XII.

Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder

umfing, athmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von

einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geraden Weges

auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und

wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt'

ich doch nicht, das nicht.«

Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried da

gewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr

gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch

unaufgeschnittenes Buch -- Halwigs letztes Werk.

Mit einer Empfindung des Mißmuths nahm es Lotti in Empfang.

Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und Alles,

was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von Neuem an ihn

gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein

Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich

eben erst, mühsam genug, losgemacht?

Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte

sie es von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm

wenigstens sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie that es

mit widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war

gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr

Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.

Da war dem Thier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser

Genauigkeit auseinander gesetzt. Da war eine erzwungene erlogene

Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze

hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten

Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit,

die der Poesie. Da war endlich der Nothbehelf, der armselige, einer

lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung

gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses

gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums,

demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.

Im großen Ganzen -- die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen

Jahrhunderts: der Sensationsroman.

Und dennoch! Durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende

Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulniß, brach es manchmal

herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mißbrauchte, zu

Grunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst

... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat sich an dir versündigt, der

zu deinem Hüter bestellt worden!

Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre

Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.

Die Lampe knisterte und flackerte: vom verkohlten Docht stiegen

Funken im angerauchten Cylinder empor. Lotti löschte das sterbende

Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohlthätig wäre ein wenig Schlaf

gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich regungslos zu liegen;

da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung

beklemmte ihr den Athem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um

Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner

Reinheit, rette eine verlorene Seele! ... Verloren, weil du dich von

ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich

nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden

und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ...

Beweine mich nicht nur -- rette mich!

Eine lange Zeit verfloß -- eine ~wie~ lange? ... Die Uhren

schwiegen alle, standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie

aufzuziehen, -- zum ersten Male, seitdem es ihr überhaupt oblag, für

Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ... Wie spät war es denn? Wollte

der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute die sonst so rührige

Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen

könnte, wie die Alten gethan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße,

welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das

Fräulein, das seine Lebenszeit abmaß, an der verrinnenden Asche des

verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt,

und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen

Gedanken in ihrem fiebernden Hirn? ...

Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den

Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche.

Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins

Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch

unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advocaten

Schweitzer zu erfragen -- des Advocaten Schweitzer, den Lotti besuchen

will.

»Eines Advocaten!?« -- Agnes fällt fast um vor Schrecken -- das ist ja

einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu thun?

Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig

zu Stande gebracht, und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen

hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, daß sie --

sie konnte sich nicht anders helfen -- in Thränen ausbrach.

Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Thür.

Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, daß ihr

Bruder jetzt nicht zu sprechen sei.

Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte

entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden

später erschien Schweitzer selbst.

»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«

Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine

große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen

Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch, und neben demselben ein

eben solcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin

Werthpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und

Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichthümer zu bergen, und

glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern

einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend

aufgesperrten Rachens, zu vertheidigen sehr gesonnen ist.

Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am

Schreibtische Platz, während der Advocat, dessen ganzes Wesen die

äußerste Aufregung verrieth, vor ihr stehen blieb.

»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen,« sprach er, »aber

weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierher geführt ... Es ist

die Sorge um Halwig.«

Er beantwortete ihr bestätigendes: »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat

guten Grund!«

Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch

abgewiesen.

»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer.

»Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten, und deshalb gestern

noch -- Sie waren Zeuge -- nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung

der Sache vernichtet -- der Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb

begeistert ... Ich, der vorsichtige, peinliche Geschäftsmann ... Halwig

hätte an die alte, vergessene Geschichte nie gedacht.«

Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den

Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.

»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will

es Ihnen sagen ...«

»Ich weiß es,« unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur

noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen

wir ruhig, ich bitte ... Nehmen wir an, Herr Doctor, der Proceß wäre

günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das

Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was

dann?«

»Was dann?«

»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe Dich auf das Land zurück

mit Deiner jungen verwöhnten Frau? -- Ich kenne sie nicht, aber ich

glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen

können.«

Schweitzer lachte auf.

»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten --

sie tanzt nicht ... Theater, Concerte, Kunstsammlungen, was bedeuten

ihr die? Sie ist ja blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern

keine Seele und kein Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und

für die sauberen Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt

... Sie hat ja nichts, als die ganz thierische, ganz unmündige und

gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist

... für eine Familie -- welche Familie! mehr noch als jede andere eine

Brutstätte des Vorurtheils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht

zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht ... O, was gäbe ich, um Halwig aus

dieser Familie zu lösen! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen,

das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. -- Fort

nach England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter

und mit den seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den

Reitpferden, und mit den Cigaretten ... Fort,« brach er plötzlich aus,

»wenn ich wieder frei athmen soll, fort -- aus meiner Nähe!«

Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen.

Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.

»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.

»Er wird den Contract unterschreiben, ihn nicht einhalten können,

das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau

... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgend einem

publicistischen Unternehmen, und sie wird sich an das Nadelgeld einer

Taglöhnersfrau gewöhnen, oder zu Papa und Mama nach England reisen

müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende zu ergreifen

und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben -- O! ... Führe

uns nicht in Versuchung! das heißt, bringe uns nie in Gelegenheit,

all' das Schlechte, dessen wir im Fall der Noth fähig wären -- zu thun

... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen

-- Sie ahnen nicht, was die gebiert -- Sie ahnen nicht einmal, daß es

die geben kann. Gräßlich!« stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in

scharfem Tone hinzu:

»Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich,

Respect einflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchtheile des

Besitzes ihrer Eigenthümer. Diese Eigenthümer haben unbedingtes

Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet ...

Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addiren, und das

Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde

eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf

nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht

aufzutreiben? ... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in

den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie

~gestohlen~ hat, würden seine Klienten nicht glauben. Und wenn

er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, daß er ein Narr, aber

nicht, daß er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte ...

wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was

hätte ich dann gethan? ... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn

oder zum Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das

ich begehen kann, denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste,

angeborne Natur, und doch nichts, im Vergleiche zu dem Elend, das über

den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale

überlasse ...«

»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr

Doctor ...«

»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht,

und als Sie an meiner Thür schellten« -- seine Stimme sank zu einem

fast unhörbaren Flüstern herab »-- war ich halb und halb entschlossen,

es zu thun.«

»Lieber Doctor,« sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese

furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz

hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen werden ...«

Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wie viel kostet das

Gut?«

Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Werth ist

mindestens das doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich

aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungen-Hortes sind, einer

Uhrensammlung«, er lächelte gutmüthig, aber doch auch sehr spöttisch,

»ein todtes Capital; das ist heutzutage fast eine Sünde ... Fräulein

Feßler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut ... es wäre

nicht völlige Hülfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch

los ... und dann ließe sich weiter denken ... Kaufen Sie das Gut! Für

die Administration will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen

Standpunkte des Nutzens aus, ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen

nicht genug dazu rathen«

Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein

und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf

der Hand liegenden Vortheile jedoch, für die er sich bereit erklärte

gut zu stehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte

etwas ganz Anderes wissen. Sie fragte:

»Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß sein Proceß

gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den

Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?«

Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an:

»Was soll das?«

»Antworten Sie mir! ... Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, daß

man ihm glauben machen könnte ...«

»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »Alles kann man Dem aufbinden ...

Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen

... aber um Gotteswillen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's

... Sie werden helfen, Sie! ...« Er faltete die Hände, er vermochte

nicht weiter zu sprechen.

»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nöthige Geld,« sagte Lotti,

»Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber -- nicht einmal

der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie

schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimniß.«

Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich

ergriff.

»Ich frage Sie nicht,« sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf

welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich

frage: vermögen Sie die Wohlthat zu ermessen, die Sie erweisen? ...«

Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich thue nur, was ich

nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin,

um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst theuer war.«

Damit nahm sie Abschied.

Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach

ihm -- er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen.

Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld

wartend.

»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine

Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst Du seit einigen Tagen.«

Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.

Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem

Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch

zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende

Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet, daß

ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis

verleugnete sich in dem Momente gänzlich.

Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken sammt ihrem zarten

Inhalte bei Seite und stützte den Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben,

etwas gerötheten Augen, betrachtete sie lange, wehmüthig und wie

fragend, das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried.

Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer

Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme

Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten

Menschen -- dem Agenten des Amerikaners.

Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen

Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen

Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.

»Die Uhrensammlung möcht' er an sich bringen.«

»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«

Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im

Scherz, war auch nicht obenhin, wie die Andeutung einer Möglichkeit

gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried

mit innerster Empörung vernahm.

»Das thust Du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte

bejahend das Haupt.

»Ich kann nicht anders. Ich werde Dir Alles erklären, aber nicht

jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon

überstanden haben. Du wirst -- ich bitte Dich -- mit dem Agenten

sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater

angeboten. Weißt Du, ob er den noch bezahlen zahlen will?«

»Das will er gewiß ...«

»Bestelle ihn also ... und gleich, wenn Du mir eine Wohlthat erweisen

willst.«

Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde Dir die

Wohlthat erweisen, ihn nicht zu bestellen.«

»Gottfried! ...«

»Lotti, Lotti! ... Wie kannst Du -- und für ~Den~? ... Warum denn

Alles für ~Den~?«

Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl

ihres eigenen Leids über der Theilnahme mit der bitteren Qual, mit

welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war.

»Ich muß, siehst Du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«

»Ueberleg's. Mir zu Liebe ... versuch' einmal etwas mir zu Liebe zu

thun, überleg's! ... Es wird Dich gereuen ...«

»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein Wort verpfändet --

und gereuen? ... Ich glaube, daß es mich nie gereuen wird.«

»Auch dann nicht, wenn Du erfahren wirst, daß Du es umsonst gethan

hast? -- Und das wirst Du erfahren!«

Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort:

»Ein solches Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der

ist's nicht werth!«

»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte ... Geh jetzt und komm

bald wieder, mit dem -- Käufer.«

Sie wollte sich erheben, aber die Kniee versagten ihr den Dienst, und

sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.

Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier

nicht zu helfen.«

»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...«

»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.

»-- Vielleicht.«

Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons:

»Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel ihn zu

retten unversucht lassen? Er darf es nicht -- wegen seines eigenen

Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren »vielleicht,« das Dich böse

gemacht hat.«

»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er

ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater

sagen? ... Lotti, denk' an ihn.«

»Ich habe zuerst an ihn gedacht, und sage Dir: er hätte es auch gethan.«

Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief:

»Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt

... Mißverstehe mich nicht! ... ich hab' ja gar kein Recht -- ich meine

nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen Andern --

deshalb brauchst Du nicht zu denken, daß mir der Andere lieber ist als

Du ...«

Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die

Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit

Schamröthe übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes

erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung

vergrößerte noch die seine.

»Verzeih,« stotterte er, »ich gehe,« und wandte sich zur Flucht mit

einer so rathlosen und hastigen Eile, daß Lotti -- es schien ihr selbst

unglaublich -- über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört,

halb erfreut:

»Du lachst?«

»Ich lache --« sie brach in Thränen aus: »Wir sind zwei alte,

erbärmliche Weichlinge.«

»Weichlinge ...« wiederholte er, und näherte sich ihr schüchtern --

»Lotti --«

»Gottfried --«

Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 21 / 33 题