Linde entwickelt sich. Ein Soldat bekommt Zweifel und löst sie
praktisch. Die Tante tritt an
In der Folge sah niemand einen Grund, verhindern zu sollen, daß die
beiden jungen Leute wieder so gute Freunde wurden, wie sie vorher
gewesen waren, auch nicht die alte Brigitt, obwohl nach ihrer Meinung
der junge Soldat es mit der Keuschheit nicht genau nahm, aber Linde
wußte sie in guter Hut, denn sie ging mit den Engeln schwesterlich
um. So wandelte diese denn mit ihrem frühen Jugendgespielen und ihren
spätern Schutzgeistern die Gartenwege des Dechanten auf und ab und
nachher, als sie etwas kühnlicher wurde, auch die Gassen und Stiege der
alten kleinen Heiligenstadt, vergaß bald ihre Engel über dem Soldaten
und bald den Soldaten über den seligen Geistern, die ihr zuflüsterten,
aber doch immer etwas häufiger und länger die Engel. Die Engel konnte
sie auch wirklich nachher, wenn der Soldat weg war, wieder genug haben,
aber den Jugendgespielen hatte sie bloß vier oder sechs Tage, je
nachdem es ihm bei ihr gefiel. Sie legte es nicht geradeheraus, doch
still besorgt und mit gütigem Herzen darauf an, daß es ihm jedenfalls
nicht mißzufallen brauchte, zündete jeden Morgen in ihren ernsten Augen
ein neues Lichtchen an und manchmal auch schon abends, wenn sie mit der
Überzeugung ins Bett stieg, daß er in gar keinem Fall ein schlechter
Mensch sei und in diesem und jenem ihr sogar den Eindruck eines lieben
und von Gemüt wahrhaft freundlichen Knaben gemacht habe, gottlob, denn
das Gegenteil hätte ihr leid getan. Sie trug sogar nach und nach ein
wenig frische Farbe auf ihren Wangen und Lippen auf, nicht mit dem
Pinsel, sondern mit dem holden Engelsfinger der erlaubten Lebensfreude
und auch nicht zu hastig, aber immerhin so beseelt aus ihrem dankbaren
Sinn heraus, daß er es merkte und sie den Tag über manchmal daraufhin
ansah.
Es ging von ihrer tiefen Gehaltenheit etwas auf den irdischen jungen
Mann über, das ihn ergriff und rührte. Manchmal meinte er, es sei ihre
zarte Gesundheit, dann glaubte er, es komme von dem musikalischen
Seraphim, der in ihrer Stimme wohnte, dann von dem besondern aus sich
seligen Strahl, der oft aus ihren blauen Augen brach, und wiederum
schien es ihm, die Wirkung rühre her von Qualitäten und innerlichen
Kräften, die ihm zur Zeit und vielleicht für immer verborgen bleiben
müßten, denn er war ein Weltkind, aber sie ein Kind Gottes und nicht
nur dem Geist nach. Wenn er ihre reinen, langen Hände betrachtete
mit den leichten und vornehmen Fingern, die sowenig von sich selber
wußten, ihre fromme Stirn, hinter der neben aller Erdenklugheit so
unirdische Gedanken wuchsen, und die ganze freundliche Gestalt auf
dem feinen Knochengerüst, die ihm, dem gesunden Soldaten, doch eher
hinfällig als stark erschien, soviel Federkraft und Leistungsfähigkeit
sie auch sonst entwickelte, so überkam ihn ebensooft etwas wie Sorge,
daß sie am nächsten Morgen etwa plötzlich nicht mehr da sein könnte,
wie Verwunderung darüber, daß sie's dann doch immer wieder war, sich
nie auf müden Stimmungen oder Abwesenheiten ertappen ließ und neben
allen gemeinsamen Jugenderinnerungen, die er vergessen hatte, noch so
mancherlei Einfälle und Reize aufbrachte, die zu seiner Sinnlichkeit
sprachen und offenkundig aus Sinnlichkeit kamen, so daß ihm schließlich
nichts anderes übrigblieb, als sie auf eine wachsame und etwas
verlegene Art zu verehren und ohne vieles Gefrage zu nehmen, was sie
ihm bot, und wie sie's bot.
