Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie. --

»Sie haben doch nicht ganz vergessen,« sagte er leise und innig, »daß

Sie einst die Braut eines Poeten waren -- aber ich bin keiner mehr.«

Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte

ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb

von der zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis

zum Morgen in einem Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich

wieder im Besitz derselben gesehen, und ihr wurde nichts weniger als

froh zu Muthe, als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß, dem leeren

Schranke gegenüber.

Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch längere Pausen

als gewöhnlich, hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht im

Stande, ein befreiendes Wort zu sprechen.

»Was fehlt Dir?« fragte Lotti.

»Brave Gesellen,« antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist nichts

an den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie

können nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist,

wohin gelangen wir? ... In fünfzehn Jahren giebt es in der ganzen Stadt

keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.«

Das war nun freilich sehr traurig, aber daß ihm die Sache so völlig

seine Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein

gewann, nahm Lotti doch Wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu

fragen: »Was fehlt Dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid.

Seit dem Tage, an dem sie ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds

gleichmäßig heitere Laune dahin. Wie von jeher widmete er Lotti seine

ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fern zu halten, blieb

immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei alledem äußerte

sich doch manchmal, und gewiß ganz gegen seinen Willen, etwas wie ein

stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren

Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld

niemals unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern

und staunte im Stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen

war.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 24 / 33 题