Einundzwanzigstes Kapitel.
Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten
auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer
Abendspaziergänge an den reizenden Ufergeländen von Neapolis.
Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines
römischen Imperators über germanische Stämme verherrlichte.
Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit.
»Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund, »dort auf dem
Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter
Tonans?« – »Es ist Marc Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. – »O
bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden
Haaren, die den Wagen ziehn?«
»Es sind Germanenkönige.« – »Doch welches Stammes?« fragte Totila weiter –
»sieh da, eine Inschrift: »_Gothi extincti!_« »Die Goten vernichtet!««
Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule
und schritt rasch durch das Thor. »Eine Lüge in Marmor!« rief er rückwärts
blickend. »Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein gotischer
Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lügen straft.« – »Ja, die Völker
sind wie die wechselnden Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich;
»wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?« Totila blieb stehen.
»_Nach uns?_« fragte er erstaunt. – »Nun, du wirst doch nicht glauben, daß
deine Goten ewig dauern werden unter den Völkern?«
»Das weiß ich doch nicht,« sagte Totila, langsam fortschreitend. – »Mein
Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen
will, auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reisten
und vergingen. Soll’s anders sein mit den Goten?«
»Ich weiß das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe den Gedanken nie
gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, daß eine Zeit kommen könnte, da
mein Volk« – – er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken.
»Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie –
wie an den Tod!«
»Das sieht dir gleich, mein Totila!«
»Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Träumereien zu
quälen.«
»Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für mein Volk schon
Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß ich ein Römer bin. Und ich kann
mich nicht darüber täuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns.
Das Scepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du, es lief so ohne
Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den
Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?«
»Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila eifrig ein. »Find’
ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick’ doch nur um dich!
Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem
Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst,
wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt
sich denken! Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine ganz neue
Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.«
»Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und
durch halbtausendjährigen Haß.
Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gähnt
eine ewige Kluft.« – »Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.«
»Er ist ein Traum!« – »Nein, er ist Wahrheit, ich fühl’ es und vielleicht
kömmt noch die Zeit, dir’s zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau’
ich drauf.« – »So wär’s auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brücke zwischen
Römern und Barbaren!« – »Dann,« sagte Totila heftig, »begreif’ ich nicht,
wie du leben kannst, wie du mich –«
»Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht leicht: es war die
schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht
ist sie mir gelungen: aber endlich hab’ ich aufgehört, in meinem Volk
allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon – und er allein
vermag’s – Römer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden
Verstand durch lauter Schmerzen – Schmerzen, die Freuden sind – allmählich
immer mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede
gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon rühmen, ein Christ zu
sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein
bloßer Römer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen
Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der Menschheit.
Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben
sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!«
»Nein!« rief Totila lebhaft, »das könnt’ ich nimmermehr. In meinem Volk
allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
allein meine Seele atmen kann. Warum soll’n wir nicht dauern können, ewig:
oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von
besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, müssen darum auch
wir siechen und versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft! Nein,
wenn ein Tag kömmt, da die Goten sinken, – mög’ ihn mein Auge nicht mehr
sehn. O all’ ihr Götter, laßt uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang
wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben! Nein, muß es
sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und laßt uns rasch und
herrlich fallen, alle, alle und mich voran!«
Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen. Er sprang
empor von der Marmorbank auf der Straße, darauf sie sich niedergelassen,
den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
»Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, »wie schön steht
dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf würde mit uns, mit
meinem Volk entbrennen und sollte ich –?«
»Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
jemals zu solchem Kampfe kömmt. Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft
Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden
hau’n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich würd’ es freuen,
dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und
Speer!«
Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
Gote. – Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält und
all’ meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst
seit ich’s in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott im Himmel allein zu
dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk –«
»Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die Menschheit, von der du
schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine
Menschheit über den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn’ ich
nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar
nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin.
Gotisch denk’ ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache
der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann
ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich
bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles
so streng geordnet ist.
