In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein
schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner
Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs
Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste,
eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig
erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen
Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen
einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein
hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der
Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen Lection
des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer
munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und
sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten,
spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er
und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden Weise, in der sein
Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen es bald nicht mehr bei
einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch
ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« -- »Guten Tag,« -- und
schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« -- »Guten Tag,
Herr Bretfeld.«
Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt.
-- Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße.
Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden
Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein,«
worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach
mir.« -- »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und erschrak derart
über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz
verlegen aus dem Staube machte.
Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen
Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das
Arnold Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte
er ein unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte:
Was hab' ich denn? -- kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit,
die Du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden
Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem
er sich so schrecklich blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen
kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der
Clavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete
dastehen sah. Er half ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe
befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig
leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den
fallenden Schnee.
»Fräulein kommen von Hause?«
»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.«
Drei Lectionen! -- Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch
Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so
nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem
die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden.
Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie
ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den
Zimmern ihrer Schüler führte.
Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt
hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im
Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und
schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide.
»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus
gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige
entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen
vermöchten.«
»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu
sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und -- zu sehen.
Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der
bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er
sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein,
und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau.
Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin L.
und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die
ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein
geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends,
während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor
dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois
vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd,
ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem
Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er
laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!«
Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats.
Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst
gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem
Portier.
»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen
haben heute frei.«
»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch.
»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.«
Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie mit dem
Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die
siegelversehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines
Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden.
»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?«
fragte das Mädchen nach einigem Zögern.
»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine Loge.
Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel
langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie
stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen
herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen,
die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen
schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft.
»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires
Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien
zuzubringen. -- Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den
fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete.
Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze
Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte.
»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht
einmal ein Parapluie!«
»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem Lachen, das ein
wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war
so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?«
»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm
auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur
Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen
Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis zu einer
Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten
Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte.
Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch Muße
genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in
den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares
war: _Monsieur et Madame Dubois_, Professor und Professorin der
Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die
in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich gewandert
waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein
ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre
Ersparnisse -- dem Bruder Dubois nach Frankreich zugesendet und von
diesem verwaltet -- war allmälig zu einem Capital angewachsen, von
dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen,
in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte,
und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung
war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im
Begriff, abzureisen -- da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr
seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt,
ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es
anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr
allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet
hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und
versucht womöglich von vorn anzufangen.
Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister
und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große
Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich
so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie
bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es
war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den
nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide
vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb.
Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken,
war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers;
die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten,
an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als
Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte,
die ersten Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine
Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt
zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte
seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung
von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing
ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen,
den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf
angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über
ihn! -- wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und -- in traurigen
Verhältnissen, wie es heißt. -- Unfaßbar eigentlich, die Leute haben so
viel verdient. -- Die Frau soll sterbenskrank sein. -- So möge der Mann
doch daheim bleiben und sich pflegen.
»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili;
»nimmst Du ihn wieder?« -- »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur
Pombal engagirt.«
Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es sich
von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe thun,
und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen.
So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es
wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen
und den Vorübergehenden mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut
entgegen zu halten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht
seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen
Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die
Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit
einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter
Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl
sie, verschaffte ihr Lectionen.
»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt
mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen -- ach nein, ich war und
aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin --, sondern weil ich
immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten
Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine;
meine Lustigkeit, die gab uns Brot.«
Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher
gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den
Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu
erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.«
»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?«
»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht
von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage.
Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder auf ihn. »Sie
wissen nun,« sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen
Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.«
Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in
welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung
klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen.
Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur
ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang,
eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht
um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender
Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In
Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum
ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und
ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem
Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der
sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn
ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im
allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird,
gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn
ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu
rechtfertigen.«
»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude
leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches Wort zu hören, wie wohl thut
das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt:
Ich bin's!«
Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine
Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? -- Nein,
die waren todt. -- Geschwister? -- Ja, zwei Brüder; beide verheirathet,
Geschäftsleute durch und durch.
»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er.
Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig denken
zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des
ehrenwerthen Hauses Bretfeld.«
Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen
seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es
davon abzubringen.«
Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre
Kämpfe gehabt?«
»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, seitdem
es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.«
Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte
munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte,
indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der
Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich -- ihre Unwissenheit.
»Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, was ihre Mamas so
freut, denn die meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß
Lernen dumm macht.«
Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und
mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit
an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen
wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief
beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter
dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen
Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und
eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan.
Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie
nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und
in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine
Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das
scheinbar Leere geschaut.
* * * * *
Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung
zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren
immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so
amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud
sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn
sie »nur einige Damen« hatte, und zu ihren Eltern, wenn ein Partner
zum Boston fehlte. So lange Claire im Salon verweilte, wurde sie von
allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas
zuvorkommender höchstens. Ueber die Schwelle des Salons jedoch reichte
die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte,
wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte
mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine
Prätentionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines
Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben.
Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen
Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß
Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten
Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus
der Gesellschaft davon zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen.
Ohne Abschied war sie mit einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer
den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so
rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park,
dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein
Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten
Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte
sie noch nicht gekannt -- und nun plötzlich lernte sie beide kennen.
Eines Abends -- es war kurz nach der Promenade unter dem seidenen
Dach ihres Collegen Bretfeld -- bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang
des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils
größerer, theils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen
blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks
war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen
Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie
rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause
angelangt, das Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es
warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an
der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen
Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie
anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien
stehen geblieben zu sein -- und zu warten wie sie ... Vielleicht auf
das Oeffnen des Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen,
ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der
zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten
Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so
regungslos an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger
da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während
sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im
Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine
Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen.
Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, so
oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem
geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen
war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger
gefallen zu lassen.
Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war
zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die
Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den
feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen
Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie
stehen, wandte sich um und sprach:
»Herr Bretfeld -- was soll's? -- Das muß ein Ende haben.«
Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so,
entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er:
»Mein Fräulein -- nein!«
»Wie so -- nein? Was heißt das?«
»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends
Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen -- in ehrerbietiger Entfernung,
wie bisher.«
»Und wenn ich es Ihnen verbiete?«
»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. -- Habe ich mich Ihnen
lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu
bedeuten gesucht: Ich bin da? -- Sie hatten bisher die Gnade, mich
nicht zu sehen -- fahren Sie so fort, mein Fräulein.«
»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.«
»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie --!« Wie unterdrückter
Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie
weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen -- um meiner Ruhe
willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen
Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne
es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr
unangenehm.«
»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire.
»Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.«
»Und was!« rief er freudig.
»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von
heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.«
Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her.
»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich
gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.«
»Meinen Freunden? -- meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich
unterhalte ~mich~? kommt das in Betracht? bin ich auf der Welt,
um ~mich~ zu unterhalten? -- die Anderen höchstens. Nun, das wird
tagsüber besorgt -- am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren
ruhen. Es soll fortan geschehen.«
»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus.
»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?«
»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und
Ungeduld; und -- ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen -- zufrieden
heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus,
schläft wohl schon sanft und süß, oder -- ich folge Ihnen, ein getreuer
Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!«
»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet.
Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf
meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin
eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann
mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich
warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre
gute Meinung, und: Es bleibt dabei. -- Warten Sie nicht mehr an der
Straßenecke wie ein Commissionär -- ich komme nicht!«
Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die
Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte.
»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig.
»Nicht später als morgen.«
»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in neuester Zeit kaum einen
Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel
von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte
schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir -- ~wollen~
Sie auch nichts wissen?«
Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem,
der sie gestellt, lächelnd empor und sprach:
»Was war das nun? Scherz oder Ernst?«
Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft
schien: »Wählen Sie!«
Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der
einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu
sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange!
»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs
und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht
leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir
gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns
nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.«
»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?«
»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen mir
schon sehr.«
»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine
Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr ruhten. »Ich will nicht --
ich kann das nicht brauchen, daß mir Jemand gefällt -- ich habe andere
Sorgen.«
»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an -- ich habe ein
Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche
Sorgen, Fräulein?«
Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen
und sagte endlich:
»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine
ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen
abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr
Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen
gedrängt haben.«
»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll.
»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer heucheln
muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ...
Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen
Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch
nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist
mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges.
Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit,
in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer
... heiter scheinen -- ich ~mußte~ es können, aber ich verachtete
mich, daß ich's konnte. -- Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich
erlebt habe? -- Als ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei
denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden,
da lag meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein
bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde, -- das verschmerze ich nie.«
Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein
Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone fort,
»ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte
wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die
Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine
Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ -- wir
~mußten~ sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und
man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute --, von mir getilgt
werden sollten. Daran arbeite ich nun.«
»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein
werden, stehen Sie vor nichts?«
»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund
und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum -- der
mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, Herr
Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.«
Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich
eben verbeten hatte.
