Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein.
»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen
Thür die Alte ihm geöffnet hatte.
Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß
Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte,
wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen
ja prächtig aus.«
»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«
Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie
es mir immer gegangen ist.
Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung
gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im
Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was
thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für
einen Mann -- nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade
so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, diese
Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu
überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen
nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten
lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist
halt doch ein lieber Mensch.«
»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich
anzumelden?«
»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler auch.«
»Gottfried auch?«
»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien,
»zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.«
Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich
anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand
auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl,
das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der
Jugendzeit erweckt wird.
»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in
Erinnerungen geschwelgt hatten.
Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm
eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,«
lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht -- ich
schreibe.«
Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen schien sich
seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er
fort:
»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder -- zur Abwechselung -- vom
Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, wie
das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu
thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?«
»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein gefeierter
Dichter wie Du ...«
»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter
Dichter bin?«
»Nun -- man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«
»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum Quell
... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich selbst
zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«
»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich
altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«
»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen,
etwas ironischen Verdruß.
Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel
einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die alten
Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig verändert,
wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er und blickte
sich in der Stube um, »die Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber
-- wo ist denn die Sammlung, der Schatz des Hauses?«