Erstes Kapitel

Ein halbfrommer Mann singt den Gregorianischen Lobgesang. Es wird

Besuch empfangen und noch eine Einladung erwogen

In einer schönen alten hessischen Kleinstadt steht ein ebensolcher

Dom, an dem ein Mann von bedeutenden Qualitäten als Dechant wirkt. Das

heißt, die Qualitäten fangen eben erst recht an, wie ein Sternnebel

zu atmen und zu leuchten; eine Zeitlang schien es, als sollten sie

sich in Liebhabereien so aufbrauchen und der Rest in die allgemeine

Luft verpuffen, und als sollte ein süddeutscher Christ und Katholik

nach nicht unernsten Jugendwegen sich so sachte ins weltbürgerliche

Wohlgefallen verlieren. Die Welt sah diesem Spiel mit Ruhe zu, aber

der Erzbischof hatte seine eigene Meinung darüber, und Gott hatte noch

eine eigenere. Aus der Entwicklung dieser und anderer Verhältnisse, von

denen sofort die Rede sein soll, entstand dann durch Herbst und Winter

ein Schicksal, das sich mit Nutzen erzählen lassen wird.

Als der Erzbischof den damaligen frommen, hoch- und tiefsinnigen

Pfarrer Klemenz Ekkard auf das Dechanat gestellt hatte, war es in der

Meinung geschehen, einen etwas ausgesetzten Posten mit einem lebendigen

und treuen Mann zu versehen, denn ringsum standen und drehten sich

auf den Türmen im Wind der Zeit die Hähne des Protestantismus um die

steilen, hohen Kreuze des Domes. Als dann der Dechant im zweiten

oder dritten Jahr als erste öffentlich sichtbare Amtshandlung

die Renovierung des Domes beim Erzbischof anregte und nach dessen

Zustimmung bei der Regierung forderte, lag die Notwendigkeit dazu mit

vielen Zerfallsmerkmalen deutlich vor, und widersprach die Unternehmung

in keiner Weise den Erwartungen, die sein hoher Vorgesetzter sich von

ihm machte, obwohl sie auch nichts Unmittelbares mit dem christlichen

Kernpunkt zu tun hatte, denn das Licht der Welt ist in einem Stall

aufgegangen, und in großen, herrlichen Gotteshäusern hat man schon viel

Verderbnis und Todesstarre gesehen. Inzwischen stellte es sich aber

heraus, daß die endlich nach jahrelangen Verhandlungen eingeleitete

Arbeit dem Dechanten mehr Stoff gab zu schönwissenschaftlichen,

als zu geistlich frommen Anregungen. Aus der männlich gottseligen

Entschiedenheit leiteten sich sachte gewisse Kunsttrödeleien ab. Der

hellsinnige Freund Gottes entwickelte sich zu einem Freund von hübschen

Altertümern; er wurde ein Truhen- und Bücherwurm, ein Schürzenjäger

nach alten Meßgewändern, ein blonder Maulwurf der zünftigen

Kunstgeschichte, der seinen gelehrten Rüssel bald überall ansetzte.

Wo die Hacke der Arbeiter aufschlug, da war er sofort mit seinen

Fingern dazwischen, um ein zugetünchtes oder vergrabenes Altertum

herauszuklauben, und bald ging überhaupt das ganze Baugeschäft mit der

begeisterten Mithilfe des Architekten nach seinem kunstgeschichtlichen

Interesse. Jeden Morgen sah man den ziemlich großen, ernsten Mann mit

sauberer Soutane in das Trümmerfeld kriechen, in das er die Stätte

der Andacht nach und nach verwandelt hatte, und mittags kroch er mit

schmutziger und mit den Lungen voll Mauerstaub wieder heraus, um sich

zuerst einigermaßen wieder zurechtzuschütteln und zu husten und dann

wie ein Maurergeselle zum Mittagessen zu gehen.

