Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach er zu seinem
Begleiter, »daß ich heute anders denke als zu jener Zeit, daß ich
einsehe -- kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor,
die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff
genommen werden.«
Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf
scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht
intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich
selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu
bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir
das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin
zuziehen zu müssen.«
Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von der
Verstorbenen sprach.
Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach
dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen
ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und
verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen
trockenen Worten.
* * * * *
Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale,
beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an.
Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel
reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen
ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das
feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben,
die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten
Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann,
der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus
als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten
sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines
Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab
ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der
Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte.
Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach:
»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird
Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles
anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's!
Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.«
Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht
schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, ein
gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine
Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der
bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht
aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen.
»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann
er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!«
Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich
an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das frischere
Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke
gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit
ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt.
»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel
hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ...
auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel,
das Erträgniß! -- ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen
Regiekosten zu bestreiten.«
-- Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber -- Schurke!
du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir
schlecht. -- Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine
Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ...
»Nächste -- Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So
lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches zu
erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die
stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der Zärtlichkeit
versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem
Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen
Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so unaussprechlicher Dank,
daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine
Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung
auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie
schienen sich zu fragen: Was ist das? -- was ist geschehen? ist er's
denn noch?
»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du bist
immer willkommen, lieber Sohn.«
Den alten Leuten war seltsam zu Muthe -- ungefähr wie frommen,
verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen,
sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter
sprechen würde.
Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul
ging auf sein Zimmer, mit der Absicht -- an Thekla zu schreiben.
Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied
von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht
ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, und doch, ihm
schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille Zeit, er meinte
fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein.
Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla
schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ...« -- Eine Lüge!
-- »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was kümmern sie seine
Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben, und sie
auch ihnen.
Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das sie lieben lernen
soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man
beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen, wie
absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht,
gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine
Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar
nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit
ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu
schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Thür
geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit
einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen
Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst
täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt
vermißt.
»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der
Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter
Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!«
Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel
zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte,
daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen.
»Und das Kind?«
»Das bleibt bei mir.«
»Ganz allein? Es ist so scheu -- Sie sind ihm so fremd --«
Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine
Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch
viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach ihr
umzuwenden.
Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze
und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust.
»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen einem
geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest
frischere Lebensluft!«
Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die
Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner
Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll
Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst -- so standen Vater und
Tochter einander gegenüber.
Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen,
komm' zu mir!«
Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen
zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in
unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück.
»Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache
aufhören!«
Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als
eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich
die Ohren zu, versuchte seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu
lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von
Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er
sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!«
Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah
aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu
seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz.
So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten
und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich
über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er
sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren
vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den
heimischen Boden betreten hatte.
Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach
dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit
unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an -- ihres kleinen
Abbildes ... nein, kein Abbild -- sie selbst, in jedem Zuge des
Gesichtes -- in jeder Bewegung ~sie~, so ganz und gar sie selbst,
als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das
wieder zur Kindheit führt ......
Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor und
drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte
Entsetzen, und dieses seinen Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er
in thörichtem Zorne: »Fürchte Dich nicht!« während er sie tödtlich
erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern,
die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind
auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das
Köpfchen tief gebeugt -- auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein
junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ...
Schon hat der Blitz gezuckt -- wann trifft sein Strahl?
O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des
Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!
»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort -- oder weine Kindchen!
weine -- ich bitte Dich ...«
Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser
Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen --
-- da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte
vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht
plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß
heischend -- und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf
seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und -- »Kitty!«
ruft es aufjauchzend.
Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und
sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sich,
leckte ihr die Hände und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte
die Vorderbeine von sich, so weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte,
sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge.
Und sie -- wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen,
wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre
Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit.
Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte
ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken -- es ist
weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund.
Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg zu
führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen,
wie gern sie von ihm ging?
* * * * *
Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal -- und nicht
wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt -- jetzt heißt
es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß war auf den
Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den
Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand
in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden
sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob
zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten
und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es anzuhören. Ein Geräusch,
in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur
besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald
es sich vernehmen ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der
Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt,
quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles
Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut
wurde -- »die jetzigen Kinder denken's nicht!«
In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und war
mit dunkelbraunem Tuche, -- das aber aus neuerer Zeit stammte, denn
es zählte keine fünfundzwanzig Jahre -- gefüttert. Es schwebte in
wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an
schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke,
kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die,
nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige
Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.«
Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und
ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der
Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag
seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende
Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese
fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um
ihn zu begrüßen.
»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.
Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien
reisen lassen,« sagte er.
»Umsonst nach Wien? mich? -- sei so gut und sag' das Deinen Eltern
--: Umsonst! ... O das ist wieder -- o freilich ... verzeih', aber so
albern reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung
und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten«
eins anzuhängen.
Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein
Wort mehr -- wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu
werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als
der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht
eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen,
und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten
empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?«
Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank
ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal
darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit erweckten
das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch
geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung zu
schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen.
»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne.
»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm
nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr.
Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide
Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige
Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt,
bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte
den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne
geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein
kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus.
