Drittes Kapitel

Die Tante beweist ihre Bildung und führt eine neue Hausordnung ein, die

nicht allen Leuten bekommt

Von der besagten geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung

gab die Tante gleich nach dem Nachtessen eine Probe, als sie mit

vorgestrecktem Kinn und schmalen Lippen durchs Haus ging, um sich

wieder darin umzusehen, von Bob, der ihr nicht von den Füßen wich,

unausgesetzt berochen und beknurrt. Das Haus des Dechanten stand voll

hübscher alter Möbel, die er durch viele Jahre mit Liebe und Zähigkeit

zusammengebracht hatte, Schränke, Tische, Kommoden und Stühle aus jenen

goldenen Zeiten, in denen die Tischlerei noch eine persönliche Kunst

gewesen war, und in denen es weder Fabrikanten gegeben hatte, die diese

zerstörten, noch Professoren, die mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit

und Prinzipien für vermögliche Leute auch noch nichts Glückhaftes an

ihre Stelle setzten.

»Da hobeln sie jetzt mit tiefsinnigen Theorien ein Kunstgewerbe

zurecht, das von sämtlichen nachgerühmten Eigenschaften nur eben die

eine hat, daß es modern ist«, führte der Dechant aus, um, von einem

Gegenstand angeregt, endlich ein wirkliches Gespräch und womöglich

ein Einvernehmen in Gang zu bringen. »Sieh nur diese Sachen, das sind

Phantasien, Erfindungen, Träume, Wunscherfüllungen. Etwas Schöneres

läßt sich übrigens auch von der sogenannten hohen Kunst nicht sagen,

wo sie's wirklich hochgebracht hat. Es hängt alles davon ab, daß den

Leuten etwas einfällt, daß sie zu erzählen, zu musizieren, zu malen

~haben~, nicht aus Büchern, und was weiß ich, woher lernen,

abstrahieren, und dann etwas aus dem Verstand daherrechnen, das keines

Menschen Wünsche erfüllt und weder von Träumen noch von Einfällen weiß.

Heut sind sie stolz darauf, daß sie endlich wieder das ›Material‹

entdeckt haben und kein Holz mehr als Metall oder Gips als Holz

auffrisieren. Lieber Gott, das sind doch ziemlich alte Fortschritte.

Betrachte das, wie diese Schreiner mit einem Birkenholz umzugehen

wußten; da zeigt sich ein Material immer von seiner besten Seite.

Jetzt brauchen sie hohe Schulen, um wieder so klug zu werden, wie ihre

Urgroßväter schon in der Lehre waren.«

»Nimm mir's nicht übel«, sagte die Tante mit ihrem etwas singenden

norddeutschen Tonfall und aufrichtiger, als für heute nötig war:

»Ich kann mir aus diesen Antiquitäten nun gar nichts machen. Das ist

für mich nur ein künstliches und leeres Spiel mit Formen. Ich kann

begreifen, daß man dergleichen in Museen stellt, oder daß Leute in

der Provinz noch dazwischen wohnen mögen, aber ein moderner Mensch

geht mit seiner Zeit. Dieser Schrank zum Beispiel ist ja ganz falsch

gebaut. Da ist zuerst ein hoher Kasten mit griechischem Giebelabschluß.

Ein Abschluß ist ein Abschluß, und der Schrank wäre also fertig.

Aber nun kommt über dem Giebel noch einmal ein Kasten, und zwar mit

Säulchen, die einen zweiten, kleineren Giebel tragen. Du rühmst

die alten Tischlermeister. Nun, ich muß sagen, man kann sehen, daß

diesen Schrank nur ein Tischler gemacht hat. So kindisch kann bloß

ein Handwerker mit klassischen Formen der Architektur umspringen. Das

ist so willkürlich und irrationell, daß einen modernen, vernünftigen

Menschen ein Schwindel darüber erfaßt. Und dann, du sprichst von

Echtheit. Der untere Schrank ist ja als Sekretär maskiert, obwohl

er ein Kleiderschrank ist; ist das Echtheit? Ich muß gestehen, du

argumentierst etwas wunderlich, beinahe wie der Tischler, der diesen

komischen Schrank machte. Er wußte das Holz zu behandeln, das ist aber

auch alles«.