Die erste Person, mit der ihn dies neue Leben in Widerspruch brachte,

war weder Gott, der viel Zeit, noch der Erzbischof, der etwas

weniger hatte, sondern seine alte, treue Haushälterin. Das war ein

gottesfürchtiges und redliches Weib von einigen fünfzig Jahren, das

noch einen Zahn besaß, damit aber tüchtig zubiß, und ein braves,

unerschrockenes Herz, dem man zu Unrecht Härtigkeit nachredete,

sondern was so aussah, das war Notwehr. Im Haus eines Dechanten am Dom

einer nicht eben reichen Kleinstadt laufen die Möglichkeiten, Geld

auszugeben, wie Hühnerscharen die Treppen auf und ab, und wenn nicht

ein guter Haushund zum Rechten sieht, so kann der Dechant gegen das

Ende des Vierteljahres selber auf den Bettel gehen, wenn er nicht seine

Opferstöcke angreifen will. Eine gewisse geistliche Verwegenheit im

Ausgeben von Geld war aber außerdem ein Zug an ihrem Herrn, den sie

verehrte, und um dessentwillen sie ihn mit liebte -- er hatte für sie

noch andere, mit denen sie weniger zankte --; die liebende Verehrung

hörte bei ihr höchstens einmal auf, wo die großmütige Neigung den Gang

des Hauswesens in Gefahr brachte und zur vollkommenen Kassenöde führte,

was leider immer wieder vorkam. Obwohl er nun schweres Geld in seine

Privatliebhaberei steckte und sogar sein Kapital dafür angriff, und

obwohl er ihr beschmutzte Schuhe und zerrissene Soutanen genug ins Haus

brachte, setzte ihr Widerstand doch nicht auf der irdischen Linie ein,

sowenig ihr auch diese Dinge gefielen, sondern in ihren Augen hing sich

ihm, seitdem er den heiligen Ort zur Rumpelkammer gemacht hatte, je

länger, je sichtbarer ein Gespinst von Gotteslästerlichkeit an. Wenn er

gegen ihr Gemurre mehr oder weniger geduldig die Notwendigkeit und den

Zusammenhang der Maurerarbeiten ins Treffen zu führen suchte, so hatte

er den Schein der Wahrheit für sich, aber auch nur den Schein, und die

alte Person hieb keineswegs ins Blaue, wenn sie meinte, daß er darum

doch nicht das ganze Münster einzureißen brauche, außer wenn er ein

völlig neues bauen wolle, aber soviel sie wisse, sei eine Ausbesserung

im Werk, kein Neubau. Wenn er also die Gemeinde einen Sonntag wie den

andern im nachgelassenen Maurerstaub zwischen groben Gerüsten und

umgestürzten Altären auf dem bloßen Erdboden knien lasse -- denn auch

die Platten waren allenthalben aufgebrochen --, so müsse man doch

sagen, daß eine Kirche für den Gottesdienst da sei, und sie ihrerseits

pfeife ihm auf seinen gebildeten Architekten, der ihn nur noch mehr

verführe, und auch auf die alten Meßgewänder, die man unter den Platten

gefunden habe, Gott möge ihr die Sünde verzeihen. Ihr sei die Andacht

verdorben, und wenn sie während des Hochamts weltliche und zanksüchtige

Gedanken beschlichen, so trage er daran die Schuld.

Nun war er nicht der Mann, dergleichen Einsprüche auf die leichte

Achsel zu nehmen, und die Zweifel einer gläubigen Seele hatten ihm je

und je starken Eindruck gemacht. Aber hier handelte es sich nachgerade

um eine Leidenschaft. Wo er hinguckte, da sah er geschichtliche

Niederschläge und Kunst oder Unkunst, aber keine göttlichen Beziehungen

mehr, und kaum noch menschliche, wie dem Pilzsucher mit der Zeit

überall Pilze aufstoßen, schließlich kann er kein Stückchen Wald

oder magern Rasen sehen, ohne ihn auf Pfifferlinge und Champignons

einzuschätzen. Er hätte am liebsten auch den unendlichen Himmel

abgekratzt, um zu sehen, ob nicht Fresken darunter zum Vorschein

kamen. Sogar die Orgel hatte er abbrechen lassen, weil nach alten

Chroniken früher dort die Empore der Landgrafen oder Kurfürsten gewesen

sein sollte; wirklich fand er an den Wänden ein paar Malereien und

hinter dem Orgelkasten einen vergessenen oder verlorenen Hut aus dem

siebzehnten Jahrhundert, den die Motten schon halb aufgefressen hatten.

Indessen sang die Gemeinde zu einem kleinen, eingestaubten Harmonium

auch noch nicht übermäßig schön, und dazu blickte sie zu unbemalten

Nachbildungen aus Pappe auf, die an Stelle der entfernten Heiligen

überall aufgestellt und -gehängt waren.

In diesem stillen Haus lebte noch eine dritte Person, ein junges

Mädchen namens Linde, das seine Nichte war und der alten Brigitt,

lieber noch ihm selber zur Hand ging, aber nicht in seinem

antiquarischen Maulwurfstreiben, sondern in seinen mehr menschlichen

und seelsorgerlichen Angelegenheiten. Linde empfing seine Besuche,

besorgte ihm den laufenden Briefwechsel, soweit er nicht zu

vertrauliche Dinge betraf, und die Armen- und Krankenpflege stand

beinahe ganz auf ihren zwei schmalen Schultern. Sie trug die Last

mit vielem Ernst, mit natürlicher Liebe und einigen übernatürlichen

Kräften, da sie mit gleicher frommer Innigkeit zwischen den

Geheimnissen der Finsternis und den Holdseligkeiten des Lichtes stand.

Die Menschen fürchtete sie nicht, und vor ihrem Schmutz schreckte

sie nicht zurück, so rein sie in ihrem Teil lebte. Es gab also viele

Leute, die sie suchten, um sie auszunutzen, und wenige, die ihr

außer ihrem Elend etwas dafür zurückgaben, und dieses erwiderte sie

sofort durch Mitleid. Sie war hübsch, mittelgroß, sehr ziervoll,

blauäugig, braunhaarig und zart von Gesundheit. Auch sie fand in ihrem

gottesfürchtigen Herzen, daß es der Dechant mit seiner Kunstgräberei

etwas zu wild betreibe, aber gegen eine kirchliche Respektsperson, die

er ihr war, hätte sie nie gewagt, mit einem Wort oder einem Seufzer

zu verraten, wie sie an der zerstörten Kirche litt, und nach ihrem

Gefühl versündigte sich die alte Person mit ihren aufsässigen Reden.

Sie glaubte nicht, daß ein erwählter Diener Gottes auf die Dauer

etwas ganz Verkehrtes tun könne, und sah Gottes Ratschluß darin, daß

nach so langer Verborgenheit die schönen alten Meßgewänder, Bilder,

Kreuze, Bücher, Pokale und Monstranzen aus ihrem Schutt wieder

auferstanden, um vielleicht an dem frommen Werken der Längstvergangenen

die Gegenwärtigen zu ebensolchen zu entzünden. Mit solchen Gedanken

aber auch mit keinen andern, suchte sie den Oheim zu beruhigen, wenn

er sich einmal klagend über den Unverstand und die Bockbeinigkeit der

Gemeinde und Behörden gegen sie ausließ, und das war für ihn außer

dem verwandtschaftlichen, um nicht zu sagen väterlichen, noch ein

weiteres Verständnis, das ihn mit dem stillen, tiefgründigen Mädchen

und dessen fruchtbarem Wandel verband. Obwohl er im Lauf der stets

breiter ausgreifenden Arbeiten im Dom gelernt hatte, mit den Füchsen zu

bellen oder auch einmal allein kräftig anzuschlagen, um seinen Willen

durchzusetzen, so lag dies Treiben doch sehr wenig seiner geistigen

und im Grund freien Natur, und das Mädchen schätzte er vielleicht

am höchsten deshalb, weil es ihm jene Natur rein und ungekränkt zu

enthalten schien, sei es als Beruhigung, sei es als Versprechen auf

eine spätere Zeit, in welcher auch er dazu zurückkehren würde, und was

ihm immer wieder neben aller kindlichen Unfertigkeit an ihr Achtung

abgewann, das war, wenn nicht die Größe ihrer seelischen Richtung, so

doch die Möglichkeit zur Größe.