»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer
des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen
Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als
ob sie nicht merkten -- daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie
das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude
sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze
macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die
sie befolgen, die sollen noch geboren werden. -- Was Gesetze! sagen
wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen
auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß -- um ihnen den Vater zu
erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen
für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem
großen Ganzen thut, das -- hol's der Kuckuck! -- was kümmert's uns?«
Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder
heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet
ist, heißt all' Eure Thätigkeit _salva venia_ nichts! ... Aber
freilich -- wer steigt gern vom First in den Keller -- und daß der
First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine
Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie
werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und
hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert
Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken
-- unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung
ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was der
geleistet hat! -- Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute sich
vielleicht: -- sieh da, die Luft wird rein -- das Volk wird brav; es
giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern.
Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns:
... Das haben -- von langer Hand her -- schlichte Männer gethan, die
sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein
Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein
solcher Lohn?! Es ist zum Lachen -- der lockt keinen Hund vom Ofen,
geschweige denn einen glänzenden Redner von der beifallumrauschten
Bühne herunter!«
Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn
gerichtet.
-- Er läßt den kindischen Menschen faseln -- dachten sie, plötzlich
wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg
und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein
im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.«
Seine Eltern sahen einander lächelnd an: -- O dieser Paul! -- welche
Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus
seinem Mausloch die Welt reformiren will.
Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild.
»So Unrecht nicht?« rief er. -- »Wahrhaftig? ... Da meint man
immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur
Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als
Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel -- den Weg
dahin, den zu wählen überlasse uns -- davon verstehst Du nichts. Das
wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt
Euch ... das ist ein schöner Trost!«
»Geh' -- geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und
hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit
unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum
Glimmen brachte.
»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde
plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und
betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald
darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem
Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete
eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten,
erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem
Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen
Taschentuche die freundlichsten Grüße zu.
* * * * *
Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern
vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die
Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, -- ein kurzes
Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß
auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod
sie überschritten. -- So vergessen sind diese Räume, daß man nicht
einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen,
dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der
Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er
hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur
des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der
untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte durch die
geöffneten Fenster über die reich gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte
die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank
glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede
Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; Alles war so sorgsam
geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich
eine Wiederkehr erwartet würde.
Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon
und betrat das Schlafgemach.
Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee
in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie
hinaus wie Schatten.
Seine Eltern! ...
Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein
entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der
Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht haben. Sie
lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem
Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. Er war der Gott
dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin geschieden ist.
Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen -- als rosiges Kind,
als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke, mit
leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe
der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen Selbstvertrauens ... Das war
er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen
des Bildes.
Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen
an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt
bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das
Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie
denselben Werth.
Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter --
Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal!
Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin.
Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie
verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band
auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an
und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher
sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht.
Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst
angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an
ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen,
der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge
richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen
ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich
entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses
...
Zu spät -- zu spät erkannt!
»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner
Brust« -- tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um
es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer
Liebe ihn umwehte.
O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur,
daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest -- ich erfuhr
es auch!«
Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört,
nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht
einmal ein Schrei flammender Reue -- nicht einmal das Schmerzenswort,
das Erlösungswort:
»~Verzeih!~«
Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den
Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen,
ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten
Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus.
Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen
lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war --
lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief
hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger
Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,«
hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren
verwischt ... Wie viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele
Thränen darauf gefallen sein! -- Die Hand zitterte, mit der Paul den
Brief bei Seite legte und mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben
zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte
beschriebenes Blatt. -- Mariens wohlbekannten Schriftzüge, das Datum,
drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift »Lieber Paul!«
»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen
würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und
muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du dachtest,
ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.«
Nein -- er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit
dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren,
er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen
Abschieds ersparen.
Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte,
schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme
wiederholend: »Weine nicht!«
Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen
nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen.
Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor
-- inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!«
Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte
ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr
einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er
unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging -- der
Unglückselige! ...
Er las weiter.
»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht.
O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes
willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen
werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg,
erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein
Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir
entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!«
»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf,
er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend,
Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann
plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn,
schrecklich, hoffnungslos -- eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten,
eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast
Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am
ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ...
Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen,
eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf
ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen,
ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge
auseinander -- -- --
... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei
Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin legte
ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem
Schoße.
»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort -- »noch immer bei ihr?«
Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer.
Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück.
»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung
entgegen kam.
»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.«
* * * * *
Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief;
er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von
einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse.
Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr
ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht
zumuthen könne, das Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen
entschlossen sei.
Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens
sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht,
nur nicht -- mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir
wissen ja -- Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber,
so leid mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.«
Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits
nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu
folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden.
»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine Absicht ist,
dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? -- Warum soll ich ihn
warten lassen auf meinen Tod? Und dann -- ~eine~ Gräfin Neumark
möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon
wissen, vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt
nicht an der Zeit ... Und Du wirst ja hören --«
Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren
von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's
gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast
zutraulich geworden.
Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die
Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte,
wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber
dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das
mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam.
[Illustration: Ornamentales Motiv]
Druck von ~E. Bernstein~ in Berlin.