VII.

Allein so oft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte --

Lotti ließ sich nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine

Unterredung, und sie entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn

er zuvor verspreche, ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu

erwähnen. Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen, das erklärte er

offen in einem zweiten Briefe, der unbeantwortet blieb.

Damit war zwischen ihnen Alles zu Ende.

Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen,

senkte Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später

vermieden sie es nicht mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast

Du mir nichts zu sagen? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes

Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert. Nach solchen

flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und

brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und

gerötheten Augen von einer durchweinten Nacht.

Aber auch diese letzte, thörichte Schwäche ward überwunden. Lotti

gewöhnte sich, an dem einst Geliebten vorbei zu gehen, wie an einem

Fremden; sie erröthete nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart

ausgesprochen wurde; sie las auch seine Bücher nicht mehr. Sie wurde

von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab sich darin ein Haschen nach

dem Absonderlichen und Unerhörten kund, ein Streben, gemeine Neugier

zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche zu

schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte

erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des

Schönen.

Jahre vergingen. Feßler starb -- kurze Zeit nachdem ihm angekündigt

worden, daß er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus

zum Umbau bestimmt sei. Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried

miethete sich bei dem Uhrmacher ein, für den er seit dem Tode seines

Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes immer eingedenk,

führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten und

einzigen Liebe so vollkommen geheilt, daß sie die Nachricht von Halwigs

Verheirathung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener

Heiterkeit aufnahm.

Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch

des verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen,

der Verlegenheit, der unnöthigen Schonung, mit denen er, nach langem

Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so

beschämt und elend ausgesehen, als ob er eben eine schändliche Handlung

begangen hätte.

»Ich muß es Dir sagen,« entschuldigte er sich, »Du hättest es

vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet

vielleicht ...«

Lotti sah ihn freundlich an und sagte:

»Nun -- was hätte das gemacht?«

»Wenn Du ihnen aber begegnet wärest, wie ich -- ganz unerwartet -- beim

Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm.«

»So hätte es mich gefreut,« sagte Lotti.

»Hätte es? ...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er gerieth in

Begeisterung, und jetzt kam es heraus, daß er schon seit einigen Tagen

von der Verheirathung Halwigs unterrichtet war, daß er auch gehört

hatte, die junge Frau sei arm, vornehm und schön.

»Das Letztere kann ich bezeugen,« sprach Gottfried mit gedämpfter

Stimme, als ob er ein Geheimniß anzuvertrauen hätte, »Du und ich,

wir haben nie etwas Schöneres gesehen. Sie ist groß -- um ein Haar

vielleicht größer als Du, und so zart, so ätherisch, als wäre sie

aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das Bild paßt nicht; die

Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus, wie das junge,

rosige Leben ... Ein Kind sag' ich Dir, und hat doch schon etwas in

den Augen ... Ich war eilig, und ging in Gedanken so hin, wäre beinahe

an sie angerannt ... Er rief »Holla!« und sie blickte mich mit diesen

prächtigen, sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob

sie sagen würde: Geben Sie doch Acht! Ich bin es ja! ... so, daß ich

außerordentlich erschrocken stehen blieb und den Hut rückte. Da

bemerkte ich erst, daß er den seinen abgenommen hatte. Gesprochen

wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so bald als möglich

fortzukommen.«

Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem

Arbeitstisch Lottis gegenüber ein, und sie begann von anderen

Dingen zu sprechen. Sie erzählte mit einer Art Entrüstung, daß der

Uhrenliebhaber, der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht,

das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben, sich wieder melde.

Von Amerika aus, wo er lebte -- er war ein Deutscher, der dort Glück

gemacht -- erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein Agent

Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht

Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen

Vorsatz, sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie

hatte Lust, dem »Amerikaner« mitzutheilen, was bisher Niemand außer

Gottfried wußte, daß der Hausschatz nämlich, im Testamente Lottis dem

Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei, wo er unter dem Namen: »Feßlersche

Sammlung«, auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude

künftiger Generationen.

Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in Allem recht, sprang aber

plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab, und sagte: »Findest

Du es nicht verwegen von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon

reifen Jahren ein Mädchen zu heirathen, wie gesagt, fast noch ein Kind

und so wunderschön?«

»Von -- ihm? ... Du sprichst von Halwig --« erwiderte sie mit

einem verweisenden Blick. -- Die sanfte Lotti war gegen Gottfried

ausnahmsweise immer ein wenig streng. »Das muß man wissen ... Reife

Jahre? Ach was! Künstler bleiben immer jung, nur wir altern, wir

Arbeitsleute.«

* * * * *

So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheirathung

aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört.

