Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, daß du das Richtige fandest.«

Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weiße,

wunderzierliche Hand.

»Mehr als das,« fuhr Theodora fort. »Sie wird um so leichter auf unsre

Pläne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier

entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben

senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem

Herzen finden.«

»Du weißt gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie sehr du dadurch

unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muß völlig von ihrem

Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna

führen.«

»Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das

würde sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muß völlig in

unsern Händen, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das

Schwert Belisars aus der Scheide fährt.«

»Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.«

»Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,

eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß

Belisars Arm es zuziehn.«

»Aber wer soll es legen?«

Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:

»Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Cäsarius, der Präfekt

von Rom, mein Jugendfreund.«

»Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Unterthan, mir

nicht völlig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?«

»Nein,« rief Theodora rasch, »er ist zu jung für ein solches Geschäft.

Nein.« Und sie schwieg nachdenklich. »Justinian,« sprach sie endlich, »auf

daß du siehst, wie ich persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich

gilt und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir selber meinen

Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den

schlauen Rhetor: – ihn sende.«

»Theodora,« – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, »du bist mir wirklich

von Gott geschenkt. Cethegus – Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid

verloren!«

Siebzehntes Kapitel.

Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem

schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen, mit blaßgelber Seide überzogen,

mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren.

Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen Becken, den Okeanos

darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der

Kaiserin hob lässig die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen:

der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer

schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und

schlug die schweren Vorhänge von violetter chinesischer Seide zurück. Dann

ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getränkt, in

krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfältig die Masse von

öligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin während der Nacht bedeckte.

Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und

reichte die rechte Hand hinauf.

Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuß auf den Nacken

der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob

sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem

Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß, den feinen

Ankleidemantel von Rosagewebe über die Schultern.

Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thüre, rief »Agave!« und

verschwand. Agave, eine junge, schöne Thessalierin, trat ein; sie rollte

dicht vor die Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten

Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hände mit

weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben.

Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell

überzogenen Stuhl, die Kathedra.

»Das große Bad erst gegen Mittag!« sagte sie.

Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, außen mit

Schildpatt bekleidet, gefüllt mit köstlich duftendem Wasser und hob die

zierlichen, glänzend weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das

Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden Haare der

Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die weichen schwarzen Wellen über

Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite

Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: »Galatea!«

Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und Wärterin und, leider

müssen wir hinzufügen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur

erst des Akacius, des Löwenwärters im Cirkus, flitterbehängtes Töchterlein

und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des großen

Cirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der

Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich

geteilt.

»Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie, ihr in einer

Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in

Cilicien für die Toilette der Kaiserin in großen Massen als jährlichen

Tribut einzusenden hatte.

»Gut, ich träumte von ihm.« – »Von Alexandros?« – »Nein, du Närrin, von

dem schönen Anicius.« – »Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in

der geheimen Nische.« – »Er ist ungeduldig,« lächelte der kleine Mund,

»nun, so laß ihn ein.« Und sie legte sich auf dem langen Divan zurück,

eine Decke von Purpurseide über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der

schönen Füße blieben sichtbar.

Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie

eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber, die

durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war.

Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute

eine Feder berührte, und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand, welche

durch die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt

wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den

Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schöne junge Gesandte.

Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und

bedeckte sie mit glühenden Küssen.

Theodora entzog sie ihm leise. – »Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,«

sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, »den Geliebten zur Ankleidung

zuzulassen.« Wie sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist

kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden

gefällt.«

»Allein ich hab’ es dir bei der Abreise nach Ravenna verheißen, dich

einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn

reichlich verdient. Du hast viel für mich gewagt. – – Fasse die Flechten

fester!« rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit

gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen.

– »Du hast das Leben für mich gewagt.« – Und sie reichte ihm wieder zwei

Finger der rechten Hand.

