Und die weite Wölbung wiederhallte von dem Ruf: »Rache! Rache!«

»Zu Hilfe!« rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Händen an

die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.

»Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,

umsonst hab’ ich solang meinen Haß gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich

schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber nein,

hierher hab’ ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer

Stunde an deinem Bette, hab’ ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm

vom Streiche abgehalten: – denn langsam, Zoll für Zoll, sollst du sterben,

stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes.«

»Entsetzliche!«

»O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit

meiner Entstellung, mit deiner Schönheit, mit dem Besitz des Geliebten.

Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büßen.«

»Was willst du thun?« rief die Gequälte, wieder und wieder an den Wänden

nach einem Ausgang suchend.

»Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkünsten dieses

Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weißt es nicht, welche Qualen

der Eifersucht, der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du

Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und mußte

dir dienen! In diesem Bade, du Übermütige, habe ich dir die Sandalen

gelöst und die stolzen Glieder getrocknet: – in diesem Bade sollst du

sterben!«

Und sie drückte an einer Feder.

Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte

sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurückwichen:

mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe

Tiefe zu ihren Füßen.

»Denk an mein Auge!« rief Gothelindis und im Erdgeschoß öffneten sich

plötzlich die Schleusenthüren und die Wogen des Sees schossen ungestüm

herein, brausend und zischend, und sie stiegen höher und höher mit

furchtbarer Raschheit.

Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die

Unmöglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu

erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie

faßte sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen

Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Nähe rechts vom Eingang eine

Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor

dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, faßte es mit beiden Händen und

betete ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser stiegen und

stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.

»Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!« rief Gothelindis

grimmig, »denk’ an die drei Herzoge!« Und plötzlich begannen alle die

Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen

Wassers auszuspeien: weißer Dampf quoll aus den Röhren.

Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:

»Gothelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber verzeih’ auch du meiner

Seele.« Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es über die oberste

Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben?

Niemals! Denk’ an Eutharich!« –

Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf

Amalaswintha. Sie flüchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt

gegenüber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte.

Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg, konnte sie noch einige

Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an

der verlängerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem

Marmorboden der Galerie und bespülte die Füße der Gefangenen; rasch flog

sie die braunglänzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brüstung der

Brücke: »Höre mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht für mich, – für

mein Volk, für unser Volk: – Petros will es verderben und Theodahad ...« –

»Ja, ich wußte, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele!

Verzweifle! Es ist verloren! Diese thörichten Goten, die jahrhundertelang

den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem

Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.«

»Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Königin, habe sie

gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner

Seele!«

Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der Brüstung in die

Fluten, die sich brausend über ihr schlossen.

Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. »Sie ist

verschwunden,« sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm

das Brusttuch Amalaswinthens. »Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,«

sagte sie langsam: »wie lang war der Haß und wie kurz die Rache!«

Siebentes Kapitel.

Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach

des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und

weltlichen Standes versammelt – auch die Bischöfe Hypatius und Demetrius

aus dem Ostreich weilten bei ihm.

Große Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen

Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten

schloß: »Deshalb, ihr ehrwürdigen Bischöfe des Westreichs und des

Ostreichs und ihr edeln Römer, hab’ ich euch hierher beschieden. Laut und

feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen

alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau

verübt werden mögen.

Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt

hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die

Beschützerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die

Königin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen

Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... –«

Er konnte nicht vollenden.

Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hörte man

hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins

Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten:

»Herr,« rief er, »sie ist tot! sie ist ermordet!«

»Ermordet!« scholl es in der Runde.

»Durch wen?« fragte Petros.

»Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.«

»Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?«

»Gothelindis giebt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den

Wasserkünsten spielend. Aber man weiß, daß sie ihrem Opfer von hier auf

dem Fuße nachgefolgt. Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa,

die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin floh vor

der Rache des Volks in das feste Schloß von Feretri.«

»Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König und fordre euch auf,

ihr edeln Männer, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen

vor Kaiser Justinian.« Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten

nach dem Palast.

Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in Bestürzung und Entrüstung

hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von

Haus zu Haus.

Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,

öffnete sich die Menge vor ihnen, schloß sich aber dicht hinter ihnen

wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie

kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lärm

des Volkes: auf dem Forum des Honorius drängten sich die Ravennaten

zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschützerin schon die Hoffnung

vereinten, bei diesem Anlaß die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das

Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der

Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs

bloß Theodahad und Gothelindis bedrohte.

Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen

Königs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte:

er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros

gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der

mit Gothelindis den Untergang der Fürstin beschlossen und die Art der

Ausführung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That

tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte

er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er plötzlich

stehen: erstaunt über die Begleitung, noch mehr erstaunt über die finster

drohende Miene des Gesandten.

»Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,« rief dieser schon an

der Thüre, »Rechenschaft im Namen von Byzanz für die Tochter Theoderichs.

Du weißt, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert:

jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres

Blutes. Wo ist Amalaswintha?«

Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber

er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.

»Wo ist Amalaswintha?« wiederholte Petros, drohend vortretend und sein

Anhang folgte ihm einen Schritt.

»Sie ist tot,« sagte Theodahad, ängstlich werdend.

»Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien, ermordet von dir

und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser

Frau, er wird ihr Rächer sein: Krieg künd’ ich dir in seinem Namen an,

Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz

Geschlecht.«

»Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten die Italier,

fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenährten

Haß entzügelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden

König.

»Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken des Vertrages, du

wirst doch ... –«

Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riß sie mitten

durch. »Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem

blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung

verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen. Krieg!«

»Um Gott,« jammerte Theodahad, »nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst

du, Petros?«

»Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad’ ich zum

Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... –«

Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns

und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar

gotischer Krieger, von Graf Witichis geführt.

Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens

Untergang die tüchtigsten Männer ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung

vor die Porta romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und der

Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum

des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und

dort ein Dolch, schon ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!«

Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die

verhaßten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch

die Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die

grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die

Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade

rechtzeitig im Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des

Gesandten noch zu hören. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts

vom Thronsitz des Königs, zu dem dieser zurückgewichen war: und Witichis,

auf sein langes Schwert gestützt, trat hart vor den Griechen hin und sah

ihm scharf ins Auge.

Eine erwartungsvolle Pause trat ein.

»Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn und Meister zu

spielen im Königshaus der Goten?«

Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros: »Es steht dir

übel an, Graf Witichis, Mörder zu beschützen. Ich hab’ ihn nach Byzanz

geladen vor Gericht.«

»Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief der alte Hildebrand

zornig.

Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme.

»So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis. »Wisse, Grieche,

vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der

Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.«

»Auch nicht für Mord und Blutschuld?«

»Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie

selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den

Kaiser in Byzanz.«

»Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht retten konnte. Liefert

die Mörder aus nach Byzanz.«

»Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern König,«

sprach Witichis.

»So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklär’ ich euch, im

Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.«

Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte

Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab:

»Hört, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.«

Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer entfesselt über seine

Dämme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: »Krieg,

Krieg mit Byzanz!«

Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier:

das Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie

vor sich nieder. Während die Goten sich glückwünschend die Hände

schüttelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart

neben Petros und sprach feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: –

du hast es gehört. Besser offner Kampf als die langjährige, lauernde,

wühlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne

Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre

von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende

Städte, zahllose Leichen die Ströme hinabschwimmen. Hört unser Wort: auf

euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt jahrelang:

– wir haben’s ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg

hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund

euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer

Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.«

Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und

schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm

das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.

»Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied, »die Briefe

Theodahads in der bewußten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut,

mußt du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie

nicht mehr nötig.« – »Der Prozeß ist längst entschieden,« erwiderte der

Bischof, »und die Güter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind

dein.« –

Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem

kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein

Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen

Angriff aufzufordern.

Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den Kaiser, der mit

folgenden Worten schloß: »Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben,

mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der

Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem

Thron ein verhaßter Fürst, unfähig und treulos: die Feinde sonder Rüstung

überrascht: die italische Bevölkerung überall für dich gewonnen: – es kann

nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, müssen die Barbaren fast ohne

Widerstand erliegen.

Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das

Recht, als Schirmherr und Rächer der Gerechtigkeit auf: – es ist ein

geistvoller Zufall, daß die Triere, die mich trägt, den Namen »Nemesis«

führt.

Nur das Eine betrübt mich unendlich, daß es meinem treuen Eifer nicht

gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an,

meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war,

wenigstens zu versichern, daß ich allen ihren Aufträgen bezüglich der

Fürstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als

Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte.

Auf die Anfrage bezüglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das

Gotenreich in die Hände liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der

ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefährlich, die

Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.«

Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe Hypatius und

Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da über Epidamnus

auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen

Tagen folgen, langsam die gotische Küste des jonischen Meerbusens entlang

fahrend, überall die Stimmung der Bevölkerung in den Hafenstädten zu

prüfen und zu schüren.

Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her nach Byzanz segeln: denn

die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Aufträge für

Athen und Lampsakos erteilt.

Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnügten Sinnen

immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafür in

Byzanz erwartete.

Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen.