Darüber hinaus mußte er zugeben, daß aus dem Mädel von einst in der
Tat ein vollgültiges Fräulein geworden war, mit dem man sich sehen
lassen konnte, und das jeden zur Aufmerksamkeit reizte, sobald sie
den Mund auftat, manchmal sogar schon vorher, wenn sie lächelte oder
nachdenklich den Kopf neigte. Immer sah sie aus wie jemand, der sich
etwas denkt oder dies und das schon selber erfahren hat, und wo sie
hinkam, da verbreitete sie Vertrauen um sich. Immer häufiger wurden
auch die Momente, in denen er sie geradezu reizend fand. Sie, Weib
genug, um das zu merken und zwar sofort, freute sich darüber, gab
errötend ein weiteres Stück ihres scheuen Jungfernwesens heraus,
das er dann sofort ebenfalls bewunderte, und so kam es, daß sie in
Wahrheit in kurzer Zeit derart an Lieblichkeit und Weibergut von Gottes
Gnaden zunahm, daß es auch die andern Leute merkten und man sie sogar
damit necken konnte. Das besorgte der Dechant, der als ein erfahrener
Freund aller Schönheit das Auge dafür hatte. Ihm schien sie ein Stück
wiedererstandene leibhafte Gotik, und manchmal war es ihm, als müsse er
in seinem Münster oder im Schuppen, wohin er seine Figuren und Bilder
während der Renovation untergebracht hatte, nachsehen, ob ihm nicht
eine aus einem Rahmen oder von einem Sockel verschwunden sei. Denn
um falschen Vorstellungen zu begegnen, so fehlte ihr keine von allen
Leibesliebenswürdigkeiten, die auch die wundersamsten Gestalten der
Gotik an sich hervorbringen, und die das Auge des liebefähigen Mannes
je nachdem mit melodiöser Sehnsucht oder mit Formen- und Linienglück
erfüllen. Die der beredeten Männer füllte sie nun mit Glück, zumal sie
einiges von ihrer gottseligen Strenge aufgab und jetzt mehr geneigt
war, die Natur reden zu lassen, als den Geist der reinen Lehre. Die
alte Brigitt sah vieles und dachte sich, was zu denken war, aber sie
sagte nichts, dagegen lebte sie manches in ihrer alten Seele mit, wie
Mütter bei ihren Töchtern zu tun pflegen. War sie nicht Lindes Mutter,
so fühlte sie sich doch so, da sie's aber trotzdem nicht war, so ergab
sich als Effekt der mütterlichen Veranstaltung bei ihr eine gewisse
altmädchenhafte Verweltlichung auf eigene Rechnung. Es war ihr wichtig,
daß die schöne und stille Zeit nicht durch »Unflätigkeiten« von ihrer
Seite, durch »Schmutzereien« und »Liederlichkeiten« gestört und der
Jüngling vielleicht durch sie verstimmt oder gar vertrieben würde.
Nicht daß sie ihm um den Bart ging, dazu besaß sie schon nicht das
Temperament, sondern wenn sich die Gelegenheit bot, sein Großmannstum
ein wenig zu ducken und ihm seine sittliche Minderwertigkeit zu Gemüt
zu bringen, da versäumte sie nichts, dagegen setzte sie zeitweise
allerlei alte Garderobe außer Gebrauch und erschien in neueren,
hübscheren Sachen, und schließlich dachte sie auch, daß man sich an
ihren Pantoffeln stoßen müsse, und zog wieder Schnürstiefel an. Da sie
aber um den Abend gar zu mühselig daherhumpelte, wurde Linde darauf
aufmerksam und verbot ihr die Hoffart. Brigitt gehorchte dankbar, und
die Stiefel wurden wieder nur dem lieben Gott geweiht.
Der Garten fiel mit seinen Büschen und Bäumen steil zwischen alten
Mauern zum Bach hinab; man beging ihn meistens auf Treppen außer den
Querwegen, auf die die hängenden Beete stießen, und den Rasenplätzen,
auf die man sich setzen konnte, um zu träumen oder nach Gefallen
zu wachen. Die jungen Menschen taten immer beides durcheinander.
Die Zwetschen waren reif und sahen amethystblau aus dem grünen Laub
hervor. Heinz half Linde schütteln und auflesen. Dann half sie ihm
Gravensteineräpfel pflücken und einbringen. Einmal wollten sie auch
der alten Brigitt bei ihrer Gemüseernte zur Hand gehen, aber sie war
sehr kurz und hieß sie ihre eigenen Wege suchen. Das taten sie denn
auch, etwas verlegen über die behördliche Erlaubnis und zufrieden über
die Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnete. Es stellte sich heraus,
daß Heinz in der Fremde manches von dem alten Städtchen vergessen
hatte. Was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, daß er das Stück
Stadtmauer und den runden Turm nicht mehr gewußt hatte, woran der
Garten Anstößer war. Dort standen große, ehrbare Holunderbüsche. Auch
den reifen Holunder pflückten sie miteinander; Brigitt kochte Suppe
davon, und den Rest machte sie ein. Heinz holte eine Leiter herbei, und
sie stiegen nacheinander zum Turmloch hinauf, um zu sehen, ob Eulen
drin säßen. Sie fanden ihrer vier, aber Linde erlaubte nicht, daß Heinz
sie ängstigte. Inzwischen litten sie ohne das schon genug Angst.
