wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir werden
fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.«
Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten
Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: »Das
hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie.
Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden
verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent und
-- die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er
trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit,
erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in den Tagen,
wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht,
ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden
Anzahl Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen
Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt.
Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse
der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden.
Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte
er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in elenden
Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles
Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes aus
dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines
aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung
des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit
würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand
bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen,
die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines
anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte.
Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast
jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit
welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann
er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage,
die einen geborenen Majoratsherrn, der sich ohne sein Erbgut so wenig
denken kann, wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die
Frage: »Was gelte ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle
Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen.
Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht
von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von
Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen,
und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber
an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei
werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle,
die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal
von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der
Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt,
als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit
leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen
sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr
beklommen, sehr bewegt -- wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit --
seinen Heirathsantrag.
Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte
die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte
Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige
Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr
für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr Töchterchen keinen
Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter!
Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit
zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter
Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an,
es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus
diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber -- wieder erwachten
seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war
zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend,
um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust
des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich
nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne
traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem
Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im
verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht
erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren?
Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem
man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem
Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines
Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin
einmal sprechen gehört?
Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten,
fügte es der Zufall, daß sie im selben Augenblick aus dem Tanzsaale in
den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte
sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und
doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer
gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage
erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?«
Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie
nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens
wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich
dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand
und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei
und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.«
Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde
anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er
erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf
den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch
zwei, durch -- zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern,
sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf
dem Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine
anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit
zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung,
daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte.
Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne ohne
grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb
Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich
scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... O wie muß ich
aussehen!«
Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr
vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend geraubt.
Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt
bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere
Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder
unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken
aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun.
»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit
und doch nicht zu gescheit. -- Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.«
Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel
seiner Wünsche nicht erreichte -- die besten Stunden seines Lebens
hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine
zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt
über seinen Mangel an Beredtsamkeit.
Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie
mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich
unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie ihn
heute schon gesehen? Kommt er Abends auf den Ball?«
»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie und
Thekla dort zu finden.«
»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?«
»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über
verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese
Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.«
Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als
sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres
wünschen.«
»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, recht
nach Ihrem Herzen.«
»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu.
* * * * *
Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der
Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und
keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte
ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und
Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen.
Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch
ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des
Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der
Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohlthat mit Undank belohnt
wird, und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der
Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu thun hatte.«
»_Ah madame, à qui le dites-vous?_« antwortete Madame Zephirine
Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von
Mariannens Reden völlig dunkel blieb.
Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte
Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre
Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs,
geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit
Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein
Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »_un port de reine_«
bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam
kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame.
Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür
verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf
die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so
manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen,
ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei ihr
ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit
Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese
meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere
Kuh auf fetter, oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine
Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte
aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor und auf derselben stand eine
Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten
Feldsessels.
So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertig
gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil,
der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die
Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich
sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann --,« sagte er, blickte
zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und
fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau,
schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf
der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! -- Also nur fort so --
das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der Ausdauer. Geduld
überwindet Sauerkraut.«
Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch nahm
Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an
die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal
einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte
er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit
abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, und Madame
Dumesnil, auf solche, ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit
eifersüchtig, nahm den Maler »_en horreur_.«
Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas
Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin
und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens
Bett. Sie rief: »_Madame, madame -- voilà!_« und deutete mit
»schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes
hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war
von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein
deutliches: »Ja!« geschrieben.
Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß,
wie das Kissen, auf dem sie ruhte.
»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute
dem Unverschämten übergeben zu werden ...«
Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr
bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein
gelassen zu werden.
Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er
an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt
nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn
stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, die ihm mit dem _corpus
delicti_ in der Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe.
»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme -- »es ist unwürdig
von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der
burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen
einander fassungslos gegenüber.
Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann.
»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor ihm
empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte.
-- »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist immer so
schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir halt
einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht
gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig.
Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr
Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem
Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen
peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen
Unterricht im Malen mehr ...«
Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, Frau
Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich hätt'
Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir halt
gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.«
So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens
scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden
Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der
Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes
Couvert.
Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang
den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte
dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das
hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat
»dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner Wege.
Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und
sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden
sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen
konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen
gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. -- --
Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater
kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den
Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von
ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und
auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe
fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im
Spiegel sehen.
Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die
Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat
abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu
verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.«
Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens
flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu
rascher Antwort, aber -- sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer
stolzen Bewegung in den Nacken und -- schwieg.
Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande
gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in
eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla
nicht theilnahm.
Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung,
dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer
unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und
gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit
Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich
ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte,
und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem
Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an
Selbstmord zu denken.
Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, unbegreiflich tiefen
Eindruck, machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter.
Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin
zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß
schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin.
Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe
dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war;
einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem
Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu
gewinnen wußte und sich plötzlich -- sehr zur Beruhigung ihrer Eltern
-- von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes
Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute,
die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe
ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese
schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe
mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten
geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem
Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser
Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber
machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch
Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet
man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die Gräfin
stand Nachts auf und wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden
Tochter. Sie führte eine strengere Controle denn je, über die
Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen
lebhafteren Kampf denn je gegen Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und
sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war.
Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich,
und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten
Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die
Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid
minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich
aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte.
* * * * *
Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits
ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der
Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu
einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders
gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll
Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen
Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen.
»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens
ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater.
»~Weil~ er das ist,« lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen
in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum
Beispiel, in der Euren!«
Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den
Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen
war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn
niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet
sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die
thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf
eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können.
»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich und
seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen -- eine
spät erfüllte Hoffnung -- noch im Alter geschenkt worden war.
Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie
alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren.
Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater
vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still
billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich,
das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener
Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt,
so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten
Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, um
dort Agronomie zu studiren, und traf endlich, heiß und ungeduldig
ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es
zeigen, was er gelernt hatte! es hieß Neuerungen einführen, die
wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen
Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe
Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen
entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht -- lange nicht! Als er
aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete
und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis
anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge
mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Ueberdruß
stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der
allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes.
Oesterreich stand damals am Abgrund, an den die Sistirungspolitik es
geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von
außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod.
In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit
ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand er
kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und
er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt
in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die
Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als
gemeinen Soldaten in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien
abmarschirte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein
Töchterchen ihm geboren sei, und daß er seine Frau verloren habe.
Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu welcher
er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im
Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein
Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten
Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung
seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art
Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon
finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft
sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung.
Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten Boden des Salons. Er
hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden
gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren ~die~ für einander
geboren, urtheilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen
berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich
gesegnet. Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung.
Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht
besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem
Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas
traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten
erlosch, als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie
gefällt sie Ihnen?« antworten hörte:
»Wie das Schönste, das ich jemals sah!«
* * * * *
Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines
Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und
zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur
den Schluß des Cotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe
Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der an ihrer Seite sitzend dem
Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von
allgemeinen Gegenständen auf besondere, und endlich auf persönliche
zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör
unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich theilnehmender
Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig
zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen
Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; sie
wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter ähnlich sehe;
sie wollte etwas hören von ihrer Gemüthsart, ihren Eigenthümlichkeiten.
Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete:
»Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen
demnach über das Aeußere der jungen Person nichts verrathen. Ihre
Eigenthümlichkeiten aber, ihre Gemüthsart werden wohl die der Leute
ihres Alters sein.«
»Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.«
»Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren sind
alle Kinder einander gleich.«
»Nicht zwei,« sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht
zwei!«
»Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem
Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den
Armen ihres Tänzers an ihm vorüber wirbelte.
Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken
funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen
Eltern, seinem Kinde sprach und dachte: -- Was für eine Art Mensch bist
Du eigentlich? Es liegt Etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in Dir.
-- Ah! tröstete sie sich, er hat zu viel in Büchern gesteckt; er kennt
das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das
war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl
und mit all' seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber
-- wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element?
Die Familie nicht, er scheint sehr gleichgültig gegen Alle, die ihm
angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den
Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich
vorgekommen; aber so trocken wie dieser Sonnberg es that, sollte
Niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern.
Die Gräfin sah ihn von der Seite an: -- Verwöhnt wurdest Du, das
ist's! Zuerst durch das Glück, das Dich mit Talent reich ausgestattet
hat und mit Mitteln, es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe.
Als eine Last empfindest Du sie und meinst genug zu thun, wenn Du sie
nur duldest, nur erträgst.
Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht drückte
die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte der
Vortänzer gerufen -- Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt,
erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und jeder
flehte: »Wählen Sie mich! -- mich!« Sie schüttelte verneinend den
Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, theilte sich, und
sie ging, an all' den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen
Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. Und
nun, anmuthig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen rosig
angehaucht, die herabhängenden Hände leicht in einander gelegt, stand
sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des Hauptes.
Er sprang auf -- aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen -- er
zitterte, ja, er zitterte! wie nach Athem ringend hob sich seine Brust
... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, umschlang
die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der Musik
dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig und
lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar.
An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter
beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn,
gleichmüthig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die
seinen zu glühen schienen, und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe,
seelige Verwirrung verrieth.
Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt
hatte. -- Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der
zweiten Frau wird er sich beugen! ...
Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach sie
in ihren Betrachtungen.
»Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des Comthurs
steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!«
Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme und
entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, als
daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.«
»Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine
Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Carnevals-Ausstellung,
unseres Kindermarktes von Bethnall-Green.«
Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände
Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und
Nachfrage stimmen niemals überein.«
Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen tiefliegenden Augen
zusammen und fixirte Marianne mit eigenthümlich scharfem Blicke.
»Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das Ereigniß,
das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten Zustimmung
nicht erfreuen?«
Sie versuchte nicht Unbefangenheit zu heucheln und zu thun, als
verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs
ausgemacht, daß überhaupt ein Ereigniß bevorsteht.«
»Um so besser dann,« sprach er.
»Warum?« fragte Marianne befremdet.
Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ...
Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüthe spräche, würden Sie mir
glauben?«
Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem
Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?«
Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er reich,
schön, vornehm ist, daß er ...«
»Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt,« ergänzte die Gräfin in
demselben Tone.
»Den ihm alberne Leute gemacht haben -- und der deshalb
unerschütterlich ist. Uebrigens,« fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie
nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz
der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele.
Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimniß -- er weiß es nicht. Aber der
Augenblick wird kommen, in welchem er's erfährt, und dieser wird für
ihn ein entscheidender sein.«
Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die
beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen.
»Sie rathen mir also --« fragte sie zögernd.
»Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten
zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die
boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder
den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen
könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo
ich äußere Uebereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer
Zwiespalt.«
»Etwas geb' ich zu von alledem,« sprach Marianne, »ohne deshalb an Ihre
»boshaften Mächte« zu glauben. Und -- vollkommenes Glück! wer denkt
daran?«
»Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen Zeitalter,
das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.«
»Das haben frühere Zeitalter wohl auch gethan.«
»O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Muth auf Erden herrschten,
da war es anders. Naivetät ~ent~schuldigte die Schuld. Munter
verübten die alten Götter ihre Frevel, und die Menschen ahmten ihnen
unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra sündigten, applaudirten
zwei Welttheile. Jetzt schleicht die Sünde lichtscheu umher, und feige
Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, denkende Schwächlinge, entnervt
durch die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht
mehr zu genießen.«
»Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte
Marianne.
Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein
lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte
er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte,
mich aufgegeben hat -- völlig aufgegeben. Nicht wahr?«
Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein Ausdruck
unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen glänzten wie
im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie haben sich
eben theilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was treibt Sie,
diesen guten Eindruck zu verwischen?«
»Mein böser Dämon vermuthlich, « antwortete er in leichtfertigem Tone.
»Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!«
»Frieden,« wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig sind
zu halten. -- Da kommt Thekla!«
Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des
Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte
ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den
Zähnen, dann wandte er sich um, mit einer Bewegung, als gälte es, eine
unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den
Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden.
Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte
sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter
und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem
Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit aus einander stehenden
Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla
seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm.
Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei
jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden
Gefährtin.
»Er macht ihr Vorwürfe,« sagte der Fürst, als sie über die
blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache
dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Cotillon, den er mit ihr
tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so
ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber, als es endlich geschah, da
wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour -- abgelehnt. Ja, ja --
abgelehnt! Majestätisch, wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie:
»Ich danke Ihnen -- ich tanze heute nicht mehr ...«.«
»Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken.
»Ja wohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den
glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte,
Sie hätten ihn gesehen! Verrathen Sie mich aber nicht!« flüsterte er
Mariannen zu.
Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um zwei
Uhr, kommen wir,« rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage rollte
davon.