Ein großer Charakter ohne Wenn und Aber war jedoch der Hund, der noch

zum Haus gehörte, ein dunkelgrauer, lebhafter Boxer von ausgesucht

rassigen Körperformen und mit einer Vergangenheit, die allein so

viele Kapitel umfaßte wie die aller andern Hunde des Städtchens

zusammengenommen, weil die Unternehmung das Element seines Lebens war.

Jedoch das Fundament dazu gab eine unbestechliche Treue gegen seine

Herrschaft, ein angeborener Hochsinn, der sich durch seine Stellung als

Hund einer geistlichen Respektsperson und durch den nahen Umgang mit

dieser und der auch nicht sehr ungeistlichen der jungen Nichte noch

gesteigert hatte. Eine gewisse innere Erwecktheit war die Furcht seiner

besondern Anhänglichkeit an Linde. Als weitere Eigenschaften zeigte er

Stolz, Phantasie, Verstand, unermüdliche Aufmerksamkeit, aber nicht die

knechtische des Hofhundes, sondern sozusagen eine vergeistigte, die

auch auf andere Dinge achtete, als die mit dem Futter- und Besitzneid

des Hundes zu schaffen haben, und eine vollkommene Furchtlosigkeit.

Dazu kam noch eine immer frohgestimmte Angriffslust, die ihn zum

unabhängigen Beherrscher seines Reviers machte; sie hätte ihm viele

materielle Vorteile einbringen können, aber er bezweckte nichts mit

ihr, als immer wieder seine Überlegenheit festzustellen, und es war

noch nie vorgekommen, daß er einen Knochen von der Straße aufgenommen

hätte. Seinen ausdrucksvollen, ernsten Kopf zierten unzählige große und

kleine Narben und Bißwunden, und infolge eines Feldkampfes mit einem

Fuchs hatte er die Sehkraft des linken Auges verloren, das grau und den

Leuten etwas unheimlich in seiner Höhle stand, aber dafür blickte das

andere um so launiger und unternehmender in die Welt.

In diese Hausgemeinde fuhr eines Nachmittags unvermutet noch ein

fremder Geist herein, und zwar trug sich der Einzug folgendermaßen

zu. Es war im Herbst. Der Dechant saß zur Abwechslung einmal nicht

auf einem Schutthaufen und weissagte mit dem Architekten über alte

Pläne des Domes, sondern er stand im Geäst eines Birnbaums in seinem

Garten und pflückte Bergamotten. Er hatte einen Sack um die Schultern

gebunden, in den er immer mit der gefüllten Hand hinein- und mit

der leeren verlangend wieder herausfuhr. Dazu summte er leise und

versponnen die Melodie des alten Gregorianischen Lobgesangs vor sich

hin, wie es sich für einen frommen deutschen Menschen schickt, wenn er

in diesem strengen Kriegslauf einen gesegneten Obstbaum ansieht, der

mit seinen Früchten fürstlich am Licht steht. Der gegenwärtige sah nun

nicht bloß, sondern er hing als eine andere Frucht Gottes, aber eine

unreife, lose schwankend zwischen dem reifen Jahressegen und machte

unter allem stillen Einheimsen im Kopf den Überschlag, wieviel davon

nach der Stadt zu kriegsbedürftigen Verwandten und Freunden auf den

Weg gebracht werden müsse; es kam nicht wenig dabei heraus. Aber wenn

er von seinem Ast einen Umblick tat, so sah er in lauter fruchtschwere

Apfel- und Birnbäume hinein, die alle in seinem Garten standen, und

über hundert und tausend andere, die drunten in den Bürgergärten und

im Tal dem Flüßchen nach und gegen den Wald hinauf ihre Habe an der

Sonne gar kochten. Ab und zu schoß ihm ein Vogel wie ein Schatten an

der Nase vorbei oder sank ihm ein Räupchen an langem Faden sachte auf

den Ärmel, und wenn ihm eine Birne zu Boden fiel, so sagte er: »Dummes

Tier, was hast du nun davon? Eine Beule, und daß du zuerst gegessen

wirst; das ist nur weniger vornehm.« Wenn ein Korb voll war, so blies

er in eine Holzpfeife, und dann kamen seine Frauen und holten ihn. Die

Viertelstunden schwebten ihm verträumt wie Goldgespinst von den nahen

Türmen des Domes herab und woben ihn so ins Nachmittagslicht ein, als

sollte er nun ewig Birnen pflücken und den Gregorianischen Lobgesang

summen; nachher begann er ihn auch leise zu singen.