Mit dem Dechanten gingen sie manchmal den Fortgang der Kirchenarbeit
besehen. Das hübsche gotische Sakramentshäuschen war eben wieder
von den Gerüsten frei geworden und stieg nun mit seinen Säulchen
und Blumen so rein und leicht wie der Liebesseufzer einer frommen
Jungfrau zur Wölbung des Mittelschiffes hinan. Die Ehrfurcht und das
religiöse Grundgefühl, aus denen der ganze ernste Bau gewachsen war,
vermochten freilich auch die Steinhobel und Hebeisen der Maurer nicht
aus den sonst entkleideten Bogengängen zu vertreiben; sie wallten mit
dem Staub und den Sonnenstrahlen feierlich in alter Weise vor den
farbigen hohen Fenstern auf und ab und umdämmerten unerfaßlich und mit
dem Charakter der Ewigkeit das ewige Licht, das uns die Wiederkehr
des göttlichen Menschen und des menschlichen Gottes verspricht. Der
Dechant beklagte sich bei Heinz darüber, daß auch Linde im geheimen an
seiner Frömmigkeit zweifle, weil er den notwendigen Mut gefunden habe,
mit Schaufel und Karre in das geweihte Lokal einzuziehen, aber Linde
hatte heute nicht genug strenge Heiligkeit im Leib, um dies Thema zu
spinnen, und wich ihm aus. Heinz sprach ganz weltlich von dem Bedürfnis
eines alten Gebäudes nach Pflege und immerwährender Fürsorge keinem
ganz zur Zufriedenheit und keinem geradehin zum Unbehagen; sie spürten
beide, daß er ihnen zu Gefallen auf fremde und ihm gleichgültige Dinge
einging, und so ließ auch der Dechant den Gegenstand fallen. Als er
aber seinen Neffen in sein kleines Museum führte, wo die aufgefundenen
heiligen Geräte und Gegenstände sich wieder ans Tageslicht gewöhnten,
hatte der moderne Soldat ganz ordentlich mit der seltsamen Empfindung
zu schaffen, die uns immer überkommt, wo wir einen leibhaften Zeugen
von mehr theoretisch bekannten alten Historien vor die Augen bekommen.
Eine persönliche Verwirrung hatte Linde mit sich selber abzumachen. Am
zweiten oder dritten Tag, als Heinz noch nicht wieder ganz vertraut mit
ihr war und auch schon nicht mehr ganz unvertraut, hatte er in der Nähe
des Mauerzahns ein kurzes Gespräch mit ihr. Was diese Ruine angeht,
so kann man sagen, daß Heinz sich von ihr allgemein und besonders
angezogen zu fühlen schien, während Linde sie lieber umging und, in
ihrer Nähe angekommen, stets Zeichen von Unruhe und Befangenheit gab,
die Heinz eher zu vermehren Lust hatte als zu vermindern. Als sie sogar
einmal errötete, sprach er sie mit etwas spöttisch verzogenen Lippen
darüber an.
»Wie ist das nun eigentlich?« sagte er andeutend mit einer Kopfbewegung
nach der Mauer. »Alles beim alten? Konservativ wie immer? Oder in aller
Stille in Ordnung gebracht? Zwar dann hätte ich etwas davon gehört. Wie
steht's?«
»Wie soll's stehen?« erwiderte sie mit weggewandtem Blick. »Frage dich
selber.«
»Also noch beim alten. Bewahrte Erinnerung. Sag mal, warum weiß
er nichts davon? Das ist doch unter Umständen inzwischen eine
Gewissensfrage geworden, wenn man bedenkt, wie er daran hing. Hast du's
wenigstens gebeichtet?«
»Nein.«
»Nun seht einmal dies verstockte Herzchen an. Nicht einmal gebeichtet
hat sie's. Und hast immer nett und gut die Kommunion mitgemacht mit der
ungebeichteten Sünde im Gewissen? Du, wie machst du das dem lieben
Gott plausibel?«
»Wieso ist das jetzt eine Sünde?« fragte sie unzufrieden. »Als du
kamst, war's noch eine Dummheit.«
»Nun, was denn ist's? Also ein gutes Werk! Na, die Bilderchen waren ja
wirklich etwas drastisch. Wenn du's ehrlich und fest dafür ansiehst,
so mag's angehen, obwohl du neulich nicht danach gesprochen hast und
augenblicklich auch nicht danach dreinsiehst. Es ist dir ins Gewissen
gewachsen, und du hast dich schon ordentlich tief darein verstrickt.«
»Ich konnte nichts tun, solange ich mich nicht mit dir verständigt
hatte. Wir haben doch gemeinsam daran teil.« Diese Worte sagte sie
beinahe heftig, aus einer Erregung heraus, aus der Heinz die jahrelange
Spannung zu vernehmen glaubte.
