IX.

»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das

Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses.

»Macht gewiß Visiten,« meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus

dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt.

Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung:

»Schau, schau! Es giebt doch nichts Schöneres, als ein schwarzes

Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß ausbreiten,

-- ~das~ ist anständig, das ist elegant!«

»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines,

breites Näschen rümpfend.

»Nicht? Kannst Du Dir das Fräulein denken in so einer modernen

Ofenröhre, wie Du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich

auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug.

»Sie nicht -- sie freilich nicht --«

»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als

tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne!«

»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's,

ein anderes dürft's nicht tragen.«

»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?«

polterte der Alte, und der Zank zwischen den Beiden entbrannte.

»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr

einmal todt seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!«

»Dann kannst Du's thun!« schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt

durch diese brutale Aeußerung.

Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoß

ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu

sterben,« sprach sie.

»Fällt mir auch gar nicht ein.«

Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodernen gestreiften

Sommerkleides.

Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und

Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Auch die

weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut, und dabei ein

derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante

Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.

Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und

dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht hätte

zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer

Thatendrang -- der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen,

und die Hoffnung, wenn das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk

Einhalt zu thun, in dem der Dichter begriffen war. Sollte jene

aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie,

wenn er auch schweigt -- nichts davon errathen haben? Ist es nicht

offenbarer Unverstand, sich einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse,

um der Gattin die Augen zu öffnen? Und dennoch -- dennoch -- trotz

aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung

durchdrungen, für die ihr jeder Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der

Ahnung: die Frau, die er liebt, weiß nichts von seinem inneren Leben.

Lotti war im neuen Stadttheil vor dem neuen Hause angekommen, das

Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; Alles darin

frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht,

Alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am

kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die

schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten,

sah sich um in all' der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im

Stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.

Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu

schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu

befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und

Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht hatte

und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisirten Thür berührte,

die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener,

der gestern das Billet Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit

derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf, einzutreten.

Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und

Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büffet, geschnitzte

Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen

kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten,

Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchter aus Porzellan, zahllose Kästchen

aus _vieux-laque_: chinesisch. An der dritten Thür blieb der

Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler!« und

gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.

Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf

einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame

lag.

»Wie schön von Ihnen,« sprach diese, und richtete sich, wie es schien

nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hülflose

Kinderhand streckte sich aus der Fluth von Spitzen, welche die Aermel

des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen.

»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen ... aber ich hab's gewußt, ich

habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...«

»Sie sehen, wie recht Sie gehabt ...«

»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht' ich mir, als ich meinen Brief

fortschickte, kommt sie sogleich -- und Sie wollten ja auch sogleich

kommen?«

»Gewiß.«

»Gestern konnt' ich Sie aber nicht sehen -- ich war zu leidend --.«

»Das hörte ich mit Bedauern,« erwiderte Lotti theilnehmend, aber auch

erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig

angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?

»Und -- was fehlt Ihnen?«

»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man darf es

ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt,« versicherte

Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.

Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein

so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß Lotti

dachte: »Dich müßte ein Tauber beredtsam finden!«

Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von

Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat.

Ihre reichen, dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren

Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen

Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich

unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße

reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte.

Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demüthigen

Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen

gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten

empfinden.

Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigenthümlich

war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten von

Blüthenduft und Sonnenschein durchtränkt.

In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel auf einander

stehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten

Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre

zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen

ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer

Papagei. Eine zierliche Volière beherbergte ein Dutzend brasilianischer

Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold-

und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten

des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob,

guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer

Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen

Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden

waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus

demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Thür- und Fenstervorhänge

bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen

Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen.

Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich

geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren

über die Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch

hätte man darin vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und --

eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren mehrere Etagèren vorhanden,

ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. Cigaretten-Vorräthe hoch

aufgespeichert, abenteuerlich geformte Pfeifchen, kleine Tschibuks

mit kostbaren, Edelstein-geschmückten Mundstücken, Reitpeitschen und

Reitstöcke, köstlich damascirte Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein,

daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.

Die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das

Interesse, das Lotti denselben schenkte.

»Es gefällt Dir bei mir!« sagten ihre großen langbewimperten Augen,

dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben

schwimmenden spielenden Lichtern ...

»Nehmen Sie doch einen Fauteuil -- nicht den, der ist unbequem, den

andern -- dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher --

mir gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«

Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.

»Ich muß Ihnen sagen -- ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend

-- leg' dich, Gipsy,« unterbrach sie sich, um zu ihrem Hündchen

zu sprechen, das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die

herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte.

Gipsy gehorchte.

»Ich muß Ihnen sagen,« begann Agathe wieder, »ich war nicht nur

leidend, sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr

bekümmert.«

»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.

»Ach -- nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche

Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir

nur Freude und Ehre.«

»Sie sind also stolz auf ihn -- auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«

»Seinen Namen? ... nun -- die Halwigs sind gut, viel besser, als man in

meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...«

»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller,« fiel Lotti ein. Sie

lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: ein Kind! -- das

ist ja ein Kind.

»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz,« entgegnete Agathe, »man

sagt,« fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich Ursache

dazu habe, und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten, wie seine Schriften

honorirt werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!«

»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal »so?« -- und

dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie

erkundigte sich nach dem Antheil, den die Frau des Poeten an seiner

künstlerischen Thätigkeit nehme, und war im Voraus von der Wärme und

Größe desselben überzeugt.

Darin hatte sie auch vollkommen Recht. Agathe wußte Alles, was in der

Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen

des Buches, das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon

jetzt auf den begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben

werde. Sie würde »alle die Sachen« auch recht gern lesen, allein -- der

Doctor, dieser Tyrann -- erlaubt es ~durchaus~ nicht, untersagt

ihr ~durchaus~ jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie fühlt

leider, daß er weise daran thut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage

schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe

müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind, wie ihre

Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ...