Plötzlich fuhr aber Bob den Gartenweg herab, sauste zweimal um

den Baum, ohne den Dechanten zu finden, begann suchend am Boden

zu schnüffeln, entdeckte plötzlich seinen Herrn im Gezweig, wo er

sonst nur Vögel sah, und fing, darüber aufgeregt, aus vollem Hals zu

jaulen an. Er machte sogar Versuche, die Leiter hinaufzuspringen,

weil er sich nichts anderes denken konnte, als daß der Dechant durch

einen Unglücksfall dort hinaufgekommen sei und sich entsprechend

übel befinde. Als er Linde denselben Gartenweg herkommen hörte,

rannte er ihr entgegen, um sie von dem außerordentlichen Mißstand

zu unterrichten. Sie schien auch wirklich selber erregt zu sein,

wenigstens lief sie schnurstracks zum Baum, um über und über rot

hinauf zu melden, daß ein Leutnant da sei, packte dann den halbvollen

Korb bei den Ohren und fuhr wie der Wind damit ab, ohne links und

rechts zu sehen. Ihr dunkelblonder Scheitel leuchtete golden und

klug den Gartenweg hinauf. Über ihre weiße Bluse spielten die

freundlichen Sonnenlichter des Herbstes. Indem ihre schlanke Figur

um eine Himbeerhecke verschwand, ging dem Dechanten ein Gedanke

durch den Kopf, den er schon oft gedacht hatte, wenn er sie irgendwo

unvermutet erblickte: »Nein, sie ist gar nicht mehr klein«, murmelte

er. »Manchmal möchte man sogar glauben, daß sie ordentlich unters Maß

gewachsen sei. Man muß sie einmal an den Türpfosten stellen.« Etwas

betrübt wegen der Störung kletterte er mit dem Sack über der Schulter

Tritt für Tritt die Leiter hinab, erinnerte sich drunten, daß Linde

den Korb weggeschleppt hatte, ohne einen andern dafür herzusetzen,

und verfolgte kopfschüttelnd ihren Weg dem Haus zu. Bob gab durch

einige ungestüme Bewegungen schnell zu verstehen, wie er sich freue,

seinen Herrn wieder in normalen Umständen zu sehen, und flog davon,

Linde nach; er machte einen Buckel vor Eifer und feuerte mit den

Hinterbeinen breit rückwärts heraus, daß der Kies flog. Aber schon kam

er in langgestrecktem Galopp zurück und hinter ihm her Linde mit dem

leeren Korb. »Gib nur her«, sagte sie betriebsam. »Daß der Leutnant

nicht warten muß. Und bürste dich vorher ein bißchen ab. Vergiß das

nicht.« Der Dechant wollte noch etwas über den Krieger fragen, aber

Linde schob ihn mit den Worten: »Er ist naseweis und hat ein kurzes

Gedächtnis!« beinahe zornig den Gartenweg hinauf, und der Dechant ging

leise schmunzelnd vollends dem Haus zu. »Sie ist auch nicht anders als

die übrigen Evastöchter, gottlob!« dachte er vergnügt. Aber bevor er

den Leutnant näher ansah, trat er in sein Schlafkabinett, um gehorsam

einiges Spinngeweb von seiner Soutane zu bürsten.

Als er dann dem fremden Militär gegenüberstand, fand er gar keine

besondere Erscheinung in ihm, sondern nur seinen von früher her

wohlbekannten Neffen Heinz, den er freilich viele Jahre nicht mehr

gesehen hatte; seit seinem letzten Bubenbesuch war das Flüßchen etwa

achtmal zugefroren, ungerechnet die beiden warmen Winter, in denen

es zu keinem Eis gelangt hatte. Inzwischen war der junge Mann durch

verschiedene Lehren gelaufen, auch in Amerika gewesen, hatte schon

einen ordentlichen Vertrauensposten versehen und war nach dem Ausbruch

des Krieges als Heizer im Kohlenraum eines holländischen Schiffes

nach Deutschland zurückgekehrt, um als Reserveoffizier seinen Mann

zu stellen. Diese Absicht hatte er bereits so weit verwirklicht, daß

seine Brust beide Eiserne Kreuze und noch dazu zwei landesfürstliche

Auszeichnungen schmückten, und daß er in seinem Regiment als eine

»große Kanone« galt.

»Nun sieh mal an«, rief der Dechant dem gesunden und frischen Offizier

erfreut entgegen. »An dich habe ich gerade heute gedacht. Grüß Gott,

Heinz. Haben dich denn die Engländer wirklich am Leben gelassen? Daran

taten sie unklug, was ihr Interesse angeht, obwohl ich's sehr zu loben

weiß. Es scheint auch auf die Linde einen gewissen Eindruck zu machen.

Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß das Mädel ohne Kopf im

Garten herumschießt; es ist sonst das kapitalfesteste und kaltblütigste

Frauenzimmer, was das Mannsvolk angeht. Setz' dich, lieber Junge. Wirst

du ein paar Tage bei uns wohnen? Hoffentlich recht viele!«

»Na, wollen mal sehen, wie mir das Klima bekommt«, lachte der Krieger.

»Aber wer ist denn die Linde, wenn man in einem so frommen Haus nach

dergleichen fragen darf?«

»Nun, eins von euch scheint sich sehr verändert zu haben«, wunderte

sich der Dechant. »Aber sie sagte schon, du habest ein kurzes

Gedächtnis. Kennst du wirklich das kleine Mädchen nicht wieder, mit

dem du vor zehn Jahren hier in den Himbeerbüschen gehaust hast? Gott

erbarme sich, wie hat sich die Brigitt über euch erbost! Und wie kam

ihr nachher das Haus leer vor!«

»Wahrhaftig, sie erinnerte mich doch an sie«, wunderte sich nun auch

der Soldat. »Aber damals war sie strohblond und pumpelrund und hieß

Marie.«

»Ja, diese Veränderung ihres äußern Menschen ist auch eins von ihren

Geheimnissen«, nickte der Dechant ernsthaft bestätigend. »Was den Namen

angeht, so schrieb mir kurz nach eurem Besuch ihre Mutter, daß sie

ihn aus eigener Machtvollkommenheit geändert habe. Eines Tages sei sie

mit dunklen Augen aus dem Garten gekommen und habe erklärt, die Linde

sei ein sehr schöner und heiliger Baum, und sie wolle Linde heißen.