»Haben wir?« fragte er aufmerksam. »Überlege dir das noch einmal,
Mariechen. Haben wir nicht, so fällst du zwar dem Gericht deines
Gewissens und so weiter unters Urteil, aber du hast's doch nur mit
der höhern Macht zu tun. Haben wir aber, so bist du in der Hand eines
Menschen gegeben, und ich bin nicht immer sauber. Siehst du nun, wohin
solche Kinderstreiche führen, wenn man sie konserviert? Ach, ihr
Leutchen da in der Heimat, wie seid ihr so deutsch und so tiefsinnig
und so gewissenhaft. Und so gar nicht amerikanisch! Warum hast du nicht
einen guten Sport draus gemacht und ›es‹ ihm ganz einfach eines Tages
gesagt, ihm zum Geburtstag die Schwarte stillvergnügt auf den Tisch
gelegt? Du konntest ja die Schuld auf mich schieben.«
»Ich sagte dir schon, daß wir das zusammen besitzen.«
»Ach, besitzen. Ich besitze gar nichts, Mariechen, außer wenn ich damit
etwas anfangen kann zu meinem Vorteil oder zu meinem Vergnügen. Werde
ich also eine Erinnerung besitzen? Rechne einmal. Aber wenn ich heute
oder morgen mit diesem Handel Ernst mache, so werde ich dich besitzen,
das ist das Lange und Breite. Wie willst du mir nun eine Sünde
verreden, wenn ich Lust dazu bekomme, nachdem ich dich selber in einer
bis an die kleinen hübschen Ohren sitzen gefunden habe? Ich will mich
noch besinnen, ob ich dich herausziehen werde. Es kommt alles darauf
an, ob ich dich reizend finden werde oder nicht. Sei also Weib oder
Betschwester, was dir besser vorkommt. Danach wird sich alles richten.«
Sie sagte nichts mehr dazu, da sie außerdem einsah, daß mit Worten hier
wenig zu richten war. Dagegen schien es dem weltlichen Vetter bald, daß
Linde sich dafür entschieden habe, Weib zu sein, und das bereitete ihm
unter allen andern die größte Überraschung, ja beinahe eine Art von
Bestürzung, denn was sollte er mit einer solchen Beute machen, wenn sie
ihm in die Hand fiel? Das war doch kein landläufiges Liebchen, sondern
eine Jungfer mit Beziehungen und Qualitäten, und zur Hälfte gehörte sie
sogar schon dem Himmel; mit dem trat er aber am allerwenigsten gern
in Konkurrenz. Es wurde ihm immer gewisser, daß sie ziemlich genau
wußte, was sie tat, und welchen Weg es mit ihr nahm, ebenso, daß sie
anderseits der Entwicklung selber rat- und hilflos gegenüberstand,
ohne die Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, weil im Grund alles
seltsame, gefährliche und liebliche Wesen aus ihrem heimlichsten Blut
erblühte. Bedachte er dann diese ihre Zwangsläufigkeit, so fühlte er
beinahe Mitleid mit ihr. Etwas Gefährlicheres konnte er gar nicht
fühlen, denn es weckte zu gleicher Zeit seine Begehrlichkeit und
Abenteuerlust, und sein Blut trieb sich bunt schäumend und voller
Mannesträume durch seine Adern, aber es machte ihm auch schwermütige
Stunden und einsame Nächte voll Furcht und Grillen, für einen jungen
Mann mit einer so handlichen Philosophie recht seltsame Stimmungen und
Gemütszustände. Bei jeder andern hätte er sich auf den Kopf zugesagt,
daß er verliebt sei, und keine andern Folgerungen daraus gezogen, als
daß man nun eben suchen müsse, ihrer habhaft zu werden. Und dann
hätte er sie erwischt, oder sie wäre ihm entwischt, und er hätte sich
in jedem Fall mit verschärftem Appetit nach der nächsten umgesehen.
Daß hier sein lohnender Turnus so peinlich gestört war, wollte ihm am
allerwenigsten gefallen, und manchmal dachte er verärgert: Laß doch das
ganze preziöse Persönchen zum Teufel gehen oder in den Himmel fahren,
und sieh, daß du noch ungeschoren davonkommst, ein honetter junger
Mann, der du bist. Aber dann mußte ihm nur einfallen, wie sie sich
drehte, oder wie ihre Stimme klang, so war es um den ganzen honetten
jungen Mann wieder geschehen und war er entschlossen, sich weiter
scheren zu lassen. Was in dieser Schur fiel, das waren seine sündigen
blonden Locken, und es wäre eine unnötige Gewalttätigkeit, behaupten
zu wollen, daß er diesem leisen Schneefall der Eitelkeit nicht mit der
allertiefsten Wehmut beigewohnt habe.
Indessen hatte diese Art von Leben für ihn auch angenehme, ja schöne
Stunden. Wenn er mit dem zutraulichen Kind, zu dem sie aus einer
wachsamen Jüngerin der Gottseligkeit geworden war, die steilen Gassen
und Treppen der alten Stadt auf und ab stieg und in seinem Gemüt
wie in einem Brennglas der Hoffart alle Ehrungen einfing, die ihm
zuflogen, teils als Begleiter einer so geehrten und frommen Jungfer und
andernteils doch auch aus eigenen Verdiensten, nämlich als Besitzer
und Träger beider Eiserner Kreuze und von zwei kleinen Fürstenorden
dazu, so fand er die hessischen Giebelhäuser, die bunt und quer auf
seine moderne Existenz herabsahen, genau so originell und hübsch, wie
Linde es wünschte, und er sprach nicht einmal davon, daß es drinnen
doch recht niedrige und enge Buden habe. Und tatsächlich schwebte
