Amalaswintha brach in die Kniee und verhüllte ihr Gesicht. »Du – du hier!«

Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib, ich bin hier und

dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! – es wird dein Grab!

– mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht

Tagen.

Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie

dein Schatte: lange Tage, lange Nächte hab’ ich den brennenden Haß

getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich

mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche,

winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schüttelt und durch diese

hochmütigen Züge zuckt: – o ein Meer von Rache will ich trinken.«

Händeringend erhob sich Amalaswintha: »Rache! Wofür? Woher dieser tödliche

Haß?«

»Ha, du frägst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber hingegangen und das

Herz des Glücklichen vergißt so leicht. Aber der Haß hat ein treues

Gedächtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mädchen spielten

unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die

ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schön und lieblich:

Königskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Mädchen

sollten eine Königin des Spieles wählen: und sie wählten Gothelindis, denn

sie war noch schöner als du und nicht so herrisch: und sie wählten sie

einmal, zweimal nacheinander. Die Königstochter aber stand dabei von

wildem, unbändigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten

wieder gewählt, faßte sie die scharfe, spitzige Gartenschere« –

»Halt ein, o schweig, Gothelindis.«

– »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend

stürzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein

Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.«

»Verzeih, vergieb, Gothelindis!« jammerte die Gefangene. »Du hattest mir

ja längst verziehn.«

»Verzeihen? ich dir verzeihen? Daß du mir das Auge aus dem Antlitz und die

Schönheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest

gesiegt fürs Leben: Gothelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte im

stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen.

Und Jahre vergingen.

Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler

mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte

sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und

Güte, mit der Häßlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine

dürstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der

beiden Geschlechter, zur Sühne alter und neuer Schuld, – denn auch den

Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet

– daß die arme mißhandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden

sollte.

Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt, da beschlossest du, mir

den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn

liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den

nächsten Manneserben der Krone, für dich haben wolltest.

Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir

keinen Wunsch versagen: und Eutharich vergaß alsbald seines Mitleids mit

der Einäugigen, als ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur

Entschädigung – oder war es zum Hohne? – gab man auch mir einen Amaler: –

Theodahad, den elenden Feigling!«

»Gothelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, daß du Eutharich

liebtest. Wie konnte ich –«

»Freilich, wie konntest du glauben, daß die Häßliche die Gedanken so hoch

erhebe? O, du Verfluchte! Und hättest du ihn noch geliebt und beglückt –

alles hätt’ ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst

ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich

ihn an deiner Seite schleichen, gedrückt, ungeliebt, erkältet bis ins Herz

hinein von deiner Kälte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh

gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht –

Rache, Rache für ihn.«

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Erster Band · 第 28 / 31 题