Nun sagte man ihr, die Mutter Gottes sei eine noch viel schönere und

heiligere Frau; warum sie denn nicht mehr Marie heißen wolle? Worauf

die merkwürdige Antwort kommt, Tante Klinger, ihre Patin, sei keine

schöne und keine heilige Frau und heiße auch Marie. Und dabei bleibt

sie. Auf den Vorhalt, Tante Marie werde sich beleidigt fühlen, schweigt

sie hinterhältig. Wirklich waren die beiden auch keine besonderen

Freunde; nun, das weißt du wohl selber, du hast der Linde bei manchem

Indianerstück gegen sie geholfen, als ihr alle gleichzeitig hier das

Haus unsicher machtet. Eine Zeitlang nannte man sie scherzhaft Linde,

um sie zu necken, wie das so geht in einer Familie, und dann blieb der

Name an ihr hängen. Er ist ein bißchen heidnisch, aber gar nicht roh,

da hat sie schon recht, und die Linde war von früh auf der Schirmbaum

der Mutter Gottes. Nun, du wirst noch mehr Wunderlichkeiten bei ihr

finden, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«

»Besondere Geschäfte hat sie seither körperlich nicht gemacht«, meinte

Heinz zweifelnd. »Damals war sie handfester. Nicht, daß sie eben elend

aussähe, aber ein bißchen unsolid für irdische junge Männer. Hat sie's

denn an der Lunge?«

»Muß es ein Mensch gleich irgendwo haben, wenn er zarter registriert

ist?« spottete der Dechant. »Sie hat einen empfindlichen Magen wie alle

Ekkarde; das ist alles. Dem einen fehlt's mehr an körperlichen Organen,

dem andern an geistigen. Es kommt alles auf die geheimen Reserven

an. Ihr seid ja eine ziegenfräßige Gesellschaft, muß ich sagen. Ich

dachte, ihr würdet etwas bescheidener aus dem Krieg heimkommen, aber

hochfahrender seid ihr geworden. Nun, Gott mit euch, ihr Galgenvögel!«

»Aber ich habe ja nichts gegen das Mädchen einzuwenden!« lachte der

junge Mann. »Gut, ich sage nicht unsolid, sondern zierlich. Für uns

läuft's auf dasselbe hinaus. Woran sollen wir uns halten? Vielleicht

hat uns der Krieg verdorben. In Frankreich gibt's wirklich hübsche

Weiber. Die unsern wollen mehr von innen genommen sein; das ist

zeitraubend. Ich glaube ja nicht besonders an diese Innerlichkeit; das

soll ein Ersatz sein für das mangelnde Temperament. Nun, wenigstens hat

sie Grazie; das ist schon etwas. Ist sie denn noch frei?«

»Jedenfalls bist du's«, sagte der Dechant doppelsinnig. »Wenigstens

gibst du dich so.« Doch war zu hören, daß er ihm wohlwollte, und der

Ermahnte hörte es.

»Ich bin jetzt eigentlich gar nicht zu Frechheiten aufgelegt«, bemerkte

er beinahe nachdenklich. »Mir ist eher sentimental zumut, elegisch

wegen dem Wiedersehen mit der Heimat und so weiter. Denn von der Heimat

hab' ich noch wenig gesichtet seit Amerika; ich kam doch gleich aus

dem Schiffsbauch in den Schützengraben. Aber was die Linde angeht,

so ist es mir nicht sicher, daß du wirklich weißt, was hinter ihr

steckt. -- Ach, die Väteruhr. Sie hat immer noch ihr Ewigkeitspendel.

Dann die braven deutschen Birkenmöbel. Die blauen Sessel. Mehr Blumen

sind da als früher; das ist wohl die Hand des Mädchens? Die dicken

Mottenvorhänge hat gewiß auch sie abgeschafft und Mullgardinen dafür

aufgehängt. Eine Art von Übertragung des Ewigweiblichen nach außen.

Zudem stehen sie besser zu den Birkenmöbeln und sind sogar stilreiner.

-- Tja, ihr habt eure Atmosphäre. Bei uns stinkt's nach Pulver und

Gas; aber einen gewissen Stil kann man auch uns nicht abstreiten. --

Hm, also das Mädchen. Wie sie da hereinkommt und mich zuerst sieht,

macht sie doch eine Bewegung, als ob sie mir geradeswegs in die Arme

laufen will. Die Heimat, denke ich, denn mir ist doch alles Heimat

hier, was mir in die Arme läuft, oder wem ich in die Arme laufen

kann. Im übrigen bin ich ein heimatloser Gesell, an dem schon die

ganze Nation Vaterstelle vertreten muß. Sohn des Volkes. Auch gut.

Also sie erkennt mich sofort, ich sie nicht. Das merkt sie denn und

bekommt auf den Schlag ein anderes Gesicht, ganz junge Dame und

ungeheuer reserviert. Was der Herr Leutnant wünsche. Und dann läßt

sie mich mit aller Dummheit stehen, und mir ist doch so hinter ihr

her, als hätt' ich etwas Rechts verpaßt. Derweil ist's nur eben grade

meine gewesene Spielschwester. Zu komisch, was so aus den Leuten

wird, wenn sie auseinander wachsen. -- Sag' mal, hat sich jener alte

Druck wiedergefunden, das Hohelied Salomonis, das Büchelchen mit den

kurzweiligen Bildern, das auf einmal verschwand? Es gehörte ja auch

nicht gerade in ein so gottseliges Milieu. Hast du wieder etwas davon

gehört oder gesehen?«

»Nein, das hat sich nicht wiedergefunden.«

»Glaubst du noch, daß die Klingse es geklaut hat?«

»Du meinst die Tante Marie. Das ist eine dunkle Sache. -- Wir sprechen

eben von eurer Klingse«, wandte er sich ernsthaft gegen die wieder

eintretende Jungfrau, die mit dem Geschirr für den Nachmittagstee kam.