auch soviel silbernes Gespinst nicht nur des Herbstes, sondern auch
der Geschichte in der Luft, hing an Giebeln und Türmchen, machte die
Brunnen heimlich und die Plätze weise wie alte Bücher, daß es ihm oft
war, als habe er sich aus seinem fortgeschrittenen Jahrhundert in
irgendeine mittelalterliche Epoche verirrt, und dann war er seiner
unentwegten Begleiterin dankbar, daß sie mit ihrer zeitgenössischen
Figur ihn wieder mit der berühmten Gegenwart verband, in der er zu
Hause war, und die er kannte wie seine Hosentasche, wenigstens glaubte
er's. So erlebte er sie jedesmal in einer neuen Beziehung, und die
Hauptsache: er erlebte und fühlte sie unausgesetzt, ob er wollte oder
nicht. Sie beschäftigte seine Gedanken und Sinne und war auf lange
Striche der einzige Mensch, der ihn nicht bloß mit dem Augenblick,
sondern mit der ganzen weiten Welt und selbst mit dem hohen geneigten
Schöpfer verband. Hatte er seine altkluge Nase nicht oben zwischen den
Fenstern und Erkern der engen Bürgerhäuser, so waren sie sicher bei
ihren kleinen Mädchenfüßen, die sie immer so flink und wohlgemut unter
ihren Rocksäumen hervorbrachte und so eigensinnig fest aufs Pflaster
setzte. Redete sie einmal ein Kind an, um es nach Geschwistern oder
der Mutter zu fragen, so blieb er wohlgesinnt stehen, bis die heilige
Unterhaltung zu Ende war. Und als ihn einmal ein naseweiser Junge am
Rock zupfte und ihn andächtig fragte: »Sie, haben Sie denn immerzu
gesiegt?«, freute er sich, als ob er beschenkt worden wäre, und er
wurde es auch aus heiterm Himmel, denn so losgebunden hatte Linde die
ganze Zeit noch nicht gelacht und gescherzt wie diesen Nachmittag. Das
Geschenk bestand darin, daß sie zum erstenmal über seinen kriegerischen
Charakter sprach, heiter und in verzwickten Neckereien, für die er in
der Eile gar nicht genug flüchtigen Geist aufzubringen vermochte, aber
die Scheu davor schien doch gebrochen, und jenes schmerzliche Mitleid
hatte sich zu einem launigen Bedauern für allen Schmutz, Hunger und
sonstigen soldatischen Notstand gemildert, den er im Feld erleiden
mußte. Wenn sie ihm auch seine wahre Größe nicht richtig einzuschätzen
schien, denn sie ging ihm gar zu selbstherrlich damit um, so war er's
doch zufrieden, daß sie nicht mehr als Befremdung zwischen dem Mädchen
und ihm stand, sondern ihm nun in ein allgemeines Weiberwohlgefallen
aufgelöst als Liebeslaune von ihr zurückstrahlte, wenigstens legte er
sich die Sache so aus. Den ernsten, wachsamen Hintergrund, auf dem
ihre Laune leuchtete, merkte er nicht; dafür waren seine Augen zu
roh, sein Blick zu oberflächlich und sein seelischer Tastsinn noch zu
unentwickelt. Etwas Niggerhaftigkeit hängt jedem Amerikaner an, auch
dem nachgemachten deutschen.
Der besagte Nachmittag führte aber das Paar an sehr gütigen Fäden aus
der Stadt hinaus über die Felder, die schon frisch bestellt wurden, an
herbstlichen Wiesen vorbei, auf denen Vieh läutete, zwischen Büschen
mit Schlehen und Hagebutten hin, in denen Kinder hingen. Da und
dort wurden Kartoffeln ausgemacht. Feldfeuer brannten. Allenthalben
sah man gefangene Franzosen und Belgier zwischen dem eingesessenen
Bauernvolk arbeiten, und manche radebrechten ein wenig miteinander.
Rings auf den Hügeln standen neben den Wäldern die grauen Wachttürme
und sahen wie vor alters in die Täler hinab. Aber sie hatten nichts
mehr zu bewachen; das Wächteramt war an andere Gewalten übergegangen,
und auch die Kriege nahmen heute andre Wege. Aber die Wolken flogen
noch ihre alten heiligen Straßen. Auch die Wetter zogen noch aus den
gleichen Himmelsgegenden her. Und die Gestirne durchwandelten an
ihrem Ort ihre Ewigkeiten wie von Anbeginn. Wälder wuchsen, wurden
geschlagen und wuchsen neu. Die Täler waren im Wechsel grün und
weiß. Ab und zu brach irgendwo ein Feuer aus, brannte seine Zeit und
erlosch wieder. Das war's, was die Türme noch vom Zeitlauf zu sehen
bekamen. Vom gegenwärtigen ungeheuren Krieg war ihnen nichts bewußt,
und das erschien als das Ergreifende an ihnen, obwohl niemand zu sagen
vermochte, warum.
Zu einem von diesen uralten Türmen wanderten die beiden jungen Menschen
hinaus. Linde sang leise vor sich hin und dachte, sie wußte nicht,
woran. Sie fühlte sich jung und kräftig wie noch nie und bereit, das
Leben der Liebe in sich aufzunehmen, und diesem rätselhaften Leben
blickte sie mit vertrauenden, beinahe klaren Augen entgegen, doch
mehr dem künftigen als dem gegenwärtigen, von dem sie doch noch ein
leichter Schleier von Scheu und Ängstlichkeit schied. Im künftigen
war alles schon geschehen und erfüllt, was sie am gegenwärtigen noch
schreckte und erregte; das Heute war in aller Süßigkeit voll Unruhe und
widersprechender Empfindungen, die sie manchmal einschüchtern wollten.