Der Dechant lächelte. »Wie ist das mit dem Wort vom Fühlen und

Begreifen und dem andern von der Schulweisheit?« fragte er spottend.

»Sieh mal an, irrationell sind diese Möbel ja wirklich. Dieser

Giebel und diese etwas gebauchten Säulchen kommen an keinem einzigen

griechischen Tempel zusammen; dafür will ich selber einstehen. Aber

der Schreiner wollte ja auch keinen Tempel bauen, sondern einen

schönen, fröhlichen und recht praktischen Schrank. Und ich kann

dir sagen, in meinen Augen ist ihm alles ausgezeichnet gelungen.

Der Schrank stimmt mich zu Fröhlichkeit, wenn ich ihn ansehe, und

von Schönheit gibt er mir auch jedesmal einen verständlichen und

anschaulichen Begriff. Was aber meine Kleider angeht, die hängen drin

wie in einem Paradies. Liebe Marie, laß mich nur ungeschoren mit eurem

Rationalismus, mit eurer steifen, unfruchtbaren, selbstgerechten

Lebens- und Weltweisheit. Wo bisher Künstler und Dichter aus

›rationellen‹ Epochen glücklich waren, da waren sie's durch ihre

irrationellen, nicht verstandesmäßigen, nicht meß- und nachweisbaren

Einfälle. Ich habe zufällig kurz vor dem Krieg in einer illustrierten

Kunstzeitschrift Abbildungen von eurem neuen Landhaus und seiner

Einrichtung gesehen, entworfen von Herrn Professor Soundso. Ich weiß

also Bescheid. Es ist alles sehr schön und richtig, es stimmt alles

aufs Haar, und es ist nirgends ein Fehler. Die Flächen sind Flächen und

hören nimmer auf wie die Liebe. Die Kästen sind wirkliche Kästen und

die Leisten richtige Leisten. Sie haben das Prinzip des Rechtecks und

das Prinzip des Quadrats auch. Die Prinzipe heiraten sich und scheiden

sich, und die Linien laufen ewig und kommen nie an, oder sie werden

notgedrungen abgebrochen, weil auch das Landhaus des seligen Professors

Klinger nicht der unendliche Himmelsraum ist, obwohl sie gut und

gern weitergehen könnten, denn eine geometrische Figur kann man sich

bekanntlich in jeder Ausdehnung vorstellen. Dieser Schrank dagegen,

ins Unendliche erweitert, ergäbe eine ausgemachte Absurdität, denn er

ist auf endliche Verhältnisse für endliche Menschen gedacht. Das ist

auch das Geheimnis seiner Vollkommenheit und sein Reiz. Alle Reize sind

nämlich sterblich, geliebte Schwägerin, auch die deinen.«

»Nun«, meinte sie und streckte das Kinn vor, »meine Reize sollen

eigentlich nicht das Thema eines katholischen Geistlichen sein. Ich

begreife aber, daß gerade ein katholischer Geistlicher sich mit solchen

Möbeln umgeben muß. Sie müßten für euch vorgeschrieben sein wie die

Soutane. Es sind in wesentlichen Zügen katholische Möbel.«

Der Dechant neigte halb zustimmend den Kopf. »Dein Gesichtspunkt wird

manchem etwas streng vorkommen, wenigstens was die deutsche Birkenmode

angeht. Dies sogenannte Biedermeier war doch auch der Stil des

protestantischen, ›aufgeklärten‹ Berlin, dem es für eine Generation

die Physiognomie gab. Aber es war zugleich das Berlin des E. Th. A.

