeit
auf irgendein Bildungsgebiet oder auf zweie werfen, um dort zu lernen,
was zu lernen ist, und mit ihren Wissenschaften nachher über die Laien
zu herrschen und bei den Wissenden zu thronen. So hatte sich die
Klingse in die Musiktheorie gründlich eingearbeitet, und ihr zweites
Gebiet war die Literaturgeschichte. Da sie den nötigen Ehrgeiz besaß
und nicht dumm war, gelang es ihr immer, den Eindruck einer musikalisch
und literarisch tiefgebildeten Frau zu machen, obwohl sie im Grund
ganz unmusikalisch war und dem Leben der andern viel zu teilnahmslos
gegenüberstand, um Sinn und Herz für Dichtung zu haben. Aber sie besaß
für alles die Theorie und war daher sattelfest.
Dem Leutnant imponierte sie sehr, und er wurde von ihr als ebenfalls
musikalischer Mensch mehrmals ausgezeichnet, so daß er sich schließlich
auch selber ein bißchen wichtig vorkam; denn sie drehte es mit
großem Geschick so, daß er bedeutende Dinge gesagt hatte, die ihm
nie in den Sinn gekommen waren. So gesellig belebt, und die es nicht
waren, wenigstens durch den Tee etwas aufgefrischt, begab man sich
zur Orgelprobe ins Münster hinüber. Der Organist ließ es durch alle
Register laufen, brausen, säuseln, weinen, erhaben schreiten und
liebreich aufschweben, und wenn man meinte, die Erscheinungen hätten
sich im Blau verloren, so sanken sie auf sichern Engelsflügeln wieder
herab. Nun merkte Heinz wohl, daß das eine andere Art von Musik war,
als die er wohlgeartet so vortrug, um Damen zu bestricken; das waren
Töne und Klänge, denen Gott zuhörte, und er fühlte sich ziemlich
unbedeutend und alltäglich. Mit diesem bescheidenen Gefühl hätte er
gern Zuflucht bei Linde gesucht, aber die Klingse ließ ihn nicht
aus der Kur, sondern nahm ihn mit auf die Orgelempore, um ihm auch
dort mit Bedeutung angetan zu erscheinen. Als der kindliche Meister
sich fürs erste ausgetobt und ausgespielt hatte, bat sie sich für ein
Weilchen seinen Platz aus, den er ihr etwas verblüfft überließ. Da
zeigte es sich, daß sie auch über die Orgel Bescheid wußte. Sie hatte
nicht umsonst in jeder Sommerfrische die Dorforgeln geschunden und
den Einwohnern Konzerte gegeben. Heinz sperrte nun wirklich Mund und
Augen auf, und der Organist brummelte einmal verwundert: »Schau mal
an, so ein Besen!« Da sie ein eisernes Gedächtnis besaß, brachte sie
auch etwas Richtiges vor sich, wenigstens hörte es sich danach an, aber
der kleine Herr aus Köln hatte bald heraus, wo es bei ihr haperte. Sie
spielte wie eine wohlunterrichtete, feinsinnige Schreibmaschinendame,
saß aber darüber mit einer Gebärde, wie man sie auf gewissen Bildern
der heiligen Cäcilia sieht, und daraus war sie auch bewußt übernommen.
Dem Leutnant, der von allem natürlich nichts merkte und wußte, ging sie
doch wieder sehr auf die Phantasie, und er dachte, daß ein Mann mit
einem solchen glänzenden, kühnen und überall zuständigen Stück von Weib
gut bedient sein müsse; nur jünger und etwas milder wünschte er sich
die seine, aber die Richtung leuchtete ihm höllisch ein.
»Nun, Meisterchen, was sagen Sie mir zu meinem Orgelspiel?« fragte sie
den kleinen Herrn, als sie das letzte Stück ordentlich hatte ausbrausen
lassen. Heinz lief es noch kalt den Rücken hinunter wegen ihrer Größe.