»Der Name enthält beinahe ein Programm, nämlich eins des Unbehagens. Es

ist eine bittere Frau; Gott mache sie süßer. Heinz bringt mich darauf,

daß ihr damals vielleicht Unrecht geschehen ist.«

Sie streifte die Gegend des Offiziers mit einem halben Blick, um dann

das Teegeschirr abzustellen.

»Vielleicht«, sagte sie leicht errötend. »Hat dir der Herr Leutnant

Anhaltspunkte gegeben?«

»Anhaltspunkte? Nein, eigentlich nicht. Es ist mehr eine Gefühlssache.«

»Dann mußt du deinem Gefühl nachgehen.«

»Nun, der Handel hat doch seine Tragweite«, meinte er bedenklich.

»Habe ich ohne klare Beweise ihr unrecht gegeben und soll nun wieder

ohne klare Beweise mir unrecht geben? Solche Dinge werden mit den

Jahren schwerer beweglich; vollends Gefühlen nachzugehen, wird man

fortgesetzt mißtrauischer.«

»Na, diese liebe Verwandte ist auch wirklich kein besonders

begeisternder Mensch«, warf Heinz lachend ein. »Seid froh, daß ihr sie

los seid. Ihr tut ja so, als ob ihr euch nach der Möglichkeit sehntet,

euch wieder einmal recht ausbündig zu ärgern und euch am Leben stören

zu lassen.«

Wenn Heinz mit der Bemerkung bezweckt hatte, Lindes Augen auf sich zu

ziehen, so erlebte er jetzt allerdings einen Erfolg, aber nicht in der

gewünschten Richtung. Sie wandte sich einigermaßen fragend nach ihm um

und dann mit bemerklicher Würde ihrem Oheim zu.

»Kannst du den Herrn nicht veranlassen, wenn er mit dir so gut bekannt

ist, sich auch mir vorzustellen?« erkundigte sie sich, vom Kopf bis zu

den Füßen eine einzige Verwunderung. »Vorher möchte ich mich nicht auf

ein so ernstes Thema mit ihm einlassen.«

»Donnerwetter!« sagte der Soldat verblüfft und erhob sich, um ihr eine

halb scherzhafte, halb verlegene Verbeugung zu machen. »Verzeihung,

Heinz Ekkart. Die junge Dame hat sich etwas unerwartet entwickelt,

darum erkannte ich sie nicht gleich wieder -- wenigstens nicht mit den

Augen, wenn auch das Gefühl sprach.«

»Dann mag's weitersprechen«, erwiderte sie, noch wenig besänftigt.

»Aber was die Tante Marie angeht, so weiß man entweder nichts

Besonderes und läßt die peinliche Sache auf sich beruhen, oder man weiß

und findet dann für seinen Anteil etwas warmherzigere Ausdrücke. Vor

dem Unfrieden der Tante Marie habe ich keine Angst, aber schwerer weiß

ich mich mit wirklichem Unrecht abzufinden. Lieber Onkel, ich glaube,

wir sind uns allen nun etwas Großmut schuldig und müssen Tante Marie

bitten, uns auf ein paar Wochen zu besuchen.«

Dabei blieb sie, und keine Einrede, auch nicht des nun völlig

verdutzten Leutnants, brachte sie davon ab. Der Dechant suchte sich

noch eine Weile zu entziehen, denn wenn Linde behauptete, keine Angst

zu haben vor dem Unfrieden der Tante Marie, so hatte er um so mehr;

die zehn Jahre, in denen er seine Schwägerin nicht mehr gesehen hatte,

dünkten ihn besonders friedlich und ungestört. Aber über diese Sache

gab Linde noch eine besondere Ansicht ab.

»Wenn ich einen wirklich schlimmen Verwandten hätte, einen Verbrecher

zum Beispiel, so müßte ich auch meinen Verwandtenanteil an seinem

Verbrechen tragen. Hier handelt es sich, wie du selber sagst, um eine

Unglückliche; darf man sich von einem Unglück ausschließen?«

»Das Unglück ist nicht direkt mit uns verwandt«, wendete der Dechant

ein. »Es ist angeheiratet.«

»Da muß es doch irgendwie verwandt sein, wenn es ein Verwandter von uns

geheiratet hat, sonst hätte er es eben nicht geheiratet.«

»Es ist ja gar nicht gesagt«, versuchte sich der Leutnant wieder, »daß

ihr etwas daran liegt, euch wiederzusehen. Diese Dummheit hat sie

sicher längst vergessen. Vielleicht ist es ihr gerade so wohl bei der

Trennung wie euch.«

»Mir ist nicht wohl dabei«, sagte Linde streng und sichtlich verstimmt.

