»Unvermindert? In ihrer ganzen Herrlichkeit?«
»Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.«
»Wirklich?«
»Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von
Hab und Gut trennen, als ich mich von einer meiner Uhren.«
»Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? -- Um gar keinen Preis? Nicht um
Wohlhabenheit, nicht um Reichthum?«
»Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt.
Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme auf
seine Kniee und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Da plötzlich
erhob er die Augen zu Lotti:
»Idealistin! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach, plagen sich
ums tägliche Brod, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, um
nichts zu schmälern von einem eingebildeten Werth ... Sie haben Recht!
... Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloß er wehmüthig,
schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Uebergänge,
die ihm immer eigen gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich
einen glücklichen Menschen und pries sein Schicksal, das ihn endlich
wieder mit seinen alten Freunden zusammen geführt. Der Verkehr mit
ihnen sei das Einzige gewesen, wonach er eine Sehnsucht empfunden, die
sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch diese erfüllt. Ihm
fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen, und wie er
sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre
Geschwister, »die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit
ihm aufgeboten habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten
seiner Frau gemieden -- nur anfänglich ...
»Seitdem sie sich überzeugt haben, daß meine Kunst keine brodlose ist,«
sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen, und
das freut mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre
Meinung zu legen. Es sind sehr ehrenwerthe Leute, aber durchaus keine
überlegenen Geister. Ein wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...«
»Einfluß nehmen sie aber doch auf Dich,« versetzte Gottfried. »Dein
Aeußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend!
was bist Du nobel geworden ... ich bewundere Dich schon die ganze Zeit
im Stillen.«
»Spotte nur,« sagte Halwig. »Uebrigens, lieber Alter, die Zeiten sind
vorbei, in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am
abgeschabten Flausrock erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe
ich allerdings aufgegeben. Aber nicht in Folge äußerer Einflüsse,
sondern Dank meinem verbesserten Geschmack.«
Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit,« sprach er;
»Deine Leute können mit Deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein.
Und Deine Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung?
Gefallen sie ihnen, wie Du selbst ihnen gefallen mußt?«
»Meinen Leuten -- Bücher? ... meinen Leuten? -- Freund ich frage mich
manchmal, ob sie lesen können,« entgegnete Halwig, und fuhr nach einem
Blick voll Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das
gilt nur von den Männern! Die Frauen lesen, die -- ja. Und zwar die
alten französische, und die jungen englische Romane. Welche Früchte
diese Lectüre den ersten trägt, weiß ich nicht; die zweiten holen sich
aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche, und
für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz eines
Maquignons, reden wie die Jockeys, und -- sind reizend. -- Ja, ich
muß gestehen, daß ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im
Geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber --
was geht die mich an? Mich unterhalten, mir gefallen diese Amazonen
in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen sie bleiben, wie sie sind ...
Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über ihre Frivolität,
Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen; allein,
wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht
wohl gefühlt? -- man hat überhaupt keinen Sinn für das Anmuthige
und Schöne, wenn man keinen hat für die Anmuth und Schönheit ihrer
Umgangsformen ... freilich eine Ahnung von Talent zu dergleichen
Dingen muß man mitbringen, um sie als Vorzüge gelten lassen zu können
... diese Ahnung fehlt -- nicht dem großen Publikum, das unsere ist
vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres zu bilden -- es
fehlt den Wortführern des Publikums, meinen Herren Collegen und lieben
getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.«
»Deine Collegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über
diesen plötzlichen Ausfall.