Hoffmann und das Deutschland der katholisierenden Romantik, also

immerhin eine sehr fruchtbare und, wie ich gern zugebe, eine ziemlich

dunkelleuchtende Ausgabe von Aufklärung. Vor allen Dingen: eben eine

katholisierende, was nicht nur meine Möbel trifft, sondern auch deinen

Rationalismus. Folgt daraus: wir sind immer katholisch, aber ihr seid

nicht immer rationalistisch.«

»Wenn wir nur immer protestantisch sind, Klemenz, dann ist mir für den

Fortschritt der Welt nicht bange, trotz Rom.«

»Nun, mir wäre bange«, lächelte der Dechant. »Vom protestantischen

Fortschritt hat man mich noch nicht vollkommen überzeugt. Denk an

Goethe. Seinen katholischen Weg zum zweiten Teil des Faust macht doch

jeder tiefer denkende protestantische Deutsche einmal im Leben durch.«

»Ich werde ihn jedenfalls nicht durchmachen, mein Lieber.«

»Habe ich denn gesagt, daß ich dich für einen tiefer denkenden

protestantischen Deutschen halte?« lachte der Dechant.

Sie hob die Nase in die Luft. »Es ist jetzt auch nicht die Rede, wofür

du mich hältst«, erwiderte sie kühl. »Jedenfalls bewahren wir die Welt

vor dem Versinken in den leeren Formalismus von der Art, wie du ihn da

in deinem Haus herumstehen hast, und wie ihn eure Kirchen zeigen.«

»Ich will dir etwas sagen, Marie: es gibt einen sinnlichen und einen

unsinnlichen Formalismus. Den sinnlichen Formalismus seid ihr freilich

los samt der sinnlichen Form. Eure Architektur beweist es und nicht nur

die. Dafür habt ihr die deutsche Nation in den unsinnlichen Formalismus

der Ziffer gestürzt. Da liegt sie nun drin und erlebt wie in einem

wüsten Traum, wie alles Leben zum Einmaleins wird. Die Alten da trieben

ein Spiel mit Formen, aber ein hoffnungsvolles und freudiges; ihr

treibt ein hoffnungsloses mit Zahlen, und eure Freude ist dann auch zum

Amüsement geworden. So verhält es sich mit dem Rationalismus von heute.

Katholisierend ist er nicht; wäre er wenigstens protestantisierend!

Wißt ihr noch etwas von der alten gottheiligen Kreisberechnung der

Seelenkraft? Radius mal Radius mal Pi, das ist verdeutscht: das Ich mal

das Ich mal Gottvertrauen gleich dem Kreis der unendlichen Wirkung.

Nun, der fromme Mensch Hindenburg hat uns diese Rechnung ja wieder

vorgemacht; ein Rationalist ist er aber nicht.«

»Wir haben ja jetzt das Biedermeier wieder«, meinte die Klingse. »Sieh

nur mich an. Wenn ich meinen Koffer auspacke, so werde ich dir noch

ganz anders kommen.«

»Ja, ihr habt's, aber nicht selber gemacht. Importiert aus dem

neunzehnten Jahrhundert. Was importiert ihr nicht alles! Es ist gut,

daß es mit der Importiererei zunächst ein Ende hat, so besinnt ihr euch

wieder auf eure deutsche Fruchtbarkeit und Schöpferkraft. -- Was ist

übrigens aus dem Landhaus geworden?«

»Was wird geworden sein? Sollte ich allein das große Haus bewohnen?

Sobald ich einen guten Käufer fand, schlug ich's natürlich los. Ich

bin wieder in die alte kleine Villa gezogen. Eben wird sie frisch

hergerichtet; so bin ich sozusagen heimatlos.«

»Und die modernen Unendlichkeitsmöbel?«

»Die Möbel sind selbstverständlich ins Haus komponiert und im Haus

geblieben. Was willst du dich über Möbel lustig machen, die du bloß

in der Zeitschrift gesehen hast! Was aber das Importieren angeht,

so finde ich dich hier doch auch ziemlich fleißig dabei, sogar aus

allen Jahrhunderten, wenn ich mich nicht irre. Hast du etwa diese

Mahagonisachen selber geschaffen? Und warum läßt du die alten Fetzen

und Geräte nicht im Schutt liegen, sondern hebst sie auf und richtest

sie wieder her? Import, mein Lieber! Wir sind ein Volk von Kaufleuten.