»O Theodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick würd’ ich zehnmal

sterben.«

»Aber,« fuhr sie fort, »warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief

der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?« – »Es war nicht mehr

möglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr

senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, daß

ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.«

»Ja, was würde aus mir, wenn ich die Thürsteher Justinians nicht doppelt

so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie

täppisch war das mit der Jahrzahl!«

»O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr

gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende

Schönheit.«

»Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist

ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab’ ich dich auch hier

behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke

einen ältern Gesandten und behalte den jungen für mich. Ist’s recht so?«

lächelte sie, die Augen halb schließend.

Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang auf und drückte einen Kuß

auf ihre roten Lippen.

»Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie, und schlug mit dem

Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist’s genug für heute. Morgen

magst du wieder kommen und von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du

mußt jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern.«

»Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend. »So ist es wahr, was

man leise zischelt in den Gynäceen, in den Bädern von Byzanz? Du ewig

Ungetreue hast –«

»Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!« lachte die Kaiserin.

Es war kein schönes Lachen. »Aber für diesmal sei unbesorgt – du sollst

ihm selbst begegnen. Geh.«

Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne

weiteres hinter die Statue und zur Thüre hinaus.

Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Gürtel

schließend.

Achtzehntes Kapitel.

Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten

Mann, der viel älter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber

allzuscharfe Züge, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: –

alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.

Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr

die Augenbrauen zu malen.

»Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune über deine Kühnheit.

Wenn man mich hier sähe! Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen

Augenblick vereitelt.«

»Man wird dich aber nicht sehen, Petros,« sagte Theodora ruhig. »Diese

Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit

Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten so

gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein.

Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem gefährlichen Verführer

allein zu lassen?« Die Alte ging mit häßlichem Grinsen und kam gleich

zurück, einen Henkelkrug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand,

Becher mit Wasser und Honig in der andern.

»Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich, in der Kirche

veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester täuschend

ähnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich

bescheiden und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.«

»Was ist zu thun?«

»Petros,« sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend und langsam das

süße Getränk schlürfend, das Galatea mischte, »heute kam der Tag, der

unsere langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann

machen wird.«

»Zeit wär’ es,« meinte der Rhetor.

»Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich für

das heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut

sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer – Freundschaft

zu erinnern.«

»Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte unbehaglich.

»Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes

Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines

Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch

weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre

und seine Schlauheit darein, nie etwas für seine Verwandten zu thun, daß

man ihn nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen

könne.

Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich unbefördert. Du darbtest

und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu

helfen. Du fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des

Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch

eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander

teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal –«

»Kaiserin, ich bitte dich –«

»Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglück, daß

einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als

den von dir verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, ließ

sich die Urkunde von dir fälschen und – brachte sie mir.«

»Der Elende,« murrte Petros.

»Ja, es war schlimm,« lächelte Theodora, den Becher wegstellend. »Ich

konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaßten

Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Füße legen und ich muß gestehen: es

lüstete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem

großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und ließ dir die Wahl, zu

sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu

wählen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde,

insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Pläne des großen

Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist

jetzt ein reicher Mann.«

»O nicht der Rede wert.«

»Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister besser. Du bist sehr

reich.«

»Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen sind Patricier,

Präfekten, große Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom,

Prokopius in Byzanz.«

»Geduld. Vom heut’gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch

erklimmen. Ich mußte doch immer etwas zu geben behalten. Höre: du gehst

morgen als Gesandter nach Ravenna.«

»Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig.

»Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.

Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, das Gotenreich zu

verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.«

»Diese Anweisungen – befolg’ ich oder vereitl’ ich?«

»Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz

besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus

der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du

einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl

zu suchen.«

»Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe sie also sofort

hierher.«

Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, daß

Galatea erschrocken zurückfuhr.

»Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send’ ich deshalb. Sie darf nicht

nach Byzanz, sie darf nicht leben.«

Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,« flüsterte er – »ein

Mord!«

»Still, Rhetor,« sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich

funkelten ihre Augen. »Sie muß sterben.«

»Sterben? o Kaiserin, warum?«

»Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: – du sollst es wissen, es

giebt deiner Feigheit einen Sporn – wisse –« und sie faßte ihn wild am

Arme und raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt an sie zu

lieben.«

»Theodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.