Denn er hatte der Königin Gothelindis nie eingestanden, daß er mit dem

Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr

vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin

entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von

ihr für den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug

brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Würde des

Patriciats und freute sich schon, seinem hochmütigen Vetter Narses, der

ihn nie befördert hatte, nun bald in gleichem Range gegenüberzutreten.

»So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er selbstzufrieden,

während er seine Briefschaften ordnete: »und diesmal, du stolzer Freund

Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewährt. Und der

kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen

kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden

Gang. Nur muß noch dafür gesorgt werden, daß Theodahad und Gothelindis

nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das wäre zu

gefährlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein

sollen. Nein, dieses Königspaar muß verschwinden aus unsern Wegen.«

Und er ließ den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied

von ihm. Dabei übergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form

derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den

Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und

schrieb einen Namen auf die daran hängende Wachstafel. »Diesen Mann,«

sagte er dem Gastfreund, »suche auf bei der nächsten Versammlung der Goten

zu Regeta und übergieb ihm die Vase: was sie enthält ist sein. Leb wohl,

auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.« Und er verließ mit seinen Sklaven

das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen

hoch gehoben trug ihn die »Nemesis« dahin. –

Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz näherte, von Lampsakos

aus hatte er – auch dies hatte die Kaiserin gewünscht – seine baldige

Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden

lassen, überflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen Landhäuser,

die marmorweiß aus den Schatten immergrüner Gärten blinkten.

»Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs,« sprach

wohlgefällig Petros.

Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Thetis«, das prachtvolle Lustboot

der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die

Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an

Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frühere

Gesandte am Hof von Ravenna.

Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen

erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: »Im Namen des

Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung

und Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten in den

Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast

die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte dich

durch deinen Brief für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin,

untröstlich über den Untergang ihrer königlichen Schwester, hat deine alte

Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Präfekten von Rom an diesen

hat dargethan, daß du mit Gothelindis geheim der Königin Verderben

geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin überzeugt. Dein Vermögen

ist eingezogen: die Kaiserin aber läßt dir sagen,« – hier flüsterte er in

des Zerschmetterten Ohr, – »du habest in deinem klugen Brief ihr selbst

den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du

führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.«

Und Alexandros ging auf die »Thetis« zurück.

Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von

Byzanz den Rücken und trug den Sträfling für immer aus dem Leben der

Menschen.

Achtes Kapitel.

Wir haben Cethegus den Präfekten seit seiner Abreise nach Rom aus den

Augen verloren.

Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste

Thätigkeit entfaltet: denn er erkannte, daß die Dinge jetzt zur

Entscheidung drängten; er konnte ihr getrost entgegensehen.

Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die Barbaren: und wer anders

vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das

Haupt der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom.

Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten

Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er

in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war

es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der

byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen

ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden: durch zuverlässige Kundschafter

hatte er erfahren, daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei

Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der

afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei zu unterdrücken

beschäftigt schien.

Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung der Griechen in

Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht

entbehren.

Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten des Kaisers eben nur

eine Nachhilfe bleibe: und deshalb mußte er, ehe ein Byzantiner den

italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft

veranlaßt und zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere

Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der

Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte.

Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet.

Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz

Italien an einem Tag überfallen, mit einem Schlag alle festen Plätze,

Burgen und Städte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und

waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu

fürchten, daß sie bei ihrer großen Unkunde in Belagerungen und bei der

Anzahl und Stärke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft

über die Halbinsel wieder gewinnen würden.

Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends über

die Alpen zu drängen: und Cethegus wollte schon dafür sorgen, daß diese

Befreier ebenfalls keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten,

um sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können.

Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten durch die Erhebung

Italiens überrascht würden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar

schon ausgesprochen war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die in

Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreißen. Da

nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei

jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung

erwarten mußte, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden

von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr zu verlieren.

Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine

Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das

mühsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick des

Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser rein italischen

Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der

Bestochenen oder Furchtsamen, die nur für und mit Byzanz zu handeln

geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen, wenn er

diese sofort in den Kampf zu führen versprach.

Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der

Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der

Präfekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige

noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus führte die

letzten Hammerschläge: ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals

von Rom und von Italien dröhnen.

Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater

des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen

eingefunden und der Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine

unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter den

Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewünscht hatte;

aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern

Mienen von den Tischen zurück.

Der Priester hatte seit lange eingesehen, daß Cethegus nicht bloß Werkzeug

sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte, die der Kirche und seinem

persönlichen Einfluß sehr gefährlich werden konnten. Und er war

entschlossen, den kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden

konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Römers

gegen den Überlegenen im geheimen zu schüren.

Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, Hypatius von

Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen öffentlich mit

dem Papst, aber geheim mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros,

in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit

Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten.

»Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Thor des

Theaters, »der Präfekt ist Marius und Cäsar in Einer Person.« – »Er

verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu

sehr trauen,« warnte der geizige Albinus. – »Lieben Brüder,« mahnte der

Priester, »sehet zu, daß ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer

solches thäte, wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht

unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen

»Ritter«: es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... –«

»Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius.

»Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in Brutus’ Tagen,« sprach

Scävola.

»Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:« sagte Silverius, »je

näher der Tyrann, desto drückender die Tyrannei: je ferner der Herrscher,

desto erträglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist

aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.«

»Jawohl,« stimmte Albinus bei, der große Summen von Byzanz erhalten hatte,

»der Kaiser muß der Herr Italiens werden.« – »Das heißt,« beschwichtigte

Silverius den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten

durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten niederhalten. Siehe, wir

stehen an der Schwelle meines Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim

euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es

wird euch überraschen. Aber andre Leute noch mehr.«

Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in

einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede

überdachte er: wußte er doch längst was er zu sagen hatte und, ein

glänzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen,

überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend,

daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt.

Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe

Wellen.

Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit

zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die

kurze Strecke, die noch zurückzulegen war: er überzählte die

Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und ermaß

dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden: und das Ergebnis

dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit

jugendlicher Aufregung ergriff.

Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach.

Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender

Schlacht: er umgürtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner

Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es,

jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu

erkämpfen. Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das

schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften

des Imperators und rüttelte an ihnen: »lebwohl,« sagte er, »und gieb mir

dein Glück mit auf den Weg. – Mehr brauch’ ich nicht.«

Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium

hinaus auf die Straße, wo ihn schon die ersten Sterne begrüßten.

Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den

Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu

dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf

den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte

vertreten: von den starken Grenzhüterinnen Tridentum, Tarvisium und

Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia,

welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre

Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siciliens und Italiens mit den

stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusä und Catana,

Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum,

Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum,

Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca,

Luna und Genua, Ariminum, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und

Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und

Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des

jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.

Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Städte,

deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,

breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren:

und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes

Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt

gehorsam.

Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen, die

Massen in dem Halbrund der Grotte übersah, konnte er sich eines

verächtlichen Lächelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief.

Außer der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem

nicht stark genug war, schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen

zu tragen, – welch’ verschiedene und oft welch’ kleine Motive hatten diese

Verschwornen hier zusammengeführt!

Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: hatte er sie doch

durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt. Und er

mußte zuletzt noch froh darum sein: echte Römer hätte er nie, wie diese

Verschworenen, so völlig unter seinen Einfluß gebracht.

Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und

bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den

andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer

Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter

Streich unter die Unzufriedenen geführt: und wenn er sich nun vorstellte,

daß er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermännern entgegentreten

sollte, – da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes.

Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius

seinen Blick auf die Schar der jungen »Ritter« lenkte, denen wirklich

kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte: so

hatte er doch einige verlässige Waffen. –

»Gegrüßt, Lucius Licinius,« sprach er aus dem Dunkel des Ganges

hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und gewaffnet, als ging es von

hier gegen die Barbaren.«

»Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Haß und vor Freude,« sagte der

schöne Jüngling. »Sieh, alle diese hier hab’ ich für dich, für das

Vaterland geworben.«

Cethegus blickte grüßend umher:

»Auch du hier, Kallistratos, – du heitrer Sohn des Friedens?«

»Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der

Gefahr,« sagte der Hellene und legte die weiße Hand auf das zierliche

Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte

sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit

den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen, ihre Brüder, Vettern,

Freunde mitgebracht hatten. Prüfend flog sein Blick über die Gruppe, er

schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine

Gedanken: »Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?

Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er

sprach: »ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blüht unter

gotischem Schutz: laßt mich aus eurem Spiel.« Und als ich weiter in ihn

drang – denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von

Armen, über die er gebeut – sprach er kurz abweisend: »ich fechte nicht

gegen Totila.««

»Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart

bindet,« meinte Piso.

Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich denke, wir Römer

genügen,« sprach er laut: und das Herz der Jünglinge schlug.

»Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig den Archidiakon, »du

siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.

Unterbrich ihn: rede.«

»Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinus kommt?«

»Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor.«

»Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und er trat in die Mitte der

Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen

Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den

Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn

Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner

Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst Gott dem

Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner

frommen Gemahlin, die mit thätigem Mitleid die Seufzer der leidenden

Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem

Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt

...« –

»Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer nennt den Kaiser

von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt

den Goten! Frei wollen wir sein!« – »Frei wollen wir sein,« wiederholte

der Chor seiner Freunde.