»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm' ich
mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!«
»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen,
das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen.
Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem
es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er
ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.«
»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ...
sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf
Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.«
»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn
umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?«
»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch
an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind
Sie fortan nicht mehr ...«
Schutzlos! -- Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit
Entrüstung nach und fügte hinzu:
»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese
Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.«
Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war
zurückgetreten -- aber -- mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit
in seinem Gesicht!
Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und
sich elend zu fühlen schien.
»Herr Bretfeld --« begann sie. Da schlug die Uhr vom nächsten Thurm
Zehn und dann ein Viertel nach Zehn, du guter Gott! -- »Herr Bretfeld,
leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit
einem schweren, pochenden Herzen.
* * * * *
Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm
aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte
Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu
tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt.
Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold
schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als
das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer
eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig
bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig
Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls
gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde
sprachen:
»Fräulein Dübois!« -- »Herr Bretfeld!« -- »Können Sie mir verzeihen?«
Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es
plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und
die Erde war schön und das Leben leicht.
»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das
habe ich durch meine Rauheit erst recht heraufbeschworen. Statt an
nichts Anderes zu denken, als an meine Schulden, habe ich fortwährend
an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr
College!«
»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll
er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht
sich von selbst.«
Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die
aus?«
»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem
Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich,
Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie,
Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.«
»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr
Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.«
»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern
wird.«
»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen -- auf Ihre Gefahr!
... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.«
So sprach Claire am Mittwoch.
Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der
ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln.
Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie
empfunden habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr!
Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein
Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du
später oft so leichten Herzens aufgeben konntest.
Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang
aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der
Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang
und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte
wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und
die Geliebte stand vor ihm.
Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm
bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb.
Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. Er
hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als
er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch
schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger
Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus.
Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine
Enttäuschung.
»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um
Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, an
Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.«
Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster
eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische
saß.
Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen,
faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch
dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte.
»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,«
nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich
dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu:
»Meine Freundin und zweite Mutter.«
Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar
hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur
Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du
werth? Du bist wohl nichts werth.«
»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« nahm
Frau Karoline das Wort -- und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu
Deinen Augen -- »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen
habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst
freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.«
Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein
gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren
jeder einen Verstand für sich zu haben schien.
»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. »Es
wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen sollte.«
»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, die
für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte.
»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir
die aus dem Spiel -- Du weißt, was ich von ihr halte.«
»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte Claire.
»Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und
Gefallsucht.«
Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen
scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich
werde mich bemühen, aber -- aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung.
Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der
Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen,
die Ihnen dieses Wort bedeutet.«
Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von
der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von
Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber
saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten
Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden
Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. -- Arnold war
Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf dieser
Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben -- Gedanken,
die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach
den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet
auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist,
und wenn die Fähigkeit zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den
Menschen bestimmt, so ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen
zukommt.
Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte
ein förmliches Verhör:
»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?«
»Ja.«
»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?«
»Nein.«
»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, denn
ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.«
»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.«
»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. -- Compositeur sind Sie
nicht?«
»Leider nein.«
»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder
glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt,
zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders
musikalisch zu erfinden -- nichts verweichlicht und erschlafft so sehr
und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene
Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen,
sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom
hundertjährigen Familienbrauch?«
»Jetzt nichts mehr.«
»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹
ist die Devise des Hauses. -- Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren
Verwandten?«
»Auf ganz freundschaftlichem.«
»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft -- Sympathie, die
gleichen Interessen?«
»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch
die des Berufes nicht sind.«
»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem
Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir
verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns
fremd ist.«
»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die
Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir
zusammentreffen.«
»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden sind
wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? -- Nein, Herr. Die Kluft
zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und Erwerb,
ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden
bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.«
Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber
Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr
vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man
bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen?
Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein
leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein
wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und
ängstlich ein alter Mann herein -- eine Erscheinung von auffallender
Schönheit.
Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige Farbe
desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der
Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse
niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß.
Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen
Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die
es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht.
Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur
noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen
Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren
beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit
klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!«
Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, und sobald
Jener das gewahrte, gerieth er in Bestürzung und begann zu winken:
»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! -- Was fällt Ihm ein? Karolinchen,
sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...«
Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und
sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu
verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.«
»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,«
entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten
Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf
Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so -- so ist's
recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?«
Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht
strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den
äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe.
»Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!«
»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere
in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger
Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune,
denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!«
»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, die blaue,«
sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit
einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos
hinwegführen.
»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit Arnold
allein geblieben war.
»Irrsinnig?«
»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange
leben.«
»Gott geb's unter solchen Umständen!«
»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel
wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für
ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.«
»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich
besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt
sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht
gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?«
»Ja, ja, das hat sie gethan.«
»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß
als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er
selbst freilich für ein außerordentliches hielt. -- Stimmt das?«
»Es stimmt.«
»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt,
hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten
Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner
Compositionen. Ich habe selbst einmal solches Monstrum zu Gesicht
bekommen.«
Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich
Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der
martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß
gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und
den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die
Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen,
verlassen. -- So war es doch?«
»Ich glaube.«
»Sie wissen es nicht?«
»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn,
mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr
bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und
Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen
wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.«
Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches
Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk
erschöpft heimkehren!«
»Was denn -- warum denn?«
Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und
blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen
Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er.
»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire.
Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist
das eine Erholung?«
»Ja -- jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen muß
die ganze Woche hindurch.«
Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie
lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt,
und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte
aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist
mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe Deine Seele und
will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein
Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher
Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein.
Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung,
daß man mir vertrauen darf?«
»Ich bin der Meinung.«
»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten
Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?«
Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg.
»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das
ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre
Neigung zu gewinnen -- Claire, theure Claire.«
Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über
denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre
hinein. Und diese kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen,
und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war
erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und
Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein
bergendes Obdach zu errichten.
»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen
mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.«
»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er
stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen
denn ganz gleichgültig?«
»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben
darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. --
Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?«
»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn
ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich
Ihnen so schön gestalten will!«
»Aufleben -- für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir
gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das -- ich weiß,
was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht
nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das
keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen
und Schlechten -- das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein
Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie dringender fort, als er sie
unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine
Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich
mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!«
»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.«
»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.«
»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes
Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr
Leben -- um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich
selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen
Ueberfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.«
Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte
sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da
machte er eine rasche Bewegung -- von einer Seite des Tisches fiel
polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über
den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer
ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte.
Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen
Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. »Wir sehen uns wieder, morgen.
Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten
Sie nicht auf mich,« bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der
Thür.
Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach
der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das
Schloß von innen versperrt worden.
Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen
vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostesworte
murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger
Schritte.
In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires
Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der
widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er
von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung
dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire -- ja, ja, sie hatte Recht
gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte -- Erbarmen
war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte
dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte
Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem
armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und
Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas
so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, es vollbringen zu können,
siegte zuletzt über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte
ihn mit stolzer, mächtiger Freude.
Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und --
verzieh er sich.
* * * * *
Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend
wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine
Unterredung zu gewähren.
Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit
unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold
durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten,
mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt.
Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein
wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin
verliebt hat.«
»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn
nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.«
»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja
doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei,
Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren
Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort
mitzureden.«
Arnold verbeugte sich beistimmend.
»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.«
»Darf ich um Gründe bitten?«
Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht
glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube
aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein
Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für
Claire, und Claire taugt nicht für Sie.«
»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe
werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es mich
sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt.
»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe unverändert.
Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen -- Sie errathen, wer
es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da -- jeder
Strich paßt -- nur der Gesammteindruck, den das Ganze auf Andere und
auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste
aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. -- Ein Glückskind, sage
ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum
jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen,
in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder
mit Heimathsrechten aufgenommen. Ueberall wird ihm gehuldigt, überall
ist er in entsprechender Weise maßgebend.«
»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie
erweisen mir zu viel Ehre!«
»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden
Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren,
die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der
zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind
keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal
für unwiderstehlich, weiß es und -- bildet sich nichts darauf ein.
Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch
unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist
entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das
seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig
Anderen -- nur er wird gesehen, man hört nur ~ihn~ --«
»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,«
wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht
so ... Wenn es aber so wäre -- ganz oder wenigstens ein bischen, mit
welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus
machen?«
»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben sie
eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich
gebaut ist, ertragen zu können?«
»Wie kommt das hierher?«
»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine
Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern
würde,« versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold
rief:
»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus
nicht an.«
Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese
Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben
Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch
hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis
aufnehmen wird?«
»Ohne Weiteres -- nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber
meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen.
Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen für mich
geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten sie, dann fügten
sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz
bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr,
verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort.
»Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire
gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire,
ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines
Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als
die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten ... Ich
will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will
an der Seite Claires im Frieden meiner Hausgötter leben und meine
Kinder, wenn mir solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.«
Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht
aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor:
»Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt!
Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß
Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. -- Herr, Herr!
Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!«
»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze
der Natur zu folgen?«
»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre
Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden Einzelnen
von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu
ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein
schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt -- ein räthselhaftes
Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam -- manchmal
unsäglich blöd ... Ja, die Natur -- der Natur muß man folgen!« Sie ließ
ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichts
herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man
muß ~nicht~,« sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich,
»wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals
thun, was Alle thun.«
Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der Baronin, die ihm
als thörichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte
Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien,
sprach Arnold zum ersten Mal zu dieser Frau im Tone ironischer
Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraus haben wolle vor
seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche,
als das des nächsten Besten.
Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam
wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube
herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür des
Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden vernahm.
Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich
befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des
eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig
angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und
ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank,
ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel;
daraus bestand die ganze Einrichtung.
Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu
unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im
Zimmer Fräulein Claires befinden?«
»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis dahin ist es mein
Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen
Speisesalon,« entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln.
Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit
erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war
für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit
der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in
Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus
genoß er ihr Entzücken.
Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts
weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter
hier zu erwarten?«
»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben -- ja.«
Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun
hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im
Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken.
Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als
hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich
überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin
noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er
schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging
er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen
hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten
Lieblingsparadoxe zum Besten -- Alles vergebens. Die unerbittlich
ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichthums
wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick
sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet,
das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar
von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es
ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen
haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und
die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders
aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Aehnlichkeit mit denen
des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden
Eindruck auf Arnold gemacht hatte.
»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin
erwiderte:
»Schlecht gemalt -- von mir gemalt. Meine Kinder.«
»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...«
»~Waren~ --« fiel sie ein, »es ~waren~ meine Kinder -- ja.
Beide todt. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich
so viel wie todt.«
In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber
Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen:
Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er
eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen ist dem Kind
verziehen, das sich von Dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur
Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme
für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb,
nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin.
Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der
wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre
Schutzbefohlene der Stärkere sei.
Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen
Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das
Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und
blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten
Besucher erblickte.
»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen
hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine Conferenz
stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu.
»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz gehabt.
Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder bleibt bei
seiner Meinung.«
»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich
bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold.
Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber
und ihre starrsinnige Freundin und ließ sich dann vor dieser langsam
auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten
Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach sie, »gestern habe ich ihm
Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der
keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun wir, was uns als solchen
zukommt, geben wir nach.«
Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach
aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend
fortfuhr:
»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber,
sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der
noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will.
Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der
Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben
ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns
aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus -- wer weiß, wie bald!«
Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, neuen
Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er
erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu
besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire
außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit
ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen.
* * * * *
So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie
erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise
liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen,
Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich
deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich
hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch
welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles
Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie sich:
Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese
Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen,
schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem Vertrauen.
»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem
Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz
allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich
betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm
genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens
aufrichtig und beseligend -- es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich
sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller
Menschen.«
»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie
Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine
Rolle, nur besser als Du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu
halten, wofür er sich giebt, und das gewährt ihm ein außerordentliches
Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin,
die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der
Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte
aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds, und ...«
»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort
heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.«
»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,«
versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that
der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag
fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn
ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht
zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß
sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem
Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander
so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er
durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen;
er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte
sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen -- etwas mehr
vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre.
Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein
einziger bittender Blick würde Alles gut gemacht haben. Kaum bemerkt,
und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen
Trübungen. Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der
Glaube an seine Liebe ihr erschlossen.
Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem
ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte
ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt,
ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie
Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher
für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause
Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug
dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde.
Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu
nehmen. »Laßt Euch auch einmal Etwas einfallen, über das ich lachen
kann,« sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da
wie die Bilder ohne Gnad', zerstreut mich und die Mama.«
Im Herzen der Gräfin stiegen, bei solchen Aeußerungen ihres Gatten,
Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, sie hätte
das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer christlichen
Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin Eveline, machte
sie das Geständniß: eine Fremde loben hören auf Kosten der eigenen
Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig.
»Nu, nu,« lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.«
»Man kann es nur so nehmen,« versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf
wahrlich Niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber
die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt
mich -- ich finde keinen besseren Ausdruck -- traurig.«
Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer Gründe
finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch jetzt
sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsere Kinder langweilig sind,
und daß Claire unterhaltend ist.«
Nun rollten die Thränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den
wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen
über ihre Wangen. »Ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß
meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr,
als ihr Vater gelernt hat,« sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe,
Du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so
Vieler von uns nicht theile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der
gesunde Menschenverstand verloren.«
»Weil --« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich nicht
unterbrechen.
»Das liegt mir ferne,« setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder sollen
sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich ihnen
die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.«
Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch
müsse man zugestehen, daß aus all' dem Ernst ein Mangel an heiteren
Elementen im Hause entspringe, und daß es klug und politisch wäre,
diesem Mangel abzuhelfen.
Eine lange Berathung zwischen den beiden Damen entspann sich und
brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den
nächsten Tag bestimmt wurde.
Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde sie
sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld
empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an
dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen.
»Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen,
eine Bitte -- ich falle gleich mit der Thür ins Haus,« begann sie, und
ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns
sind,« vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre
Stimme um.
»Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin,« erwiderte Claire, »daß ich von
Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.«
»Und das wird immer so bleiben! Sie thun uns so wohl mit Ihrer
Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so nothwendig bei
unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!«
»Es ist mitunter schwer,« lautete Claires nicht ohne Vorbehalt
bestätigende Antwort.
Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an,
wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten
erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren,« sprach sie, »und
Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist,
besonders uns -- ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger
zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie
und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?«
Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und die
Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem
Emil zu Liebe, der seine Maturitätsprüfung macht -- noch einmal. Im
vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister.
Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüth -- und so
ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugniß der
Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren
denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so
traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir thun's, wie gesagt,
wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem
heiteren Element im Hause besonders beklagend.«
»O, Frau Gräfin,« rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen
Schüler, zählen die für nichts?«
»Doch -- ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen,
und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa
und Mama ihre Enkelinnen von den Aufgaben wegrufen und äußern sich
mißbilligend, wenn die armen Studienmüden nicht belebend in die
Conversation eingreifen oder der Whistpartie ihrer Großeltern nicht mit
der Spannung folgen, die verlangt wird und verlangt werden darf, und
das ist --« Die Gräfin hielt inne, erschrocken über die Voreiligkeit,
mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen so tiefen Einblick in
ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem Auge einer doch Fremden.
»Ich hoffe, Claire,« sagte sie erregt, »daß mir Niemand Geschwätzigkeit
in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen kann, ich rede zu Ihnen
wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, lassen Sie mich nicht
weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, verstehen Sie mich.«
Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu können,
worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und so glücklich
war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen, und daß Alles
abgemacht sei, und Claire bereit, außer der Stunde, die sie täglich der
jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen regelmäßig den
Nachmittag zu widmen.
»Den ~ganzen~ Nachmittag, Frau Gräfin?« sprach Claire betroffen,
»verzeihen Sie -- um das handelt es sich?«
Unbegreiflicher Weise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch'
ein Wort! -- O, liebe Claire, wir Zwei werden mit einander doch nicht
handeln, o, nicht einmal rechnen!«
Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden
Nachmittag drei Lectionen zu geben.«
»Drei Lectionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das
nothwendig?«
»Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.«
»Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab;
arrangiren Sie das.«
Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin sich
in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene
Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz
widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft,
überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem
Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als
die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou
und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten
auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide
geschwollene Augen.
»Warum kommst Du nicht?« fragte Chouchou, der Aeltere. »›Mir‹ weinen
schon so lang, ›mir‹ haben sich gefürcht, daß Du nicht mehr kommst.« Er
stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus.
Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn ich werd'
groß sein, und Du wirst klein sein, werd ich Dich anbinden bei uns im
Zimmer, daß Du nit mehr fort kannst.«
»Sehen Sie, wie Sie geliebt werden,« sagte die Gräfin, rief ihre Kinder
zu sich und theilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen Tag
bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und
ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen
Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht
neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen.
»Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es
sich von selbst, daß ich sie bringen werde,« erklärte sie mit einer
Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte, selbst ihre Freude
zu haben. »Es giebt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Consideration
sind, und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu
vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll
man können ... Nicht nur entsagen -- so im Großen« -- sie schwenkte,
indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand -- »auch im Kleinen
muß man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für
mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine
Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Cassier
thut Einsprache, und ich -- verzichte.«
Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, und
brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren
Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine
geschmackvoll decorirte Glasthür von dem Schreibzimmer, in dem man sich
befand, trennte.
Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende
Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire
fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm,
mir unterhalten sich hier nicht.«
Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und
verkündeten Jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt
an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys
englische Bonne zogen bei der Kunde, die erste ein schiefes und die
zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die Beiden, die sich
schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die
Lection begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen.
Die Tante war die Erste, die sich einfand, um Claire mitzutheilen, daß
die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte
von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen
Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des
Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen
eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten
Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete,
mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so
eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen.
Ein herzgewinnendes Paar! ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen
und Höflichkeit. Mann und Frau von ganz gleicher Größe, beide hager
und lebhaft, beide altmodisch, aber fein und sorgfältig angethan.
Sie rühmten sich, in ihrer fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige
Stunden getrennt gewesen zu sein, und waren einander ähnlich geworden
nicht nur im Benehmen und in der Sprechweise, sondern auch im
kindlichen Ausdruck ihrer fein geschnittenen Gesichter.
Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu küssen,
zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung gestattete, ihr
Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die rosigen Lippen der
Knaben ab.
»Nur aus übler Gewohnheit,« sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, weil
ich glaube, daß es nothwendig ist.«
Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit liebenswürdiger
Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle
Gesellschafterin,« rief er, »_demoiselle de compagnie_! Wir
wollen uns gleich unseren Antheil versichern an der Gesellschaft der
Gesellschafterin.«
Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie täglich
zum Thee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die
schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden
mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur
keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte
Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie
müssen nach dem Whist noch mit Jedem von uns eine Stunde lang Wolf und
Lamm spielen. -- Aber, Christine, wir verplaudern uns,« wandte er sich
an die Gräfin; »die Pflicht ruft -- die unterbrochene Schachpartie will
beendet werden.« Mit gutmüthiger Ironie blickte er auf den Tisch, der
mit den verlockendsten Rechenspielen bedeckt war, und sprach fröhlich
lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt was! ... Wenn man in der Jugend
nicht zählen lernt, kann man im Alter nicht spielen.«
Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.
Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde
empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich
wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe
und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen.
»Gewöhnen Sie ihnen das todtschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's
zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen,« empfahl er ihr, stete
die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und
fragte dann, ob Etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire
verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf:
»Hätt' mir's denken können! Ich brauch' von meiner Frau nur zu hören:
Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt ...
Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben
Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie
nicht, überrumpelt -- und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt
ein Brief von Ihnen, in dem steht: Ich entschuldige mich, kann nicht
annehmen, bin überrumpelt worden. Aber hören Sie, thun Sie das nicht,
warten Sie auf einen Brief von mir. Von Nebeln und Schwebeln wird
nichts drin stehen, aber wie Sie dran sind, das werden Sie wissen.«
Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf
Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer
»Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte.
Der Antrag war so vortheilhaft, Claires Ueberraschung so freudig,
daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue
Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an
ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher
eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des
Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie
jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen.
»O, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut aus,
und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge in der
Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor sich
hin:
»Gepriesen seien Deine Schulden.«
In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. Claire
brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen Willen, um die
Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der
Stunden zu bewegen, und um es möglich zu machen, aus den Häusern, die
aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden.
Indessen -- schwer oder leicht -- Alles das gelang; was Claire
aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung
Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Uebereinkunft, die sie mit
Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine
Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr
den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die
ihm gegenüber so viel Unabhängigkeitssinn bewies.
An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuths geworden zu
sein.
Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran,
dies zur Kenntniß Derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn
kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe
im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er
ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und
sprach:
»Herr Bretfeld, was heißt das? -- Verderben Sie mir die Laune nicht,
Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier
als heiteres Element verdungen.«
Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, ihre
Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der sich
zu lächeln zwang.