Die Kaiserin sank auf die Kline zurück.

»Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend Petros.

»Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, er glüht für dieses

Bild.«

»Du hast nie eine Rivalin gehabt.«

»Ich werde dafür wachen, daß ich keine erhalte.«

»Du bist so schön.«

»Amalaswintha ist jünger.«

»Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten

Gedanken.«

»Das eben wird ihm lästig. Und« – sie ergriff wieder seinen Arm – »merke

wohl: sie ist eine Königstochter! eine geborne Herrscherin, ich des

Löwenwärters plebejisch Kind. Und – so wahnwitzig lächerlich es ist! –

Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen Ziegenhirten

Sohn. Er hat den Wahnsinn der Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er

faselt von angeborner Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts. Gegen

solche Grillen hab’ ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde fürchte

ich nichts: aber diese Königstochter – –«

Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand.

»Hüte dich, Justinian!« sagte sie durchs Gemach schreitend. »Theodora hat

mit diesem Auge, mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht:

laß sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.«

Sie setzte sich wieder.

»Kurz, Amalaswintha stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder kalt geworden.

»Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich. Du hast der

blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. –«

»Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein

Feind, mußt es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.«

»Theodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die Tochter des großen

Theoderich ermorden, eine geborne Königin – –«

»Ha,« lachte Theodora grimmig, »auch dich Armseligen blendet die geborne

Königin. Narren sind die Männer alle, noch mehr als Schurken! Höre,

Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du

Senator und Patricius.«

Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch

mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,« sagte er entschlossen, »lieber lasse

ich den Hof und alle Pläne.«

»Das Leben läss’st du, Elender!« rief Theodora zornig. »O, du wähntest, du

seiest frei und ungefährdet, weil ich damals vor deinen Augen die

gefälschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her –

hier halte ich dein Leben.«

Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament.

Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.

»Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.«

Da pochte man an die Hauptthüre.

»Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom

Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod,

wenn sie lebt. Fort.«

Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte

den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthür

aufzuthun.

Neunzehntes Kapitel.

Herein trat eine stattliche Frau, größer und von gröberen Formen als die

kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verführerisch schön, aber jünger und

blühender, mit frischen Farben und ungekünstelter Art.

»Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!« rief

die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.

Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.

»Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich wieder aufrichtend.

»Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte die Kaiserin zu sich

selbst, da sie die Freundin musterte. –

»Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu, »und wie die weiße Seide

deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von – von

ihm?« fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein

gefürchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von

Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen

von der zürnenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen

wurden.

»Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab’ ihn gestern nicht

gesehn.«

»Das glaub’ ich,« lächelte Theodora in sich hinein. »O wie schmerzlich

werd’ ich dich bald vermissen,« sagte sie, Antoninens vollen Arm

streichelnd. »Schon in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in

See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren

Freunden wird euch folgen?«

»Prokopius,« sagte Antonina, »und« – setzte sie, die Augen

niederschlagend, hinzu – »die beiden Söhne des Boëthius.«

»Ah so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der Freiheit des

Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen

und indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt –«

»Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward

es gut. Alexandros, dein schöner Freund ist zurück: er bleibt in deiner

Nähe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt

es, der Jüngling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger

Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und

Freiheitsschlachten, diese zarte – Freundschaft dulden. Er würde unsern

Verkehr tausendfach stören. Deshalb thu’ mir eine Liebe: Severinus darf

uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den ältern

Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt – du kannst es ja leicht – du

bist die Kaiserin.«

»Nicht übel,« lächelte Theodora. »Welche Kriegslisten! Man sieht, du

lernst von Belisarius.«

Da erglühte Antonina über und über.

»O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du weißt am besten, von wem

ich gelernt, zu thun, worüber man erröten muß.«

Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin.