Sie hatte sich auf dem Orgelbock nach dem Organisten herumgedreht und
sah, die Hände gemächlich zwischen den Knien, jovial zu ihm hinunter.
»Ganz ordentlich! Ganz brav!« kicherte der berühmte Mann, indem er
seine Brillengläser putzte. »Sie haben Gedächtnis, da hilft nun nichts.
Und die Register -- na ja, sie lassen sich ja gern ziehen. Dafür sind
sie auch da, die Register, nicht wahr. Tja. Aber meine Gnädige, das
Orgelspiel, das fängt mit dem Pedal an. Sonst ist's eben Harmonium.«
Die Klingse nahm die Hände zwischen den Knien heraus und legte
sie neben sich auf den Bock. »Das können Sie von einer Dame nicht
verlangen!« sagte sie etwas spitz und schob das Kinn vor. Dann glitt
sie vom Bock herab und ließ den kichernden Herrn mit seiner Brille
stehen. Der lachte über diese Antwort noch etwas lauter, putzte die
Brille zu Ende, setzte sie auf die starke, gebogene Nase, schwang sich
wieder auf den Bock und ließ nun zunächst einmal eine ganze Weile
die Pedale brummen, daß die Kirchenmauern zitterten. Dann stellte
er obendrauf eine Manualstimme, nach einiger Zeit wieder eine, und
schließlich eine dritte, fing an zu weben und zu schweben, immer über
dem unabänderlichen Pedalgang, und als alles fertig war, so war's ein
Orgelsatz, wie ihn Bach nie besser geschrieben hatte, aber er hatte ihn
immerhin geschrieben, und er klang auch in einem katholischen Münster
von einer katholischen Orgel so herzbewegend, daß Linde beinahe den
Atem darüber verlor; aber sie hatte heute überhaupt nicht viel. Es gibt
religiöse Erscheinungen unter der Sonne, die weder protestantisch noch
katholisch sind, sondern der weiten tiefen Menschheit entspringen,
wie ein Strom der lebendig wirkenden Erde, die ihn vom Himmel hat,
und dann gibt es noch einige, die als Erzengel Tag und Nacht dienend
vor dem alleinigen Gott stehen. Wer will dort kommen und sagen: »Ich
bin nämlich protestantisch«? oder: »Ich möchte nur daran erinnern,
daß ich gut katholisch -- ich meine --«. »Da kannst nun nix machen,
Bach bleibt Bach!« murmelte der kleine Herr zwischen den Zähnen und
lächelte beglückt. Und der Dechant saß in einer Bank und machte sich
Gedanken über eine einige, starke, fromme deutsche Nationalkirche. Aber
er kam nicht zu Schlag damit; beizeiten erhob sich vor seinen Augen
der warnende Finger Roms. Linde blickte aus großen, ganz trockenen
Augen ins Weite und sah merkwürdig reif aus. Die Klingse ging,
musikalisch völlig uninteressiert, die Glasmalereien betrachtend von
einem Fenster zum andern. Und Heinz stand vorn in der Kirche, wo ihn
die Klingse hatte stehenlassen, und wußte auf einmal nicht mehr, wo
er hingehörte. Es war ihm nicht entgangen, daß der kleine Herr ihr
moralisch ein wenig auf die Achseln geklopft hatte, aber andrerseits
mußte er ihr darin recht geben, daß man das von einer Dame auch nicht
verlangen konnte. Darüber hinaus ergriff ihn die Einsamkeit, die sich
mit ihrer unzufriedenen Gestalt überall hinbewegte, und fand er in
ihrer Absonderung etwas so Drohendes, daß er nicht wagte, zu Linde zu
gehen, obwohl er sehr deutlich fühlte, wie einsam auch sie war, und
wie sie jede Minute und jeden Atemzug nach seiner Nähe verlangte. Vor
Ratlosigkeit begann er schließlich ebenfalls, Fenster zu betrachten.
Der Organist aß abends noch mit, und er wäre gern vergnügt gewesen,
denn die Orgelprobe hatte ihm Freude gemacht, aber die Klingse erlaubte
es nicht. Es schien, als ob sie sich nun eine Übung daraus machte, ihn
nirgends hochkommen zu lassen und ihm überall zu widersprechen. Er
konnte sagen, was er wollte, so wußte sie es besser, oder sie hatte
davon noch nie etwas gehört, was für ihn ebenso schlimm war. Wenn er
einen Witz machte, so streckte sie das Kinn vor und ließ ihn abfahren,
wurde er aber gefühlvoll, so verzog sie ein wenig die dünnen blassen
Lippen, und für einen kalten Guß brauchte er dann nicht extra zu
sorgen. Mit seiner guten warmen Menschlichkeit zappelte er an der Angel
ihres kalten konventionellen Verstandes erbärmlich, und einmal machte
er auch den Versuch, auszuschlagen, bekam es aber sofort zu bereuen,
denn auf solche Fälle hatte sie ein vernichtendes Mittel immer in der
rechten Zusammensetzung auf Lager. Sie hob die scharfe Nase in die Luft
und sagte kühl: »Über den Geschmack läßt sich nicht streiten.« Der
kleine Herr war alles in allem froh, als es Zeit für seinen Zug wurde,
von diesem verfluchten Nachtessen aufstehen zu können, so schöne und
für ihn ungewohnte Dinge auch auf dem Tisch standen. Von den jungen
Leuten verabschiedete er sich väterlich, von der Klingse mit einem
Kopfnicken, das sie kaum erwiderte. Der Dechant begleitete ihn hinaus.
»Apropos«, sagte er unter der Tür, »es wäre schon besser, wenn sie
die Orgeln in Zukunft in Ruhe ließe; da haben Dilettanten nichts zu
suchen.« Mit diesem Trumpf hob er sich davon. Dem Soldaten, der nun
einen großen Ausbruch voraussah, blieb beinahe das Herz stehen. Zu
seinem Erstaunen und zu Lindes Unbehagen ging aber nur ein spöttisch
erheitertes Lächeln über ihr Gesicht.
»So sind diese Künstler nun«, bemerkte sie weise. »Wenn sie guter
Laune sein sollen, so muß man sie bewundern. Hat man aber einmal Lust,
sich selber zu behaupten, so werden sie weinerlich oder ausfällig. Sie
wollen nur immer sich selber erleben. Gib mir noch eine Zigarette,
Heinz.«
Heinz beeilte sich, ihr zu dienen. Sie nahm sich eine kleine
Damenzigarette und sah um Feuer auf. Heinz wollte ihr ein Streichholz
anreiben, aber sie meinte, das könne man sparen, er solle ihr Feuer von
seiner Zigarre geben. Er reichte sie ihr bereitwillig; sie fand, daß
sie nicht genug Glut habe, und veranlaßte ihn, sie durch ein paar Züge
erst klarzurauchen. Endlich wickelte sich das bekannte Liebesspiel ab;
Linde wunderte sich in allem Leiden, daß sie zu so gewöhnlichen Mitteln
griff, und verachtete sie dafür. Aber Heinz wußte nicht: befand er sich
im Vorhof zum Himmel oder in der ersten Klasse des Fegefeuers, während
sie Auge in Auge mit ihm, ihre Hand auf seinem Arm, langsam und in
aller Umständlichkeit ihre Zigarette an seiner Zigarre in Brand setzte,
und in dieser herbeigeführten Annäherung der Gesichter lag so viel
Schamlosigkeit und unausgesprochenes Laster, daß er nachgerade dem Zorn
ebenso nahe war als einem Ausbruch seiner Begehrlichkeit.
Brigitt kam über der Übung herein und machte ziemlich große Augen
dazu; ihr zweiter Blick ging zu Linde, und da sie durch die scharfe
Brille der Liebe guckte, so sah sie, ohne Erklärungen zu brauchen, was
da im Gange war. Ihre Triumphstimmung erlitt einen schweren Stoß. Da
sie nicht immer langsam dachte, so erinnerte sie sich in ihrem alten
Hirn blitzschnell an zehn, zwanzig ganz kleine, unbedeutende Vorgänge,
die sie nicht weiter beachtet hatte, die jetzt aber plötzlich zusammen
ein Bild machten. Das andere dachte sie sich. Lange saß sie nachher
brütend auf ihrem Küchenstuhl, mit ihrem Haß und ihrer Eifersucht
geplagt und unausgesetzt das vergrämte Gesicht ihres Schützlings vor
den Augen. Einmal sagte sie laut vor sich hin: »Ihm ist ja auch nicht
zu trauen!« und stand auf, als ob sie nun sofort einschreiten sollte;
enttäuscht und ernüchtert machte sie sich zunächst wieder über ihre
Küchengeschäfte her, um das Gedankenspiel von vorn zu beginnen.
Nach dem Nachtessen waren die Zustände schon so verworren und
innerlich erregt -- nur der Dechant gewahrte nichts davon, weil er
alles auf Rechnung des Abschieds setzte --, daß die Klingse selber
Gesellschaftsspiele aufbrachte, um glimpflich über die nächste Stunde
in die Nacht hineinzukommen. Man gab Rätsel auf, verbot bestimmte
Worte, konstruierte mit andern und kam dazwischen auf rednerische
Lächerlichkeiten und auf Ungeheuerlichkeiten des Zeitungsstils. Die
Klingse berichtete von den sprachlichen Fatzkereien gewisser Literaten,
von denen man hier weniger wußte, aber es wurde klar, daß sie sie im
Grund bewunderte, und dann wandte sich der gesellige Geist auf das
Gebiet des Kalauers und des Stegreifrätsels, auf dem sie mit ihrem
unerbittlichen Gedächtnis vor den ernsthaften Leuten sehr glänzen
konnte, obwohl nicht ein halber eigener Einfall darunter war, sondern
der schöpferische Kopf war hier der Soldat, nur daß er leider damit
nicht seine stille Geliebte bekränzte, sondern das unheimliche Weib.
Zum Beispiel brachte er folgende Drolligkeit zum Vorschein: »Das erste
ist eine Stadt in Österreich, das zweite eine englische Bejahung,
von einem Tiroler ausgesprochen, das ganze die Tante Malva.« Linde
erriet vor dem Dechanten, aber sie sprach nicht aus; der Dechant dachte
länger und sagte dann lachend: »Graziös!« Spät war die Rede davon, daß
Linde so still sei. »Unsre Linde«, meinte die Klingse mit einem leisen
Lächeln, indem sie sich erhob und dem Mädchen die Hand auf die Schulter
legte -- Linde zuckte sichtlich zusammen --: »Unsre Linde ist ein
bißchen spießig. Nun, wir wollen schlafen gehen; Heinz muß morgen früh
aus den Federn.«
Damit war auch diese Not zu ihrem Ende gekommen, und man trennte
sich mit allseitigen guten Wünschen für die Nacht; die meisten bekam
Heinz, weil es seine letzte im Vaterland war. Der Dechant fuhr ihm
väterlich mit der Hand über den Scheitel. »Ich will hoffen, daß du
nicht mit leerem Kopf und Herzen aus der Heimat in den Schützengraben
zurückkehrst«, sagte er ernst und bedeutsam. Linde sagte und tat
am wenigsten von allen. Aber die Klingse hielt die Zeit für einen
Kuß gekommen, wozu sie ihr Verwandtschaftsverhältnis vollkommen
berechtigte. Es war ein sündhaftes Feuer, in rechtmäßiger Fassung
dargeboten, und im letzten Moment bog Heinz erschreckt den Kopf
beiseite, so daß der Kuß statt auf den Mund auf die Wange traf. Lindes
Herz tat einen Kniefall des Dankes vor Gott, seins einen der Schwäche,
aber es raffte sich wieder auf, als er in der Verwirrung Lindes Augen
suchte und fand. Es war ein Hilferuf; er sah, daß er verstanden wurde,
und daß seine Geliebte sehr fest und stolz war und alles hoffte. Da
hoffte auch er, aber er fürchtete fast ebensoviel, denn er sah sich
noch bei weitem nicht der Gefahr enthoben, wagte auch nicht zu denken,
daß er am frommen Ort Zuflucht vor dem Laster haben könnte.
