II.

Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei

Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den Anderen, wie

schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es

sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften getheiltes Tagewerk

zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere.

Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu

lehren; sie besaß auch die -- und das war einer der Hauptgründe der

Beliebtheit, deren sie sich erfreute --, den Eltern ihrer Zöglinge,

wenn sie ihr von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu

geben kamen über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle,

schlagfertig und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige

Ehrfurcht zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich

in der ihr neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der

Hausgenossin ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie.

Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß

sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft

zu octroyiren. Die zweite, auf welche der Vater sein Talent zur

Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes Mädchen von achtzehn

Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, ich! ... Ich sage, was

ich denke! ... Bei Chouchou und Baby habe ich Sie gern gehabt, bei uns

mag ich Sie nicht.«

Claire dankte ihr für ihren Freimuth. »Sie sind im Besitze des

angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen,« meinte

sie, »und machen davon Gebrauch.«

Die Comtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht nicht

aufrichtig?«

»Ich bin es gewiß,« entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, daß

ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.«

Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige

Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich so viel zu

Gute that, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu

geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.«

Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein

einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich

gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte

Unterhaltungsgabe ausreichten, um dem Grafen und der Gräfin die langen

Nachmittagsstunden zu verkürzen.

Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals Gäste

zu Tische. Im Leben des Kindes ist Alles Lection; das Diner muß Lection

sein in der Kunst, anständig zu essen, die man nicht früh genug lernen

kann, weil sie der Anfang allen Anstandes überhaupt ist. In dieser

Meinung stimmten beide Eltern überein, und Tante Eveline gab ihren

Segen dazu. So opferte sich denn der Graf, kam pünktlich um vier Uhr

zur Tafel und befahl jedesmal, langsam zu serviren. Trotzdem mußte das

Diner einmal zu Ende gehen, und sie brachen herein, die schrecklichen

Zwei, und die eine hieß: von Fünf bis Sechs, und die andere hieß: von

Sechs bis Sieben. Fest wie eine Mauer stand die Zeit da und machte doch

den Anspruch, vertrieben zu werden.

Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom Tafelzimmer

aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, begleitet

von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf nahm Platz vor

einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die beinahe bis zur

Decke reichte, kreuzte die Arme -- er gehörte zu den seltenen Männern,

die nicht rauchen -- und überließ sich seiner üblen Laune mit dem

Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. Unweit von ihm

in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen Lehnsessel ruhte

die Gräfin als Centrum des »blühenden Halbkreises,« den ihre Kinder um

sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig der Gouvernante und

des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen Zuhörer über die

Ursachen der Dinge belehrte.

Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben sollte, war

sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt in den großen, heißen,

durch schwere Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem

unendlichen Ruhebedürfniß ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer

werden gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und

die Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft

geschaukelt hin und her wiegten ... Lieber Gott, wer jetzt schlummern

dürfte! ... Du darfst ~nicht~, dachte Claire, deine Aufgabe heißt

unterhalten, dafür bezahlt man dich, bezahlt reichlich.

Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. Thekla,

die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die Frage:

»Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?«

Auf den Zügen Mamas malte sich Rathlosigkeit, und sie erwiderte

ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!«

»Man sagt Muhammed,« rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann war!«

Der Hofmeister räusperte sich, erröthete, nahm das Wort und bemerkte

bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu.

»_Mais pas du tout_,« entgegnete die Gouvernante, so gereizt, als

ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »_N'avez-vous pas

lu, monsieur, l'œuvre admirable de monsieur de Voltaire?_«

Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die

sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf vorgebeugt, die Hände, wie er

pflegte, in den Hosentaschen.

»Nun,« sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der

Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder

Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich

laß mir ja die Langeweil' gefallen, in einer Verdünnung, daß man dabei

einschlafen kann, aber unsere Langeweil', das ist ein Extract, das ist

eine Langeweil' wie ein Löw'; die macht einen wild.«

Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältniß

zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große

Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten

Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten,

tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die

Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie

machte die Tactlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter

zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie

sagte:

»O, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist

ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar zu

sein, und zwar zu Gunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der Mu-Partei.«

»Wie so? wie meinen Sie das?« riefen einige.

Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne sich's

erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus Dankbarkeit

dafür, daß sie sich ihrer angenommen hatte; Marie warf noch einige

kühne Behauptungen hin, die Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha

und Graf Emil, die ältesten und zugleich die stillsten unter den

Geschwistern, von denen selbst ihre Mutter gestand, daß man sie immer

nur »schweigen höre,« nahmen Theil an der Debatte.

Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen.

Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher

Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der

heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie that

es in ebenso zarter als indirecter Weise; sie vertheilte gleichmäßig

Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer

Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Oeloase

auf dem Ocean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst

das Zeugniß auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab

ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie

allein, auch die Uebrigen waren mit sich zufriedener als sonst, und

waren es demnach auch mit den Anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich

getrennt.

Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen

sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie

errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker

Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der

Graf in grämlicher, die Gräfin in schwülstiger, die Tante in kluger,

Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie

verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv.

»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin,

Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen --

ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht,

denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.«

Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch

ein sehr ernstes Gesicht machte.

»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für welche

der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern

kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz,

um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten zu

lassen.«

Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten

stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen

Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß

hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie;

zählen Sie von nun an auf mich.«

Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten

Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin

innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von

Danton angefertigt und eine große Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen

Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was

Alles in ihr gährte, Niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin,

sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie nothwendig ein

Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Oesterreich,

und wenn ~sie~ dreinzureden hätte -- Kammerherrnschlüssel und

Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer

Kindheit hatte sie »Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich

leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß

ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage

schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß

sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz

aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder

Nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch,

da giebt es keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis

desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß

ihrer älteren Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen

Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor,

im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und

zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich

vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt,

dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen

aber pünktlich einhalte.

Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte,

schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der

Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen,

und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich

dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern

in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich

glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille

Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer

einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen

die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie,

die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.«

Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die

Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung

mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that

sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht

vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei

ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen

Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine

Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe

und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer

Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne.

Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone,

gleich faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld

-- und sie wünschte nichts, als gut zu machen. was sie unbewußt gefehlt

haben mochte.

Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit

widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er

litt und sich sehnte?

Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug,

um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu

dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend

wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst

auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich

in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog,

um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht

länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war

ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte,

um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte.

Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren

strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, was

ihr ohnedies gehörte -- das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so

gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire

endlich zu schwanken begann.

Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen

Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm

Schmach angethan werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine

materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben:

seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe.

* * * * *

Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage

brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt.

Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu

gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen,

in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze,

auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die

Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus,

wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds

Besorgnisse.

Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit

demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung

ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr

ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den

Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande.

»Und was gedenken ~Sie~ indessen zu thun?« fragte Arnold.

Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt er zur

Antwort. Ein paar Lectionen geben -- zwei bis drei, nicht der Rede

werth. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und

sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf

Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu

welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der

jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt

für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie

verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann

sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das

Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und

Erhebung ist.

»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie

verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben

niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie

in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel

eines Sees nie erblickt?«

»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, in

dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie

in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett

festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte

täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann

dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig

aus ... Das ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem

geht, wissen Sie.«

Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen

durfte.

In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland

eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen

Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher

als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man

bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach

dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners.

Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem

Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen

sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen

entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand

sie -- ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben

und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug.

Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie

sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese

selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über

sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß

er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat

an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung

begrüßte ihn; Claire erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen,

auf das Emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an

einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht,

der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch

abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle

Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der

Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hülfreiche Hand.

Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf

sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig

und erröthend vor.

Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz

wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte:

Du bist das Aermste, das lebt.

Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus.

»Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur

eines Makels?«

Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste,

und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt

ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als mich anzuhören.«

Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen?

Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich Etwas

gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!«

»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe einen

unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, ihn zu verkünden. Unsere

Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde

gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst

einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen

vermag. -- Geben Sie mir ein Recht dazu -- ich fordere es.«

»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so

plötzlich an? -- Ich bin ja nicht frei -- ich kann ja nicht über mich

verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem.

Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre

Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie

die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber

war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt.

»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe

Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und

wohnen, wo Sie wollen -- am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im

grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie

in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch -- nicht wahr? ... Sie werden

diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird

sein, als kämen sie in die Heimath zurück.«

Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen

Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von

freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur

manchmal: »Träume! Träume!«

»Wirklichkeit!« rief er.