»Perro! Perro! Perroquet,« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich

von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte, und dessen Geschrei immer

gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem

Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie

sich, haben Sie doch die Güte, den Shawl dort, sehen Sie -- den dort --

über den Käfig dieses Unthiers zu werfen.«

»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen

war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden.

»Und jetzt kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«

Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt

die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest,

die man ihr niemals zugetraut hätte.

»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt,« sprach sie, »ich weiß es ...

bin aber nicht eifersüchtig -- da haben Sie den Beweis ...«

Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand.

Sie that es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt,

der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es gethan

hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im

Leben so beschämt gefühlt zu haben.

»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmuthigsten

Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch Sie mich lieb

gewinnen, und daß auch Sie es mir beweisen.«

»Und wie könnte ich das?«

»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann thun ... Wollen Sie

es thun?« wiederholte sie, und stieß, nachdem sie eine bejahende

Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn

Lotti ihr half, dann war geholfen.

Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar,

deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander.

Sie hatte einen liebenswürdigen, großmüthigen, herrlichen Vater; allein

-- das war sein Unglück; leichtsinnig wie ein Lieutenant, dieser arme

Papa! -- Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder,

die Cadetten sind bei der Cavallerie, die haben auch alles Andere eher

erfunden, als die Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn es Verlegenheiten

ohne Ende giebt. Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere

Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche

Fabrikantentochter aus Liverpool geheirathet und England seitdem

nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit

langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, daß

Agathens Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich

ganz bei ihnen etabliren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten.

Das soll auch geschehen, der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise

schon festgesetzt. Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht

begreifen, daß Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu

haben, die wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute, denen man

nicht sagen mag: warten Sie ... die höchstens denken dürften, man habe

nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa!

-- O, wenn Lotti ihn kennen würde! ... Und, mit einem Wort, es steht

so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der

reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens

Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden -- gleich, gleich --

ohne Verzug und nicht unter seinem Werth. Der Erlös desselben deckt

alle Differenzen, und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die

Heimath, und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin.

Ihnen ist die Demüthigung erspart, die gräßliche, mit einer Bitte auf

den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich ihnen gastfreundlich

erschließt ... Genug, das Gütchen muß verkauft werden, und der Käufer

muß -- Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt,

deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muß ihn dazu bewegen

... Will sie es thun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt

nicht Nein sagen. Sie wird ihren Einfluß geltend machen ...

»Sie wollen, Sie werden, Fräulein -- nicht wahr? und bald -- und heute

noch?«

Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie

mir -- reden Sie!«

»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiß

nicht, ob man das von ihm verlangen darf -- ob ihm die Mittel zu Gebote

stehen ...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen

Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und

tiefster Erschöpfung in seinen Zügen.

»Die Mittel?« rief die junge Frau -- »er ist so reich, als er sein

will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten

Wunsch zu erfüllen, und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage

zu befreien -- die Summe bietet sein Verleger ihm an ... Er braucht

nur einen Contract zu unterschreiben, in dem er sich verpflichtet ...

Ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten

Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen,

zögert er -- kann zu keinem Entschluß kommen, ich --« eine plötzlich

aufsteigende Röthe, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt,

bedeckte ihr Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.«

»Wie können Sie glauben,« sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen

wird, das er Ihnen abschlug?«

»Er wird! Er hält so viel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er

wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir thut in

seiner Eifersucht auf die Meinen ...« erwiderte Agathe melancholisch

und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist

schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich

mich von meinen armen Eltern trenne -- ich wünschte wahrlich, sie wären

drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie

wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er ...

als er -- um den ich sie verlassen habe!«

Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und dennoch,

welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher

bezaubernder Stimme, mit so großen Thränen in den feuchten, flehenden

Augen vorgebracht wurde.

Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti

...«

Da pochte es an der Thür, der Diener erschien und meldete: »Herr von

Schweitzer.«

Agathe schnellte empor.

»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute

Schweitzer,« fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte,

»aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen!

... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren

Füßen -- »in so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche

nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; der gute

Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, bleibt nie

lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie, ich komme Ihnen

gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte! ... Keine Einwendungen! ...

Sie dürfen nicht fort -- wir behalten Sie zu Tische, das steht in den

Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«

Sie sprach das Alles rasch mit ihrer weichsten Stimme, und dabei mit

einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes

aufkommen ließ.

»Sei es denn!« sagte Lotti, und fügte in Gedanken hinzu: So laßt uns in

einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau

empfangen.

Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann

von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel,

etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf mit dichtem, schon ins

Graue spielenden, bürstenartig zugestutzten Haar und ebensolchem, bis

auf die Brust reichenden Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch

geformten Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach

Alles, die Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn,

die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der

streng geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tief

liegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen.

Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau

eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen

deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit

setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben

ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster

Unbehaglichkeit vor einander.

Da öffnete sich ein klein wenig die Thür von Agathens Gemach. Schlank,

weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in ihrem

Morgenkleide vor einem Herrenbesuch nicht sehen lassen konnte, in den

schmalen Zwischenraum.

»Lieber Freund,« sprach sie, »das ist Fräulein Feßler; mehr brauche ich

Ihnen nicht zu sagen.«

Sie war verschwunden.

Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die

wieder geschlossene Thür mit einem so eigenthümlich verlangenden und

zugleich wüthenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in

derselben zeigte, auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick

geworfen, einen Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß

Lotti -- die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und

bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte:

Was ist das? Hilf Himmel -- der haßt oder -- der liebt sie.

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 18 / 33 题