Das Geräusch des Aufbruchs hatte die wachende Brigitt aus ihrer Höhle
gezogen; die Augen wären ihr aus dem Kopf gesprungen, wenn es ihr
verwehrt worden wäre, noch einmal zu sehen und vor dem Schlafengehen
ein Blickmaß zu nehmen. Sie sah den Kuß und den siegesgewissen
Gesichtsausdruck der Feindin, und sie konnte sich nicht helfen, aber
in den Haaren hatte sie ein Gefühl, als ob ihr der ganze Schopf zu
Berg stände, während ihr vor Mitleid mit Linde jeder Knochen im Leib
weh tat. Ohne den Haß hätte der alte keusche Mensch freilich niemals
diese Witterung für das Laster gehabt. Es war für sie dann beinahe
überflüssig, daß die Klingse beim Hinaufsteigen nach den Schlafräumen
noch mit ihrem magern Humor sagte: »Ich weiß nicht, bei mir muß das
Schloß kaputt sein, ich kann gar nicht die Tür riegeln. Da könnte
doch jeder hereinkommen.« Worauf der Dechant gutmütig spottend
erwiderte: »Beruhige dich nur, es wird dich niemand in Gefahr bringen,
als höchstens morgen der Schlosser; aber er hat auch schon seine
sechzig Jahre auf dem Rücken.« Darauf die Klingse etwas zynisch:
»Nun, wenn er sie bloß auf dem Rücken hat!« Weiter hörte Brigitt
nicht, und eigentlich hatte sie auch nichts Neues gehört, sondern nur
Bestätigungen für innere Gewißheiten; ihr war, als hätte sie diese
Gespräche schon vor Jahrtausenden belauscht; trotzdem erregten sie
sie ungeheuer oder vielleicht eben deshalb, denn beinahe so groß
wie ihr Abscheu war die Befriedigung, die sie über dem pünktlichen
Eintreffen ihrer schlimmsten Erwartungen genoß. Der Mensch ist ein
altes verängstigtes Tier; er glaubt gern und leidenschaftlich an
das unbedingt Böse und ist überall schwer vom bedingten Guten zu
überzeugen; manchmal macht er wirklich den Eindruck, als ob er am Bösen
auch mehr interessiert sei.
Nun begann aber für Brigitt eine Nacht, wie sie noch keine erlebt
hatte, und wie sie sie auch nie für möglich gehalten hätte. Es gibt
ja keine »bestimmte Erwartung«, die nicht im Hirn des aufgeschreckten
Menschen neue Möglichkeiten und noch bestimmtere Erwartungen zeugte.
