Es sollte sich bald genug enthüllen. –

Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen und immer neue

Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft führten sie

diese Gänge über den Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald. Dabei

pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und

treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese

der Patrona bemerkt, ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn

vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder

neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla

lachte ihres Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen

Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.

Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die

Kühle des Waldes flüchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar

von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes

Rinnsal und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen

erhaschen. »Wie Schade,« rief Kamilla, »um das köstliche Naß! Da hättest

du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig

sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts

und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!«

Und sie gingen weiter.

Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.

Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend stehen und

wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefaßt.

Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche

Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk

glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Händen

vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was für höchst gefährlich

galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber

Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher

gefolgt, ist gewiß auch jetzt in der Nähe, sich an unsrem Staunen zu

weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blüten

von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu.

Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger

Jäger entgegen.

»Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner Stimme, anmutig in

seiner Beschämung.

Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück: »Athalarich« – stammelte

sie – »der König!«

Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte ihr durch Haupt und

Herz, und halb ohnmächtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der

junge König stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden vor

der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die

schönen Züge, die edeln Formen ein: flüchtiges Rot schoß zuckend wie

Blitze über sein bleiches Gesicht. »O sie – sie ist mein heißer Tod« –

hauchte er, endlich beide Hände an das pochende Herz drückend – »jetzt

sterben, – sterben mit ihr.«

Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurück. Er kniete

neben ihr nieder und sprengte das kühle Naß des Brunnens auf ihre Schläfe.

Sie schlug die Augen auf: »Barbar – Mörder!« schrie sie gellend, stieß

seine Hand zurück, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.

Athalarich folgte ihr nicht. »Barbar – Mörder,« hauchte er in tiefstem

Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glühende Stirn in den Händen.

Sechstes Kapitel.

Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß Daphnidion sich’s nicht

nehmen ließ, die Domna müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen

Waldgott Picus selbst gesehen haben.

Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der

erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem

Strom von heißen Thränen und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen

Rusticianas Antworten und Aufschluß zu geben.

In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.

Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen,

daß der schöne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die

dunkeln Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer

Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr

bestimmt ins Bewußtsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte

die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte

und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch

Kinder. Sie wußte nicht zu nennen, was in Athalarich vorging – kaum wußte

er es selbst – und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch

sie gern in seiner Nähe lebte, gern dem kühnen, von der Art aller andrer

Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern

auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen

Gärten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Träumereien abgerissene, aber

immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie

schwärmerischer Jugend, sie so völlig verstand und würdigte.

In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe

ihres über alles geliebten Vaters.

Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glühender Haß gegen die

Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte

Boëthius, selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein

hochmütiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen,

und seit seinem Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas,

die Mutter, die beiden rachedürstenden Brüder, die Freunde des Hauses nur

Haß und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und Tyrannen

Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des

Königs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht

verhindert. So hatte das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht.

Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild

im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all’ ihr Haß gegen die Barbaren

in höchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im

geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener

Neigung zitterte, die sie zu dem schönen Königssohn gezogen. –

Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit

tückischem Streich zu treffen!

Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn

erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war, der, wie die Fassung der

Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte

Feind, der Sproß des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres

Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in

diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie glühend Erz

auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte

gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn hatte sie

Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkühnt, ihren Schritten zu

folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: –

und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all’ dies, der

Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkühnte sich, es

ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, daß des

Boëthius Tochter –

O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den

Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie

niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den

ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle

folgen, sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen und ihr

Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte

bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Präfekt das Haus betrat,

schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er

nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hörte

er daselbst, den Rücken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die

linke Hand gestützt, ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu.

»Und nun rede,« schloß sie, »was soll ich thun? Wie soll ich mein armes

Kind retten? wohin sie bringen?«

Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen

pflegte, halb geschlossen hatte.

»Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof, nach Ravenna.«

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Erster Band · 第 11 / 31 题