Wir können vieles von euch lernen – aber tauschen könnt’ ich und möcht’
ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind
mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden.«
»Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Römer!«
»Du bist kein Römer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine
Römer mehr. Sonst wär ich’ nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann
nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder
fühlen, der eines lebendigen Volkes ist.«
Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist, – wohl mir! Heil, wenn
ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was
ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner
unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist
als hier.«
»Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den
Boden stoßend. »Hier, auf Erden, hab’ ich festen Grund, hier laß mich
stehn und leben, hier nach Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen
nach Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich
ehre deine Träume, ich ehre deine heilge Sehnsucht – aber ich teile sie
nicht. Du weißt,« fügte er lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide,
unverbesserlich, wie meine Valeria – unsere Valeria. Zur rechten Stunde
denk’ ich ihrer. Deine erdenflücht’gen Träume ließen uns am Ende des
Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurückgekommen, die
Sonne sinkt so rasch hier im Süden und ich soll noch vor Nacht die
bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter
Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergäße. Leb wohl – ich biege
rechts hinab.«
»Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.«
»Was liesest du jetzt? Noch Platon?«
»Nein, Augustinus. Lebe wohl!«
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt, die belebteren Teile
der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des
jüdischen Pförtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit
starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren
sich verjüngenden Absätzen. In dem höchsten Stockwerk, dicht an den
zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des
Türmers bestimmt.
Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes Kind.
In dem größern Gemach, wo an den Wänden in strenger Ordnung die großen
schweren Schlüssel zu den Hauptthüren und den Nebenpforten des wichtigen
Thorgebäudes, dann das krumme Wächterhorn und der breite,
hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit gekreuzten Beinen
auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe,
starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen,
hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hörte er den
Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten,
zu, in dessen harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des
jüdischen Stammes lag.
»Sieh, Vater Isak,« schloß er mit unschöner, klangloser Stimme, »meine
Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen
allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier
hab’ ich mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes:
hier meine Bestallung als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien,
jährlich fünfzig Goldsoldi und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders.
Eben erst hab’ ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser
Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke, richtig
bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein Weib; zudem bin ich Rachels,
deiner Muhme, leiblicher Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gieb
mir Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.«
Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam
das Haupt. »Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn – ich sage dir, laß ab, laß
ab.«
»Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
Israel?«
»Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und mehrest deine Habe und
dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, daß sich die
Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem
Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir
selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.«
Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur
Seite, der das vordere Gemach abschloß.
Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der
Männer: jetzt sah man in den einfachen aber gefälligen Raum. An dem weiten
Rundbogenfenster, das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die
fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mädchen, ein
fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von
überraschender Schönheit. Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne
noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das weiße Faltengewand so
das edel geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer: es
spielte auf dem glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr
zurückgestrichen, die edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so
schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede
ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden träumerischen Blick aus diesen
dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, über die Stadt und
das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau« hatte diese Augen Piso, der
Dichter, genannt. –
Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, leise die Saiten,
während von den halbgeöffneten Lippen, geflüstert mehr als gesungen, eine
alte, melancholische Weise klang:
»An Wasserflüssen Babylons
Saß weinend Judas Stamm: –
Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm
Nicht mehr zu weinen hat?« –
»Nicht mehr zu weinen hat!« wiederholte sie träumend und neigte das Haupt
auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt.
»Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich wie die Rose in
den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein
Fehl an ihrem Leibe?«
Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch
mit der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
»Ha, der Christ, der gottverfluchte,« knirschte er und ballte die Faust.
»Schon wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist
das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?« – »Sohn, rede nicht
Hohnwort wider Isak! Du weißt ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf
ein Römermädchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.«
»Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!«
»Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten
Jagd, welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen
von Israel, und als sie niederbrannten die heil’ge Synagoge mit unheiligem
Feuer, wie da eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf
der Straße, wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr den
Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: – wo war da
Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der
Gefahr mit hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der Geier!«
»Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem unbehaglich, »meine Hand
führt nicht das Schwert der Gewalt.«
»Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und der Herr ist mit ihm.
Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Räuber
und schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte
die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und hüllte sorglich den Schleier
über mein bebendes Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie
heim, ungeschädigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah
der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades.«
»Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, »ich gehe, diesmal
für lange Zeit. Ich reise über das große Wasser zu machen ein groß
Geschäft.«
»Ein groß Geschäft? Mit wem?«
»Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es ist eingestürzt ein Stück
der großen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt
des Konstantin. Ich hab’ entworfen Plan und saubern Grundriß, wieder
aufzubauen das Gebäude.«
Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf den Boden: »Wie,
Jochem, Sohn Rachels, dem Römer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen
Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des
Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des
frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!« – »Was rufest du Wehe und weißt
nicht warum? Riechst du’s dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des
Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glänzt es nicht
gleich lieblich?«
»Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.«
»Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? Seh ich nicht das
Wächterhorn an der Wand deines Hauses? führst du nicht die Schlüssel für
diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und
Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?«
»Ja, das thu’ ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen will ich für sie
treulich, Tag und Nacht, wie der Hund für den Herrn, und solang Isak Odem
hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies
Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem großen König,
der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre
Väter dem großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Römer
haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk über das
Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt
unsre heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt unsre
Häuser und gezwungen unsre Weiber überall in ihren Landen und haben
geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser große König von
Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre
Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, mußten sie alles wieder
aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschützt den
Frieden unsrer Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der mußte es
büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns gelassen unsern Gott
und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Straßen unsres
Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr
seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Höhen von Zion. Und als
ein Großer unter den Römern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib,
ließ ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage
und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken,
solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode
und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein
Jude.«
»Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank,« sagte
Jochem, sich zum Gehen rüstend: »mir ist, einmal kömmt die Stunde für
mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak,
bist du dann minder stolz.« Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe
hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer häßlichen Verbeugung und einem
stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei,
der beim Eintritt in die Türmerwohnung sich tief bücken mußte. Miriam
folgte ihm auf dem Fuß.
»Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne die langen Wimpern
aufzuschlagen, »und hier am Fenster hab’ ich die Blumen bereit gestellt.
Sie liebt die weißen Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße
Narcissen besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme
schwieg.
»Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila, den Helm mit den
silberweißen Schwanenflügeln abhebend und auf den Tisch setzend, »wo ist
dein Vater?« – »Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,«
sprach der Alte, in das Gemach tretend. – »Gegrüßt, treuer Isak!« rief
Totila, warf den langen, glänzend weißen Mantel ab, der ihm von den
Schultern floß, und hüllte sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam
von der Wand reichte. »Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene
Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!« –
»Dank?« sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie
leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für alle Zeit.«
»Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in
die Stirne ziehend, »ich mein’ es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak,
wer ist der Kleine, den ich schon öfter hier geseh’n und eben wieder
begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen,
wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt – ich helfe gern.« – »Es fehlt an der
Liebe, Herr, bei ihr,« sagte Isak ruhig. – »Da kann ich freilich nicht
helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewählt – ich möchte gern etwas thun für
meine Miriam.« Und er legte freundlich die Hand auf das glänzende schwarze
Haar des Mädchens. Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz
getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über dem Busen
kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere
Blume glitt sie zu den Füßen Totilas nieder.
Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück.
Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: »Verzeih, es war nur eine
Rose – sie fiel vor deinen Fuß.«
Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefaßt war sie, daß weder ihr
Vater noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten.
»Es dunkelt schon, eile, Herr,« sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb
mit den Blumen. – »Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich
habe ihr viel von dir erzählt und sie frägt mich stets nach dir. Sie
möchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald – heut’ ist’s
wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung brauche.«
»Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief der Alte. »Bring sie
nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.«
»Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!«
»Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte.
»Das ist kein Raum für seine Braut – dies Gemach – es brächte ihr kein
Heil.« – »Beruhigt euch,« sagte Totila, schon an der Thüre, »offne Werbung
soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt hinaus.
Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schlüssel von der Wand; er
folgte, ihm zu öffnen und die Abendrunde längs allen Pforten des großen
Thorbaues zu machen.