»Warum sagen Sie ~wir~?« fragte Alfred, »wer begleitet Sie morgen
zu der Gräfin?«
Klemens zog sein Cache-nez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte kurz:
»Sonnberg begleitet mich.«
»Wie, lieber Onkel -- Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach
Alfred vorwurfsvoll -- »Sie! ... Und wissen doch ...«
»Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Dich nehmen.
Ich kann in dieser Sache nichts für Dich thun. Es war ein Unsinn, daß
Du Dich in Gräfin Thekla verliebtest ... Zum Teufel, ehe man sich
verliebt, sieht man zu in wen?« Das Gespräch, das er heute Morgen mit
Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hülfe, und er schloß: »Mit
dieser Empfindung mußt Du trachten fertig zu werden. Das kann man. Man
muß nur bei Zeiten zum Rechten sehen.«
Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den
Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten
Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft,
die ihn anwehte, sog er sie tiefathmend ein und begann gewaltig
auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann
sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte
Fähigkeiten in ihm erwacht.
-- Das ist das Glück! das ist die Liebe! -- jauchzte es in seiner
Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen
Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut
wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der
Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte
er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte
schwärmische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine
der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegen getragen wurden. Und
jetzt -- wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluthen
emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner
Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches
Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten,
hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne ...
Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm -- wie ein Schatten zog
die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüth. Aber
selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über
die leichtströmende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine
wehmüthige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung? ...
Vorbei! vorbei! Friede mit den Todten, und Glück und Macht mit den
Lebendigen!
* * * * *
Am folgenden Tage, um zwei Uhr, ließen Eberstein und Sonnberg sich
bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten der
Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen sei,
um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn an
das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem
freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen
Wohlwollens auf Paul.
Von ihrem Fenster aus, das in den hellen, geräumigen Hof hinabging,
hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun
entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz
gewiß jetzt, stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu
berechtigt sei. Eine Pause! eine halbe Minute Pause: Der Anstand will's
und so gehört es sich. -- Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen
Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht
in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen
Tochter an ...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben
mit einem prächtigen Ausdruck muthwilliger Ueberlegenheit aufgeworfen
hatten, verzogen sich ein klein wenig, wie die eines verwöhnten
Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft.
Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit
beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte
hinab in den Hof.
Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles Coupé, leicht und
solid gebaut, vor Neuheit funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf
dem Bocke, hält mit der rechten Hand den Stiel der Peitsche auf den
Schenkel gestützt und in der linken die Zügel. Man sieht's ihm an, daß
er lieber sterben als die Augen von seinen Pferden wenden würde. Ei,
sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl werth, die zierlichen Rappen mit
ihren feinen Köpfen, ihren schlanken Hälsen, mit den geschmeidigen,
stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar ist schwarz wie die Nacht,
und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie stampfen mit spielender
Grazie den Boden und blasen übermüthig die Nüstern auf als fühlten
sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte ... Thekla hatte ihre Mutter
oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: um zu wissen, was an
einem Menschen sei, brauche sie nur -- seine Equipage zu sehen. An das
erschrockene: »Ich bitte Dich!« das Marianne bei dieser Gelegenheit
auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und hielt in Gedanken eine
kleine Rede an ihre Mutter: »Sieh dorthin und wage es, mir Unrecht
zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese Riemen, diese
Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, pünktlich,
charaktervoll? Auch Klemens hat englische Coupés und Pferde aus
edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne rechten
Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis ins
Kleinste dringt. Der Weichling verräth sich überall!«
Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im Zimmer auf und ab zu
schreiten. Ihre Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren
Anblick vor als den, welchen sie eben genossen: die Equipage der
Gräfin Sonnberg, und bald auch das Palais, durch dessen Einfahrt
diese Equipage rollte, während die Glocke dreimal anschlug und der
dicke Portier sich ehrerbietig verneigte, in seinem rothen Pelze mit
goldgesticktem Bandelier ... Roth und gelb sind die Sonnbergischen
Farben, das Wappen ist eine goldene Sonne, aufsteigend am purpurnen
Horizont. Dieses Sinnbild prangt über dem Thore des majestätischen
Bauwerks, eines Juwels alterthümlicher Architektur, des Palais, dessen
Gebieterin sie werden sollte, Gebieterin des Gebieters und aller, die
dem Gebieter dienten ...