Und jetzt, nachdem sie Alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein

Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen

Ruhe. Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks, den sie

plötzlich empfangen hatte, über die Pein, welche er verursachte. Doch

versuchte sie nicht, sich ihr zu entziehen, dazu kannte sie sich zu

gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein, bevor sie sterben

konnten. Da half kein Wegschieben, keine Ueberredungskunst, sie

forderten ihr ganzes Recht, und wichen erst, nachdem es ihnen geworden.

Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk

sich ab. Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. Allein,

was sie auch that und sprach, unablässig summten ihr die Worte: »Aus

Leichtsinn oder Noth« im Ohr, und der Gedanke an Halwig verließ sie

nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine böse Nacht.

Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch ein Mal, die

bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu

überbringen.

Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten,

auffallend hastig ab.

»Wie Du willst,« sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von

Empfindlichkeit.

Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie

leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig, mit

gekreuzten Händen, im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen, ihre

Herrin unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr, als

sie sich verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine

Gelegenheit, sich so recht nach Herzenslust über die interessanten

Neuigkeiten auszulassen, die sie vom Markte mitgebracht. Leider

fand sie nur geringe Theilnahme und wurde plötzlich durch die Worte

unterbrochen:

»Agnes -- ich gehe jetzt aus.«

Das war freilich leichter gesagt als gethan. »Ausgehen?« Jetzt? -- die

Alte entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das Fräulein

nie ausgegangen, warum denn heut'!

Die Frage, und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt

wurde, machten Lotti erröthen; sie wandte das Gesicht verlegen ab und

sagte: »Warum? -- ja -- -- ich könnte eigentlich auch später -- wenn Du

Dich beeilen wolltest ...«

Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte die

Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu sprechen

wünschte.

Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen seines

Chefs in Bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.

Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu

bescheiden und sich -- zufrieden oder nicht -- zu empfehlen, nahm er

auf das Breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten

einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödtlich

langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung, er wolle

vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu

bemerken, daß sei ganz überflüssig, worauf er verbindlich erwiderte, er

danke und werde sich gewiß einfinden.

Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn

sie ließ ihr Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde,

unberührt.

Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an, und blieb dann

zögernd an der Thür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt

langsam durch die Straßen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele

kam.

Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen, unter

denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und

doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen

Entschluß. -- Was soll die Gewißheit, nach der du strebst, dir bringen?

fragte sie. -- Was hast du zu erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn

hören, den du nicht heilen kannst, oder von einer Noth, der abzuhelfen

du nicht vermagst. Laß ab! Was quälst du dich? ... Zu wessen Frommen?

Du bist längst vergessen -- vergiß auch du!«

Lotti horchte den leisen, abrathenden Stimmen und -- mit Bewußtsein

handelte sie ihnen entgegen.

Jetzt stand sie an der Thür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie die

Klinke.

Der Laden war leer, aber aus dem anstoßenden offenen, mit Gaslicht

hellerleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.

»Ich weiß ja, daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief eine

Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte,

und die sie dennoch augenblicklich erkannte.

»Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. --

Entschuldigen Sie, da ist Jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den

Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte; »ah -- Fräulein!

eben recht ...« Er eilte auf Lotti zu, indem er fortfuhr zu sprechen:

»Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden; jetzt sind drei Tage

vorüber; und mit dem besten Willen -- wenn ich noch so gern möchte --

ich könnte die Uhr nicht herschaffen, denn sie ist --« er warf Lotti

einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits in anderen Händen. Diese

Dame kann es bestätigen.«

Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Aeußerungen des

Unglaubens begleitet. Als Lottis Zeugniß angerufen wurde, richtete er

plötzlich die Augen auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet,

so völlig überwunden und rathlos an, wie ein Kind, das auf einer

schlimmen That ertappt wird.

»Mein Gott -- Sie? ...« stammelte er, »was werden Sie von mir denken?«

Lotti hatte sich rascher gefaßt als er; sie erwiderte:

»Nichts Anderes, als daß es schön von Ihnen ist, sich so herzlich nach

Ihrer alten Uhr zurückzusehnen.«

Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas

peinlicher Ueberraschung; er sie, halb wehmütig, halb freudig. Seine

Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht

und wohl ums Herz. Ihm schien es, als träte ihm die Erinnerung an die

beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste,

o, bei weitem nicht! Aber die beste gewiß.