Dazu kam, daß Brigitt bei aller Witterung nicht die geringste
Erfahrung besaß, um sich die richtige und endgültig zutreffende
bestimmte Erwartung bilden zu können. Sie vermochte sich nicht im
entferntesten vorzustellen, wie »so etwas« vor sich ging, und weil
sie nichts sah, nahm ihre Vorstellung bald die abenteuerlichsten Wege
und brachte sie in eine solche Geistesverfassung, daß sie anfing,
gemeingefährlich zu werden. Solange droben die Geräusche der zu Bett
Gehenden andauerten, war ihr Zustand immer noch erträglich; sie
zitterte vor Haß, sobald sie etwas von der Klingse vernahm, aber sie
konnte sich doch sagen, daß »noch nichts passiert« sei. Jedoch als es
still zu werden begann, wurde ihr ihre Einsamkeit zur unerträglichen
Qual. Obwohl sie aus Liebe zu Linde wie den Tod fürchten mußte, etwas
zu hören, schärfte sie doch zehnfach alle Sinne darauf, um die Feindin
auf frischer Untat zu überführen, und so rachsüchtig und zum voraus
schadenfroh war sie, daß sie in der Viertelstunde wohl zehnmal unten
an die Treppe lief, weil im Haus etwas geknackt hatte, eine Uhr sich
räusperte oder auch nichts geschehen war. Nachdem sie dann lange genug
gelauert hatte, schlich sie mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien
in die Küche zurück, um sich vor allen Dingen auf dem Küchenstuhl
wieder etwas zu fassen und ein bißchen neue Kraft zu sammeln. Viel
war's nie, und die Sammlung reichte auch nur gerade dazu hin, um
sich wieder eine aufregende Einbildung zu machen. Darüber ging die
Mitternacht vorbei, wurde aber ihre viele Arbeit, die sie sich den Tag
so fröhlich vorgelegt hatte, nicht weniger, denn sie wagte sich kaum
zu regen aus Sorge, irgendeinen »entscheidenden Moment« zu verpassen
und so vielleicht am Unglück Lindes mitschuldig zu werden. Daß es
dann schon besser war, der ungetreue Stiel fuhr in Gottes Namen in
den norddeutschen Besen, als daß sich Linde mit Kummer und Not an ihm
herumzerrte, um am Ende doch nichts zu haben, diesen Gedanken faßte
sie nicht, sonst hätte sie auf ihrem aufreibenden Posten doch etwas
mehr grimmiges Vergnügen genossen in der Erwartung, die beiden saubern
Herrschaften miteinander zu erwischen.
Schließlich gegen eins -- die Uhr im Eßzimmer, die falsch ging, schlug
langsam und dröhnend zwölf, worüber Brigitt schier verrückt wurde --
hörte sie, bereits zum zwanzigsten- oder dreißigstenmal, »endlich doch
etwas«, und mit der Geflügelschere, die sie gerade in der Hand hielt,
lief sie wieder zur Treppe vor. Die Dielen droben hatten geknarrt, wie
wenn jemand langsam, doch ohne zu große Vorsicht, in bloßen Füßen oder
in Strümpfen über den Korridor gegangen wäre, eine Tür geöffnet hätte,
um dort einzutreten und hinter sich, auch nicht besonders leise, zu
schließen und sich alsdann vollkommen still zu verhalten, was natürlich
an dem ganzen Vorgang das verdächtigste war. Brigitt zog rasch die
Pantoffeln aus und schlich atemlos die Treppe hinauf, geduckt und
mit ihrer Geflügelschere und den hängenden Haarsträhnen mehr einer
Raubmörderin gleichend als einer so braven Person, die sie sonst war.