»Ich kann mich auch nicht erinnern, daß es damals auf Dummheiten

abgesehen gewesen wäre, wenigstens konnte ich es die ganze Zeit nicht

so auffassen. -- Will sie aber nicht kommen, so haben wir wenigstens

das unsrige getan.«

»Verzeihung, aber das sieht doch verflucht nach Selbstkasteiung aus«,

platzte der Soldat nun heraus. »Das läßt sich ja alles brieflich

erledigen. ›Liebe Tante, Dir ist Unrecht geschehen. Wir haben's heute

miteinander ausgeknobelt. Willst Du's in der Zeitung lesen, so setzen

wir's hinein. Wie immer Deine und so weiter.‹ Aber im übrigen kann ich

euch vor dieser Frau nur warnen; das ist keine Gesellschaft für euch.«

»Aber du bist eine Gesellschaft für uns?« fragte Linde mit

aufblitzenden Augen und nun ein wenig lachend. »Du kannst nur einen

guten Einfluß ausüben, keinen beunruhigenden und aufstörenden. Nun,

auch das muß sich weisen.«

»Wieviel Zeit willst du mir dazu bewilligen?«

»Keinen Tag länger, als bis wir darüber ins klare gekommen sind.«

»Dann will ich mich nur mit meinen Erklärungen vorsehen«, meinte er

doppelsinnig. »Angenehme Bekanntschaften, besonders weibliche, soll man

nicht durch solche Demonstrationen abkürzen.«

»Ich glaube kaum, daß du dir das Leben durch sie schon sehr verbittert

hast; wenigstens siehst du nicht so aus.«

»Nun, du siehst auch nicht aus, als ob du deine Rechnung sehr darauf

gesetzt hättest«, wandte er den Spott in einen Lobspruch. »Wenigstens

ist mir noch kein Mädchen vorgekommen, das es so gut ohne den Mann zu

machen weiß.«

»Du weißt viel«, spottete sie errötend. »Ist erst fünf Minuten im Haus

und hat schon alles weg.«

»Nun also, da habt ihr ja wieder Bekanntschaft gemacht«, schloß der

Dechant diese Auseinandersetzung. »Was dann die Tante Marie angebt,

so will ich dir die Angelegenheit in die Hände legen. Ladest du sie

ein, so will ich mich darein schicken. Wenn nicht, dann ist's nicht

nötig, und ich kann beruhigt sein. Und jetzt will ich eine ordentliche

Begrüßung unter dem jungen Volk sehen. Der Mann kommt aus dem Feld und

hat Ansprüche zu machen.«

Das war nicht ganz gegen Lindes Meinung gesprochen. »Wir werden ihm

nichts schuldig bleiben, was ihm zusteht«, sagte sie nun freundlich

lächelnd und ging ihm mit dargebotener Hand entgegen. »Ich hatte mich

viel um dich geängstigt und bin froh, daß du heil dastehst. Du selber,

nicht?« fügte sie scherzhaft hinzu, um eine Verlegenheit zu verbergen.

»Ich kann mir's vorstellen. Was werdet ihr so über uns Schwätzer und

ofenwarmes Stubenvolk denken? Man sollte uns wirklich so lange den Mund

zubinden, denn was Gescheites kommt doch nicht heraus. Wie ist's dir

jetzt, da du das Ganze so weit hinter dir hast?«

»Gar nicht besonders«, kopfschüttelte er. »Wie soll mir sein? Ich

bin doch im Schützengraben jetzt heimischer als in der Heimat. Hier

kenne ich mich schwer aus. Wenn ich so sehe, wie hier eine friedliche

Menschheit sich weiter dem kleinen Handel und Wandel nachtreibt,

so ist's mir direkt, als ob ich in den Traum eines andern Menschen

hineinguckte. Ich will ja nichts gegen den Frieden sagen, aber ich

verstehe nicht mehr, wie ich früher gelebt habe, ohne vor Langeweile

einfach einzugehen. Seht doch unsre Kerls an, was die für Farbe und

Wucht bekommen haben. Weltgeschichtliche Haltung haben sie. Das gibt's

im Frieden nicht. Jetzt bin ich schon vier Tage schlafen gegangen,

ohne wenigstens einen Engländer hinter der Schießscharte weggeblasen

zu haben. Das kann man nämlich genau kontrollieren. Wenn man abdrückt,

und es fliegen gleich darauf zwei Hände in die Höhe, so weiß man

Bescheid. Geradezu komisch ist das manchmal. Wie in der Schießbude.

Ich hab' ja sonst mit dem Gewehr nichts zu tun, aber man will doch

eine Unterhaltung haben, wenn nicht was Besonderes los ist. Diese

Englishmen liebe ich geradezu; sie sind so kolossal zuverlässig.

Sich nun vorzustellen, daß eines Tages der Friede ausbricht und

die ganzen interessanten Beziehungen plötzlich aufhören sollen --

lächerlich. Wirklich lächerlich. Manchmal ist's geradezu eine Panik.

Na, vorläufig sind wir ja noch für 'ne Weile sicher. Tja, Mariechen,

so ist das Leben. Auf welcher Seite der Hund in den Dreck fliegt, auf

der wird er schmutzig. Zu schnurrige Leutchen seid ihr da in eurem

Biedermeierzimmer aus Birke und mit den alten Großmuttertassen und

-kännchen, dem ernsthaften Familiensofa und den Bildern von längst

verstorbenen Verwandten an den Wänden. Na, immerhin will ich dafür

sorgen, daß ihr beizeiten auch eins von mir bekommt; es muß sich da

nicht übel hängen. Und so rahmt uns, wenn wir tot sind, und verwöhnt

uns, derweil wir leben. Seid recht nett zu uns, besonders ihr Mädchen,

so nett ihr könnt sogar, nämlich solang ihr uns habt. Wollen sehen,

Kusinchen, was du in dieser Richtung leisten kannst.«

Linde hatte diesen kriegerischen Ausführungen mit erst vergrößerten und

dann vertieften Augen zugehört, und nach und nach war ihr eine Röte der

Anteilnahme oder der Erregung in die Wangen gestiegen. Denn indem sie

diesen hübschen jungen Menschen mit den roten Lippen und den blauen,

kühnen Westfalenaugen betrachtete, wußte sie nicht, was bei ihm größer

war, seine Grausamkeit oder seine Unschuld, sein Selbstbewußtsein oder

die einfache Bescheidenheit, mit der er in einer einmal gestellten

Aufgabe aufging, und wenn sie noch so dumpf oder fürchterlich war.