»Nein, nein -- bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit

dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte

sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von

Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten

abtragen.«

Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausbruch

seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering geschätzt, daß er

sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig

sprach:

»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas

gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.«

Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte

sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indeß die

linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf

vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen

mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf einander gepreßten Lippen

verrieth.

Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich

und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor

meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen

sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber

ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu

können.«

Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn

zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er

hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich

abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich,

heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein

empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.«

»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« Sie

war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm.

Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es

ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es

triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die

ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht --

du ~könntest~ dich losreißen, du könntest!

Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte:

»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen.

Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage

ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin -- ärmer als arm.«

»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte

eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten.

»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen

Vermählung.«

Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. »Verzeihe,« bat

sie, »ich bin undankbar gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich,

Du bleibst allein.«

»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst

unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. -- In

vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen

aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener

Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires

Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer

Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.«

»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.«

»~Wird?~« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch

nicht?«

»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und

gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind,

das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit

fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist

sie keine Sklavin.«

»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres

Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu:

»von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen

haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit

Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich --

einen Schatten von Mutterrecht wird mein Pflegekind mir zugestehen

... Ich weiß, ich weiß --« wehrte sie die Betheuerungen Claires ab und

richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.«

»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom

ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?«

Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie --«

brach er aus, »und Sie, Claire?«

»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings,

grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus

Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die -- gleichfalls

aus Liebe zu mir -- gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.«

Er ließ sich bewegen, er gab nach.

Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät -- wie sie bald mit

einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte -- ihren Gang zu

Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen

Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung

seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef

des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen

die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen,

Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten.

Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer

lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn

wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige

Vorsehung, an welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle

Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so

schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten?

... Seligkeit ohnegleichen -- ~seine~ Frau sein, seine Genossin

... Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß

genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und

Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen

erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte

...

Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher

sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und

blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen.

»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus

seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem

silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die

Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben

absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.«

Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der

That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing

sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby

einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete

auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen

langen, vorwurfsvollen Blick, senkte ihn dann auf ihren wohlbesetzten

Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem

anderen langsam zum Munde. Die Comtessen und Gräflein guckten voll mehr

oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an,

und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der Letzteren in einen

Kampf mit ihren Bonnen gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren

Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme

befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und

als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen,

wurden sie in ihre Zimmer geschickt.

Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. Unhörbar

für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die

Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die

Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne.

Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre

Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern sprach:

»Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ...

Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im Leben!«

»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« entgegnete

Claire mit wunderbarer Gelassenheit.

»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin,

ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten

ein Familienunglück an und gerathen darüber nicht einmal ein bischen

in Verzweiflung.«

Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch

außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet,

dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer

Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit

ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch

außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth

gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.«

»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt

habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.«

* * * * *

»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle

Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend.

»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet

hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen

auch, und --« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen

Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.«

Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld,

die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem

zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier?

»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns

abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der

Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte.

Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte

Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen

Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich

hastig dem Ausgang zuwandte. -- Da wurde die Thür des Speisezimmers

aufgerissen, und August erschien.

»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei

behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust

und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster aus kommen

sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade heute herführt.

Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im

Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts

übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter

Gemächer bis in den Salon zu folgen.

Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem

altmodischen, mit rothem Brocat überzogenen Canapé die alte Tante

Johanna, in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube

auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf

geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise

und Bertha, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportionirt,

mit länglichen ebenmäßigen Gesichtern, die bereits zur Ueppigkeit

neigenden Körperformen in eng anliegenden Küraßtaillen von gelbbraunem

Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber verschwand beinahe in einem

großen, tiefen Lehnstuhl der greise und winzige Chef des Hauses

Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum Fußboden gereicht hätten,

ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den Mund halb geöffnet, mit der

Neugier der Tauben nach allen Seiten hin und schien kein Wort des

geführten Gespräches verlieren zu wollen.

»Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm nieder.

»Wer?« fragte der Greis.

»Arnold,« wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend,

sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige

Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu

sorgfältig gekleidet, zu gut frisirt, den kleinen Finger jeder Hand mit

einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte.

Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen und

in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrath von abgedroschenen

Späßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfniß der Seinen gedeckt wurde,

mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die

Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende

Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen,

die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich eben

angeschickt hatte zu fliehen ... Himmel und Erde! wie schön war dieses

schlanke Geschöpf, mit den herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus

großen Augen ansah und seine tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte,

daß kein Zweifel walten konnte über ihre Unkenntniß der Absichten,

welche ihr Vater mit dem Besuch der Verwandten in Wien verband --

im vorigen Jahre wenigstens verbunden ~hatte~, als Arnold, der

Wahl, die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung

mit dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber

auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen

so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen,

entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten

singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört

als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld

_senior_ für die Millionen des Hauses Bretfeld _junior_.

Welch' ein Irrthum, welch' ein Unrecht, an dem anmuthigen Wesen

begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so

ernst -- und so jung! ... so jung! -- Welcher Contrast zwischen der

liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes

und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in

einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren, und zweierlei

Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus.

Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt,

war eine gute gewesen. -- Unglaublich nur, unverzeihlich fast erschien

ihm, daß er, der Bräutigam von drei Stunden, ein Auge haben konnte, ein

waches und scharfsichtiges Auge für die Vorzüge eines anderen Wesens

als desjenigen, das er erkoren und errungen. Indessen war ja sein

Schicksal besiegelt, und das Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen

ihm einflößte, ein rein künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich

dem Vergnügen, mit ihr zu plaudern, hin und fand die Störung höchst

unangenehm, die der Vater Josephinens verursachte, als er erschien, um

sie zur Oper abzuholen.

Consul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar

freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte federnden Ganges,

im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, röthliches, von

Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold

gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede:

»Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem

Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung

erfolgt?«

»Doch,« antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.«

»Und ihr noch nicht entsprochen?«

»Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen werde.«

»Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die

knochigen Hände.

»Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des Hauses seiner Frau

über den Tisch zu. Vincenz kicherte, Elise und Bertha sahen ihre

Männer mit zur Ordnung verweisenden Blicken an. Der Consul aber

näherte sich der Tante, küßte ihr zierlich die Hand, versprach, nach

dem Theater seine Tochter persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus

zurückzugeleiten, winkte dem Mädchen, voranzugehen, und empfahl sich,

von August und Vincenz geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der

beiden gefolgt, doch widerstand er dieser Versuchung und setzte sich

auf den von Vincenz verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims.

Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst Du?« fragte er gespannt.

»Sprich aber laut, daß ich's hören kann.«

»Hören Sie denn, lieber Onkel,« nahm Arnold nach einer Pause, während

welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das Wort. »Ich

bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen Geschwistern

mitzutheilen ...« -- die Ruhe, mit der er begonnen hatte, drohte ihn

zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »daß ich mich

heute verlobt habe.«

»Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, theils erschrocken,

theils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!«

Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der tausend

-- da schau' einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten

Fäustchen, so stark er konnte, auf Arnolds Knie. »Er macht Späße über

seine Verlobung ... dürfte bald Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie

aus, die Braut? ... Ist sie reich? ist sie schön? wie heißt sie?«

»Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.«

»Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, und

Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr.

Es entstand eine allgemeine Stille.

Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte

sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.«

»Ganz recht,« entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen

Tochter ist meine Braut.«

Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und

Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu

sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal:

»Dummer Spaß,« und Vincenz brummte: »Willst Du uns zum Besten haben?

... Du -- und eine Tanzmeisterin!«

»Das ist sie nicht ... lernt sie doch kennen ... erlaubt mir, Euch

meine Braut vorzustellen.«

Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumuthung.

August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich

seinerseits erhob. Niemals erklärten sie, werde Fräulein Dübois

ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr

einzuziehen, wiesen sie entschieden von sich. Nicht einmal einen Tag

lang sollte es heißen, die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als

eine Möglichkeit ins Auge.

»Du irrst, Arnold,« mischte Elise sich in den Streit, »wenn Du glaubst,

daß ich Deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne mich jetzt,

ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lectionen gab. Eine

verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche spielt.«

»Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so

erfahrener. O, Du Musicus! ... sich so fangen zu lassen, von einer

Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.«

»Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was wußte

er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von Natur

dazu verurtheilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet zu

werden.

Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmüthigkeit

war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz

hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen

verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir

diese Menschen, dachte der Freund des Schönen.

Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten

Streit seiner Neffen zu.

»Bleibst Du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an.

»Ich bleibe dabei,« erhielt er zur Antwort.

»Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef.

Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm in Arm

in das Nebenzimmer, wo man sie, trotz der verschlossenen Thür, sprechen

hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse gelangt, und

feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser Familienscene

zu.

»Du heirathest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis.

»Ich heirathe Claire Dübois.«

»Nun denn, Arnold, mein Junge« -- die kleine Gestalt des Alten schien

noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, eckiger

Kopf zitterte heftig -- »nun denn, so muß ich Dich enterben. Es

thut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf

Tanzmeisterkinder übergehen.«

»Es ist kein Geld wie ein anderes,« sprach die Tante, »es ist in

ehrenwerther Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerthen Händen

anvertrauen wollen.«

»Vincenz,« befahl der Onkel, »geh' hinüber ins Comptoir und bringe mir

Arnolds _conto corrente_.«

Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den Tisch,

vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen er

musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem Musicus

abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht gethan, sondern ihm die

Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel Geld ausgab für seine

Musikinstrumente oder seine Bildersammlung, sagte August höchstens:

»Bist ein Clavier- und Geigen-Don-Juan,« oder: »Schon wieder ein Bild

gekauft? Mußt immer Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.«

Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht

von dem Seinen, ich streck ihm vor. So lang' er's nicht ärger treibt,

streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.«

Der alte Herr hatte ihn ein für allemal acceptirt als den Unmündigen in

der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht selbst

dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die Dinge

an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, wenn

man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat.

»Soll und haben,« murmelte der Greis.

August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und

schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef

rechnete im Kopfe.

»39651 Gulden und 40 Kreuzer,« sprach er nach kurzer Zeit, und zugleich

legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und wiederholten:

»39651 Gulden und 40 Kreuzer.«

»Wenn ich mich bezahlt mache -- und ich werde mich bezahlt machen --,

heute Dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge,« sagte Onkel Johann.

»Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus.

»Ja, ja, lieber Junge, Du hättest das längst wissen können, wenn Du

Dich um Deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und

Dich auf den Pflichttheil gesetzt, damit August das Geschäft in der

alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« -- wies auf Vincenz

-- »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheirathet; das Seine ist

gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heirathen; das

Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme

Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als

Ehemann nicht so großmüthig gegen sie sein können, wie Du es gewiß als

Courmacher gewesen bist.«

»Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder an

mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte Dich, überleg's!

Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer blenden und

hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre Reize haben

Dich nicht verführt, Du kannst nur gefangen worden sein ... Sei doch

kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein Unglück

mehr, ist eine Schande.«

Die Zustimmung der Uebrigen begrüßte diesen Ausruf des Chefs, und

Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und ~einer~ Meinung

gegenüber befand, einer unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire

ungesehen gerichtet und ungehört verdammt war.

Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen diese engherzige

grausame Ungerechtigkeit, und stolz aufgerichtet im Gefühl seines

höheren Werthes sprach er:

»Ich bin nicht verblendet, ~Ihr~ seid es, und zwar in der Weise,

die Eurer Phantasie entspricht. Ich hätte nichts Anderes erwarten

sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den Namen Claires vor Euch

genannt zu haben.«

»Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon zum

Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, daß

die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf ihn

gerichtet waren.

* * * * *

Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg darüber,

daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht wie

sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag sie

gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben

Migräne. Bisher war Claire von diesem Uebel verschont geblieben; wie

fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit

ihr abgeschlossen, einstellte.

Von dieser Besorgniß erfüllt, begab sich die Gräfin nach der

Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor

fünf Minuten eingetroffen sein mußte.

Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby und erzählte

ihnen eine Geschichte, eine durchaus nicht traurige, sondern eine

lustige Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich

gelacht hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz

verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund

der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er

von heiteren Dingen sprach, ein unstät flatternder Leidenszug, und

so oft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und

heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und

unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire

durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu

lassen. In der Art, in welcher Mama das that, mußte etwas liegen, das

Chouchou nicht gefiel, und das er gut zu machen wünschte. Plötzlich

sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich

die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte

aber weder zu sprechen noch die Thränen, die ihr in die Augen traten,

zurückzudrängen.

Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, war

eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit größter

Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit, gerührt zu werden,

nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben keinen

Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich einen

feuchten Niederschlag, sondern krystallisirte zu Eis. Es wurde

ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über

Claire hinweggleiten ließ, ihn auf eine sinnbildliche Darstellung der

Charitas heftete, die an der Wand hing und sprach:

»Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh

fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Scene. Das geht

nicht; es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht.

Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft --

und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor --, daß sie den ganzen Tag

nichts thun als weinen.«

»Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr,

Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst

geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend

angehört hatte.

Die Letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch zu

den Worten: »Wir wollen sehen,« und schritt mit unnachahmlicher Hoheit

aus dem Zimmer.

Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte

sie heim wie gejagt.

»Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an

die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen,

verneinend den Kopf.

Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen,« sagte

sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.«

»Möglich,« erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr

gesprochen.

»Weißt Du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen.

»Es ist so: Er hat gestern seiner Familie seine Verlobung mit mir

angezeigt, und seine Familie hat die Kunde« -- sie machte einen

mißlungenen Versuch, einen leichten und scherzenden Ton anzuschlagen --

»mit geringer Begeisterung aufgenommen.«

»Wahrscheinlich.«

»Und jetzt kämpft er ~für~ mich, ~um~ mich.«

»Er kämpft? ... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie mit

fertigen Thatsachen entgegenzutreten?«

»Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die

Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, Schuld zu sein an einer

Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die

Pfade zu ebnen ... offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und

wie dank' ich ihm! ... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau

--« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten

Stolzes: »Seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es ~ihm~

gebührt, von denen, die ihm die Nächsten sind.«

An der Hausthür wurde geschellt -- Claire stieß einen leisen bebenden

Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten

kehrte sie zurück -- allein.

»Ein Diener der Gräfin Küstin,« sprach sie, »hat das Geld für die

Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in

Deinem Namen quittirt. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr

hoch gestellt gewesen.«

»Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht

unterfangen wollten, Arbeit zu taxiren,« entgegnete Karoline und

stickte weiter.

Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. Das

Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend, wie etwas

physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige Erwartung,

fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die Stunden dahin.

Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, und

kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick

nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es thäte, würde sie

einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr

malte.

»Halb drei Uhr,« sprach Frau Karoline plötzlich, »Du mußt nun fort.«

Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie

zögernd.

»Thätest Du eben unrecht,« lautete die Antwort.

Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung

zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark

überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer

Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf

den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, so lange er sie

irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zu Muthe, sein Mund bebte

schmerzlich, seine Brauen zogen sich zusammen. Er stieß den Fuß heftig

gegen den Boden, er dachte: Arme Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein

Herz, und Groll und Haß gegen Diejenigen, die nicht zulassen wollten,

daß sie glücklich werde.

Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum ersten Mal in seinem Leben

eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung mit

seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos auf

und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn

ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierher

führen und ihr sagen würde: »Tritt ein, schalte und walte, Du bist in

Deinem Eigenthum,« der köstliche Augenblick, den er sich so freudig

ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu

bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht

mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war;

sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als

er gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es

hieß Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden,

mußte errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von

den schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen

abwerfen werde, fiel Arnold nicht ein. »~Verdienen~« galt's,

beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. Aber ein

wahrer Greuel war ihm diese Weise -- schon damals, als er sie

spielend, mit der hochmüthigen Gleichgültigkeit des vielumworbenen

»_finishing master's_« betrieb. Er pflegte über die Preise zu

spotten, mit denen man den Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn

Bretfelds rühmen zu dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn

für die Langeweile des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos

durch die Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Werth legte, das

bewies die Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches

Lehramt versah. Als er sich eine Zeit lang, den Begegnungen mit Claire

zu Liebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese

Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen.

Gewesen, diese Zeiten! eine neue Aera beginnt. Der interessante, der

schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lection mehr... Wie

merkwürdig! -- Ja, er hat eine »dumme Heirath« gemacht und braucht

jetzt sein Honorar. Steht es so? -- Nun, wenn das Honorar gebraucht

wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und

mit seiner »dummen Heirath« und mit seinen billigen Honoraren sinkt

Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus

Höflichkeit »Herr Professor« nennt und -- ausschließt. Die Zeit wird

bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und ihm die

exclusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz genau, was

ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben besser, als seine

Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, daß Einer, der vom

Weltmarkt~ nichts versteht, von der Welt überhaupt nichts weiß.

Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß Alles verfehlt sei,

auch der Geliebten gegenüber, Alles. Eine glänzende Zukunft hatte er

ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in Wirklichkeit zu bieten

vermochte, war nichts Anderes als eine Fortsetzung ihrer jetzigen

Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der bitterste; die lange Nacht

hindurch quälte er sich damit, eine Hülfe, einen Ausweg zu suchen,

entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die unmöglichsten Wenn ins

Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: ~Wenn~ die Meinen

nachgeben würden! ... Die gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und

wie sie es heute gethan, würden sie es in zehn Jahren wieder thun.

Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den Straßen

umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze

Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde

zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben -- um keinen Preis

.... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er

zahllose Male leise vor sich hin.

In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er zum

Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzutheilen hatte,

nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für ihn

erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, in dem

Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, und schlug nun den

Weg, den sie eben gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein.

Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Miethwagen

überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der

Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher

auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang.

Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen.

Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte

von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und

der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen

und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke

des Gefährts, das mit ihm davonrollte.

Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der

Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das

Zimmer.

»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff

beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was

er that.

Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das

glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,«

sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich

Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird.

Ihr Onkel -- ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht

einen Bretfeld -- Ihr Onkel meldet Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht

Tage Bedenkzeit läßt.«

»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich

heute will!«

»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so

gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und

Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen

der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich

geirrt.««

»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!«

Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer

Geringschätzung.

»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter

Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch

einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben

nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen

zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie

nicht gewachsen sind.«

Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die

aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur

schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war,

entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und

ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb.

Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte Frau ihren mächtigen

Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten,

was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem

heutigen begeben hat, würden Sie es thun?«

Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht

ungeschehen machen.«

Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie

nie Gewesenes! Vergessen Sie!«

»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?«

»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, Ihr

angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire

aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine

Thorheit nicht begehen? -- ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne

wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu

zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen

Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner

Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun

Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie

sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem

Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die Ihnen

eine vergängliche Liebe, aber -- nicht wahr? und mich wundert nur, daß

Sie es nicht schon ausgesprochen -- eine ewige Freundschaft eingeflößt

hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine Wohlthat zu

erweisen! Seien Sie einmal großmüthig -- die letzte Gelegenheit zur

Großmuth, Herr -- greifen Sie zu!«

Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich

fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur

um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er

besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur

Freiheit!

»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie

Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge,

ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie

selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für

immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!«

»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!«

Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen

Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen

frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies dann nach

der Thür.

Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße

er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmuth rang und

suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil

wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst!

Nichts gab der Augenblick ihm ein, stumm leistete er ihrer stummen

Aufforderung Folge.

Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ

den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem gewissen

Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß,

trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm

aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie

ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.«

* * * * *

Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn

befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und

blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten

die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit

blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im

Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank

in immer weitere Ferne.

Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den

selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei

gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten

Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als

er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner

eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen

war. Abgethan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit

nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's

ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der

Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine

-- Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß,

göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« sagte sich Arnold, und jeder

seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung.

Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm

gehört und seines Gleichen.

Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei

dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein

leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen

wollte, mild abdämpfte.

* * * * *

Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer

leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in

tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten

und fragt sie:

»Ist er dagewesen?«

»Ja.«

»Und --?«

Karoline zuckte die Achseln.

»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!«

Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort:

»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.«

Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich

von ~ihm~ erfahren, durch Niemand anders.«

Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun

kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit

einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein

Verständniß und keine Güte.«

Die Zeit verging.

»Hoffst Du noch?« fragte Karoline.

»Ich bin so thöricht! -- Durch die Dämmerung um mich her dringt ein

Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire,

»an den klammere ich mich und -- gegen alle Voraussicht der Vernunft,

gegen alle Gesetze der Physik -- hält er mich -- hält mich aufrecht ...

Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis

Meibergs abreisen.«

Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht

aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben

zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte

er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. Und wenn

ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr

zurückkehren, fragte Claire:

»Hat er es Dir gesagt?«

»Das nicht.«

»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue

auf sein Wiederkommen.«

Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie

meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte sich

irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute

fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte,

sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten

lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine

kränkliche Lehrerin behalten?

Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls

eine Enttäuschung bereitet.

Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut

geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen

wollen.

»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles.

Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin -- sogleich wird eine

melancholische aus ihr.«

»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie.

»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche

nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch

versetzte:

»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.«

Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das

sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth

zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht.

Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh

entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause.

Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war

ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. -- ~Seine~

Botschaft! Leben oder Tod!

Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines,

lebloses Ding -- wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt

durchfliegen -- und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens.

Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am

geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen

Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft

bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die

Dunkelheit herein -- nun war es Nacht.

Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie

konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und --

riß sie langsam entzwei.

Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch

auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die

Freundinnen tauschten einige Worte, und Karoline wandte sich wieder

der Krankenstube zu. »Es giebt heute eine böse Nacht,« sprach sie im

Fortgehen; »wirst Du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?«

Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den

Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten

plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die

Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die

trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das

sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständniß

eines großen Irrthums -- der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins.

Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres

Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie

sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod

ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören.

Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung

gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten

rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht

mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten

Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand --

sie blieb gesund.

Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine

Prüfung mit noch mehr Ehren ab als im vorigen Jahr, denn dieses Mal

bekam er sogar ein Zeugniß, und die Familie reiste auf das Land.

Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches

ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in

der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die

Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke,

das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit

Kindern, als auf den mit Erwachsenen an.

Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen

Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mittheilte.

Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du Dir

die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten Stunden

aufgeben mußtest.«

»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit

Schweigen aufgenommen wurde.

Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline den

Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten

richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie

gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen

als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe,

Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun

anschickte, sie zu verlassen.

Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und

hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit.

Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name

gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen -- nebenan

herrschte lautlose Stille.

Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem

Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr

Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand.

Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt -- geblickt, ohne

zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen

Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube

erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren,

wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So

war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht

doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt

hatte?

»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort

hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus

Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der

solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat

die Macht.

Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte

mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen.

Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes

empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte:

»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen

und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben -- in

bin wohl wirklich krank.«

»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich

sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben --

Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? -- Ein Glück, das in Deinem

Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu

Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen

als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und

gehst aus dieser ungerechten Welt.«

»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort:

»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen -- wie viele von ihnen

haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal ~nicht~

gehabt? wie viele haben ein schlimmeres erfahren? -- Nun, sie leben,

sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl

auch die Anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie

... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber -- ich sage Dir, beuge

Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! ... Du lässest die

Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; Du hättest hier noch

Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges

Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel -- Du gehst ... und

-- kannst gehen.«

»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um

Schonung.

»Und ~kannst~ gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich.

»Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für Deine Aufgabe, die meine ist

gethan. Komm, überzeuge Dich.«

Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit offen

stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine

regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das

Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes

Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des

Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare,

die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire:

»Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick

ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, ~so~

kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« -- legte

den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust -- »nicht zu

hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große

Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an, wie den!«

»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes

und thränenlos in Schweigen verharrte. -- »Was meinst Du? Willst Du zu

warten nicht wenigstens versuchen?«

Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von

dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich

will's versuchen.«

* * * * *

Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten

aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt

zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer

gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen und

endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine

feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr alte

weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern

und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für

Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und

Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben.

Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer

Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit

zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas

vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.«

Nach dem Tode.

»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das

grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden

hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie

behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in

meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich

niemals kennen gelernt habe.«

Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges

Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond

empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere

Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte

er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich

darauf gefaßt: dieser Tage -- morgen vielleicht, kommt er, wirbt um

Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«

»Möglich, möglich.«

»Und -- Sie?«

»Und ich fahre nach Wildungen.«

»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst

triumphirend aus. »Sie werden zum ersten Mal die Langeweile, am Ende

sogar die Sehnsucht kennen lernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines

Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und --« er richtete sich auf --

»die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft,

angeboten habe. Seien Sie aufrichtig -- setzte er hinzu: »Könnten Sie

wohl etwas Vernünftigeres thun?«

»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam -- »schwerlich.«

»Nun denn!«

»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von

Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«

»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison

hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen -- Sie und ich!«

Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf

ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken,

einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren

Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«

»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter.

»Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu

ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen undankbaren Phaon,

irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zu

Muthe wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho, oder --

wie Dido, im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich

das vor!«

»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst.

»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere

Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal

lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört zu den

größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen,

wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleine

Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn wir nur wollen

und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu werden.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 29 / 33 题