»Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen Nöten von Krieg und
Frieden hab’ ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du
soviel jünger als ich und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling
verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiß,
daß auch dein Herz mehr an mir hängt als an deinen Jugendgenossen.«
Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch
wo du sie nicht verstehst. Die andern –! und doch: den einen hab’ ich sehr
lieb.«
»Wen?«
»Den alle lieb haben.«
»Totila!«
»Ich hab’ ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
kann’s nicht fassen, daß andere dunkel sind und bleiben müssen.«
»Bleiben müssen! Warum? Du weißt, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir
und deiner finstern Trauer liegt, so bitt’ ich’s nur, weil ich dir helfen
möchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.«
»Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
unbarmherzigen Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es, blind und
taub für das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich
nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber
zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, daß eine dumpfe Notwendigkeit,
welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben
der Menschen beherrscht, der ist hinaus über Hilfe und Trost: er hört
ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehör der Verzweiflung
den immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades im Mittelpunkt der Welt,
das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben tötet. Wer das
einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und für immer und allem:
nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich – die Kunst des Lächelns
hat er auch vergessen auf immerdar.«
»Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung
zu so fürchterlicher Weisheit?«
»Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die Wahrheit nicht,
erleben mußt du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst
du, was er denkt und wie er denkt. Und auf daß ich dir nicht länger
erscheine wie ein irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern in
seinen Schmerzen wiegt, – und damit ich dein Vertrauen und deine schöne
Freundschaft ehre, vernimm, – höre ein kleines Stück meines Grams. Das
größere, das unendlich größere behalt’ ich noch für mich,« sagte er
schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend, – »es kömmt wohl noch die
Stunde auch für dies. Vernimm heute nur, wie über meinem Haupte der Stern
des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. – Und von all den
tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei –
du erinnerst dich – wie der falsche Präfekt mich laut vor allen einen
Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: – ich mußte es dulden: ich
bin noch schlimmeres als ein Bastard. – –
Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sproßte, Gisa,
seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten draußen, weit an der äußersten
Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt
mit den Gepiden und den wilden räuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat,
an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien
erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimführen: er hatte
nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht
zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.
Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen Sarmatenkönig eroberte
er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schätze, welche
die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft,
wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum
Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schätze und Gisa,
jetzt sein Weib, mit sich über die Alpen und kaufte sich weite schöne
Güter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange währte sein
Glück.
Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch
– nicht Arianer – und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem
Recht der Kirche – und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.
Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
geheime Ankläger ruhte nicht –«
– »Wer war der Neiding?«
»O wenn ich es wüßte, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen
Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablässig bedrängten die Priester
meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
seinem Gehöfte traf, begrüßte ihn, daß er nicht wieder kam.
Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht
getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der
Kirche.
Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs, Aufhebung des
grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu
klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen
Kirche zu kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit Gisa zu
flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein Haus gestanden: der
Termin war abgelaufen, und die Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein
Weib, sein Kind verschwunden.
Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren
Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater
bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht über die
Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Büßerin bei der Hora:
man vermißt sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren
des Rosses, – sie werden eingeholt: grimmig fechtend fällt mein Vater:
meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht. Und so furchtbar drücken
die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermürbte
Seele, daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine Eltern!«
»Und du?«
»Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
Großvaters und Vaters: – er entriß mich, mit des Königs Beistand, den
Priestern und ließ mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.«
»Und dein Gut, dein Erbe?«
»Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad überließ: er war
meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein König!«
»Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später? Man weiß nur dunkles
Gerede – du warst einmal in Griechenland gefangen ... –«
Teja stand auf. »Davon laß mich schweigen; vielleicht ein andermal.
Ich war Thor genug, auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden
Gottes Güte. Ich hab’ es schwer gebüßt. Ich will’s nie wieder thun. Leb
wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.«
Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.
Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die
des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll
Frieden und Klarheit. Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus
den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen: es war finster
ringsum.
Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
einsames Lager.
Drittes Kapitel.
Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
zechten, ahnten sie nicht, daß über ihren Häuptern in dem Gemach des
Königs eine Verhandlung gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches
Schicksale entscheiden sollte.
Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich
schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal
vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der
König unterbrach ihn. »Halt,« flüsterte der kleine Mann, der in seinem
weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, »halt – noch eins!«
Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
und hob den Vorhang, ob niemand lausche.
Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner leise am Gewand.
Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes, der die kleinen Augen
zusammenkniff: »Noch dies. Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten
sollen, – auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig,
einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich zu machen.« – »Daran
hab’ ich bereits gedacht,« nickte Petros. »Da ist der alte halbheidnische
Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nüchterne Witichis« –
»Du kennst deine Leute gut,« grinste Theodahad, »du hast dich tüchtig
umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins Ohr, »einer, den du nicht genannt
hast, einer vor allen muß fort.«
»Der ist?«
»Graf Teja, des Tagila Sohn.«
»Ist der melancholische Träumer so gefährlich?«
»Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher Feind! schon von
seinem Vater her.«
»Wie kam das?«
»Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte seine Äcker haben – umsonst
drang ich in ihn. Ha,« lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein.
Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut
dabei und ließ mir’s – billig – ab. Ich hatte einiges Verdienst um die
Kirche in dem Prozeß – dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir’s
genau erzählen.«
»Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar seine Äcker nicht in
Güte! Weiß Teja –?«
»Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut –
kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist
der Mann, seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.«
»So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun, genug von ihm: er
soll nicht schaden. Laß dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für
Punkt vorlesen; dann unterzeichne.
Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und
die zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nämlich Dalmatien,
Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den
gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner
Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom,
Neapolis und alle festen Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu
öffnen.«
Theodahad nickte.
»Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, daß das
ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen
geführt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen
Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der
König wird dafür sorgen, daß jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben
muß.
Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König Theodahad und seiner
Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit, und
viertens« –
Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen,« unterbrach
Theodahad, nach der Urkunde langend. »Viertens beläßt der Kaiser dem König
der Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein
Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Königsschatz der
Goten, der allein an geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt
ist. Er übergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria
bis Cäre, von Populonia bis Clusium und endlich überweist er an Theodahad
auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen Einkünfte des durch diesen
Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn zurückerworbenen Reiches. – Sage,
Petros, meinst du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?« – –
»Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie dir Justinian
gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die äußersten, meiner Vollmacht
überschritten.«
»Fordern wollen wir’s doch immerhin,« meinte der König, die Zahl ändernd.
»Dann muß Justinian herunter markten oder dafür andre Vorteile gewähren.«
Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln:
»Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber hier verrechnest du dich
doch,« sagte er zu sich selbst.
Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins
Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen
besätem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung,
eine Königin trotz der verlornen Krone: überwältigende Hoheit der Trauer
sprach aus den bleichen Zügen.
»König der Goten,« hob sie an, »vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein
dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
letztenmal.«
Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen.
»Königin,« – stammelte Theodahad.
»Königin! o wär’ ich’s nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge
meines edeln Sohnes, wo ich Buße gethan für all’ meine Verblendung, und
all’ meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich
zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.«
Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden Blick.
»Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in mitternächtiger Stunde
als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil für einen Fürsten
als in seinem Volk: zu spät hab’ ich’s erkannt, zu spät für mich, nicht zu
spät, hoff’ ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild,
der den erdrückt, den er beschirmen soll.«
»Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.«
»Thu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort, »was dieser von dir
fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir
abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege
– ich wies die Schmach von mir. Ich sehe,« sprach sie, auf das Pergament
deutend, »du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurück, sie werden
dich immer täuschen.«
Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mißtrauischen
Blick auf Petros.
Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: »Was willst du hier, du Königin von
gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und
deine Macht ist um.« – »Verlaß uns,« sagte Theodahad, ermutigt. »Ich werde
thun was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden
in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund
geschlossen sein.« Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
»Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
unterzeichnen.«
»Nein,« sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden
Männer, »ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe
geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens bei
Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Anträge, die
Pläne von Byzanz und dieses schwachen Fürsten Verrat.«
»Das wird nicht angehn,« sagte Petros ruhig, »ohne dich selbst zu
verklagen.«
»Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all’ meine Thorheit,
all’ meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient.
Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk
vom Ätna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn
und retten werd’ ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die
mein Leben sie gestürzt.« Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem
Gemach.
Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte.
»Rate, hilf –« stammelte er endlich.
»Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben,
läßt man sie gewähren. Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du
sorgen.«
»Ich?« rief Theodahad erschreckt; »ich kann dergleichen nicht! Wo ist
Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.«
»Und der Präfekt,« sagte Petros – »sende nach ihnen.«
Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden.
Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin, ohne jedoch dem
Präfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin:
»Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre Schritte bewachen, sie
darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen – sie darf den Palast nicht
verlassen. Das vor allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor
Amalaswinthens Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. »Sie betet
laut in ihrer Kammer,« sprach sie verächtlich. »Auf, Cethegus, laß uns
ihre Gebete vereiteln.«
Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt,
die Arme über der Brust gekreuzt, diese Vorgänge schweigend und sinnend
mit angehört. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse
wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah
Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: – das durfte nicht weiter
angehn.
»Sprich, Cethegus,« mahnte Gothelindis nochmals, »was thut jetzt vor allem
Not?«
»Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem Bunde muß der Zweck,
der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein: sonst werden sie
stets sich durch Mißtrau’n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, – ich habe den
meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon
gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser Justinian an der Goten Statt in
Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen
reiche Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber – ich habe auch
meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du
würdest doch nicht lange mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein
Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich
habe meinen Zweck: all’ eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie
entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muß ihn euch selbst
verraten.
Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.
Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus unbedingt an ihre
Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.
Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner – du weißt, mein
Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von
Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn,
nicht zu melden, ich hab’ es ihm lange selbst geschrieben – die Barbaren
hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen.
Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken. Kein byzantinisch Heer
darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus
der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern
dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung für Justinian: die Segnungen der
Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es
befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure
Tyrannei.«
Über Petros’ Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus nicht zu bemerken
schien; er fuhr fort: »So vernehmt meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius
liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er muß
heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht
eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen
Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und
ihre Soldatenherrschaft und ich weiß, welch’ milde Herren diese Goten
sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks.
Deshalb wählet, wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so
steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann
laß sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreißt. Wählt ihr
Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich
dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Wähle,
Petros.«
»Stolzer Mann,« sprach Gothelindis, »du wagst uns Bedingungen zu setzen,
uns, deiner Königin?« Und drohend erhob sie die Hand.
Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig
herab. »Laß die Possen, Eintagskönigin. Hier unterhandeln nur Italien und
Byzanz. Vergißt du deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du
thronst, solange wir dich halten.« Und mit so ruhiger Majestät stand er
vor dem zornmütigen Weib, daß sie verstummte. Aber ihr Blick sprühte
unauslöschlichen Haß.
»Cethegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, »du
hast Recht. Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine
Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit
uns und unbedingt?«
»Unbedingt.«
»Und Amalaswinthen?«
»Geb’ ich Preis.«
»Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.«
Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
Belisar und reichte sie dem Präfekten: »Du magst die Botschaft selbst
bestellen.«
Cethegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die Tafel in die Brust
steckend, »es gilt.«
»Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte Petros.
»In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl.«
»Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die Tochter Theoderichs
verderben?« fragte die Königin mit bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer
abermals?«
»Sie ist gerichtet,« sagte Cethegus, an der Thür sich kurz umwendend. »Der
Richter geht – der Henker Amt hebt an.« Und stolz schritt er hinaus.
Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
sehn, mit Entsetzen dessen Hand: »Petros,« rief er, »um Gott und aller
Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf
Belisar und du schickst ihn nach Hause?«
»Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte Gothelindis.
Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
»Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist er überwunden, der Allüberwinder
Cethegus, besiegt von dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Theodahad und
Gothelindis an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, und
flüsterte dann: »Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der
bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig.
Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.«
Viertes Kapitel.
Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros
verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter
Gefangenschaft.
So oft sie ihre Gemächer verließ, so oft sie einbog in einen Gang des
Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten
auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht
schienen, all’ ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken
zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht
niedersteigen.
Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen. Das
Gefühl, vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend
auf ihrer Seele.
Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem
schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich berührte es sie, daß, als sie an
das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem Marmorsims
aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über
die Gärten dahinflog.
Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese
Tage von Schmerz, Furcht und Reue, daß sie sich des finstern Eindrucks
nicht erwehren konnte, den ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der
Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue
Sumpflandschaft hinaus.
Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres
Lebens. Denn sie zweifelte nicht, daß die Gesippen und Bluträcher der drei
Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen Gedanken schritt
sie durch die öden Hallen und Gänge des Palastes, diesmal, wie sie
glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den
Vorsätzen der Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen.
Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
dunkeln Gewölbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer
Nische hervor – sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben –
drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab
verschwunden.
Sie erkannte sofort – die Handschrift Cassiodors –.
Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer: es war Dolios,
der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande
bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn,
schied ich von dir. Ich will nicht, daß du unbußfertig abgerufen werdest
und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus
dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst
Gothelindis und ihren Haß. Traue niemand als meinem Schreiber und finde
dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich
meine Sänfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im
Bolsener See. Folge und vertraue.«
Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer für
das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im
blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast
Cassiodors, in voller Blüte der Jugendschönheit, Hochzeit gehalten mit
Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und
Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert.
Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich
mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen.
Schon dies Eine Gefühl trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu
folgen: noch mehr die Furcht, – nicht für ihr Leben, denn sie wollte
sterben – die Raschheit ihrer Feinde möchte ihr unmöglich machen, das Volk
zu warnen und das Reich zu retten. Endlich überlegte sie, daß der Weg nach
Regeta bei Rom, wo in Bälde die große Volksversammlung, wie alljährlich im
Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorüberführte. Also war es
nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser
Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn, um, auch wenn
sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an
das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloß sie einem Brief an
Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt
voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der
Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen.
Bei geschlossenen Thüren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder:
heiße Thränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie
sorgfältig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher
nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewöhnlichen
Aufenthalt Cassiodors, zu befördern.
Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages. Mit
ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung
und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein
teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich
sorgsam innerhalb ihrer Gemächer, um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum
Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne
gesunken.
Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurückweisend und
nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus
ihrem Schlafgemach in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe führte.
Sie zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu
stoßen, gesehen, angehalten zu werden. Häufig sah sie sich um, vorsichtig
blickte sie sogar in die Statuennischen: – alles war leer, kein Lauscher
folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform
der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick über
diesen hin gewährte. Scharf überschaute sie den nächsten Weg, der zum
Venustempel führte. Der Weg war frei.
Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden
Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern,
jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor
sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner
grauen Dämmerung.
Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern, lastenden
Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und
geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine
Verbrecherin flüchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des
Palastes ruhte. – Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen
Mauern, aus ihrer Nähe verbannt hatte. –
Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen:
sie wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer
der Terrasse: ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
Verlassenheit an ihrer Seele.
»Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst »und meine Buße – ich will’s
vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe
hinab und bog in den von Epheu überwölbten Laubgang ein, der quer durch
den Garten führte und an dem Venustempel mündete. Rasch schritt sie voran,
erbebend, wann zu einem der Seitengänge das Herbstlaub, wie seufzend,
hereinwirbelte.
Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die
suchenden Blicke schweifen. Aber keine Sänfte, keine Sklaven waren zu
sehen, rings war alles still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde.
Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
Sie wandte sich: – um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten
ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die
Fürstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors
wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von
allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk
umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
»Eile thut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die weichen Polster
hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für den Haß deiner Feinde. Stille und
Eile, daß uns niemand bemerkt.«
Amalaswintha blickte noch einmal um sich.
Dolios öffnete das Thor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe
hinaus. Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz
des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden
gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Männer als
vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen.
Dieser sperrte wieder sorgfältig das Gartenthor und ließ die Gitterladen
des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das
Schwert: »Vorwärts!« rief er.
Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär’ ihm der Tod auf der Ferse.
Fünftes Kapitel.
Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der Freiheit, der
Sicherheit. Sie baute schöne Entwürfe der Sühne.
Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
dem Verrat des eigenen Königs: schon hörte sie den begeisterten Ruf des
tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung
verkündete. In solchen Träumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und
Nächte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwärts: drei-, viermal des Tages
wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so daß sie Meile
um Meile wie im Fluge zurücklegten.
Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin: mit gezogenem Schwert
schützte er den Zugang zum Wagen, während seine Begleiter Speisen und Wein
aus den Stationen holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit
benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte
erwehren können: ihr war, sie würden verfolgt.
Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt,
dicht hinter sich Rädergerassel zu hören und den Hufschlag eilender Rosse:
ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen
zurückspähend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in
das Thor der Stadt einbiegen zu sehen.
Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore
zurück und kam sogleich mit der Meldung wieder, daß nichts wahrzunehmen
sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile,
mit der sie sich dem ersehnten Eiland näherte, ließ sie hoffen, daß ihre
Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit
verfolgt haben sollten, alsbald ermüdet zurückgeblieben seien.
Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkündend durch
seine begleitenden Umstände, plötzlich die hellere Stimmung der
flüchtenden Fürstin.
Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
und hohe Sumpfgewächse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden
Seiten der römischen Hochstraße und nickten und flüsterten gespenstisch im
Nachtwind. Die Straße war hin und wieder mit niedern, von Reben
überflochtenen Mauern eingefaßt und, nach altrömischer Sitte, mit
Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem
Wege zerstreuten Steintrümmern den Pferden das Fortkommen erschwerten.
Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riß die
rechte Thüre auf. »Was ist geschehen,« rief die Fürstin erschreckt, »sind
wir in Feindes Hand?«
»Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster
bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, »ein Rad ist
gebrochen. Du mußt aussteigen und warten, bis es gebessert.«
Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine Fackel und
naßkalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz. »Aussteigen? hier? und
wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen
und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen.« – »Das Rad muß abgehoben werden.
Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewähren.«
Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt über die
Steintrümmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des
Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit
ragen sah. Dolios half ihr über den Graben.
Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes
an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.
»Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der uns den Rücken deckt,
komm.«
Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran, auf dem sich das
Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte
eines Sarkophags.
Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
zurück: bald sah sie unten auf der Straße seine Fackel wieder brennen: rot
leuchtete sie durch die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch
den Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.
So saß die Tochter des großen Theoderich, einsam und todesflüchtig, auf
der Heerstraße in unheimlicher Nacht; der Sturm riß an ihrem Mantel und
Schleier, der feine kalte Regen durchnäßte sie, in den Cypressen hinter
dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte
zerfetztes Gewölk und ließ nur manchmal einen flüchtigen Mondstrahl durch,
der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch düsterer machte.
Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz.
Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend
konnte sie die Umrisse der nächsten Dinge deutlicher unterscheiden: da –
ihr Haar sträubte sich vor Entsetzen – da war ihr, es säße dicht hinter
ihr auf dem erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: – ihr
eigener Schatten war es nicht –: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem
Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu ihr
herunter starrend.
Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft strengte sie
die Sinne an zu sehen, zu hören: da flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch
nicht!« So glaubte sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die
Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!« Und sie wollte
den Hügel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte
die Wange an dem scharfen Gestein.
Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
fragte nicht. »Dolios,« rief sie sich fassend, »gieb die Leuchte: ich muß
sehen, was dort war, was dort ist.«
Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags:
es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie,
daß das Monument nicht, wie die übrigen, ein altes, daß es sichtlich erst
neu errichtet war, so unverwittert war der weiße Marmor, so frisch die
schwarzen Buchstaben der Inschrift. –
Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei
Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.«
Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück.
Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen. Fast bewußtlos legte sie
die noch übrigen Stunden des Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib
und Seele. Je näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die
fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdrängt von einer
ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Sträucher und Bäume des Weges
immer rascher an sich vorüberfliegen.
Endlich machten die dampfenden Rosse Halt.
Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende
Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von
seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein düstrer grauer Nebel lag
undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von
der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine
niedrige Fischerhütte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches
wie seufzend der Morgenwind fuhr, daß die schwankenden Häupter sich bogen.
Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
verborgenen See.
Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück und hob die Fürstin
aus dem Wagen, schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund
nach dem Schilf zu.
Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser
zu schwimmen.
Am Steuer aber saß in einen grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter
Mann, dem die langen weißen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor
sich hin zu träumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als
die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte
desselben auf einem Feldstuhl niederließ.
Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die
Sklaven blieben bei dem Wagen zurück.
»Dolios,« rief Amalaswintha besorgt, »es ist sehr dunkel, wird der Alte
steuern können in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?« – »Das
Licht würde ihm nichts nützen, Königin, er ist blind.« – »Blind?« rief die
Erschrockene, »laß landen! kehr um!« – »Ich fahre hier seit bald zwanzig
Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender kennt den Weg gleich
mir.« – »So bist du blind geboren?«
»Nein, Theoderich der Amaler ließ mich blenden, weil mich Alarich, der
Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen hätte, ihn zu morden. Ich bin
ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so
unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch über die
Amalungen!« rief er mit zornigem Ruck am Steuer.
»Schweig! Alter,« sprach Dolios.
»Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. – Fluch den Amalungen!«
Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in der That mit völliger
Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen
im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man gleichförmig
einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als
führe sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten. – Fiebernd
hüllte sie sich in ihren faltigen Mantel.
Noch einige Ruderschläge und sie landeten.
Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen: Mit einer Art von
Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.
Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten
Schiffes, die rasch näher und näher drangen. Sie fragte Dolios nach dem
Grund dieses Geräusches.
»Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt, komm in das Haus.«
Sie wankte auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen
hinan, die zu der burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem
Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses
schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der
Baumreihen zu sehen.
Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thür im Rahmen von
schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes:
– dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach – die Thüre sprang
auf.
Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die
Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war:
sie gedachte, wie sie die Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar,
so freundlich begrüßt. –
Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
»Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im
Hause?« fragte sie.
»Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner gleichgültig und
schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fürstin: sie mußte
sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken
ihrer Fähre geleckt. Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen: – alles
leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die Öde: – die
ganze Villa schien ein weites Totengewölbe.
»Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.«
»Mein Weib wird dir dienen.«
»Ist sonst niemand in der Villa?«
»Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.«
»Ein Arzt – ich will ihn –«
Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige
Schläge: schwer dröhnten sie durch die leeren Räume. Entsetzt fuhr
Amalaswintha zusammen. »Was war das?« fragte sie, Dolios’ Arm fassend. Sie
hörte die schwere Thüre zufallen.
»Es hat nur jemand Einlaß begehrt,« sagte der Ostiarius und schloß die
Thüre des für die Flüchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines
lang nicht mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit
Rührung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Wände: es war dasselbe
Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung
glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.
Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge des Lagers um sich
her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.
Sechstes Kapitel.
So lag sie, sie wußte nicht wie lange, bald wachend, bald träumend: wild
jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorüber.
Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: – Athalarich, wie er
auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu
winken: – das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens – dann Nebel und Wolken
und blattlose Bäume: – drei zürnende Kriegergestalten mit bleichen
Gesichtern und blutigen Gewändern: und der blinde Fährmann in das Reich
der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der öden Heide auf den
Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich
abermals hinter dem Steine hervor jene verhüllte Gestalt über sie näher
und näher, – beengend, – erstickend. Die Angst schnürte ihr das Herz
zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet
um sich: da – nein, es war kein Traumgesicht – da rauschte es, hinter dem
Vorhang des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter
Schatte.
Mit einem Schrei riß Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander – da
war nichts mehr zu sehen.
Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
ihren bangen Gedanken. So drückte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
draußen einen Hammer in Bewegung setzte.
Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht höhere Bildung
verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte
ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er
erklärte es für Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der
Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.
Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bäder, die, in zwei Stockwerken
übereinander, den ganzen rechten Flügel der Villa einnahmen. Das untere
Stockwerk der großen achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt,
stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch
Siebthüren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere
Stockwerk erhob sich, als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des
unteren, deren Decke – eine große, kreisförmige Metallplatte, – den Boden
des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen
rechts und links in das Gemäuer geschoben werden konnte, so daß die beiden
Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck
der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem
Wasser des Sees erfüllt werden konnte.
Regelmäßig aber bildete das obere Achteck für sich den Raum des warmen
Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkünste in hundert Röhren mit
zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor
duftige, mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, während
zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das
muschelförmige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabführten.
Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis zurückrief,
erschien das Weib des Thürsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen
durch weite Säulenhallen und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die
Kapseln und Rollen Cassiodors vermißte, in der Richtung nach dem Garten;
die Sklavin trug die feinen Badetücher, Ölfläschchen und den Salbenkrug.
Endlich gelangte sie in das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen
sämtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen
Marmorplatten belegt waren. Vorüber an den Hallen und Gängen, die der
Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorüber an den
Heizstübchen, den Auskleide- und Salbgemächern eilten sie sofort nach dem
Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin öffnete schweigend die in die
Marmorwand eingesenkte Thür.
Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
Bassin lief: gerade vor ihr führten die bequemen Stufen in das Bad, aus
dem bereits warme und köstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben
herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas:
gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwölf
Staffeln zu einer Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der
Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Mündungen der
Röhren, die den Wasserkünsten und der Luftheizung dienten.
Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die weichen Kissen und
Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thüre.
»Woher bist du mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich
betrachtend, »wie lange bist du hier?«
»Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Thüre.
»Wie lange dienst du Cassiodor?«
»Ich diene von jeher der Fürstin Gothelindis.«
Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte
sich und griff nach dem Gewand des Weibes – zu spät: sie war hinaus, die
Thüre war zugefallen und Amalaswintha hörte, wie der Schlüssel von außen
umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen
Ausgang.
Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Königin: sie fühlte, daß
sie furchtbar getäuscht, daß hier ein verderbliches Geheimnis verborgen
sei: Angst, unsägliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem
Raum war ihr einziger Gedanke.
Aber keine Flucht schien möglich: die Thüre war von innen jetzt nur eine
dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel
war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an
der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr
entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt
ihr gerade gegenüber – und sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus.
Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Öffnung unter
dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefüllt.
War es ein menschlich Antlitz?
Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung der Galerie und spähte
vorgebeugt hinüber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Züge: und eine
Hölle von Haß und Hohn sprühte aus ihrem Blick.