Sie trieb im Ungewissen und konnte sich nicht aufhalten, und wenn ihr
Tod darauf stand, so war es ihr unmöglich, von den beiden Wegen, die
ihr Heinz eröffnet hatte, einen andern zu gehen als den hellen, auf dem
er sie sehen und lieben konnte. Daneben hörte sie nicht auf, Mitleid zu
empfinden für seine Lebensgier und für seine ganze innere Armut, die
er mit so grober Kost und alltäglichem Kram in Bedeutung und Besitz
zu verwandeln hoffte, und manchmal schwebte sie eine Geisterluft an,
daß sie vielleicht dazu berufen sei, durch irgendein frommes Opfer
ihn, wenn es sein mußte gegen seinen Willen, zum wirklich reichen Mann
zu machen und ihm eine Bewegung zu verursachen oder vorzubereiten,
aus der dann seine wahre beseelte Persönlichkeit hervorbrechen
konnte. Inzwischen sie aber so fleißig und mit aller Treue an sein
Inneres dachte, versäumte sie nicht, sein mannhaftes Äußere weiterhin
anzusehen, das, wie sie deutlich erkennen konnte, nicht nur ihr gefiel.
So wurde aus liebendem Mitleid, freundlicher Eifersucht, Wohlgefallen
und Furcht vor dem eigenen Blut wie aus vier Morgenröten, wovon eine
immer die andre überschäumte oder durchleuchtete, in ihrer Mädchenwelt
der erste tiefe und wildkeusche Morgen der Liebe, dem es sowenig an
gottesfürchtigen Lerchen wie an naturfrommen Rehen und Hasen fehlte,
und in dem sie den endlichen Regen jetzt schon deutlich voraussah, denn
der Geliebte war bestimmt, nach dieser Zeit von ihr weg in den Krieg
zurückzukehren, und sie wußte, ohne fragen zu müssen, daß er sich auf
das Wiedersehen mit seinem guten Gewehr freute und auf den Tag, an dem
er durch das Zielfernrohr wieder den ersten Engländer visierte.
Beim Turm angekommen, setzte sich das Paar auf die verfallene Ringmauer
und ließ die Blicke zunächst ziemlich still durch die Landschaft gehen.
Hin und wieder wies eins das andre wie auf ein Geschenk auf irgendeine
besondere Erscheinung, wie sie das Licht gerade hervorhob. Drunten
wand sich der Fluß durchs Tal; seine Windungen erinnerten beide an die
Inschriftenbänder, die man oft auf alten Bildern flattern sieht, und
Linde meinte, hier würde irgendein schöner Spruch vom Frieden darauf
stehen. Das Städtchen stand mit seinen Türmen und Dächern und dem
hohen Dom gegen den hellen Abendhimmel wie eine Burg Gottes, in der es
nur Freunde Christi und stille Priester gibt und gastliche Herbergen
für Pilger. Der Dom teilte der ganzen Landschaft eine ernste, milde
Stimmung von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren mit, das hier als Geschichte
und Legende lebendiger als sonstwo und zugleich so einfach wie nirgends
zur Seele sprach. Hier hatte der große Heilige der Vorzeit furchtlos
das Unternehmen gewagt, das Kreuz seines Herrn aufzupflanzen und den
verehrten Baum mit der Axt zu fällen.
»Du, mir ist etwas eingefallen«, sagte Linde, die wie ein geistiger
Spiegel immer alle Lagen und Zeiten ihrer Umwelt nachdenklich bewegte.
»Eine alte Eiche zu schlagen, das muß doch damals mit den schwachen
Werkzeugen eine sehr schwere Arbeit gewesen sein. Man lernt das
so leichthin: ›Und dann schlug er die Eiche!‹ Ich meine, weil es
äußerlich so schwierig war, so erhöhten sich doch auch die geistigen
Schwierigkeiten; die frommen Männer werden nur unterschätzt, wenn man
davon aus falscher Scham oder aus Gedankenlosigkeit nicht spricht. Es
hat mir den Heiligen noch viel lieber gemacht, seitdem ich mir denken
kann, wie mühselig und mit wie unvollkommenen Mitteln er sich für seine
große Idee plagen mußte.«
»Tja«, erwiderte Heinz, »sobald man das Dings an der Quelle studiert,
so schrumpfen die berühmtesten historischen Ereignisse zu Kindereien
zusammen im Vergleich mit den modernen Errungenschaften und Vorgängen.
So ein Weltkrieg zum Beispiel! Da stehen einander vielleicht vierzig
Millionen Soldaten gegenüber. Wieviel werden's in den griechischen
Feldzügen gewesen sein? Fünfzigtausend Männchen etwa. Und was für Lärm
haben sie davon gemacht! Und dann unsre heutigen Kriegsmaschinen.
Ein Römer, wenn man ihn in eine moderne Schlacht brächte -- glatt
blödsinnig würde er. Selbst der berühmte Julius Cäsar. Nero würde sich
vielleicht halten aus perversem Wohlgefallen, aber außer Schußweite.
