»Ich liebe sie,« fügte er hinzu, und wiederholte: »Ich liebe sie ...
Wie kann das sein? denken Sie vielleicht, sie theilt ja deine geistigen
Interessen nicht -- -- ein Kind, Theuerste, thut das auch nicht, und
man liebt es doch. Sie ist das meine. Ein anderes wünsch' ich nie zu
haben, denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen, und das -- Sie
begreifen, dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er unterbrach sich:
»Immer mahnt es wieder!« rief er heftig aus und versank in Schweigen.
»Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger Zeit.
»Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht, bedeutete
mich aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner
Clienten schießt einen Theil der Summe vor, die ich erhalten werde --
wann? ist wohl noch nicht bestimmt ... Morgen soll der Kaufcontract
unterschrieben werden, in acht Tagen reisen meine Schwiegereltern
ab ... ein Schmerz für Agathe -- ich möchte die Thränen nicht sehen
müssen, die sie bei dem Abschied vergießen wird ... Ist der aber
einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen ... dann wird
sie erst mein alleiniges Eigenthum ... Lachen Sie mich nicht aus,
Fräulein Lotti, -- wenn auch noch so viel Grund dazu vorhanden ist
... die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn und der meine scheint mir
unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.«
»Um so besser, lieber Freund! ... Sie haben mir da eine Menge Dinge
gesagt, die mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt' ich
eine leise Sorge nicht unterdrücken, daß Ihre Frau, noch so jung, so
außerordentlich schön, und gefeiert, wo immer sie erscheint, sich
vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen
Leben nicht begnügen würde.«
»Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen Sie
uns, kommen Sie, und bleiben Sie lange bei uns. Ueberzeugen Sie sich,
ob ich recht habe zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren
Element. Etwas viel Sport werden Sie finden -- sich vielleicht wundern,
daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt,
die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein, Beste -- das
werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr die höchsten sind, sind
sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein Leben, aber nie
um mehr ... Ich wollt', ich hätte keine andere Begabung jemals in mir
verspürt, als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder
Jäger zu werden. Bei Gott, das wollt' ich ...«
Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So ist
es« -- murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.
»Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.«
Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, und
werden Sie gesund.«
»Gesund?«
»Ja wohl. Jetzt sind Sie's nicht.«
Sie blickte mit der besorgten Theilnahme einer Mutter in sein Gesicht.
»Eines sagen Sie mir noch: wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?«
»Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirthschaft studiren.
Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der
Schule verfolgen. Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge
betreiben. Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde, will ich
wenigstens versuchen, etwas Vernünftiges zu thun.«
»Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?«
»Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das läßt sich
nicht wieder gewinnen.«
Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von Neuem zu
umweben begannen: »Auf Wiedersehen! ...«
»Auf Wiedersehen, lieber Halwig ... Noch etwas muß ich Ihnen sagen ...
Denken Sie sich, es wären Monate vergangen -- Sie haben ausgeruht,
haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden, daß die Welt schön und
das Leben etwas werth ist -- und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu
tönen wie einst. Sie lauschen den Klängen, Sie wollen nichts, als sich
umspinnen lassen von den lieblichen Harmonien, und festhalten, was
die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zuthun, fast ohne Ihr Bewußtsein,
strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von denen, wie die
Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht mehr
anhören mag und die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches,
ein so ganz unpraktisches, muß es sein. Die Stunde, Freund, in welcher
~dieses~ Lied Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt.
Sie wird kommen. Ich will einmal Kassandra sein und prophezeihen, aber
lauter Gutes ... Und jetzt gehen Sie. Auch ich bin erstaunlich müde und
ruhebedürftig.«