Thekla war an Reichthum und Behagen gewöhnt, aber im Wittwenhause ihrer
Mutter hatte sich allmälig ein Domestiken-Regiment und mit ihm so
mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, der die
Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das verstehen,
er wird für die Ordnung und nach Außen für den Glanz seines Hauses
sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu bilden und
von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur Winterszeit,
im Sommer auf ihren Schlössern ... Dort will sie leben wie der Adel
im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben pflegte, einen
zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, täglich neue
Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Haide, den Hirsch im Walde
und sich lächelnd der Zeiten erinnern, in denen sie in Wildungen
zwischen ihrer Mutter und Madame Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und
Neujahrshauben für die armen Dorfkinder häkelte und strickte.
Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag ... drei Uhr
... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte lang
-- was hatten sie einander zu sagen? ... Ihr wurde angst -- sollten
alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen? ... Aber da pochte es an
der Thür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen
bitten ...«
Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen Platze,
in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit gerötheten Wangen, ja sogar mit
leicht gerötheten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg auf das
junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen bebten.
»Ihre Mutter theilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla,« sprach
er. »Sie verurtheilt mich zu einer Probezeit ... Ich soll dienen um
mein Glück. Sie will es.«
Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und
sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?«
Paul ergriff ungestüm ihre Hand: »Ich will mich bemühen,« rief er, »die
Probezeit möglichst abzukürzen ...«
»Sie fügen sich also,« sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das
Haupt.
»Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen, und
noch viel weniger -- Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir,« flehte er
leidenschaftlich, »helfen Sie mir den hohen Preis, den ich im Sturme
erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will
alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite
stehen, ich will alles thun, um mich allmälig Ihrer werth zu zeigen, --
nicht nur zu zeigen, es zu werden, so sehr mir dies überhaupt möglich
ist, denn ganz und völlig Ihrer werth ist kein Mann auf Erden -- das
weiß ich wohl.«
Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück,
erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm
zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich!
Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht,
denn sie schwieg. Sie stand da um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie
dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es
nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer
Mutter -- war es rathlos und hülfesuchend ...
Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend die
Hand auf seinen Arm.
»Sie sind ein Kind, mein lieber Graf,« sagte sie, »trotz Ihrer dreißig
Jahre, trotz Ihres großen Verstandes.«
»Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht
aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst
nicht mehr -- Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!« rief er und
breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner
Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer
Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung.
»Thekla!« wiederholte Sonnberg.
Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen
schwebte: »Vergessen Sie nicht,« sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt
Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,« setzte sie
lächelnd hinzu.
* * * * *
In der Stadt ließ sich's Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt
seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten
Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich
einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er
Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn.
Thekla blieb sich immer gleich.
Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig
und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und
widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen,
die er gefällt hatte. Eine Zeitlang begnügte er sich mit diesem für
ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach und nach aber begann er hinter
all' dieser Rücksicht und Fügsamkeit große Kälte zu ahnen. Gräßlich
durchblitzte ihn, glückvernichtend ein Zweifel an Theklas Liebe. Sein
ganzes Wesen empörte sich dagegen, und wie einen Gedanken an erlittene
Schmach wies Paul ihn von sich.
Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher
Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren
Gleichmuth zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte, und der ihm
jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht,
die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er
sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des
raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem
man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg!
Als Thekla das nächste Mal einer von ihm aufgestellten, sehr
unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und
herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob
die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann
hocherröthend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie
stellte, beantwortete sie kleinlaut mit Ja oder Nein, wohl auch --
mit Ja ~und~ Nein. Paul blieb während der Dauer seines Besuches
unruhig, bitter, und ging endlich, von tausend widerstrebenden
Empfindungen erfüllt und gequält.
Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein.
Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre
Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt
noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen
lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form,
Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm
entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen
Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine
Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete Thekla
verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, kindisches Gebahren,
er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen
begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen
nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit
unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: »Hab ich nicht einmal
die Macht, ihr weh zu thun?« -- doch bezwang er sich und sprach ruhig:
»Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich -- können Sie mir
verzeihen?«
Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie
Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin
ja gar nicht böse gewesen.«
»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer
Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb
herausfordernd hinzu.
»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da Sie
doch wissen ...« sie hielt inne.