Miriam blieb oben allein.
Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und
schlug die Augen auf. Still war’s im Gemach; durch das offene Fenster
glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen
Mantel, der in langen Falten über dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf
den weißen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen
Küssen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf
dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden Armen und drückte ihn
zärtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile träumend vor sich
hin: endlich – sie konnte nicht widerstehen – hob sie ihn rasch auf und
setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung ihre Stirn
berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und
drückte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Händen
an die glühende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu
umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans
Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht.
Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen
aus in der alten Weise:
»An Wasserflüssen Babylons
Saß weinend Judas Stamm:
Wann kömmt der Tag, der all dein Leid,
Du Tochter Zion, stillt?«
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas
rascher sehnsuchtbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen
Purpurhändlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen
war, erreicht.
Der Thürstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
Valerias, dem die Sorge für die Gärten überlassen war. Dieser, der
Vertraute der Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien
ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte,
und geleitete ihn in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen
niedrige Fenster in den Garten führten: am andern Morgen noch vor Aufgang
der Sonne – so wollte es die Geheimlehre der antiken Gärtnerei – müßten
die Blumen eingesetzt werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in
dem neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne sei. –
Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
Nachtmahl verabschieden konnte.
Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den
Vorhang zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war’s in dem weiten
Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden
zirpten in den Myrtengebüschen: der warme üppige Südwind strich in
schwülem Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze Wolken von Wohlgerüchen
aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich führend: und weithin aus dem
Pinienwäldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der
tiefgezogene heiße Schlag der Nachtigall.
Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos schwang er sich über
die Marmorbrüstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen
Schritten der weiße Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des
Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahin eilte. Vorüber
an den dunkeln Taxusgängen und den Lauben von dichten Oliven, vorüber an
der hohen Statue der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht
schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den
Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, rasch eingebogen in den dicht
verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
Oleandergebüsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in
der die Quellnymphe über einer dunkeln großen Urne lehnte.
Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der Statue hervor.
»Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang glühend die
Geliebte, die leise seinem Ungestüm wehrte. »Laß, laß ab, mein Geliebter,«
flüsterte sie, sich seinem Arm entziehend. »Nein, du Süße, ich will nicht
von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab’ ich dein entbehrt! Hörst
du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fühlst du wie der warme
Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet?
Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein! O laß sie uns
festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all’
ihr Glück zu fassen: all’ deine Schönheit, all’ unsre Jugend und diese
glühende, blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das volle Leben
durch das Herz und will’s vor Wonne sprengen.«
»O mein Freund! gern möcht’ ich, wie du, aufgehn im Glücke dieser Stunden.
Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen
Schwüle dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: ich kann
nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.«
»Du liebe Thörin, warum nicht?«
»Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all’ mein Leben scheidet,
übt seinen Fluch auch hier. Gern möchte mein Herz sich trunken, wie du,
diesem Glücke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert
nicht, – du sollst nicht glücklich sein.«
»So bist du nicht glücklich in meinen Armen?«
»Ja und nein! das Gefühl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglückt ist nicht
diese deine jugendschöne Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der
Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele.
Ich habe mich gewöhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch
diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft,
der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: daß
alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muß, wo du nahest, das ist mein
Glück. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle
seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches,
Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht – sie sind
erlistet und es kann nicht länger also sein.«
»Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fühle ganz wie du. Auch mir ist
die Lüge dieser Mummerei verhaßt, ich trage sie nicht länger. Ich bin
gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung
ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.« – »Dieser Entschluß ist
der beste, denn« –
»Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach plötzlich eine tiefe
Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stieß
das blanke Schwert in die Scheide.
»Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
»Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach Valerius, befehlend den
Arm ausstreckend.
»Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an sich drückend, »ihr
Platz ist forthin an dieser Brust.«
»Verwegner Gote!«
»Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen. Du
hast es selbst gehört, schon morgen sollte sie enden.«
»Zu deinem Glück hab’ ich’s gehört. Gewarnt von dem ältesten meiner
Freunde, wollt’ ich doch kaum glauben, daß meine Tochter – mich
hintergeht. Als ich’s glauben mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine
List bezahlen sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt aber
flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.« –
Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: »Vater,« sprach
sie ruhig, zwischen die Männer tretend, »höre dein Kind. Ich will meine
Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und
notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines
Lebens.
Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther und ich sage dir, bei meiner
Seele: nie werd’ ich lassen von diesem Mann!« – »Und niemals ich von ihr,«
rief Totila und ergriff ihre Rechte.
Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll
beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Züge und Gestalten trugen im
Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe,
daß ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem
zürnenden Vater aufdrängte. »Valeria, mein Kind!«
»O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all’ meine Schritte
geleitet, daß ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber
kaum vermißte. Jetzt, in dieser Stunde vermiß’ ich sie zum erstenmal:
jetzt, ich fühl’ es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken
wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor die Seele führen
und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal
an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele
band als heiligstes Vermächtnis. –«
Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die
andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des
Alten Brust. Endlich sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort
gesprochen, ohne es zu wissen. Es wäre Unrecht, dir zu verschweigen, was
du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde
mir auferlegt. Noch immer drückte ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch
lange abgelöst. »Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,«
sprach sie, »so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren.
Ich weiß wie römische Mädchen, zumal die Töchter unsres Standes, in die
Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend
auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel wählen –
gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.«
Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. – Aber mein Kind einem Barbaren
geben, einem Feind Italiens, nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riß
er sich von ihr los.
»Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius,« hob Totila an.
»Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer.
Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre
verderblichsten Feinde – die Byzantiner!«
Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners
war der Haß gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu
Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling.
»Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen Barbaren lieben.
Lern’ ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch – so will ich
nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern’ ihn kennen:
entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht.
Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm gut sein – du allein
wirst ihn nicht verwerfen.«
Und sie faßte seine Hand.
»O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig seine andre Hand
ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe
der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem
Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren
Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl – so werd’ ich
erfüllen, was ich gelobt.«
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten und unsern neuen
Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem
Erinnern an frühere Zeiten, – sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren,
– zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben
aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt
ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.
»Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloß Cethegus seinen Bericht über die
letzten Ereignisse »daß die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst
Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich
der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der
Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thörichten Begeisterung für mich
hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Dictatur,
buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse
mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der
Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse – der es mit den
Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht warum – nahm ihn für mehr
berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei
zurückgekehrt, und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.«
»Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
Barbaren gerettet – ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
zunächst aber die Regentin, danken muß.« – »Die Regentin – arme Frau!«
meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß wie lange die Goten oder deine
Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen.« – »Wie? da
irrst du sehr!« fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem den
Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie
man das am besten könne,« setzte er pfiffig hinzu.
Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den
Gesandten lächelnd an: »O Petros, o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt?
Ich dächte doch, wir kennten uns besser.«
»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen.
»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander
studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon
unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu
dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus
Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch
denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« –
»Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian« –
»Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.« –
»Freilich,« sagte der Rhetor verlegen, »es könnten Fälle eintreten –«
»Petre,« rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, »keine Phrasen
und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist
wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du
meinst, es muß immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man
muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie
kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder
haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab,
ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er
hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh’, trotz all’ deiner
Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir ins
Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.«
Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: »Noch
immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen,« sagte er giftig. – »Jawohl
und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und
erst der Dritte warst du.«
Da trat Syphax ein:
»Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet dein im Zeussaal.«
Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem
Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu
solcher Störung.«
»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus.
»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,« dachte der Byzantiner.
Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon
von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau;
sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
»Fürstin Gothelindis,« fragte der Präfekt überrascht, »was führt dich zu
mir?«
»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme und die Gotin trat
dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge, und man
hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge
ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt
gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem
leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem
Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge,
daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
»Rache?« fragte er, »an wem?«
»An – davon später. Vergieb,« sagte sie, sich fassend, »daß ich euch
störe.