Unter den obersten Stufen kauerte sie sich hin, um zunächst wieder zu
horchen. Richtig dauerte es nicht lange, so ging wieder ein Schloß, und
als sie den Kopf vorsichtig über die oberste Treppenstufe hinaufschob,
sah sie den Dechanten in der Unterhose und in Pantoffeln und mit dem
Licht in der Hand ernsthaft und mit dem gewohnten gesammelten Ausdruck
seinem Schlafzimmer zuwandeln, und der kleine Raum, von welchem er kam,
war ihr auch genau bekannt. Indessen hielt er seitlich aufblickend an,
besann sich einen Moment und ging dann auf die etwas offen stehende
Tür des Soldaten zu, die er behutsam ins Schloß zog, worauf er durch
seine eigene verschwand. Bestürzt und reuevoll fuhr es Brigitt durch
den Kopf: »Die Zwetschen!« und sie schämte sich heftig, ihren Herrn
in diesem Aufzug belauscht zu haben. Immerhin war sie diesmal keinem
Trugbild nachgelaufen, und da nun wirklich auch niemand wissen konnte,
ob nicht doch noch sonst etwas geschehen war, was sie mit ihren alten,
schlechten Ohren nur überhört hatte -- denn auch diesen Vorgang hatte
sie doch »beinahe nicht gehört« --, so blieb sie auf ihrem neuen
Posten sitzen, mit der Geflügelschere und den grauen Haarsträhnen, dem
Herzklopfen und dem Haß samt der großen unvernünftigen Liebe.
Diese Ausdauer wurde schließlich belohnt, wenigstens faßte es Brigitt
nachher so auf. Denn indem sie so lag und vor Frost mit allen alten
Knochen zitterte, auch vor Erregung und Müdigkeit, knickte ganz fein,
wie von leichter Hand herabgedrückt, ein Schloß. Brigitt schob den
zottigen Kopf vor und sah tatsächlich die Klingse ganz traumhaft,
blauseiden und silbern wie ein Mondstrahl, ihr Zimmer verlassen, ohne
Licht, aber das aus unsichtbarer Leuchtquelle beglänzte schwebende
Nachtgewölk verbreitete einigen zarten Schein durch den Raum, genug
für Brigitt, um jeden Zug des verhaßten, hochmütigen kalten Gesichtes
unterscheiden zu können. Zuerst fürchtete sie noch, sie möchte
vielleicht auch nur den Weg des Dechanten wandeln, aber sie bog, als
ob sie Brigitt zu Gefallen leben wollte, nach rechts ab und ging ganz
geradeaus auf das Zimmer des Soldaten zu. Brigitt mußte sich im letzten
Moment noch abfassen, daß sie nicht laut: »Aha!« rief. Auch dort
knickte die Falle ein bißchen. Die Tür ging auf, und die nachtwandelnde
Frau trat etwas vorgebeugt und nun mit einem rascheren Schritt ein,
ganz in der Haltung eines Menschen, der sich in einer unerträglichen
Spannung Gewißheit verschaffen will; die Tür ließ sie hinter sich offen.
Brigitt freilich dachte, daß »es« jetzt vor sich gehen solle. Soweit
hatte sie regungslos zugesehen, nur Auge und Ohr. Nun richtete sie sich
empor, etwas mühselig, denn vom langen Kauern war sie steif geworden,
stieg unsicher die paar Stufen noch vollends hinauf und schwankte mehr,
als sie schlich, den Korridor vor, auf die Tür des Soldaten zu. Von
dem, was nun folgen mußte, hatte sie weiter keine klare Vorstellung,
nur daß sie eben entlarven und retten wollte. Vermutlich wäre sie
mit der offenen Tür ins Zimmer gefallen und hätte schrecklich Lärm
geschlagen, und das übrige wäre in eine Rauferei oder dergleichen
ausgeartet. Aber es kam ganz anders, denn eben, als Brigitt die Nase im
Türspalt hatte, bewegte sich etwas darin, und dann prallte die Klingse,
vollkommen unvorbereitet, mit ihrer Feindin zusammen.
