Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler eine
feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C. B. Fischer,
Agenten des Hauses F. O. Wagner-Schmid in New-York in Gegenwart der
Herren G. Feßler, Uhrmachermeister, und W. Schweitzer, Advocat, eine
Sammlung bestehend aus dreihundert alterthümlichen Taschenuhren.
Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises:
Einmalhundert und fünfzigtausend Gulden.
Herr C. B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, ungewöhnlich
wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldogggesicht und dem feuerfarbigsten
Backenbart in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge sich sehr
bewußt, hielt den Katalog in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die
mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte. Er verifizierte
jedes Stück, das Lotti aus dem Schränkchen nahm, sorgsam verpackte, und
in eine Cassette legte, die Herr Fischer mitgebracht.
»Fünfhundert? ... auch die? ... auch die fünfhundert? ... Mir wäre
das Ding nicht dreißig werth,« sagte der Agent von Zeit zu Zeit;
unter andern gerade bei der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er
rief: »Dieser Kauf! -- Eine Millionärs-Marotte. Finden Sie nicht, Herr
Doctor? -- Was?«
Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie Einer, der
standhaft den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn
Minuten einmal: »Vorwärts, wenn ich bitten darf.«
Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der
Mann erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter für einen
Töchterraubenden Römer empfunden haben mochte.
Nach fünf tödtlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der
Agent trug die Cassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob
es ein Claque-Hut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der
ihre Uhren entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach.
Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen
und die kleinen Flügelthüren gesperrt.
Jetzt könnt' ich mir einbilden, dachte sie, daß Alles noch beim Alten
ist. Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besaß, immer zu
behalten? -- ein gutes Gedächtniß und einige Phantasie. Das wollte sie
Gottfried zum Trost sagen, dem Getreuen, für den es von jeher keinen
Schmerz, keine Enttäuschung, keinen Verlust zu geben schien, als
diejenigen, die ~sie~ erfahren hatte. Zum ersten Male, seitdem
sie ihn kannte, das heißt so lange sie lebte, hatte sie heut' eine
eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch
diese erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen
Ausdruck eines Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde.
Sie kannte ihn, und wußte -- jetzt quält er sich und kann sich's nicht
verzeihen, daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in
dem Augenblick, in dem sie ihr Theuerstes hingab, unedel ausgerufen:
»Und ich?« ...
Und er! ... war's nicht ganz recht, daß er sie einmal gemahnt, er zähle
mit in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften?
-- Bisher hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; daß
er sich so zeigte, verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang
über selbstverständliche Dinge nach? -- Manchmal wohl hatte es in der
Seele Lottis aufgedämmert: da ist Einer, dem verdankst du mehr, als du
vergiltst ... da ist Einer, dem hast du öfter weh als wohl gethan ...
Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.
Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen
schlummern in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal
genannt, jedoch, nie wieder schlafen können. Lotti fürchtete sich und
ihre unbekannte und unberechenbare Macht. -- Wozu auch grübeln? --
über ein Verhältniß zwischen Bruder und Schwester, zwei braven Leuten,
die in Frieden mit einander alt geworden sind und also sterben wollen.
Zugleich -- geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem Gottfried fehlen
würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt, das wäre keine Freude
mehr.
Allmälig war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurück
und schloß die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie
Agnes nach Hause kommen, und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit
treffen. Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück,
zu dem Lotti sie veranlaßt hatte. Mitten in der Woche und ohne jeden
vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden, die Vergnügungsreise in
die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie von derselben in bester
Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf.
Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis
nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die
ganze Agnes war eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen
sprach: Hast du deine Geheimnisse, hab' ich die meinen.
Ihre, mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann ihre
Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. Es
konnte auch nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes,
aber nicht still. Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem
Bestecke ein Gerassel, das in Anbetracht der geringen Mittel, mit denen
es verursacht wurde, ganz merkwürdig zu nennen war.
»Liebe Agnes,« begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im Reinen
über die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da
erschallte die Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches
murmelnd, aus dem Zimmer.
»Das Fräulein zu Hause?« ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache
vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein.
Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stieß er, kaum fähig zu sprechen
hervor. »Nehmen Sie Theil an meinem Glück ...« Er preßte beide Hände
gegen seine Brust. -- »Ich bin erlöst -- ich bin ein freier Mann!«
Lotti wagte nicht, ihn anzusehen ... absichtlich täuschen -- es bleibt
doch immer etwas Furchtbares. -- In äußerster Verlegenheit sprach sie:
»Sie haben -- Ihren Proceß ...«
»Gewonnen! -- ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie
aufgegeben, ist erfüllt ... Fräulein Lotti -- freuen Sie sich doch mit
mir ...«
»Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund ...«
»Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner
Tasche -- »Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen
übergab, zum zweiten Male abgerungen worden ... und soll vor Ihren
Augen in Rauch aufgehen.«
Er hielt einige Blätter des Manuscriptes über die Lampe, sie
entzündeten sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in
hellen Brand zu setzen und warf, nachdem dies geschehen, die lodernde
in den Kamin. Mit wildem Behagen schürte er die Flamme, die sein
Geisteskind verzehrte, und rief:
»Was nie hätte geboren werden sollen, sterbe! ... Könnt' ich alles so
vernichten, was geschrieben zu haben mich reut! ... Ein Trost bleibt
mir übrigens,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu, indem er sich am
Arbeitstische Lottis niederließ: »Lange werden meine Werke den Unwillen
der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht unter, was
dem Tage gedient ... O Fräulein Lotti! ... ich hatte anderes von mir
erwartet ... Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt
und angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese
Erde, die mich getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines
Schrittes eingeprägt zu haben? ...«
Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen:
»Ja wohl, -- was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?«
»Vorbei!« er erhob von Neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch nie
einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist, wie
mit mir ...«
»Es wird schon wieder anfangen,« sagte Lotti.
»Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.«
»Kommen Sie nur erst zur Ruhe.«
»Die ist's ja, die ich fürchte! ... Mit ihr kommt die Besinnung. In
der rastlosen Thätigkeit, in der ich lebte, hatte ich wenigstens
nicht Zeit zur Besinnung ... Glauben Sie nicht, daß mir die Wohlthat
der Selbsttäuschung zu Theil geworden ... Immer wieder, trotz allem,
was ich that, um ihn zu verscheuchen, immer wieder tauchte der Gedanke
in mir auf: was du treibst ist Seelenmord ... Ich habe Stunden des
Rausches, des Triumphes gehabt, aber glücklich, liebe Freundin, war
ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer Zwecke zu
frohnen zwang.«
Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen,
die sie fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als
Gemeinplätze. Ihre Ohnmacht zu trösten, äußerte sich durch Ablenkung
von der Klage. Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß, den das
Landleben auf ihn ausüben werde, und da rief er plötzlich beistimmend:
»O ja, darauf zähl' auch ich. Wonne und Wohlthat wird mir die Stille
des Landlebens sein. Vor allem Andern wird es mich erquicken, meine
kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie haßt die Stadt,
diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ...
Im Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen -- ich sage Ihnen,
sie schießt wie Wilhelm Tell. Oder man muß sie sehen, ein wildes Pferd
bändigend, mit Weisheit und Geduld -- oder den Wald durchstreifend,
kühn wie ein Jäger und hold wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang
an, daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte, in der sie aufgewachsen
ist und aufgeblüht, wo sie sich gesund fühlt, hierher bringen
mußte, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein einer Lerche im
Käfig führt.«