Das ist's.«

»Ja, das Wort geht jetzt durch die Zeitungen«, bemerkte der Geistliche,

der seine Verwandte kannte, etwas trocken. »Es ist bequem zu handhaben

und nach allen Richtungen zu konjugieren.«

»Was du sagst, steht allerdings nicht in den Zeitungen«, erwiderte

die Tante ein wenig spitz und tat dann vor Bob einen nervösen

Seitenschritt. »Willst du nicht den häßlichen Hund an dich nehmen; es

ist nicht erfreulich, ständig berochen und beknurrt zu werden.«

Der Dechant rief das Tier zu sich. »Er wittert nur nach Wohlwollen«,

sagte er. »Wenn er keins findet, so knurrt er.«

»Das heißt, du sprichst dem Tier Seele zu?«

»Nein, ich denke nicht daran«, erwiderte er verwundert. »Kann ich dir

Augen zusprechen? Du hast sie, ob ich sie bestätige oder nicht. So

verhält es sich mit der Seele eines Tieres. Du bildest dir vielleicht

ein, bloß ihr, du und die andern sechs Neunmalklugen in Berlin, hättet

Seele. Seid froh, daß man euch nicht daraufhin untersuchen kann.«

»Das sind Fragen des geistigen Hochstandes!« sagte sie und hob die

feine Nase. »Gegenüber einem Tier habe ich Herrengefühle. Es erfüllt

seinen Zweck, und ich lasse es abschlachten oder verkaufe es. Was

darüber hinausgeht, sind Sentimentalitäten.«

»Hoffentlich hast du noch andere Unterlagen für dein Herrengefühl«,

bemerkte der Dechant. »Aber nun bewundere ein immerhin seelenloses

Tier, das dir diesen geistigen Hochstand abgerochen und beknurrt hat.«

»Da würdest du wohl auch keine Nachtruhe für ein Tier drangeben?«

fragte Linde, die bisher schweigend zugehört hatte, mit etwas

feindlichen Augen. »Voriges Jahr ist er nämlich überfahren worden.

Brigitt brachte ihn in einem Korb blutend und halbtot nach Hause. Er

hatte Lungenverletzungen und konnte kaum mehr atmen. Der Tierarzt

wollte ihm Gift geben, aber ich ließ es nicht zu. Wir trugen ihn auf

mein Zimmer hinauf. Damit er sich nicht verkroch mit seinen Schmerzen,

verstellten wir ihm alle Möbel. Nun saß er da traurig Stunden und

Stunden und kämpfte um Luft. Seine Lunge ging wie eine Rassel. Liegen

konnte er nicht, weil er sofort Erstickungsanfälle bekam. Schließlich

begann er vor Schwäche umzufallen. Da baute ich ihn ganz mit Kissen

ein und unterstützte ihm auch die Brust. Ab und zu hielt ich ihm

ein Tellerchen mit Milch vor, weil er durch den Blutverlust durstig

wurde; davon nahm er immer ein bißchen. Wenn ich mich bewegte, so

blickte er sofort mit seinen großen, dunklen Augen nach mir hin,

weil er fürchtete, daß ich ihn verlassen wolle. So verbrachten wir

die erste Nacht. Als der Tierarzt am andern Morgen kam, wunderte er

sich, daß der Hund noch lebte, aber er glaubte immer noch nicht, daß

er durchkommen werde. Nun, er ist durchgekommen. Seither ist das Tier

von mir unzertrennlich, und von dem Unglück an hat es ein ganz anderes

Verhalten zu mir.«

Die Tante verzog den Mund etwas. »Das ist mir in der Tat zu hoch«,

achselzuckte sie. »Du hättest dem +beast+ eine qualvolle Zeit

ersparst, wenn du es sofort hättest töten lassen. Mehr kann ich dabei

nicht sehen. Eine inferiore Kreatur dürfte mir keine Unbequemlichkeiten

verursachen.«

»Du sagtest, der Hund sei häßlich«, erwiderte Linde mit roten Wangen.