Auf einen Augenblick standen beide Frauen einander ganz starr vor
Verwunderung gegenüber. Der Gesichtsausdruck der Klingse, die eben noch
gespannt und sorgenvoll dreingesehen hatte, wandelte sich rasch wieder
in Hochmut und jene kühle Verachtung, die das alte Wesen wie nichts
auf der Welt zur Wut brachte. Sie räusperte sich beherrscht, aber
sie sagte nichts, sondern wartete stumm mit einem deutlichen Zug des
Ekels, daß die untergeordnete Kreatur ihr den Weg frei gebe. Brigitt
ihrerseits, in ihren schönsten Hoffnungen so furchtbar enttäuscht, denn
in der kurzen Zeit konnte unmöglich etwas geschehen sein, schwindelte
vor Haß und Leid; beinahe weinte sie, so erbarmungswürdig sah sie
sich selber mit ihrer Ratlosigkeit vor der gefährlichen und gewandten
Person stehen. Aber indem sie sich dennoch nur mit heißeren Augen in
die eisige Physiognomie festsah, warf ihre aufgerührte Seele, nach
irgendeinem Donnerkeil Gottes für dies Lästergesicht schreiend und
greifend, die Hände um sich. Gleichzeitig schoß ihr ein Gedanke durch
den Kopf: »Sie hat dich gehört, darum ist sie wieder herausgekommen!«,
und so war denn auch wieder der Auftrag der Moral auf ihrer Seite.
»Hab' ich dich ertappt!« flüsterte sie beinahe bewußtlos vor Erregung.
»Wolltest spionieren, Spionin? Wolltest einen hübschen jungen Mann
verführen, du niederträchtiges, gottloses Weibsstück? Warte nur, jetzt
soll dich der Dechant kennenlernen!«
Schon fühlte sich die Klingse im Haar gepackt und vorwärts gezogen,
aber auch jetzt nicht die Frau, mit sich spielen zu lassen, warf sie
sich herum, ergriff schnell Brigittens Arm und schlug trotz ihres
Ekels ihre schmalen, immer noch sehr scharfen Zähne in ihr Fleisch,
daß die alte Person vor Schmerz leise aufschrie. Dadurch halb von
ihrer Besessenheit abgebracht, aber andrerseits zur körperlichen
Raserei aufgereizt, faßte Brigitt noch um einen Griff schärfer zu, riß
die Feindin an ihrem roten Schopf seitwärts gegen die Wand, und ganz
besinnungslos vor Schmerz, ohne zu wissen, was sie tat, mehr, um sie
von ihrem Arm abzuschrecken, stieß sie mit der Geflügelschere nach ihr
und traf sie in die Schulter. Da ließ die Klingse den Arm los, und
Brigitt ließ den Schopf los, und dann standen die Feindinnen noch eine
Weile um Atem und Haltung ringend voreinander, bis die Frau von Blut
überlaufen und schweigend schnell nach ihrem Zimmer ging und Brigitt
als Siegerin auf dem Platz ließ. Brigitt sah den alsbald erscheinenden
dunklen Fleck auf der blauen Seide nicht ohne Schreck, aber dann
erinnerte sie sich an Linde und den unsichern Geliebten, und noch
mehr, um durch ihn wieder Anschluß an ihr Leben und ihre Wirklichkeit
zu gewinnen, als um ihn zur Rede zu stellen, trat sie durch die noch
nicht wieder geschlossene Tür, griff um den Pfosten herum nach dem
elektrischen Knopf und schwankte dann, mit Mühe auf den Füßen bleibend,
ins erleuchtete Zimmer.
Dort erlebte sie von allen Erschütterungen des Tages die größte. Das
Bett des Soldaten stand vollkommen unberührt, und wenn Heinz nun nicht
in der Stadt auf Abenteuern war, so war er bei Linde. Es dauerte eine
Weile, bis sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung begriff. Als
sie so weit war, wandte sie sich um und stieg vor Rührung und Glück
leise schluchzend noch eine Treppe höher nach ihrer Kammer hinauf. Das
Licht im Zimmer des Soldaten vergaß sie auszudrehen; es brannte einsam
in den Morgen hinein. In ihrer Kammer droben sandte sie mit weinenden
Augen und lachendem Herzen ein Dankgebet zum Himmel hinauf, dessen
Lästerlichkeit sie mit ihrer Kirche ausmachen mußte.