»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie
fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla:
Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz
mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie
ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und
Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein
Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff
der meinen ist ... Lieben Sie mich?«
Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein
dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick
nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der
ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich
eintreten zu sehen -- niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich
herbeigewünscht! ...
»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen
Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber
nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... Weil ich
muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig,
ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus seiner
Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte.
Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand aus der seinen und sagte:
»Ich weiß nicht, was Sie wollen.«
»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit
des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus
unaussprechlicher Liebe -- ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese Liebe
nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden
unglücklich sein -- beide -- wenn Sie mich nicht liebten. -- Weisen Sie
mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!«
Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig
-- noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr
Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben
mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe Flecken,
die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten;
sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er fließen
gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick
wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen
Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen,
steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern,
er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, was in ihm
an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat
auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster
Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog.
»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise.
Sie nickte schweigend und sah ihn an.
»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: Ja?«
»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln.
»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein -- und ich
bin es ganz ... Gebiete! herrsche!«
Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie
schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen -- aber sie wagte es nicht
... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie
mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter
der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne
trat ein.
* * * * *
Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile,
meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich
bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine
Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere
Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm
berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr
von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder
jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter
und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus zu
citiren pflegte, der zur Theilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen.
Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber
hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer
Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren,
unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und
schwelgte in dem anmuthigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um
sich her zu verbreiten weiß.
Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme
Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand
er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht,
sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein
Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt,
den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz!
Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich
bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie
abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin
Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat
sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten
aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen
Beschreibungen von dem Elende dort -- man kann's nicht anhören. Gewiß,
sie übertreibt.«
»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er wollte noch etwas
hinzusetzen, aber sie fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich
bitte Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich
machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns
damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren.«
Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hatte
er einst gesagt -- ihm schien mit denselben Worten -- zu seiner jungen
Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung
hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen wollte. Die
junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die
Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war
endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme
Marie! ...
Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend
sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr
dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber
es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, und in
der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die
er liebte!
Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte
sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten
Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so
berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch,
erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu
ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen,
damit ihm ein solcher Blick öfter zu Theil würde.
Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich
langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht
erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen -- und
als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster
drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend,
ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da
überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen
war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das
schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen
Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben.
Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen
Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie nie, fühlte
er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle
neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr stilles
Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben
lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt
-- und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der
Erde einen Menschen geschenkt.
Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er in seiner ersten Ehe
gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als
unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht
erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es
gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! -- Als
Verwandte war Marie ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er
gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet
durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm
angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. -- Warum
empfand ~sie~ es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war
seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf
zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt
er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise Stimme in seinem Innern
nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr unrecht thue ... Und wenn
es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Räthsel -- und er, der
alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ...
sie begreift er nicht, er steht rathlos vor diesem Kinde. --
Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich
grollend ab. -- --
Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr
Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas Armen
werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich
und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen
Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst
ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der dürstende
und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch
so sehr als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus
freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's
-- ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz
ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie
anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte
sie ihn.
»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ...
»Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe
des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes
Licht von den leuchtenden Sternen ...«
* * * * *
Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen Träumereien.
Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld
trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und
sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ...
daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein nächstes
Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so
schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das Wort
»liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend.
»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.«
Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz
nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung
verschafft, daß auch nicht ~ein~ ordentlicher Sessel vorhanden
sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist zu
sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte.
»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in
inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort
abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz
andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...«
»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul.
»Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?«
Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer Art
Entrüstung ablehnte.
»Du rauchst nicht?« fragte Paul.
»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky
unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre
von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger
Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter
Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von
den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den
Ernteaussichten, er sprach von allerlei, und doch -- es war unschwer
zu errathen -- von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den
Lippen brannte, die sich, nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen
Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und -- etwas
Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete er alle Augenblicke wie ein
ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß.
Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann
eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer
Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in
einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war
alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die
der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die
schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden
Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der
siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der
Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen
Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der
martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter
ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles
paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten
Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine
Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an,
seine Befangenheit hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen
Wesen zu verbergen.
Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky
sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's
Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ...
Briefe von Dir -- mehrere nämlich -- müssen verloren gegangen sein.«
Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig
gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.«
Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen
zogen sich zusammen --: »So,« sagte er -- »freilich, freilich -- die
vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit,
Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu
beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ...