»Nun ja! -- Ich habe zu viel Glück und habe stets zu viel Glück gehabt,
um ohne Neider zu sein. Sie thun, was sie können, um mir meine Erfolge
zu verkümmern, allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich mich
im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe, nicht so bald zu erlahmen --
geschehe das -- erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr
-- wie man behauptet, daß es geschehen könne, Anderen schon geschehen
sei, -- versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin, ohne
Maß zu schöpfen -- ja dann ...« Er griff sich mit beiden Händen an den
Kopf, »dann wäre ich verloren ... denn Alles, was ich bin und habe,
steht und fällt mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die
Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu
bedeuten, wie materielle Noth -- und das hieße sie betrogen haben, die
mir in Unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken
--« unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen, »ich kenne mich
und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch
peinigen. Nur zu! ... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare
durchmachen, das uns die Wirklichkeit erspart -- das ist der Tribut,
den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, daß
er reichlich bezahle, dafür sorgen die eigenen, in dem Geschäft, das
ich betreibe, bis zum Zerreißen gespannten Nerven, und die Bemerkungen
der süßen Neider, oder die Rathschläge der weisen Freunde. Auf dem Wege
hierher bin ich dem weisesten von Allen begegnet ... Was der nicht
Alles wußte, nicht Alles kommen sah! Wie der so eindringlich bat, als
hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne Dir Ruhe! Sündige nicht auf
Dein Talent -- Du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch' ich
sie, aber sie mir gönnen heißt abtreten, Anderen Platz machen ... O
nein, ich weiche nicht, ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in
mir, der ganzen heranwachsenden Epigonen-Generation Stand zu halten
... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern, diese altklugen Kinder
mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können ... Aber ich
ermüde Sie mit diesen literarischen Misèren ... Lassen Sie uns von
angenehmeren Dingen reden ...«
Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die frühere
Heiterkeit wieder zu gewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob
er sich und nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur irgend
möglich sei, wollte er mit seiner Frau wiederkehren, die er im Voraus
der Freundschaft und Güte Lottis empfahl.
»Wie kommt er Dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder
allein waren.
Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: »Wie
Dir.«
»Schad' um ihn.«
»Ja, traurig.«
Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen
kleinen Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Feßler
kennen zu lernen. Sie forderte ihren Antheil an der Freude, die ihrem
Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war.
Es machte sie wirklich trostlos, dem Zug ihres Herzens nicht folgen,
und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener
Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können; aber ein
Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich.
Ja, wenn Fräulein Feßler großmüthig sein, und eine arme, an das Zimmer
gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich
würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte
freilich Diejenige nicht zu hoffen, die sich mit herzlichster und
wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte.
Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefühl
von entzückter Beschämung bemächtigte sich ihrer. Es stieg ihr
heiß in die Wangen, sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen
Frau zu stehen, deren sie bisher entweder gar nicht, oder wenn -- ohne
das geringste Wohlwollen gedacht, und die ihr jetzt so liebenswürdig
nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte sagen, mit kindlicher
Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten, besann sich aber
eines Andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift
durfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »_grande
anglaise_« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloß
sie denn, eine mündliche Antwort zu geben und trat in das Vorzimmer, um
dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen.
An der offenen Thür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten Armen
und Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes,
glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen,
eine blanke, goldbetreßte Tellerkappe zwischen den Fingern. Von
der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab beobachtete er
das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche. Er veränderte seine
lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und in großer, freudiger
Aufregung auf ihn zu kam und ihn bat, seiner Gebieterin zu melden, sie
gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen.
»Heute nicht,« versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen
impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen
um ein Uhr.«
»Morgen? -- Gut denn, morgen.«
Es schien Lotti ein wenig befremdlich, daß die junge Frau, die nicht
den Muth gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf
ihn gerechnet haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber
Gedanken. Sie kehrte wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden
Brief zurück. Da lag er, sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden
Couvert und duftete köstlich nach Ylang-Ylang. Von Neuem erquickte sich
Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab nichts Gutes und Schönes, das man
ihr nicht zutrauen müßte, die ihn geschrieben. Lotti drückte ihn an
ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn
endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre theuersten Erinnerungen
bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe,
die Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren
eigenen Verlobungsring.
Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder
hervor, um ihn Gottfried mitzutheilen.
»Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen.
Er gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und
ein verwundertes »Oho!« ausgestoßen hatte. Seine Miene blieb ganz
gleichgültig.
»Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.
»Natürlich! Ich gehe zu ihr.«
»Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang mißbilligend, und er
warf das Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch.
»Es ist beschlossen,« entgegnete Lotti ärgerlich.
Er murmelte einige unverständliche Worte.
»Was sagst Du?«
»Nichts. -- Wenn es schon beschlossen ist, nichts.«
»Und der Brief gefällt Dir nicht? Freut Dich nicht?«
»Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der
Halwig baronisirt worden?«
»Gottfried!« rief Lotti, »es ist Deiner ganz unwürdig, so kleinlich zu
sein.«
»Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung.
»Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.«
Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste Mensch.«
Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel
zu thun. Das neu errichtete Geschäft ließ sich vortrefflich an, und
doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden, daß er am Ende seine
Uhrmacherei darüber vernachlässigte. Fortschritte meinte er freilich
unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können, aber
verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz knappes
Wirthschaften mit der Zeit.
Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. »Du
bist recht zufrieden?« fragte sie plötzlich.
»Recht zufrieden,« wiederholte er, vermied aber dabei dem freundlich
forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.
Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung
erschien, Herr von Halwig sei da, und wünsche das Fräulein zu sprechen.
»Es muß ihm etwas sein,« flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes
Gesicht gerieth in das blitzende Zucken, das bis zum Aeußersten
gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl
sein mag?«
»Laß ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten
Pochen an der Thür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich
langsam und zögernd entfernte.
»Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange stören,«
sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau
zu danken und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir thut, bei Ihrer
ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein,
nein!« fügte er ablehnend hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, »ich
setze mich nicht, ich bleibe, mit Ihrer Erlaubniß hier an dem Platze
Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein Lotti ...«
Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe die raschen
Athemzüge zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hob.
»Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat an seine Seite, »Sie
sehen schrecklich aufgeregt und übermüdet aus.«
»Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch
durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht
an -- nur recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen,
friedlichen Augen -- es thut mir wohl und beruhigt mich, und ich
brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den ich heute zu machen habe
...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und
eindringlich:
»Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... Sie wissen,
Sie müssen sich noch erinnern, wie großen Werth ich auf Ihr Vertrauen
lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verändert.«
»Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder
Vertrauen haben,« rief er, »ich habe das inmitten der Mißgunst, die
mich umgiebt, verlernt.«
»Halwig, diese Mißgunst -- besteht sie nicht vielleicht einzig und
allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen? ... Ich frage nur --«
beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien,
heftig aufzufahren. »Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig
-- Sie haben neulich von Jemand gesprochen, der Ihnen rieth, sich Ruhe
zu gönnen -- dem stimm' ich bei, sein Rath war gut.«
»Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Ueberreizes, des Verfalls
in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich darin
~nicht~ finden! ... Mit jedem Werke, welches ich in die Welt
sende, wächst meine Popularität, es giebt keine Zeitschrift, kein
Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig Autoren
dürfen sich rühmen, so viel gelesen zu werden, wie ich. -- In faden
Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige
Verblüffung läuft es immer hinaus -- dem Geschmack der Zeit muß man
Concessionen machen ... ~man muß~! ... Welcher Künstler ist groß
geworden und hat das nicht gethan? ... Lesen Sie, lesen Sie doch
einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann, ob ich mich, wie der
schöne Ausdruck lautet: ›ausgeschrieben‹ habe? Ob ich verwässere und
verflache?«
Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen
ihn Lotti mit den Worten weckte:
»Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie zu machen haben ...«
»Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, gräßlich soll es
heißen ... Ich will Ihnen sagen, was ich zu thun habe: einem Menschen
gute Worte geben, dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich
stehe in seiner Schuld und mir bleibt nichts übrig, als --« die Augen
funkelten ihm vor Zorn, und er warf die Lippen verächtlich auf -- »als
mich vor ihm zu demüthigen.«
»Eine -- eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft.
»Nein -- ja -- wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine
Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman, der im Feuilleton
seiner Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung
nicht nachkommen ... es ist mir unmöglich, trotz all' meiner
Arbeitskraft, all' meines Fleißes. Heute sollte ich meinen ersten Band
abliefern, und heute muß ich das Geständniß ablegen, daß er noch nicht
begonnen ist -- muß um Zeit bitten, um Geduld -- --«
»Wär's nicht besser den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?«
sprach Lotti.
»Das kann ich nicht --«
»Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...«
»Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt, und verbesserte sich
sogleich: »darauf ginge er nicht ein -- der Seelenverkäufer läßt mich
gewiß nicht los ... Aber -- darf ich's denn verantworten, daß ich Sie
zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem
Gesichtskreise so fern liegen, so tief unter Ihnen stehen?«
»Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten,«
sprach Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu
verschaffen vermag. Vergessen Sie das nie und nimmermehr.«
Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen ...
Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu
sein ... von jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... Das Schicksal
erfüllt sich ... Leben Sie wohl! ...« rief er, wandte sich plötzlich
und schritt dem Ausgange zu. Mit einem Male blieb er jedoch stehen.
Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet,
das an der Wand über dem Arbeitstische hing. Das wohlgetroffene Bild
Meister Feßlers.
»Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte Alles vom
Künstler, nur nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte
die Affenliebe für seine Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an
dem Geschaffenen, sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ...
Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir -- treiben unsere Kunst wie
ein Handwerk,« sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer.