Neuntes Kapitel.
Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich
unerwartet gekommen.
Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten hatte alle Erwartungen von
der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden
war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von
Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel
zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel
genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das
gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhängnisvolle
Schatten werfen und die Bande des Glückes zerreißen sollte, mit welchen
ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Götter bisher umwoben
hatte.
Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen,
das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben
gesehen, wie mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die
Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der
nächtlichen Überraschung auf den würdigen Alten gewirkt.
Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Güte,
wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflüssen
gab der Sinn des Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen
Römertum des Alten nur dadurch möglich, daß von allen Goten Totila an
Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Römern am nächsten stand, so daß
Valerius bald einsah, er könne einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten,
der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schönheit
der hellenischen und römischen Litteratur kannte und würdigte, und, wie er
seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte.
Dazu kam endlich, daß im politischen Gebiet den alten Römer und den jungen
Germanen der gemeinsame Haß gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
Heldenseele Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation die
Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkürlich wie dem Lichte
die Nacht verhaßt war, so war für Valerius die ganze Tradition seiner
Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier
hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider
das Cäsarentum gezählt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den
Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt
und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die Übertragung
der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem
byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und
um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den
orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es
kam dazu, daß sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch
Byzanz von einem Vorgänger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und,
wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung, unter Konfiskation
ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet worden, so daß den
politischen Haß des Patrioten mit aller Macht persönliche Schmerzen
verstärkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwörung
einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen,
aber alle Annäherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen:
»lieber den Tod als Byzanz!«
So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluß, keine Byzantiner in
dem schönen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem
Römer.
Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
bindenden Wort zu drängen; sie begnügten sich für die Gegenwart mit der
Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen beließ und warteten ruhig ab, bis
der Einfluß allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre
völlige Vereinigung befreunden würde. So verlebten unsere jungen Freunde
goldene Tage.
Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke die Freude an der
wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoß jene weihevolle
Erhebung, die für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen um des
Glückes geliebter Herzen willen liegt.
Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den höchsten Frieden
im Entsagen findet.
Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres Vaters, der an der
frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im
geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen
Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem
Eintritt in das Leben durch eine äußere Nötigung war zugewendet und später
ebenso durch ein äußerliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien
ihr als eine gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht,
die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefühle zu
scheiden vermochte. Als echte Römerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen,
sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespräch
mit ihrem Vater über Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas
leuchtete, den künftigen Helden verkündend.
Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine
Kriegerpflicht plötzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft.
Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen
war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges
unauslöschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag
ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Küste zu decken. Er
setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht
entgegen, Erklärung heischend über den Grund ihres Erscheinens in diesen
Gewässern.
Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen
in Afrika und Seeräubereien mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit
dieser Antwort mußte sich Totila begnügen: aber in seiner Seele stand der
Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wünschte.
Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und
suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu
decken, da die Landbefestigung der Stadt während des langen Friedens
vernachlässigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus
seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzurütteln war.
Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen Wahn, die Byzantiner
würden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verräterischer König
bestärkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben
deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes
Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablösung
beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten,
blieben aus.
Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
wie er den Freunden erklärte, die Bewegungen der zahlreichen
Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese
Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen
und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an
der Südspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus
dieser Gegend, für die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach
Neapolis zu flüchten und überhaupt seine Anordnungen für den Fall eines
längeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten:
und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa
zurückzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, für die
nächsten Tage nichts zu fürchten.
So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der
Hauptvilla bei dem Passe Jugum nördlich von Regium ab, die, unmittelbar am
Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus
in das Meer selbst »wagend hinausgebaut« war.
Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, übel gewirtschaftet: und
mit Unwillen erkannte dieser, daß seine prüfende, ordnende, strafende
Thätigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig
sein werde.
Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
können: und dieser verschmähte es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die
er noch mehr verachtete, als haßte.
Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht, die fast
gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug
Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Männer begrüßten sich
überrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander
durch die Taxus- und Lorbeergänge des Gartens zu der Villa hinan. Hier
trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu
wollen, indes den Korsen ein Geschäft zu dem Kaufherrn führte, mit dem er
seit Jahren in einer für beide Teile gleich vorteilhaften
Handelsverbindung stand.
Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen und stattlich-schönen
Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrüßung wandten sich
die beiden Handelsfreunde ihren Büchern und Rechnungen zu.
Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
sprach: »So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bündnis
gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus
Phönikien und aus Spanien zugeführt: und deine köstlichen Fabrikate des
verflossenen Jahres verführt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und
Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird
er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den
Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland.« Er schwieg wie
abwartend.
»Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang diese Griechen
Frieden halten. Wer steht dafür, daß uns nicht diese Nacht der Seewind die
Flotte Belisars an die Küste treibt!«
»Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
wahrscheinlich, er ist gewiß.«
»Furius,« rief der Römer, »woher weißt du das?«
»Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber. Ich habe die Heerführer
Belisars gesprochen: sie träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens.
Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.«
Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: »Und
deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird
in dieser Gegend landen und ich wußte, – daß deine Tochter dich
begleitet.«
»Valeria ist eine Römerin.«
»Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen,
Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser
Kaiser der Römer losläßt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches
Kind in ihre Hände fiele.«
»Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am Dolch. »Aber du sprichst
wahr – sie muß fort – in Sicherheit.« – – »Wo ist in Italien Sicherheit?
Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen über
Neapolis, – über Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen.« – Denkst
du so groß von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes
nach Italien geschickt als Mimen, Seeräuber und Kleiderdiebe!« –
»Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf,
dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird!« – »Von _euch_, sagst
du? wirst du nicht mit kämpfen?«
»Nein, Valerius! Du weißt, in meinen Adern fließt nur korsisch Blut, trotz
meines römischen Adoptivnamens: ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht
Gote. Ich wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu
Wasser und zu Land und weil mein Handel blüht unter ihrem Scepter: aber
wollt’ ich offen für sie fechten, – der Fiskus von Byzanz verschlänge, was
irgend von meinen Schiffen und Waren in den Häfen des Ostreichs liegt,
drei Viertel all’ meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu
befestigen, – du weißt ja, halb Korsika ist mein – daß keine der
kämpfenden Parteien mich viel belästigen wird: meine Insel wird eine
Friedensinsel sein, während rings die Länder und Meere vom Krieg
erdröhnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone, wie
ein Bräutigam die Braut – und deshalb« – seine Augen funkelten und seine
Stimme bebte vor Erregung – »deshalb wollte ich jetzt, – heute – ein Wort
aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage« – – Er stockte.
Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit
Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen
Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung
er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten
gewonnen, er würde doch den langjährigen Handelsgenossen als Eidam
vorgezogen haben. Und er kannte den unbändigen Stolz und die zornige
Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe
und Freundschaft alsbald in lodernden Haß umschlagen zu sehen: man
erzählte dunkle Geschichten von der jähzornigen Wildheit des Mannes und
gern hätte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung
erspart.
Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind Männer, die Geschäfte
geschäftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem
Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius:
du kennst zum Teil mein Vermögen – nur zum Teil: – denn es ist viel größer
als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb’ ich, wie groß sie sei, das
doppelte ...« –
»Furius!« unterbrach der Vater.
»Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglücken mag. Jedenfalls
kann ich sie beschützen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich
führe sie, wird Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach
Afrika; an jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine
Königin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: – höher als meine
Seele.« Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: – es war nur eine Sekunde:
aber der Anschein nur, daß sich der Vater besinne, empörte den Korsen.
Sein Blut kochte auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch
beinahe weich und mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck an:
dunkelrote Glut schoß in die braunen Wangen. »Furius Ahalla,« sprach er
rasch und hastig, »ist nicht gewöhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine
Ware aufs erste Angebot mit beiden Händen zu ergreifen –: nun biete ich
mich selbst: – ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur« –
»Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
strengen Römerbrauchs: der neue Glaube hat den Vätern fast das Recht
genommen, die Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und keinem
andern geben, aber ihr Herz« ... –
»Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?« Und seine Faust fuhr
an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es
lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges.
Valerius empfand, wie tödlich dieser Haß und wollte den Namen nicht
nennen. – »Wer kann es sein?« fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer?
Montanus? Nein! O nur – nur nicht er – sag’ nein, Alter, nicht Er« .. –
Und er faßte ihn am Gewande.
»Wer? wen meinst du?«
»Der mit mir landete – der Gote: doch ja: er muß es sein, es liebt ihn ja
alles: – Totila!«
»Er ist’s!« sagte Valerius und suchte begütigend seine Hand zu fassen.
Doch mit Schrecken ließ er sie los: ein zuckender Krampf rüttelte den
ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hände starr vor sich
hin als wollte er den Schmerz, der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das
Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste grausam
gegen die Stirn, den Kopf schüttelnd und laut auflachend.
Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepreßten Hände
langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. »Es ist aus,« sagte er
dann mit bebender Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll
nicht glücklich werden im Weibe. Schon einmal, – hart vor der Erfüllung –!
Und jetzt, – ich weiß es, – Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch
in mein wild schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: – ich wäre
anders geworden, – – besser. Und sollte es nicht sein« – hier funkelte
sein Auge wieder – »nun, so wär’ es fast das gleiche Glück gewesen, den
Räuber dieses Glücks zu morden. Ja, in seinem Blute hätte ich gewühlt und
von der Leiche die Braut hinweggerissen – und nun ist Er es!
Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet – und welchen Dank« – – – Und er
schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung.
»Valerius,« rief er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem
Mann auf Erden: – ich hätt’ es nicht getragen, hinter einem andern
zurückzustehen – doch Totila! – Es sei ihr vergeben, daß sie mich
ausschlägt, weil sie Totila gewählt. Leb wohl, Valerius, ich geh’ in See,
nach Persien, Indien – ich weiß nicht, wohin – ach überallhin nehm’ ich
diese Stunde mit.« Und rasch war er hinaus und gleich darauf entführte ihn
sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. –
Seufzend verließ Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur
gekommen, zu rascher Rückreise nach Neapolis zu treiben.
Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei
Panormus: jeden Tag könne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst
erfolgen und trotz all’ seines Dringens sende der König keine Schiffe. In
den nächsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewißheit zu
schaffen. Die Freunde seien daher hier völlig unbeschützt: und er beschwor
den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren.
Aber den alten Soldaten empörte es, vor den Griechen flüchten zu sollen:
vor drei Tagen könne und wolle er nicht weichen von seinen Geschäften, und
kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur
notdürftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in
seinen Kahn und ließ sich an Bord des Wachschiffes zurückbringen.
Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier
verhüllte die Dinge in nächster Nähe.
Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der
roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen
Vorgebirges.
Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur Linken! was für
Schiff? was für Herr?«
»Schon angezeigt vom Mastkorb:« – hallte es wieder – »Kauffahrer – Furius
Ahalla – lag hier vor Anker.«
»Fährt wohin?«
»Nach Osten – nach Indien!« –
Zehntes Kapitel.
Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt,
hatte Valerius endlich seine Geschäfte beendet und auf den andern Morgen
die Abreise festgesetzt. Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und
sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen
Helden Kriegesdurst doch wohl unterschätzt habe: es war dem Römer ein
unerträglicher Gedanke, daß »Griechen« das teure Italien in Waffen
betreten sollten. »Auch ich wünsche den Frieden,« sprach Valeria,
nachsinnend – »und doch –« »Nun?« fragte Valerius. »Ich bin gewiß, du
würdest,« vollendete das Mädchen, »im Krieg erst Totila so lieben lernen,
wie er es verdient: er würde für mich streiten und für Italien.« – »Ja,«
sagte Julius, »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das.« – »Ich
kenne nichts Größeres,« antwortete Valerius.
Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
junge Thorismuth, der Anführer der zwanzig Goten und Totilas Schildträger,
trat hastig ein.
»Valerius,« sprach er schnell, »laß die Wagen anschirren, – die Sänften in
den Hof – ihr müßt fort.«
Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn – sind sie gelandet?« – »Rede,«
sprach Julius, »was macht dich besorgt?« – »Für mich nichts,« lachte der
Gote, »und euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber
ich darf nicht mehr schweigen – gestern früh spülte die Flut eine Leiche
ans Land ... –«
»Eine Leiche?« – »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft – es war Alb,
der Steuermann auf Totilas Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte
nicht. »Das kann ein Zufall sein – er ist ertrunken.« – »Nein,« sagte der
Gote fest, »er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust.« –
»Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr!« meinte Valerius.
»Aber heute –«
»Heute?« fragte Julius. – »Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die
sonst täglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den
ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« –
»Beweist noch immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. – Sein Herz
sträubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhaßten solang als
möglich – »oft schon hat die Brandung die Straße gesperrt.«
»Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium vorging und das Ohr
auf die Erde legte, hörte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von
vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr müßt fliehn.«
Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: »Was ist
zu thun?« fragte sie.
»Besetzt den Engpaß von Jugum,« befahl Valerius, »in den die Straße längs
der Küste verläuft: er ist schmal; er ist lange zu halten.« – »Er ist
schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde
sitzt, die Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.«
Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein gotischer Krieger,
mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: »flieht,« rief er, »sie sind da!« –
»Wer ist da, Gelaris?« fragte Thorismuth. – »Die Griechen! Belisar! der
Teufel!« – »Rede,« befahl Thorismuth. – »Ich kam bis in den Pinienwald von
Regium, ohne etwas Verdächtiges zu spüren, freilich auch ohne einer Seele
auf der Straße zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite,
eifrig vorwärts spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein
Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am
Boden .... –«
»Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Thorismuth. – »Jawohl, eine
Roßhaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da
fällt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde
– Waldschraten oder Alraunen acht’ ich sie ähnlich – setzten aus dem Busch
über den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre
kleinen, zottigen Gäule – und hui ...« –
»Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius.
»Jagten sie mit mir davon. – Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich
in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die
Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sicilien
überrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen – –« – »Und das
feste Panormus?«
»Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkörbe waren höher
als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab.«
– »Und Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der Sicilianer – die
Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakusä ist Belisarius eingeritten
unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres – denn es war
am letzten Tage seines Konsulats – Goldmünzen streuend, unter
Händeklatschen alles Volks.« – »Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?« –
»Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoße der
Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Rüstung
– und ist – noch nicht – aufgefischt.«
Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
»Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete gestern in dunkler
stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er
ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine
Vorhut, die gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mußten sogleich
wieder umkehren und den Paß gewinnen. Ich sollte ihnen Führer dahin sein.
Ich führte sie weit ab – nach Westen – in den Meeressumpf und – entsprang
ihnen im Dunkel – des Abends – aber – sie schickten mir – Pfeile nach –
und einer traf – ich kann nicht mehr.« – Und klirrend stürzte der Mann zu
Boden.
»Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes Geschoß! Auf,
Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Straße gen Neapolis:
ich gehe in den Paß und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die Bitten
Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen
Entschlusses an. »Gehorcht!« befahl er den Widerstrebenden, »ich bin der
Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen
Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius!
Dich muß ich bei Valeria wissen – lebet wohl.«
Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
Sklaven spornstreichs auf der Straße nach Neapolis hinwegeilte, stürmte
Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum
Garten der Villa hinaus, nach dem Engpaß zu, der nicht weit vor dem Anfang
seiner Besitzungen die Straße nach Regium überwölbte.
Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich und zur
Rechten, nach Süden, fielen jene Wände senkrecht in das tiefe Meer, dessen
Brandung oft die Straße überflutete. Die Mündung des Passes aber war so
schmal, daß zwei nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren Schilden wie
eine Pforte schließen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Paß auch
gegen große Übermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der
Fliehenden hinlänglichen Vorsprung zu gewähren. Während der Alte den
schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem
Engpaß hinzog, durch die mondlose Nacht vorwärts eilte, bemerkte er zur
Rechten, draußen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen
Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes
niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen
Neapolis vorrücken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
Rücken ans Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere Lichter
zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon
mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.
Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem
Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius
allein an dem Engpaß an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen
besetzt hielten, während zwei andere den östlichen, dem Feinde zugekehrten
Eingang ausfüllten und die übrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum
war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Wächter getreten, als man
plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die
letzte Krümmung, welche die Straße vor dem Paß um eine Felsennase machte,
zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es
warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Scene: denn die Goten
vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. »Beim Barte
Belisars!« schalt der vorderste der Reiter, in Schritt übergehend, »hier
wird der Katzensteig so schmal, daß kaum ein ehrlich Roß drauf Platz hat,
– und da kömmt noch ein Hohlweg oder – halt, was rührt sich da?« Und er
hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend,
vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner
Kienfackel ein bequemes Ziel.
»Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu.
Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
Brust. »Feinde, weh!« schrie der Sterbende und stürzte rücklings aus dem
Sattel. »Feinde, Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die
verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und
jagte zurück, während das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der
Leiche seines Herrn.
Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der
Wellen am Fuße der Felswand. Den Männern im Engpaß schlug das Herz in
Erwartung. »Jetzt bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte Valerius, »lasse sich
keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schließt die Schilde
fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr
drei im Rücken reicht uns die Speere und habt acht auf alles –.«
»Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Straße stand, »das
Licht! das Schiff nähert sich immer mehr.«
»Hab’ acht und ruf’ es an, wenn –«
Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Späher gebildet
hatten: es war ein Trupp von fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen
Fackeln. Wie sie um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene
mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
»Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter, »seht euch vor.« –
»Schafft den Toten zurück und das Roß!« sprach eine rauhe Stimme und der
Anführer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
»Halt!« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer seid ihr und was
wollt ihr?« – »Das habe ich zu fragen!« entgegnete der Führer der Reiter
in derselben Sprache. – »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein
Vaterland gegen Räuber.«
Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze
Örtlichkeit besehen: sein geübtes Auge erkannte die Unmöglichkeit, links
oder rechts den Engpaß zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mündung.
»Freund,« sagte er etwas zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen. Auch
wir sind Römer und wollen Italien von seinen Räubern befreien. Also gieb
Raum und laß uns durch.« Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen
wollte, sprach: »Wer bist du und wer sendet dich?« – »Ich heiße Johannes:
die Feinde Justinians nennen mich »den blutigen«: und ich führe die
leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit
Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir weiter,
hätt’ uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf geführt,
drin je ein guter Gaul versank. Köstliche Zeit ging uns verloren. Halt’
uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du
uns führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt: sie dürfen
sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. »Johannes,«
sprach Belisar zu mir, »da ich’s dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor
mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich’s dir.« Also fort und laßt
uns durch –.« Und er spornte sein Pferd.
»Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fuß breit
vorwärts in Italien. Zurück, ihr Räuber!« – »Verrückter Mensch! du hältst
es mit den Goten gegen uns?« – »Mit der Hölle –, wenn gegen euch.«
Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts und links: »Höre,«
sprach er, »du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so laß ich dich erst
schinden und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach einer Blöße
spähend.
»Zurück,« rief Valerius. »Schieß’, Freund!« Und eine Sehne klirrte und ein
Pfeil schlug an den Helm des Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte
sein Tier zurück. »Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen
trennten sich nicht gern von ihren Rossen. »Wie, Herr? absitzen?« fragte
einer der nächsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der
Mann rührte sich nicht. »Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu
Pferde in das Mauseloch schlüpfen?« Und er selbst schwang sich aus dem
Sattel: »Sechs steigen auf die Bäume und schießen von oben. Sechs legen
sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Straße vor und schießen im
Liegen. Zehn schießen stehend, auf Brusthöhe. Zehn hüten die Pferde; die
andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt.
Vorwärts.« Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze.
Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
den Paß. »Ergebt euch!« rief er – »Kommt an,« riefen die Goten.
Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.
Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schützen
auf den Bäumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit
dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den
wütenden Anprall des anstürmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze
in die Lücke rannte. Er fing den Lanzenstoß mit dem Schilde und schlug
nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurückprallte, strauchelte
und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurück.
Da konnte sich’s der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
Führer unschädlich zu machen: er sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpaß
einen Schritt vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell
hatte er sich aufgerafft, den überraschten Goten von der Straßenwand zur
Rechten des Felsenpasses hinabgestoßen, und im selben Augenblick stand er
an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder
vordringenden Hunnen abwehrte, und stieß diesem mit aller Kraft das lange
Persermesser in die Weichen.
Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden
Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit
ihren Schildschnäbeln wieder zurück- und hinauszustoßen. Er ging zurück,
einen neuen Pfeilregen zu befehlen.
Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung, der dritte hielt
den blutenden Valerius in seinen Armen.
Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpaß: »Das Schiff! Herr –
das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir
wollen euch tragen – ein Versteck in den Felsen.« –
»Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich sterben; stemme
mein Schwert gegen die Wand und« –
Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der Ruf des gotischen
Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreißig Goten stürmte in
den Paß: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu
spät, zu spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache! hinaus!«
Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk aus dem Paß. Und
schrecklich war der Zusammenstoß auf der schmalen Straße zwischen Felsen
und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende Morgen
gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kühnen Angreifern
überlegen, waren durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie
glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre
Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen
zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knäuel
stürzte Mann und Roß die Felsen hinab.
Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nächsten Goten
an. Aber er kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter
Flachskopf,« schrie er, »so bist du nicht ersoffen?«
»Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
Helmkamm und noch ein Stück in den Schädel, daß er taumelte. Da war aller
Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner Reiter
auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geräumt.
Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand Valerius, bleich, mit
geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu
ihm nieder und drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,«
rief er, »Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort
des Abschieds.« Der Sterbende schlug matt die Augen auf.
»Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.« – »Ah, Sieg!« atmete
Valerius auf; »ich darf im Siege sterben. Und Valeria – mein Kind – sie
ist gerettet?«
»Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich
hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Straße, zwischen
deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr
deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und führt sie nach
Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten – ach nur zu
rächen!« Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust.
»Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank’
ich es.« Und wohlgefällig streichelte er die langen Locken des Jünglings.
»Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens
Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, – trotz Belisar und
Narses. Du kannst es, – du wirst es – und dein Lohn sei mein geliebtes
Kind.« – »Valerius! Mein Vater!« – »Sie sei dein! Aber schwöre mir’s,« –
und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge –
»schwöre mir’s beim Genius Valeria’s: nicht eher wird sie dein, als bis
Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen
Byzantiner trägt.«
»Ich schwör’ es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, »ich
schwör’s beim Genius Valerias!«
»Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: – grüße sie und sage
ihr: dir hab’ ich sie empfohlen und anvertraut: sie – und Italien.« Und er
legte das Haupt zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der
Brust – und war tot.
Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.
Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem Träumen: es war die
Morgensonne, deren goldne Scheibe prächtig über den Kamm des Felsgebirges
emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die
Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog über alles
Land.
»Beim Genius Valerias!« wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er
Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die hohe
Pflicht erhob ihn. Gekräftigt wandte er sich zurück und befahl, die Leiche
auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in
Neapolis zu führen.
Elftes Kapitel.
Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten
nicht völlig müßig geblieben. Doch waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr
gelähmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs.
Theodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die Kriegserklärung des
byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
Überzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt,
um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte
ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser mußte doch vor Goten
und Römern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen.
Das Auftreten dieses Mannes war ja das längst verabredete Mittel zur
Durchführung der geheimen Pläne. Den Gedanken, Krieg führen zu sollen, –
von allen ihm der unerträglichste! – wußte er sich dadurch fern zu halten,
daß er weislich überlegte, zum Kriegführen gehören zwei. »Wenn ich mich
nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff bald vorüber. Belisar mag
kommen: – ich will nach Kräften dafür sorgen, daß er auf keinen Widerstand
stößt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern könnte.
Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, daß ich seine Erfolge in
jeder Weise befördert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
ganz oder doch zum größten Teil zu erfüllen.«
In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte der Goten zu Land
und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete,
hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach
Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem er,
gestützt auf die Thatsache, daß Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach
Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenkönigen Gesandte
gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu
Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken am Rhodanus
und Padus zu befahren.
Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben: und so geschah
das Unerhörte, daß die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
Kriegsvorräte in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
hinweggeführt, daß Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna
entblößt und alle Verteidigungsmaßregeln in den Gegenden vernachlässigt
wurden, auf die alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten.
An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
Segeln, während bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum
Wachtdienst fehlten.
Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
viel. Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft,
indem er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien
entsandte: und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der
nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zähen
Widerstand.
Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt, als ihm seine entschlossene
Königin zurückgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung
der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen,
wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht, und hatte
sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter
Verbürgung für ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden großen Volks-
und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts
untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien
genehm: denn den gotischen Patrioten mußte alles daran gelegen sein,
jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der
Oberleitung gespalten zu sein.
Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch
Teja ein, daß, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des
Königsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges
und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine stürmische
Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren könne.
Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen:
mochten die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen, sie
glaubte ganz sicher zu sein, daß sich ein genügender Beweis ihrer That
nicht erbringen lasse. – Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin
gesehen. – Und sie wußte wohl, daß man sie ohne volle Überführung nicht
strafen werde.
So folgte sie willig nach Ravenna, flößte dem zagen Herzen ihres Gatten
neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag überstanden, alsbald im
Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen
zu finden. Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages
wurde nun noch dadurch erhöht, daß die Rüstungen der Franken ihnen den
Vorwand gegeben hatten, außer Witichis und Hildebad auch noch den
gefährlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der
Halbinsel zu entsenden: – mit ihm zogen viele Tausende gerade der
eifrigsten Anhänger der Gotenpartei, – so daß an dem Tag bei Rom eine von
ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden
würde. – Und unablässig waren sie thätig, sowohl ihre persönlichen
Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens, die mächtige Sippe der Balten in
ihren weitverbreiteten Zweigen, in möglichst großer Anzahl zur
Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Königspaar Ruhe und
Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden,
selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu
erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen Ansehens
vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschüchtern.
Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verließen
Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage
vor dem für die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten
Kaiserpalast abstiegen.
Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nähe Roms, auf einem
freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte
die Versammlung gehalten werden. Früh am Morgen des Tages, da sich
Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von
Gothelindis Abschied nahm, ließ sich ein unerwarteter und unwillkommener
Name melden: Cethegus, der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der
Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der
Befestigungen beschäftigt.
Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck: »Um Gott,
Cethegus! welch ein Unheil bringst du?«
Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
dann sprach er ruhig: »Unheil? für den, den’s trifft. Ich komme aus einer
Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen
wird: Belisar ist gelandet.«
»Endlich,« rief Theodahad. – Und auch die Königin konnte eine Miene des
Triumphs nicht verbergen.
»Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht,
Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit
Verrätern handelt, muß sich aufs Lügen gefaßt machen. Ich komme nur, um
euch zu sagen, daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid.«
»Verloren?« – »Gerettet sind wir jetzt!«
»Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er
sagt, er komme, die Mörder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und
seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.«
Theodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gothelindis.
»Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
Widerstand ins Land gelassen.
Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stürmischen
Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms
ergreifen und Belisar übergeben lassen.«
»Das wagst du nicht!« rief Gothelindis nach dem Dolche greifend.
»Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
Ich lasse euch aber entkommen – was liegt mir an eurem Leben oder Sterben!
– gegen einen billigen Preis.«
»Ich gewähre jeden!« stammelte Theodahad.
»Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Verträge mit Silverius: –
schweig! lüge nicht! ich weiß, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du
hast wieder einmal einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben!
Mich lüstet nach dem Kaufbrief.«
»Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in
der Krypta!« Seine Furcht zeigte, daß er wahr sprach.
»Es ist gut,« sagte Cethegus. »Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen
Legionären besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am
bezeichneten Ort, so werd’ ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr
dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen
dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen.« Und er
ging, das Paar ratlosen Ängsten überlassend.
»Was thun?« fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. »Weichen
oder trotzen?« – »Was thun?!« wiederholte Theodahad unwillig. »Trotzen?
das heißt bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als möglich; kein Heil als
die Flucht!« – »Wohin willst du fliehn?« – »Nach Ravenna zunächst – das
ist fest! Dort erheb’ ich den Königsschatz. Von da, wenn es sein muß, zu
den Franken. Schade, schade, daß ich die hier verborgnen Gelder preisgeben
muß. Die vielen Millionen Solidi!« – »Hier? auch hier,« fragte Gothelindis
aufmerksam »in Rom hast du Schätze geborgen. Wo? und sicher?« – »Ach,
allzusicher! In den Katakomben! Ich selber würde Stunden brauchen, sie
alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt
Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch über die Solidi! Folge mir,
Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte
Marc Aurels.«
Und er verließ das Gemach. Aber Gothelindis blieb überlegend stehn. Ein
Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfaßt: sie erwog die
Möglichkeit des Widerstands.
Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. »Gold ist Macht,«
sprach sie zu sich selber, »und nur Macht ist Leben.« Ihr Entschluß stand
fest. Sie gedachte der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz aus
seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der
Einschiffung gewärtig. Sie hörte Theodahad hastig die Treppe hinunter
steigen und nach seiner Sänfte rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!«
sprach sie, »ich bleibe.«
Zwölftes Kapitel.
Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre
Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend
Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten.
Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der großen
Musterung, die alljährlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst
der Nation zugleich: ursprünglich, in der heidnischen Zeit, war ihr
Mittelpunkt das große Opferfest gewesen, das alljährlich zweimal, an der
Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung
der gemeinsamen Götter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und
Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte
zugleich die höchste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg
und Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten.
Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der König
so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die
Volksversammlung eine höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte
heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit,
die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen
schwächern Nachfolgern kräftiger wieder auf.
Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die
Strafe zu verhängen, wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das
Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische
Völker selbst ihre Könige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer
Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getötet. In
dem stolzen Bewußtsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem
König nicht, über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane
in allen seinen Waffen zu dem »Ding« wo er sich im Verband mit seinen
Genossen sicher und stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit,
Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah.
Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
Gründen. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als
die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem
verhaßten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern:
diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau
sein. Dazu kam, daß wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten
Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden über
die Mörder der Tochter Theoderichs: die große Aufregung, die diese That
erweckt hatte, mußte ebenfalls mächtig nach Regeta ziehn.
Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei
Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich große Scharen schon
einige Tage vor der feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst,
zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreißig römische Meilen zu
tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter
dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den frühsten Stunden
des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nützten die geraume
Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und
Kurzweil.
Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
Ufens (oder »Decemnovius«, weil er nach neunzehn römischen Meilen bei
Terracina in das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere
zeigten ihre Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren
hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag
geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfüßigsten, angeklammert
an die Mähnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt
hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den
sattellosen Rücken schwangen.
»Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das
Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich,
»schade, daß Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat
mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm’ ich’s mit ihm
auf.« – »Ich bin froh, daß er nicht da ist,« lachte Gunthamund, der als
der zweite herangesprengt war, »sonst hätte ich gestern schwerlich den
ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen.« – »Ja,« sprach Hilderich, ein
stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, »Totila ist gut mit
der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die
Rippe vorher, die er treffen wird.« – »Bah,« brummte Hunibad, ein älterer
Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend zugesehn, »das ist doch all’
nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das
Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rückt,
daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob’ ich mir den Grafen
Witichis von Fäsulä!
Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im Gepidenkrieg! Durch
Stahl und Leder schlug der Mann als wär’ es trocken Stroh. Der kann’s noch
besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Wölsung, in Florentia. Doch
was wißt ihr davon, ihr Knaben. – Seht, da steigen die frühesten
Ankömmlinge von den Hügeln nieder: auf! ihnen entgegen!«
Und aus allen Wegen strömte jetzt das Volk heran: zu Fuß, zu Roß und zu
Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das
Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden
die Rosse abgezäumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und
durch die Lagergassen hin flutete nun die stündlich wachsende Menge.
Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde und Waffenbrüder, die
sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte
germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da
stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Städte
Italiens niedergelassen, in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte
und die feinere und üppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben
dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der über dem
reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug, neben einem
solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in
den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am
rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um
die mächtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache
befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit
ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch,
welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte. Da war
ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers
Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen
Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt
hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus
die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Höhle des
Bären seine Bretterhütte errichtet hatte.
So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
gefallen, seit ihre Väter dem Ruf des großen Theoderich nach Westen
gefolgt waren, hinweg aus den Thälern des Hämus.
Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne Eines Volkes: dieselbe
stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe
schneeweiße Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und – vor allem – das
gleiche Gefühl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den
unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen,
lebendig oder tot.
Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
durcheinander, die sich hier begrüßten, alte Bekanntschaften aufsuchten
und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen
und zu können.
Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche, feierlich
gezogene Töne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das
Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach
der Richtung der Hügel, von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise
nahte. Es war ein halbes Hundert von Männern in weißen, wallenden Mänteln,
die Häupter eichenbekränzt, weiße Stäbe und altertümlich geformte
Steinbeile führend: die Sajonen und Fronwärter des Gerichts, welche die
feierlichen Formen der Eröffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu
vollziehen hatten.
Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
die Versammlung der freien Heermänner, die, nach feierlicher Stille, mit
klirrenden Waffen lärmend antworteten.
Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt
um einen Haselstab, den sie in die Erde stießen, geschlungen wurden, die
ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und
Sprüchen.
Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe
Lanzenschäfte gespannt, so daß sie die zwei Thore der nun völlig
umfriedeten Dingstätte bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten
Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber
fern zu halten.
Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Ältesten unter die
Speerthore und riefen mit lauter Stimme:
»Gehegt ist der Hag
Altgotischer Art:
Nun beginnen mit Gott
Mag gerechtes Gericht.«
Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge
ein anfangs leises, dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes
Getöse von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.
Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, daß er nicht,
wie gewöhnlich, von dem Grafen geführt war, der im Namen und Bann des
Königs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man
erwartet, daß dieser Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des
Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der
Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und
doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die
Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene
schwer auszufüllende Lücke gelenkt. Während man nun überall nach dem
Grafen, dem Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte man sich,
daß dieser ja verheißen hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen,
sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
verteidigen.
Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm
erkundigen wollte, ergab sich die verdächtige Thatsache, die man bisher,
im Gedräng der allgemeinen Begrüßungen, gar nicht wahrgenommen, daß
nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des
Königshauses, die zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht,
Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man
sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms
gesehen hatte.
Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lärm
über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige
Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten
bereits vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. –
Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender
Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar. Aller Augen
folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rücken
einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den
hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen
Schlachtruf ertönen ließ. Als sie den Schild senkte, erkannte man das
mächtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen
schienen.
Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs,
den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer
mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf
gelegt, hob der Alte an: »Gute Goten, meine wackern Männer. Es ficht euch
an und will euch befremden, daß ihr keinen Grafen seht und Vertreter des
Mannes, der eure Krone trägt.
Laßt’s euch nicht Bedenken machen! Wenn der König meint, damit das Gericht
zu stören, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage
euch: das Volk kann Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne
Königsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte, aber
da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter jünger denn ich: der
wird’s mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist
frei!«
»Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor.
»Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der König den seinen
nicht,« rief der graue Haduswinth, »Recht und Gericht war, eh’ König war
und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand,
Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
»Ja!« hallte es ringsum wieder, »Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
»Ich bin’s durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als hätte mir
König Theodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt. Auch haben meine
Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft
mir öffnen das Gericht.«
Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten
die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und
rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so daß ein
stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem
Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf
Gericht.
Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
weißem Kragen über Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten
Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken
Stahlschild an die Zweige der Eiche.
Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf:
der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, daß er hell erklang, dann
setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille,
Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und
Scheltwort und Waffenzücken, und alles, was den Dingfrieden kränken mag.
Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil’ und Stunde, an Ort
und Stätte, zu halten ein frei Gericht gotischer Männer?«
Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor: »Hier ist
rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund,
zu halten ein frei Gericht gotischer Männer.«
»Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind versammelt, zu richten
zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Königin, und schwere
Rüge wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider
Theodahad, unsern König. Ich frage ... –«
Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
Westen her näher und näher drang.
Dreizehntes Kapitel.
Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche
die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten. Die Sonne fiel grell
blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, daß sie nicht erkenntlich
waren, obwohl sie in Eile nahten.
Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz,
hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: »Das sind
gotische Waffen! – Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage: – das ist
das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze
des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke
Hildebad! Was führt die Feldherrn zurück? ihre Scharen sollten schon weit
auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein.«
Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüßenden Stimmen erfolgte.
Indeß waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
Jubel empfangen, schritten die Führer, Witichis und Hildebad, durch die
Menge den Hügel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
»Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!«
»Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten mit dem König
beraten, wie ihm zu wehren sei.«
»Mit dem König!« lachte Hildebad bitter.
»Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das verstärkt unsern
Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten.
Aber davon später! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und
Ordnung! still, Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend,
stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der
andern.
Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: »Gothelindis,
unsre Königin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter
Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?«
Der alte Haduswinth, gestützt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
»Rot sind die Schnüre dieser Malstätte. Beim Volksgericht ist das Recht
über roten Blutfrevel, über warmes Leben und kalten Tod. Wenn’s anders
geübt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind
Gericht, zu richten solche Klage.«
»In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider Gothelindis schwerer
Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will
hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?«
»Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner, junger Gote, in
glänzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf
die Brust legend.
Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: »Er liebt die schöne
Mataswintha!« – »Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der
Florentia besetzt hält.« – »Er freit um sie!« – »Als Rächer ihrer Mutter
tritt er auf!«
»Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Wölsungen
Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort.
»Zwar bin ich nicht versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer
Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht die
Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.
So klag’ ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
der unseligen Fürstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag’
um Mord! Ich klag’ auf Blut!«
Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das
Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.
»Und dein Beweis? sag an ... –«
»Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
Hildebrand, und läßt dich fortreißen von der Menge wildem Drang? Muß ich
dich mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den
Kläger hör’ ich, die Beklagte nicht.«
»Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach Hildebrand ruhig.
»Ich weiß: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
vertreten?«
»Er ist nicht erschienen.«
»Ist er geladen?«
»Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,« sprach Arahad:
»tretet vor, Sajonen.« Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit
ihren Stäben an den Richterstuhl.
»Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen, daß im Volk der
Goten ein Weib ungehört, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie
auch verhaßt sei, – sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz.
Ich will ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein.«
Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen, gleich ihm das
Schwert ziehend.
Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So leugnest du die That?«
fragte der Richter. »Ich sage: sie ist nicht erwiesen!« – »Erweise sie!«
sprach der Richter zu Arahad gewendet.
Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefaßt
auf einen Widersacher von Witichis’ großem Gewicht und kräftiger Ruhe,
ward etwas verwirrt. »Erweisen?« rief er ungeduldig. »Was braucht’s noch
Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, daß Gothelindis die Fürstin lang und
tödlich haßte. Die Fürstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die
Mörderin: ihr Opfer kömmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein
– tot: die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß. Was braucht’s da
noch Erweis?«
Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
»Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?« sprach Witichis ruhig.
»Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein
Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh
dem Volk, das seinen Haß zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses
Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.«
Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, daß aller Goten Herzen
dem treuen Manne zuschlugen.
»Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast du handhafte That?
hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid?
heischest du der Verklagten Unschuldseid?«
»Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen als meines Herzens
festen Glauben.«
»Dann,« sprach Hildebrand –
Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu
ihm und sprach: »Römische Männer stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör:
sie wissen, sagen sie, alles um der Fürstin Tod.«
»Ich fordre, daß man sie höre,« rief Arahad eifrig, »nicht als Kläger, als
Zeugen des Klägers.«
Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
Menge heraufzuführen. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in
härener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs
machte seine Züge unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten.
Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei
aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Würde geadelt war.
Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad
dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück.
»Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen stellest deines
Wortes? Ein unbekannter Fremdling?« – »Nein,« rief Arahad und schlug des
Zeugen Mantel zurück, »ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus
Aurelius Cassiodorus.«
Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte.
»So hieß ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines weltlichen Lebens:
jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen: – die
Weihe der Entsagung.
»Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast du uns zu melden vom
Tode Amalaswinthens? Sag’ uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.«
»Die werd’ ich sagen. Vor allem wißt: nicht Streben nach menschlicher
Vergeltung führt mich her: nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen: –
die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! – Nein, den
letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines großen Königs, zu
erfüllen, bin ich da.« Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. »Kurz
vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich,
als ihr Vermächtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: »Den Dank
einer zerknirschten Seele für deine Freundschaft. Mehr noch als die
Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf
deine Villa im Bolsener See: führt doch der Weg von da nach Rom, nach
Regeta, wo ich vor meinen Goten all’ meine Schuld aufdecken und auch büßen
will. Ich will sterben, wenn es sein muß: aber nicht durch die tückische
Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich
Verblendete ins Verderben geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch
mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk
zurückgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich
warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz!