_ad vocem_ Intelligenz! -- die macht Fortschritte! Wir haben jetzt
drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen
Jahre dort verhungerte. Nun denn! -- also lange nicht geschrieben!« Er
senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart.
»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren
Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem
Kinde ...«
»Dem Kinde? ... das war krank. -- Man hat Dir's verborgen. Aus
Schonung ... Wie überflüssig -- gelt? Die alten Leute verstehen eben
die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind,
inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch:
Gleichgültigkeit! ...«
Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein paar
Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul
stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts
wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort:
»Gleichgültig, eine schöne Sache -- freilich, man könnt' auch sagen,
eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die
Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das
mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die
Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei
ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am
Wunder ohne Andacht ...«
Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine
Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« --
setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht
mehr.«
Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten
Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele
beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie lange warst
Du nicht mehr bei uns! -- Seit Deiner Rückkehr aus dem Feldzuge ...«
Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch -- »seit drei
Jahren! drei Jahre sind's ...«
Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung.
Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie
nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie
abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er
in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. -- Er konnte ja
wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine
Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem
Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn
wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ...
Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist
kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht
weinen helfen. Und endlich -- er wird sie schon besuchen, aufgeschoben
ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner
flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er
sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte:
»Drei Jahre ja, -- ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!«
»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem
Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar nachdem
man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie
tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat
... das zeigt sich erst später.«
»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen
Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber
Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.«
»Im Allgemeinen -- könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm
Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das
Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne
Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem
Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner
Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte,
erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere
Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute ist
die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die
Zitterpappeln ... Ja so -- Du weißt nicht -- warst nicht einmal dort
... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die
Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort,
mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach
dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus
freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben
ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und
breit, einen -- weißt Du, einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle
Linien in die Luft, »einen Kranz, so -- verschlungen ... und die Platte
aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein.
Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst
nichts, als nur das Datum; Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter
zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.«
»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht los?«
-- »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen.
»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber
aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...«
Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und
Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog
endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte.
Dieser las halblaut und langsam:
»Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich,
Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.«
Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe
nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist
sie -- gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben
freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...«
Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die
Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den
geschriebenen Zeilen, die er fest hielt in der herabgesunkenen
Rechten. Er regte sich nicht -- was ging in ihm vor? Der Alte konnte
sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth seine Haltung, sein beklommener
Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos stand Kamnitzky vor ihm. Er
hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge
war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das
erlösende Wort!
Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff
er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er.
Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor.
»Wann reisest Du?«
»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend
auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene
Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es
dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen
Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich
ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal
hinüber ...«
Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte:
»Im Laufe der nächsten Woche erst? -- Geh mir! So lange wirst Du nicht
zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.«
»-- Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.«
»Du verstehst mich recht gut.«
Verwirrt und fassungslos, wie ein ertappter Verbrecher, wandte sich
Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan
gescheitert! ... Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! den
alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den
Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen »bei
dieser Gelegenheit -- vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrig bliebe,«
den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns
Sorge macht!« -- »Sorge macht es Ihnen? ist das möglich? Nein! nein!
kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage
herumgezogen, die Pflastersteine zählen, seine beste Unterhaltung,
um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: »Ich bin schon lange da!«
um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe ihn zu sehen, den
Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher
Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrigue lag kläglich nackt am Tage!
So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt -- das heißt, wie man's
nimmt, bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein
»verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ...
Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten Hausherrn
gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer, in das Treppenhaus.
Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, drückte seinen
Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die Treppe hinab.
An die Rampe gelehnt blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den
Besucher an das Hausthor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine
leichte Reisetasche,« befahl sein Herr, »ich fahre heute Abend für
einige Tage auf das Land.«
* * * * *
Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne.
»Sind Gäste da?« fragte er an der Thür des ersten Salons den
voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er
bereits auf die Klinke gelegt hatte und in bedauerndem Tone, aus dem
es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang --: Dir ist's nicht
recht, wir verstehen uns -- sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht
Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl
bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer
halben Stunde gemeldet worden.«
Paul nickte dem Alten für die Auskunft freundlich dankend zu und trat
ein. Die Portièren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier
stand und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der
Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und
aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand
neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der
Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte
dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen
Sessel in die Nähe des Fauteuils gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte,
und stützte den Arm auf die Lehne desselben. Die lächelnden Gesichter
aller Anwesenden verriethen, daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe,
die man der jungen Dame nachrühmte, sich eben wieder bewährte.
Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses begrüßt
hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so gern gegen
Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« gefunden zu
werden: »Bravo, Gräfin, bravo -- ein vortrefflicher Einfall!«
-- »Was denn?«
»Was Sie eben sagten.«
»Sie haben ja nichts davon gehört.«
»Was thut's? Ich kann dennoch, bei dem -- Wenigen, was Ihnen heilig
ist, schwören: es war vortrefflich!«
Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die
deutlich sagten: lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu
kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung
ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen, die jungen
Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen.
Worauf wartete man noch, um Gotteswillen? wodurch sollte Sonnberg noch
beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann wie man ihn weit suchen
könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in
dem Lobe seines Schützlings, daß Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es
ein Mittel giebt, Einem Sonnberg zu verleiden, dann sind Sie im Besitze
desselben, mein armer Freund ...«
Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Compliment mit einem spöttischen
Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn sich ihr
Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem andern
Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus Paris
zurück.«
»Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?«
»Große, nein -- nur ein paar Toiletten, das Nothwendigste.«
»Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern,« bemerkte
Klemens, und Paul fiel ein:
»Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert ist
er ja längst.«
»Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und zugleich
dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das kämpfend zwischen
anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht ohne Zögern
sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, »schreibt er noch
immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?«
»An mich? was fällt Ihnen ein? -- Ich weiß nichts davon.«
»Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. »Ihr
Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimniß aus den poetischen Huldigungen,
die er Ihnen darbringt.«
»Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er
besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie,
ich kann nicht zuhören, wenn mir Jemand vorliest, ich kann nicht. Meine
Gedanken fliegen davon, sobald die Lectüre beginnt und stellen sich um
keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich
auf gut Glück: »Charmant, charmant, sehr schön geschrieben -- besonders
das Letzte!«
Man lachte, auch Paul nahm Theil an der allgemeinen Heiterkeit, etwas
gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den Worten
an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die
schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit werth
sind und die Ihre erwecken sollten.«
Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das
Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und
entschlossen sind, bis an ihr Ende weiter zu spielen, wenn ihnen
plötzlich zugemuthet wird, irgend einer ernsthaften Sache Interesse
zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes
nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre
großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermüthig,
lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Cigarette in den Kamin,
begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen und sprach
in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben leicht reden.«
Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe und setzte nach einer Pause
hinzu: »Mein Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn
auswendig -- seit vier Jahren! trotzdem sagt er sich mir täglich auf,
in Versen und in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste
Neugier.«
Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd, wie aus einem
Munde: »Sie wollen schon fort?«
»Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen, in die
Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf
einen langen Blick in den Spiegel -- »Meine Schwiegermutter behauptet,
eine Oper ohne Ouverture sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und
meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe, wie alle alten Leute.«
Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem
Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren
Wagen zu bringen.«
Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und
murmelte etwas von: »Besonderem Vergnügen.«
Als die Beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit einer
ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher kamen!
Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, so
witzig!«
»Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es ist schale Spaßmacherei;
und auf wessen Kosten spaßt die Gräfin? -- sie macht ihren Mann
lächerlich.«
»O, das besorgt er wohl selbst.«
»Wodurch?«
»-- Und wenn sie es thut, geschieht es aus Nothwehr ...«
»Wodurch?« wiederholte er -- »Wodurch?« Sein Gesicht färbte sich
dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- »Lieben --
geliebt werden -- macht das lächerlich?«
Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt ihm
an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an seine
Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche Möglichkeit
darf von Thekla nicht angenommen werden -- o -- nicht einmal geahnt!
Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen Miene
eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen läßt,
sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht
lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!«
»Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt?
Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte,
dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht -- bedauern Sie ihn.«
»Ach!« rief Thekla, »ich bedaure Niemand, der Gedichte macht.«
»So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er plötzlich: »Was ist's
mit den Gedichten, die ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin
gelesen?«
»Ja,« antwortete sie zögernd.
»Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und es
nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig in
die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist
herrlich ... finden Sie nicht?«
»Herrlich -- ja, zu herrlich für mich.«
»Was heißt das?«
»Es heißt ...«
»Nun? vollenden Sie doch!«
Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von
Gedichten,« sagte sie.