»Frei wollen wir _werden_!« fuhr Silverius fort. »Gewiß. Aber das können

wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht,

geliebte Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt,

Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen köstlichen Ring –

sein Bild in Carneol – gesendet, zum Zeichen, daß er billige, was der

Präfekt für ihn, den Kaiser, thue und der Präfekt hat den Ring angenommen:

sehet hier, er trägt ihn am Finger.«

Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus. Dieser trat

schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.

»Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es ist nicht wie sie

sagen mit dem Ring.«

Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist wie sie sagen: der Ring

ist vom Kaiser und ich hab’ ihn angenommen.«

Lucius Licinius trat einen Schritt zurück.

»Zum Zeichen?« fragte Silverius.

»Zum Zeichen,« sprach Cethegus mit drohender Stimme, »daß ich der

herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den mich einige halten, zum

Zeichen, daß ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf

Byzanz und wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten: – darum

nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zögert:

deshalb hab’ ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser

zurückzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz

erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurück: er säumt zu lang:

sag’ ihm, Italien hilft sich selbst.«

»Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter.

»Bedenket, was ihr thut!« warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. »Den

heißen Mut der Jünglinge begreif’ ich, – aber daß meines Freundes, des

gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, – befremdet mich.

Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Männer

Italiens seit lange des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des

Landes in der Hand ...« –

»Schweig, Priester,« donnerte Cethegus, »das verstehst du nicht! Wo es die

Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da

rede du: denn solches ist dein Amt; wo’s aber Krieg und Kampf der Männer

gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen

Himmel – laß uns nur die Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl.

Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht

Italiens noch erbarmt – ihr könnt müde Greise werden bis dahin – oder

wollt ihr, nach alter Römer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert

erkämpfen? Ihr wollt’s, ich seh’s am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns,

wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel

jener Römer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für

Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus,

Cornelius, Valerius, Licinius: – wollt ihr mit mir das Vaterland

befreien?«

»Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!« riefen die Jünglinge begeistert.

Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heiße Scävola. Wo römische

Heldennamen aufgerufen werden, hätte man auch des Geschlechts gedenken

mögen, in dem das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du

jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume und Wünsche, wie diese

jungen Thoren, hast du einen Plan?« –

»Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste

fast aller Festungen Italiens: an den nächsten Iden, in dreißig Tagen

also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.«

»Wie? dreißig Tage sollen wir noch warten?« fragte Lucius.

»Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht, bis

meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt über vierzig Jahre

warten müssen!«

Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er selbst geschürt, wollte

nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne Mienen zu dem Aufschub – sie

murrten.

Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. »Nein,

Cethegus,« rief er, »solang kann nicht mehr gezögert werden! Unerträglich

ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet als er muß.

Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den nächsten Tagen

können die Waffen Belisars in Italien blitzen.«

»Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar nicht folgen, weil

er nicht Cethegus ist?«

»Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von Wirklichem.

Landete Belisar, ich wäre der erste mich ihm anzuschließen. Aber er wird

nicht landen. Das ist’s ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser

hält nicht Wort.«

Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.

»Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen, als du

meinst. Belisar liegt bei Sicilien.«

»Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht

mehr auf Belisar.«

Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stürzte

Albinus herein:

»Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!«

»Was bringst du?« fragte freudig der Priester.

»Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt.«

»Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge.

»Es ist unmöglich!« sprach Cethegus, tonlos.

»Es ist gewiß!« rief eine andre Stimme vom Gange her – es war Calpurnius,

der jenem auf dem Fuß gefolgt – »und mehr als das: der Krieg ist begonnen.

Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusä, Messana sind ihm

zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist übergesetzt

nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.«

»Freiheit!« rief Marcus Licinius.

»Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flüchten

die überraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien

gen Neapolis.«

»Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu

den andern.

»Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache. Aber der

Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreißigtausend

Mann.« – »Ein Verräter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. – »Nun laß

sehen,« höhnte Silverius, »ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der

erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?«

Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt.

So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, für einen verhaßten

Feind alles gethan, was er gethan.

Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht, machtlos,

überwunden! Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitre Streben ermüdet

aufgegeben. In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der

Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der

Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn

von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Muße

ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er

beschloß, eine zweite zu schaffen.

»Nun! was wirst du thun?« wiederholte Silverius.

Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er

mit ruhiger Stimme: »Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich

gehe in sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges,

gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorüber.

Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber er verstummte, da ihn

der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke nicht, Priester,« schien er zu

sagen, »diese Stunde wird dir vergolten.«

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Erster Band · 第 29 / 31 题