»Vielleicht erscheinst auch du ihm -- abstoßend. Wenigstens hat er sich

noch nie gegenüber einem Gast so verhalten.«

In der Tat saß Bob neben seinem Herrn, das eine Auge unausgesetzt auf

die fremde Frau gerichtet, und knurrend, sobald sie sich regte oder zu

sprechen begann; ab und zu ging ein erregtes Zittern über seinen Leib,

weil er seinen Platz nicht verlassen durfte, und in seinen treuen,

mutigen Zügen drückte sich ein unverkennbares Leiden aus, das ihm das

Mißtrauen gegen diese parfümierte Person erregte. Die Klingse zuckte

wieder die Achseln.

»Jetzt fehlt nur noch, daß ihr den Hund zum Richter über euren

menschlichen Wert macht«, sagte sie hochmütig und selber ein bißchen

erregt, weil ihr die so rückhaltlos geäußerte Abneigung des Tieres

immerhin peinlich war.

»Auch das wäre zu denken, daß wir unter Umständen durch ein Tier

gerichtet werden«, versetzte der Dechant ernsthaft. »Wir werden ja

auch durch Tiere gerettet. Sicher gibt es viele Beziehungen zwischen

dem Tierreich und uns, von denen wir nicht einmal etwas wissen. Alles

Unrecht und alle Grausamkeit, die an Tieren verübt worden sind, leben

als Handlungen und als Wirklichkeit ebenso weiter wie die Guttaten und

die erwiesenen Barmherzigkeiten sowie jene Beweise der Großherzigkeit

und des Edelmutes, den andrerseits wieder unsre Freunde aus dem

Tierreich uns geliefert haben. Vor Gottes Auge ergibt das eine Summe,

die nicht wenig gelten kann. Vielleicht gibt es sogar Gerechte, die die

Prüfung durch die Armen und selbst durch die Kinder bestehen, und die

am Tier scheitern. Aber wollen wir nicht noch ein wenig in mein Zimmer

treten? Bob wird sich solange auf sein Bett im Korridor legen. Hast du

gehört, Bob?«

Bob hatte gehört. Durch einen ernsten, kummervollen Blick auf

seinen Herrn und dann auf das junge Mädchen teilte er noch mit, wie

schwer ihm in diesem Fall das Gehorchen werde, und wie wenig er den

Befehl verstehe; darauf begab er sich widerstrebend mit gesträubter

Rückenbürste und steifbeinig wie vor einer Rauferei auf den

kommandierten Platz, nicht ohne unterwegs noch einmal zu knurren, als

die Klingse mit ihrem seidenen Unterrock rauschte.

Der Soldat hatte von der ganzen gebildeten Unterhaltung wenig

begriffen. Er hörte, daß es sich um modern oder altväterisch

handelte, und da er als junger Mann, der in Amerika gewesen war, zu

einer weltmännischen Gesinnung verpflichtet hielt, so leuchtete ihm

eigentlich das, was die Tante sagte, besser ein. Als moderne Frau nahm

er aber noch einen besondern Augenschein von ihr, der wiederum nicht

ungünstig ausfiel, und im großen ganzen fand er, daß der Dechant sie

wohl gelten lassen könnte, und daß Linde einen Fehler begehe, sich so

feindlich zu ihr zu stellen, nachdem sie sie doch einmal eingeladen

hatte, abgesehen von dem Beispiel, das sie sich in vielem an ihr nehmen

konnte. Aber auch von diesen Erkenntnissen verlautete er nichts.

