VIII.

Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein.

»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen

Thür die Alte ihm geöffnet hatte.

Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß

Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte,

wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen

ja prächtig aus.«

»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«

Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie

es mir immer gegangen ist.

Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung

gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im

Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was

thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für

einen Mann -- nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade

so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, diese

Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu

überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen

nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten

lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist

halt doch ein lieber Mensch.«

»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich

anzumelden?«

»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler auch.«

»Gottfried auch?«

»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien,

»zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.«

Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich

anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand

auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl,

das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der

Jugendzeit erweckt wird.

»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in

Erinnerungen geschwelgt hatten.

Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm

eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,«

lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht -- ich

schreibe.«

Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen schien sich

seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er

fort:

»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder -- zur Abwechselung -- vom

Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, wie

das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu

thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?«

»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein gefeierter

Dichter wie Du ...«

»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter

Dichter bin?«

»Nun -- man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«

»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum Quell

... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich selbst

zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«

»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich

altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«

»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen,

etwas ironischen Verdruß.

Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel

einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die alten

Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig verändert,

wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er und blickte

sich in der Stube um, »die Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber

-- wo ist denn die Sammlung, der Schatz des Hauses?«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 16 / 33 题