Bonifazius? Er tat, was er konnte; du mußt nicht zu scharf ins Gericht
gehen mit ihm. Man soll überhaupt die mythischen Tatsachen möglichst
unbesehen hinnehmen, sonst verlieren sie an Bedeutung, und den Schaden
haben wir davon. Etwas Poesie muß man sich zu erhalten suchen; sie
verschönt das Leben. Sonst wird der moderne Zeitlauf gar zu kahl und
das Volk zu materialistisch.«
Auf diesen unerwarteten Sermon hatte Linde nichts zu sagen, und sie
schwieg beinahe erschreckt unter einer erneuerten heftigen Aufwallung
ihres Mitleids. Er seinerseits horchte etwas ernüchtert seinen klugen
Ausführungen nach, und noch bevor ihm ihr Schweigen auffiel, kamen
sie ihm schon irgendwie dutzendmäßig und bubenhaft vor. Doch war er
gescheit genug, die Sache nicht durch erweiterte Erklärungen noch
schlimmer zu machen, und als er nachher sagte, daß ihm der Begriff
der lärmvollen großen Welt noch nie so aufgegangen sei wie hier an
diesem stillen Erdenfleck, während er an das Draußen denke, so hatte
er sogar eine gefühlte und gute Bemerkung gemacht, die ihr außerdem
zeigte, daß er durchaus nicht der stupide Esel war, als der er manchmal
zu erscheinen für nötig hielt. Als eine Art von Dank machte sie ihn
dann -- zum erstenmal und nicht ohne Scheu -- von seinen Kameraden im
Schützengraben reden und von seinen Obliegenheiten, vom Hergang eines
Sturmangriffs und manchen andern Dingen, von denen sie wirklich nur
ihm zuliebe Augenzeugenbericht empfing. Sie fürchtete sich von Herzen
dabei, obwohl er sehr zurückhielt und bestrebt war, sie zu schonen, und
zwar aus einem ritterlichen Verständnis für die natürliche Sorge der
liebenden Frau, den geliebten Mann in so traurigen und gefährlichen
Lebenslagen zu sehen. Was sie sonst noch sah, das war die liebende
Schnelligkeit, mit der sich ein Erdenkörper, in wenig Tagen ihren
frommen Mond ganz verfinsternd, zwischen sie und ihren Sternenhimmel
schob und Gewalt über sie bekam; während sie unruhvoll der Entfernung
von ihrem Heil beiwohnte, tröstete sie sich bald schwach und bald
stark an der schweren Süßigkeit, die in allem Schmerz der seelischen
Übermannung enthalten war, und die sie nachgerade doch beinahe mehr
förderte als leidend ertrug. Heinz konnte nun schon sein Verhalten
einrichten, wie er wollte, so diente es immer zur Schürung ihrer
ganz sterblichen Leidenschaft. Seine Schönheit entzückte und seine
Häßlichkeit verwundete sie, aber sie gehörte zu den seltsamen Menschen,
die an ihren Wunden stärker werden. Er, der weit weniger von seiner
Seele wußte, ahnte dies und jenes von der ihren, und während er sich
zu Zartheit und zu ungewohnten Rücksichten zwang, verstrickte er sich
tiefer in ihre verletzbaren Bedürfnisse, ließ sich halb willig und halb
widerstrebend von ihrem hohen Feinsinn reizen und verlor auf seiner
Seite immer mehr Position, während er auf der ihren alle gewann; er
bemerkte mit wahrer Zaghaftigkeit und einer ihm ganz neuen Furcht, wie
sie zusehends reif wurde.
Als bereits der Abendrauch aus den Kaminen der Stadt aufzusteigen
begann und die Glocken in den Dörfern den Feierabend einläuteten, der
mit erfülltem Frieden hinter den Wäldern dämmerte, sagte Linde ein
Wort, das Heinz sofort naheging und ihn beinahe bestürzte. »Morgen
kommt Besuch. Tante Klinger wird ein paar Wochen bei uns sein.« Sonst
nichts, aber die halbe Stimme und der sorgenvoll ins scheidende Licht
verlorene Blick sagten ihm alles, was er wissen mußte, und viel mehr,
als dem Rest seiner Ruhe dienlich war. Der Name Klinger bedeutete
Friedensstörung, Übellaune und Verdruß, das wußte er noch sehr gut,
nicht zu reden von dem kahlen Bildungs- und Literaturwesen, dem das
unglückliche Weib so sehr ergeben war, daß es auch seine Umgebung
unerbittlich in die ausgelaugte Stimmung wie in eine Krankheit tauchte.
Im ersten Gefühl nahm er Lindes Hand.
»Das ist ja jetzt nicht mehr zurückzutun«, sagte er dann tröstend.
»Man muß es hinnehmen wie ein Regenwetter. Viel Freude wird für uns
nicht dabei herausspringen. Sag mal, Linde, würdest du sie noch einmal
einladen, wenn du's heute zu tun hättest?«
Sie schüttelte stumm den Kopf, während ihr das stille einsame Herz
zu zittern begann und sie mit ihrer Sehnsucht plötzlich riesengroß
aus allen bisher gewohnten und erlaubten Maßen herauswuchs. Aber
bevor sie sich allein in eine Einsamkeit verlor, um auf einer höheren
Ebene vielleicht doch wieder ihrem strengen Gott zu begegnen, fühlte
sie sich menschlich von Armen ergriffen und an eine sterbliche Brust
heimgenommen, und empfand sie die dunkel bedrängte Wonne des ersten
Liebeskusses.