»Fräulein Lotti -- Fräulein Lotti,« wiederholte er mehrmals, ohne den

Blick von ihr zu verwenden.

Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte,

wieder. Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn

ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen

Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde, wenn eine Gemüthsbewegung

ihre Wangen röthete -- so wie jetzt ... Was lag daran, ob leichte

Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler geworden? Die

Augen blickten so gütig wie je; die rosige Farbe der Lippen hatten die

Jahre verwischt, den Zug von Sanftmuth und stiller Heiterkeit, der

sie umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja, sie war es, war

dieselbe noch! und -- sie hat sich wenig verändert, dachte er.

Lotti hingegen dachte: er hat sich sehr verändert. Worin aber? fragte

sie sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorüber gezogen. Seine

Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare

und seines Gesichtes waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren

lichter geworden. Die Augen lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe

um dieselben, doch funkelten sie noch feurig wie sonst; er war noch

immer ein Bild männlicher Schönheit, sein Wesen noch immer anziehend

und gewinnend. Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine

gewaltige Aenderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war mehr an

ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft

aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode

zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch

die Form des langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte

bei der Wahl des glänzenden Cylinders, der sportsmäßigen Cravatte,

der Handschuhe aus Hundsleder, den Ausschlag gegeben. Wenn Kleider

Leute machen würden, hätte man ihn für ein Mitglied des Jockey-Klubs

halten müssen. Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers,

nicht dessen Art und Weise angenommen -- vielleicht nicht anzunehmen

vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in

welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich

des Wiedersehens, trotz der ihn beschämenden Umstände, unter denen es

stattfand. Er bat sie, ihn anzuhören, bat, ihr seine thörichte und

leichtsinnige Handlung, die allerdings unverzeihlich sei, wenigstens

erklären zu dürfen.

Lotti unterbrach ihn und meinte, daß sich wohl mehr werde thun lassen.

Sie wandte sich an den Kaufmann und ihrer eindringlichen Fürsprache

gelang es, nach einiger Bemühung den übereilten Handel rückgängig zu

machen. Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde

und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig.

»Ihre Uhr ist bei mir,« sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich

sie hierher, da kann sie abgeholt werden.«

Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüßte so deutlich

verabschiedend, daß ihm nichts übrig blieb, als diesem Winke zu

gehorchen. Er verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg nach

ihrer Wohnung ein.

Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert, als sie durch

rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde, und Halwig an

ihrer Seite erschien.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... eine

große Bitte ...«

»Nun?«

»Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?«

»Das steht Ihnen frei!« antwortete sie.

»In drei Tagen also! ... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich

danke Ihnen ... das ist eine Freude!«

»Die hätten Sie sich längst machen können.«

»Können! ...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst

gesagt, nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög' ich kommen? Nun,

Fräulein Lotti, ich hatte keines zu klagen, außer demjenigen, daß Sie

selbst mir damals angethan haben ... und das ich allein tragen und

überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ...«

»Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn.

»Davon ~wollten~ Sie nichts wissen ...«

»O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie

geblieben?«

Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte.

Erst die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, daß sie ihm

seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei, stimmte ihn

ernster.

»Ach,« sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie der Vogel der

Minerva. In der Dämmerung beginne ich meinen Flug. Tags über schmiedet

mich die Arbeit an meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit

-- eine lohnende und erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück.

»Ueberdies,« setzte er, als Lotti schwieg, mit veränderter Stimme

hinzu, »habe ich diesen Winter und den vorigen in England zugebracht,

die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in

einer kräftigeren Luft nothwendig.«

»Sie ist leidend?«

»Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten

Grund zu Besorgnissen gäbe.«

»Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.«

»Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, wie

Jemand, der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd

hinzu: »Das heißt, wenn meine Frau -- ich wollte sagen, wenn Sie es mir

erlauben.«

»Erlauben -- wie denn? -- ich bitte Sie darum.«

Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. »Hier

wohne ich,« sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.«

»Hier also -- gut -- hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie

glücklich wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon

fortsetzen zu können -- aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger

natürlich -- einer, der vernarrt ist in seine Sklaverei ... Auf

Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme:

»Fräulein Lotti -- so haben wir uns doch endlich wieder gefunden!«

»Und wie mir scheint,« antwortete sie, »als ganz gute Freunde.«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) · 第 15 / 33 题