Das waren die Begleiterscheinungen, unter denen sich der Einstand

der Tante vollzog. Für den Rest des Abends sprach man nur noch von

unverfänglichen Dingen, so daß die Klingse nicht mehr nötig hatte, auf

Zeitungsartikel und gehörte Kunstvorträge zurückzugreifen. Aber am

nächsten Morgen trat sie mit vorgeschobenem Kinn und schmalen Lippen

das Hausregiment an. Zuerst, noch droben im Hausgang, ordnete sie an,

daß die Möbel in ihrem Zimmer umgestellt würden, weil sie nicht genug

zum Frisieren sehe und nachts durch das Rauschen der Bäume gestört

werde. Als sie etwas später zum appetitlich hergerichteten und nicht

eben ängstlich besetzten Frühstückstisch kam, überblickte sie ihn

im Niedersitzen mit unbestechlichen Augen; darauf, während sie die

Serviette nahm, sagte sie etwas singend, doch immerhin Ärgernis nehmend:

»Ihr habt ja Eier und Butter. So üppig sind wir's lange nicht mehr

gewöhnt. Ich finde, ihr könntet euch bedürfnisloser einrichten; es gibt

jetzt soviel Elend. Ihr wißt so schöne Dinge über die Hunde zu sagen;

denkt auch ein wenig an das deutsche Volk.«

Die Hausgemeinde fühlte sich von diesen Worten so auf ihrer

Unanständigkeit betroffen und bloßgestellt, daß niemand wagte, mit

einer klugen oder festen Entgegnung das Hausrecht zu behaupten. Man

erkundigte sich bestürzt nach der Not in der Hauptstadt, bemerkte

kleinlaut dies und jenes Allgemeine über den Gegenstand und fragte die

Tante schüchtern, ob denn sie nicht auch ein wenig gehamstert habe,

worauf sie einigermaßen verwundert antwortete: »Aber warum denn? Man

kann sich ja für Geld noch genug kaufen!« Vom nächsten Tag an kam

nur noch Marmelade auf den Tisch, zwar auch keine schlechte, und die

Tante fand sie viel zu süß, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Zum

ersten Mittagessen sagte sie noch nichts, aber beim Tee nahm sie an den

schneeweißen Brötchen Anstoß und erklärte es als ein Vergehen an der

Allgemeinheit, jetzt so weiße Brötchen zu essen. Nun war es wirklich

unmöglich, dunkleres Kleingebäck zu bekommen, aber um die Stimme des

Gewissens zu beschwichtigen, aß man künftig grobes Schwarzbrot zum Tee,

obwohl dem Dechanten und besonders Linde so schwere Kost übel bekam;

schon der Abgang der Butter und des frischen Eies am Morgen bedeutete

für Linde eine rechte Lebensverschlechterung, und die Folgen stellten

sich bald als Magenschmerzen ein, aber sie ertrug sie still.

Am zweiten Tag ließ sich die Tante über das Abendessen aus, am dritten

über den Mittagstisch. Es sah niemand ein, welches Interesse das

verwünschte Weib daran hatte, sich selber die Kost zu verschlechtern.

Das Nachtessen war die Hausgemeinde warm gewöhnt; man genoß einige

leichte, angenehme Dinge, die den Schlaf nicht erschwerten und am

andern Morgen ein erquicktes Erwachen versprachen. Damit räumte die

Klingse auf. Man aß jetzt Brot mit Schmierkäse zu Nachgewärmtem oder

zum Tee, auch etwas Aufschnitt und hinterher einen Apfel; auch liebte

die Klingse Weintrauben und Nüsse. Dem Hund wurde der Speisezettel

ebenfalls nachgeprüft und nach Menge und Gehalt streng beschnitten.

Man briet nicht mehr mit Butter, obwohl die Bauern sie willig und

reichlich ins Haus brachten und die alte Brigitt lästerlich schimpfte,

sondern mit Schmalz, und im weiteren zeigte sich, daß die Tante

überhaupt gegen die Braterei war; man solle mehr kochen und sieden, um

das Fett für das deutsche Volk zu erhalten.