Wie sie dann doch nach Hause gekommen waren, das wußten sie nachher
jedenfalls in der Eile nicht zu sagen, und Bob konnte darüber auch
weiter nichts mitteilen. Bei Tisch glaubte man, sie hätten sich
gezankt, so scheu gingen sie im Licht und in der Gesellschaft andrer
Menschen aneinander vorbei, nicht aus Kälte, sondern aus schwer
verhaltenem Feuer der Zärtlichkeit zueinander. Einmal hatte sie auf
dem Heimweg eine Schafherde umwimmelt, und weil Bob begriff, daß ihn
jetzt niemand beachtete oder auf seine Wachsamkeit Anspruch machte, kam
er zur Abwechslung an den Schäferhunden vorüber, ohne eine Rauferei
anzufangen, wenn auch mit steifen Beinen und gesträubter Bürste. Dann
sprach ein Kind Linde an, weil seine Mutter es wieder so schlimm in
der Brust habe; sie streichelte ihm liebreich den Kopf, und die Frau
mußte sich heute sonstwie behelfen. Linde wußte nachher nicht einmal,
welches Kind es gewesen war, obwohl sie jeden Flachskopf in der Stadt
kannte und die dunklen auch. Sowenig sie sich auf dem Heimweg um Bob
gekümmert hatte, soviel machte sie sich bei Tisch mit ihm zu schaffen,
und er nahm alles in charaktervoller Munterkeit hin, was geboten wurde,
als Hund mit Familienanschluß längst an die Wandelbarkeit der Gestirne
gewöhnt. Indessen ließ sich Heinz willig, doch ohne Aufmerksamkeit,
obwohl er welche heuchelte, über die besonderen Reize der frühgotischen
Webereien unterrichten, die in der Tat auch nicht klein waren, aber er
wußte sich noch stärkere und zeitlich näherliegende.
Als man beinahe mit Essen fertig war, läutete es draußen. Nach einer
Weile erschien Brigitt und meldete wie einen Geldverlust die Frau
Professor Klinger, durch welche Anzeige sie einiges Aufsehen erregte.
Die Angemeldete folgte der Magd auf dem Fuß, schlank, vierzigjährig,
in einem eleganten Reisekostüm, über mittelgroß, ordentlich hübsch,
doch sehr kühl und gerade, obwohl wieder beinahe etwas Rührendes,
Mädchenhaftes an ihr war, und mit einem interessanten aber spähenden
und unverbindlichen Gesichtsausdruck, der es bewirkte, daß einfache
oder nicht verbildete Naturen unwillkürlich Stellung gegen sie
bezogen. Bob fuhr ihr sofort knurrend entgegen, und das galt sonst
als schlechtes Zeichen. So bemächtigte sich auch der engeren Familie
bei ihrem Anblick eine gewisse Betretenheit, weil man sie nicht von
der Bahn abgeholt hatte, und die Worte und das Lächeln, womit sie die
entsprechenden Entschuldigungen abwehrte, fuhren den Fehlbaren wie ein
Schnupfenfrost in die Glieder.
Die Sache stellte sich so heraus, daß Linde sie auf morgen erwartet und
der Dechant in derselben Meinung heute noch einen guten Tag genossen
hatte. Nun, der Genuß war kein Wahn gewesen, aber die Voraussetzung;
denn als Linde nachher den Brief der Tante herbeiholte, fand es sich,
daß sie richtig auf dies Datum und diesen Abend angesagt hatte, und
die Tante war nicht ganz im Unrecht, wenn sie leichthin meinte, der
Dechant hätte den Brief selber lesen können, zumal er sonst gegen
mündliche Überlieferungen so vorsichtig sei. Linde bat verwirrt und
mit wenig Hoffnung um Entschuldigung. Die Tante sagte ungerührt und
mit einer überlegen lächelnden Miene, als die Dame von Welt, die sie
war, man solle nun ein Verhältnis nicht gleich mit Entschuldigungen
und Verzeihungen beginnen; ein Fehler sei ein Fehler, man müsse sich
eben bemühen, wenn möglich, keinen mehr zu machen. So schob sie mit
wenig Worten, ohne sie zu berühren, die Schuldhaftigkeit und die
Verantwortung für die etwa kommenden Folgen den andern zurück, und
anstatt, daß ein früherer schlechter Eindruck durch einen neuen
angenehmen gutgemacht wurde, schien zur Betretenheit der Hausgemeinde
jener frisch bestätigt, ja Linde war auf einen Moment geradezu
erschüttert von der totenhaften Kälte, die aus dem Wesen dieser Frau
wehte, und von dem Egoismus und der Menschenverachtung, die neben aller
geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung ihre wenigen guten Züge
so mit abstoßenden und schreckenden vermischten, daß sie sie beinahe
zerstörten. Heinz freilich fühlte sich angenehm enttäuscht und fand die
Frau in Wirklichkeit nicht so unhold, wie sie ihm in Erinnerung stand,
aber er behielt diese Beobachtung für sich.