Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!«

»Ja wohl!«

»Und es giebt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben Ton

verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte.

Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr unangenehm.

Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich mißbilligend

und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem andern zu.

Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen Vaters, der

streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von Euch hat Recht --

gewissermaßen Jedes!«

»O,« wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es

trifft sich wohl -- -- ja, wenn man die bezüglichen Standpunkte ins

Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. Was meinen Sie?« Er wartete

die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: »Aber, wir müssen ja fort ...

Auch Sie haben bereits die Ouverture versäumt, was freilich nicht für

ein Unglück gilt, im Burgtheater ... Es ist doch heut' Ihr Logentag?«

»Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man giebt ein

Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide,« Marianne

nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.«

»Wir sind bereit! o mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich

sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und

dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur

Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er

fand die Zeichnung, »Wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und

erst die Farben!« er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut

harmonirten -- nicht einmal auf einem englischen Plaid -- wie dieses

Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem

Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe

alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann

er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen,

die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die

bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch

seine Finger, und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen,

bis Marianne endlich ungeduldig ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens,

lassen Sie mein Handwerkszeug in Ruhe.«

Er gehorchte resignirt, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist,

in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen

Zügel zu fühlen, so bald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine

Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul

und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben.

Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen

Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit

bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den

reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht

nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den

Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu

denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr

als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt.

Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das Klavier,

beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks.

»O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! -- Du bist der Frieden,

-- wer kann dir grollen? Du bist der Sieg, -- wer kann dir widerstehen?

Nur kurzsichtige Thorheit frägt, ob in der schönen Hülle eine schöne

Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele sie schön

belebt. ~Eins~ sind Form und Wesen; sie sind es im Kunstwerk, das

hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke

der Schöpfung? ...

Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob die

ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an.

-- »Sie hören nicht zu -- mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder hätte

ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik nicht

immer.«

Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie langsam

niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt hatte,

senkte sich.

»Thekla,« sprach Sonnberg, »mir gefällt Alles, ich liebe Alles, was Sie

thun. Wissen Sie das noch nicht?«

Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr Gesicht,

und sie entgegnete schalkhaft, übermüthig: »Gefällt Ihnen auch Alles,

was ich sage?«

Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte

endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin

Thekla.«

»Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt -- »und wohin?«

»Auf das Land, zu meinen Eltern.«

»Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?«

»Nein. Ich will sie überraschen.«

»Ah -- Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Ueberraschungen ...

So ist das!«

Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, ohne Zusammenhang.

»So ist das!« wiederholte sie gedehnt: »Ihre Eltern können wohl nicht

leben ohne Sie?«

»Daß sie es können, beweisen sie, denn -- sie leben.«

»Dann also!« -- Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden

Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes

spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem

Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern

... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! zum ersten Male war es nicht

Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht

blickte, sondern die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust

an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem

Stärkeren -- dem Manne.

Ei, dachte sie -- du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du

unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ...

Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und drückte

ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, der sie

liebte.

»Bleiben Sie bei uns,« sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen und

fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit

hinzu: »Bei mir!«

Sein Blick glitt über ihr demüthig gesenktes Haupt, über den jungen,

schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze, vor ihn

hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener

Liebe durchzitterten ihn. Sein Herz pochte wie ein Hammer in

seiner Brust, er richtete sich auf ... Ein ungeübter Trinker, dem der

Wein zu Kopfe steigt, der mit Entsetzen seine Herrschaft über sich

selbst schwinden fühlt, ruft sich nicht eindringlicher zu: Nimm dich

zusammen, wägt seine Worte nicht sorgfältiger, als Paul es that, und

als er sprach: »Ich bin heute hart gemahnt worden an eine versäumte

Pflicht.«

Hart gemahnt? dachte Thekla -- das wagt Jemand, das lässest du dir

gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? -- »Sind denn Ihre Eltern so

anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und

sah ihm gerade ins Gesicht.

»Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr

bedauernswerthe, alte, einsame Leute. -- Haben Sie schon einmal darüber

nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen,

liebe -- liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg

die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte.

»Gewiß,« sprach sie, »ganz gewiß.«

Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande

führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er

sprach Alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und so lange er

lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken gehabt.

»Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen,« schloß er bewegt. »Sie

ist es, die mich zu Euch schickt, will ich sagen, die mich drängte,

Euch endlich in Eurer Verlassenheit aufzusuchen. Sie werden dafür

geliebt und gesegnet werden, Thekla, und wie wird mich das beglücken!«

Während er sprach, hatte ihre Hand wie todt in der seinen gelegen.

Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem

Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem

Knie, und dieweil er dachte: »O, nur jetzt den Anklang einer weichen

Empfindung, nur einen einzigen, leisen Herzenslaut!« -- sagte sie:

»Ihre Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es

noch länger thun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich --

versprechen Sie ihnen zu kommen.«

Paul athmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche mich

nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine Eltern

denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst wünsche sie

wiederzusehen -- ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und fragte

plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?«

»Nein! ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen ...

Abreisen -- welch ein Einfall! was treibt Sie denn fort?«

»Ich meinte es Ihnen auseinander gesetzt zu haben ... Mein Gott, wozu

rede ich?!«

»Und -- ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ...

Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, zu

ihren Gunsten aus. Giebt er schon nach oder ist es ihm gar nicht

Ernst gewesen mit seinem Reiseplan? Er will vielleicht nur gebeten

werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr enttäuscht, wenn Thekla keinen

Widerstand leistete. Und zum Widerstand ist sie ja entschlossen! ...

Es ist freilich ein wenig mühsam das Alles, und der gute Graf etwas

schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten werden sich geben, »wenn Ihr nur

erst verheirathet seid,« meint Mama. Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man

eben nicht so leicht, wie man etwa -- Gräfin Eberstein würde.

Thekla begann eine lebhafte Beredtsamkeit zu entfalten. Sie führte ihr

ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, von anmuthiger

Würde und wehmüthigem Scherze in das Treffen; sie war geistreich und

reizend und drohte schließlich auf das unwiderstehlichste mit ihrem

Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, gespannt; er sah ihr in die

Augen, auf die lieblich gekräuselten Lippen; er schien auf etwas

zu warten, auf etwas, das nicht kam, und seine Miene wurde immer

kälter, immer strenger. Warum? warum dieses steinerne Lächeln, dieser

mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die kluge Rednerin? Was wollte

er eigentlich hören, was verlangte er von ihr? Sie errieth es nicht,

noch immer nicht! -- und jetzt war sie zu Ende, jetzt wußte sie nichts

mehr.

Er aber schien sich grausam an ihrer Rathlosigkeit zu weiden, und

sagte, sie scharf fixirend: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie machen mich

übermüthig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen

können, acht Tage lang von mir getrennt zu sein. Welche Schwäche,

Gräfin, welche Sentimentalität!«

Beim Himmel! wenn er jemals gewünscht hatte sie zu erzürnen, jetzt ward

ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine

beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen

Sie!«

Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten und von

Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit Entzücken zu

-- wie sie aber auch spielt! glockenrein, und immer im Takt, das muß

man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne -- spricht ... und er,

er brennt! er brennt! er gäbe Funken, glaube ich, wenn man ihn anrühren

würde, wie eine Elektrisirmaschine ...«

Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie

ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen

Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: ›Gieb uns deinen Segen!

--‹ was würden Sie thun?«

»Ich würde ihn unbedenklich geben,« entgegnete Marianne.

»O Himmel! ... o herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich bei

einem Haar auf seine Kniee niedergelassen. Da schlug Theklas laut

gesprochenes »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens

das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen -- ach, in nichts

weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten,

die Schicksalsgeliebten, die für einander Geschaffenen, beide in

großer Erregung, die Köpfe hoch, mit finsteren Stirnen, Eines den Blick

des Anderen vermeidend, und: »Was giebt es denn?« fragte Klemens in

scherzendem Tone, eigentlich aber sehr beunruhigt.

»Der Graf verläßt uns, wünschen Sie ihm eine glückliche Reise,«

erwiderte Thekla halb abgewandt, und machte sich an dem Tische zu thun,

auf welchem der Kammerdiener soeben das Theezeug ordnete.

»Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch nicht,

als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? lächerlich!« der Fürst

war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte, aber Marianne

fiel ihm ins Wort.

Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte:

»Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen,

aber wir sagen doch, Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu

vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung

auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren

monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause

auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen, und das

ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns

zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine

Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger:

»Sie werden es mir ehrlich erzählen. -- Ich wiederhole: Es thut uns

sehr leid, daß Sie uns verlassen, aber wir billigen es von ganzem

Herzen. Nicht wahr, Thekla?«

Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß

darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin konnte,

ein halb verlegenes, halb agressives Räuspern vernehmen zu lassen und

zu denken: »Nun -- was heißt denn das?«

Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde

heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den

fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und

war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum

Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten

Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren

empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen

Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen.

»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße

angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! ...

Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen

und sagen: Sie kennen mich jetzt -- mein Herz -- -- meinen Charakter --

und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... _et

cetera_! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Noth eines

provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im Reinen.«

»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: Wir heirathen uns,«

sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein

Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden

Ausdruck beseelt erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil

sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ...

ja verliebt. -- Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.«

Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann

plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal behauptet,

daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert.

Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler

des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren.

Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren,

der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem

Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht;

es ist eine Tollheit, daß ich bestehe -- aber ich bestehe doch! ich

leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch‹!«

»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! --

die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber

ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber!

Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege

der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über

unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht

hergestellt.«

Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, da sie

am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg

eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich

den Weg nach dem Klub ein.

* * * * *

In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf

schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen

Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des

nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! -- Rauh

weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem

weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige

Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die

nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit

Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln

ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von

breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch

gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen

herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den

Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker als der

Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, -- keine

Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine

Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche die Straße führt,

gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer

erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich an einander, als

bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der

Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit

gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur

selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das

Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des

schwimmkundigen Federviehs.

Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Cigarre

von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der

über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb.

Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch

zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der

Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit

einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im

Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen,

den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich

freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar.

Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine

und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende

Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache

Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg gegen

Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne

andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander

zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der

untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig

eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches

Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber

im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und

Thürmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der

Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte

Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen.

Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn er

an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah,

und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm

lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm

entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt

überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen

heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße

weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und

den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte.

Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit,

mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine

Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte.

Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul

pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden

Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens,

er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig;

einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte

Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei-

und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im

Schutte deutlich verriethen.

Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm

Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges

Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die

kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus

Christus!«

»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul.

Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den

frevelhaften Spaß versteh' ich nicht.

Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil

des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer

Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über

kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch

andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich

Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie

herausfordert.

Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von

Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker,

großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine

zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen.

Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war

die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben.

Hier hatte er sie gefunden, als er -- einmal schwach in seinem Leben!

-- den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt

und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit

mir wagen, Marie?«

Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und

Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!«

Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet

worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und

heftig rief er: »Warum? sage -- warum?«

Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie

sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen

zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst,

und -- weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.«

Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den

ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's!

Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen.

Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im

Weiterschreiten: »Arme Marie!«

Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem

Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im

Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar

Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von

Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde

die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit

durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange

getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem

Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem

Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand

geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges

Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen

bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ...

»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen.

-- Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes,

über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos

streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte die alte

Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte

Pauls Schulter mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter:

»So, so -- laß ihn -- er liebt das nicht -- es ist genug --« Er selbst

erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte

er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen

Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor

dem fremden Manne hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu

mit seinen blutlosen Händchen bedeckte.

* * * * *

In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und

Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft.

Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den

Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu

seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber

jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum

von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es

überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß

sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und

abermals verließ sie das Gemach.

Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe

ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden,

sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter -- Du mußt Geduld

haben.«

Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in

seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des

Gesprächs entglitt ihm -- alt war er geworden!

Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im

großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf

das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der

magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den

gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in

ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den

Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur

flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen,

den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders

auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin

entschuldigend zu Paul: --

»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt -- -- für den Vater und

mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr

gespeist seit dem -- seit dem Tode ...«

Die Stimme versagte ihr.

»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen Wimpern

gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine

unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes

Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge.

Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch

dieser Verlust?

Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die

Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches

Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die

Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus

ihren verwitterten Zügen -- Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach

der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude

des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und

hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie

ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer

Seligkeit als -- die Kraft, sie zu genießen.

Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen

zu finden, hatte er nicht erwartet.

Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden,

hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in

chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische

Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll

gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der

Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde

Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens

hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach

kicherte und scherzte ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken,

hier -- nimmermehr! Sie, mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was

soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre?

Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt

über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ...

Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die

Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ...

Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen.

Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte,

sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu

sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es ~kann~ ihm bei

uns nicht wohl werden!«

Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das

Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und

Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert

ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit!

-- Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten

dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein

Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind!

Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht

verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war.

Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. Zum

ersten Mal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer

zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du

zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir

vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn

er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten,

hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt -- wie wohl hätte es ihm

gethan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen,

treuen Augen!

* * * * *

Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer

wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen

der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große

Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im

Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein

Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das

noch im Schlaf liegende Haus.

Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr verwundert,

als sie ihren Herrn erkannten.

»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern

haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt:

_allons! allons!_«

Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem entschuldigenden

Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein

Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir

sind zu dick geworden zu derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung

wiederholte, krochen die Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es

gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war,

schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des

Thores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach.

Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der

Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre

Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde;

alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die

Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm

von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!«

In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, erhob

sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es

von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in

einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und

weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen

grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten

Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau

getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen

und solider Wohlhabenheit, wie sie immer seltener werden »bei uns

zu Lande auf dem Lande.« Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter

Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem

Schritte auseinander flatternd, die schwarze Kniehose und die hohen,

glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte

einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe;

kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so

stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der

Große, Balthasar Schießl, der reiche, gescheite: Ein Mann, der's mit

jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute

sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat

und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen einspannen lassen kann.

Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern

zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz zweihundert Gulden

verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr

eine Karte angerührt hat.

Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die

Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« rief

er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen

weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: »Wie

geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann:

»Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der

Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund herum, Weib

und Kinder gehen in den Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine

G'schicht -- dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er

denn angestellt?«

»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.«

»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.«

Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte

lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine

Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger auseinander

und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein

-- und es kann auch nit sein.«

»Ich kenn' Euch!« sprach Paul.

»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er

es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel.

Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei

könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so

hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast ...«

»Die meinen auch,« sprach Balthasar.

»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden die Leute

endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?«

Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu

stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der

Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft gekleidet, und

schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne.

»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem Tone.

-- »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht

absolvirt haben.«

»Hat's auch nit.«

»Wie so? Ist er relegirt worden?«

»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem Schulzimmer,

oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu studiren. Aber

-- vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst --,«

sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten

Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja nit

verkaufen können.«

»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den

duldet Ihr?«

»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, und

wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit

weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu,

zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches

er auf die Ortszustände geworfen.

»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure Kinder

zu ihm in die Schule schicken!«

»Ich schick' die meinen nit.«

»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in

Sonnberg?«

»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich

kann's ja thun.«

Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken

nicht angenehmer Art versunken.

»Wenn die Frau ~Gräfin~,« sagte der Alte auf einmal, und fuhr

unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am

Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und hier --« setzte er, in

plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch anders aussehn!«

Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten

Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten.

Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier

nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der

That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem

Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die

Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber

schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der

Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig,

unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder

Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte

fragen können: »Wie geht das zu?«

Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die

Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist

todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr -- und Sie ...« sein Mund

verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!«

* * * * *

Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt

war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und

seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich

lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder

zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend

zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in

einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle

ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte

die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke.

Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig

von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her

und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor

dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit

auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn

Grafen _junior_ gegenüber nicht ein Jota.

»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben

sich _stante pede_ in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren

zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der

Inspection.«

»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht

erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils

ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen

Herrn, den dessen feinfühlende Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu

nennen pflegte.

»Ah, -- -- Insinuationen! ...«

»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um

sich!«

»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem

Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben

könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen

Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder --

im Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts

werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne

meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte

Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.«

»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte

Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts,

belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein

schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten.

Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die

sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch

ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen

waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten

Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des

Jammerbildes bildete eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar

mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig

gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit

ausgestattet wurden, als das menschliche Geschlecht.

»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet -- »durfte auch

hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner

verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue,

geräumigere errichtet würden.«

Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die

Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen

Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen

zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall

vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es

gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer?

Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann

Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der

Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt

-- wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu

bedenken zu geben geruhten.«

So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte Paul

damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt,

eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe

daran gewesen, einzuwilligen, denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber

war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer

Pflicht? -- Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge

geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er

wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der

Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der Andern

versetzen können und unfähig sind, irgend ein Verhältniß anders als

persönlich zu beurtheilen.

»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber

innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses

Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein

Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe

ähnlich, die er soeben verdammt ...

Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt!

Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie

war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen begrüßt

worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer

guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an

seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen

und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 31 / 33 题