Allmählich führte sie der Reihe nach die verschiedenen Ersatzstoffe

ein, die von der Chemie oder auch nicht von der Chemie hergestellt

wurden. Sie bestand darauf, daß man das Milchpräparat Milfix oder die

Kuh in der Tüte kostete, um einen Begriff davon zu bekommen, wie das

Großstadtvolk lebte. Man fand es zur allgemeinen Beschämung nicht eben

wohlschmeckend. Sie ordnete an, daß ein Kuchen damit gebacken würde,

in dem anstatt Ei Eifix kam, ein Präparat aus Gott wußte was, das

sträflich gelb machte und nicht die Spur nach irgend etwas auf der Welt

schmeckte. Anstatt Weizenmehl verordnete sie solches von Kartoffeln,

anstatt Zucker Sacharin, und von Butter war überhaupt keine Rede,

nur daß eben der Backnapf etwas mit Butteröl bestrichen wurde, damit

der Kuchen nicht ansetzte; aber er setzte unerbittlich an, wie sich

nachher zeigte. Brigitt schmiß das Zeug mit Tränen in den Augen in

den Backofen, und wenn die Klingse nicht vorausahnend danach gesehen

hätte, so wäre es zu Staub verkohlt, denn die alte Person hatte ein

Höllenfeuer daruntergesetzt. Das nächste Mal war der Ofen kalt, und die

Klingse mußte selber nachheizen, wenn sie ihren Kuchen bekommen wollte.

Heinz fraß alles ziemlich gehorsam und etwas bewundernd. »Wie gut muß

dein Kuchen erst schmecken, wenn es ein wirklicher Kuchen ist!« sagte

er gläubig und steckte sich ein neues Stück in den Mund.

»Greif nur zu, Heinz«, nickte sie wohlwollend. »Du mußt nachher wieder

dein Leben für uns einsetzen. Man könnte noch viel mehr für die Armee

tun.«

Anstatt Öl kam eine Art von dicker, gelber, säuerlicher Brühe ins Haus,

die nicht ein Tröpfchen Fettgehalt besaß und jeden Salat verdarb.

Puddings wurden aus Ißnur hergestellt und schmeckten nach Tinte. Es

gab bald keinen natürlichen Stoff, den sie nicht verwässerte oder

mit Zusatzmitteln streckte. Was man früher in guter Qualität kaufte,

erstand man jetzt in geringerer. Kurz, das Essen hörte im Haus des

Dechanten auf, ein Vergnügen zu sein. Aber zum Vergnügen esse man

jetzt auch nicht, sagte die Klingse, sondern nur um sich zu erhalten.

Da sie einen ledernen Magen hatte, erhielt sie sich ganz ordentlich,

aber der Dechant mußte viel Kräuterschnäpse zu sich nehmen und wurde

ein kleiner Trinker über der Askese; doch sah er ein, daß die Nation

vorging und der Einzelne zurückstehen mußte, zumal an einem so

sichtbaren Platz. Auch Linde begriff, aber da sie sich nicht durch

Kräuterschnäpse weiterhelfen konnte, so sah sie bedenklichen Zeiten

entgegen. Die brave Brigitt überfiel in ihrer Küche täglich das

heulende Elend, und sie schwur jeden Abend, davonzulaufen, um jeden

Morgen in tiefer Ergebenheit gegen Linde einen schlechten Ersatzkaffee

zu brauen, nach dem das ganze Haus stank, denn Bohnenkaffee war auch

nicht mehr gestattet. Sie beschwor das Mädchen, nur zum Schein zu essen

und sich von ihr etwas Besonderes machen zu lassen, das sie besser

vertragen konnte, aber Linde sagte, im Feld hätten sie auch nichts

Besonderes, und lehnte jede Heimlichkeit ab. Sie nahm dieses Übelwetter

als gerechte Strafe für das Unrecht, das sie an der Frau begangen

hatte, und ihr eigentlicher Kummer war dabei, daß Unschuldige mit ihr

getroffen wurden.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 5 / 33 题