Indem sie ihn dann inmitten einer Welt von Leid und Jammer interessiert

und munter tätig an seinem Schießstand erblickte, seiner Mutter, seiner

Kindheit und seiner eigenen Sterblichkeit vergessend, so überkam sie

ein so heißes Mitleid mit seiner lebendigen Seele, daß sie ihm nicht

anders antworten konnte, als mit ergriffenem Gefühl:

»Du armer, armer Mensch!«

Seine Verblüffung über diesen Eindruck war ziemlich groß. Sonst war er

gewöhnt, daß ihn die Mädchen bei solchen Reden bewundernd und in allem

Grausen vor seiner hartherzigen Kriegerbrust gerade nach dieser als

nach einem verläßlichen Fels verlangend ansahen, und daß er dann nur

seine Wahl zu treffen und keine andere Sorge zu haben brauchte, als

daß er nicht neben die Rechte griff. Er hätte es auch noch verstanden,

wenn Linde eine Lebensbetrachtung wie die geäußerte schroff abgewiesen

oder verspottet hätte, ohne darum von seiner Selbstbewunderung etwas

aufgeben zu müssen. Aber daß etwas Bedauernswertes an ihm sei, das war

ihm bisher weder von jemand gesagt worden, noch vollends von selber

eingefallen. Ganz verdutzt von dem Wort machte er: »Nanu? Wieso denn?«

und schlug eine verlegene Lache auf, da aber niemand mitlachte, Linde

auch offenbar zu weitern Auskünften nicht bereit war, so gab er's

achselzuckend auf.

»Ihr seid wohl immer noch die alte seltsame Gesellschaft!« meinte er

gutgelaunt. »Also gut, bedaure mich; es soll mir auch recht sein. Warum

hast du mich eigentlich noch nicht gefragt, weshalb ich keinen Degen

trage, sondern ein gewöhnliches Seitengewehr? Das wollen sonst alle

Mädchen wissen. Den Degen braucht man nämlich im Schützengrabenkrieg

nicht. Er kommt einem höchstens zwischen die Beine und macht einen

stürzen, oder er verrät einen bei den gegnerischen Schützen, die auf

Offiziere besonders erpicht sind. Und dann ist das Seitengewehr eine

ganz gute Handwaffe, nicht zu verachten. Hat mir schon einigemal

gute Dienste geleistet. Sonst« -- er sagte es mit einem einfachen

und liebenswürdigen Lächeln -- »sonst säßen wir hier nicht so hübsch

beisammen.«

Dem Dechanten wurden die Augen trübe. »Du stehst etwas tief im Blut,

mein Junge!« sagte er ernst. »Ich weiß nicht, ob die Heimat so viel von

dir verlangt.«

»Was denn? Krieg ist Krieg. Was soll die Heimat verlangen? Ich

vergesse meinen Ersten meiner Lebtage nicht. Es war ein netter junger

Englishman. Höchstens neunzehn Jahre. Er sah mich mit ganz großen,

erstaunten Augen an, ein bißchen vorwurfsvoll und traurig. Ein paar

Tage lief's mir doch nach. Das zweitemal sah ich nicht lange hin; das

ist viel besser. Und dann -- heute dir, morgen mir. Da hilft schon

nichts.«

»Die Liebe würde helfen. Aber wer hört heute darauf? Obwohl keiner im

Grund seines Herzens nach etwas anderem verlangt. Kannst du während

solcher -- Vorgänge oder gleich nachher an Jesus Christus denken?«

»Na, dazu ist er wohl auch nicht da!« meinte der Soldat verdutzt.

»Daran denkt wahrscheinlich immer nur der, den's trifft. Und da es

nacheinander alle trifft, wenn's nur lang genug dauert, so -- tja, das

ist noch eine Vorstellung. Thema für eine Predigt, lieber Onkel. Aha,

da kommt die Brigitt mit dem Kaffee. Grüß Gott, alte Dame. Obwohl sie

kein bißchen älter geworden ist die Jahre durch, das muß wahr sein.

Nicht einmal den Rücken beugt sie tiefer. Schade, daß nun so was keinen

Jungen dastehen hat. Das kommt von der übergroßen Keuschheit. Man

sollte alles mit Maß treiben, meinst du nicht auch, Brigitt?«

»Du übertreibst die Keuschheit jedenfalls nicht«, erwiderte die alte

Person halb erbost, halb lachend. »Die Mäuler, die die jungen Herren

aus dem Krieg heimbringen, sind schlimm genug, aber sie sind immer noch

nicht das Schlimmste an ihnen. Gott bessere sie zeitig, sonst wird's

bald zu spät sein.«

»Amen!« sagte Heinz. »Aber du mußt zugeben, daß manchmal auch ganz

brave Dinge von uns verrichtet werden. Nicht?«

»Wenn ihr nachher im Frieden halb so große Kerle seid, so will ich

euch loben«, meinte sie vorsichtig. »Ich habe gefunden, daß manchmal

mehr Mut dazu gehört, seinen Gott zu bekennen, als einen auf Kommando

totzuschlagen. Warst du verwundet? Nein? So wird's Zeit dazu, daß du

endlich wieder zum Denken kommst. Siehst gut aus. Na, Gott mit dir.«

Mit diesen Worten ließ sie ihn und ging aus der Tür, geradeso gemessen,

aufrecht und gesammelt, wie es einer alten Frau in ihrer Stellung

und mit ihren Lebensgewohnheiten zukam. Übrigens trug sie ein blaues

Waschkleid von hessischem Leinen, das ihren tüchtigen Rücken fest

umspannte, aber weit um die Hüften und Beine fiel, und starke schwarze

Lederpantoffeln, mit denen sie bei jedem Schritt den Rocksaum hinten

etwas in die Höhe stieß. Diese erlaubte sie sich seit etwa zwei Jahren,

weil ihre alten Füße hohe Schuhe nicht mehr gut vertrugen; in der

Kirche mußten sie's freilich dennoch.

Übrigens war Bob mit dem jungen Mädchen ins Zimmer gekommen, hatte den

Soldaten berochen und mit einem Blick auf Linde mitgeteilt, daß man

ihn anerkennen könne, und darauf seinen Platz auf dem Fensterbrett

aufgesucht, um von dort aus den Zuzug oder Durchgang fremder Hunde

auf dem Domplatz zu bewachen. Jetzt rief ihn Brigitt, um mit ihm

auszugehen. Er wedelte einen kurzen Abschied und fuhr aus der Tür.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 3 / 33 题