»Der Himmel weiß,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten, »Belisar selbst

war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es,

Kaiserin, die mich gelehrt, daß diese selbstischen Männer, von Krieg und

Staat und Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn,

vernachlässigen, uns nicht mehr würdigen, wann sie uns besitzen. Du hast

mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein Unrecht sei, die unschuldige

Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl

versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde

hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen süßen Weihrauch

der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz

nicht missen kann, will ich von Anicius.«

»Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn,« sagte Theodora

zu sich selbst.

»Und doch – schon dies ist ein Verbrechen, fürcht’ ich, an Belisar. O wie

ist er groß und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugroß wäre für

dies kleine Herz.« – Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen.

»Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach zum Genuß wie

zur Tugend.«

Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem großen

Strauß herrlicher Rosen.

»Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. – »Von wem?« fragte diese. Aber

jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen.

Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu beschäftigen, »bitte,

stell’ ihn dort in die Marmorvase.«

Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte, flüsterte Agave:

»Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: –

von dem schönen Anicius –« setzte das holde Kind errötend bei.

Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend

nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch

blutigen Lanzette ins Gesicht. »Ich will dich lehren, Augen haben, ob

Männer schön sind oder häßlich,« flüsterte sie grimmig. »Du läßt dich in

die Spinnstube sperren auf vier Wochen – sogleich – und zeigst dich nie

mehr in meinen Vorzimmern. Fort!«

Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend.

»Was hat sie gethan?« fragte Antonina sich wendend.

»Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch, ein solches von

dem Teppich aufhebend. – »Herrin, dein Haar ist fertig.«

»So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. – Willst du

einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? Es sind die neuesten

Gedichte des Arator, »über die Thaten der Apostel«, gar erbaulich zu

lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und

sprich sein Urteil.«

Galatea öffnete weit die Thüre des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von

Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das

Hinausräumen der gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit

Kohlenpfännchen und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch

das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt,

die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab.

»Berenike,« rief sie, »die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der

goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.«

Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berühren

durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, künstlich in

die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: »Was giebt es

neues in der Stadt, Delphine?«

»Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen

niederknieend. »Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt

über die Grünen zu Roß und Wagen.«

»Triumph!« frohlockte Theodora, »eine Wette von zwei Centenaren Gold, – es

ist mein. – Nachrichten? woher? aus Italien?« rief sie einer eben mit

Briefen eintretenden Dienerin entgegen.

»Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin Gothelindis: ich kenne

das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.«

»Gieb,« sagte Theodora, »ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,

Elpis.« – Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuß langen

Platte von glänzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten

Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von Elfenbein. Die arme

Elpis hatte harten Dienst. Sie mußte während der Vollendung des Ankleidens

die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaßen

drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh’ ihr,

wenn sie einer Wendung zu spät nachfolgte.

»Was giebt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige

libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem

Körbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.

»Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, – »komm, Glauke,« fuhr

sie fort, indem sie die blendend weiße golddurchwirkte Chlamys aus der

Kleiderpresse nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis

die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schönsten

Falten über die Schulter schlug, mit dem weißen Gürtel zusammenfaßte und

das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt

aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, über der weißen Achsel

befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte

jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele

tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies

einzige Geschäft.

»Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris, »sind wieder

frisch angekommen. Ein neues milesisches Märchen ist erschienen und der

alte Ägypter ist wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem

Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht Jahre

kinderlos – –«

Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog über das glatte

Gesicht. »Schick’ ihn fort,« sagte sie, »diese Hoffnung ist vorüber.« –

Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes Sinnen versinken.

Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurück,

nahm den zerdrückten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn

der Alten mit den geflüsterten Worten: »für Anicius, schick’ es ihm zu. –

Den Schmuck, Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstützt, trug

mühsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen

Figuren die Werkstätte des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der

Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel

unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches

Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von den schimmernden Schätzen zu

erhaschen. »Willst du noch die Sommerringe, Herrin?« fragte Erigone. –

»Nein,« sprach Theodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gieb mir die

schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und

Armband.

»Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, »steht

das Weiß der Perle zu dem Grün des Steins!«

»Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin gleichgültig,

»der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet.«

»Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians Goldsänfte harrte

schon als ich herauf kam.«

»Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der Sklave vor der

Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.«

Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst du die Kaiserin

mahnen?« Aber Antoninen flüsterte sie zu: »Man muß die Männer nicht

verwöhnen: sie müssen immer auf uns warten, wir nie auf sie.

Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen

an meine Sänfte treten.«

Und sie wandte sich zum Gehen. »O Theodora,« rief Antonina rasch, »vergiß

meine Bitte nicht.«

»Nein,« sagte diese, plötzlich stehen bleibend, »gewiß nicht! Und damit du

ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg’ ich’s in deine eigne Hand. Meine

Wachstafel und den Stift.« Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und

flüsterte der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten

Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: »An Aristarchos

den Präfekten Theodora die Kaiserin.

Wenn Severinus, des Boëthius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen

will, halt’ ihn, nötigenfalls mit Gewalt, zurück und sende ihn hierher in

meine Gemächer: er ist zu meinem Kämmerer ernannt. Ist’s recht so, liebe

Schwester?« flüsterte sie.

»Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen.

»Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren Hals fassend, »und

die Hauptsache hätten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte,

Antonina, dort liegt es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen

Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der

Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort

»Severinus« mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafür »Anicius«. Sie

klappte das Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem

Venusring.

»Hier das Amulet,« sagte Antonina zurückkommend.

»Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du magst ihn selbst im

Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben. Und jetzt,« rief sie,

»jetzt auf: in die Kirche.«

Zwanzigstes Kapitel.

In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher die zu Byzanz

aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts

von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag für Tag an den

reizenden Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an den Uferhöhen

im Südosten der Stadt, in vertrautem Gespräch, alle Wonnen jugendlich

begeisterter Freundschaft genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in

braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila.

O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft

des Lebens, noch unenttäuscht und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer

Träume, drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches,

gleich überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz zu allem

Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten, der Flug bis in die lichte Nähe

des Göttlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit,

verstanden zu sein.

Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres

Lebens beginnt, mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und

Jünglingsfreundschaft; aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein

Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner Herbstluft der süßen,

berauschenden Lüfte des ersten Frühlings gedenken. –

Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der

glücklichsten Zeit für einen solchen Bund und sie ergänzten sich

wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend

bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und

der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle

Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Böse,

das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn

eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den

Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher

ließ er ab, bis das verhaßte Element aus seinem Lebenskreise getilgt war.

Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden so

vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben.

Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend

drückte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die

wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen, der Stolz seiner

gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglückend und beglückt.

Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele

seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast

weibliche Natur, früh verwaist und von Cethegus’ hochüberlegnem Geist

eingeschüchtert, in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, von der

trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das

Leben ernst, fast wehmütig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung,

alles Bestehende an dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu

messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern.

Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele

und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle

Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten

konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.

Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten:

»Cethegus dem Präfekten Julius Montanus.

Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten Bericht von meinem

neuen Freundschafts-Glück erteiltest, hat mir zuerst – gewiß gegen deine

Absicht – sehr wehe gethan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft

erhöht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wünschen

konntest.

Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte

es mich anfangs kränken, daß du meine tiefste Empfindung als die

Schwärmerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner

Seele mit bittrem Spott antasten wolltest – nur wolltest, denn sie sind

unantastbar, – so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefühl des

Mitleids mit dir. Wehe, daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des

Geistes, darbest an den Gütern des Herzens. Wehe, daß du die Wonne der

Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr

verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher

bringt, die _caritas_, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir, daß du das

Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich

weiß, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst

seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat

noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeißelt. Ich

glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech’ ich zu

dir. Dein Brief, dein Rat, deine »Arzenei« hat mich allerdings zum Manne

gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz,

heiligen, läuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese

Freundschaft, die er verdrängen sollte, auf eine harte Probe gestellt,

aber, der Güte Gottes sei’s gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört,

sondern gehärtet für immer.

Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen geschaffen hat.

Wie wehe mir dein Brief gethan, – in alter Gewohnheit des Gehorsams

befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den

Purpurhändler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und

seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und

einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter

Valeria aber ein Kleinod.

Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu

verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir

war Elektra oder Kassandra, Clölia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr

noch als ihre hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer

unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt

mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach

mit ihr die schönsten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der

Äther ihrer Seele.

Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend tönte Antigones Klage in

ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und

herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der

Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, niederfloß

und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.

Und, – was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, – eine

Spaltung, die durch all’ ihr Leben geht, giebt ihr den höchsten Reiz. Du

ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses

kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß Valeria schon bei

ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in

Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch

als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines

Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, daß

der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich

der Bande jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht,

nicht in Liebe, gedenkt.

Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind

der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres

Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht

abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein

Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. Diesen wundersamen

Zwiespalt, diesen verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im

Gemüt: er quält sie, aber er veredelt sie zugleich.

Wer weiß, wie er sich lösen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal

lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du

weißt ja, daß in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in

ungeklärter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen

Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich bedünken, die

Freude führe zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und

das Unglück.

Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen.

Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung

voll. Valerius, vielleicht schon früher von dir für mich gewonnen, sah

meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das

an mir auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der

römischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Haß gegen

die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens

sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer weiß ob

nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese

Freundschaft genügt hätten, sie in meine Arme zu führen. Aber ich danke, –

soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? – daß es nicht so kam: Valeria

einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen. Ich weiß

nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie

in jenen Tagen gewiß zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so

tief: – aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie

werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, als thu’ ich Unrecht an

dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die

ihr vom Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und

bezähmte das pochende Herz.

Einstmals um die sechste Stunde, – schwül brannte die Sonne rings auf Land

und Meer – suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich

trat ein durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der weichen

Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter

dem edeln Haupt, das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz

schmückte. Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen,

ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten

Züge an: heiß schlug mein Herz, ich beugte mich über sie, diese roten

feingeschnittenen Lippen zu küssen.

Da fiel mir’s plötzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du

begehen willst. Totila! rief unwillkürlich meine ganze Seele und still,

wie ich gekommen, schlich ich fort.

Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen?

Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück

fast vergessen zu haben.

Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfüllen: diese

Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen,

gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben

und Totila soll glücklich sein mit uns.

Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu holen. Ich pries ihm

den Schimmer des Mädchens, aber ich vermochte es nicht über mich, ihm von

meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir

fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So führte

ich Totila in den Garten – Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen

– wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns

ihre Erscheinung plötzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres

Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten Rosen, die sie, hoch

aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust

zusammenhielt.

Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grün

des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weißen Marmor, die Rechte

anmutvoll erhebend: und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit

einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenüber,

stehen.

Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die

Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre

Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen erglühten: – ich sah mit

Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden.

Sie liebten sich beim ersten Anblick.

Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewißheit meine

Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in

meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen

Gestalten, empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn es

war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie

aus Einem Stoff für einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte

schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl,

das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen

auf die Lippen geführt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes

Ratschluß oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie

treten.

Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn

geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich

gewonnen, daß – ich schäme mich, das zu gestehen – daß mein Herz auch

jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen für das

Glück der Freunde.

Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre

Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen

Götter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen

beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl

schwerlich dem »Barbaren« schenken wird, solang er in Totila nur den

»Barbaren« sieht.

Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt’ ich vor dem Freunde tief

verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glänzend Glück

nur trüben könnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel

ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen

wollen und hast es Totila zugeführt. Meine Freundschaft hast du zerstören

wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen

befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen

durch der Liebe Glück: – ich bin’s geworden durch der Liebe Schmerz.

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Erster Band · 第 18 / 31 题