Byzanz ist falsch wie die Hölle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm
und uns.
Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
König Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen
weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt’ ich sterbend sühnen,
was ich lebend gefehlt.««
In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits
herüberzutönen schienen.
Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
fort in feierlichem Schweigen.
Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: »Sie hat gefehlt: sie
hat gebüßt. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine
Schuld und dankt dir deine Treue.«
»So mög’ ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor. »Ich habe niemals die
Fürstin an den Bolsener See geladen: ich konnt’ es nicht: vierzehn Tage
zuvor hatt’ ich all’ meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis.«
»Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen Namen mißbrauchend,
in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?«
»Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
»hast du auch Beweis, daß die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes
gestorben, daß Gothelindis ihren Tod herbeigeführt?«
»Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich bürge für die Treue
dieses Mundes.« Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: »Ich habe
seit zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die
Wasserkünste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand außer mir kannte
dessen Geheimnisse. Als die Königin Gothelindis das Gut erkauft, wurden
alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt:
ich allein ward belassen.
Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha auf der Insel,
bald darauf die Königin. Diese ließ mich sofort kommen, erklärte, sie
wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen
des Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen
Plan des Druckwerks zu erklären. Ich gehorchte, gab ihr die Schlüssel und
den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht
alle Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen:
das könne das Leben kosten. Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte,
wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit
heißem Wasser zu füllen.
Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nähe des
Bades.
Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen, daß die
Königin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend
aufsteigen und da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft durch die
Marmormauern, ängstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Außengang des
Bades, die Königin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir
wohlbekannten Mittelpunkt der Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin,
die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte, völlig angekleidet stehen sah.
Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich
ich, zum Glück noch unbemerkt, hinweg.«
»Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was vorging und schlichst
hinweg?«
»Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte mich die grimme
Königin bemerkt, ich stünde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf
erscholl der Ruf, die Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.«
Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.
Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
beschützen?« – »Nein,« sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, »ich
schütze keine Mörderin. Mein Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von
der linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber.
»Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen,«
sprach Hildebrand, »ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag’
ich euch, ihr Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage, die
Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wölsung, erhoben gegen Gothelindis, die
Königin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?«
»Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte
nein.
»Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich, Kläger, welche
Strafe forderst du um diese Schuld?«
Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich klagte um Mord. Ich
klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.«
Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge
von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden
und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes
sterben!« –
Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestät des Volksgerichts
vor sich her tragend, über das weite Gefild, daß bis in weite Ferne die
Lüfte wiederhallten. –
»Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend, »durch das Beil.
Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet.«
»Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend, »schwer wird unser
Spruch erfüllt werden, solang dies Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre
deshalb, daß die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir gegen
Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft
beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe
ihn des Verrates, nicht nur der Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen.
Schweigen will ich davon, daß wohl schwerlich ohne sein Wissen seine
Königin ihren Haß an Amalaswintha kühlen konnte, schweigen davon, daß
diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist
es nicht wahr, daß er den ganzen Süden des Reiches von Männern, Waffen,
Rossen, Schiffen entblößt, daß er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat,
bis daß die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen,
Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll
Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Rücken zu decken, sendet
der König auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem
Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur
langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf erwartend. Umsonst. Schon
lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gerücht,
Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemärsche an der
Küste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:
»Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien überrascht. Er ist
gelandet. Alles Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis.
Vier Briefe hab’ ich an König Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles
umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet,
rettet Neapolis und das Reich.««
Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer.
»Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit all’ unsren
Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es
nicht. Nur das setzte ich durch, daß wir die Truppen Halt machen ließen
und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen.
Denn Rache, Rache heisch ich an König Theodahad: nicht nur Thorheit und
Schwäche, Arglist war es, daß er den Süden den Feinden preisgegeben. Hier
dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten.
All’ umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh’ uns, wenn
Neapolis fällt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht länger herrschen,
nicht leben soll er länger, der das verschuldet hat. Reißt ihm die Krone
der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder mit ihm! Er sterbe!«
»Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in mächtigem Echo nach.
Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
zerreißen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
inmitten der stürmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen
der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lärm etwas
gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit,
die ihm so wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich an! Ihr
habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und
Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Väter Zeit, Haß und Gewalt des
Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter König!
Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel lenken! Gebt ihm einen
Vormund wie einem Unmündigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod,
sein Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, daß er verraten hat?
Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: hütet euch
vor Ungerechtigkeit, sie stürzt die Reiche der Völker.«
Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden, im vollen Glanz der
Sonne, voll Kraft und edler Würde.
Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
Maß und klarer Ruhe so überlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte.
Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann,
der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit
nach dem dichten Walde gezogen, der im Süden die Aussicht begrenzte und
der auf einmal lebendig zu werden schien.
Vierzehntes Kapitel.
Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem
Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß ein Mann,
der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.
Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger schwarzer
Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwärts gebeugt
trieb er das schaumbespritzte Roß zu rasender Eile und sprang am
Südeingang des Dings sausend vom Sattel.
Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Haß
sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf.
Wie von Flügeln getragen stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen
Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter
Kraft: »Verrat, Verrat!« und stürzte dann wie blitzgetroffen nieder.
Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund
erkannt: »Teja, Teja!« riefen sie, »was ist geschehen? rede!« – »Rede!«
wiederholte Witichis, »es gilt das Reich der Goten!«
Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne
Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
Stimme:
»Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm König. Ich erhielt Auftrag
vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich
gebeten. Ich schöpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit
meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlägt
zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den
»Mercurius«, den raschen Keles, – das leichte Postschiff Theodahads. Ich
kannte das Fahrzeug wohl: es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer
Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch, jage ihm
nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Königs Hand:
»Du wirst zufrieden sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere stehen
in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr könntest du landen. Vier
Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört, seine Boten in den
Turm geworfen.
Zum Dank erwart’ ich, daß du den Vertrag genau erfüllst, und den Kaufpreis
in Bälde bezahlst.«« Teja ließ den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung.
»Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit
drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr.« Und
taumelnd sank er in Witichis’ Arme.
Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles:
weit überragte er die ganze Menge: er riß dem Träger, der die Lanze mit
des Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus der
Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein
Steinbeil: »Verkauft, verraten sein Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm,
nieder, nieder!« Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt war
wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes Gewitter entfesselt.
Nur dem Wüten empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar, welches nun
das in seinen Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder,
nieder mit ihm!« hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren
der Waffen.
Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
sprach feierlich: »Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden,
sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und
alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen
ehemaligen König Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an
den Feind verraten.
Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern
nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen und
wollten eh’ der Könige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein
König, daß er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem
Volk.
So sprech’ ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflüchtig
sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche
gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grünt.
Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich höht und
Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag, wann
ihm der Wind steht unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein
Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen
die Hölle. Dein Erb’ und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und
Fleisch den Raben in den Lüften.
Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstraße, soll dich
erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten
Goten. Ich frage euch, soll’s so geschehn?«
»So soll’s geschehn!« antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
Schild.
Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle
einnahm, das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs
wären wir ledig! Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer,
gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König sind wir nie gewesen.
Soweit unsere Sagen und Sprüche zurückdenken, haben die Ahnen einen auf
den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glückes
der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Könige haben: und
solang sich ein König findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem
gilt’s, ein Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist
glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl,
Theoderich, geleuchtet: aber schmählich ist’s erloschen in Theodahad. Auf,
Volk der Goten, du bist frei! frei wähle dir den rechten König, der dich
zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur
Königswahl!«
»Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
Tausende.
Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
gen Himmel: »Du weißt es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt das heilige
Recht der Not. Wir ehren das Recht des Königtums, den Glanz, der von der
Krone strahlt: geschändet aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not
des Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu
allen Völkern der Erde und laut verkünden: nicht aus Verachtung, aus
Verehrung der Krone haben wir es gethan.
Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer im Volk, von altem
Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
würdig. Wie leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen
vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da
der Feind im Lande liegt! Drum laßt uns schwören vorher feierlich: wer das
Stimmenmehr erhält, sei’s nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als
unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwöre es: –
schwört mit mir.«
»Wir schwören!« riefen die Goten.
Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten
und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu
gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur
verhallt, als er vortrat und rief: »Wen sollen wir wählen, gotische
Männer? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann
jungkräftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht. Weshalb
haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil sie das edelste, das älteste,
Götter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist
erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!«
Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß, ein noch nicht wehrhafter
Enkel des Herzog Pitza – denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und
Ibba, war seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad rechnete
sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten
Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und
schrie:
»Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Männer? Beim
Donner! werden wir Ahnen zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
sagen, Knabe, was ein König braucht.
Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der König soll
ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der
Vorkämpfer im Schwertkampf. Der König soll haben einen immer ruhigen,
immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne
sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der König soll haben
eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst
verlieren und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen, wir unten
im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein
dem Verhaßtesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede
wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der Mann, Arahad,
ist königlich geartet und hätt’ ihn der letzte Bauer gezeugt.«
Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück.
Aber jener fuhr fort: »Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen
Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die
Karanthanen, wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb’
ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig
erfahr’ ich von der Menschen Händeln, selbst von des eignen Volkes Thaten,
wenn nicht ein Salzroß halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis
in jene öde Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das
Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos
eingesteckt. Seinen Namen hört’ ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer
wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hört’ ich bei
jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das
geschehn. Ich hatt’ ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen.
Heute hab’ ich ihn gesehen und gehört. Ich habe sein Aug’ gesehen, das
klar und milde wie die Sonne. Ich hab’ sein Wort gehört; ich hab’ gehört,
wie er dem Feind selbst, dem verhaßten, zu Recht und zu Gerechtigkeit
verhalf. Ich hab’ gehört, wie er allein, da uns alle der blinde Haß
fortriß mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht’
ich mir in meinem alten Herzen: »der Mann ist königlich geartet, stark im
Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold.« Goten:
der Mann soll unser König sein. Nennt mir den Mann!«
»Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!«
Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
erschütternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der
Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen
ward, daß er der so Gepriesne sei.
Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen
erschallen hörte, überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein,
das kann, das soll nicht sein.«
Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hände drückten, los,
und sprang hervor, das Haupt schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm
ausstreckend. »Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht ein gutes
Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen andern, einen Würdigern!«
Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk.
Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward ihm statt aller
Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, faßte seine Hand und sprach
laut: »Laß ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich
den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr hätte? Siehe, du
hast alle Stimmen und willst dich wehren?«
Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die Hand vor die Stirn. Da
trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muß ich
dich stärker mahnen? Muß ich dich mahnen jenes nächtigen Eides und Bundes,
da du gelobtest: »Alles zu meines Volkes Heil.« Ich weiß, – ich kenne
deine klare Seele, –: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde:
ich ahne, daß dir diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird.
Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, daß du sie auf dich
nimmst.«
Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie
den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den Hügel
hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf:
»Heil König Witichis.«
»Ich fordre es bei deinem Bluteid! – willst du ihn halten oder brechen?«
flüsterte Hildebrand. »Halten!« sprach Witichis und richtete sich
entschlossen auf.
Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
und sprach: »Du hast gewählt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich
will dein König sein!«
Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl’s: »Heil König
Witichis.«
Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und
sprach: »Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm König ziemt
jetzt diese Stätte. Nur einmal noch laß mich des Grafenamtes warten.
Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den die Amaler getragen und
ihr goldenes Scepter reichen, – nimm meinen Richtermantel und den
Richterstab als Scepter, zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner
Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken, die
alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So laß dich krönen mit dem
frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst.«
Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
um Witichis’ Haupt: »Auf, gotische Heerschar, nun warte deines
Schildamts.«
Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertümlichen
breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den König, der nun mit Kranz, Stab
und Mantel geschmückt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen
Schultern allem Volk: »Sehet, Goten, den König, den ihr selbst gewählt: so
schwört ihm Treue.«
Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hände hoch gen
Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.
Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: »Wie
ihr mir Treue, so schwör’ ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter
König sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich,
daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein
Glück, mein alles, euch will ich’s weihen, dem Volk der guten Goten. Das
schwöre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue.«
Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: »Das Ding ist aus. Ich löse
die Versammlung.«
Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder und
bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Römer,
die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer
Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fünfhundert
Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Männer mischen,
denen sie Wein und Speisen verkauften.
Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Führern des Heeres
nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses
aufgeschlagen waren.
Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja,
des Tagila Sohn.
»Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach dieser sich wendend. –
»Nichts, Herr, als diese Vase überreichen: seht nach: das Siegel, der
Skorpion, ist unversehrt.« – »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts
dergleichen.« – »Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und
Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie
euch zu geben. Ich bitt’ euch, nehmt.«
Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge
verschwunden. Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden
heraus, gleichgültig sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot
über seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er biß krampfhaft
in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber drängte sich in Fieberhast vor
Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: »Mein König! – König
Witichis – eine Gnade!«
»Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?«
»Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich muß fort.« – »Fort, wohin?«
– »Zur Rache! Hier lies: – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in
Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, – er ist es – den ich längst geahnt:
hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen
Hand – es ist Theodahad! –«
»Er ist’s, es ist Theodahad,« sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. »Geh
denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiß
längst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.«
»Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße.«
»Du wirst ihn nicht finden.«
»Ich finde ihn und müßte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im
Schoße des Himmelsgottes suchen.«
»Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte der König.
»Aus tausend Teufeln hol’ ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb’ wohl,
König der Goten. Ich vollstrecke die Acht.«